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Homepage Literatur Schiller, Friedrich Briefe 1798 |
Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.Jena 12. Januar [Freitag] 98. Ihr Aufsatz enthält eine trefliche Vorstellung und zugleich Rechenschaft Ihres naturhistorischen Verfahrens, und berührt die höchsten Angelegenheiten und Erfodernisse aller rationellen Empirie, indem er nur einem einzelnen Geschäfte die Regel zu geben sucht. Ich werde ihn noch sorgfältig durchlesen und überdenken und Ihnen dann meine Bemerkungen mittheilen. Das ist mir z. b. sehr einleuchtend, wie gefährlich es ist, einen theoretisch Satz unmittelbar durch Versuche beweisen zu wollen. Es stimmt dieß wie mir däucht mit einer andern philosophischen Warnung überein, daß man seine Sätze nicht durch Beispiele beweisen solle, weil kein Satz dem Beispiel gleich ist. Die entgegengesetzte Methode verkennt den essentiellen Unterschied zwischen der Naturwelt und der Verstandeswelt ganz, ja sie hebt die ganze Natur auf indem sie bloß ihre Vorstellung uns in den Dingen und nie umgekehrt finden läßt. Ueberhaupt kann eine Erscheinung oder Factum die etwas durchgängig vielfach bestimmtes ist, nie einer Regel, die bloß bestimmend ist, adaequat seyn. Ich wollte wünschen, es gefiel Ihnen, den Hauptinhalt dieses Aufsatzes auch für sich selbst und unabhängig von der Untersuchung u Erfahrungen, denen er zur Einleitung dient, auszuführen. Sie würden auf eine strengere und reinere Scheidung des praktischen Verfahrens und des theoretischen Gebrauches bedeutende Fingerzeige geben; man würde dahin gebracht werden sich zu überzeugen, daß nur dadurch die Wißenschaft erweitert werden kann, daß man auf der einen Seite dem Phaenomen ohne allen Anspruch auf eine hervorzubringende Einheit folgt, es von allen Seiten umgehet und bloß die Natur in ihrer Breite aufzufassen sucht – auf der andern Seite (und wenn jene erste nur in Sicherheit gebracht ist) die Freiheit der vorstellenden Kräfte begünstiget, das Combinationsvermögen sich nach Lust daran versuchen läßt, mit dem Vorbehalt, daß die vorstellende Kraft auch nur in ihrer eignen Welt und nie in dem Factum etwas zu constituieren suche. Denn mir däucht, es ist bißher auf zwey entgegengesetzte Arten in der Naturwißenschaft gefehlt worden, einmal hat man die Natur durch die Theorie verengt, und ein andermal die Denkkräfte durch das Object zu sehr einschränken wollen. Beiden muß Gerechtigkeit geschehen, wenn eine rationale Empirie möglich seyn soll, und beiden kann Gerechtigkeit geschehen, wenn eine strenge kritische Polizey ihre Felder trennt. Sobald man die Freiheit der theoretischen Vermögen begünstiget, so kann es nicht fehlen, und die Erfahrung lehrt es, daß die Mannichfaltigkeit der Vorstellungsarten, wodurch sie sich wechselsweise einschränken und öfters aufheben, den Schaden gut macht, den der Despotism einer einzigen stiftet, und so wird man selbst auf dem theoretischen Wege zu dem Objecte zurückgenöthigt. Das metaphysische Gespräch des Paters mit dem Chinesen hat mich sehr unterhalten und es nimmt sich in der gothischen Sprache besonders wohl aus. Ich bin nur ungewiß, wie es in solchen Fällen manchmal geht, ob etwas recht gescheides oder etwas recht plattes hinter des Chinesen seinem Raisonnement steckt. Wo haben Sie dieß schöne Morceau aufgefunden? Es wäre ein Spaß, es abdrucken zu lassen mit einer leisen Anwendung auf unsere neuesten Philosophen. Boutterwecks aesthetischer Kramladen ist wirklich merkwürdig. Nie hab ich den flachen belletristischen Schwätzer mit dem confusen Kopf so gepaart gesehen, und eine so unverschämte Anmaßung auf Wißenschaft bei einem so erbärmlich rhapsodistischen Hausrath. Daß Sie Ihre Herreise bis zum Februar verschieben, verlängert mir wirklich diesen traurigen Januar; aber ich werde aus dieser Einsamkeit wenigstens den einzigen Vortheil zu ziehen suchen, den sie hat, und im Wallenstein fleißig voranschreiten. Ohnehin ist es gut, wenn ich die Tragödie, ehe sie Ihnen vorgelegt wird, erst bis zu einer gewissen Hitze der Handlung geführt habe, wo diese sich dann wie von selbst bewegt, und im Herabrollen ist, denn in den zwey ersten Akten steigt sie erst bergan. Leben Sie recht wohl und grüßen Sie Meiern. Meine Frau empfiehlt sich bestens. S. Bemerkungen1
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Zu S. 321. Z. 15. Der Aufsatz wurde erst 1823 gedruckt unter der
Überschrift: Der Versuch als Vermittler von Subjekt u. Objekt. 1793. |
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