Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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            1795

Friedrich Schiller an Wilhelm von Humboldt.

Jena den 5. 8br [Montag] 95.

Den letzten Freitag, da ich Ihnen schreiben wollte, liebster Freund, kam Meyer auf seiner Reise nach Italien hier durch und brachte noch einen Tag mit uns zu, welches mich abhielt, meinen Vorsatz auszuführen. Aus dem, was er mir sagte, erhellt, daß weder Er, noch Göthe auf einen langen oder gar bleibenden Auffenthalt in Italien denken, sondern in spätestens 2 Jahren Alles abgethan zu haben denken. Er spricht schon von Abgüssen, die er von einigen Antiken machen werde, um solche nach Weimar für Rechnung des Herzogs zu liefern und dort in Ruhe darnach zu zeichnen.

Heute ritt Göthe zu mir herüber und ist so eben wieder abgereißt. Nächsten Donnerstag geht er mit einem Auftrag vom Herzog nach Frankfurt, wo er einige Wochen zu bleiben gedenkt. Er grüßt Sie freundlichst und wird Ihnen bald schreiben. In den letzten Wochen war er so beschäftigt, dass er das Zimmer kaum verließ, weil Unger Mscrpt haben wollte, und er über seinen italienischen Sachen den Rest des VI Buchs von Meister hatte liegen lassen. Er will mir vor oder auf der Reise eine kleine Schrift der Madame Stael von der Erfindung (nur etliche Bogen stark) übersetzen, welches wir dann mit einigen Anmerkungen convoyiert in die Horen setzen wollen. Sonst ist für dieses Jahr schwerlich mehr etwas von ihm zu erwarten. Ihre längere Abwesenheit beklagt er sehr. Auch der Anatomie wegen hat er sich auf Ihr Hierseyn im Winter gefreut. Würden Sie sich dazu entschließen können, ihm Ihr Logis zum AbsteigsQuartier zu erlauben, wenn er den Winter eine Zeit lang hier zubrächte? Für Ihre Sachen, die etwa aus dem Wege zu räumen wären, würde Lolo schon Sorge tragen.

Für heute nur kurze Nachrichten und Anfragen, denn ich habe den bewußten Horentag, auf den ich immer meine Briefe anstehen lasse. Der Druck des Almanachs gefällt mir wohl, und ich habe an den ersten Bogen nichts auszusetzen, als dass noch so viele leere Räume geblieben sind, wozu nach meiner Meinung die kleinen Stücke hätten benutzt werden können, die jetzt (wie der Unwandelbare etc.) eine neue und eigene Seite anfangen. Dass Sie die Druckfehler auf den folgenden Bogen noch bemerkt ist ein wahres Glück, so wie überhaupt Ihre jetzige Gegenwart in Berlin dem Almanach sehr wohlthätig ist. Wie beruhigt es mich mein theurer Freund, daß ich dieses Geschäft in Ihren Händen weiß!

Der Corrector muß doch im Grunde ein recht dummer Teufel seyn! Können Sie mir das was nach Empfang dieses Briefs abgedruckt ist, noch schicken, so erweisen Sie mir eine Gefälligkeit. Das NahmenRegister werden wir wohl nach Art des Göttinger Al. einrichten, und die Gedichte nach ihren Verfassern rangieren müssen. Es wird eine gute Wirkung thun, wenn es nicht so eng ausfällt.

Von Michaelis ist noch keine Zeile und kein Geld angelangt, obgleich er Ihnen schon vor 14 Tagen sagte, dass er es abgeschickt habe. Niethammer verliert die Geduld, und da M. nun hier offenbar gelogen hat, so weiss ich nicht, was ich von ihm denken soll. Die Bücher an meinen Vater, die doch wahrscheinlich durch meine Hände gegangen wären, habe ich auch noch nicht. Sie sehen daraus doch, daß der Mensch einmal zu Geschäften nichts taugt. Daß der Almanach auch nicht im Meßkatalog vorkommt, wissen Sie wohl schon.

Die Nachrichten von dem Glück, das Ihre und meine Aufsätze in Naturhistorisch. Schriften machen, haben mich sehr unterhalten. Zweifeln Sie gar nicht, mein theurer Freund, daß Ihre Ideen über das Geschlecht endlich noch ganz current und als wißenschaftliche Münze ausgeprägt werden, sobald Sie nur noch eine ausführlichere Darstellung daran wenden. Diese ist allerdings noch nöthig, und die Sache verdient sie auch so sehr. Ich warte jetzt nur auf einige öffentliche Stimmen des Beyfalls über Würde der Frauen; und eine schickliche Gelegenheit, um es öffentlich zu sagen, wieviel in jenen Aufsätzen ligt. Goethe wird Sömmering in Frankfurth aufsuchen und mir von der feuchten Seele schreiben. Was für seltsame Dinge doch die Sucht nach dem Neuen und Außerordentlichen ausheckt!

Hier die Elegie. Ich habe sie heute auch Göthen gelesen, auf den sie sehr gewirkt hat. In Ansehung der Versification bin ich, auf Ihre Warnung, strenger gegen mich gewesen, und ich denke nicht, daß Sie einen erheblichen Fehler dagegen finden werden. Ich bin voll Erwartung, was Sie dazu sagen werden. Körners Urtheil habe ich schon. Es sind unterdessen auch 6 biß 8 kleinere Stücke fertig geworden, die Sie, mit einigen Herderischen vermischt, aus dem Xten Horenstücke herauslesen werden. Dieses Stück enthält auch wieder 16 Artikel, und ich hoffe das XIte biß auf 25 zu steigern, da ich noch mehrere von Herdern übrig habe und hoffentlich selbst noch zuweilen einen Einfall haben werde. Das hier folgende Neunte soll uns schon ziemlich Credit verschaffen.

Noch wollte ich, um einem langen Wunsch nachzugeben und ich zugleich in einer neuen Gattung zu versuchen, eine romantische Erzählung in Versen machen, wozu ich auch den rohen Stoff schon habe. Aber ob ich gleich voraussehe, ihn überwältigen zu können, so fürchte ich doch, daß es nicht ohne großen Zeitaufwand abgehen werde, welches Opfer für eine bloße Grille am Ende doch vielleicht zu groß ist. Scheiben Sie mir Ihre Gedanken darüber, lieber Freund, und bringen Sie dabey auch eine kleine Eitelkeit von mir in Rechnung. Ich habe mich nach und nach in sovielen Fächern und Formen versucht, daß die Frage entsteht, ob ich den Kreis nicht vollenden soll. Auch ist das Publikum wie es scheint auf diese Mannichfaltigkeit bey mir aufmerksam geworden, und sie scheint ein Ingredienz der Vorstellung zu seyn, unter der ich den meisten Lesern erscheine. Auf diesem Wege scheint also der Kranz zu liegen, der für mich zu erringen ist. Nehmen Sie aber auf diese öffentliche Stimme auch nicht mehr Rücksicht als sie verdient, und bringen meine Eitelkeit nicht anders in Anschlag, als insofern sie die Quelle von etwas Gutem werden kann.

Ich möchte auf der andern Seite gern sogleich an meine Malteser gehen, wozu ein recht ungeduldiges Verlangen mich treibt. Da ich Hofnung habe, von December inclusive bis zum April für die Horen nicht so sehr nöthig zu seyn, so könnte ich in diesen 4 Monaten sehr weit kommen, wo nicht ganz und gar mit jenem Trauerspiel fertig werden. Oder sollte ich vielleicht überall keinen Gedanken daran haben? Zuweilen traue ich mir etwas darin zu, und besonders dürfte dieses Sujet noch am Wenigsten mißlingen. Da es mit Chören verbunden ist, so knüpft es sich auch schon eher an meine jetzige lyrische Stimmung an. Es enthält eine einfache heroische Handlung, eben solche Charaktere, die zugleich lauter Männliche sind, und ist dabey Darstellung einer erhabenen Idee, wie ich sie liebe.

Denken Sie, lieber Freund, noch einmal recht streng über mich nach, und schreiben mir dann Ihre Meinung. Poesie wird auf jeden Fall mein Geschäft seyn; die Frage ist also bloß, ob episch (im weitern Sinne des Worts) oder dramatisch?

Adieu, theurer Freund. Der guten Li sagen Sie die herzlichsten Grüße. Lolo denke ich wird auch schreiben, und Ihnen die hiesig Neuigkeiten melden. Ich umarme Sie von ganzem Herzen. Ihr

Sch.


Bemerkungen

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1 Zu S. 283. Z. 4. Vgl. zu Nr. 920.
2 Zu Z. 15. Die Reise wurde wieder aufgegeben. Vgl. Goethe an Sch. vom 16. Okt.
3 Zu Z. 21. Vgl. Goethe an Sch. vom 6. Okt.
4 Zu S. 284. Z. 6. Vgl. X.
5 Zu Z. 11. Vgl. zu Nr. 909 und Humboldt an Sch. vom 12. Okt.
6 Zu Z. 19. Vgl. Humboldt vom 22. Sept. Zu Z. 27. Vgl. X.
7 Zu S. 285. Z. 3. Die feuchte Seele bezieht sich auf Humboldts Nachricht in X. von Sömmerings Schrift: Über das Organ der Seele.
8 Zu Z. 14. Das 10te Horenstück enthielt 7, das 11te 11 und das 12te 13 Nummern.
9 Zu Z. 20. An welchen Stoff für eine romantische Erzählung Schiller hier denkt, ist mir nicht sicher, vielleicht an den Kampf mit dem Drachen. Vgl. Sch. an Körner den 29./2. 1796.
10 Zu S. 286. Z. 20. Humboldt entschied für das Drama.

 
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