Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

Jena den 26. 8br. [Montag] 95.

Zu dem neuen Hausgenossen gratuliere ich im Voraus. Lassen Sie ihn immer ein Mädchen seyn, so können wir uns noch am Ende miteinander verschwägern.

Ich habe Ihnen vorgestern von der Mad. Stael zu schreiben vergessen. Das Produkt ist mit vielem Geiste geschrieben, und da es darinn mehr wetterleuchtet als ordentlicher Tag ist, so qualifiziert es sich gar nicht übel zum Commentieren. Eine eigentliche Harmonie hinein zu bringen möchte schwer seyn und auch die Mühe nicht genug lohnen. Im einzelnen aber läßt es sich versuchen, auch habe ich mir schon etliche Materien daraus gewählt, die auch sonst nicht außer der Zeit seyn werden.

Sie haben einige mahl den Ausdruck: verführen von der Poesie gebraucht. Ich wünschte zu wissen, wie dieß im Original heißt, ob es bloß täuschen überhaupt bedeutet, weil verführen auch in ästhetischer Bedeutung einen Nebenbegriff hat.

Es freut mich, daß Sie in Ihren italienischen Papieren so viel Ausbeute finden. Ich war immer auf diese Papiere sehr begierig, nach dem wenigen zu urtheilen, was Sie davon haben laut werden lassen. Erinnern Sie Sich bey diesen Nachforschungen auch der Horen und leiten Sie einen Arm dieses Paktolus hinein.

Ich bin begierig, was Sie zu dem Wolfischen Ausfall sagen werden, wenn Sie ihn gelesen. Herder wünscht, daß ich bloß als Redakteur etwas darüber sagen möchte, insofern auch die Horen mit getroffen werden sollten; und da ich es nicht für rathsam halte, ganz zu schweigen und dem Philister gleich anfangs das letzte Wort zu lassen, so will ich es lieber thun, als dass ganz geschwiegen wird.

Ich habe die zwey neuen Musen-Almanache gelesen, die über die Maaßen dürftig und elend sind. Voß hat 29 Stücke in den seinigen geliefert, worunter Sie vergeblich ein einziges gutes suchen, und die meisten abominable sind. Ich habe sie Herdern mitgegeben.

Leben Sie recht wohl. Ich hoffe bald wieder von Ihnen zu hören.

Die Meinigen grüßen.

Sch.


Bemerkungen

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1 Zu S. 297. Z. 23. Wolfs herbe Kritik des Herderschen Horenaufsatzes: „Homer, ein Günstling der Zeit“ bestärkte Goethe in dem Gedanken, überhaupt Gericht über alle, die im allgemeinen und im besondern gegen die Horen geschrieben hatten, zu halten. „Wenn man dergleichen Dinge in Bündlein bindet, brennen sie besser.“ Vgl. an Sch. vom 28. Okt. Aus diesem Gedanken entwickelten sich die Xenien, die in der That brannten. Vgl. Schriften der Goethe-Gesellschaft VIII. S. XVI.
2 Zu S. 298. Goethe erwartete die Geburt eines Kindes, das aber nach wenigen Wochen schon starb.
3 Zu Z. 13. Goethes Übersetzung der Frau von Stael Versuch über die Dichtungen erschien im 2. Horenstück 1796.
4 Zu Z. 31. Herder hatte Schiller am 26. Okt. in Jena besucht. Vgl. K.
5 Zu S. 299. Z. 6. Den Göttinger (Herausgeber Reinhard) und den Voßschen Musenalmanach.

 
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