Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
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            1795

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

Jena den 19. Febr. [Donnerstag] 95.

Das elende Wetter hat wieder allen meinen Muth mit fortgenommen, und meine Thürschwelle ist wieder die alte Grenze meiner Wünsche und meiner Wanderschaft. Wie gern will ich von Ihrer Einladung Gebrauch machen, sobald ich meiner Gesundheit ein wenig trauen kann, sollte ich Sie auch nur auf etliche Stunden sehen. Mich verlangt herzlich darnach, und meine Frau, die sich sehr auf diesen Besuch bey Ihnen freut, wird mir keine Ruhe lassen, ihn auszuführen.

Ich gab Ihnen neulich treu den Eindruck zurück, den W. Meister auf mich machte, und es ist also, wie billig, Ihr eigenes Feuer, an dem Sie Sich wärmen. Körner schrieb mir vor einigen Tagen mit unendlicher Zufriedenheit davon, und auf sein Urtheil ist zu bauen. Nie habe ich einen Kunstrichter gefunden, der sich durch die NebenWerke an einem poetischen Product so wenig von dem Hauptwerke abziehen ließe. Er findet in W. Meister alle Kraft aus Werthers Leiden, nur gebändigt durch einen männlichen Geist, und zu der ruhigen Anmuth eines vollendeten Kunstwerks geläutert.

Was Sie von der kleinen Schrift Kants schreiben, erinnere ich mich bey Lesung derselben auch empfunden zu haben. Die Ausführung ist bloß anthropologisch, und über die letzten Gründe des Schönen lernt man darinn nichts. Aber als Physik und Naturgeschichte des Erhabenen und Schönen enthält es manchen fruchtbaren Stoff. Für die ernsthafte Materie schien mir der Styl etwas zu spielend und blumenreich; ein sonderbarer Fehler an einem Kant, der aber wieder sehr begreiflich ist.

Herder hat uns mit einem gar glücklich gewählten und ausgeführten Aufsatz beschenkt, worinn der so gangbare Begriff vom eigenen Schicksal beleuchtet wird. Materien dieser Art sind für unsern Gebrauch vorzüglich paßend, weil sie etwas mystisches an sich haben, und durch die Behandlung doch an irgend eine allgemeine Wahrheit angeknüpft werden.

Weil doch eben vom Schicksal die Rede ist, so muß ich Ihnen sagen, daß ich dieser Tage auch über mein Schicksal etwas entschieden habe. Meine Landsleute haben mir die Ehre angethan, mich nach Tübingen zu vociren, wo man sich jetzt sehr mit Reformen zu beschäftigen scheint. Aber da ich doch einmal zum academischen Lehrer unbrauchbar gemacht bin, so will ich lieber hier in Jena, wo ich gern bin und wo möglich leben und sterben will, als irgend anderswo müßig gehen. Ich hab es also ausgeschlagen, und mache mir daraus kein Verdienst; denn meine Neigung entschied schon allein die ganze Sache, so daß ich gar nicht nöthig hatte, mich der Verbindlichkeiten zu erinnern, die ich unserm guten Herzog schuldig bin, und die ich ihm am liebsten vor allen andern schuldig seyn mag. Für meine Existenz glaube ich nichts besorgen zu dürfen, so lange ich noch einigermaßen die Feder führen kann, und so lasse ich den Himmel walten, der mich noch nie verlassen hat.

H. v. Humboldt aus Bayreuth ist noch nicht hier, und hat über seine Ankunft auch noch nichts bestimmtes geschrieben.

Hier folgen auch die Weißhuhnischen Blätter, von denen ich Ihnen neulich sagte. Ich bitte mir sie bald zurück.

Herzlich empfehlen wir uns alle Ihrem Andenken.

Sch.


Bemerkungen

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1 Zu S. 129. Z. 13. Vgl. Körners Brief an Sch. vom 10. Febr.: „An Kraft können sich mehrere Stellen mit dem Werther messen; und welcher Reichthum von Charakteren, wie viel Anmuthiges und Gedachtes in diesem Werke, was man im Werther nicht findet.“ Man sieht, wie frei Sch. Körners Urteil wiedergiebt.
2 Zu Z. 21. Kants Schrift über das Gefühl vom Schönen u. Erhabenen.
3 Zu Z. 28. Wieso der spielende Stil an Kant sehr begreiflich ist, verstehe ich nicht.
4 Zu S. 130. Z. 6. Über Schillers Berufung nach Tübingen vgl. Brfw. m. C. S. 62. und die Briefe von Schs. Vater an ihn vom 10. u. (?) Februar. (Vgl. Beziehungen S. 137. u. 139.)
5 Zu Z. 21. Im 1. Heft des philosophischen Journals von Niethammer 1795 veröffentlichte Weißhuhn Beiträge zur Synonymistik. Vgl. Düntzer, Schiller u. Goethe S. 80. Die hier von Schiller an Goethe gesandten Weißhuhnschen Blätter waren aber Synonymen, die als Manuskript für die Horen eingesandt worden waren. Vgl. Goethe an Sch. vom 28. Febr.

 
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