Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Gottfried Körner.

Jena, den 2. Jun. [Dienstag] 95.

Seit 14 Tagen habe ich mich wieder in großer Noth befunden. Die Fortsetzung meiner Briefe für die Horen drängte mich und das üble Wetter wollte mir gar keine Ruhe gönnen. Jetzt geht es mit beyden besser. Der größte Theil meines Geschäfts ist gethan, und ich fange auch an, mich leidlicher zu befinden. Auch meine Frau hat sich diese Zeit her an den Masern, die aber doch nicht ordentlich ausbrachen, krank befunden und ist noch nicht ganz wohl. Humbold sah ich deßwegen schon seit 12 Tagen nicht, weil die Masern eine Sperre zwischen uns machten. Der kleine ist noch allein ganz gesund. Sonst erwarte heute nicht viel Tröstliches von mir. Ich wollte Dir bloß schreiben, dass ich noch lebe, und warum Du nichts von mir hörtest.

Herder hat mir die Terpsichore auch geschickt, und mich sehr damit überrascht. Ich lege Dir einen Brief von ihm bey, worin er eine Idee von mir, dass Du ihn recensiren möchtest, sehr lebhaft ergreift. Mir wäre es doch lieb, wenn ein Verhältniss zwischen Euch käme. Die Terpsichore verdient gewiß eine Beurtheilung besserer Art. Schreibe mir doch bald ob Du Dich zu dieser Sache geneigt fühlst.

Deine Ergiessungen über Meister habe ich Göthe, der wieder hier ist, vorgelesen und ihm Freude damit gemacht. Auf die Comödie will er aber nicht entrieren; denn er meynt, dass wir kein gesellschaftliches Leben hätten.

Er hat bey der Revision seines Mscrpts. für die Fortsetzung des W Meisters eine interessante Materie über d. Unterschied zwischen Roman und Drama unter die Feder bekommen, worinn mir die Hauptidee sehr gefällt. Der Roman, sagt er, fodert Gesinnungen und Begebenheiten, das Drama Charakter und That. –

Im Roman darf der Zufall mithandeln, aber der Mensch muss dem Zufall eine Form zu geben suchen. Im Drama muss das Schicksal herrschen, und dem Menschen widerstreben u. s. f.

Die Ausführung dieser Ideen, wovon er mir ausführlicher gesprochen, gibt ihnen sehr viel Wahres.

Die Louise von Voß ist vortrefflich und hat mir ungemein viel Freude gemacht.

Hast Du Wolfs prolegomena zum Homer gelesen, worinn die Einheit der Homerischen Werke mit den stärksten Gründen bestritten seyn soll?

Dein Aufsatz in d. Horen ist schon abgedruckt in meinen Händen. In einigen Tagen bringt mir die fahrende Post die zu verschickenden Exemplarien.

Herzliche Grüße von uns beyden an Euch alle

               Dein

S.


Bemerkungen

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1 Zu S. 178. Z. 8. Vgl. zu Nr. 851.
2 Zu Z. 28. Eine schriftliche Ausführung dieser Ideen Goethes ist wohl nicht erfolgt.

 
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