Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wilhelm von Humboldt.

Jena den 17. Dec. [Donnerstag] 95.

Daß Sie aufs neue an Ihren Augen leiden, lieber Freund, thut mir herzlich leid, und ich fürchte, daß gerade dieser Winter, der mehr feucht als kalt zu werden scheint, das Uebel mehr unterhalten wird. Befolgen Sie also den Rath des Arztes genau. Ihrer Augen wegen bedaure ich, daß Sie den Winter nicht in der Stadt sind, wo Sie sich durch gesellschaftliches Geschwätz, wie es auch seyn möchte, hätten zerstreuen und die Augen so wie den Geist hätten ausruhen lassen können.

Ihren neuesten Aeuserungen nach dürften wir uns also vor Ende Mays gar nicht, und auch da nicht gleich auf längere Zeit sehen, welches mir sehr leid thut. Gut ist es, daß Sie wenigstens um diese Zeit hier seyn werden, wo G. nach Italien geht, und auch das ist gut, daß G. wenn er anders nicht viel über ein Jahr ausbleibt, ein halbes Jahr nach Ihrer Abreise wieder hier seyn kann, so daß ich nur den Sommer und Herbst der immer leidlicher für die Einsamkeit ist, ganz allein seyn werde. Faxit Deus.

Ich sehne mich jetzt wieder recht nach einer poetischen Arbeit; denn der Beschluß der sent. Dichter, an dem ich jetzt noch arbeite, fängt an mir zu entleiden. Ich verliere immer gegen das Ende die Geduld, wenn ich unterbrochen und, von einer äusern Nothwendigkeit gescheucht, habe arbeiten müssen. Indeß war dieser letzte Aufsatz auf keine Weise zu umgehen. Was ich unmittelbar nach demselben vornehmen werde, weiß ich noch nicht; auf jeden Fall aber etwas für die Horen; denn die glückliche Zeit der Freyheit ist noch fern. Ich habe jetzt die erste Lieferung der Properzischen Elegien gelesen, und mit vieler Zufriedenheit. Ob die Wahl nicht beßer hätte seyn können weiß ich nicht zu sagen, da ich nie den ganzen Properz gelesen. Die Uebersetzung ist aber im ganzen recht brav, und im einzelnen hoffe ich noch Verbeßerungen; denn ich habe darauf aufmerksam gemacht. Es war auch billig, daß ich andern mittheilte, was ich aus Ihren Bemerkungen über Meine Arbeiten unterdessen gelernt habe.

Schlegels Abhandlungen über die griechischen Frauen die er mir heute geschickt, habe ich zwar nur flüchtig durchlesen. Verbeßert hat er sich in dieser Arbeit merklich, obgleich eine gewisse Schwerfälligkeit, Härte und selbst Verworrenheit ihn wie ich fürchte nie ganz verlassen wird. Der Aufsatz geht Sie und Ihre Lieblingsarbeiten von zwey Seiten sehr nahe an und hätte auch Ihnen sollen vorbehalten bleiben. In der Sache selbst hat er mich nicht bekehrt. Die griechische Weiblichkeit und das Verhältniß beyder Geschlechter zu einander bey diesem Volk, so wie beydes in den Poeten erscheint, ist doch immer sehr wenig aesthetisch und im Ganzen sehr geistleer (daß es Ausnahmen gab, obgleich wenige genug, ist natürlich). Im Homer kenne ich keine schöne Weiblichkeit; denn die bloße Naivetät in der Darstellung macht es noch nicht aus. Seine Nausikaa ist bloß ein naives Landmädchen, seine Penelope eine kluge und treue Hausfrau, seine Helena bloß eine leichtsinnige Frau, die ohne Herzens Zartheit von einem Menelaus zu einem Paris übergieng und sich auch, die Furcht vor der Strafe abgerechnet, nichts daraus machte, jenen wieder gegen diesen einzutauschen. Und dann die Circe, die Calypso! Die olympischen Frauen im Homer sind mir noch weniger weiblich schön. Daß die bildende Kunst schöne Weiber hervorbrachte, beweist nichts für eine schöne innere und äußere Weiblichkeit in der Natur. Hier war die Kunst schöpferisch, und ich zweifle nicht, daß ein griechischer Bildhauer, wenn er mit seinem ganzen Kunstsinn in Circassien gelebt hätte, nicht weniger weibliche Ideale gebildet haben würde. In den Tragikern finde ich wieder keine schöne Weiblichkeit, und eben so wenig eine schöne Weiblichkeit, und eben so wenig eine schöne Liebe. Die Mütter, die Töchter, die Ehefrauen sieht man wohl, und überhaupt alle dem bloßen Geschlecht anhängige Gestalten, aber die Selbstständigkeit der reinen Menschlichen Natur sehe ich mit der Eigenthümlichkeit des Geschlechts nirgends vereinigt. Wo Selbständigkeit ist, da fehlt die Weiblichkeit, wenigstens die schöne. Von der Sappho kenne ich nur Ein Stück, aber das ist sehr sinnlich. Hinter den Pythagorischen Frauen dürfte mehr stecken; hier scheint mir etwas sentimentalisches im Spiele zu seyn, und von diesen war wenigstens Geistigkeit zu erwarten, da in den andern entweder das materielle überwiegt, oder das moralische nicht weiblich ist, wie z. B. der spartanische Bürgergeist und die Vaterlandsliebe. – Was auch an meiner Bemerkung wahr seyn mag, so werden Sie mir doch gestehen, daß es im ganzen griechischen Alterthum keine poetische Darstellung schöner Weiblichkeit oder schöner Liebe gibt, die nur von fern an die Sacantala und an einige moderne Gemählde in dieser Gattung reichte. Göthens Iphigenia, seine Elisabeth in Götz nähert sich den griechischen Frauen, aber sonst keine von seinen edlen weiblichen Figuren, und selbst seine schöne Seele ist mir lieber. Auch Shakespears Juliette, Fieldings Sophie Western u. a. übertreffen jede schöne Weiblichkeit im Alterthum weit.

Aber genug von diesem. Ich wünschte, daß Schlegel (Fridrich) auf eine Materie geriethe, die ihn für die Horen brauchbar machte; denn die, worinn er jetzt arbeitet, ist durch Sie schon so gut besetzt, und zuviel Raum dürfen wir ihr doch nicht geben. Neugierig bin ich, was sein Bruder noch bringen wird.

Von MusenAlmanachen habe ich noch nichts gesehen. In einem Brief vom 25. Nov. schreibt mir Michaelis daß es bloß am Glätten liege. Es muß also 14 Tage an einigen Dutzend Exempl. geglättet werden; Für die Reichsprovinzen ist der NeujahrsMoment schon versäumt, und nun mag er sehen, wie er fährt.

adieu lieber Freund. An Li von uns beiden viele Grüße.

S.


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1 Zu S. 355. Z. 3. Friedrich Schlegels Diotima im 7. u. 8. Stück der Berliner Monatsschrift 1795.
2 Zu S. 356. Z. 12. Sch. hat Sacantala geschrieben.
3 Zu Z. 24. Michaelis Brf. in Gödeke, Geschäftsbrfe. S. 166. Vgl. auch Brfw. m. Christ. S. 159 Anm.

 
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