Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wilhelm von Humboldt.

Jena den 21. Aug. [Freitag] 95.

Hier liebster Freund wieder einige neue Stücke zum Almanach, welche den übrigen in der hier bemerkten Ordnung anzuschließen bitte. Der nächste Posttag hoffe ich soll Ihnen die Epigramme, die eben copiert werden, nebst den noch restierenden Gedichten bringen.

Ich habe seit meinem letzten Briefe an Sie einige fruchtbare Stimmungen erlebt, davon die beyliegenden Gedichte die Früchte sind. Zu diesen kommt noch ein anderes größeres, welches aber noch nicht ganz fertig ist und die letzte Lieferung beschließen wird. Natur und Schule lassen Sie aber noch aus der Reyhe so lange weg, biß ich Ihnen noch einmal geschrieben. Vielleicht dass ich dieses Stück in die Horen setze.

Sie wundern sich vielleicht darüber, dass ich noch soviel für den Almanach thue, und nicht eher mich der Horen annehme. Aber ob ich gleich nicht Willens bin, den Almanach dem Juden zu lassen, so halte ich diese Entreprise doch für solid genug, um einen Versuch zu machen, sie im Gang zu bringen. Mit den Horen gebe ich zuweilen die Hofnung auf. Nicht allein deßwegen, weil es zweifelhaft ist, ob uns das Publicum treu bleiben wird, sondern weil die Armuth am Guten, die kaltsinnige Aufnahme des wenigen vortreflichen mir die Lust mit jedem Tage raubt. Ich werde zwar nicht vorsetzlich zum Untergang des Journals beytragen, aber es auch nicht sehr emsig in seinem Falle zu halten bemüht seyn. Der Almanach ist eine so wenig beschwerliche und sichere Unternehmung, daß es nicht zu verantworten wäre, wenn ich ihn leichtsinnig fallen lassen wollte. Die Epigramme, meine eignen und Herders Beyträge geben dem Almanach ein entscheidendes Uebergewicht, wie ich hoffen kann, über seine Mitbewerber, daß selbst Michaelis Armseligkeit ihn nicht ganz soll zu Grund richten können. Sie sind so gütig, wenn wir Michaelis loswerden sollten, ihn sogleich auf meine oder Cottas Rechnung bey Ungern drucken zu lassen zu 2000 Auflage, worunter 500 auf Schweitzer- und die übrigen auf gutem Schreibpapier. Die übrige Einrichtung bleibt Ihnen und Ungern überlassen. Cotta hat mir auf meine Anfrage schon geschrieben, daß er den Almanach auch noch auf dieses Jahr nehmen würde. (Auch könnte selbst wenn wir mit Michaelis nicht brechen, gleich nach Empfang dieses Briefs an dem Druck (wenigstens an dem Satz der ersten Bogen) angefangen werden, weil der Almanach doch in jedem Fall gedruckt werden soll.) Auch will ich den Epigrammen eine eigene pagina mit römischen Zahlen geben lassen, daß sie zugleich neben den übrigen Gedichten einen Setzer und eine Presse beschäftigen können. Auf diese Art gewinnen wir Zeit.

Ich ersuche Sie also, lieber, gleich nach Empfang meines Briefs den Satz der ersten Bogen des Almanachs anfangen zu lassen, auch Ungern zu bitten, daß er Schweitzer- und SchreibPapier bereit halten mag. Unterdessen kommen wir mit Michaelis zu irgend einer Entscheidung, so daß entweder Er (Michaelis) oder wir über den Abdruck genauer verfügen können. Es ligt mir soviel nicht daran, 15 oder 20 Ldors bey diesem Arrangement zu verlieren, sobald nur der Zweck erreicht und der Almanach für die Messe fertig wird.

Was die Verlegung des Almanachs auf das nächste Jahr betrift, so dürfen Sie nur an Michaelis schreiben, daß, nach meiner Abrede mit den Autoren, dieses nicht mehr thunlich sey. Sie dürfen ihm auch bestimmt sagen, daß er den Almanach auf jeden Fall nur dieses einzige Jahr verlegen würde. Mein Contract mit ihm verpflichtet mich bloß zu einer halbjährig Aufkündigung, und hier ist eine zwölfMonatliche. Auch kann er dabey keinen Schaden haben, denn das Debüt des dießjährigen Almanachs ist von diesem Arrangement völlig unabhängig, und behält d Almanach auch nach der Hand noch einen Werth, so ist Er es doch immer, der den ersten Jahrgang verkauft.

Ihnen überlasse ich es ob lateinische oder deutsche Schrift zum Almanach genommen werd soll. Hätte Unger eine recht passende kleine lateinische Schrift, so würde ich dieselbe vorziehen; doch bin ich nicht so sehr darauf gestellt, und es kommt ganz darauf an, wie Sie Seine SchriftProben finden. Es versteht sich daß alle Hexameter u. Pentameter ohne Unterschied gebrochen werden. Die Nahmen der Autoren Cursiv im lat. U. Schwabacher im deutschen. Das Format natürlicherweise Duodez. Sie können aber Ungern vorschlagen, ob er nicht sehr großes Papier dazu nehmen und in Sedez brechen will, weil dieses den Vortheil verschaft, daß man nur 6 Bogen abzudrucken hat. Göpferdt findet diese Einrichtung vorzuziehen. Auch wird dabey Zeit und Geld gewonnen.

Sollte Michaelis sich geben, und die Sache Ihren alten Gang gehen, so bitte ich Sie, die hier bemerkten Sachen Ungern dennoch zu empfehlen; auch bitten Sie ihn, daß er alsdann auf meine Kosten 1 Dutzend Exemplarien auf SchweitzerPapier über die Zahl abziehen lassen möge, da ich ja nicht sicher bin, ob ich ein einzig Exemplar von Michaelis erhalte.

Die 55 Ldors behalten Sie, wenn Sie bezahlt werden, und bring mir solche im October mit. Meinen Vater habe ich schon bezahlt. Die 12 Exemplarien sind Sie so gütig nur an mich zu schicken.

Ihr letzter Brief mit den HorenNachrichten hat mich sehr belustigt; das ist indeß nicht zu läugnen, daß Sie und ich verdient haben, in unserer Erwartung getäuscht zu werden, weil unsere Erwartung nicht auf eine gehörige Würdigung des Publicums gegründet war. Ich glaube, daß wir Unrecht gethan, solche Materien u. in solcher Form in den Horen abzuhandeln, und sollten sie fortdauern, so werde ich vor diesem Fehler mich hüten. Die Urtheile sind zu allgemein und zu sehr übereinstimmend, als daß wir sie zugleich verachten und ignorieren könnten.

Meyers Reise nach Italien ist nun bestimmt und wird in wenigen Wochen vor sich gehen. Ich erwarte ihn jeden Tag mit G. weil er Abschied nehmen will.

G. giebt für die Horen dieses Jahr noch, 1) einige Blätter zu der letztern Geschichte in den Unterhaltungen, wo Ferdinand in späteren Jahren erscheint 2) Apollos Geburt nach Homer 3) Drama und Roman verglichen 4) Ein Mährchen; 5) den Eingang zum Celini und 6) (wie er schreibt, sehr bedingungsweise) etwas aus dem Faust. Herders Homeridischen Aufsatz habe ich noch immer nicht und weiß in diesem Augenblick noch nicht, wo ich den 3ten Bogen zum 9ten Stück hernehmen werde, von dem ich schon die 2 ersten zum Druck abgeschickt habe. So arm sieht es bey uns aus! Ich habe zwar dieser Tage etliche Aufsätze von fremden Autoren erhalten, aber die ich schlechterdings nicht brauchen kann. Im äusersten Falle kann ich freilich von mir einen Aufsatz geben, welches mir aber doch jetzt eine unangenehme Diversion machen würde, da ich im beßten poetischen Feuer bin.

Ihre Briefe, lieber Fr. sind mir ein rechter Trost, und ob ich gleich von dem liebevollen Begriffe, den Sie sich von mir bilden, den Antheil abziehen muß, den Ihre Freundschaft daran hat, so dient er mir doch zu einer fröhlichen Ermunterung, deren ich weit öfter bedarf als entrathen kann. Der Wunsch und die Hofnung, es Ihnen recht zu machen, hat mich auch bei diesen poetischen Arbeiten belebt und gestärkt und wird es auch künftig thun. Uebrigens kenne ich nun bald meine Stärke sowohl als meine Schranken im poetischen Felde. Diese letzteren werden mir wohl das Dramatische verbieten, aber auf das Epische werde ich dafür ernstlicher losgehen, nicht auf die große Epopee versteht sich.

Doch darüber u über dieses ganze Capitel mündlich. Ich freue mich, daß nun doch eine volle Hälfte Ihrer Abwesenheit vorbey ist. Unterdessen werde ich in der poetischen Welt noch einige Wanderungen machen, und Sie führen mich dann mit freundschaftlicher Hand in die Wirklichkeit zurück.

Göthe versichert mir, daß die Beschwerden, die ich ihm über das VIte Buch d. Meisters machte, in dem achten beantwortet und hinweggeräumt seyen. Ich hatte ihn merken lassen, was ich gewünscht hätte, daß vorzüglich berührt worden wäre, und was, nach meiner Meinung, noch mehr in dem Gegenstande läge, als er angedeutet hätte. Bey dieser Gelegenheit habe ich aufs neue erfahren, daß man ihm sehr viel Wahrheit sagen kann.

Leben Sie wohl, lieber Freund. Ich freue mich auf Ihre nächsten Briefe, die jetzt fast mein einziger Berührungspunkt mit der Aussenwelt sind.

Herzliche Grüße an Li von uns allen. Ihr

Sch.

N. S. Ich hatte anfangs im Sinn, unter mehreren Nahmen im Almanach mich zu verkappen und dadurch einen größern Schein von Mannichfaltigkeit hervorzubring; da aber jetzt ohne das Mannichfaltigkeit genug und durch Herdern der anonymität schon zuviel ist, so fällt jene Ursache weg, und es ist der wenigen Kleinigkeiten nicht der Mühe werth, zu lügen. Seyen Sie daher so gut und setzen unter die drey Kleinigkeiten, die mit O und Bsch bezeichnet sind, meinen Nahmen. Ich halte es für gut, daß ich recht oft darinnen vorkomme, und werde darauf bedacht seyn, wenigstens 25mal darinn genannt zu seyn. Auch da wo Th steht, setzen Sie Göthens Nahmen.

Eben erhalte ich Nachricht von Göthe, daß ich Morgen Herders Aufsatz erhalte, und daß er vortreflich gerathen sey. Göthe schickt mir eben auch den Schluß der Erzählung in d Unterhaltung, die aber nur einen ½ Bogen gedruckt ausmacht. Das Mährchen ist schon darinn angekündigt.

Natur u Schule lassen Sie noch aus der Sammlung heraus. Aber den spielenden Knaben und die Ilias mögen Sie irgendwo unterstecken, wo noch Platz ist, oder wo Sie etwas herauswünschen und eine Lücke auszufüllen ist. Beyde Stücke müssen vorab Platz finden, denn alles was noch kommt ist besetzt.


Bemerkungen

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1 Zu S. 269. Z. 1. Der jüdische Buchhändler Michaelis wird, wie schon erwähnt, mit Unrecht von Schiller so schlecht gemacht. Er war selbst der Betrogene, weil er sein Vertrauen einem Unwürdigen geschenkt hatte. Andrerseits war Schiller durch Cotta verwöhnt, dem nicht nur unternehmenden, geschäftsgewandten Buchhändler, sondern dem Manne von freierer Empfänglichkeit für das Geniale und von dem Idealismus, der den Menschen in allen Ständen den eigentlichen Adel giebt.
2 Zu Z. 2. Unger hatte als Buchdrucker einen hervorragenden Ruf.
3 Zu S. 240. Z. 20. 25 Ldors schuldete Michaelis Schillers Vater als Honorar, oder jetzt dem Dichter Schiller, da dieser dem Vater die Summe durch Cotta hatte auszahlen lassen; 30 Ldors war das Honorar für die Gedichte des Musenalmanachs. Den völlig unbegreiflichen, unwürdigen Verdacht Gödekes (Geschäftsbrfe. S. 159), daß die 55 Ldors eigentlich als Honorar für das Vaters Buch über die Baumzucht vereinbart gewesen seien, Schiller aber 30 Ldors., den größeren Teil, für sich behalten habe, hat schon Fielitz im Archiv f. Littgesch. V. S. 469. ff. schlagend widerlegt. Brief des Vaters Schillers an Sch. vom 28. Juli 1795. In Max Kochs Zeitschrift f. vergl. Litteraturgesch. 1894.
4 Zu Z. 24. Humboldt hatte das Urteil eines jemand über Schs. ästhetische Briefe berichtet, daß man nach ihrer Lektüre nicht auszudrücken wisse, was man gelesen; (so hatte auch Fichte im Brief vom 27. Juni 1795 an Sch. geschrieben). Humboldt fügte sehr fein hinzu: „Im Grunde halte ich dieses Urtheil für sehr wahr, nur daß es mehr ein Urtheil über den Leser, als über Sie ist.“ Schiller bezeugt an unserer Stelle wieder seine schon Fichte gegenüber scharf geäußerte Verachtung des großen Publikums seiner Zeit.
Von den angekündigten Aufsätzen Goethes erschienen alle in den Horen, bis auf Faust und über Drama und Roman. Zu dem letzten vgl. Sch. an K. d. 2. Juni 95 u. Körner an Sch. d. 15. Juni. Goethe brachte die Ausführung in das 7. Kapitel des V. Buches seines Wilh. Meister.
5 Zu S. 241. Z. 3. Vgl. Sch. an Goethe vom 17. August und Goethe an Sch. vom 18. August.
6 Zu Z. 24. Goethe an Sch. vom 21. August.

 
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