Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wilhelm von Archenholz.

Jena den 10. Juli [Freitag] 1795.

Schon mehrere Wochen, mein vortrefflicher Freund, habe ich mit jedem Posttage auf einen Aufsatz von Ihrer Hand geharrt, wozu Ihr letzter Brief mir eine sehr nahe Hoffnung machte, und habe deßwegen immer verschoben, Ihnen zu antworten. Beynahe aber fürchte ich, daß Sie mich vergessen haben, und will also meine Antwort nicht länger verschieben.

Ihre Darstellung von der Räumung Toulons ist ein treffliches Stück, und wer es weiß, was dazu gehört, für eine so verwirrte und wilde Masse den rechten Standpunkt zu finden; und die Parthieen zu ordnen, der muß den Verstand bewundern, womit es angelegt und entwickelt ist. Auch der Geschichtsschreiber muß wie der Dichter und Historienmaler genetisch und dramatisch zu Werk gehen; er muß die produktive Einbildungskraft des Lesers ins Spiel zu setzen wissen, und bey der strengsten Wahrheit ihr den Genuß einer ganz freyen Dichtung verschaffen. Dieses haben Sie hier, und wahrhaftig nicht hier allein, in hohem Grade erreicht, und es müßte ein schlechter Maler seyn, der nach Ihrer Darstellung nicht in Stand gesetzt wäre, ein ausdrucksvolles Gemälde jener fürchterlichen Begebenheit hinzuwerfen. Ich bin ein zu schlecht belesener Historiker, als daß ich über Ihre historische Treue urtheilen, oder wenn ich es auch thäte, daß mein Urtheil darüber für Sie einen Werth haben könnte; aber daß Sie die historische Kunst mehr als irgend einer in Ihrer Gewalt haben, dieß ist ein Zeugniß, das ich Ihnen, öffentlich und im Stillen, zu geben bereit und begierig bin.

Auf das, was Sie über Polen sagen werden, bin ich sehr neugierig. Auch in der Wahl Ihrer Stoffe habe ich Sie öfters beneidet: aber vielleicht ist es nicht der Stoff, sondern der Geist, womit Sie ihn beleben, was ihn fruchtbar macht.

Ist Ihnen noch nicht die Idee gekommen, ein kurzes, gedrängtes Tableu von dem amerikanischen Freyheitskrieg aufzustellen. Ich kenne nichts in der neuern Geschichte, was unter der Hand eines guten Meisters so allgemein anziehend werden könnte; denn die französische Revolution ist wenigstens vor der Hand noch nicht reif für die historische Kunst.

               Ganz der Ihrige

Schiller.


Bemerkungen

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1 Zu S. 208. Z. 28. Im 12. Horenstück 1795 erschien von Archenholz ein Aufsatz über Sobiesky.

 
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