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               22.10.1803 an Schiller
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I.

Erfurt, den 3 Mai 1792.              

Wenn Sie diesen Brief aufbrechen, theuerster Freund, erwarten Sie wahrscheinlich die Nachricht von der Niederkunft meiner Frau. Wie sehr werden Sie sich aber wundern, wenn Sie statt dessen eine ganz andere Geburt erblicken. Allein es muß mit dem Hervorbringen eine ansteckende Sache seyn; denn so lange wir drei hier zusammen sind, vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Etwas, sey's nun ein Stück einer Oper oder Ode oder eines Aufsatzes zur Welt kommen. Nur das Eine, was wir allein eigentlich Alle erwarten, bleibt noch immer zu unser aller Staunen aus.

   Sie erhalten also hier ein poetisches Machwerk von mir, lieber Freund, und Sie verzeihen, daß ich mich damit gerade an Sie wende. Aber wenn ich überhaupt Niemandes Urtheils so sehr, als gerade das Ihrige, ehren würde, so bin ich auch bei Niemanden so sicher von der Strenge der Gerechtigkeit überzeugt, als bei Ihnen. So mancherlei fremdartige Gründe, oder wenn auch nicht das, doch vielleicht einzelne nicht unglückliche Stellen bringen so oft bei so Vielen günstige, oder wenigstens minder ungünstige Urtheile hervor. So oft ich mich hingegen erinnere, Ihr Urtheil über irgend ein schriftstellerisches Product gehört zu haben, war es mir gerade auch darum so interessant, weil Ihr Blick immer das Ganze umfaßt, und nie unterläßt, sowohl dieß, als jedes seiner einzelnen Theile, mit dem Ideale zu vergleichen. Mag dieser Maßstab auch, selbst für mehr als mittelmäßige Stücke, oft demüthigend seyn, so ist er doch zugleich der einzige, welcher der wahren Selbstschätzung zu genügen vermag, und gewährt wenigstens immer eine so schöne und reiche Belehrung. Aber auch diese Gründe würden mich nicht bewogen haben, Ihnen mit meinen Versuchen beschwerlich zu werden, wenn ich mich nicht gerade jetzt in einer Stimmung befände, in welcher mir Ihr Urtheil noch mehr als wichtig, in der That nothwendig ist. Darum nun erlauben Sie mir, Ihre Freundschaft, von der Sie mir schon so machen gütigen Beweis gaben, um eine Gefälligkeit anzusprechen.

   Ich beschäftigte mich in diesen Tagen mit dem Pindar. Seine wunderbar einfache Größe, die Kühnheit seiner Bilder, die Stärke des Ausdrucks, mit einem Worte das ganze ächte Gepräge des wahrhaft großen und tiefen Geistes ergriff mich stark. Ich übersetzte die ersten anderthalb Strophen der zweiten Ode, und, ohne an eine Uebersetzung auch nur dieser ganzen Ode zu denken, schrieb ich sie hin. Ich zeigte sie Carolinen udn meiner Frau, sie gefielen ihnen, sie munterten mich auf, fortzufahren, und so entstand nach und nach, was Sie hier sehen. Von diesem Fortgange - da mir doch eine Uebersetzung, einerlei welche, geglückt ist - und von dem Beifall der beiden Frauen - den ich aber vielleicht nur der hinreißenden Schönheit des Originals danke - aufgemuntert, habe ich jetzt, ich kann es nicht läugnen, eine sehr große Lust, mehrere Versuche zu wagen. Wenn ich nun auch glauben dürfte, mit gehörigem Fleiß, des Griechischen hinlänglich Meister zu seyn, wenn ich mir sogar schmeicheln könnte, die so nothwendige Gewandtheit des deutschen Ausdrucks zu besitzen; so sind doch die Schwierigkeiten, die einen Uebersetzer des Pindar von allen Seiten umgeben, so groß, so habe ich vorzüglich nie eigentlich poetisches Talent in mir wahrgenommen, und so kenne ich, zwar nicht aus eigener, aber doch fremder Erfahrung, wie viel Zeit die Sucht Verse zu machen, ohne von Genie oder wenigstens Talent unterstützt zu seyn, unnütz versplittert. Darum vorzüglich wage ich es, Sie, theurer Freund, um Ihr völlig offenes, wahres Urtheil zu bitten. Sie sehen hier eine Probe, und eine wenigstens insofern entscheidende Probe, als die erste Lust sie begünstigte, und als ich ihr allen Fleiß gewidmet habe, dessen ich wenigstens jetzt fähig war.

   Finden Sie in mir, nach ihr, keinen Beruf zu Arbeiten dieser Art; so sollen Sie mich gewiß folgsam sehen, und so erwerben Sie sich ein wichtiges Verdienst um meine Zeit. Meinen Sie, ich könnte bei länger sich übendem Fleiß etwas leisten, so können sie mir vielleicht, besonders in Absicht des bei dieser Gattung so schwierigen Versbaues, irgend eine erleichternde Anweisung geben. Ueber das von mir gewählte Silbenmaß habe ich hinten ein paar Worte gesagt. Bei er Uebersetzung habe ich übrigens die genaueste Treue zu erreichen gesucht, und nur die entgegengesetzte Klippe, das Undeutsche gemieden. In der 4 Antistr. werden Sie eine Variante finden. Das Nebengeschriebene gefiel uns mehr, aber es schien mir nicht deutlich genug.

   Caroline meint, Sie würden der Ode einen Platz in Ihrer Thalia vergönnen. Wie schmeichelhaft mir dieß seyn würde, kann ich Ihnen nicht sagen. Indeß bitte ich Sie recht herzlich, es nicht anders zu thun, als wenn Sie in jedem Verstande mit Ehren erscheinen kann. Ich kann darüber nicht Richter seyn. Es hat Momente gegeben, wo ich sie sehr schön hielt; und jetzt versichere ich Sie, scheint sie mir wieder kaum mittelmäßig.

   Doch endlich genug von der Ode. Ich wollte Ihnen noch mancherlei sagen. Aber der Pindar hat mir das ganze Blatt gefüllt. Ich eile also zum Schluß.

   Caroline und meine Frau umarmen Sie, und Lottchen herzlich. Caroline hätte selbst geschrieben, aber sie ist nicht ganz wohl. Mit nächstem Posttag wird sie selbst schreiben. Der Coadjutor erinnert sich Ihrer unendlich oft und freuet sich sehr, Sie vielleicht bald einmal hier zu sehen. Dieß Vergnügen, sey es nun hier, oder in Rudolstadt, oder in Jena, auch jetzt bald zu genießen, ist auch uns eine überaus frohe Aussicht. Versichern Sie Ihrer lieben Frau meine innigste Freundschaft, und leben Sie recht wohl. Ewig der Ihrige

H.              

Ü   Þ

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