Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wilhelm von Humboldt.

Jena den 7. Dec. [Montag] 95.

Ich glaubte, lieber Freund, Ihnen heute das eilfte Horenstück senden zu können, aber die fahrende Post hat mir das große Paquet noch nicht überbracht, obgleich das Stück schon seit dem 24. v. Monats im Drucke fertig geworden ist. Indeß ist ja vieles davon schon in Ihren Händen, und Ihre Neugier braucht nicht so groß zu seyn.

Ihren Entschließungen wegen Ihrer Arbeit pflichte ich vollkommen bey und setze nur überhaupt noch hinzu, daß Sie eher darauf denken müssen, mit vielem wenig, als mit wenigem viel zu sagen. Jemehr Sie das Allgemeine aus dem einzelnen können von selbst hervorgehen lassen, desto beßer wird es seyn, und vor Wiederhohlungen allgemeiner Begriffe brauchen Sie Sich nicht zu fürchten, sobald nur die Anwendung verschieden ist. Man kann in solchen feinen Materien für so wenig feine Urtheiler nicht zu deutlich seyn. Daß Sie nicht mit dem Homer anfangen wollen, billige ich auch, aber überhaupt däucht mir, daß Sie Sich von einer strengen Ordnung in der Art, wie Sie die Materien folgen lassen, dispensieren können. Sie können von hinten, in der Mitte, wo Sie glauben, daß das Interesse am ersten zu erregen sey, anfangen; denn einen ordentlichen Plan, so sehr er in Ihnen ist, brauchen Sie in der Ausarbeitung gar nicht zu beobachten.

Es würde vielleicht nicht übel gethan seyn, wenn Sie die Hauptzüge des griechischen Charakters einzeln und in besondern Aufsätzen entwickelten und bey jedem solchen einzelnen Zug allemal durch die ganze Litteratur durchliefen. Die Einheit ist viel leichter zu fassen, und die Mannichfaltigkeit in der Anwendung fällt zugleich mehr auf. Machen Sie hingegen einen Schriftsteller zur Einheit und legen die Mannichfaltigkeit darein, daß Sie ihn durch alle dichterischen Categorien durchführen, so ist die Einheit weniger interessant und die Mannichfaltigkeit weniger leicht. Ueberhaupt schickt sich ein Begriff beßer zu der ersten, und Beyspiele beßer zu der zweyten, weil jener doch immer das schwierigere ist. Macht man ein Individuum, ein Faktum, kurz einen einzelnen Fall zur Einheit, so ist es immer zweifelhaft, ob dieser interessiert, und man ist in die Nothwendigkeit gesetzt, die Mannichfaltigkeit durch abstrakte Begriffe hervorzubringen, welches schon viele Anstrengung für d Leser erfodert. Ich weiss nicht, ob ich mich deutlich genug mache, aber von der Sache bin ich überzeugt. Man erhält auf dem Wege, den ich vorschlage, noch den Vortheil, daß man den Begriff doch bey so vielen Anwendungen nothwendig klar machen muß und also dem Leser, auch dem stumpfsinnigsten, ein Resultat zu geben versichert ist.

Vielleicht entwerfen Sie zu Ihrem eigenen Gebrauche eine Art von Register über die Materien im einzelnen, worüber Sie Sich verbreiten wollen, um erst das Feld zu übersehen. Alsdann bin ich vielleicht im Stande, Ihnen meine Gedanken anschaulich und annehmlich zu machen.

Auch schickt es sich vielleicht, daß Sie in den Einkleidungen der Materie wechseln und hier und da eine Veranlassung von außen, wenn es auch eine polemische wäre, nehmen können. Es ist ja endlich nicht so nöthig, daß man sich nennt. Auch ließe sich manches in Critiken einzelner Werke, alter und neuerer, theoretischer und poetischer, einkleiden. Voß, Stolberg, Klopstock, Ramler, Gedicke, Schlosser u andere geben Ihnen vielleicht Veranlassungen zur Prüfung und zur Widerlegung.

In der That, liebster Freund, rechne ich für den nächsten Jahrgang der Horen sehr auf Ihre Mitwirkung. Sie müssen sich durch das Schicksal Ihrer ersten Aufsätze gar nicht abschrecken lassen; denn hier war die Materie mit einer erstaunlichen Trockenheit und Schwierigkeit behaftet; auch liegt es so entschieden am Tage, daß der Gegenstand für die Stumpfsinnigkeit der Leser nur zu fein und zu scharf behandelt war. Sobald Sie faßlichere Materien wählen und sich die Sache selbst leichter machen, so werden Sie auch andere Wirkungen sehen. Ich möchte doch einmal etwas mehr historisches von Ihnen ausgeführt sehen. Hier würde der Gegenstand Ihre Tendenz zur Schärfe und Intellektualität (ich weiß jetzt nicht sogleich ein ander Wort) in Schranken halten, und auf der anderen Seite würden Sie mehr VerstandesGehalt in den Gegenstand legen. Wir wollen davon sprechen, wenn wir erst wieder beysammen sind.

Sie beklagen es, daß ich die Horen aufgeben will, und tadeln, daß ich mich von der philosophischen Schriftstellerey zurückziehen will. Aber Sie thun mir Unrecht, wenn Sie glauben, daß mich das Publikum allein oder auch nur vorzüglich zu diesem Entschluß bestimmte. Nein lieber Freund, was mich dazu bestimmt, ist erstlich die unwiderstehliche Neigung, in meinen Arbeiten keinem fremden Gesetz zu gehorchen und besonders der poetischen Thätigkeit mich vorzugsweise zu überlassen, und zweytens die schlechte Unterstützung von Seiten der Mitarbeiter an den Horen. Nur durch eine unermüdete Sorge habe ich das Ganze bißher zusammengehalten, und ich wäre dennoch nicht damit zu Stande gekommen, wenn mich der Zufall nicht unterstützt hätte, aber ein Zufall, auf dessen Wiederkehr ich nicht so sicher mehr zählen kann. Göthens Elegien, Schlegels Dante, meine Briefe waren mehr oder weniger vorgearbeitete Sachen, und der Vorrath ist aufgezehrt. Weißhuhns, Engels, Meyers Aufsätze warf mir das Glück zu. Archenholz macht sich für die Zukunft zu nichts mehr anheischig. Ich habe, wenn ich meine Hofnung für das folgende Jahre überzähle, kaum zu Besetzung von 3 Stücken Aussicht, sobald ich meinen Antheil abrechne, und noch dazu ist unter allem was ich zu hoffen habe, nichts, was allgemein interessieren kann. Schlegel ist allerdings eine trefliche Acquisition, aber nicht das Journal in Schwung zu bringen, oder auch nur darinn zu erhalten, sondern bloß um demselben eine Masse zu geben, mit der ein Kenner zufrieden seyn kann. Von Göthen erwarte ich, da er nach seinem eignen Geständniß noch an dem Roman viel zu thun hat und die Vorbereitung auf die Reise u. dgl. ihn erstaunlich zerstreut, da er selbst im August abgeht, soviel als nichts, von Herdern wenig tröstliches. Die anderen Quellen wissen Sie selbst und wie wenig darauf zu zählen. Wollte ich also die Horen nicht aufgeben, so müßte ich, ich allein, mich im nächsten Jahr denselben ganz sacrificieren, und nicht einmal mit der sicheren Hofnung, meinen Zweck zu erreichen. Was das Unglück noch vermehrt, so hängt das Schicksal auch des Almanachs im nächsten Jahre ganz allein von mir ab, da Göthe, der fast den 4ten Theil in diesem Jahre dazu gegeben, wegfällt und auch Herder seinen ganzen Vorrath hingegeben hat. Ich selbst habe meine poetische Fruchtbarkeit in diesem Jahre doch zum Theil der langen Pause zuzuschreiben, die ich in poetischen Arbeiten machte, und die mich Kräfte sammeln ließ. Im nächsten Jahre wird es langsamer auch mit mir gehen, besonders da ich schwerere Gegenstände vor mir habe und gegen mich selbst strenger seyn werde. Was bleibt mir also, wenn Sie alles dieß in Betrachtung ziehen, übrig, als gegen das Glück der Horen im nächsten Jahre völlig gleichgültig zu seyn, um meine Thätigkeit nicht mehr dadurch bestimmen zu lassen. Bin ich aber gleichgültig dagegen, so ist das Journal eo ipso moralisch todt und muß es auch physisch werden. Will Cotta es unter ökonomischern Bedingungen fortführen, so wird sich wohl auch ein Redacteur dazu finden. Ich selbst hoffe schon mich mit Ehren herauszuziehen und meinen Austritt als eine freye Spontaneität darzuthun.

In Aussicht auf mein eigenes oeconomisches Interesse sind die Horen nicht so wichtig, sobald ich den Almanach nur poussieren kann. Kann ich diesen recht zu Ehren bringen, so ist er auch durch einen unbedeutenden Antheil von mir für die Zukunft bei Ehren zu erhalten, und an fremden Beyträgen zu einer Gedichtsammlung wird es nicht fehlen biß zum jüngsten Tag.

Was ich übrigens von den Horen sagte, gilt bloß in dem Falle, dass die Subscription sich vermindert. Bleibt diese noch beträchtlich, so ist es ein Beweis, dass das Publikum sich doch in die Art findet, wie wir es bißher bewirthet haben, und man darf dann hoffen, dass die Hilfsmittel, die wir künftig haben, zureichen werden. Ich würde alsdann einige Autoren ordentlich in Sold nehmen und mir auch einen Gehilfen in der Redaction zulegen.

Doch davon mehr, wenn wir mehr wissen. Von Körnern habe ich schon einen ganzen Monat lang keine Zeile gesehen.

Michaelis hat noch keinen Almanach geschickt. Es wird wohl ins künftige Jahr sich hinein ziehen.

Das äußre der Horen wird verändert – ob verbessert, weiß Gott. Aber die langen scharfen Lettern fallen doch weg, und weißer Papier wird auch genommen. Außerdem die Decke noch roth gefärbt.

Adieu, liebster Freund. Der Li herzliche Grüße. Ihr

Sch.


Bemerkungen

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1 Zu S. 342. Z. 1. Humboldt plante eine Charakteristik des griechischen Geistes. Vgl. X.

 
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