Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1798

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

Jena den 2. Jenner [Dienstag] 98.

Es soll mir ein gutes Omen seyn, daß Sie es sind, an den ich zum erstenmal unter dem neuen Datum schreibe. Das Glück sei Ihnen in diesem Jahre eben so hold als in den 2 letzt vergangenen, ich kann Ihnen nichts beßres wünschen. Möchte auch mir die Freude in diesem Jahre beschert seyn, das beßte aus meiner Natur in einem Werke zu sublimiren, wie Sie mit der Ihrigen es gethan.

Ihre eigene Art und Weise zwischen Reflexion und Production zu alternieren ist wirklich beneidens- und bewundernswerth. Beide Geschäfte trennen sich in Ihnen ganz, und das eben macht, daß beide als Geschäfte so rein ausgeführt werden. Sie sind wirklich solang Sie arbeiten im Dunkeln und das Licht ist bloß in Ihnen; und wenn Sie anfangen zu reflectieren, so tritt das innere Licht von Ihnen heraus und bestrahlt die Gegenstände Ihnen und Andern. Bei mir vermischen sich beide Wirkungsarten und nicht sehr zum Vortheil der Sache.

Von Herman u Dorothea las ich kürzlich eine Recension in der Nürnberger Zeitung, welche mir wieder bestätigt, daß die Deutschen nur fürs allgemeine, fürs verständige und fürs moralische Sinn haben. Die Beurtheilung ist voll guten Willens, aber auch nicht etwas darinn, was ein Gefühl des poetischen zeigte oder einen Blick in die poetische Oeconomie des Ganzen verrieth. Bloß an Stellen hängt sich der gute Mann und vorzugsweise an die, welche ins Allgemeine u Breite gehen und einem etwas ans Herz legen.

Haben Sie vielleicht das seltsame Buch von Retif: Coeur humain devoilé je gesehen oder davon gehört? Ich hab es nun gelesen, soweit es da ist, und ungeachtet alles widerwärtigen, platten und revoltanten mich sehr daran ergetzt. Denn eine so heftig sinnliche Natur ist mir nicht vorgekommen und die Mannichfaltigkeit der Gestalten, besonders weiblicher, durch die man geführt wird, das Leben und die Gegenwart der Beschreibung, das Characteristische der Sitten und die Darstellung des französischen Wesens in einer gewißen Volksklasse muss interessieren. Mir, der so wenig Gelegenheit hat, von aussen zu schöpfen und die Menschen im Leben zu studieren, hat ein solches Buch, in welche Klasse ich auch den Cellini rechne, einen unschätzbaren Werth.

Dieser Tage las ich zu meiner großen Lust im Intelligenzblatt der Litt. Zeitung eine Erklärung von dem jüngern Schlegel, daß er mit dem Herausgeber des Lyceums nicht mehr zu schaffen habe. So hat also doch unsre Prophezeiung eingetroffen, daß dieses Band nicht lange dauren werde!

Leben Sie wohl für heute; ich erwarte nun morgen eine bestimmte Anzeige, wie bald Sie zu uns kommen. Meine Frau grüßt Sie bestens. Meiern hoffe ich doch wenigstens auf einen Tag wieder bei uns zu sehen.

S.


Bemerkungen

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1 Zu S. 315. Z. 12. Reichardt gab seit 1797 das Lyceum der schönen Künste heraus. Zu Z. 13. Ist die Prophezeiung vielleicht die Xenie: Die Mitarbeiter (Schmidt u. Suphan Nr. 806):

Wie sie die Glieder verrenken, die Armen! Aber nach dieser
   Pfeife zu tanzen, es ist auch, beim Apollo! kein Spaß.

 
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