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XXXI.Jena, den 9 November 1795. Ich kam vorigen Posttag nicht dazu, Ihnen, liebster Freund, zu schreiben, und das Inhaltsverzeichniß des Almanachs zurückzusenden. Mit dem letztern würde es heute doch zu spät seyn, auch habe ich nichts dabei zu erinnern. Goethe ist seit dem 5ten hier, und bleibt diese Tage noch hier, um meinen Geburtstag mit zu begehen. Wir sitzen von Abend um 5 Uhr bis Nachts 12 auch 1 Uhr beisammen und schwatzen. Ueber Baukunst, die er jetzt als Vorbereitung auf seine italienische Reise treibt, hat er manches Interessante gesagt, was ich mir habe zueignen können. Sie kennen seine solide Manier, immer von dem Object das Gesetz zu empfangen, und aus der Natur der Sache heraus ihre Regeln abzuleiten. So versucht er es auch hier, und aus den drei ursprünglichen Begriffen: der Base, der Säule (Wand, Mauer und dergleichen) und dem Dach, nimmt er alle Bestimmungen her, die hier vorkommen. Die Absurditäten in der Baukunst sind ihm nichts als Widersprüche mit diesen ursprünglichen Bestimmungen der Theile. Von der schönen Architektur nimmt er an, daß sie nur Idee sey, mit der jedes einzelne Architekturwerk mehr oder weniger streite. Der schöne Architekt arbeitet, wie der Dichter, für den Ideal-Menschen, der in keinem bestimmten, folglich auch keinem bedürftigen Zustand sich befindet, also sind alle architektonischen Werke nur Annäherung zu diesem Zweck, und in der Wirklichkeit läßt sich höchstens nur bei öffentlichen Gebäuden etwas Aehnliches erreichen, weil hier auch jede einschränkende Determination wegfällt, und von den besondern Bedürfnissen der Einzelnen abstrahirt wird. Sie können wohl denken, daß ich ihn bei dieser Idee, die so sehr mit unseren ästhetischen Begriffen zusammen stimmt, festgehalten und weiter damit zu kommen gesucht habe. Ich glaube, man kann den Zweck der Baukunst, als schöner Kunst, objectiv ganz füglich so angeben, daß sie in jedem besonderen Gebäude den Gattungsbegriff des Gebäudes überhaupt gegen den Artbegriff zu behaupten sucht, wodurch sie dann subjectiv den Menschen aus einem beschränkten Zustand zu einem unbeschränkten (der doch wieder durchaus auf Gesetze gegründet ist) führt, und ihn folglich ästhetisch rührt. Goethe verlangt von einem schönen Gebäude, daß es nicht bloß auf das Auge berechnet sey, sondern auch einem Menschen, der mit verbundenen Augen hindurch geführt würde, noch empfindbar seyn und ihm gefallen müsse. Daß von seiner Optik und seinen naturhistorischen Sachen auch viel die Rede sey, können Sie leicht denken. Da er die letztere gerne vor seiner italienischen Reise (die er im August 1796 anzutreten wünscht) von der Hand schlagen möchte, so habe ich ihm gerathen, sie in einzelnen Aufsätzen, in seiner darstellenden Manier zu den Horen zu geben. Ohnehin ist sonst nicht viel von ihm für das folgende Jahr zu hoffen. Wir haben dieser Tage auch viel über griechische Literatur und Kunst gesprochen, und ich mich bei dieser Gelegenheit ernstlich zu etwas entschlossen, was mir längst schon im Sinne lag, nämlich das Griechische zu treiben. Da Sie selbst so sehr damit vertraut sind, und auch mein Individuum kennen, so kann mir Niemand so gut rathen, als Sie, mein Lieber. Auf das, was ich allenfalls noch von dieser Sprache weiß, dürften Sie wenig Rücksicht nehmen; dieß besteht mehr in Kenntniß von Wörtern, als von Regeln, die ich ziemlich alle vergessen habe. Ich wünschte vorzüglich, außer einer guten Grammatik und einem solchen Wörterbuch, eine Schrift an der Hand zu haben, worin auf die Methode bei diesem Studium und auf das Eigenthümliche bei dieser Sprache hingewiesen wird. In Absicht auf die zu lesenden Autoren, würde ich den Homer gleich vornehmen, und damit etwa den Xenophon verbinden. Langsam freilich wird diese Arbeit gehen, da ich nur wenige Zeit darauf verwenden kann, aber ich will sie so wenig, als möglich, unterbrechen, und dabei ausharren. Neben meinem Schauspiel ist sie mir leichter möglich, und sie hilft mir zugleich das Moderne vergessen. An dieses (das Schauspiel) habe ich freilich noch nicht kommen können, da mich der Aufsatz über das Naive und nun der Pendant zu demselben über die sentimentalischen Dichter seitdem beschäftigte. Auch gehe ich nicht eher daran, bis erstlich noch einige kleine Aufsätze von mir wenigstens skizzirt sind, um nöthigenfalls etwas für die Horen vorräthig zu haben, und bis ich zweitens auf Succurs für sechs Monate wahrscheinliche Hoffnung habe. Zwei und vierzig Bogen auszufüllen, ist keine Kleinigkeit, und unter allen Mitarbeitern ist jetzt fast der einzige Schlegel, von dem in Rücksicht auf Gehalt udn Masse etwas Beträchtliches zu erwarten ist. Neben ihm sind Knebels Properzische Elegieen udn Herders etwanige Beiträge Resourcen für mich; aber diese drei, wenn sie auch alle einschlagen, fourniren doch nur etwa die Hälfte dessen, was erfordert wird. Goethe, Körner, Sie, ich selbst, Engel u. s. w. sind theils problematisch, theils wenn sie auch etwas liefern, noch lange nicht zureichend. Zuwachs an philosophischen und (theoretisch) ästhetischen Aufsätzen hilft mir nichts, da dieses Fach schon mehr, als billig, besetzt ist. Ueber den Eindruck des zehnten Stücks habe ich der Zeit noch nichts Erbauliches gehört. Schütz, den ich vorgestern wieder sprach, erwähnt des Engelschen Aufsatzes mit Lob, aber des Uebrigen wurde gar nicht erwähnt. Es scheint, auch die Elegie ist diesen Herren zu hoch, da sie doch auch nicht zu platt für sie seyn kann. Woltmann habe ich seitdem nicht gesprochen, und Schreyvogel sehe ich schon lange nicht mehr. Hier ein Brief von Körner, der Ihnen Fichtens wegen, ans Herz greifen wird. Von diesem höre ich nichts, da ich kaum Jemand sehe, der mit ihm umgeht. Meyer hat unterdessen einmal von München aus geschrieben. In Nürnberg fand er viele interessante Documente für deutsche Kunst, und er will sich bei seiner Rückkehr länger dort verweilen. In München hat er einzelne gute Stücke, besonders von Giulio Romano gefunden. Es geht die Rede, der Kurfürst von Mainz leide sehr am Schwindel. Sie haben wahrscheinlich schon gehört, daß die Emigrirten größtentheils Erfurt haben räumen müssen, und vom Herzog von Weimar in die Landstädtchen zum Theil sind aufgenommen worden, worüber man sehr böse ist. Adieu, lieber Freund. Goethe grüßt freundlich. Ihr Sch. |
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