Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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            1795

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

J. den 19. März [Donnerstag] 95.

Auf das Gemählde, das Sie jetzt entworfen haben, bin ich nicht wenig neugierig. Es kann weniger als irgend ein andres aus Ihrer Individualität fließen, denn gerade dieß scheint mir eine Saite zu seyn, die bey Ihnen, und schwerlich zu Ihrem Unglück, am seltensten anschlägt. Um so erwartender bin ich wie Sie das heterogene Ding mit Ihrem Wesen gemischt haben werden. Religiöse Schwärmerey ist und kann nur Gemüthern eigen seyn, die beschauend und müßig in sich selbst versinken, und nichts scheint mir weniger Ihr Casus zu seyn als dieses. Ich zweifle keinen Augenblick, daß Ihre Darstellung wahr seyn wird – aber das ist sie alsdann lediglich durch die Macht Ihres Genies und nicht durch die Hülfe Ihres Subjects.

Ich bin seit einiger Zeit meinen philosophischen Arbeiten untreu geworden, um in der Geschwindigkeit etwas für das 4te Stück der Horen zu schaffen. Das Loos traf die bewußte Belagerung von Antwerpen, welche auch schon ganz erträglich vorwärts gerückt ist. Die Stadt soll übergegangen seyn, wenn Sie kommen. Erst an dieser Arbeit sehe ich, wie anstrengend meine vorige gewesen; denn ohne mich gerade zu vernachläßigen, kommt sie mir bloß wie ein Spiel vor, und nur die Menge elenden Zeugs, die ich nachlesen muß, und die mein Gedächtniß anstrengt, erinnert mich, daß ich arbeite. Freilich gibt sie mir auch nur einen magern Genuß; ich hoffe aber, es geht mir wie den Köchen, die selbst wenig Appetit haben, aber ihn bey andern erregen.

Sie würden mir einen großen Dienst erweisen, wenn Sie mir den sehnlich erwarteten Prokurator biß Montag gewiß schicken könnten. Ich würde alsdann nicht genöthigt seyn, den Anfang meiner Geschichte in den Druck zu geben, ehe das Ende fertig ist. Sollten Sie aber verhindert seyn, so bitte ich mir es noch Sonnabends zu wißen zu thun. Doch hoffe ich das Beßte.

Mich freut herzlich, daß Sie die Ostern mit uns zubringen wollen, und ich bedarf auch wieder einer lebhaften Anregung von aussen von einer freundschaftlichen Hand.

Meyern bitte ich herzlich zu grüßen. Ich wünschte, daß er uns bald wieder etwas liefern möchte. Das Siegel für die Horen habe ich noch nicht erhalten.

Alles empfiehlt sich Ihnen und erwartet Sie mit Verlangen.

Sch.

D. 20.) Diesen Morgen erhalte ich Ihr Paquet, welches mich in jeder Rücksicht froh überraschte. Die Erzählung ließt sich mit ungemeinem Interesse; was mich besonders erfreute, war die Entwicklung. Ich gestehe, daß ich diese erwartete, und ich hätte mich nicht zufrieden geben können, wenn Sie hier das Original nicht verlassen hätten. Wenn ich mich nämlich anders recht erinnere, so entscheidet beim Boccaz bloß die zeitig erfolgte Rückkehr des Alten das Glück der Kur.

Könnten Sie das Mscrpt mir Montags früh zurücksenden, so geschähe mir dadurch eine große Gefälligkeit. Sie werden wenig mehr dabey zu thun finden.


Bemerkungen

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1 Zu S. 149. Z. 3. Sechstes Buch des Wilh. Meister. Vgl. X.
2 Zu Z. 29. Goethe sandte den Prokurator am 19. März. Vgl. zu Nr. 764.
3 Zu S. 150. Z. 11. Das Paket enthielt den Prokurator.
4 Zu Z. 17. Vgl. zu Nr. 764.

 
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