Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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            1795

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

Den 17. Aug. [Montag] 95.

Ich nahm Ihre neuliche Zusage nach dem Buchstaben und rechnete darauf, Sie Morgen als den Dienstag gewiß hier zu sehen: dieß ist Ursache daß ich den Meister so lange behielt und Ihnen auch nichts darüber schrieb. Sehr hätte ich gewünscht, mit Ihnen über dieses VIte Buch mündlich zu sprechen, weil man sich in einem Brief nicht auf alles besinnt und zu solchen Sachen der Dialog unentbehrlich ist. Mir däucht, dass Sie den Gegenstand von keiner glücklichern Seite hätte fassen können, als die Art ist wie Sie den stillen Verkehr der Person mit dem heiligen in sich eröfnen. Dieses Verhältniß ist zart und fein, und der Gang, den Sie es nehmen lassen, äußerst übereinstimmend mit d Natur.

Der Uebergang von der Religion überhaupt zu der christlichen durch die Erfahrung der Sünde ist meisterhaft gedacht. Ueberhaupt sind die leitenden Ideen des Ganzen treflich, nur, fürchte ich, etwas zu leise angedeutet. Auch will ich Ihnen nicht dafür stehen, daß nicht manchen Lesern vorkommen wird, als wenn die Geschichte stille stünde. Hätte sich manches näher zusammenrücken, anderes kürzer fassen, hingegen einige Hauptideen mehr ausbreiten lassen, so würde es vielleicht nicht übel gewesen seyn. Ihr Bestreben, durch Vermeidung der trivialen Terminologie der Andacht ihren Gegenstand zu purifizieren und gleichsam wieder ehrlich zu machen, ist mir nicht entgangen; aber einige Stellen habe ich doch angestrichen, an denen, wie ich fürchte, ein christliches Gemüth eine zu „leichtsinnige“ Behandlung tadeln könnte.

Dieß wenige über das, was Sie gesagt und angedeutet. Dieser Gegenstand ist aber von einer solchen Art, daß man auch über das, was nicht gesagt ist, zu sprechen versucht wird. Zwar ist dieses Buch noch nicht geschloßen, und ich weiß also nicht, was etwa noch nachkommen kann, aber die Erscheinung des Oheims und seiner gesunden Vernunft scheint mir doch eine Crise herbeyzuführen. Ist dieses, so scheint mir die Materie doch zu schnell abgethan: denn mir däucht, daß über das Eigenthümliche christlicher Religion und christlicher Rel. Schwärmerey noch zu wenig gesagt sey; daß dasjenige, was diese Religion einer schönen Seele seyn kann, oder vielmehr was eine schöne Seele daraus machen kann, noch nicht genug angedeutet sey. Ich finde in der christlichen Religion virtualiter die Anlage zu dem höchsten und edelsten, und die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir bloß deßwegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen dieses höchsten sind. Hält man sich an den eigenthümlichen Charakterzug des Christenthums, der es von allen Monotheistischen Religionen unterscheidet, so ligt er in nichts anderm als in der Aufhebung des Gesetzes oder des Kantischen Imperativs, an dessen Stelle das Christenthum eine freie Neigung gesetzt haben will. Es ist also in seiner reinen Form Darstellung schöner Sittlichkeit oder der Menschwerdung des heiligen, und in diesem Sinn die einzige ästhetische Religion; daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion bey der weiblichen Natur so viel Glück gemacht, und nur in Weibern noch in einer gewissen erträglichen Form angetroffen wird. Doch ich mag in einem Brief über diese kitzlichte Materie nichts weiter vorbringen, und bemerke bloß noch, daß ich diese Saite ein wenig hätte mögen klingen hören.

Ihre Wünsche, die Epigramme betreffend, sollen pünktlich erfüllet werden. Die Druckfehler in den Elegien haben mich auch sehr verdroßen, und ich habe den wichtigsten im Intelligenzblatt der Litt.Z. sogleich anzeig lassen; es sind aber Fehler des Copisten, nicht des Setzers, und lassen sich also künftig um so eher verhüten.

Mit der Ausführung dessen, was Sie für die restirenden Monate in die Horen versprechen werden Sie mir große Freude machen, und noch einmal wiederhohle ich meine Fürbitte wegen Faust. Lassen Sie es auch nur eine Scene von 2 oder 3 Seiten seyn. Das Mährchen wird mich recht herzlich erfreuen und die Unterhaltung für dieses Jahr schön schließen.

Ich habe in dieser Woche mich zwar körperlich nicht besser befunden, aber doch Lust und Laune zu einigen Gedichten gehabt, die meine Sammlung vermehren werden.

Meine Frau wünscht zu erfahren, ob die Nadeln, in welche Sie das sechste Buch neulich gepackt haben, Symbole von Gewissensbissen vorstellen sollen.

Leben Sie recht wohl. Ich sehne mich Sie bald zu sehen und unsern Freund Meyer.

Schiller.


Bemerkungen

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1 Zu S. 234. Z. 2. Das Datum hat Boxberger, Archiv f. Littgesch. II. 562 festgesetzt.
2 Zu Z. 25. Die Zusage des Besuchs verstehe ich nicht, wenn nicht etwa das kurze Billet Goethes, datiert den 17. August 1795, Brfw. m. G. 4. Aufl. Nr. 87, falsch datiert ist und etwa auf den 14. August zu setzen ist.
3 Zu S. 235. Z. 32. Vgl. die tabula votiva

Mein Glaube.

Welche Religion ich bekenne? Keine von allen,
   Die du mir nennst! „Und warum keine?“ Aus Religion.

4 Zu S. 236. Z. 31. Goethes Antwort in Z. auf diese Frage lautete: „Sagen Sie der lieben Frau, daß sie meine symbolischen Nadeln gesund brauchen und verlieren möge.“

 
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