Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

Jena den 29. Aug. [Sonnabend] 95.

Das Mährchen ist bunt und lustig genug, und ich finde die Idee, deren Sie einmal erwähnten, „das gegenseitige Hülfleisten der Kräfte und das Zurückweisen auf einander“ recht artig ausgeführt. Meiner Frau hat es viel Vergnügen gemacht; sie findet es im Voltairischen Geschmack, und ich muß ihr Recht geben. Uebrigens haben Sie durch diese Behandlungsweise sich die Verbindlichkeit aufgelegt, daß alles Symbol sey. Man kann sich nicht enthalten, in allem eine Bedeutung zu suchen. Die vier Könige präsentieren sich gar prächtig, und die Schlange als Brücke ist eine charmante Figur. Sehr charakteristisch ist die schöne Lilie mit ihrem Mops. Das Ganze zeigt sich überhaupt als die Produktion einer sehr fröhlichen Stimmung. Doch hätte ich gewünscht, das Ende wäre nicht vom Anfang getrennt, weil doch beyde Hälften einander zu sehr bedürfen, und der Leser nicht immer behält, was er gelesen. Ligt Ihnen also nichts daran, ob es getrennt oder ganz erscheint, so will ich das nächste Stück damit anfangen; ich weiß zum Glück für das Neunte Rath, und kommt dann das Mährchen im X Stück auf einmal ganz, so ist es um so willkommener.

An dem Epigramm, das ich beylege, fehlt der Schuß. Seyen Sie so gütig, es mir mit ehester Gelegenheit zurück zu schicken.

Mit meiner Gesundheit geht es noch nicht viel beßer. Ich fürchte, ich muß die lebhaften Bewegungen büßen, in die mein Poetisieren mich versetzte. Zum Philosophieren ist schon der halbe Mensch genug und die andere Hälfte kann ausruhen; aber die Musen saugen einen aus.

Seien Sie herzlich gegrüßt zu Ihrem Geburtstag.

Sch.

         N. S.

An den Herzog habe ich noch kein Exemplar des VIII Stücks gesendet. Sie sind wohl so gütig es zu besorgen.

Wenn Sie H. v. Humboldt zu schreiben haben, so kann ich den Brief einschließen.


Bemerkungen

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1 Zu S. 246. Z. 9. Goethe muß nach seinem Brief vom 25. Aug. den Anfang des Märchens, Schiller am 24., als er in Jena war, übergeben haben und Schiller zunächst einen ungünstigen Eindruck davon erhalten haben.
2 Zu Z. 26. Goethe wünschte erst in Z., daß das Märchen auf zwei Horenstücke verteilt würde. Aber er stimmte später zu, daß es ganz im 10. Stück abgedruckt werde.
3 Zu Z. 28. Vgl. Nr. 899.
4 Zu S. 247. Z. 19. Die Subskribentenliste ist nicht erhalten, wenigstens mir nicht bekannt. Cotta wollte sie nach dem Briefe vom 7. Aug. am 9ten anfertigen. Auch ein Begleitbrief, in dem Cotta meldete, daß einige Subskribenten mitten im Jahr abgesprungen seien, ist nicht erhalten. Vgl. Nr. 901 und Cotta an Schiller vom 11. Sept.
5 Zu Z. 22. Nach dem Kalender wäre Nr. 898 erst am 30. August, also gestern, abgesandt. Goethe war zu dieser Zeit in Ilmenau.
6 Zu Z. 6. Goethe ergänzt ein Z. den Pentameter: schwellend im Herbste gedeiht.
7 Zu Z. 15. Gemeint ist das 29. Epigramm. Goethe antwortete: „ter ist in be (unbeständig) verwandelt, so mag es wohl noch hingehen.“ Darnach hatte Goethe anfänglich bewußt unterständig geschrieben; ich glaubte erst im Sinne von „dreist“, „in Überhebung“ wie sich unterstehen = sich erdreisten; im Gespräche mit Freunden bin ich eines bessern belehrt worden: Unterständig = unter dem rechten Stand = unterwertig bleibend = inferior.

 
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