Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Gottfried Herder.

Jena den 17 May [Sonntag] 95.

Mit dem Geschenk der Terpsichore haben Sie mich aufs angenehmste überrascht. Daß Sie einen solchen Dichter aus seinem Grabe erwecken u. so schön erwecken muß Ihnen jeder Freund der poetischen und philosophischen Muse danken. Das Kleid, das Sie ihm geben steht ihm wie angegossen, und mit Mühe kann ich mich überreden, daß ich eine Übersetzung lese. Auch die Versarten könnten, soweit ich sie gelesen habe, nicht glücklicher gewählt seyn, und wehe dem Ohre dem hier durch den Reim nachgeholfen werden müßte.

Ich würde mir das Vergnügen nicht nehmen lassen, dieß angenehme Produkt dem Publikum selbst anzuzeigen, wenn ich nicht fürchten müßte, die Anzeige dadurch um mehrere Monate aufzuhalten, da ich mich die nächsten drey oder vier Monate vor dringenden Arbeiten für die Horne und meinen Musenalmanach kaum zu besinnen weiß.

Aber ich sende es, sobald ich es ganz gelesen habe, an meinen Freund Körner, der ein trefflicher Beurtheiler ist, und, wenn er nicht zu blöd ist, die Arbeit zu wagen, sie gewiß vortrefflich ausführen wird.

Mit wahrer Sehnsucht sehe ich einem neuen Beytrag von Ihnen für die Horen entgegen, u. daß Sie den Musenalmanach mit dotieren helfen wollen, macht mir nicht wenig Freude. Die Arbeiten für die Horen, und überhaupt die gegenwärtige abstrakte Richtung meines Gemüthes haben mir nicht erlaubt, eine neue Form dafür auszudenken und meine Wünsche in Rücksicht auf diese Sammlung höher zu steigern, als ihr überhaupt durch Auswahl des Guten einen Werth vor ihren Schwestern zu geben. Alles was Sie dafür thun wollen wird zur Erreichung dieser Absicht in höchstem Grade dienen, und alle Formen stehen Ihnen frey.

Herrn Michaelis erwarte ich alle Tage hier. Ich werde ihm durch Eröfnung Ihres Versprechens große Freude machen. Die Luise von Voß, die jetzt ganz heraus ist, haben Sie ohne Zweifel gelesen. Sie ist ein gar artiges Produkt. Ich wünschte sehr zu wissen, was Sie zu dem harten Sturm sagen, den Prof. Wolf in Halle auf Homer gethan. Wäre es nicht interessant, über diesen Gegenstand auch in den Horen ein Wörtchen zu sagen.

Meine Frau trägt mir auf Ihnen auch in ihrem Nahmen für die Terpsichore recht verbindlich zu danken, und empfiehlt sich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin aufs beste.

Schiller.


Bemerkungen

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1 Zu S. 173. Z. 15. Der Dichter ist Balde.
2 Zu Z. 29. Schiller schrieb darüber an Körner, der auch den Gedanken lebhaft ergriff, ihn aber nicht ausführte.
3 Zu S. 174. Z. 19. Bezieht sich wohl auf Wolfs Prolegomena. Herder veröffentlichte einen Aufsatz: „Homer, ein Günstling der Zeit“ im 9. Horenstück.

 
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