Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

Jena den 6. Jul. [Montag] 1795.

Eine große Expedition der Horen, die ich heute habe, läßt mir nur einige Augenblicke frey, um Sie zu Ihrer Ankunft im Karlsbad, welche wie ich hoffe, glücklich gewesen ist, zu begrüßen. Ich freue mich, daß ich von den 30 Tagen Ihrer Abwesenheit viere wegstreichen darf.

Von Fichte habe ich einen Brief erhalten, worinn er mir zwar das Unrecht, das ich ihm gethan, sehr lebhaft demonstriert, dabey aber sehr bemüht ist, nicht mit mir zu brechen. Bey aller nicht unterdrückten Empfindlichkeit hat er sich sehr zu mäßigen gewußt, und ist bemüht den raisonnablen zu spielen. Daß er mir Schuld giebt, seine Schrift ganz misverstanden zu haben, ist eine Sache die sich von selbst versteht. Daß ich ihm aber Verworrenheit der Begriffe über seinen Gegenstand Schuld gab, das hat er mir kaum verzeyhen können. Er will mir seinen Aufsatz, wenn er ganz fertig ist, zum Lesen schicken und erwartet, daß ich alsdann mein übereiltes Urtheil widerrufen werde. So stehen die Sachen, und ich muß ihm das Zeugniß geben, daß er sich in dieser critischen Situation noch ganz gut benommen hat. Sie sollen seine Epistel lesen, wenn Sie zurück kommen.

Von hiesigen Novitäten weiß ich Ihnen nichts zu schreiben, als daß die Tochter vom Hofr. Schütz wirklich gestorben ist, er selbst aber sich erträglich befindet.

Woltmann, der mich vor einigen Tagen besuchte, versicherte mir, daß nicht Fichte, sondern ein gewisser Fernow (ein junger Maler, der hier studierte, auch Gedichte macht und mit Baggesen eine Zeit lang reißte) Verfasser des Aufsatzes im Merkur über den Styl in den bildenden Künsten sey. Baggesen selbst erzählte dieses, und erklärte dabey, daß jener Aufsatz das sublimste sey, was je über diesen Gegenstand geschrieben worden. Ich hoffe also Sie werden dem großen Ich in Oßmannstädt im Herzen Abbitte thun, und wenigstens diese Sünde von seinem schuldigen Haupte nehmen.

Woltmann sagt mir, daß er angefangen habe, an einem Roman zu arbeiten, welches ich freylich mit seiner übrigen historischen Activität nicht recht reimen kann.

Von Humboldt habe noch keine Nachricht. Daß Ihr Aufenthalt im Karlsbad recht fruchtbar für Ihre Gesundheit und für die mit genommenen Beschäftigungen seyn möchte, wünsche ich von Herzen. Sollte sich eine Gelegenheit finden, mir den Rest des Vten Buchs zu schicken, so würden Sie mir eine große Freude damit machen.

Von den Horen habe ich zwei Exemplarien nach Ihrer Vorschrift verschickt.

Meine Frau empfiehlt sich Ihnen beßtens. Leben Sie recht wohl und behalten uns in freundschaftlichem Angedenken.

Sch.


Bemerkungen

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Vom 19. Juli. (Schs. Brief vom 6. erreichte Goethe erst am 17. Juli.)
1 Zu S. 203. Z. 3. An Körner schrieb Sch. am 4. Juli (Nr. 871), daß er eine große Expedition von Briefen habe. Vielleicht ist auch dieser Brief (Nr. 873) am 4. Juli begonnen.
2 Zu Z. 8. Vgl. zu Nr. 867.
3 Zu Z. 26. Goethe hatte am 14. Mai an Sch. über diesen Aufsatz geschrieben, daß der Verfasser aus unvollständiger Erfahrung sich prostituiert habe. Beide Dichter hatten Fichte als Verfasser angenommen, der sich infolge der studentischen Unruhen nach Osmannstädt zurückgezogen hatte. Über Fernow, den Sohn eines Ackerknechts, der als Bibliothekar der Herzogin Amalie in Weimar starb, und dem Goethe und Schiller später nahe standen, vgl. die Allgem. Deutsche Biographie. Schiller kannte ihn wohl schon durch Baggesen und Reinhold.

 
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