Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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            1795

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

den 23. Nov. [Montag] 95.

Auf die Knebelsche Arbeit bin ich sehr neugierig, und zweifle nicht, daß die beßre Gattung unsrer Leser dafür danken wird. Dem größern Theil freilich werden wir nicht damit gefallen, das weiß ich vorher: den kann man nur durch Aufsätze von dem Schlage, wie Lorenz Stark ist, gewinnen. Sie glauben nicht, wie allgemein man sich an diesem Aufsatz erlustigt. Noch von keinem ist so viel Redens gewesen.

Was den Vorschuß für die Kn. Elegien betrifft, so glaube ich nur, wir werden Cottaen gerade jetzt, wo sein Muth in Ansehung der Horen durch das häufige Aufkündigen der Subscription etwas Ebbe ist, nicht sehr damit erbauen. Indeß, bezahlen wird er gewiß, wenn darauf bestanden wird; aber ich möchte es ihm gerne jetzt ersparen. Ich weiß nicht, wie hoch die Summe sich etwa belaufen wird; ist sie mäßig, so will ich als Redacteur statt Cotta sie bezahlen. Vielleicht wird der Zweck auch schon erreicht, wenn man etwa sogleich die Hälfte abträgt, und den Rest in der Messe. Die Bezahlung würde dann immer noch vor dem Abbruch des ganzen Msrpts erfolgen, denn ich wäre nicht dafür, die 3 Lieferungen ununterbrochen in den 3 ersten Monaten zu machen, sondern immer einen Monat ausfallen zu lassen. Sechs oder acht Bogen von Einerley Autor, unter Einerley Titel und noch außerdem Uebersetzung würden, zu schnell hintereinander, zu einförmig gefunden werden.

Wenn Sie also glauben daß ein Vorschuß von etwa 20 Ldors jetzt gleich bezahlt von Wirkung sein würde, so ligt die Summe parat, und wir brauchen Cotta gar nicht dazu. Ich weiß er steht schon mit 60 Ldors bei Fichte im Vorschuß, und Gott weiß! – wann er da zu seinem Geld kommen wird. Mehrere kleine Aufsätze wie z. B. Weißhuhns etc sind auch schon von ihm bezahlt.

Doch genug von diesem Artikel. Ihr Unwille über die Stolberge, Lichtenberge und Consorten hat sich auch mir mitgetheilt, und ich bins herzlich zufrieden, wenn Sie ihnen eins anhängen wollen. Indeß, das ist die histoire du jour. Es war nie anders und wird nie anders werden. Seyen Sie versichert, wenn Sie einen Roman, eine Comödie geschrieben haben, so müssen Sie ewig einen Roman, eine Comödie schreiben. Weiter wird von Ihnen nichts erwartet, nichts anerkannt – und hätte der berühmte H. Newton mit einer Comödie debütiert, so würde man ihm nicht nur seine Optik, sondern seine Astronomie selbst lange verkümmert haben. Hätten Sie den Spaß sich gemacht, Ihre optischen Entdeckungen unter dem Nahmen unsers Professor Voigts oder eines ähnlichen CathederHelden in die Welt zu bringen, Sie würden Wunder daran erlebt haben. Es liegt gewiß weniger an der Neuerung selbst, als an der Person, von der sie herrührt, daß diese Philister sich so dagegen verhärten.

Stolbergs Delictum wünschte ich in Augenschein nehmen zu können. Können Sie mirs auf einen Posttag verschaffen, so wird es mir sehr lieb seyn. Bey diesem Menschen ist Dünkel mit Unvermögen in so hohem Grade gepaart, daß ich kein Mitleid mit ihm haben kann. Der närrische Mensch, der Jenisch in Berlin, der sich in alles mischen muß, hat auch die Recensionen der Horen gelesen, und in dem ersten Feuer einen Aufsatz über mich und meinen schriftstellerischen Charakter geschrieben, der eine Apologie gegen jene Anklagen vorstellen soll. Humboldt hat ihn zum Glück von Genz, in dessen Monatschrift derselbe bestimmt war, in Mscrpt erhalten, und den Abdruck noch hintertrieben. Doch bin ich nicht davor sicher, daß er ihn nicht anderswo drucken läßt. Es ist ein ganz eigenes Unglück, daß ich, bei so heftigen und zahlreichen Feinden, doch noch am meisten von dem Unverstand eines Freundes zu fürchten habe, und die wenigen Stimmen, die für mich sprechen wollen, über Hals und Kopf zum Schweigen bringen muß.

Eine Beurtheilung Ihres Meisters werde ich im August oder September künftigen Jahrs sehr ausführlich liefern können, und dann soll es, denke ich, recht a propos seyn, der letzte Theil mag nun auf Michaelis 96 oder Ostern 97 herauskommen. Vielleicht findet sich ein Morceau im 4ten Theil, das Sie auf Ostern 96, wo das Publikum das ganze erwartet, ihm zur einstweiligen Befriedigung hingeben können.

Von Archenholz habe ich endlich gestern einen braven historischen Aufsatz, betitelt: Sobiesky, erhalten, der noch im letzten Stücke der Horen erscheinen muß. Freilich hätte ich viel darum gegeben, wenn Sie für das erste Stück im zweyten Jahrgang etwas hätten thun können. Vielleicht haben Sie auch Lust, in diesem Stück den Krieg zu eröfnen?

Sie werden von Herdern meine Abhandlung über die Sentimentalischen Dichter erhalten, davon Sie biß jetzt noch den wenigsten Theil gehört, und die ich noch einmal ganz durchzulesen bitte. Ich hoffe, Sie sollen damit zufrieden seyn; es ist mir in dieser Art nicht leicht etwas beßer gelungen. Ich glaube, dieses jüngste Gericht über den größten Theil der deutschen Dichter wird am Schluß des Jahrgangs eine gute Wirkung thun, und unsern Herren Critikern besonders viel zu denken geben. Mein Ton ist freymüthig und fest, obgleich wie ich hoffe überall mit der gehörigen Schonung. Unterwegs habe ich freylich so viel als möglich effleuriert, und es sind wenige, die unverwundet aus dem Treffen kommen.

Auch über die Naturalität und ihre Rechte (in Rücksicht auf die Elegien) habe ich mich weitläuftig herausgelassen, bei welcher Gelegenheit Wieland einen kleinen Streifschuß bekommt. Aber ich kann nicht dafür, und da man sich nie bedacht hat (auch Wieland nicht), die Meinung über meine Fehler zu unterdrücken, im Gegentheil sie mich öfters derb genug hören ließ, so habe ich jetzt, da ich zufälliger Weise das gute Spiel in die Hände bekam, auch meine Meinung nicht verschwiegen.

Leben Sie recht wohl. Ich freue mich wenn wir nach Neujahr wieder eine Strecke lang miteinander leben können.

Sch.


Bemerkungen

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1 Zu S. 326. Z. 10. Die Übersetzungen aus Properz.
2 Zu Z. 28. Die Übersetzungen erschienen im 1., 3., 9., 11. Horenstück 1796.
3 Zu S. 327. Z. 9. Goethe hatte in X. seinem Unmut über Stolbergs „abscheuliche Vorrede zu seinen platonischen Gesprächen und darüber, daß Lichtenberg in seiner neuen Ausgabe von Erxlebens Compendio Goethes optische Arbeiten völlig mit Stillschweigen übergangen hatte, sehr kräftig Ausdruck gegeben.
4 Zu Z. 29. Vgl. Humboldt an Sch. vom 13. Nov. 1795.
5 Zu S. 328. Z. 8. Eine öffentliche Beurteilung des Wilhelm Meister ist von Schiller nicht geliefert worden. Seine Briefe an Goethe aber über dieses heut nur in einem engen Kreise noch voll gewürdigte Buch der Weisheit und der Kunst geben den rechten Schlüssel zur Eröffnung der unerschöpflichen darin niedergelegten Schätze an Gedanken und Beobachtungen.
6 Zu Z. 15. Nach dem Kalender hatte Schiller schon am 21. (also vorgestern) Archenholz’ Aufsatz erhalten.
7 Zu S. 329. Z. 1. Vgl. Gödeke, S. S. X. 482.

 
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