Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Benjamin von Erhard.

Jena d. 5 May [Dienstag] 95.

Das unglückliche Schicksal Ihres Freundes geht mir sehr zu Herzen und lebhaft fühle ich mit Ihnen das Peinliche dieser Lage, wo Sie zusehen müssen, wie ein Freund, dem Sie geholfen haben würden, das Opfer des Unverstandes wird. Doch nach Ihrer eigenen Beschreibung gebe ich noch nicht alle Hofnung auf, denn gerade deßwegen, weil der ganze Anfall den Decursus einer hitzigen Krankheit hat, so kann man hoffen, daß er auch ehe eine Crise haben und in keine eigentliche Manie übergehen werde.

Sind es denn die Menschen werth, daß ein gescheider Mann ihrentwegen sich aufsetze, seinen Verstand zu verlieren? Wahrhaftig sie sind es nicht.

Mich freute es sehr, mein Lieber, daß Ihre DenkungsArt sich auf den gemäßigten und ruhig festen Ton gestimmt hat, den ihre neuesten Arbeiten unverkennbar zeigen. Nach und nach, denke ich mir, sollen Sie Sich ganz und gar von dem Felde des praktischen Cosmopolitism zurückziehen, um mit Ihrem Herzen sich in den engeren Kreis der Ihnen zunächst liegenden Menschheit einzuschließen, indem sie mit Ihrem Geist in der Welt des Ideals leben. Glüend für die Idee der Menschheit, gütig und menschlich gegen den einzelnen Menschen, und gleichgültig gegen das ganze Geschlecht, wie es wirklich vorhanden ist – das ist mein Wahlspruch.

Wenn Sie mir erlauben, außer denjenigen Stellen, welche in Ihren Briefen über Platos Republick die ganze Correspondenz einleiten, noch hie und da einen Ausdruck zu ändern, der für die Leser der Horen zu fremd seyn könnte, so kann ich Ihren Beytrag ganz gut für die Horen gebrauchen. Einem andern Journal gönne ich ihn nicht; auch wünschte ich, daß Ihnen der Vortheil des größern Honorars nicht entzogen würde. Ich kann Ihnen für alle Ihre Aufsätze, sobald solche nur für unser Publicum popular genug sind, 5 Louisdor par Bogen auszahlen lassen.

Was meine Theorie betrifft, wie ich sie in den Aesthetischen Briefen aufzustellen angefangen, so hoffe ich, daß nach und nach jede Zweydeutigkeit verschwinden soll. Ich bin auf ein ausführliches Urtheil vom alten Kant sehr begierig, der mir versprochen hat, die Briefe zu studieren und mir dann seine Meinung davon zu sagen. Beym ersten Durchlesen war er recht wohl damit zufrieden, wie er schreibt. Dem Verfasser des Aufsatzes über den Geschlechts Unterschied läßt er mehr Gerechtigkeit widerfahren, als Sie, ob er gleich Zweifel gegen seine Behauptungen äusert.

Adieu Lieber theurer Freund. Meine Frau grüßt Sie herzlich, und wir beyden wünschen Ihnen Aufheiterung und guten Muth. Möchten wir einander bald wieder eine Zeitlang genießen. Ganz der Ihrige

Schiller.


Bemerkungen

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Der Brief ging erst am 8. Mai mit einem Begleitbrief von Schillers Frau ab (vgl. B.). Erhard antwortete ihr am 13. Mai. (Urlichs, Charl. v. Sch. III. S. 95.)
1 Zu S. 169. Z. 22. Vgl. Schillers Gedicht An einen Weltverbesserer im 9. Horenstück 1795:

Von der Menschheit – du kannst von ihr nie groß genug denken;
   Wie du im Busen sie trägst, prägst du in Thaten sie aus.
Auch dem Menschen, der dir im engen Leben begegnet,
   Reich ihm, wenn er sie mag, freundlich die helfende Hand.
Nur für Regen und Tau und fürs Wohl der Menschengeschlechter
   Laß du das liebe Geschick walten wie gestern so heut.

2 Zu Z. 27. Es ist Erhards Aufsatz: Die Idee der Gerechtigkeit als Prinzip einer Gesetzgebung betrachtet, der im 7. Horenstück erschien.
3 Zu S. 170. Z. 7. In Kants Brief vom 30. März 1795.

 
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