Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wilhelm Schlegel.

Jena den 29. 8br. [Donnerstag] 95.

Ihre Briefe über Poesie haben mir, mein vortreflicher Freund, sehr viel Vergnügen gemacht, und ich bin ungeduldig, die Fortsetzung zu lesen. Sie scheinen mir auf einem sehr glücklichen Weg zu seyn, und schon die sorgfältige Verbindung des subjectiven und objectiven Theils der Sprache, wird so wie Sie sie anstellen, zu sehr fruchtbaren Resultaten in dieser Materie führen. Man könnte allenfalls wünschen, daß Sie etwas schneller zum Ziel gegangen wären; aber ich zweifle nicht, daß Sie den kleinen Auffenthalt bey dem Allgemeinen über die Sprache und ihren Ursprung in der Folge rechtfertigen werden. Ueber das Ganze will ich erst urtheilen, wenn ich mehr von Ihren Gedanken übersehe. Die Abhandlung ist sehr grazios und lebhaft geschrieben, und muss jedem, den die mühseligen Zugänge zu dieser Materie sonst abgeschreckt haben, willkommen seyn.

Ihren Auftrag an Hofr. Schütz habe ich besorgt und Sie können voraussetzen, daß er mit Vergnügen angenommen worden ist. Sollten Ihnen aber die Arbeiten für die L. Z. etwas von beßeren Stunden rauben, so sollte es mir ordentlich leid thun, daß diese Zeitung eine Acquisition an Ihnen gemacht hat; denn je mehr Zeit Sie uns widmen wollen, desto lieber wird es mir seyn. Auch Recensionen, sobald Sie nur ein für sich bestehendes Interesse haben, vertragen sich mit unserm Zweck.

Hätten Sie vielleicht Lust, den poetischen Theil der Horen in der L. Z. zu recensieren? Es war vor kurzem davon die Rede, und es wird keinen Anstand haben, wenn Sie es wünschen. In diesem Falle bedarf es nur einiger Worte an mich oder noch beßer, an Hofr. Schütz; schon die Göthischen Elegien wären dieses Geschäftes werth. Ihre Uebersetzung des Dante müßte dann einem anderen zur Beurtheilung gegeben werden.

Ihre Zufriedenheit mit den Schatten und mit Natur und Schule ist mir sehr erfreulich. Diese Gedichte zeichnen nebst noch einigen andern meinen Uebergang von der Speculation zur Poesie. Ich hoffe aber, wenn ich nur Zeit und Stimmung finde, nicht immer so ängstlich mehr am Ufer der Philosophie hinsteuren zu müssen, sondern etwas weiter ins freye Meer der Erfindung zu segeln.

Der MusenAlmanach ist im Drucke schon ziemlich vorgerückt, und wird gegen Ende Novembers sicherlich erscheinen.

Das Stück der Berl. Monathschrift, welches den Aufsatz Ihres HE. Bruders enthält erwarte ich jeden Tag. Ich habe ihm schon längst eine Crise in der Schreibart gewünscht, und ich hoffe, die Zeichen derselben in diesem Aufsatz zu finden. Der Gehalt kämpfte noch in seinen Arbeiten zu sehr mit der Form und es fehlte an Leichtigkeit und Licht. Aber es ist sehr viel Realität in ihm, und siegt er in diesem Kampf, so ist in ihm ein vortreflicher Schriftsteller zu erwarten.

Sie urtheilen von dem Voßischen Almanach günstiger, als ich biß jetzt vermag. Ich weiss schlechterdings nicht, wie ich die Härte und Undeutschheit seiner Sprache (ich begehe selbst eine, indem ich davon spreche) bey so vieler Trivialität, oft Plattitüde des Gedankens entschuldigen soll. Wenn es ja so schwer ist, ein edles Gefühl, einen gehaltreichen Gedanken leicht und schön auszudrücken, so sollte wenigstens das Gemeine angenehm klingen, und das rauhklingende den Geist durch Gehalt entschädigen. Doch das sey unter uns gesagt!

Leben Sie recht wohl. Hier das neue Stück der Horen. Das Eilfte oder Zwölfte wird ihre Briefe enthalten.

Schiller.

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Bemerkungen

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1 Zu S. 303. Z. 17. Schlegel hatte sich zum Recensieren in der A. L. Z. für das Fach der schönen Litteratur, ihre Geschichte und Theorie mit einbegriffen angeboten.
2 Zu Z. 25. Schlegel nahm den Vorschlag an, und der Plan wurde auch ausgeführt.
3 Zu S. 304. Z. 9. Vgl. Nr. 934.
4 Zu Z. 17. Vgl. Schs. harte Urteile über den Voßschen Musenalmanach in Nr. 936 u. 937.
5 Zu Z. 19. Fritsch und Adelung führen weder das Wort Deutschheit noch Undeutschheit an. Zu Deutschheit vgl. Herders Werke, Suphan I. 540 und Suphan, Zwei Kaiserreden. Berlin 1879. S. 44 u. 56. Hier citiert er Schs. Brief an Körner vom Mai 1797, wo Wielands Deutschheit im Guten und Bösen erwähnt wird, und an Humboldt vom 2. April 1805, wo er sagt, daß Frau v. Stael ihn in seiner Deutschheit bestärkt habe. (Humboldt sprach in der Vorerinnerung zu seinem Brfw. m. Sch. von Schs. Deutschheit.) Auch die „teutsche Hiebe“ Fiesko V, 4 hätten von Suphon angezogen werden können, die auch im Guten und Bösen genommen werden können als grobe oder kühne, tapfere.

 
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