Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Ferdinand Huber.

Jena den 19. Febr. [Donnerstag] 95.

Der Innhalt und noch mehr der Ton Deines Briefs haben mir sehr viel Vergnügen gemacht. Aus beyden ersah ich, daß Du mit Deiner jetzigen Lage nicht ganz unzufrieden seyn kannst, daß Du thätig bist, und daß Du Dich Deiner Freunde mit Interesse erinnerst.

Freilich thust Du recht, eine Veränderung Deines Auffenthalts solange aufzuschieben, bis sich bestimmen läßt, an welchem Ort in oder außer Deutschland Du Dich mit Vortheil niederlassen kannst. Dieß muß nun durch den Gang der politischen Begebenheiten entschieden werden, und so sind wir denn alle miteinander, wie viel oder wenig Antheil wir auch sonst daran nehmen mögen, an dieses Rad gebunden, das der blinde Zufall herumtreibt.

Da ich Dich ganz in deine politische Schriftstellerey versunken glaubte, so wunderte ich mich nicht wenig über Deine Excursion in das speculative Gebieth. Ich würde Dir aufrichtig dazu Glück wünschen, wenn Du mich zugleich versichern könntest, daß Du Zeit genug übrig habest, diese Materie abzuwarten. Die Kantische Philosophie ist aus Einem Stück und läßt sich, eben ihrer großen Consequenz wegen, weniger als jede andere fragmentarisch studieren. Zwar würde es nicht unmöglich seyn, einzelne Entwicklungen Kants auch ohne Beziehung auf das Ganze zu faßen, und sich dafür zu interessieren, aber mit dieser Beziehung auf das übrige Ganze würden sie doch immer ihren größten Wert und ihre tüchtigste Stütze entbehren. Sie könnten höchstens dazu taugen, aufmerksam auf seine Philosophie zu machen und hie und da durch den Schein von Parodoxie eine heilsame Erschütterung der alten Meynungen zu erregen. Ich würde Dir also nie ernstlich rathen können Dich darauf einzulassen, wenn Du mir nicht zugleich sagen kannst, daß Du einige Jahre an dieses Studium wenden wollest, woran ich zweifle. Wolltest und könntest Du es aber, so weiß ich Dir keinen beßern Führer als Kant selbst; Reinhold und alle übrige würden Dich sehr irre machen. Es käme bloß darauf an, die Ordnung zu bestimmen, in der seine Schriften gelesen werden müßten, und auch da würde ich rathen, sogleich mit der Critik der reinen Vernunft anzufangen, mit welcher eine kleine Schrift von ihm: Prolegomena zu einer künftigen Metaphysik verbunden werden könnte.

Auch würdest Du Dich nicht ohne Nutzen eines Erläuternden Auszugs aus Kants Schriften von M. Beck bedienen, der vor einiger Zeit in 2 Theilen zu Leipzig herausgekommen ist. In dieser letztern Schrift sind die Hauptideen der Critik genauer aneinander gereyht, und der Faden, an welchem die Speculation fortgeht ist sichtbarer als in Kants Werke, an welchem der Ueberfluß des Genies manchmal den Leser überladet.

Uebrigens glaube ich mit Dir, daß die Kantische Philosophie in Frankreich jetzt eine gute Aufnahme finden müßte, und ich würde mich gar nicht darüber verwundern, wenn sie sogar mit Enthusiasmus aufgenommen würde. Denn so himmelweit die Grundsätze dieser Philosophie von denen verschieden sind, nach denen bißher in Frankreich verfahren worden, so muß doch nach dem natürlichen Lauf der Dinge, der rigide kühne und oft harte Geist dieser Philosophie einem Volke zusagen, das in so kurzer Zeit hintereinander die zwey entgegengesetzten Arten der Willkühr und alle Drangsale derselben kennen gelernt hat, und durch eine vollständig erschöpfte Erfahrung alles empirischen Ungemachs zu den reinen Ideen der Vernunft hat reif werden müssen.

Durch einige Regionen der Kantischen Philosophie kann vielleicht ich Dein Führer seyn, wenigstens habe ich mich bemüht, einige Ideen derselben nach meiner Art auszuführen. Du findest Proben davon in einem Aufsatz von mir über Anmuth und Würde der in der neuen Thalia (II Stück des Jahrgangs 93) steht, und in einem andern Briefe über die aesthetische Erziehung des Menschen in den Horen, die bei Cotta herauskommen. Die Einwürfe, die ich in dem ersten Aufsatz gegen die Kantische Moral vorbringe, hat Kant selbst in der 2ten Auflage seiner philosophischen Religionslehre zu widerlegen versucht, mich aber nicht befriedigt. Diese philosophische Religionslehre ist von seinen neuen Schriften am leichtesten zu verstehen und steht mit seiner theoretischer Philosophie in einem weniger strengen Zusammenhang. Es käme darauf an, ob diese Schrift sich nicht zu einer Uebersetzung qualifizierte, da sie offenbar am wenigsten von seinem System voraussetzt.

Was man Dir von einer Sammlung meiner Gedichte gesagt hat, ist falsch. Ich habe noch nicht darauf denken können, eine solche Sammlung zu veranstalten; aber in diesem Jahr wird ein Musen Almanach von mir heraus kommen, in welchem auch einige Poetereyen von mir stehen werden. Die Speculative Philosophie hat mich schon drittehalb Jahre beynahe ausschließend beschäftigt, und zu poetischen Arbeiten verläßt mich der Mut in demselben Maaße als meine Forderung strenger und meine Ideen bestimmter werden.

Deine Anfrage wegen Körners kann ich nur im Allgemeinen beantworten, weil ich von Dorchens Verhältnissen nichts genaues weiß. Er ist mit seiner Lage noch ganz wohl zufrieden, und in seinem Hauswesen nach seiner Arth glücklich. Ich bewundere die Energie seines Geistes, die unter so elenden Verhältnissen und Bekanntschaften nicht ganz erstickt werden konnte, ob sie gleich aus Mangel äußerer Nahrung nicht hinreicht, Fürchte zu treiben. Er ist alles was man unter seinen Umständen seyn kann, und ich tadle nichts an ihm, als daß er die Umstände nicht verändert. Sonst ist in seinem Hause alles, wie es vor mehreren Jahren war und an seinen Kindern erlebt er viele Freude.

Auch mir macht der Blick auf meine kleine Familie wohl. Mein Karl hat erst vor 14 Tagen die Blattern, die ich ihm inoculiren ließ glücklich überstanden, und macht mir mit jedem Tage, worin sich etwas an ihm entwickelt neue Freude. Mit meiner Gesundheit ist es wie immer: sie feßelt mich an das Zimmer, aber noch hat sie mein Gemüth ziemlich frey gelassen.

Meine Frau dankt Dir für Dein Andenken. Lebewohl

Dein

Sch.


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1 Zu S. 125. Z. 21. Hubers hier erwähnter Brief meines Wissens nicht bekannt.
2 Zu S. 127. Z. 6. Im Jahre 1796 führte Huber Kants Schrift über den ewigen Frieden in Frankreich ein. Vgl. Speidel u. Wittmann, Bilder aus der Schillerzeit S. 126. Vgl. auch Nr. 818.

 
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