Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

Jena den 22. Febr. [Sonntag] 95.

Ihrem Verlagen gemäß folgt hier das 4te Buch des W. Meister. Wo ich einigen Anstoß fand, habe ich einen Strich am Rande gemacht, dessen Bedeutung Sie bald finden werden. Wo Sie sie nicht finden, da wird auch nichts verloren seyn.

Eine etwas wichtigere Bemerkung muß ich bey Gelegenheit des GeldGeschenkes machen, das Wilhelm von der Gräfinn durch die Hände des Barons erhält und annimmt. Mir däucht – und so schien es auch Humboldten – daß nach dem zarten Verhältniße zwischen ihm und der Gräfinn, diese ihm ein solches Geschenk und durch eine fremde Hand nicht anbieten, und er nicht annehmen dürfe. Ich suchte im Context nach etwas, was ihre und seine Delikatesse retten könnte, und glaube, daß diese dadurch geschont werden würde, wenn ihm dieses Geschenk als Remboursement für gehabte Unkosten gegeben und unter diesem Titel von ihm angenommen würde. Entscheiden Sie nun selbst. So wie es dasteht, stutzt der Leser und wird verlegen, wie er das Zartgefühl des Helden retten soll.

Uebrigens habe ich beym zweyten Durchlesen wieder neues Vergnügen über die unendliche Wahrheit der Schilderungen und über die trefliche Entwicklung des Hamlet empfunden. Was die letztere betrift, so wünschte ich, bloß in Rücksicht auf die Verkettung des ganzen und der Mannichfaltigkeit wegen, die sonst in einem so hohen Grade behauptet worden ist, daß diese Materie nicht so unmittelbar hinter einander vorgetragen sondern wenn es angienge, durch einige bedeutende Zwischenumstände hätte unterbrochen werden können. Bey der ersten Zusammenkunft mit Serlo kommt sie zu schnell wieder aufs Tapet, und nachher im Zimmer Aureliens gleich wieder. Indeß sind dieß Kleinigkeiten, die dem Leser gar nicht auffallen würden, wenn Sie ihm nicht selbst durch alles vorhergehende die Erwartung der höchsten Varietaet beygebracht hätten.

Körner, der mir gestern schrieb, hat mir ausdrücklich anbefohlen, Ihnen für das hohe Vergnügen zu danken, das ihm W. Meister verschafft. Er hat sich nicht versagen können etwas daraus in Musik zu setzen, welches er Ihnen durch mich vorlegt. Eins ist auf die Mandoline u. das andre auf das Clavier. Die erstere findet sich wohl irgendwo in Weimar.

Noch muß ich Sie ernstlich bitten, sich unsers dritten Stücks der Horen zu erinnern. Cotta bittet mich dringend ihm die Mscrpte früher zu schicken, und meynt, daß der 10te des Monats der späteste Termin seyn müsse, an welchem er das Manuskript beysammen haben müsse. Es müsse also am 3ten von hier abgehen können. Glauben Sie wohl, um diese Zeit mit dem Procurator fertig zu seyn? Meine Mahnung darf Sie aber keineswegs belästigen, denn Sie haben völlig freye Wahl, ihn entweder für das dritte oder vierte Stück zu bestimmen, weil doch eines von diesen beyden Stücken von Ihnen übergangen werden soll.

Herzlich empfehlen wir uns Ihnen alle, und Meyern bitte ich von meiner Seite beßtens zu grüßen.

Schiller.


Bemerkungen

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1 Zu S. 132. Z. 22. Goethe dankt in Z. für diese Bemerkungen, die er benutzen wolle.
2 Zu S. 133. Z. 20. Vgl. Körners Brief vom 16. Febr.
3 Zu Z. 26. Goethe bat, seiner Arbeit am Wilhelm Meister halber ihn von einer Beisteuer zum 3. Horenheft zu entbinden.

 
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