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               18.8.1803 an Humboldt
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               22.10.1803 an Schiller
               2.4.1805 an Humboldt

XXVIII.

Jena, den 26 October 1795.              

   Dank Ihnen, lieber Freund, für das Interesse, mit dem Sie meine ästhetische Gewissensfrage mir beantwortet haben. In jeder Rücksicht hat Ihr letzter Brief mich interessirt, und wenn ich mehr Muße habe, als heute zu hoffen ist (ich erwarte diesen Nachmittag Herdern, und habe noch Briefe auszufertigen), so wollen wir weiter davon sprechen. Ueber Einiges, was mehr ins Allgemeine geht, gibt Ihnen vielleicht meine Abhandlung über das Naive denjenigen Aufschluß, den ich selbst mir über die Frage: „Inwiefern kann ich, bei dieser Entfernung von dem Geiste der griechischen Poesie, noch Dichter seyn, und zwar besserer Dichter als der Grad jener Entfernung zu erlauben scheint?“ zu geben gesucht habe. Ich habe injenem Aufsatze, wie ich glaube, einige nicht unwichtige Ideen über diese Sache ausgekramt. Lassen Sie uns indessen in dieser Sache auch nicht zu weit ausholen. Nehmen Sie z. B. den Fall an, die Natur habe mich wirklich zum Dichter bestimmt, so wird Ihnen der ganz zufällige Umstand, daß ich mich in dem entscheidenden Alter, wo die Gemüthsform vielleicht für das ganze Leben bestimmt wird, von vierzehn bis vier und zwanzig ausschließend nur aus modernen Quellen genährt, die griechische Literatur (so weit sie über das neue Testament sich erstreckt) völlig verabsäumt, und selbst aus dem Lateinischen sehr sparsam geschöpft habe, meine ungriechische Form bei einem wirklich unverkennbaren Dichtergeist erklären. Der Einfluß philosophischer Studien auf meine Gedankenökonomie erklärt dann das Uebrige. Ein starker Beweis für diese Behauptung ist der, daß ich gerade jetzt, wo ich durch Krankheit, Lebensweise, selbst durch das Alter, durch jahrelang getriebene Speculation von der dichterischen Vorstellungsweise um soviel mehr hätte abkommen sollen, nichts destoweniger ihr eher näher gekommen bin (wofür ich meine Elegie allein zum Beweis anführen will), und warum konnte dieß geschehen? Weil ich zugleich in dieser Zeit, obgleich nur sehr mittelbar, aus griechischen Quellen schöpfte. Diese schnelle Aneignung dieser fremden Natur, unter so ungünstigen Umständen beweist, wie mir däucht, daß nicht eine ursprüngliche Differenz, sondern bloß der Zufall zwischen mich und die Griechen getreten seyn konnte. Ja ich bilde mir in gewissen Augenblicken ein, daß ich eine größere Affinität zu den Griechen haben muß, als viele andere, weil ich sie, ohne einen unmittelbaren Zugang zu ihnen, doch noch immer in meinen Kreis zeihen, und mit meinen Fühlhörnern erfassen kann. Geben sie mir nichts als Muße und soviel Gesundheit, als ich bisher nur gehabt, so sollen sie sicherlich Producte von mir sehen, die nicht ungriechischer seyn sollen als die Producte derer, welche den Homer an der Qulle studirten. Das mag seyn, daß meine Sprache immer künstlicher organisirt seyn wird, als sich mit einer Homerischen Dichtung verträgt, aber den Antheil der Sprache an den Gedanken unterscheidet ein kritisches Auge leicht, und es wäre der Mühe und Aufopferung nicht werth, eine so mühsam gebildete Organisation, die auch nicht an Tugenden leer ist, auf gut Glück wieder zu zerstören. Lassen Sie mich noch eine Bemerkungen machen. Es ist etwas in allen modernen Dichtern (die Römer mit eingeschlossen) was sie, als moderne, miteinander gemein haben, was ganz und gar nicht griechischer Art ist, und wodurch sie große Dinge ausrichten. (In meiner Abhandlung habe ich mich darüber weitläuftiger erklärt.) Es ist eine Realität und keine Schranke, und die Neuern haben sie vor den Griechen voraus. Mit dieser modernen Realität verbinden einige, wie z. B. Goethe, eine größere oder kleinere Portion griechischen Geistes, die aber (wo sie nicht ganz und gar, wie in Voß, auf Homerischen Stamm gepfropft ist) dem griechischen immer nicht beikommt. Ich habe zugleich bemerkt, daß diese Annäherung an den griechischen Geist, die doch nie Erreichung wird, immer etwas von jener modernen Realität annimmt, gerade herausgesagt, daß ein Product immer ärmer an Geist ist, je mehr es Natur ist.

   Und nun fragt sich, sollte der moderne Dichter nicht Recht haben, lieber auf seinem, ihm ausschließend eigenen Gebiet, sich einheimisch und vollkommen zu machen, als in einem fremden, wo ihm die Welt, seine Sprache und seine Cultur selbst ewig widersteht, sich von dem Griechen übertreffen zu lassen? Sollten mit Einem Wort neuere Dichter nicht besser thun, das Ideal als die Wirklichkeit zu bearbeiten?

   Denken Sie, lieber Freund, vorläufig diesen Gedanken nach. Sie werden alsdann meinen Aufsatz mit mehrerer Neugier durchlaufen.

   Ihre Gedanken über den eigentlichen Zweck bei einer Reise nach Italien habe ich sehr überzeugend gefunden.

   Hier wurde ich vorhin unterbrochen, und nun ein paar Worte von Herder. Sie werden im Intelligenzblatt der Literaturzeitung (aus dem 24sten October) einen Ausfall finden, den Wolf auf Herder gemacht hat, seines Aufsatzes über Homer wegen. Wenn Sie auch glauben sollten, daß Herder jene harten Sachen verdient hätte, wie doch gewiß nicht der Fall ist, so werden Sie doch die Art, mit der sie ausgesprochen sind, mißbilligen. Herdern war es gar nicht eingefallen, Wolfen in’s Gehäge zu kommen, und seine Ausführung hat einen, von jenen Prolegomenen völlig unabhängigen Bestand. Da sich Herder in keinen Streit einlassen will, und ich selbst es nicht wünsche, so werde ich, bloß das Aeußere dieses Angriffs und seine Beziehung auf die Horen betreffend, als Redacteur der Horen einige Worte darauf repliciren. Ich muß schließen, um den Brief noch auf die Post zu bringen. Das nächstemal ein Mehreres. Goethe grüßt Sie. Haben Sie die zwei Musenalmanache gesehen? Sie sind schlechter, als man sich eine Vorstellung davon machen kann. Der Voßische ist fast der schlechtere. Neun und zwanzig Stücke sind von ihm selbst darin, worunter kein einziges gut, sehr wenige erträglich und etliche abominable sind. Adieu!

Sch.              

Ü   Þ

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