Friedrich
Schiller

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Briefe von Friedrich Schiller

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      Schiller, Friedrich
         Briefe
            1795

Friedrich Schiller an Wolfgang von Goethe.

Jena den 7. Jenn. [Mittwoch] 95.

Für das überschickte Exemplar des Romans empfangen Sie meinen beßten Dank. Ich kann das Gefühl, das mich beym Lesen dieser Schrift, und zwar in zunehmendem Grade je weiter ich darinn komme, durchdringt und besitzt, nicht besser als durch eine süße u. innige Behaglichkeit, durch ein Gefühl geistiger und leiblicher Gesundheit ausdrücken, und ich wollte dafür bürgen, daß es dasselbe bey allen Lesern im Ganzen seyn muß.

Ich erkläre mir dieses Wohlseyn von der durchgängig darinn herrschenden ruhigen Klarheit, Glätte und Durchsichtigkeit, die auch nicht das geringste zurückläßt, was das Gemüth unbefriedigt und unruhig läßt, und die Bewegung desselben nicht weiter treibt als nöthig ist, um ein fröhliches Leben in dem Menschen anzufachen und zu erhalten. Ueber das einzelne sage ich Ihnen nichts, biß ich das dritte Buch gelesen habe, dem ich mit Sehnsucht entgegen sehe.

Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, wie peinlich mir das Gefühl oft ist, von einem Produkt dieser Art in das philosophische Wesen hinein zu sehen. Dort ist alles so heiter, so lebendig, so harmonisch aufgelößt und so menschlich wahr, hier alles so strenge, so rigid und abstrakt, und so höchst unnatürlich, weil alle Natur nur Synthesis und alle Philosophie Antithesis ist. Zwar darf ich mir das Zeugniß geben, in meinen Speculationen der Natur so treu geblieben zu seyn, als sich mit dem Begriff der Analysis verträgt; ja vielleicht bin ich ihr treuer geblieben, als unsre Kantianer für erlaubt und für möglich hielten. Aber dennoch fühle ich nicht weniger lebhaft den unendlichen Abstand zwischen dem Leben und dem Raisonnement - und kann mich nicht enthalten in einem solchen melancholischen Augenblick für einen Mangel in meiner Natur auszulegen, was ich in einer heitern Stunde bloß für eine natürliche Eigenschaft der Sache ansehen muß. Soviel ist indeß gewiß, der Dichter ist der einzige wahre Mensch, und der beßte Philosoph ist nur eine Carricatur gegen ihn.

Daß ich voll Erwartung bin zu wissen, was Sie zu meiner Metaphysik des Schönen sagen, darf ich Ihnen nicht erst versichern. Wie das Schöne selbst aus dem ganzen Menschen genommen ist, so ist diese meine Analysis desselben aus meiner ganzen Menschheit heraus genommen, und es muß mir allzuviel daran liegen, zu wissen, wie diese mit der Ihrig zusammen stimmt.

Ihr Hierseyn wird eine Quelle von Geistes- und Herzens Nahrung für mich seyn. Besonders sehne ich mich auch darnach, gewisse DichterWerke in Gemeinschaft mit Ihnen zu genießen.

Sie versprachen mir, mich bey Gelegenheit Ihre Epigramme hören zu lassen. Es wäre eine große Freude mehr für mich, wenn dieses bey Ihrem jetzig Aufenthalt in Jena angienge, da es doch problematisch ist, wie bald ich nach W. kommen kann.

Meyern bitte ich mich recht freundschaftlich zu empfehlen. Alles bey uns freut sich auf Ihre beiderseitig Ankunft herzlich und niemand mehr als Ihr

aufrichtigster Verehrer u Freund

Schiller.

Eben da ich schließen will erhalte ich die willlkommene Fortsetzung Meisters. Tausend Dank dafür.


Bemerkungen

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1 Zu S. 95. Z. 27. Der Roman ist Wilhelm Meister, dessen ersten Band Goethe am 3. Jan. übersandt hatte.
2 Zu S. 96. Z. 14. Vgl. die letzte Ziele des Prologs zum Wallenstein: heiter ist die Kunst.
3 Zu Z. 34. Zum Ausdruck Menschheit vgl. zu Nr. 794.
4 Zu S. 97. Z. 15. Mit dem Briefe vom 5. Januar.

 
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