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XVII.Jena, den 7 September 1795. Zuerst von unseren Geschäften, theurer Freund, weil ich nicht weiß, wie viel Zeit ich zum Schreiben finde. Ich hoffe mein letzter Brief ist zu rechter Zeit, und frühe genug angelangt, ehe Sie zu dem druck des Almanachs eine ernsthafte Anstalt haben machen lassen. Von meinen Gedichten habe ich schon, außer dem verschleierten Bild und Natur und Schule, den philosophischen Egoisten, den Weltverbesserer, die Antike, die Ilias, Weisheit und Klugheit, das Höchste für das 9te Stück der Horen abgesendet. Pegasus werde ich doch noch da schließen, wo das Pferd mit Apoll in die Lüfte geht. In der Würde der Frauen ändere ich noch die zwei vorletzten Verse der ersten Strophe, die theils ungeschickt, theils für die Exposition des Ganzen zu leer sind. Wie danke ich Ihnen, daß Sie mir in Rücksicht auf die Hexameter und Pentameter das Gewissen schärften. Ihre Bemerkungen sind gegründet, und es ist mir unmöglich etwas unvollkommen zu lassen, so lange ich es noch besser machen kann. Unglücklicherweise habe ich Natur und Schule schon den vorigen Posttag abgeschickt, habe aber doch das Nöthige geändert, und sende es heute an Cotta nach, wenn es etwa noch Zeit wäre. An den andern Stücken versteht sich, aß ich das Fehlerhafte noch verbessere. Die erste Härte in Natur und Schule hatte ich schon in dem ersten Manuscript an Cotta verbessert, so wie ich überhaupt am Ende noch einige nöthige Disticha eingeschoben. An Körner sende ich heute das Reich der Schatten mit den noch übrigen Gedichten. Was er zu der ersten Lieferung meint, ersehen Sie hier aus seinem Briefe. Mich amüsirt der sonderbare Widerspruch zwischen Euch vier Kunstrichtern, Goethe, Ihnen, Körner und Herder. Jeder hat einen andern Liebling unter meinen Stücken, Goethe die Ideale, Körner Natur und Schule, Sie die Macht des Gesanges (das Reich der Schatten rechne ich hier nicht) und Herder den Tanz. Am größten aber scheint mir der Widerspruch zwischen Körner und Ihnen, und auch am wichtigsten. Ihnen sind die vier ersten Strophen der Macht des Gesanges (wie auch gewiß wahr ist) die besten, Körnern stören sie den Genuß der letzten. Ihm gefällt der Pegasus nur bis zum Apollo. Ihnen gefällt er von da an mehr. Körnern mißfällt der Schluß der Ideale, der schlechterdings nicht anders seyn durfte, Ihnen ist er vorzüglich lieb. Was Sie über die Ideale urtheilen, daß ihnen Stärke und Feuer fehlt, ist sehr wahr, aber es wunderte mich, daß Sie es mir als Fehler anmerken. Die Ideale sind ein klagendes Gedicht, wo eigentlich Gedrängtheit nicht an ihrer Stelle seyn würde. Auch kenne ich unter Altem und Neuem aus diesem Genre nichts, dem Sie nicht eben diesen Vorwurf machen könnten. Die Klage ist ihrer Natur nach wortreich, und hat immer etwas Erschlaffendes, denn die Kraft kann ja nicht klagen. Ueberhaupt ist dieses Gedicht mehr als ein Naturlaut (wie Herder es nennen würde) und als eien Stimme des Schmerzens, der kunstlos und vergleichungsweise auch formlos ist, zu betrachten. Es ist zu subjectiv (individuell) wahr, um als eigentliche Poesie beurtheilt werden zu können, denn das Individuum befriedigt dabei ein Bedürfniß, es erleichtert sich von einer Last, anstatt daß es in Gesängen von anderer Art vom innern Ueberfluß getrieben dem Schöpfungsdrange nachgibt. Die Empfindung, aus der es entsprang, theilt es auch mit, und auf mehr macht es, seinem Geschlecht nach, nicht Anspruch. Indessen begreife ich wohl, daß es auf Sie diese Wirkung haben mußte, weil Ihre Tendenz mehr auf das Energische und den Gedanken, als auf das Rührende ghet, nur hätte ich geglaubt, daß, nachdem Sie dieser Wirkung nachgedacht, sie den Grund in der Gattung selbst finden würden. Mehr wunderte mich, daß es auf Ihre Frau seine Wirkung verfehlte; weil es doch zur Empfindung spricht. Auch von Körnern begreife ich nicht recht, daß ihm entgangen ist, warum ich dieses Gedicht matt schließe. Es ist das treue Bild des menschlichen Lebens. Mit diesem Gefühl der ruhigen Einschränkung wollte ich meinen Leser entlassen. Ob ich gleich mit Ihnen einig bin, diesem Gedicht mehr eine materielle, als formelle Kraft zuzugestehen, so ist doch etwas darin, was es dichterischer macht als alle übrigen. Vielleicht und vermuthlich aus demselben Grunde, woraus wir beide erklären, daß die Frauenform der Schönheit näher kommt, als die männliche, weil, ceteris paribus, das materielle und passive Element der Schönheit vorzugsweise ihr eigen ist, und man die Auflösung weniger, als die anspannende Thätigkeit dabei missen kann. Das Reich der Schatten ausgenommen, ist mir Natur und Schule unter meinen Gedichten das liebste. Was Sie in diesem Gedichte noch ausgeführt gewünscht hätten, würde es dem Philosophen zwar befriedigender machen, aber seine einfache Form zerstören, und auch den poetischen Zweck beeinträchtigen. Die Auflösung soll durch das Herz, aber nicht durch den Verstand verrichtet werden, die Betrachtung, daß der Mensch sich von der Natur entfernen mußte, kann nie verhindern, daß der Verlust jenes reinen Zustandes nicht schmerzt, und nur an diesen hält sich der Poet. Ich weiß nicht, ob ich mich hier deutlich genug mache, aber das fühle ich, daß ein jedes anderes Donouement durch den Verstand den ganzen Geist des Gedichts würde verändert haben. Ich fürchte, wir werden uns in der Materie, die wir beide jetzt behandeln, einander ins Gehege kommen; was Sie bei Gelegenheit jener Anmerkung über Natur und schule von Ihrem Aufsatze schreiben, erinnert mich daran. Ich bin gerade jetzt bei meinem Aufsatz über’s Naive, wo ich von dem Gegensatz zwischen Einfalt der Natur und zwischen Cultur viel zu reden habe. Dieser Aufsatz interessirt mich sehr, und da ich mir zum Gesetz gemacht, ihn mit mehr Freiheit und Leichtigkeit zu behandeln, als meine ästhetischen Briefe, so nehme ich Manches aus der Erfahrung mit, was ich sonst würde der strengen Form aufgeopfert haben. Ueber alte und neue Dichter werde ich Manches bemerken. An die specielle Zergliederung des Naiven komme ich aber erst in dem zweiten Theil des Aufsatzes. Der erste handelt nur von dem Interesse an der Natur überhaupt. Ueber Ihre Bemerkungen, das Reich der Schatten betreffend, habe ich Ihnen neulich schon schreiben wollen, aber die Almanachssachen machten mir eine Diversion. Das, was Sie an der Strophe vom Sittengesetz tadeln, ist gar nicht ohne Grund, wenigstens vergleichsweise mit den drei anderen Strophen läßt diese den Gedanken etwas zweideutig. Anfangs hieß es:
Aber dieses fand ich zu prosaisch, und auch nicht anschaulich genug. Mir däucht, daß die Freiheit der Gedanken doch weit mehr auf das Aesthetische, als auf das rein Moralische hinweist. Dieses wird durch den Begriff frei vorzugsweise bezeichnet. Die vier letzten Zeilen dieser Strophe waren schon vorher von mir geändert worden, und diese Veränderung steht auch schon in dem zum Druck abgeschickten Exemplar. Vielleicht hätten Sie weniger gegen die Strophe eingewendet, wenn Sie jene Veränderung gleich mitbekommen hätten. Sie heißt:
Strahlenscheibe, statt Strahlenkugel ist kein Versehen, sondern eine Betrügerei von mir. Wenn Sie Acht geben, so werden Sie finden, daß in dieser Stelle zwei ganz verschiedene Sachen als Eine vorgestellt werden: Die Phasen des Mondes, und dann seine nothwendige Verfinsterung auf der Mitternachtseite, die auch beim Vollmond ist. Hätte ich also gesagt: wird die Strahlenkugel niemals voll? so hätte ich nicht von seinen Hörnern sprechen können; ich hätte sagen müssen: wenn des Mondes Eine Halbkugel beleuchtet wird, muß die andere Halbkugel Nacht seyn? Aber da quälte mich der Reim zu sehr, und ich half mir durch einen Kniff, der freilich nicht der feinste ist. Eignet auf diese Art gebraucht, hat Lessings Autorität für sich. Im Nathan sagt er: Was ist das für ein Gott, der einem Menschen eignet? Warum strichen Sie den Reim zwischen Sclave, und Schlafe, Nerve und Unterwerfe an? Ich kenne in der Aussprache keine Verschiedenheit, und für das Auge braucht der Reim nicht zu seyn. Einen wirklich unächten Reim Gott und Gebot haben Sie begnadigt; dieser ist aber auch herausgeworfen. Umarmt den Leuen ist absichtlich. Man kann dem Hercules die Arbeit nicht zu hart machen. Die Elisionen des i in willige, acherontischen etc. sind freilich fatal, aber da sich alle Reimer von Anbeginn derselben bedienen, so erlaubte ich mir es auch. Jetzt wüßte ich nichts mehr, Sachen und Geschäfte betreffend. Höchst ungeduldig bin ich zu erfahren, wie es mit dem Almanach endlich entschieden ist. Goethe ist noch in Ilmenau, wird aber jeden Tag in Weimar erwartet. Leben Sie wohl, bleiben Sie gesund, heiter, und sorgen Sie ja, daß Sie auf den bestimmten Termin wieder abreisen können. Sch. |
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