Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

Jena den 15. Jun. [Montag] 95.

Dieses fünfte Buch Meisters habe ich mit einer ordentlichen Trunkenheit, und mit einer einzigen ungetheilten Empfindung durchlesen. Selbst im Meister ist nichts, was mich so Schlag auf Schlag ergriffen und in seinem Wirbel unfreywillig mit fortgenommen hätte. Erst am Ende kam ich zu einer ruhigen Besinnung. Wenn ich bedenke, durch wie einfache Mittel Sie ein so hinreissendes Interesse zu bewirken wußten, so muss ich mich noch mehr verwundern. Auch was das Einzelne betrift, so fand ich darinn trefliche Stellen. Meisters Rechtfertigung gegen Werner seines Uebertritts zum Theater wegen, dieser Uebertritt selbst, Serlo, der Souffleur, Philine, die wilde Nacht auf dem Theater u. dgl. sind ausnehmend glücklich behandelt. Aus der Erscheinung des anonymen Geistes haben Sie so viel Parthie zu ziehen gewußt, daß ich darüber nichts mehr zu sagen weiß. Die ganze Idee gehört zu den glücklichsten die ich kenne, und Sie wußten das Interesse, das darinn lag, bis auf den letzten Tropfen auszuschöpfen. Am Ende freylich erwartet jedermann den Geist bey der Tafel zu sehen, aber da Sie selbst an diesen Umstand erinnern, so begreift man wohl, daß die NichtErscheinung ihre guten Ursachen haben müsse. Über die Person des Gespenstes werden so viele Hypotheken gemacht werden, als mögliche Subjekte dazu in dem Romane vorhanden sind. Die Majorität bey uns will schlechterdings daß Mariane der Geist sey, oder doch damit in Verbindung stehe. Auch sind wir geneigt, den weiblichen Kobold, der Meistern in seinem Schlafzimmer in die Arme zu packen kriegt, für Eine Person mit dem Geist zu halten. Bey der letztern Erscheinung habe ich aber doch auch an Mignon gedacht, die an dem heutigen Abend sehr viele Offenbarungen über ihr Geschlecht scheint erhalten zu haben. Sie sehen aus dieser kleinen herminevtischen Probe, wie gut Sie Ihr Geheimniß zu bewahren gewußt.

Das Einzige, was ich gegen dieses Vte Buch zu erinnern habe, ist, daß es mir zuweilen vorkam, als ob Sie demjenigen Theile, der das Schauspielwesen ausschließend angeht, mehr Raum gegeben hätten, als sich mit der freyen und weiten Idee des Ganzen verträgt. Es sieht zuweilen aus, als schrieben Sie für den Schauspieler, da Sie doch nur von dem Schauspieler schreiben wollen. Die Sorgfalt, welche Sie gewissen kleinen Details in dieser Gattung widmen, und die Aufmerksamkeit auf einzelne kleine Kunstvortheile, die zwar dem Schauspieler und Director, aber nicht dem Publikum wichtig sind, bringen den falschen Schein eines besondern Zweckes in die Darstellung, und wer einen solchen Zweck auch nicht vermuthet, der möchte Ihnen gar Schuld geben, daß eine Privatvorliebe für diese Gegenstände Ihnen zu mächtig geworden sey. Könnten Sie diesen Theil des Werks füglich in engere Grenzen einschließen, so würde dieß gewiß gut für das Ganze seyn.

Jetzt noch ein Wort über Ihre Briefe an den Redacteur der Horen. Ich habe schon ehemals daran gedacht, daß wir wohl daran thun würden, einen kritischen Fechtplatz in den Horen zu eröffnen. Aufsätze dieses Inhalts bringen ein augenblickliches Leben in das Journal, und erregen ein sicheres Interesse beym Publicum. Nur dürften wir, glaube ich, das Heft nicht aus den Händen geben, welches geschehen würde, wenn wir dem Publicum und den Autoren ein gewisses Recht durch unsre förmliche Einladung einräumen. Von dem Publicum hätten wir sicherlich nur die elendesten Stimmen zu erwarten, und die Autoren würden sich, wie man Beyspiele hat, sehr beschwerlich machen. Mein Vorschlag wäre, daß wir die Angriffe aus unserm eigenen Mittel machen müßten: wollten dann die Autoren sich in den Horen vertheidigen, so müßten sie sich den Bedingungen unterwerfen, die wir ihnen vorschreiben wollen. Auch wäre deßhalb mein Rath, sogleich mit der That und nicht mit der Proposition anzufangen. Es schadet uns nichts, wenn man uns für unbändig und ungezogen hält.

Was würden Sie dazu sagen, wenn ich mich, im Nahmen eines Herrn von X., gegen den Verfaßer von Wilh. Meister beschwerte, daß er sich so gern bei dem SchauspielerVolk aufhält, und die gute Societät in seinem Roman vermeidet? (Sicherlich ist dieß der allgemeine Stein des Anstoßes, den die feine Welt an dem Meister nimmt, und es wäre nicht überflüssig, auch nicht uninteressant, die Köpfe darüber zu recht zu stellen.) Wenn Sie antworten wollen, so will ich Ihnen einen solchen Brief fabrizieren.

Ich hoffe, daß es mit Ihrer Gesundheit jetzt wieder besser geht. Der Himmel segne Ihre Geschäfte und hebe Ihnen noch recht viele so schöne Stunden auf, wie die waren, in denen Sie den Meister schrieben.

Auf die Beyträge zu d. Almanach und auf die Unterhaltungen, wozu Sie mir Hofnung gemacht haben, harre ich mit großem Verlangen. In meinem Haus geht es besser. Alles grüßt Sie.

Sch.


Bemerkungen

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1 Zu S. 187. Z. 6. Goethe folgte Schs. Rat „wegen des theoretisch-praktischen Gewäsches“ und ließ bei einigen Stellen die Scheere wirken. Vgl. Z.
2 Zu Z. 8. Vgl. Nr. 860.
3 Zu Z. 33. Goethe verschob die Entscheidung auf mündliche Besprechung. Die Sache kam nicht zur Ausführung.
4 Zu S. 188. Z. 6. Vgl. Z.

 
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