Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Friedrich Jakobi.

Jena, den 25. Januar [Sonntag] 1795.

Sie erhalten hier, mein vortrefflicher Freund, den Anfang der Horen, von dem ich wünsche, daß er im Aeußern wie im Innern Ihrer Erwartung entsprechen möchte. Große Mannichfaltigkeit finden Sie darinn freilich noch nicht; diese läßt sich in dem engen Raum von 93 Seiten, worauf wir in diesem ersten Stücke beschränkt waren, nicht wohl zeigen. Zu dieser Mannichfaltigkeit des wahrhaft guten beyzutragen, wird auf Sie Selbst sehr viel ankommen, und wie ungern ich auch das Amt eines Mahners übernehme, so nöthigt mich doch meine Redacteurs Pflicht und die Besorgniß für das Beßte unserer gemeinschaftlich. Unternehmung, Ihnen Ihr gütiges Versprechen wieder in Erinnerung zu bringen. Der böse Krieg, der so viele Menschen ins Verderben stürzt, erstreckt sogar auf die Horen seinen unglückseligen Einfluß, indem er Sie, mein edler Freund, den Musen entführt und flüchtig umhergetrieben hat. Meine Bitte bey Ihnen zu unterstützen, erwarte ich noch eine Beylage von Göthe, die er mir zu schicken versprach. Laßen Sie diese doppelte Supplik nicht vergeblich seyn.

Daß Sie Ihre Flucht nicht in unsre Gegend genommen haben! Wie glückliche Stunden hätten wir im Ideen Wechsel mit ihnen zubringen können. Göthe ist jetzt sehr oft hier mit Meyern, dem vortrefflichen denkenden Künstler. Humboldt wohnt mir gerade gegenüber, und so bringen wir manche trauliche Stunde miteinander zu, die durch Ihren genialischen Umgang noch mehr belebt werden würde.

Sie verlangten zu wissen, wie weit sich das Interdict erstrecke, das wir auf politische Gegenstände gelegt haben. Ihre Frage wird durch den Innhalt dieses ersten Stückes hinreichend beantwortet seyn. Sie finden, daß wir dem philosophischen Geist keineswegs verbieten, diese Materie zu berühren: nur soll er in den jetzigen Welthändeln nicht Parthey nehmen, und sich jede bestimmte Beziehung auf irgend einen particulären Staat und eine bestimmte Zeitbegebenheit enthalten. Wir wollen, dem Liebe nach, Bürger unserer Zeit seyn und bleiben, weil es nicht anders seyn kann; sonst aber und dem Geiste nach ist es das Vorrecht und die Pflicht des Philosophen wie des Dichters, zu keinem Volk und zu keiner Zeit zu gehören, sondern im eigentlichen Sinne des Wortes der Zeitgenosse aller Zeiten zu seyn.

Erhalten Sie mir Ihre Freundschaft, dessen Werth ich in ihrem ganzen Umfang empfinde, und die ich mit dem aufrichtigsten Herzen erwiedere.

Schiller.


Bemerkungen

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1 Zu S. 110. Z. 17. Jacobi war nach Hamburg, Wandsbeck und nach Enkendorf zu seinem Freunde Reventlow geflüchtet.
2 Zu Z. 23. Goethe und Meyer waren bisher zweimal, im Nov. 1794 und Jan. 1795, zusammen in Jena gewesen. Zu Z. 28. Vgl. X.

 
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