Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wilhelm von Humboldt.

Jena den 26. 8br. [Montag] 95.

Dank Ihnen, lieber Freund, für das Interesse, mit dem Sie meine aesthetische Gewißensfrage mir beantwortet haben. In jeder Rücksicht hat Ihr letzter Brief mich interessiert, und wenn ich mehr Muße habe, als heute zu hoffen ist (ich erwarte diesen Nmittag Herdern und habe noch Briefe auszufertigen), so wollen wir weiter davon sprechen. Ueber einiges, was mehr ins allgemeine geht, giebt Ihnen vielleicht meine Abhandlung über das Naive denjenigen Aufschluß, den ich selbst mir über die Frage: „Inwiefern kann ich bey dieser Entfernung von dem Geiste der Griechischen Poesie, noch Dichter seyn, und zwar beßerer Dichter, als der Grad jener Entfernung zu erlauben scheint?“ zu geben gesucht habe. Ich habe in jenem Aufsatze, wie ich glaube, einige nicht unwichtige Ideen über diese Sache ausgekramt.

Lassen Sie uns indessen in dieser Sache auch nicht zu weit aushohlen. Nehmen Sie zum Beyspiel den Fall an, die Natur habe mich wirklich zum Dichter bestimmt, so wird Ihnen der ganz zufällige Umstand, dass ich mich in dem entscheidenden Alter, wo die Gemüthsform vielleicht für das ganze Leben bestimmt wird, von 14 biß 24 ausschließend nur aus modernen Quellen genährt, die griechische Litteratur (soweit sie über das Neue Testament sich erstreckt) völlig verabsäumt, und selbst aus d. lateinisch sehr sparsam geschöpft habe, meine ungriechische Form bei einem wirklich unverkennbaren Dichtergeist erklären. Der Einfluß philosophischer Studien auf meine Gedankenoekonomie erklärt dann das Uebrige. Ein starker Beweis für diese Behauptung ist der, daß ich gerade jetzt, wo ich durch Krankheit, Lebensweise, selbst durch das Alter, durch jahrelang getriebene Speculation von der dichterischen Vorstellungsweise um soviel mehr hätte abkommen sollen, nichts desto weniger ihr eher näher gekommen bin (wofür ich meine Elegie allein zum Beweis anführen will), und warum konnte dieß geschehen? Weil ich zugleich in dieser Zeit, obgleich nur sehr mittelbar, aus griechischen Quellen schöpfte. Diese schnelle Aneignung dieser fremden Natur unter so ungünstigen Umständen beweist, wie mir däucht, daß nicht eine ursprüngliche Differenz, sondern bloß der Zufall zwischen mich und die Griechen getreten seyn konnte. Ja ich bilde mir in gewissen Augenblicken ein, daß ich eine größere Affinität zu den Griechen haben muß, als viele andere, weil ich sie, ohne einen unmittelbaren Zugang zu ihnen, doch noch immer in meinen Kreis ziehen und mit meinen Fühlhörnern erfassen kann. Geben Sie mir nichts als Muße und soviel Gesundheit, als ich bißher nur gehabt, so sollen sie sicherlich Produkte von mir sehen, die nicht ungriechischer seyn sollen als die Produkte derer, welche den Homer an der Quelle studierten. Das mag seyn, daß meine Sprache immer künstlicher organisiert seyn wird, als sich mit einer Homerischen etc. etc. Dichtung verträgt, aber den Antheil der Sprache an d Gedanken unterscheidet ein kritisches Auge leicht, und es wäre der Mühe und Aufopferung nicht werth, eine so mühsam gebildete Organisation, die auch nicht an Tugenden leer ist, auf gut Glück wieder zu zerstören.

Lassen Sie mich noch eine Bemerkung machen. Es ist etwas in allen modernen Dichtern (die Römer mit eingeschlossen) was sie, als modern, miteinander gemein haben, was ganz und gar nicht griechischer Art ist und wodurch sie große Dinge ausrichten. (In meiner Abhandlung habe ich mich darüber weitläuftiger erklärt.) Es ist eine Realität und keine Schranke, und die Neuern haben sie vor den Griechen voraus. Mit dieser modernen Realität verbinden einige, wie z. B. Göthe, eine größere oder kleinere Portion griechischen Geistes, die aber (wo sie nicht ganz und gar, wie in Voß, auf Homerischen Stamm gepfropft ist) dem Griechischen immer nicht beykommt. Ich habe zugleich bemerkt, daß diese Annäherung an den griechisch Geist, die doch nie Erreichung wird, immer etwas von jener „modernen Realität“ nimmt, gerade herausgesagt, daß ein Produkt immer ärmer an Geist ist, je mehr es Natur ist.

Und nun fragt sich, sollte der moderne Dichter nicht Recht haben, lieber auf seinem, ihm ausschließend eigenen Gebiet, sich einheimisch und vollkommen zu machen, als in einem fremden, wo ihm die Welt, seine Sprache und seine Cultur selbst ewig widersteht, sich von dem Griechen übertreffen zu lassen? Sollten mit Einem Wort neuere Dichter nicht beßer thun, das Ideal als die Wirklichkeit zu bearbeiten?

Denken Sie, lieber Freund, vorläufig diesen Gedanken nach. Sie werden alsdann meinen Aufsatz mit mehrerer Neugier durchlaufen.

Ihre Gedanken über den eigentlichen Zweck bey einer Reise nach Italien habe ich sehr überzeugend gefunden.

Hier wurde ich vorhin unterbrochen, und nun ein paar Worte von Herdern. Sie werden im Intelligenzblatt der Litt.Zeitung (aus dem 24sten October) einen sehr großen Ausfall finden, den Wolf auf Herdern gemacht hat, seines Aufsatzes über Homer wegen. Wenn Sie auch glauben sollten, daß Herder jene harten Sachen, die wirkliche Flegeleyen sind, verdient hätte, wie doch gewiß nicht der Fall ist, so werden Sie doch die Philisterhaftigkeit, mit der sie ausgesprochen sind, mißbilligen. Herdern war es gar nicht eingefallen, Wolfen ins Gehege zu kommen, und seine Ausführung hat einen, von jenen Prolegomenen völlig unabhängigen Bestand. Es ist höchst lächerlich, daß der grobe Gesell sich einbildet, er allein könne auf diesem Wasser segeln, und sein Weg sey der einzige. Doch ich will Sie selber urtheilen lassen und führe nur noch an, daß der dumme Teufel mein Epigram, die Ilias betrefend, Herdern zugleich aufrückt und eine Hauptbeschwerde gegen die Herderische Abhandlung auf jenes Epigramm gründet.

Da sich Herder in keinen Streit einlassen will und ich selbst es nicht wünsche, so werde ich, bloß das Aeußere dieses Angriffs und seine Beziehung auf die Horen betrefend, als Redakteur der Horen einige Worte darauf replicieren. Ich wünschte sehr, daß Sie dem ungeschliffenen Gesellen auch in Ihrem Nahmen die Meinung sagten. Sorgen Sie übrigens nicht, daß ich mir einen Federkrieg dadurch auf den Hals laden werde. Ich weiß wohl, daß ich mich in der Grobheit mit einem solchen Herrn nicht messen kann, und werde mich also keiner solchen Waffen bedienen, die ihn in Vortheil setzen. Ich muß schließen, um d Brief noch auf die Post zu bringen. Das nächstemal ein Mehreres. Göthe erwartet jeden Tag die Niederkunft seines Schätzchens; er grüßt Sie. Haben Sie die 2 MusenAlmanache gesehen? Sie sind schlechter, als man sich eine Vorstellung davon machen kann. Der Voßische ist fast der schlechtere. 29 Stücke sind von ihm selbst darin, worunter kein einziges gut, sehr wenige erträglich und etliche abominable sind. Adieu.

Sch.


Bemerkungen

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1 Zu S. 300. Z. 7. Es ist mir sehr fraglich, ob Sch. auf der Karlsschule den Homer im Original oder auch nur in einer Übersetzung schon gekannt hat. Hektors Abschied enthält in der ersten Fassung gar keine wörtliche Anlehnung. Den Stoff konnte er auch anderswoher kennen; ebenso beweist die Stelle Fiesko III. 5.

Auch Patroklus ist gestorben
Und war mehr als du.

noch nicht, daß Schiller den Homer gelesen. Das konnte ihm als geflügeltes Wort sonst bekannt sein. Es lohnte der Mühe, Schillers Jugendschriften auf Beziehungen zum Homer zu prüfen.
2 Zu S. 301. Z. 28. Die Stelle bezieht sich auf Humboldts Brief vom 12. Okt., in dem er ausführte, daß er von einer Reise nach Italien besonders eine große Erweiterung seiner Menschenkenntnis aus dem Studium der Nation erwarte. Diese müsse formloser sein als irgend eine andere Nation und gleichsam der zurückgebliebene Schatten der Alten sein.
3 Zu Z. 31. Vgl. zu Nr. 935 u. 936.
4 Zu S. 302. Z. 17. Humboldt war mit Wolf nah befreundet, wie Schiller wußte, und seine heftigen Ausdrücke über Wolf zeigen daher doppelt die Tiefe seines Ingrimms über Wolfs Entgegnung. Humboldts Antworten an Sch. vom 30. Okt. und 6. Nov., sowie seine Briefe an Wolf vom 9. u. 23. November (W. u. Humboldts gesammelte Werke Bd. V.) stellen in feinster Weise Herders und Wolfs Verdienste und Fehler gegenüber. Herders Ausführungen erscheinen ihm zu unbestimmt und zu sehr vom Standpunkt des Modernen aus gemacht, auch sei ungerecht, daß Herder Wolfs, den er sehr benutzt habe, nur so gedacht habe, daß niemand sehen könne, wie wichtig sein Verdienst um diese Sache sei, Wolf gegenüber aber hebt er scharf hervor, daß dieser bei aller schwankenden Unbestimmtheit Herders und der Unkenntnis, die er mehrfach verraten habe, doch die Fülle des Geists und die genialische Ansicht der Dinge in Herders Aufsatz nicht hätte verkennen sollen. Eine Entgegnung sei überhaupt nicht erforderlich gewesen und besonders nicht in dem Tone. Namentlich sei ihm aber die Sache unlieb, zumal auch bei seinem nahen Verhältnis zu Schiller, weil er Wolf nicht gern auch gegen die Horen auftreten sehe, „nachdem so elende Menschen so etwas so gern angreifen und mißbrauchen.“
5 Zu Z. 25. Vgl. zu Nr. 936.

 
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