Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Sophie Mereau.

Jena den 18 Jun. [Donnerstag] 95.

Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen für die überschickten Beyträge zu meinem Almanach nicht früher als heute danke. Kopf- und Zahnschmerzen, die mich schon seit mehreren Tagen quälen, raubten mir alle Stimmung zu einem Urtheil über poetische Werke.

Mit vielem Vergnügen las ich Ihre Gedichte. Ich entdeckte darinn denselben Geist der Contemplation, der allem aufgedrückt ist, was Sie dichten. Ihre Phantasie liebt zu symbolisieren, und alles was sich ihr darstellt, als einen Ausdruck von Ideen zu behandeln. Es ist dieß überhaupt der herrschende Charakterzug des deutschen poetischen Geistes, wovon uns Klopstok das erste und auffallendste Muster gegeben, und dem wir alle, der eine weniger der andere mehr, nicht sowohl nachahmen als durch unsere nordisch-philosophierende Natur gedrungen folgen. Weil leider unser Himmel und unsre Erde der eine so trüb die andre so mager ist, so müssen wir sie mit unsern Ideen bevölkern und ausschmücken, und uns an den Geist halten, weil uns der Körper so wenig fesselt. Deßwegen philosphieren alle deutschen Dichter, wenige ausgenommen, welche Sie so gut kennen als ich.

Ich habe mir die Freyheit eines Redacteur genommen und in Ihren Gedichten einiges angestrichen, wogegen ein strenger Aristarch etwas ein wenden möchte. Sie finden vielleicht Zeit und Lust, diese Kleinigkeiten zu ändern. Schwarzburg hat vorzüglich meinen Beyfall. Nur finde ich dieses Gedicht um ein merkliches zu lang: es übersteigt beynah um 1 Drittheil die Grenze, welche der Ton der Empfindung und die Natur der Sache dergleichen Schilderungen setzt. Auch dieß ist ein Fehler, den wir alle mit Ihnen theilen, und den ich um so weniger Bedenken trage zu rügen, da ich mir ihn selbst vorzuwerfen habe. Allen den jetzt überschickten Gedichten haben Sie einen Geist der Melancholie aufgedrückt. Nun wünschte ich auch einige zu lesen, die eine fröliche Stimmung und einen Geist der Lustigkeit athmen. Leben Sie recht wohl und nehmen meine Bemerkungen so freundschaftlich auf, als ich sie niedergeschrieben habe.

Schiller.

 
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