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Fritz Jonas: Schlusswort zu Schillers Briefen

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Schlußwort.

  Was ich Gutes haben mag, ist durch einige wenige vortreffliche Menschen in mich gepflanzt worden, ein günstiges Schicksal führte mir dieselben in den entscheidenden Perioden meines Lebens entgegen, meine Bekanntschaften sind auch die Geschichte meines Lebens.

Schiller an Charlotte v. Schimmelmann am 23. Nov. 1800 (Nr. 1639).

Die Aufgabe, welche ich mir gestellt hatte, ist erfüllt. Schillers Briefe liegen nunmehr in dieser Ausgabe in der möglichen Vollständigkeit und in der erreichbaren Zuverlässigkeit des Wortlauts vor, und die Anmerkungen geben Aufschluß über den Ort, wo die Originalbriefe aufgehoben werden, über die Druckvorlage, die ersten Drucke und die Briefe, auf welche jeder einzelne Brief Schillers antwortete und durch welche jeder beantwortet wurde. Die Anordnung ist chronologisch, so daß die Briefe als eine Hauptquelle der Biographen Schillers nach der Folge seiner Lebenstage die Entwickelung seines Geistes und den immer wachsenden Kreis seiner Beziehungen zu seinen Zeitgenossen klarlegen und in ihrer Gesamtheit an sich schon einen fast vollständigen Überblick über seine äußeren Lebensverhältnisse, seine persönlichen Beziehungen und das Entstehen seiner Werke gewähren. Darauf gerade kam es mir an, und aus diesem Grunde hielt ich fest an dem ersten Plane, alle noch vorhandenen und mir bekannten Briefe Schillers in meine Ausgabe aufzunehmen und chronologisch zu ordnen, wenn mir auch noch vor Beginn meiner Arbeit von namhaften Gelehrten geraten wurde, meine Arbeit auf die Sammlung der zerstreuten Briefe Schillers zu beschränken, seine Briefe aber, soweit sie schon in großen Sammlungen gedruckt vorlägen, namentlich also seine Briefe an Charlotte von Lengefeld, Karoline von Beulwitz, Gottfried Körner, Friedrich Cotta, Wilhelm von Humboldt, Wolfgang von Goethe und an die Eltern und Geschwister auszuschließen, zumal die Ausgaben dieser Briefsammlungen im großen und ganzen schon zuverlässige Texte darböten und wegen der in ihnen enthaltenen Antworten auf Schillers Briefe den Forschern auf dem Gebiete der Schillerliteratur ohnehin unentbehrlich blieben. Ich erkenne gern an, daß diese Briefwechselausgaben selbst dann ihren Wert behielten, wenn einmal in Ergänzung meiner Ausgabe auch alle Briefe an Schiller in chronologischer Folge abgedruckt würden. Der Austausch der Gedanken mit jedem einzelnen Freunde tritt in diesen Ausgaben klarer zur Erkenntnis. Aber meine Ausgabe bietet eben wieder einen deutlicheren Überblick über die Gesamtheit der Interessen und Beziehungen Schillers, und so meine ich, daß sie neben den genannten Sonderausgaben der Briefwechsel nicht nur berechtigt, sondern notwendig ist. es waren mir während der Arbeit die höchsten Aufmunterungen, wenn ich mündlich, schriftlich oder in gedruckten Besprechungen erfuhr, daß gerade auch diese Gelehrten, welche mit meiner Anlage der Ausgabe nicht einverstanden waren, ohne gerade ihre Meinung aufzugeben, frei und unbefangen auch meine Arbeit mit Wohlwollen verfolgten und lebhaft unterstützten. Ich nenne hier dankbar vor anderen Theodor Mommsen, Erich Schmidt und Jakob Minor. Den beiden letztgenannten Herren verdanke ich besonders auch außer ihrer freundlichen Teilnahme manche schätzbare Mitteilungen und Zuweisungen bisher ungedruckter Briefe. Wenn Minor in einer freundlichen Rezension meiner Ausgabe in den Biographischen Blättern (Bd. I. Heft 3) als Ergänzung meiner Ausgabe auch die Sammlung aller Briefe an Schiller, wenigstens ihrem Hauptinhalt nach, verlangt, so gebe ich ihm darin gewiß recht, daß meine Ausgabe eben nur eine halbe Arbeit ist. Daß gerade ich aber die andere Hälfte auch liefern werde, will ich nicht versprechen. Ich hoffe, daß auch die vollständige Sammlung der Briefe von Schiller für sich schon die Studien über Schiller und seine Werke beleben und fördern wird, und daß sich, wenn ich nicht mehr dazu kommen sollte, ein anderer finden wird, der alle oder doch die zerstreuten Briefe an Schiller vollständig sammelt. In Bezug auf Äußerlichkeiten ist mehrfach getadelt worden, daß ich zu kleinlich orthographische Eigentümlichkeiten im Abdruck festgehalten habe. Ich lege solchen Nebensachen persönlich keinen übermäßig hohen Wert bei. Aber die Meinungen sind auch in dieser Hinsicht sehr geteilt. Michael Bernays hatte von einem Herausgeber der Briefe Schillers auch diese Genauigkeit bis ins Kleine hinein, und ich glaube auch mit Recht, verlangt, und so meinte ich, ein Zuviel in dieser Hinsicht schade sicherlich weniger als ein Zuwenig. Bei den Briefen an Schiller wäre solche Peinlichkeit wohl höchstens in Goethes Briefen am Platze.

Ich kann nur versichern, daß ich in solchen Äußerlichkeiten gewiß nicht den Hauptwert meiner Ausgabe finde oder gefunden wissen will. Dieser liegt nach meiner Meinung, wie schon gesagt, darin, daß die Briefe Schillers, trotz ihrer Lückenhaftigkeit, ein wunderbar klares Bild seines Strebens und Wirkens abgeben, und daß sie gewissermaßen die Beläge sind, wie er unablässig daran gearbeitet hat, sein Denken und Empfinden zu bereichern und zu veredeln, um der Menschheit Würde, die den Künstlern in die Hand gegeben, zu bewahren und zu heben.

Als er Bürgers Gedichte rezensierte, schrieb er die bedeutsamen Worte:

„Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muß es also wert sein, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten, herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft, ehe er es unternehmen darf, die Vortreflichen zu rühren.“

Mit hohem Ernst und immer wachsender Willenskraft hat Schiller selbst an solcher Läuterung seiner Individualität gearbeitet. Dafür zeugen seine Werke; sein edler Sinn mochte und konnte nur edle Gestalten liebevoll schaffen. Natürlich treten auch in seinen Werken um des Gegenspieles willen unlautere Charaktere auf, aber jede Schillersche Dichtung, als Ganzes betrachtet, erhebt und befreit das Gemüt des Hörers oder Lesers und rafft ihn von jeder eitlen Bürde zur Geisterwürde auf, daß er in heilige Gewalt tritt, nichts Irdisches sich ihm nahen darf und er durch die Macht des Gesanges zu seiner Unschuld reinem Glück zurückgeführt wird. Die Briefe helfen im einzelnen seine Dichtungen verstehen, sie zeigen beispielsweise die äußeren Anlässe zur Umarbeitung mehrerer seiner Dramen, sie erklären das Entstehen der Xenien, sie lassen erkennen, wie er durch Beeinflussung von Wieland den Plan seiner Künstler geändert, oder wie er auf Anregung Goethes hier und da im einzelnen eine nähere Motivierung in seine Balladen oder Dramen nachgetragen hat. Aber darin liegt nicht die eigentliche Bedeutung der Briefe; die Dichtungen erklären sich im ganzen genommen völlig genügend durch sich selbst. Der Wert der Briefe liegt in dem Aufschluß, den sie über sein Leben und Streben, sein Wollen und Vollbringen, über die Anregungen, die er empfangen und über die Arbeit, die sein Leben erfüllt hat, geben. Sie sind das wichtigste Quellenmaterial für seine Biographie, und insofern das Leben des Dichters neben seinen Werken noch ein besonderes und eigenartiges Interesse gewährt, und der Genius selbst gewissermaßen als ein Meisterstück der Schöpfung noch größer als seine Werke ist und in diesen noch nicht völlig aufgeht, so behalten eben die Briefe auch neben den Werken ihre Geltung. Nicht jeder Genius freilich hat sich auch in seinen Briefen voll ausgeprägt, und vielleicht kein anderer in der Klarheit wie Schiller; gerade seine Briefe sind darum ein strahlender Schatz in unserer Litteratur, und durch sie erst gewinnen wir ein treues, unmittelbares Bild seines reinen, erhabenen Charakters.

Sollte ich ihren Inhalt in zwei Worte zusammenfassen, so würde ich sagen, sie schildern die Freundschaft, die er frühe suchte und fand, und seine nie ermattende, immer gesteigerte Beschäftigung. Im einzelnen natürlich ist ihr Inhalt von fast unendlicher Mannichfaltigkeit, und je nach dem Adressaten und ihrer Entstehungszeit spiegelt sich in ihnen Schillers Bild in immer neuen Stellungen und Schattierungen ab.

Sieht man von dem ersten steifen und gedrechselten Einladungsschreiben an eine Patin zur Einsegnung ab, das wohl auf fremde Eingebung oder nach fremdem Muster verfaßt ist, so beginnt die Sammlung schwermutsvoll mit traurigen Briefen über ungetreue Freunde, deren vermeintlicher Treubruch seine ganze Seele in Aufruhr gebracht hatte, und über den Tod und die Krankheit anderer Freunde und Kameraden, deren Tod und Schwermut ihm selbst Gedanken des Todes nahe führten. Die Lebhaftigkeit der Empfindung wie des Ausdrucks lassen schon hier die dichterische Beanlagung ahnen. Nach wenigen kurzen burschikosen Billets an einige Freunde aus der Zeit, als er durch die Entlassung aus der Karlsschule verhältnismäßig sich freier fühlte, beginnt die Reihe seiner Briefe an den Intendanten des Mannheimer Theaters, den Freiherrn Heribert von Dalberg, mit dem er zunächst in Verhandlungen über die Aufführung der Räuber in Mannheim eintrat, an dessen Großmut er später nach seiner Flucht appellierte und mit dem er während seines Aufenthalts in Mannheim in lebhaftem mündlichen und schriftlichen Verkehre blieb. Die Briefe an Dalberg zeigen neben der größten Ehrerbietung in der Form und einer sozusagen berechnenden Höflichkeit, eine im Verhältnis zur Jugend ihres Verfassers bewundernswerte geistige Selbständigkeit. Die Not zwingt ihn, als Bittender seine Dienste dem vielvermögenden Reichsfreiherrn anzubieten und ihm seine pekuniären Bedrängnisse zu gestehen, aber sein edles Selbstgefühl läßt durch seine Bitte hindurchklingen, daß er innerlich durch die äußere Not nicht gedemütigt sei. Dalberg hat unzweifelhaft dadurch, daß er Schillers Jugenddramen trotz all ihres stürmischen Dranges, der seinem an den französischen Klassikern genährten Kunstgefühl widerstand, und trotz der Rücksichten, die er auch auf den württembergischen Hof zu nehmen hatte, in Mannheim auf die Bühne brachte, sich um Schiller verdient gemacht, und auch sonst im persönlichen und amtlichen Verkehre vielfach anregend und fördernd auf den jugendlichen Dichter eingewirkt; aber er hat doch den Genius in ihm nicht voll erkannt und sich den Ruhm entgehen lasen, den großen Genius, den ihm sein Glück zuführte, seinem Theater bewahrt und ihn im Elend offen und großherzig unterstützt und von der äußeren Not befreit zu haben. Der Gedanke, daß er einstmals seinen Nachruhm fast nur seinen Beziehungen zu Schiller zu danken haben würde, ist ihm schwerlich jemals zum Bewußtsein gekommen. Der vornehme Reichsfreiherr hatte über große Gewandtheit und feine Formen wohlwollender Gesinnung zu gebieten, aber sein Wohlwollen fand seine Grenzen an den Rücksichten, die ihm sein Stand und seine Stellung aufzuerlegen schienen, und die hohe Meinung von dem eigenen sicheren Kunstgefühl trübte sein Urteil über jung aufstrebende Talente. Die Maßstäbe, die er an Menschen legte, waren zu klein, um einem Genius gerecht zu werden. Anstatt den großen Entwurf der Dramen Schillers mit Begeisterung anzuerkennen und durch Bewunderung den Dichter zu heben, dem er (zu spät) im Jahre 1795 schrieb, daß er, wenn er wolle, unser Shakespeare und auch wohl unser Molière zugleich werden könne, lehnte er schroff die Annahme des Fiesko ab und überließ kalt den Dichter seiner Pein, dem er bei der Aufführung der Räuber Hoffnungen auf seine Protektion erweckt hatte. Daß Dalberg damals dem jungen Dichter, trotzdem seine verzweifelte Lage ihm in ihrem vollen Umfange bekannt war, nicht geholfen hat, bleibt ein Flecken in seinem Bilde, der nicht fortzuwischen ist. Erklären kann man sich seine Handlungsweise wohl aus der Sorge, daß der Herzog von Württemberg eine offene Parteinahme für Schiller ihm hätte verübeln können, aber das rechtfertigt nicht, daß er aus solchen Bedenken dem Dichter der Räuber in der höchsten Notlage vornehm kühl und teilnahmslos den Rücken wandte. Ein großer Moment in seinem Leben fand den sonst mannichfach verdienten Mann leider zu klein. Aber je kleinlicher der hochgestellte, reiche Reichsfreiherr hier handelte, um so größer zeigte sich der junge, in seinen Hoffnungen getäuschte Dichter. Sein treuer Pylades, Andreas Streicher, schildert ihn uns in dem Augenblicke, als er in der höchsten Spannung hoffnungsvoll den schon ersehnten Brief des Regisseurs Meier, des Beauftragten Dalbergs, eröffnete, und statt der erwarteten Anerkennung und Hilfe die niederschlagende Nachricht lesen mußte, daß Baron Dalberg keinen Vorschuß leiste, weil Fiesko in dieser Gestalt für das Theater nicht brauchbar sei, und daß die Umarbeitung erst erfolgt sein müsse, bevor er sich weiter erklären könne. Gedankenvoll blickte der enttäuschte Jüngling bei dieser Nachricht durch ein Fenster, das die Aussicht auf die Mainbrücke hatte. Er sprach lange kein Wort und nur aus den verdüsterten Augen und aus der veränderten Gesichtsfarbe konnte der teilnehmende Freund Streicher schließen, daß Herr Meier nichts Erfreuliches gemeldet habe. Wie treffend bemerkt Streicher in seinem Bericht hiezu: „Wenige junge Männer würden sich in gleichen Umständen mit Mäßigkeit und Anstand über eine solche Versagung ausgesprochen haben. Schiller aber bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüt; denn er ließ nicht die geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine Lippen, ja nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort, so wenig er sich auch vor seinem jüngeren Freunde hätte scheuen dürfen, seinen Unmut auszulassen. Er sann alsobald nur darauf, wie er dennoch zu seinem Zwecke gelangen könne, oder was zuerst gethan werden müsse.“ Schiller versuchte hier wie noch öfter in der trüben Zeit seiner Wanderjahre bei ähnlichen Enttäuschungen, die Qual an seinem Stolze erlahmen zu lassen. Mit gespannter Willenskraft ging er sofort an die leidige Arbeit der Abänderung seines Werkes, um dann freilich nach einigen Monaten wiederum erfahren zu müssen, daß der Fiesko auch in der vorliegenden Überarbeitung nicht brauchbar sei, folglich auch nicht angenommen oder etwas dafür vergütet werden könne. Nicht einmal zu einer von Iffland vorgeschlagenen Gratifikation von acht Louisd’or konnte sich Dalberg entschließen.

Schillers Schuldenlast hatte sich in der Zwischenzeit natürlich noch vermehrt, und zugleich quälte ihn der Gedanke, daß er den treuen Freund Streicher in sein trauriges Schicksal verflochten habe. Dazu schreckte ihn immer noch die Sorge, der Herzog von Württemberg werde ihm nachstellen und vielleicht ein ähnliches Los bereiten wie dem unglücklichen Dichter Schubart. Kurz die Not war aufs höchste gestiegen, aber auch jetzt verschloß und überwand er in sich alle Gefühle der Bitterkeit, und anstatt zu klagen richtete er seine Gedanken auf neue Thätigkeit. Fest entschlossen, trotz aller Not seinem Dichterberufe treu zu bleiben, verbarg er sich in dem ihm freundlichst von der Frau von Wolzogen gebotenen Asyl in Bauerbach bei Meiningen. Das Vertrauen auf fremde Hilfe war durch die Ereignisse erschüttert, um so mutiger beschloß er, durch eigene Willenskraft seinem hohen Ziele zuzustreben. Sein Mißerfolg hatte den Adel seiner großen Seele nur gestärkt und bewährt.

Ähnlich wie über Dalberg lautet mein Urteil über den Buchhändler Schwan, der Schillers Bekanntschaft mit dem Intendanten vermittelt hatte und auch während des Dichters Aufenthalt in Mannheim die Rolle seines Gönners spielte. Gewiß war es für Schiller von Wert, im Schwanschen Hause verkehren zu dürfen und seine Dramen in seinem angesehenen Verlage erscheinen zu lassen. Aber Schwans Honorare waren gering, und kleinliche Kaufmannsrücksichten scheinen mir seine Freundschaft zum jungen Dichter beeinträchtigt zu haben, dessen Talent er wohl zu würdigen wußte. Später noch hat die Schwansche Buchhandlung wiederholt neue Ausgaben der Schillerschen Jugenddramen ausgegeben, ohne sich der Pflicht zu erinnern, den Autor zu befragen und zu honorieren. Kein Wunder, daß das Band zwischen beiden Männern bald zerriß. Schiller gedachte zwar noch später Schwans mit einer gewissen Dankbarkeit, weil er, von seinen Landsleuten ignoriert, von dem Ausländer Schwan zuerst erfahren habe, er wäre etwas, und so zur Fortsetzung seiner Autorschaft angeregt worden sei, aber ob auch später Zufälle und Gewohnheiten beide Männer an mehreren Punkten verbanden, nie hat sich ein festes Freundschaftsband zwischen ihnen geknüpft, und die Trennung kostete, wie Schiller an Huber schrieb, kein Blut. Auch über die fehlgeschlagene Hoffnung, Schwans Tochter zur Gattin zu gewinnen, hat sich Schiller schnell und leicht getröstet. In seiner Sturm- und Drangperiode hat er jedem ein volles, offenes Herz entgegengebracht; da waren denn Enttäuschungen unvermeidlich. Dalberg und Schwan sind in einer kurzen Epoche seines Lebens von Bedeutung für ihn gewesen, aber zum wahren Seelenaustausch ist es nie zwischen ihnen und dem Dichter gekommen, und nach der persönlichen Trennung schieden jene bald aus seinem Kreise völlig aus und behielten für ihn nur ein gewisses historisches Interesse.

Ganz anders ist Schillers Verhältnis zu dem treuen Andreas Streicher, der aus Liebe und Verehrung zu seinem Freunde sein eigenes sicheres Fortkommen aufs Spiel setzte und die Gefahr und Beschwerlichkeit der Flucht nur um des Freundes willen bereitwillig auf sich nahm. Seine Treue und Hingabe ist unvergleichlich groß, und es könnte scheinen, daß Schiller sie nicht genug anerkannt habe, da aus den späteren Jahren nur ein einziger Brief Zeugnis davon gibt, daß Schiller seiner in Liebe und Dankbarkeit gedachte. In dem Winter 1782 ist er für den Dichter von unaussprechlichem Wert gewesen. Bei der Trennung am 30. November 1782 „kam kein Wort über ihre Lippen, keine Umarmung wurde gewechselt; aber ein starker, lang dauernder Händedruck war bedeutender als alles, was sie hätten aussprechen können.“

Noch einmal verlebten sie vom August 1783 bis zum März 1785 in herzlichem Verkehr anderthalb Jahre zusammen in Mannheim, bei der abermaligen und endgiltigen Trennung gaben sie sich scherzend die Hand darauf, „so lange keiner an den andern schreiben zu wollen, bis Schiller Minister oder Streicher Kapellmeister sein würde.“ Sie haben das Wort nicht gehalten, freilich aber nur einmal (im Jahre 1795) noch Briefe gewechselt, im stillen aber beide sich die Treue bewahrt, Streicher ein Menschenalter über den Tod des Freundes hinaus bis an das eigene kühle Grab. Er hat durch seine Hingabe an Schiller Anspruch auf den Dank des deutschen Volkes, er war in der schwersten, unglücklichsten Zeit des Dichters sein Retter und treuster Kamerad, und wollte man, wie dies auf dem Berliner Lessingdenkmal geschehen ist, ein Denkmal Schillers mit den Bildern seiner besten Freunde zieren, so gebührte Streicher der Platz neben Körner, Humboldt, Cotta und Goethe. Aber er unterscheidet sich in anderer Hinsicht freilich erheblich von diesen. Streicher hat selbst treffend an Schiller geschrieben, daß er ihn fast abgöttisch verehre; aber bei aller Anerkennung seiner Treue muß zur Kennzeichnung seines Verhältnisses zu Schiller ausgesprochen werden, daß er diesem geistig nicht ebenbürtig war, daß Schiller geistige Anregungen von ihm kaum je erhalten hat, noch erhalten konnte. Zu einem ständigen Briefwechsel fehlten die gemeinsamen Interessen. Das geistige Niveau war zu ungleich. Das soll gewißlich Streicher nicht zur Unehre gesagt sein, es kann jemand sehr tüchtig sein, ohne auf der geistigen Höhe zu stehen, einem Genius Anregung bieten zu können, und es ist wahrlich schon ein ehrendes Zeugnis für Streicher, daß er früh den Genius in Schiller erkannte und bis zur höchsten Opferfreudigkeit lieb gewann, daß er in aufrichtiger Bescheidenheit im Anschauen des glücklichen Genius’ sich selig fühlen konnte. Aber weiter hinauf reichte sein Vermögen nicht. Für seine Treue fühlte Schiller sich ihm ewig verpflichtet, und das wußte Streicher auch und begehrte nichts weiter. Auch diese edle und rührende Bescheidenheit des schlichten treuen Mannes umleuchtet sein Bild mit hellem, reinem Glanze.

Am 30. November 1782 reiste Schiller, auch den Freunden unerwartet eilig und mit möglicher Heimlichkeit, von Oggersheim bei Mannheim ab und erreichte in sieben Tagen nach fünfundsechzigstündiger Fahrt auf der Post über Frankfurt und Gelnhausen am 7. Dezember die Stadt Meiningen, wo er sich seinem zukünftigen Schwager, dem Bibliothekar Wilhelm Reinwald, bekannt machte, um durch die Verbindung mit ihm sich die ihm erforderliche geistige Nahrung aus Büchern der herzoglichen Bibliothek sogleich zu sichern. In jugendlichem Drange trug er dem neuen Bekannten gleich bei dem ersten Zusammentreffen sein volles Herz und Vertrauen entgegen. Noch an dem Abend desselben Tages traf er sodann in seinem neuen Asyle, in Bauerbach ein, wo er von den Leuten der zur Zeit in Stuttgart weilenden Frau von Wolzogen erwartet und freundlich willkommen geheißen wurde. Gleich am folgenden Tage schrieb der an häusliches Behagen nicht gewöhnte junge Dichter entzückt an Streicher: „Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und artiges Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich habe alle Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, und alle diese Sachen werden von den Leuten des Dorfes auf das Vollkommenste und Willigste besorgt.“ Er rühmt, daß man für ihn im Hause alles aufgeputzt, bei seinem Eintreffen schon geheizt und schon Betten hergeschafft hätte. Zwischen den Zeilen schaut die Not hindurch, die er überstanden, und das Behagen, das Nötigste zu genießen, ohne im Genusse durch die Sorge gestört zu sein, wie er es bezahlen solle. Die Not hatte ihn auch das Glück der Zufriedenheit und Freude über den kleinsten Besitz doppelt empfinden lehren. Seit seiner Flucht hatte Schiller gedarbt und beständig an das Geld denken müssen. Der erste Tag der Sorglosigkeit, wo er in der warmen Stube ein Abendbrot und ein Bett findet, ohne sich um den Preis quälen zu müssen, giebt ihm das lang entbehrte, beglückende Gefühl der Freiheit und die Hoffnung, ungestört dichten, und das heißt ihm leben zu dürfen. Alle Hoffnungen, die er am ersten Tage in Bauerbach anspann, sind nicht erfüllt worden, aber der fast Ermattete fand hier wenigstens auf kurze Zeit Ruhe und gewann neuen Mut, den Stürmen des Lebens zu trotzen, ob er doch endlich gewinne und den Sieg behalte.

Reinwald war ihm, zumal in den ersten Monaten, ehe Frau von Wolzogen mit ihrer Tochter nach Bauerbach kam, ein sehr wertvoller Bekannter und Freund. Er war zweiundzwanzig Jahr älter als Schiller, ein kenntnisreicher, arbeitsamer Gelehrter, in hohem Maße hypochondrisch und philiströs, aber eine Eigenschaft empfahl ihn dem neuen jüngeren Bekannten besonders, die Haupttugend eines Bibliothekars, seien Gefälligkeit und rege Teilnahme an der geistigen Arbeit anderer. Dazu kam, daß in der ländlichen Einsamkeit Schiller sonst keinen Gebildeten zum Umgange hatte, und so bot er sich offenherzig und in warmen Gefühl dem älteren Manne als Freund an. Und zu Reinwalds Ruhme ist zu verzeichnen, daß er, trotzdem ihn sonst der Sturm und Drang der damaligen Jugend unangenehm berührte, Schillers reine Seele und sein Genie zu erkennen und zu würdigen vermochte. In sein Tagebuch schrieb er die denkwürdigen Worte: „Heute schloß mir Schiller sein Herz auf, der junge Mann, der so frühe schon die Schule des Lebens durchgemacht; und ich habe ihn würdig befunden, mein Freund zu heißen. Ich glaube nicht, daß ich mein Vertrauen einem Unwürdigen geschenkt habe, es müßte denn alles mich trügen. Es wohnt ein außerordentlicher Geist in ihm, und ich glaube, Deutschland wird einst seinen Namen mit Stolz nennen. Ich habe die Funken gesehen, die diese vom Schicksal umdüsterten Augen sprühen und den reichen Geist erkannt, den sie ahnen lassen. F[leischmann] ist derselben Meinung, auch er ahnt den kostbaren Schatz, den der Neid mit seinen Schlacken zu begeifern trachtete. Aber das Genie bricht sich Bahn und sollten alle Leiden der Welt es überfluten.“

Man sieht, Schiller fand in Reinwald, was er brauchte: einen Mann, der trotz aller Verschiedenheit des Alters und der Lebensansichten seinen Genius erkannte und ihm mit warmer Teilnahme und ermunternder Anerkennung begegnete. Seine Hypochondrie wirkte gerade in dieser Zeit weniger störend auf Schiller, wo er selbst vorübergehend menschenfeindliche Anwandlungen hatte. Sie kam ihm vielleicht erst recht zur Empfindung, als er hörte, daß Reinwald um die Hand seiner Lieblingsschwester Christophine warb. Da hielt er, wie aufrichtig er auch den Bibliothekar verehrte und sich ihm zu Dank verpflichtet wußte, mit seiner Empfindung nicht zurück, daß Reinwald schwerlich eine Gattin würde glücklich machen können. Als die Schwester sich trotzdem zur Ehe mit Reinwald entschloß, hat Schiller das Seinige gethan, sie in mancher Anfechtung zu stützen und dem hypochondrischen Schwager durch freundliches Eingehen auf seine Interessen seine einstige Anregung, Förderung und Teilnahme mit Überschuß zu vergelten. Je mehr Schiller geistig erstarkte und wuchs, um so schwerer mag es ihm geworden sein, dem früh alternden Schwager aus verwandtschaftlicher Treue und alter Dankbarkeit die Kluft zu verdecken, die zwischen ihnen von vornherein vorhanden war und die sich, je höher Schiller stieg, natürlich noch vergrößerte. Im Juni 1799 schrieb er an Goethe den Stoßseufzer: „Mein Schwager ist hier mit meiner Schwester; er ist ein fleißiger, nicht ganz ungeschickter Philister, 60 Jahre alt, aus einem kleinstädtischen Ort, durch Verhältnisse gedrückt und beschränkt, durch hypochondrische Kränklichkeit noch mehr darniedergebeugt, sonst in neueren Sprachen und in der deutschen Sprachforschung, auch in gewissen Literaturfächern nicht unbewandert. Sie können denken, wie wenig Konversationspunkte es da zwischen uns gibt und wie übel mir bei den wenigen zu Mute sein mag. Das schlimmste ist, daß ich in ihm eine nicht ganz kleine und nicht einmal verächtliche Klasse von Lesern und Urteilern repräsentiert finde, denn er mag in Meiningen, wo er Bibliothekar ist, noch vorzüglich sein. Diese ganze imperfektible enge Vorstellungsweise könnte einen zur Verzweiflung bringen, wenn man etwas erwartete.“ Das war Schillers spätere aufrichtige Meinung über Reinwald. Aber das scharfe und gerechte Urteil hat seine Dankbarkeit und seine verwandtschaftliche Treue nicht beeinträchtigt. Schiller hat sich Reinwald und seinem andern Schwager Frankh gegenüber ja auch im Verkehr mit den Geschwistern und Eltern nicht verhehlen können, daß sie alle, selbst die Lieblingsschwester Christophine, seinem hohen Gedankenfluge nicht zu folgen vermochten, aber seine Pietät, seien Liebe und Treue hat diese Kluft überbrückt. Sie waren nicht minder groß als sein Genius, und konnte seine Familie diesen nicht immer völlig verstehen und empfinden, seine Treue haben sie immer erfahren und fest darauf bauen können. Treffend hat Schillers Gattin nach seinem Tode über ihn bezeugt, so rein menschlich empfindend und dabei so in den Regionen des Geistes lebend werde nicht leicht wieder ein Gemüt erscheinen.

Um die Jahreswende 1782 und 1783 hatte Schiller die Freude, seine Wohlthäterin Frau von Wolzogen in Bauerbach zu begrüßen. Sie hatte ihm einst, wie es heißt, noch während er auf der Karlsschule war, oder sicher vor seiner Flucht, angeboten, falls er einmal, um in Ruhe zu dichten, sich einen stillen Aufenthalt wünschen sollte, ihn in Bauerbach aufzunehmen. Nach der Flucht hatte Schiller sich gescheut, sie an ihr Anerbieten zu mahnen, da jetzt Frau von Wolzogen, deren Söhne auch die Karlsschule besuchten, den Groll des Herzogs von Württemberg zu fürchten hatte. In der äußersten Not hatte er auch diese Scheu überwunden, und großherzig hatte Frau von Wolzogen ihr Wort gehalten, und nur in ihrem wie in Schillers Interesse gewünscht, daß er unter fremdem Namen in ihr Haus einziehe und Sorge trage, daß man ihn nirgends erkenne. In einer Reihe von Briefen suchte Schiller demnach Gerüchte zu verbreiten, daß er die Absicht hege, ins Ausland zu gehen. Aber die Sorge blieb der Frau von Wolzogen doch, daß der Herzog ihre Fürsorge für den Flüchtling erfahren und an ihren Söhnen entgelten lassen könne. Um so höher ist ihr Wohlwollen dem jungen Dichter gegenüber zu schätzen. In jenen Tagen war ihre fast siebenzehnjährige Tochter Charlotte mit ihr in Bauerbach. Kaum daß Schiller sie gesehen, so stand sein Herz für sie in Flammen, und Frau von Wolzogen hatte die neue Sorge, der Dichter, dessen äußerliche Stellung in keiner Weise fest begründet war, möchte auch die Ruhe und die Zukunft ihrer Tochter gefährden. Schiller mag sie in einzelnen Augenblicken darüber verkannt haben, jeder ruhige Beurteiler wird verstehen, daß Frau von Wolzogen bei der Unsicherheit der Zukunft Schillers und der Jugend ihrer Tochter recht daran that, vorläufig die stürmischen Pläne ihres jungen Schützlings nicht noch zu schüren.

Die Quellen über das Leben und den Charakter der Frau Henriette von Wolzogen fließen nur spärlich. Sie war vierzehn Jahr älter als ihr junger Freund. Sicher ist, daß sie in hohem Maße Wohlwollen und Gutherzigkeit besaß und im reinsten Sinne des Wortes eine Mutter ihrer Kinder war. Auch eine Pflegetochter hatte sie angenommen und ihre Unterthanen erfuhren, was der Vater Schillers an ihr rühmte, ihr Thun fließe aus lauter Gutheit. Auch Reinwald erkannte ihre Herzensgüte an, aber er hatte doch an ihr auszusetzen, daß sie in vielen Dingen unbeständig und schwach sei, und oft nicht genug Achtung für das Hergebrachte habe. Freundschaft, Menschenliebe und Gutthätigkeit, meinte er, könne Schiller wohl bei ihr lernen, „aber Ordnung und Beständigkeit lerne er wo anders.“ Mag sein, daß etwas von seinem Tadel berechtigt war, sehr schwer wiegt er aus Reinwalds Munde nicht, da er eben philiströs peinlich war. Schiller hat sich stets zur bleibenden Dankespflicht der Frau von Wolzogen gegenüber bekannt und sie aufrichtig verehrt und geliebt.

Als er sich entschlossen hatte, zunächst, wie er dachte, nur auf kurze Zeit sich von Bauerbach behufs neuer Unterhandlungen mit Dalberg zu trennen, trat auch bei ihm, schneller und schmerzloser, als er geahnt hatte, eine Ernüchterung ein, und das Andenken an Charlotte trat in den Hintergrund. Die Briefe nach Bauerbach wurden seltener, wozu auch der peinliche Druck beitrug, daß er ein Anlehen von seiner Wohlthäterin aufgenommen und es nicht zurückzahlen konnte. Er fühlt jetzt, daß er zuviel versichert habe, als er einmal über das andere gelobt hatte, nach Bauerbach als seiner dauernden Heimat zurückzukehren. In einem der wenigen Briefe Henriette von Wolzogens an ihn zeigt sich, wie verständig und klar sie auch seine ehemaligen Beteuerungen aufgefaßt hatte. „Seien Sie meinetwegen,“ schrieb sie, „ohne Sorgen; Ihre Versprechen, bei mir zu leben, konnten in Ihren Jahren ohnmöglich erfüllt werden. – Sie, mein Bester, bleiben dem ohngeachtet doch noch [ein] ehrlicher Mann, und die Wünsche, die Sie damals thaten, gingen Ihnen auch von Herzen, aber durch wichtigere werden sie allerdings vertagt. Ich sah solche, wie sie geschehen, ohne Vertrauen an; es sind mir aber oft auch Träume angenehm, und da ließ ich Sie so fort schwazen.“ Und dann bittet sie ihn, er solle ihr nur oft schreiben, darauf könne sie mit Recht eine „Ansprache“ machen.

Fast fünf Jahre nach seinem ersten Eintritt in Bauerbach besuchte der Dichter noch einmal die Gegend. Er war ein völlig anderer geworden. Keiner von allen Plätzen, die ehemals dort seine Einsamkeit interessant gemacht hatten, sagte ihm jetzt noch etwas, und auf der Rückreise über Rudolstadt lernte er eine andere Charlotte kennen, die ihm neue und dauernde Liebe und neues Leben schuf. Im nächsten Jahre am fünften August starb Frau von Wolzogen. Ihr Sohn Wilhelm, sowie ihre Tochter Charlotte schrieben sogleich an Schiller in Gewißheit seiner Teilnahme; wenige Wochen darauf verheiratete sich Charlotte mit dem Hildburghausenschen Regierungsrat August Franz Friedrich von Lilienstern. Schon am 20. September 1794 starb auch sie.

Als dauerndes Denkmal der Liebe, die Schiller in Bauerbach gefunden, lebte aber seine Freundschaft mit Wilhelm von Wolzogen, die mit der Dauer und durch Wilhelms Verheiratung mit Schillers Schwägerin Karoline sich immer fester bis zur innigsten Vertrautheit knüpfte.

Am. 20. Juli 1783 war Schiller von Bauerbach über Frankfurt wieder nach Mannheim abgefahren. Es galt, neue Verbindung mit dem Freiherrn von Dalberg anzuknüpfen, der sich brieflich dem Dichter wieder genähert hatte. An eine dauernde Stellung in Mannheim dachte er zunächst nicht, vielmehr glaubte er, in kurzem nach Bauerbach zurückzukehren. Aber kaum war er in Mannheim, so fühlte er, daß er hier doch lebendigere Anregung als in seinem ländlichen Asyle finde, und die frühere Sorge, daß der Herzog von Württemberg ihm noch nachstellen werde, war nun geschwunden. So ließ er sich leicht und gern von Dalberg als Theaterdichter in Mannheim fesseln. Er trat hier in den alten Kreis und scheint sich besonders eng an den Schauspieler Beck angeschlossen zu haben, mit dem er auch später noch manchen Brief austauschte, und den er gern in Dresden als Dritten in seinem Bunde mit Körner bei sich gesehen hätte.

Vor allem aber trat ihm in der Zeit dieses zweiten Aufenthalts in Mannheim die geistvolle und edle Frau Charlotte von Kalb, geb. Marschalk, von Ostheim nahe. Charlotte und einige Freundinnen hatten ihm einmal einen Lorbeerkranz nach Bauerbach übersandt, und sie wußten also schon von einander, als Charlotte ihm jetzt in Mannheim im Mai 1784 Briefe von Frau von Wolzogen und Reinwald übersandte. Schiller kam dann selbst, um sich zu bedanken. Gleich der erste Eindruck, den er auf die junge Frau ausübte, war ein gewaltiger. Sie hatte am 25. Oktober des Jahres vorher den Bruder ihres Schwagers, Heinrich von Kalb, einen Offizier, ohne Wunsch und Neigung auf Betreiben anderer geheiratet, und nun „schwanden ihr die Tage ohne Einsicht noch Absicht hin“. Früh hatte sie die Eltern, später die Pflegemutter, Frau von Türk, und bald auch den einzigen Bruder und eine ihrer Schwestern verloren. Nirgends war sie recht heimisch geworden, hatte viele Menschen kennen lernen, aber mit wenigen sich innig eingelebt. Einige wunderbare Zufälle, die in ihre Kindheit fielen, hatten ihre lebhafte Phantasie heftig erregt; so lebte sie in Träumen und Ahnungen und „bevölkerte“, um mit den Worten Schillers aus seinen Räubern zu sprechen, die sie später besonders ergriffen, „die schweigende Oede mit ihren Phantasien“. Aeußerlich erschien sie oft anders, als sie fühlte. Bei ernstem Sinnen war sie innerlich freudig, und bei anscheinend heiterem Scherzen war sie oft unbefriedigt und unglücklich. Auch ihre Ausbildung war eigenartig gewesen. Früh lernte sie im Umgange mit einer Hausgenossin französisch sprechen, mancherlei hatte sie im Garten zu thun, eigentliches Spielen war nicht verboten, aber es blieb keine Zeit dazu. Nie hatte sie mit Puppen gespielt. Gern aber horchte sie auf Sagen und auf die Erzählungen von den Erlebnissen anderer. Seit sie im zehnten Jahre lesen gelernt hatte, blieb ihr das Lesen und das stille Sinnen über das Gelesene der Hautpinhalt des Lebens. So tief sie empfand, man gab ihr schuld, wenn sie in jener rührseligen Zeit bei feierlichen Anreden und Mahnungen scheinbar kalt blieb: Dich betrübt nichts. „Wenige wissen,“ schrieb sie später in ihren Memoiren hierüber, „daß der Gedanke weder jauchzt noch klagt, daß nur erst, wenn er übergeht in Empfindung und Gesinnung, er Trauer, Freude und Vorsatz wird.“ Als der höchste Genuß, den sie freilich in der Jugend selten erfahren, galt ihr des Geistes Mitteilung. Später hat sie ihn reichlich im Verkehr mit den bedeutendsten Männern und Frauen ihrer Zeit gehabt und mache einzelne selige Stunde genossen, dazwischen aber vielfach unruhig immer von neuem darnach gedürstet und geschmachtet, bis sie allmählich mehr und mehr Befriedigung im Sinnen für sich „friedsam und in der Stille“ fand und endlich Jahrzehnte hindurch in völliger Erblindung nach dem Gleichmut trachtete, der allein ein solches Leben noch ertragen ließ. Aus dieser Zeit stammt das Wort von ihr: „Ein wenig Denken und Sterben ist alles, was wir vermögen.“

Alles, was sie geschrieben hat in Briefen, Erinnerungen und in ihrem Roman Cornelia zeugt von Geist und Gemüt, ist aber im Ausdruck unklar und dunkel. Es sind sibyllinische Blätter, deren Sinn und Deutung oft schwer fällt. Im ganzen aber enthüllen sie uns das Ringen einer edlen, bedeutenden Seele, die, krankhaft erregt, sich in der Sehnsucht nach der Mitteilung des Geistes, als der vertrautesten Gabe des Menschen an den Menschen, verzehrt.

Mit dem ihr eigenen aufgeschlossenen Sinn einer Seherin erkannte sie gleich bei der ersten Begegnung mit Schiller die Tiefe seines Gemüts. „In der Blüte des Lebens,“ so schrieb sie später aus alter und doch noch frischer Erinnerung von jenem Tage, „bezeichnete er des Wesens reiche Mannichfalt, sein Auge glänzend von der Jugend Mut, feierlicher Haltung, gleichsam sinnend, von unverhofftem Erkennen bewegt. Bedeutsam war ihm so manches, was ich ihm sagen konnte, und die Beachtung bezeigte, wie gern er Gesinnungen mitempfand.“ So tauschten sie schnell die Seelen aus, und in traulichen Unterredungen, „da gegenseitig mit dem Gefühl des Verstandenseins das Wort gesprochen werden konnte, löste der Gedanke den folgenden Gedanken ohne Wahl und Nachsinnen.“

Charlotte von Kalb war die erste geistig bedeutende Frau, die Schiller hatte kennen lernen, und da die Bekanntschaft mit ihr noch in seine Jugend fiel, so hat auch keine Frau außer seiner Gattin so eingreifend und nachhaltig auf ihn gewirkt. Man sagt, die Elisabeth und Prinzessin von Eboli im Don Carlos trügen Züge von Charlotte von Kalb. Im einzelnen ist das schwer nachzuweisen, aber ich will es im ganzen nicht bestreiten. Weit mehr aber glaube ich, daß der Adel der Diktion, der vom Don Carlos ab Schillers Werke alle kennzeichnet, Einflüssen seiner Freundin Charlotte von Kalb zuzuschreiben ist.

Die Vertrautheit ihres Umgangs macht es begreiflich, daß bald in dem jungen Dichter, bald in Charlotte, die fast zwei Jahre jünger als ihr Verehrer war, Gedanken an eine Ehe aufkeimten. Aber sie wechselten die Rollen, und so kam es nicht zum Ehebunde, der schwerlich auch zum Segen ausgeschlagen wäre. Als Schiller nicht länger den Riesenkampf der Pflicht und Resignation kämpfen mochte, den Charlotte ihm auferlegte, entschloß er sich, Mannheim zu verlassen. In dieser Zeit schrieb er dem neuen Freund Körner die Worte: „Ich kann nicht mehr hier bleiben. Zwölf Tage habe ichs in meinem Herzen herumgetragen, wie dem Entschluß aus der Welt zu gehen. Menschen, Verhältnisse, Erdreich und Himmel sind mir zuwider. Ich habe keine Seele hier, keine einzige, die die Leere meines Herzens füllten, keine Freundin, keinen Freund; und was mir vielleicht noch theuer seyn könnte, davon scheiden mich Konvenienz und Situationen.“ So unnatürlich beiden Charlottens Ehe mit Heinrich von Kalb erschien, noch fehlte beiden der Mut, die Scheidung der Ehe zu betreiben. In doppelter Fassung hat uns Charlotte den Schmerz der Abschiedsstunde in ihren Erinnerungen geschildert. Schiller empfand aufs tiefste, daß er als Mann der unnatürlichen nur geistigen Ehe, in die ihn Charlotte binden wollte, sich entwinden müsse, und Charlotte fühlte erst in der ihr unerwarteten Trennung voll, was sie mit Schillers Abreise verliere. „Das Leben,“ so glaubt sie in der Erinnerung zu ihm gesprochen zu haben, „beginnt im Denken, sich sehnend nach Mitteilung, nach Erkennen eines zweiten geistigen Lebens; – doch jetzt – ein bahnlos Licht! [soll wohl heißen: eine lichtlose Bahn] – o wäre ich geborgen.“ Ob das just ihre Worte waren, darauf kommt wenig an; ihre Empfindung ist sicherlich treffend damit ausgedrückt. Ihr höchstes Glück war ein Erkennen und Anregen eines zweiten geistigen Lebens, das Anschauen und Entwickeln eines Genius; ihr genügte der rein geistige Verkehr; das Zusammenleben auch äußerlich durch Schließung einer neuen Ehe mit dem Dichter zu vollenden, in der hingebenden Liebe und Sorge ihm ganz anzugehören, davon schieden sie Konvenienz und Situationen und mehr noch ihr ganzes Wesen, da sie das Leben nicht nach der rechten Art des Weibes in der Aufopferung und in der Fürsorge auch für das äußere Behagen des Mannes, sondern im Denken suchte. Dadurch hat sie als Frau nie heimisch auf der Erde werden können.

Das Gefühl des unersetzlichen Verlustes, den sie mit Schiller Trennung erlitten, hat sie nie verloren. Lange hat sie gehofft, das alte Verhältnis wieder anknüpfen zu können, wenn nicht anders, auch durch eine Ehe mit Schiller. Aber als Schiller nach mehr als zwei Jahren sie in Weimar wieder traf, da knüpfte sich zwar schnell jeder zerrissene Faden ihres Umganges wieder an, aber auch der Zwiespalt ihrer Naturen trat bald nur um so schroffer hervor. Schiller fühlte, was er der Freundin verdankte, er verehrte die Hoheit ihrer Seele, aber ihre krankhafte Überspannung in der Sucht, den Geist des Geliebten zu beherrschen, erweckte ein immer wachsendes Unbehangen in ihm, so oft er mit ihr verkehrte, bis er endlich gar das Gefühl gewann, sie habe überhaupt nur nachteilig auf ihn gewirkt. Die Liebe zu Charlotte von Lengefeld erweitere die Kluft zwischen ihm und der alten Freundin, und seine Ehe hatte eine völlige Entfremdung und gegenseitige Verkennung Schillers und Charlotte von Kalbs im Gefolge. Jahre vergingen, ehe eine Annäherung eintrat. Die Liebe und die Eifersucht waren geschwunden. Die Dankbarkeit des Dichters und Charlottens wahre Verehrung seines Genius fanden nicht Ruhe, ehe wieder ihre freundschaftliche Teilnahme aneinander auch in Briefen und im Verkehre sich ausdrücken durfte. Charlotte von Kalb hat auch Goethe nahegestanden, zu Hölderlin und Jena Paul die vertrautesten Beziehungen gewonnen, aber ihre Erinnerungen zeigen, wie ihr Verhältnis zu Schiller eigentlich doch der Inhalt ihres Lebens gewesen ist, und wie mit seiner Trennung von ihr des Lebens Mai ihr abgeblüht hatte.

Es ist bekannt, daß Charlotte in einer aufgeregten Stunde Schillers Briefe an sie und die ihrigen an ihn, die sie sich zurückerbeten hatte, verbrannt hat. Zu spät hat sie erkannt, was sie sich, und was sie vielen anderen damit geraubt hatte. Die noch vorhandenen Reste ihres Briefwechsels stehen an Wert den verlorenen Briefen aus der Zeit der Liebe und Eifersucht weit nach. Aber Charlottens Briefe an Schillers Frau haben umgekehrt mit der Zeit an Wärme gewonnen, bis sie den reinsten und vollsten Ton in dem teilnehmenden Briefe nach Schillers Tode vom 28. Juni 1805 anschlugen: „Sein Genius ist der Welt eine hohe, einzige Gunst, unvergänglich! Unendlich ist der Gedanke an ihn in den Herzen seiner Freunde.“

Es war Ende Mai oder Anfang Juni 1784, als Schiller eines Tages ein Packet mit vier Portraits, einer Brieftasche, der Komposition eines seiner Lieder und einem Begleitbriefe aus Leipzig durch Schwans Compagnon, den Buchhändler Götz, erhielt. Der Brief war anonym und meldete nur, daß vier Personen, die insgesamt wert seien, Schillers Werke zu lesen, sich vereinigt hätten, ihm zu danken und zu huldigen und ihm als ihrem Wohlthäter die Hand zu drücken.

Die Sendung erfreute und ermutigte den jungen Dichter um so höher, je mehr er um diese Zeit gerade empfand, daß die Mannheimer Verhältnisse anfingen, ihn zu bedrücken. Begeistert schrieb er an seine Wohlthäterin Frau von Wolzogen am 7. Juni: „So ein Geschenk von ganz unbekannten Händen – durch nichts als die bloße reinste Achtung hervorgebracht – aus keinem andern Grund, als mir für einige vergnügte Stunden, die man bei Lesung meiner Produkte genoß, erkenntlich zu seyn – ein solches Geschenk ist mir größre Belohnung, als der laute Zusammenruf der Welt, die einzige süße Entschädigung für tausend trübe Minuten. – Und wenn ich das nun weiter verfolge, und mir denke, daß in der Welt vielleicht mehr solche Zirkel sind, die mich unbekannt lieben, und sich freuten, mich zu kennen, daß vielleicht in 100 und mehr Jahren – wenn auch mein Staub schon lange verweht ist, man mein Andenken segnet, und mir noch im Grabe Tränen und Bewunderung zollt – dann meine Theuerste freue ich mich meines Dichterberufes, und versöne mich mit Gott und meinem oft harten Verhängniß.“

Schiller hängte die Bilder an die Wand über seinen Schreibtisch und wartete auf eine gute Stunde, um den freundlichen Gebern seinen Dank in dichterischer Form zu melden. Denn ihre Namen hatte er durch Götz erfahren. Aber die Widerwärtigkeiten häuften sich in Mannheim, und die erwünschte Schäferstunde wollte nicht kommen. So vergingen Monate auf Monate, bis er endlich gegen Ende des Jahres, nachdem sich auch eine Reise nach Berlin zerschlagen hatte, bei der er auch Leipzig hatte besuchen wollen, an einem wehmütigen Abend zur Feder griff, um, wenn auch nur in Prosa, seinem heißen Danke Ausdruck zu geben und für sein langes Schweigen um Verzeihung zu bitten. Dieser Brief erfüllte nun wieder die unbekannten Leipziger Freunde, nämlich den jungen Konsistorialrat Gottfried Körner, seine Braut Maria Stock, deren ältere Schwester Dorothea und ihren Liebhaber, den jungen Schriftsteller und Diplomaten Ferdinand Huber, mit Freude und Stolz. Es knüpfte sich ein weiterer reger Briefwechsel an, und in Schiller erwuchs der Wunsch, die neuen Freunde in Leipzig besuchen zu können. Je größer die Widerwärtigkeiten seiner Stellung zum Mannheimer Theater, je größer die pekuniäre Not, je gespannter sein Verhältnis zu Charlotte von Kalb wurde, um so dringender wurde dieser Wunsch, und so überwand er die Scheu und gestand den neuen Freunden sein Unbehagen, seine Sehnsucht und auch – seine Schulden. Körner half ihm jetzt, wie später wieder, in edler, großmütiger Weise, und kaum hatte Schiller das Geld erhalten, um seine dringendsten Schulden in Mannheim zu decken, so überraschte er Charlotte von Kalb mit der Nachricht, daß er nach Leipzig übersiedele, und ließ sich trotz ihrer Klagen und Vorwürfe von dem einmal gefaßten Beschlusse nicht abbringen.

In der zweiten Woche des Aprils verließ er Mannheim; am 17. April kam er „zerstört und zerschlagen“ von der Reise in Leipzig an, („denn der Weg zu euch,“ so schrieb er gleich nach der Ankunft in Leipzig vom Blauen Engel aus an Huber, „ist schlecht und erbärmlich, wie man von dem erzählt, der zum Himmel führt).“ Nach der persönlichen Bekanntschaft fand er sich nicht enttäuscht. Einige Monate darauf schrieb er an Körner, der nach Dresden versetzt worden war, „der Himmel hat uns seltsam einander zugeführt, aber in unserer Freundschaft soll er ein Wunder gethan haben. Eine dunkle Ahndung ließ mich so viel, so viel von Euch erwarten, als ich meine Reise nach Leipzig beschloß, aber die Vorsehung hat mir mehr erfüllt, als sie mir zusagte, hat mir in Euren Armen eine Glückseligkeit bereitet, von der ich mir damals auch nicht ein Bild machen konnte.“

Wie ein Wunder in der That steht das Bild der Freundschaft zwischen Schiller und Körner vor uns, wenn wir auf ihren Ursprung zurücksehen. Die Huldigung der Leipziger Brautpaare hatte den Dichter in seiner Not gerade zur rechten Zeit getroffen, um ihn über diese sich wieder erheben zu lassen, und sie war von den rechten Menschen ausgegangen, die es wert waren, daß Schiller sich ihnen zu eigen gab. Hier hat sich das Wort aus Goethes Hermann und Dorothea bewährt, das ich schon früher einmal an anderer Stelle bei einer Schilderung dieses Freundschaftsbundes angeführt habe:

Guten Menschen, fürwahr, spricht oft ein himmlischer Geist zu,
   Daß sie fühlen die Not, die dem armen Bruder bevorsteht.

Aber dieses Wunder, oder will man lieber sagen diesen Zufall, wußten Schiller und Körner eben auch zu ergreifen und zum Zwecke zu gestalten. In diesem Sinne muß man die oben angezogenen Worte Schillers verstehen: „Der Himmel hat uns seltsam einander zugeführt, aber in unsrer Freundschaft soll er ein Wunder gethan haben.“ Und in gleichem Sinne hatte schon vorher Körner dem neuen Freunde das Bild ihres Bundes skizziert: „Einer wird den andern anfeuern, einer sich vor dem andern schämen, wenn er im Streben nach dem höchsten Ideale erschlaffen sollte.“ Beide haben vor diesen begeisterten Träumen der Jugend auch als Männer Achtung getragen, und so ist dieser herrliche Freundschaftsbund erstarkt und gefestet und beiden Männern ein Hort der Freude und des Segens geblieben, bis daß der Tod sie schied. Ihr Briefwechsel aber ist neben dem zwischen Schiller und Goethe das schönste Kleinod unter allen Briefwechseln der Welt. Ist dieser dadurch, daß Goethe der Korrespondent ist, an Tiefe des Gedankenaustausches noch reicher und ergiebiger, so ist jener durch größere Herzlichkeit und Wärme geweiht und so zu sagen gemüthvoller, beide aber sind wahrhaft klassisch durch ihre gesunde Wahrhaftigkeit, und fast möchte ich behaupten, daß in dieser Beziehung der Briefwechsel mit Körner dem mit Goethe noch voransteht. Schiller rühmte seinem Körner nach, er sei kein imposanter Charakter, aber desto haltbarer und zuverlässiger auf der Probe. Noch nie habe er sein Herz auf einem falschen Klang überrascht; sein Verstand sei richtig, uneingenommen und kühn; in seinem ganzen Wesen sei eine schöne Mischung von Feuer und Kälte. Im Verlaufe des Lebens hat Schiller an Wilhelm von Humboldt und Goethe noch geistvollere Freunde gewonnen, sie haben ihn geistig in noch höherem Maße angeregt. Körner war groß und edel genug, das zu verstehen. Die beiden höchsten Tugenden, die Treue und Wahrhaftigkeit, hat er im Verkehr mit seinem großen Freunde stetig und zuverlässig bewährt, und in uneigennütziger Liebe konnte er sich freuen, daß die größten Männer der Zeit seinem Freunde nahe traten. Als Schiller in der Zeit des Bräutigamglückes den Besitz des Freundes nicht so nahe und lebhaft wie ehemals empfand und ihn etwas vernachlässigte, da wußte der treue Körner sich zu bescheiden bis zu der rechten Stunde, wo er vermutete, daß beim Freunde das Bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden zurückgekehrt sein werde. „Ich kenne,“ schrieb er ihm kurz vor der Hochzeit, „die aussetzenden Pulse Deiner Freundschaft; aber ich begreife sie, und sie entfernen mich nicht von Dir. Sie sind in Deinem Charakter nothwendig und mit anderen Dingen verbunden, die ich nicht anders wünschte!“ Auch sonst sind ganz vereinzelt von Schillers Seite her einige Stockungen im Briefwechsel eingetreten, wenn, um mit Körner zu reden, durch eine lebhafte Idee ein berauschendes Gefühl seiner Überlegenheit bei Schiller entstand und eine Zeitlang die Persönliche Anhänglichkeit verdrängte. Aber Körner bestand auch diese Proben, und wieder und wieder erfuhr der Dichter an diesem Freunde, daß die Treue kein leerer Wahn sei, und die herzliche Freundschaft der Frauen befestigte diesen Bund und ließ die Offenheit im Verkehr von Haus zu Hause sich bis über die intimsten Verhältnisse ausbreiten. Aber so beschieden und freudig, klar und wahr Körner den Genius in seinem großen Freunde anerkannte, er verlor darüber nicht die Selbstachtung und brauchte sie nicht zu verlieren, und gern erkannte auch Schiller seine hervorragende Begabung zur Kritik und sein sicheres Urteil über die Kunstwerke der Dichtung an. Immer gehörte es zu seinen größten Freuden, dem alten lieben Freunde in Dresden ein neues Werk seiner Muse zu übersenden, und der helle Enthusiasmus, der ihm dann aus Körners Briefen als „der reine Reflex aus der begegnenden Brust“ entgegenspiegelte, dünkte den Dichter immer wieder, wie einst die erste Huldigung der Leipziger Brautpaare, „eine größere Belohnung, als der laute Zusammenruf der Welt, die einzige süße Entschädigung für tausend trübe Minuten,“ in denen er gegen den Widerstand der stumpfen Welt anzukämpfen hatte.

Als Schiller in Leipzig anlangte, traf er Körner nicht mehr dort, da er soeben eine Stellung als Konsistorialrat in Dresden angetreten hatte. Er wird ihn vermutlich zuerst bei der Beerdigung der Mutter Körners am 25. Mai 1785 in Leipzig gesehen haben, und am 1. Juli hatten sie sich zur ausführlichen Aussprache in Kahnsdorf getroffen.

Inzwischen hatte sich Schiller zunächst mit Huber befreundet sowie mit Körners Freund Kunze, dem Dichter Jünger, dem Buchhändler Göschen und dem Maler Reinhart. Mit diesen schwärmte er enthusiastisch in Leipzig und Gohlis in Plänen, wie sie alle dem Höchsten zustreben und einer den andern beständig im Streben bestärken wollten. Von Reinhart geschah die Trennung mit dem beiderseitigen Gelübde, keine Lumpe werden zu wollen. An Huber schrieb er von Dresden aus am 5. Oktober 1785: „Wenigstens wollen wir Arm in Arm bis vor die Fallthüre der Sterblichkeit dringen, wo die Linien zwischen Menschen und Geistern gezogen sind,“ und Göschen schrieb an Bertuch am 28. Februar 1786: „Dieser Schiller hat mich und den jungen Huber, den Oberconsistorialrath Körner, anjetzt in Dresden, Jünger, den Dichter, oft mit dem größten Ernst, mit hinreißender Beredsamkeit, mit Thränen in den Augen ermuntert, ja alle unsre Kräfte, ein jeder in seinem Fache, anzuwenden, um Menschen zu werden, die die Welt einmal ungern verlieren möchte. Wir alle haben ihm viel zu verdanken, und in der Stunde des Todes werde ich mich seiner mit Freude erinnern.“ Das Verhältnis mit Jünger scheint mir kein besonders nahes gewesen zu sein. Die anderen Beziehungen haben Dauer gehabt. Über alle räumliche Trennung hinaus haben Reinhart und Schiller herzlich zu einander gehalten. Auch Göschen ist dem Dichter immer nah und wert geblieben, trotzdem Schillers Freundschaft zu Cotta ihn fühlen ließ, daß die mutige Unternehmungslust und die weiten und großen Gesichtspunkte des schwäbischen Freundes den Buchhändler Göschen in den Augen des Dichters herabgesetzt hatten. Göschen fühlte sich hier und da zurückgesetzt und schickte sich schwer in den Gedanken, daß er, freilich nicht ohne eigene Schuld, Schiller an seinen Verlag nicht dauernd habe fesseln können, aber die persönlichen Verhältnisse blieben doch freundlich und herzlich, und die gemeinsamen Jugenderinnerungen stärkten und festigten den Bund immer von neuem. Am intimsten war das Verhältnis zu Ferdinand Huber gewesen, dessen heiteres, liebenswürdiges Wesen und frische Empfänglichkeit für alle Interessen zugleich mit einer entschiedenen Begabung und einem verhältnismäßig reichen Wissen Schiller lebhaft anzogen. Freilich bemerkte er schon früh, daß Huber etwas Weichliches und Schlaffes oder Zerfahrenes an sich habe und weder bei den einzelnen Arbeiten noch überhaupt in der ganzen Führung des Lebens den rechten Ernst bewähre. Wie schön und treffend ist Schillers mahnendes Freundeswort im Briefe vom 28. August 1787: „Laß mich bald von Deiner Thätigkeit hören. Ich werde Dich desto lieber haben, je mehr ich Dich hochachten kann.“ Seine Befürchtung, daß noch einige Jahre vergehen würden, ehe Huber lernen werde, die Zeit in vollem Maße für ernste Arbeit auszukaufen, war freilich gerechtfertigt. Erst die Not hat diesen später dahin geführt, und auf dem Gebiet der politischen Journalistik hat er sich unzweifelhaft verdient gemacht. Seine Verbindung mit Schiller war aber zu jener Zeit schon gelockert. Nach Hubers Verhältnis zu Körner konnte Schiller ihm seine Treulosigkeit Dora Stock gegenüber und seine Verbindung mit Forsters Frau schwer vergeben. Seit jener Zeit haben beide nur noch selten, mehr in geschäftlichen Angelegenheiten, Briefe gewechselt. Nie aber hat Schiller aufgehört, in inniger Teilnahme an Huber zu denken und in der Erinnerung der glücklichen Zeit seiner ersten Bekanntschaft mit Körner auch die frohen Stunden sich zu vergegenwärtigen, da Huber noch zu ihrem Bunde gehörte. Nie war es ihm zweifelhaft gewesen, daß Körners Charakter zuverlässiger, seine ganze Natur tiefer angelegt, sein Wissen, wenn auch nicht reicher als das Hubers, so doch auf einzelnen Gebieten gründlicher und geschlossener war. Zu Körner, der auch drei Jahre älter war, sah Schiller anfangs als zu dem reiferen Manne auf. Dem jüngeren Huber gegenüber, der sich in Übersetzungen und eigenen Dramen auch lebhaft litterarisch beschäftigte, fühlte Schiller sich als Mentor, und Hubers fröhliche Heiterkeit ergänzte Körners Ernst und Würde auf das günstigste. Als Schiller kurz vor seinem eigenen Tode Hubers frühen Tod erfuhr, da schwand jedes bittere Urteil, und er schrieb an Körner die schönen Worte: „Wer hätte das erwartet, daß Er uns zuerst verlassen müßte! Denn ob wir gleich außer Verbindung mit ihm waren, so lebte er doch nur für uns und war an zu schöne Zeiten unsres Lebens gebunden, um uns je gleichgültig zu seyn. Ich bin gewiß, daß ihr jetzt auch sein großes Unrecht gegen euch gelinder beurtheilt; er hat es gewiß tief empfunden und hart gebüßt.“ So hatte der mächtige Vermittler, der Tod, die im Leben Getrennten nun wiederum versöhnt. Huber hat sein Unrecht Dora Stock und Körner gegenüber aufrichtig empfunden, aber so unlauter sein Verhältnis zu Therese Forster begonnen hatte, in ihrer Ehe sind beide geläutert worden, und Hubers Frau haben Schiller und Körners, wie es mir scheint, zu hart beurteilt. Sie kannten sie eben nicht und hielten Huber für den Verführten. Die Schuld trifft Therese Forster und Huber in gleichem Maße. Beide sind sich derselben bewußt gewesen. Aber meines Bedünkens haben sie stiller und bescheidener die Urteile der Welt getragen, als manche Zeitgenossen, die sich in gleicher Schuld befanden. Ihre Ehe ist bei aller äußeren Not durchaus für beide Gatten beglückend und beglückt gewesen.

Kaum hatte Körner am 7. August 1785 geheiratet, so folgte ihm Schiller und bald auch Huber nach Dresden, und hier lebten die drei jungen Männer mit Körners Frau und Schwägerin eine so köstliche Zeit, daß ihr Nachklang allen bis zum Tode eine gewisse Weihestimmung erweckte. Im Enthusiasmus der Freude schwärmten sie damals für Wahrheit und Tugend, für Glauben und Hoffnung, für Freiheit und für Menschenliebe, und ihr hohes Ziel war, „sich auf dem Wege zur Gottheit zu begegnen und sich groß, gut und glücklich zu machen.“ Körners Frau und Schwägerin nahmen aufs innigste an dem Bunde der Männer teil, und sorgenlos und angeregt konnte Schiller sich ganz der Ausarbeitung seines Karlos widmen und historische Studien treiben. Und doch mitten im Glücke und Wohlleben fand er nur kurze Zeit hindurch in Körners Hause ein volles inneres Genügen und Behagen. Schon am 1. Mai 1786 schrieb er in hypochondrischer Stimmung an Huber: „Sonderbar, fast jedes Erwachen und Niederlegen nähert mich einem Entschluß um einen Schritt mehr, den ich beinahe als ausgemacht vorher sehe. Ich bedarf einer Krisis.“ Er fühlte, daß er doch nicht immer bei Körners bleiben könne und einen Entschluß für die Zukunft fassen müsse. Und doch war das, was er aufgeben mußte, so groß, daß er sich vor einem Entschlusse fast fürchtete. „Unabhängigkeit,“ schrieb er an Wieland, „die ich sonst für das höchste Gut gehalten, wird mir nunmehr eben dadurch lästig, weil sie mir aufgedrungen wird.“ Er fühlte, daß Körner und sein haus ihm zu seinem Weben und Wirken unentbehrlich geworden waren, daß er ohne sie nicht einmal einen Monat mehr durch sich allein ganz glücklich existieren könne. „Lieber Gott, wie wird das noch werden.“ Dann steigerte ein Liebesverhältnis zu Fräulein von Arnim die Unruhe. Endlich im Juli 1787 reifte der Plan, nach Weimar zu gehen. Einmal zog ihn Charlotte von Kalb dorthin, er wollte Gewißheit gewinnen, ob seine Verheiratung mit ihr jetzt möglich sei, andrerseits wollte er sich dem Herzog vorstellen, ob etwa durch ihn ihm eine Aussicht auf Selbständigkeit geboten werden möchte. Daneben wirkte wohl die Sehnsucht, zu erfahren, wie sein Don Karlos auf die Koryphäen in Weimar, auf Wieland und Herder – Goethe war in Italien – gewirkt habe. Zunächst dachte er nur auf eine Trennung von wenigen Monaten von Dresden, aber als er einmal sich losgerissen, fühlte er bei aller Sehnsucht und Dankbarkeit, daß er sich die Selbständigkeit erhalten müsse. Huber schrieb später an Körner, am 8. März 1790: „[Goethes] Tasso lebt zweifach für uns in Rousseau und in noch jemand, dessen Bild bei seiner Trennung von uns mich nicht verlassen hat, von dem Augenblick an, da Tasso nach Rom will.“ Natürlich dachte Huber an Schiller bei diesen Worten. Im einzelnen finde ich die Parallele mit Tasso nicht schlagend; aber in zwei Punkten will ich sie gelten lassen. Auch Schillers launisch Mißbehagen ruhte auf dem breiten Polster seines Glücks, und zweitens drängte Schiller wie Tasso darnach, nach Vollendung seines Werkes, die Meinung der ersten Geister zu hören. Das bestätigt Schiller selbst mit anderen Worten in seinem Briefe an Huber vom 26. Oktober 1788: „Solange man den Druck der Bedürfnisse fühlt, hält man es für das höchste Gut, darüber beruhigt zu werden. Und doch – was hat man, wenn das auch geschehen ist – einen äußerlichen schmerzlosen Zustand, wobei sehr oft die innere Unruhe desto lauter wird.“ –

„In der That habe ich hier jezt eine recht schöne Existenz; voll Genuß, Arbeit und Hoffnung. Ich bin gesund und meine Laune ist klar und sich gleich. Meiner Verbindungen sind viele, viele sind mir gut, einige sind mir recht gut. Diß giebt dem Leben einen angenehmen Fluß. Meine Vereinigung mit Wieland ist jezt vollendet.“

Es ist mir nicht zweifelhaft, Schiller hatte für seine Entwicklung recht daran gethan, sein breites Polster des Glücks im Körnerschen Hause aufzugeben und seinen Charakter im Strome der Welt zu bilden. Und wie gern, ja auch wie sehnsüchtig er oft zu Körners zurückdachte, er fühlte sich bei aller Unsicherheit der äußeren Verhältnisse von Anfang an nach der einmal überstandenen Trennung freier und befriedigter. Für Körner war der Verlust des Freundes empfindlicher, und bei allem Talent zur Resignation, dessen er sich sonst wohl wehmütig rühmte, hier wurde es ihm um so schwerer, sich zu schicken, als er anfangs nicht den Eindruck gewinnen konnte, als ob Schiller recht daran thäte, nicht zu ihm zurückzukehren. Erst allmählich, je mehr er erkannte, daß Schiller namentlich nach seiner Ehe sich in der neuen Heimat wirklich glücklich fühle, erfuhr er, um wiederum mit Worten aus Goethes Tasso zu reden, daß auch ein ferner Freund, wenn wir ihn glücklich wissen, uns gar freundliche Gesellschaft leistet. Die eigentliche Weihe seines Lebens blieb ihm und wurde ihm immer mehr der Verkehr mit seinem Freunde. Und wenn er einst im Beginne der Freundschaft ihm geschrieben hatte, Schiller müsse nicht zu sehr über ihn emporragen, wenn ihnen ganz wohl beieinander sein solle, so war er jetzt in der Liebe zu ihm und in der Freude an dem Genius so weit erstarkt, daß er, über jeden Neid, jede Eifersucht erhaben, rein und voll das Glück empfinden konnte, ihn zum Freunde zu haben. Wohl regte sich auch in ihm immer wieder der Trieb, schriftstellerisch zu produzieren; aber von allen weiten Plänen ist nur eine kleine Zahl kürzerer Aufsätze zustande gekommen. Da tröstete er sich in der Erwägung, wer denn eigentlich lesen solle, wenn alle schrieben, und das Lesen sei doch auch nicht so leicht.

Und in der That zu lesen verstand er wie wenige. Durch jede irgend bedeutende Schrift wurde er zu produktiver Teilnahme angeregt, durchdachte selbst mit Eifer und Lust den Gegenstand, um den es sich handelte, und wußte, sicher im Urteil und maßvoll im Ausdruck, den eigentlichen Kern jedes litterarischen Werkes klar herauszuschälen und die Eigenart der einzelnen Schriftsteller scharf aufzufassen. Zu Schillers immer erneutem Staunen erriet Körner die ungenannten Verfasser der einzelnen Gedichte, die er in seine Musenalmanache aufgenommen hatte, meist mit verblüffender Sicherheit, und als er an Schiller eine ausführlichere Kritik über Goethes Wilhelm Meister gesandt hatte, schrieb Goethe, dem sie Schiller mitteilte, bewundernd (19. November 1796): „Der Körnerische Brief hat mir sehr viel Freude gemacht, um so mehr, als er mich in einer entschieden ästhetischen Einsamkeit antraf. Die Klarheit und Freiheit, womit er seinen Gegenstand übersieht, ist wirklich bewundernswerth; er schwebt über dem Ganzen, übersieht die Theile mit Eigenheit und Freiheit, nimmt bald da bald dort einen Beleg zu seinem Urtheil heraus, decomponiert das Werk, um es nach seiner Art wieder zusammen zu stellen, und bringt lieber das, was die Einheit stört, die er sucht oder findet, für diesmal bei Seite, als daß er, wie gewöhnlich die Leser thun, sich erst dabei aufhalten, oder gar recht darauf lehnen sollte. – Bei diesem Aufsatz ist es aber überhaupt sehr auffallend, daß sich der Leser produktiv verhalten muß, wenn er an irgend einer Produktion theilnehmen will. Von den passiven Theilnehmern habe ich leider schon die betrübtesten Beispiele wieder erlebt, und es ist nur immer die Wiederholung des Refrains: ich kann’s zu Kopf nicht bringen. Freilich faßt der Kopf kein Kunstproduct als nur in Gesellschaft mit dem Herzen.“

Man hat geforscht, inwieweit Körner auf einzelne Werke oder einzelne Stellen der Werke Schillers Einfluß ausgeübt hat. Für wenige Punkte läßt es sich nachweisen. Aber darnach ist der Gesamteinfluß Körners auf Schiller nicht zu messen. Körner hat auf Schiller selbst, auf seine Bildung, sein Streben, sein Empfinden und sein Wollen eingewirkt. Mit Körner hat Schiller seit seiner Bekanntschaft anfangs fast alle seine Werke während der Arbeit besprochen, später bei der Abfassung an ihn gedacht, und bei seinen Schriften wie in seinem Leben unendlich oft im Hinblick auf ihn empfunden, daß über alles Glück doch der Freund gehe, der es liebend erst erschafft, es teilend mehrt.

Was Körner äußerlich, ich meine pekuniär, für Schiller gethan hat, verdient nicht, besonders hervorgehoben zu werden. Er war leidlich wohlhabend und gab sozusagen aus dem vollen. In dieser Beziehung erscheint mir Streicher aufopferungsvoller. Aber die Art, wie er gab, war edel, und was er in seiner Persönlichkeit ihm innerlich gab, war mehr als Streicher ihm hatte bieten können. Er hat in der That den Besten seiner Zeit genug gethan und so für alle Zeiten gelebt. Und noch eins muß bemerkt werden, um sein Bild in das rechte Licht zu setzen: Nie hat er mit seinem großen Freunde Staat machen wollen. Er hat nach dem Tode Schillers seine Werke herausgegeben, nachdem Goethe die Herausgabe abgelehnt hatte. Dieser Ausgabe hat er kurze Nachrichten von Schillers Leben beigefügt. In diesen steht wohl unter andern der Name des „zu früh verstorbenen Huber,“ der Körner gegenüber so schwer gefehlt hatte, – aber Körners Name findet sich an keiner Stelle.

In Weimar, wo Schiller am 21. Juli 1787 eintraf, sah er noch am Abend des Ankunftstages Charlotte von Kalb, und auch den nächsten Tag brachte er ganz bei ihr zu. Ich habe bereits oben über die weitere Entwicklung seines Verhältnisses mit ihr berichtet, immerhin hat sie ihn in Weimar in manche Kreise, und namentlich auch bei Hofe, eingeführt und ihn anfangs vielfach mit gutem Rate unterstützt. Unter den Bekanntschaften waren ihm die wichtigsten die mit Wieland und Herder. Mit Wieland hatte er schon früher einige Briefe gewechselt, jetzt trat er ihm in kurzer Zeit sehr nahe, arbeitete bald eifrig am Deutschen Merkur mit und plante als Mitherausgeber dieser angesehensten Zeitschrift sich aufs engste mit Wieland zu verbinden. Die Wärme, mit der ihn der gefeierte Meister empfing, hob das Selbstgefühl Schillers nicht wenig. Zwar erkannte er mit scharfem Urteil in kurzem in dem neuen Gönner den Mangel an Charakter und setzte seine Schwächen mit jugendlicher Keckheit in den Briefen an Körner in ein grelles Licht, und die erste Wärme des Verhältnisses erlosch bald; aber stets hat Schiller doch auch die Bedeutung Wielands klar erkannt und ihm für manche Zeichen freundlicher Theilnahme seine Dankbarkeit stets bewahrt.

Auch Herder empfing den neuen Ankömmling freundlich und höflich und weckte bei Schiller anfangs ein Behagen. „Seine Unterhaltung ist voll Geist, voll Stärke und Feuer,“ so schrieb Schiller nach der ersten Begegnung mit ihm, „aber seien Empfindungen bestehen in Haß oder Liebe.“ Seine damals noch leidenschaftliche Liebe zu Goethe ließ Herder sogleich erkennen, aber ebenso klar auch seinen Haß gegen Kant. Von Schillers Schriften schien er noch nichts gelesen zu haben. Auch die nächsten Gespräche mit Herder regten Schiller lebhaft an, und auch Herder sprach Charlotte gegenüber mit großer Anerkennung von Schiller. Eine Predigt Herders nötigte Schiller das Geständnis ab, sie habe ihm besser gefallen, als jede andre, die er in seinem Leben zu hören bekommen habe, – freilich vertraut er dem Freunde Körner dabei aber auch an, daß ihm überhaupt keine Predigt gefalle. Das Publikum eines Predigers sei viel zu bunt und ungleich, als daß seine Manier eine allgemein befriedigende Einheit haben könne, und er dürfe den schwächlichen Teil nicht ignorieren wie der Schriftsteller. Es war ein Genuß für Schiller, Herders hohen Geist zu beobachten. Noch im Mai 1788 setzte er sich zum Ziele, ihn in diesem Sommer sozusagen zu verzehren. Während Schiller 1788 in Rudolstadt weilte, reiste Herder nach Italien; als er Mitte Mai 1789 zurückkehrte, war Schiller vor wenigen Tagen nach Jena übergesiedelt. Der persönliche Verkehr beider Männer war somit unterbrochen und erschwert. Schon im Jahre 1791 begann Schiller dann sich mit Eifer in Kant einzuarbeiten, und seine wachsende und dauernde Verehrung für diesen trennte ihn innerlich mehr und mehr von Herder, und als die enge Vereinigung Goethes und Schillers geschlossen war, wurde Herder auch jenem entfremdet. Herders Mitarbeit an den Horen und Musenalmanachen hielt die drei Geistesheroen Weimars wenigstens äußerlich noch zusammen, aber seine zunehmende Kränklichkeit und wachsende Mißstimmung verbitterten ihn so sehr, daß er geistig vereinsamte und bald als mürrischer laudator temporis acti sich dem Großen in seiner Zeit verschloß. Schiller hat in den späteren Jahren wiederholentlich nicht ungerecht, aber scharf und hart über ihn geurteilt, wie er bei seinem energischen Streben zum Höchsten überhaupt in der Kritik keine Schonung walten ließ, so milde er stets im persönlichen Verkehre gewesen ist. Mit wahrem Schmerz sah er den einst größten geistigen Vorkämpfer neben Lessing zuweilen bis zur Trivialität hinabsinken. Nach dem Erscheinen der Adrastea vermochte er kaum noch zu begreifen, daß Herder jemals außerordentlich gewesen sein könne. Und auch Goethe beklagte die Verbitterung des alten Freundes. Sein letztes Wort über ihn im Briefwechsel mit Schiller lautet, er möchte nicht in Herders Haut stecken. Ihm, der in allen Zonen gelauscht hatte, begierig zu ergründen, wie überall des Menschen Sinn ersprießt, und der die Poesie aller Zeiten und Völker, alle Legenden und Sagen erforscht und mitgefühlt hatte, als gehörten sie seinen Tagen an, ihm, der die Humanität als unser ewiges Ziel aufgefunden und fest begründet hatte, gelang es in seinem Alter nicht, die Größten seiner Zeit recht zu verstehen und zu würdigen, und in krankhafter Verbitterung wußte er das A und O aller seiner Schriften und Predigten, die Humanität, in der eigenen Zeit nicht zu erfassen und zu üben. Der Haß gegen Kants Einfluß hatte alle seine Liebe überwuchert und ertötet.

Über Herder hatte also Schillers erster Eindruck ihn getäuscht; aber er konnte auch nicht voraussehen, daß Herder sich so völlig wandeln könnte. Im übrigen aber ist Schillers treffendes Urteil gleich bei der ersten Begegnung mit Menschen geradezu staunenswert.

Als er den trefflichen Voigt am 11. August 1787 einige Stunden gesprochen hatte, urteilte er, dieser könne sein vertrauter Freund werden. Wenige Wochen später besuchte er Reinhold in Jena und fühlte sich lebhaft durch ihn angeregt. Aber mit der größten Bestimmtheit urteilte er sofort, daß er niemals Reinholds Freund werden könne. „Er hat einen klarsehenden, tiefen Verstand, den ich nicht habe und nicht würdigen kann; aber seine Phantasie ist arm und enge, und sein Geist begrenzter als der meinige. – Er wird sich nie zu kühnen Tugenden oder Verbrechen, weder im Ideal noch in der Wirklichkeit erheben, und das ist schlimm. Ich kann keines Menschen Freund seyn, der nicht die Fähigkeit zu einem dieser beiden oder zu beiden hat.“ Ein Geständnis Reinholds an seinen Freund Baggesen im Briefe vom 23. Januar 1792 zeigt aufs klarste, wie richtig Schiller geurteilt hatte. Reinhold hatte inzwischen bei den Plänen des Prinzen Christian von Dänemark und des Grafen Schimmelmann, Schiller nach seiner schweren Erkrankung über die äußere Not zu erheben, eine gewisse Vermittlerrolle zu üben gehabt und an Schillers Glück und Freude aufrichtig teilgenommen. Sie waren sich dadurch wieder näher getreten; aber ob Reinhold auch empfand, daß Schiller ihm gut sei und ihn achte, er fühlte zugleich, daß er nicht sein Freund sei. Schön ist das Trosteswort, das er sich selbst sagt: „Aber wie leicht vergesse ich das, was Schiller mir nicht ist, über dem, was er der Welt, und folglich auch mir, wirklich wird.“ Das eine Verdienst hat sich Reinhold unzweifelhaft um Schiller erworben, daß er ihn zuerst für das Studium der Werke Kants gewann, von dem ihm Körner bisher vergebens vorgepredigt hatte.

Sonst lernte Schiller gleich bei dem ersten Besuche in Jena die Herausgeber der Litteraturzeitung Schütz und Hufeland und die Professoren Döderlein und Griesbach kennen, und in Weimar besonders noch Bode, Bertuch und Knebel, der ihn zum 28. August in Goethes Garten einlud, wo er mit Frau v. Schardt, Frau v. Imhoff, Charlotte v. Kalb, Voigt und zwei Söhnen Herders Goethes Gesundheit in Rheinwein trank. Auch die Herzogin und die Herzogin-Mutter lernte er kennen, und von den Weimarer Damen besonders noch Frau v. Stein, Corona Schröter und Mlle. Schmidt. Am nächsten blieb ihm neben Charlotte v. Kalb aber Wielands Haus, und er erwog sogar ganz ernsthaft, ob er eine seiner Töchter heiraten sollte. Aber kaum hatte er von diesem Plane an Körner geschrieben, so war es ihm auch schon leid. Eine neue Bekanntschaft hatte seinem Empfinden und seinen Erwägungen eine andere Richtung gegeben. Statt des hastigen, unsteten Suchens nach einer Frau hatte ihn eine feste Sehnsucht und Liebe zu einem jungen Mädchen erfaßt, und klar auf einmal fühlte er’s in sich werden, die ist es, oder keine sonst auf Erden.

Auf der Rückreise von einem Ausflug nach Meiningen ritt Schiller am 6. Dezember 1787 mit seinem Freunde Wilhelm v. Wolzogen in Rudolstadt ein, wo Wolzogen ihn im Hause seiner Tante, Frau v. Lengefeld geb. v. Wurmb, einzuführen gedachte. Die beiden Töchter der Frau v. Lengefeld, Karoline, die mit einem Herrn v. Beulwitz in nicht glücklicher Ehe lebte, und die jüngere unverheiratete Charlotte sahen sie heranreiten und erkannten bald den Vetter, wenn er auch scherzend das halbe Gesicht mit dem Mantel verbarg. Der andere Reiter erregte ihre Neugier. Als Wolzogen seinen Freund vorgestellt und gebeten hatte, ihn am Abend bei ihnen einführen zu dürfen, bestürmte Karoline v. Beulwitz ihre Schwester, nicht ihrer Gewohnheit gemäß am Abend sie allein reden zu lassen, sondern doch ja auch zu sprechen, und Lotte versprach es, wiewohl sie gerade an Kopfweh litt. Später gestand sie Schiller, die Bereitwilligkeit habe sie nicht gereut, sie hätte seinen Geist sehr interessant gefunden und sich nachher gefreut, mehr als gewöhnlich gesprochen zu haben. Auch Schiller hatte Gefallen an den Schwestern gefunden und berichtete am 8. Dezember an Körner, er habe in Rudolstadt „eine recht liebenswürdige Familie kennen lernen. Eine Frau v. Lengefeld lebt da mit einer verheirateten und einer noch ledigen Tochter. Beide Geschöpfe sind (ohne schön zu sein) anziehend und gefallen mir sehr. Man findet hier viel Bekanntschaft mit der neuen Litteratur, Feinheit, Empfindung und Geist. Das Clavier spielen sie gut, welches mir einen recht schönen Abend machte.“ In demselben Briefe heißt es dann: „Wegen Wielands (d. h. wegen seiner Tochter) hast Du, wie ich sehe, viel zu consequent geschlossen. Es war ein hingeworfener Gedanke.“ Man liest zwischen den Zeilen leicht heraus, daß ihn plötzlich eine andere belehrt hat, daß Wielands Tochter sicherlich nicht die rechte Frau für ihn sein würde. Die Rudolstädter Schwestern hatten ihm einen gewaltigen Eindruck gemacht. Er dachte daran, sie noch im Dezember wieder zu besuchen. Der Plan zerschlug sich, aber er hoffte nun, im Frühjahr 1788 ihnen einen etwas ausführlicheren Besuch machen zu können. Aber noch vorher sah er plötzlich zu seiner freudigen Überraschung Charlotte v. Lengefeld in Weimar auf einer Redoute kurz vor Fastnacht (5. Febr. 1788) vor sich stehen und fühlte, wie sie mit dem holden Zauber nie entweihter Jugend ihn umstrickte. Am 12. Februar schrieb er an Körner: „Eine Frau habe ich noch nicht, aber bittet Gott, daß ich mich nicht ernsthaft verplempere.“ Lotte wohnte bei Frau v. Imhoff, bei der auch Schiller verkehrte, und er verfehlte nicht, die Besuche in diesem Hause jetzt häufiger zu machen. Zugleich liefen bald freundliche Billets zwischen ihm und Lotte hin und her, und etwa Anfang April schrieb er das bekannte Gedicht in ihr Stammbuch:

Ein blühend Kind, von Grazien und Scherzen
umhüpft – so, Lotte, spielt um Dich die Welt etc.

Gleich darnach, am 5. April, nahm Lotte bei ihrer plötzlichen Abreise nach Rudolstadt brieflich von dem Dichter herzlichen Abschied: „Denken Sie meiner, ich wünschte, daß es oft geschähe – und kommen Sie doch sobald als möglich zu uns. adieu. adieu.“ Hocherfreut über diese Worte, erwiderte Schiller: „Sie wollen also, daß ich an Sie denken soll; dieses würde geschehen seyn, auch wenn Sie es mir verboten hätten. Meine Phantasie soll so unermüdet seyn, mir Ihr Bild vorzuführen, als wenn sie in den acht Jahren, daß ich sie den Musen verdingt habe, sich nur für dieses Bild geübt hätte.“ Zugleich erbat er ihre Erlaubnis, ihr zuweilen sagen zu dürfen, wenn er mit ihr beschäftigt sei. Auf seinen Wunsch besorgte ihm Lotte eine Wohnung in Volksstädt nahe bei Rudolstadt, und schon am 19. oder 20. Mai zog Schiller dorthin, voll ungeduldiger Erwartung der Freuden, die er sich von dem näheren Umgange mit Lotte und den Ihrigen versprach.

Seine Hoffnung betrog ihn nicht. Er fand weit mehr, als er erwartet hatte. Nach der damaligen freieren Sitte konnte er mit Karoline und Lotte täglich mündlich und schriftlich verkehren, und in diesem Verkehr fand er die seligsten Stunden seines Lebens. Das Hangen und Bangen in schwebender Pein dauerte freilich lange. Wohl spielte Schiller in seinen Briefen an Lotte oft genug darauf an, daß er sie liebe, aber er wagte ihr nicht offen seine Liebe zu gestehen, weil er fürchtete, sie sei nicht mehr frei. Und in der That hatte ja Lotte auch im vergangenen Jahre mit einem jungen Schotten namens Heron, den Knebel nach Jena gezogen hatte, in einem nahen Verhältnis gestanden. Er mußte nach England und Ostindien reisen und trennte sich schwer. Lotte hatte ihm zum Abschied ihre Silhouette geschenkt. Ob die Trennung als eine endgiltige ihr erschienen ist, oder ob sie, wenigstens bis zur Bekanntschaft mit Schiller, auf die Rückkehr Herons gehofft hat, weiß ich nicht zu sagen. Genug, ihr gegenseitiges Interesse füreinander war nicht geheim geblieben, und Schiller wird auch davon gehört haben und darum bei aller Sehnsucht und Liebe sich gescheut haben, durch ein offenes Geständnis seiner Liebe Lotte in Gewissensnot zu bringen. Kleine Anspielungen mochte er nicht unterlassen, aber so herzlich ihn Lotte offenbar von der ersten Begegnung ab liebte, sie, der die neckische Schwester den Spitznamen die Dezenz gegeben hatte, zeigte dem Dichter wohl mehr als Freundschaft, aber sie hütete sich wohl, in kecker Weise etwa ihn zu einem Geständnis zu ermutigen. Das wäre gegen ihre Art gewesen, und gegen ihre Bescheidenheit. Denn je mehr die verheiratete Schwester eben nach ihrer Stellung als Frau wie nach ihrer freieren Lebensweise, ihrer geistig unzweifelhaft höheren Begabung und ihrer Fähigkeit, im Gespräche geistig bedeutende Menschen anzuregen, auch bei dem Verkehre mit Schiller vielfach ihn zu lebendigerer Mitteilung zu veranlassen wußte, um so mehr zweifelte auch Lotte, ob sie dem Dichter würde Genüge thun können. Und so wechselte in ihren Briefen der Ausdruck warmer Teilnahme und Liebe mit dem einer mädchenhaften Zurückhaltung. Fühlte sie, daß er diese traurig empfand, so schrieb sie wohl in einem wärmeren Ton, aber dazwischen quälten sie, wenn sie sah, wie Karoline im Gespräche ihn geistig anzuregen wußte, immer wieder die Zweifel, ob sie für das Leben ihm genug zu bieten habe. Die Mehrzahl seiner Briefe war an Lotte gerichtet, einige aber auch an Karoline oder an beide Schwestern. Aus den letzteren, die gerade, weil sie an Karoline mitgerichtet waren, tiefer auf die geistigen Interessen eingingen, ist vielfach geschlossen worden, Schiller selbst habe in einer Art von Doppelbräutigamschaft gestanden, und er habe lange geschwankt, welche der Schwestern er wählen solle. Ich glaube, diese Auffassung ist völlig irrig. Von vornherein hat er nur an eine Heirat mit Lotte gedacht, freilich daneben auch an eine enge geistige Verbindung mit Karoline, die ihn lebhaft anzog und ihm zugleich Mitleid einflößte, da sie getrennt und innerlich geschieden von ihrem Manne lebte und ihrem ganzen Wesen nach an einer beständigen Unruhe litt. Gerade im Gegensatze dazu zog ihn Lottens stille Ruhe und Sanftheit doppelt an. Lotte konnte sich ganz hingeben, Karoline hatte dazu weder die Stetigkeit, noch die Bescheidenheit. Lotte liebte uneigennützig, Karoline suchte im Verkehre mit Schiller die eigenen Kräfte zu steigern und durch Mitteilung ihres Wesens auch auf den Genius einzuwirken. Einer ihrer begeistertsten Verehrer, v. Adlerskron, schrieb ihr, als er Charlotte v. Kalb kennen gelernt hatte, diese habe ihn interessiert, weil sie einige Züge des Charakters mit Karoline gemein habe. Die Parallele ist interessant. Karoline ist frei von jeder Mystik, die im Wesen Charlotte v. Kalbs so scharf hervortritt, sie ist klarer und leidenschaftsloser, aber auch sie hat den Drang, auf andere zu wirken, auch sie wird von der Unruhe beherrscht, nicht einem sich ganz hingeben zu können, sondern in einer Art geistiger Ehe ihr eigenes Dasein gewissermaßen zu erweitern, sich in anderen darzustellen, und das giebt ihr eine gewisse Beeinflussungssucht, die das eigentliche Wesen der schönen Weiblichkeit beeinträchtigt. Darin liegt das Ähnliche zwischen ihr und Charlotte v. Kalb. Da ihr aber das krankhaft Leidenschaftliche und Mystische jener fehlte, und andrerseits die wiederum geistig der Frau v. Kalb ebenbürtig war, so läßt sich begreifen, wie Schiller hoffen konnte, den intimen geistigen Verkehr mit ihr neben der Ehe mit seiner Lotte fortsetzen und pflegen zu können. Es war ein zartes Verhältnis zwischen ihm und den beiden Schwestern, das der Mißdeutung ausgesetzt war, innerlich aber völlig rein und klar war. Als der Klatsch in Weimar und Jena das Verhältnis begeiferte, den gerade damals in ihrer Eifersucht Charlotte v. Kalb besonders nährte, hat Schiller seiner Lotte im Briefe vom 10. Februar 1790 das schöne Trostwort geschrieben: „Daß allerley über unser Verhältniß würde gesprochen werden, war zu erwarten. Hätte man uns erst in unserm engern Kreise beobachtet, wo wir drey ohne Zeugen waren – wer hätte dieses zarte Verhältniß begriffen? Jeder beurtheilt fremde Handlungsarten nach der seinigen – eine freie, schöne Seele gehört dazu, unsre verschiedene Stellung gegen einander zu fassen, die ganze Geschichte unserer keimenden und aufblühenden Verbindung untereinander müßte man übersehen haben, und feinen Sinn genug haben, diese Erscheinungen in uns auszulegen. Die Menschen suchen immer gleich Worte zu allem, und durch Worte hintergehen sie sich dann. Jede Empfindung ist nur einmal in der Welt vorhanden, in dem einzigen Menschen, der sie hat; Worte aber muß man von tausenden gebrauchen, und darum passen sie auf Keinen.“

Ich weiß kein zweites Beispiel eines gedruckten, so herzlich intimen Briefwechsels zweier Liebenden vor der Verlobung, als den zwischen Lotte und Schiller. Nirgends ist das Fehlen der Antworten in meiner Ausgabe darum auch so empfindlich, wie hier. Man muß Fielitz’ Ausgabe von Schiller und Lotte in die Hand nehmen, um den vollen Genuß zu haben, und so herzlich und schön Schillers Briefe sind, das stetig wachsende Vertrauen und die steigende Aufrichtigkeit in der Mitteilung der Empfindungen und inneren Hingabe Lottens sind fast noch entzückender zu lesen. Da lernt man eine wahrhaft gebildete deutsche Mädchenseele kennen, wahr und schlicht, sich hingebend in inniger Liebe zu dem geliebten Manne und bewundernd aufblickend zu seinem reichen Geiste, sicher und offen in der Mitteilung ihrer Urteile und doch beschieden und mädchenhaft scheu, auch nicht den Schein der Zudringlichkeit zu erwecken. Alle, die sie kennen lernten, gewannen sie lieb und schätzten sie um ihres Gemütes, nicht um besonderer Begabung willen, und auf sie kann man Schillers preisendes Wort über solche, die reines und unschuldiges Herzens sind, anwenden:

Einfach gehst Du und still durch die eroberte Welt.

Anfang August 1789 hatte Schiller in einem Gespräche mit Karoline die Gewißheit empfangen, von Lotte geliebt zu sein. Im Briefe vom 3. August gestand er ihr seine Liebe, und am 5. August versicherte ihn Lotte, Karoline habe in ihrer Seele gelesen, und sie gab sich ihm zu eigen, als den köstlichsten Schatz, den Schiller je errungen hat. Bei der Mutter hielt er erst im Dezember desselben Jahres um Lotte an, und am 22. Februar 1790 erfolgte die Hochzeit, die in solcher Stille stattfand, wie ich von keiner andern Hochzeit in sogenannten höheren Kreisen sonst weiß. Nur Lottes Mutter und Schwester waren zugegen. Und wie wunderlich, wie wenig poetisch begann die Ehe! Das junge Ehepaar wohnte, wie man jetzt sagt, chambre garnie. Schillers „Hausjungfern“ gaben ihm die Meubles und die Tischkost. Die eigene Häuslichkeit war also nur halb. Die erste Woche wohnte die Schwiegermutter noch bei ihnen. Die Schwester blieb noch länger mit ihnen in Jena zusammen, wenn sie auch bald das Logis wechselte. Und doch, welch Behagen durchströmt Schillers Briefe seit jenem 22. Februar. Von diesem Tage ab ist eine beseligende Ruhe über ihn gekommen, die nur gestört wurde in den Zeiten, wo er um Lottens Gesundheit besorgt war. Seine Lotte hatte ihm den Frieden der Seele gebracht und hat ihn ihm bewahrt bis an seinen Tod. Sie war seine Vertraute in allen Dingen, seine treue Pflegerin in seinen Krankheiten, die sorgsame Mutter seiner Kinder, die Freundin aller seine Freunde, die Mitwisserin aller seiner Pläne und Sorgen, und die Ermunterin bei seinen Arbeiten durch warme und verständnisvolle Teilnahme. Sie genoß in Jena und Weimar die Liebe und Achtung aller, die sie kannten, und ich erinnere mich nicht irgend eines abgünstigen Urteils über sie in der gesamten Brieflitteratur aus ihren Kreisen. Selbst Karoline Schlegels scharfe Zunge lobte sie auf Kosten ihrer Schwester Karoline im Briefe an Luise Gotter vom 4. September 1796 mit den Worten: „Die Schwester ist nicht halb so natürlich wie die Schiller und kann einem tant soit peu Langeweile machen.“ Freilich wird dies Urteil über Karoline lächerlich, wenn man Karoline Schlegels Urteil im Briefe an Luise Gotter vom 12. Dezember 1796 über den Roman Agnes v. Lilien liest: „Du wirst Gelegenheit haben, wiederum den Reichthum und die Anmuth eines großen Geistes zu bewundern.“ Frau Schlegel wußte damals nicht, daß die Verfasserin Karoline v. Wolzogen war, die sie langweilig gefunden hatte, sondern schrieb den Roman bekanntlich Goethe zu. Schillers Verhältnis zu Karoline blieb nach wie vor ein herzliches und freundliches, wenn es vorübergehend auch getrübt wurde durch seine offene Mißbilligung ihrer Verheiratung mit seinem Freunde v. Wolzogen, von der er sich kein Glück versprach. Hierin hat er sich geirrt. Freilich, ganz konnte Karoline nicht in der Liebe zum Manne aufgehen, eine gewisse Unruhe haftete ihr an, und auch ihre lebhaften geistigen Interessen, wie auch ihre Lust, sich schriftstellerisch zu bethätigen, führte sie etwas über die Grenzen der echten Weiblichkeit hinaus, aber sie war zu eng in die glücklichste Zeit Schillers verflochten, als daß er sich auf die Dauer ihr hätte entfremden können. Dankbar gedachte er stets, daß sie der gute Genius gewesen, der ihn ermutigt hatte, seiner Lotte sich zu entdecken, und auch, als naturgemäß allmählich die Briefe an die Schwägerin nüchterner und kühler wurden, und der geistige Dreibund nur noch in der Erinnerung lebte, hat er in warmer Freundschaft und Verwandtschaftlichkeit zu ihr gestanden. Ihren reichen Geist hat er immer anerkannt, aber freilich die sanfte Ruhe, die einfache Natürlichkeit und die uneigennützige Liebe seiner Lotte galt ihm mehr. Karoline war geistig bedeutender, Lotte inniger, gemütvoller und immer gleichmäßig beglückend. Gottlob waren und sind ja solche Frauen in Deutschland nicht gerade selten, die bei reichen geistigen Interessen, ihr vollstes Genügen doch in ihrem gebundenen Wirken als Gattin und Mutter gefunden haben, aber unter den Frauen, deren Name durch ihre eigene oder ihres Mannes oder ihrer Kinder Bedeutung einen Platz in der Geschichte gefunden haben, weiß ich, außer etwa noch Ernestine Voß, keine, die durch den milden Glanz deutscher Weiblichkeit uns freundlicher berührte als Schillers Lotte.

Schiller hatte 1789, um überhaupt nur einen Hausstand gründen zu können, eine Professur in Jena angenommen und arbeitete jetzt übermäßig, um den neu übernommenen amtlichen Pflichten gerecht zu werden. Namentlich im ersten Jahr war die Arbeit übergroß. Alle Tage hatte er eine ganze Vorlesung zu machen und wörtlich niederzuschreiben d. h. etwa täglich zwei gedruckte Bogen und danebenher ging dann das erforderliche Lesen und Excerpieren. Da blieb ihm nicht viel Zeit zu geselligem Verkehr. Jedoch freute er sich namentlich auch für seine Frau mit seinem Landsmann, dem Professor Paulus, und seiner Gattin ein freundschaftliches Verhältnis anknüpfen zu können. Aber die überspannte Arbeit, zu der er oft einen Teil der Nacht hinzunahm, überstieg seine Kräfte. Im Jahre 1791 erkrankte er so schwer, daß er sich schon verloren glaubte, und nur langsam hoben sich die Kräfte wieder; seit jener Zeit ist er nie wieder völlig gesund gewesen, und nur durch seine Willensstärke gelang das Wunder, daß er trotz der kümmerlichen Genesung und des beständigen Bangens im Leiden noch eine so reiche Produktivität entfalten konnte. Mehr und mehr zog er sich vom geselligen Verkehre zurück. Da begrüßte er mit besonderer Freude, daß einige junge Freunde sich gern bereit fanden, täglich bei seinen Hausjungfern an seinem Mittagstische teilzunehmen; es waren dies Fischenich, Goethes Zögling Fritz v. Stein, Niethammer, v. Fichard und sein Hofmeister Göritz. In diesem Kreise wurde bei Tische eifrig über Kantische Philosophie disputiert und nachmittags häufig ein Spiel gemacht, an das sich Schiller in seiner Krankheit gewöhnt hatte. Auch sonst traten ihm in den Jahren seines Aufenthalts in Jena teils ältere, teils jüngere Männer nahe, die sich des Studiums halber in Jena aufhielten, so Friedrich v. Hardenberg aus dem Mansfeldischen, Herbert aus Klagenfurt, Erhard aus Nürnberg, der Liefländer v. Adlerskron, der begeisterte Verehrer Karoline v. Beulwitz’, ein anderer Liefländer Namens Grieß, der damals Theologie studierte und später sich der Poesie und Landschaftsmalerei widmete, der Däne Hornemann, der Schwabe Gros und Hölderlin. Sie alle sind auch später mit Schiller brieflich in Verbindung geblieben und einige auch, wie Fritz v. Stein und Fischenich in engster Beziehung zu Charlotte, die trotz ihrer Jugend eine wahrhaft mütterliche Teilnahme für die jungen Männer bewährt hatte. Sie haben dankbar durch ihr ganzes Leben das Andenken an diese Zeit des Verkehrs mit Schiller bewahrt; denn auch sie hatten zu dauerndem Gewinn erfahren und genossen:

Wie bald sein Ernst anschließend, wohlgefällig
Zur Wechselrede heiter sich geneigt,
Bald rasch gewandt, geistreich und sicherstellig
Der Lebensplane tiefen Sinn erzeugt
Und fruchtbar sich in Rat und That ergossen.

Als Schiller schwer krank darniederlag, war das Gerücht nach Kopenhagen erschollen, er sei gestorben. Die Nachricht gelangte dorthin gerade in den Tagen, als der Graf Ernst v. Schimmelmann, der Minister im Haag Schubert, der Dichter Baggesen und ihre drei Frauen sich entschlossen, auf drei Tage von Kopenhagen nach Hellerbeck zu reisen, um dort gemeinsam im Genuß von Poesien zu schwelgen. Kurz vor der verabredeten Abfahrt meldete die Gräfin Schimmelmann an Baggesen die Nachricht, Schiller, dessen Werke sie besonders hatten genießen wollen, sei gestorben. Baggesen eilte mit seiner Frau nach Seelust zu Schimmelmanns, und nach den ersten Ausbrüchen der Trauer beschließen sie die Fahrt nach Hellebeck dennoch zu unternehmen. „Wir haben nach Hellebeck gehen wollen,“ sagte der Graf und die Gräfin zu Baggesen, „um in aller Munterkeit Schillers Ode: An die Freude zu singen – jetzt wollen wir hingehen und sie in aller Wehmut von Ihnen gelesen hören.“

Ich citiere weiter Baggesens Brief an Reinhold vom Juni 1791, dem auch die vorhergehenden Worte entnommen sind.

„Stellen Sie Sich den romantischsten, erhabensten, naturgrößesten Ort vor, den man diesseits der Alpen finden kann, weit von der Stadt, am donnerrollenden Nordmeer. Hier lagerten sich drei einander liebende Paare, sechs wenigstens das Gute wollende, das Schöne liebende Seelen, im vertrauten Kreise nebeneinander. Am Tische sprudelte der geistige Champagner, mein und des Grafen Lieblingswein. Plötzlich fing Ihr Baggesen an zu lesen:

Freude! schöner Götterfunken etc.
– – – – – – – –
Wo dein sanfter Flügel weilt –

und Instrumente – Klarinetten, Hörner und Flöten (ohne daß die andern etwas wußten; es war durch mich und den Grafen veranstaltet) fielen ein, indem alle wie durch Zauber zum Mitsingen hingerissen wurden:

Chor: Seid umschlungen Millionen!
   Diesen Kuß der ganzen Welt!
   Brüder! überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.

und so nach jeder Strophe – bis nach der letzten, wo ich, als man glaubte zu Ende zu sein, noch zu lesen fortfuhr, was ich Ihnen nicht abschreiben will, weil deutsche Verse von mir allenfalls nur Dänen erträglich scheinen können – und in dem darauf folgenden Chor (welches ich doch nicht verheimlichen kann):

Unser toter Freund soll leben!
   Alle Freunde stimmet ein!
Und sein Geist soll uns umschweben
   Hier in Hellas Himmelshain.

Tutissimi: Jede Hand emporgehoben!
   Schwört bei diesem freien Wein:
   Seinem Geiste treu zu sein
Bis zum Wiedersehn dort oben!

die Thränen allen aus den Augen stürzten. Nachher kamen vier junge Knaben und vier unschuldige Mädchen mit Blumenkränzen, in weißen Kleidern, als Hirten und Hirtinnen. Man tanzte. Das Wetter wurde schöner und schöner – so verflossen drei Tage wie drei Minuten, in unaufhörlichem feierlichem Genuß. So feierten wir Schillers Tod. – Meine Lieblingsscenen in Don Karlos, die Götter Griechenlands, Stücke aus der leider unvollendeten Geschichte des Abfalls der Niederlande, und die Künstler, das reichhaltigste Gedicht von gleicher Länge, das ich kenne, und das allein hinreichen würde, Schiller in meiner Seele unsterblich zu machen, wenn er sonst nichts geschrieben hätte – alles dies wurde gelesen.“

Als Schiller nach seiner Rückkehr aus Karlsbad im August, ehe er nach Erfurt reiste, einige Zeit noch wieder in Jena weilte, ließ ihn Reinhold Baggesens Brief lesen und hatte den Eindruck, daß keine Arznei heilsamer auf ihn gewirkt habe. Er ließ Baggesen sagen, daß ihm seine Exequien auf Hellebeck ein unaussprechliches Vergnügen gemacht hätten. Und Schillers Frau zog Reinhold beiseite: „Wenn Sie Baggesen schreiben,“ sagte sie, „so sagen sie ihm – sagen sie ihm – schreiben sie ihm –“ und nun erstickte ein Thränenstrom ihre Stimme, die sie nicht wiedergewinnen konnte, bis Reinhold ihr sagte: er könne Baggesen nichts Nachdrücklicheres, Rührenderes, Interessanteres schreiben, als was er soeben von ihr gesehen und gehört habe. Während Schiller in Karlsbad lebte, war der Prinz Christian von Dänemark inkognito unter dem Namen eines Barons von Holsten in Jena und Weimar gewesen und hatte mit Wieland und namentlich mit Reinhold verkehrt. Der Prinz hatte für später über eine mögliche Berufung Reinholds nach Dänemark oder Holstein gesprochen. Das gab wohl Reinhold Veranlassung, am 17. Oktober 1791 an Baggesen zu schreiben: „Schiller ist leidlich wohl; vielleicht könnt’ er sich noch ganz erholen, wenn er eine Zeit lang sich aller eigentlichen Arbeit enthalten könnte. Aber das erlaubt seine Lage nicht. Schiller hat nicht mehr als ich fixes Einkommen, d. h. 200 Thlr. von denen wir, wenn wir krank sind, nicht wissen, ob wir sie in die Apotheke oder Küche senden sollen. Ich kann arbeiten, und Schiller hat es noch besser gekonnt, und kann es jetzt kaum, ohne seine Existenz in Gefahr zu setzen. Ein schreckendes Beispiel für mich! und doch, wäre nur Schiller einstweilen geborgen, wie gern wollte ich mich dann mit der Versorgung begnügen, die mir jetzt meine Gesundheit gewährt.“ Durch Baggesens Brief vom 19. Dezember 1791 ist ausdrücklich bezeugt, daß diese für Reinhold, der ja wußte, daß Schiller seine Liebe nicht zur Hälfte erwidere, so ehrenden Worte, die Veranlassung geworden sind, daß der Prinz Friedrich Christian von Holstein, dem Baggesen Reinholds Brief vorgelesen hatte, zusammen mit seinem Freunde, dem Grafen Ernst v. Schimmelmann, Schiller durch ein Geschenk von je tausend Thalern auf drei Jahre aus der drückenden Sorge um den gelben Quark befreiten.

Der Prinz war wider Schiller eingenommen gewesen und hatte seinen Genius verkannt. Ihn hierin belehrt und befreit zu haben, ist Baggesens Verdienst, der Schillers Genius schwärmerisch verehrte. „Nur mit sehr vieler Mühe brachte ich es dahin,“ so berichtete er Reinhold, „daß der Prinz mir erlaubte, ihm Don Karlos vorzulesen. Ich zweifle sehr, sagte er, daß wir diese Lectüre zu Ende bringen werden; indessen – weil Sie gewettet haben – – Ich las. Ich hatte mir im voraus bedingt, daß er schlechterdings den ersten Akt aushören müsse. Er wurde hingerissen – ich las nicht nur Don Carlos aus – aber als ich den folgenden Tag dieses Auslesen anfing, hatte er schon in der Nacht alles übrige gelesen. Jetzt weiß er die vorzüglichsten Scenen auswendig. nun wurde alles von Schiller gelesen und wiedergelesen. Was ist natürlicher? Bei Schimmelmanns war es die nämliche Geschichte, nur einige Jahre früher.“ So hatte Baggesen den Boden gelockert, in den nun Reinholds guter Same fiel und für Schiller eine so reiche Ernte brachte. Er konnte sich Muße gönnen, drückende Schulden abstoßen, durch den Ankauf eines Reitpferdes für seine Gesundheit sorgen und endlich durch einen Besuch in der Heimat sich auch geistig kräftigen.

Die Art, wie dieses Geschenk geboten wurde, war nicht minder fürstlich, wie das Geschenk selbst. „Wir kennen keinen Stolz,“ so schrieben die beiden wahrhaft adligen Weltbürger, „als nur den, Menschen zu seyn, Bürger in der großen Republik, deren Gränzen mehr als die Gränzen eines Erdballs umfassen. Sie haben hier nur Menschen, Ihre Brüder vor sich, nicht eitle Große, die durch einen solchen Gebrauch ihrer Reichthümer nur einer etwas edlern Art von Hochmuth fröhnen.“

Schiller nahm das Geschenk mit innigem Danke und mit hoher Anerkennung der edlen That seiner Wohlthäter an, aber er deutete auch in seiner Antwort an, daß er, wie die hochherzigen Geber es gewünscht hatten, jeden kleinlichen Gedanken, als mache er sich durch die Annahme persönlich von den Geschenkgebern abhängig, weit von sich werfe: „Nicht an Sie, sondern an die Menschheit habe ich meine Schuld abzutragen. Diese ist der gemeinschaftliche Altar, wo Sie Ihr Geschenk und ich meinen Dank niederlege.“

Das deutsche Volk aber und die Welt wird billig die edle That jenes Prinzen und Grafen preisen und ehren, und dankbar erkennen, daß Schillers Genesung und alle seine späteren Werke erst durch diese Hilfe in der Not ermöglicht worden sind. Auch Körner hatte seine Hilfe wiederum angeboten, aber Schiller stand ohnehin noch in seiner Schuld und wußte, daß Körner auch nicht im Überfluß lebte, und so würde es Schiller bedrückt haben, von neuem sein Schuldner zu werden. Diese Gabe aus Kopenhagen aber kam ihm wie eine Gabe des Himmels, die man in demütiger Dankbarkeit als ein Pfund zum Wuchern anzunehmen hat, die einem viel giebt, um auch viel zu fordern, und damit den Geist erhebt, und nicht niederdrückt. Und der Gebrauch, den Schiller von der Gabe gemacht hat, ist wahrlich größer noch, als der Prinz und der Graf sich in ihren kühnsten Hoffnungen hatten vorspiegeln können. Traurig hatten ihn, wie er an Baggesen schrieb, die Meisterstücke anderer Schriftsteller – er denkt natürlich in erster Reihe an Goethe – gemacht; weil er die Hoffnung aufgab, ihrer glücklichen Muße teilhaftig zu werden, an der allein die Werke des Geistes reifen. Jetzt, wo er diese Muße erlangt hatte, stand für ihn auch die Pflicht fest, Meisterstücke zu schaffen und nicht zu ruhen, bis er sich zur höchsten Ausbildung seines Geistes hinaufgeschwungen habe. Seinen Wohlthätern hat er als das erste Werke seiner Muße philosophische Briefe dargeboten, die er später in etwas abgeänderter Form in die Horen aufnahm. Öffentlich hat er ihnen niemals ein Werk gewidmet, aber alle seine späteren Schriften – und sie waren von jetzt ab alle Meisterstücke – wurden, sobald sie vollendet oder erschienen waren, im Manuskript oder Druck unter den ersten den hohen Gönnern in Kopenhagen, als ihnen zugehörig, übersandt, wie dies namentlich aus den Briefen der Gräfin v. Schimmelmann an Charlotte Schiller zu ersehen ist. Denn auch das verdient erwähnt zu werden, daß wie an allen vertrauten Beziehungen Schillers auch an diesem geistigen Bunde seine Lotte den innigsten Anteil hatte.

Der Prinz wie der Graf haben sich durch ihre arbeitsvolle und segensreiche staatsmännische Wirksamkeit dauernden Ruhm erworben, aber der Kronen schönste hat auch ihnen, um auf Worte Schillers, die er einst in Baggesens Stammbuch eingezeichnet hatte, anzuspielen, der Richter der Thaten durch die Hand des Dichters gereicht. Wenn er auch nicht ihre eigenen Thaten besungen hat – alle Werke, welche er in der zweiten Hälfte seiner Dichterlaufbahn geschaffen hat, sind Kronen, die er dem Prinzen von Augustenburg und dem Grafen v. Schimmelmann dargereicht hat und die als verdiente Kränze auch ihres Ruhmes unvergänglich blühen.

Im Herbst 1792 hatte Schiller die Freude, seine Mutter und seine jüngste Schwester in seinem Hause zu sehen. Dieser Besuch wird den Wunsch angeregt haben, auch seine Heimat und besonders seinen Vater wiederzusehen. – Der Schwabe regte sich wieder in ihm und die Vaterlandsliebe. Ein Jahrzehnt war verflossen, seit er als Flüchtling mit Gefahr seiner Freiheit heimlich zum Schmerze seiner Eltern die Heimat verlassen hatte. Der Vater hatte ihm Jahre hindurch ernste Vorwürfe gemacht, daß er auch seinen Beruf aufgegeben habe und nur der Dichtkunst lebe. Schwer genug hatte er selbst seinen Entschluß zu büßen gehabt. Jetzt endlich stand er gerechtfertigt da und war der Not enthoben. Jetzt erst konnte er mit voller stolzer Freude wieder vor seinen Vater treten und konnte auch hoffen, daß der Herzog keine Verfolgungsgedanken mehr hegen werde.

Am 1. August 1793 machte sich Schiller mit seiner Frau auf die Reise. Am 8. August trafen sie nach einer zwar beschwerlichen, aber von allen üblen Zufällen freien Reise in Heilbronn ein, wo Schiller zunächst zu wohnen beschlossen hatte. Aber er besuchte von dort aus bald Ludwigsburg und die Solitude, wo er von den Seinigen mit Stolz und Freude empfangen wurde. Den Vater fand er trotz seiner siebenzig Jahre so rüstig und thätig, daß er meinte, wer sein Alter nicht wüßte, würde ihm kaum sechzig geben. Bei dem „Schwabenkönig“, der in starrem Eigensinn den Dichter völlig ignorierte, fragte er auch nicht an. Ihm war es eben recht, daß der Herzog keine Notiz von ihm nahm. Er erstattete ihm nur, um der Form zu genügen, Bericht, daß er nach Ludwigsburg ziehen würde. Dort in Ludwigsburg wurde ihm zu seiner höchsten Freude sein erster Sohn geboren, und unter der treuen ärztlichen Pflege seines Jugendfreundes Friedrich v. Hoven und der teilnehmenden Sorge seiner Frau genas seine Lotte schnell, die vor der Geburt schwer an Krämpfen gelitten hatte. Schon hatte er an einem glücklichen Ausgang gezweifelt, nun war seine Freude doppelt groß. Am 23. September wurde die Taufe in Gegenwart der Eltern und Geschwister Schillers gefeiert. Beide Eltern standen Gevatter, und wie sie ihrem ersten Enkel ihren Segen gaben, sahen sie so ehrwürdig aus, daß Lotte noch ein Jahrzehnt später äußerte, ihr Bild von jenem Tage werde ihr immer im Herzen bleiben.

Das eigene Leiden Schillers besserte sich leider kaum, und mit Ungeduld ertrug er die unfreiwillige Muße, da er seiner Brustkrämpfe halber die Feder und den Schreibtisch förmlich haßte. Er wehrte sich dagegen mit seiner ganzen Abstraktionskraft, und wo es anging mit der ganzen Fruchtbarkeit seiner Einbildungskraft, er nahm die Arbeit am Wallenstein wieder auf, und machte sich an die Ausarbeitung philosophischer Aufsätze, aber immer konnte er das Feld doch nicht behalten. Sehnsüchtig gedachte er an den Verkehr mit seinen jungen Tischgenossen in Jena, da eine geistreiche Konversation ihm mehr als je gerade jetzt Bedürfnis war, und die Sorge, wie er nach Ablauf der Ehrenpension aus Kopenhagen für den vergrößerten Hausstand bei seiner geschwächten Gesundheit werde sorgen können, bedrückte ihn in den Zeiten, wo er sich arbeitsunfähig fühlte, tief. Er sah ja eine Reihe alter Bekannter wieder und lernte auch manche ihm bisher fremde interessante Menschen kennen, wie Rapp in Heilbronn, Matthisson, Fichte, aber der Verkehr war teils nur flüchtig, teils empfand er, daß seine alten Freunde mit wenigen Ausnahmen auf dem Standpunkte stehen geblieben waren, auf dem er sie verlassen, teils wie v. Hoven in ihrem engeren Berufe ganz aufgingen. Die Begegnungen mit ihnen, wie auch mit seinem Lehrer und Freunde Abel erheiterten und erfreuten ihn wohl, aber sie regten ihn geistig zu wenig an, und er fühlte sich trotz seiner Beziehungen zu ihnen einsam. Auch seine Schwägerin Karoline, die in Ludwigsburg mit ihm zusammengezogen war, wirkte in dieser Zeit gar nicht günstig auf ihn. Sie betrieb die Scheidung von ihrem Gatten und drängte noch vor der Lösung der früheren Ehe, sehr gegen den Willen und Wunsch Schillers und seiner Frau, auf eine Verbindung mit Wolzogen. Indessen mußte er sich wohl oder übel aus Rücksicht auf sein Kind, gedulden und den Winter hindurch in Schwaben aushalten; allmählich steigerte sich auch wieder die Arbeitskraft, und als mit Beginn des neuen Jahres sich auch sein Leiden besserte, hob sich sichtlich auch wieder die geistige Frische und die Empfänglichkeit und Freude am Umgange mit anderen. Namentlich nachdem er mit dem ersten Frühjahr 1794 nach Stuttgart selbst übergesiedelt war, wirkten die dort lebenden Künstler Dannecker, Scheffauer, Hetsch und der alte Freund Zumsteeg anregend auf ihn. Freilich er gab auch hier mehr, als er empfing, und wenn Schiller an den alten und neuen Bekannten zum großen Teil nicht volles Genügen fand, so war umgekehrt sein Eindruck auf diese geradezu überwältigend. Dannecker hat epochemachende Einflüsse aus dem Umgange mit ihm gewonnen und ist an ihm emporgewachsen, und für die übrigen gelten mit die Eindrücke, denen Friedrich v. Hoven am Abend seines Lebens in seiner Selbstbiographie Ausdruck verliehen hat:

„Von meinen Empfindungen bei unserm Wiedersehen sage ich nichts, ich sage nur, wie ich ihn nach einer Trennung von so vielen Jahren gefunden habe. Er war ein ganz anderer Mann geworden; sein jugendliches Feuer war gemildert, er hatte weit mehr Anstand in seinem Betragen, an die Stelle seiner vormaligen Nachlässigkeit in seinem Anzuge war eine anständige Eleganz getreten, und seine hagere Gestalt, sein blasses kränkliches Aussehen vollendeten das Interesse seines Anblicks bei mir und allen, die ihn vorher gekannt hatten. Leider war der Genuß seines Umganges sehr oft durch seine Kränklichkeit, heftige Brustkrämpfe, gestört; aber in den Tagen seine Besserbefindens – in welcher Fülle ergoß sich der Reichtum seines Geistes, wie liebevoll zeigte sich sein weiches teilnehmendes Herz, wie sichtbar drückte sich in allen seinen Reden und Handlungen sein edler Charakter aus, wie anständig war jetzt seine sonst etwas ausgelassene Jovialität, wie würdig waren selbst seine Scherze. Kurz, er war ein vollendeter Mann geworden.“

Da ich einmal beim Ausschreiben der v. Hovenschen Lebensbeschreibung bin, möchte ich ein kleines rührendes Genrebild aus Schillers Leben hier noch kopieren, das Hoven nach dem Leben gezeichnet hat: „Gewöhnlich war Schiller ernst, und so betraf auch unsre Unterhaltung meist ernste Gegenstände. Aber er konnte auch, besonders wenn er sich ganz wohl befand, heiter, lustig, ja selbst kindisch sein. Er war schon im Herbst in Ludwigsburg angekommen. Aber er freute sich auf Weihnachten“ – als ob er schon seinem kleinen Kinde den heiligen Christ bescheeren lassen könnte. „Am Weihnachtsabend kam ich zu ihm, und was sah ich da? Einen mächtig großen, von einer Menge kleiner Wachskerzen beleuchteten, und mit vergoldeten Nüssen, Pfefferküchlein und allerlei kleinem Zuckerwerk aufgeputzten Weihnachtsbaum. Vor ihm saß Schiller ganz allein, den Baum mit heiter-lächelnder Miene anschauend und von seinen Früchten herunternaschend. Verwundert über den unerwarteten Anblick, fragte ich ihn, was er da mache? Ich erinnere mich meiner Kindheit, erwiderte er, und freue mich, die Freude meines Sohnes zu anticipieren. Der Mensch ist nur einmal in seinem Leben Kind, und er muß es bleiben, bis er seine Kindheit auf ein anderes fortgeerbt hat.“

Die bei weitem wichtigste Bekanntschaft, die Schiller in der Heimat machte, war die mit dem jungen, unternehmenden Buchhändler Johann Friedrich Cotta. Nach Hovens Mitteilung hatte er diesem noch in Ludwigsburg zu einem Besuche bei Schiller verholfen, ein näherer Anschluß beider Männer erfolgte aber erst nach Schillers Übersiedelung nach Stuttgart und die wichtigste Besprechung beider fand am 4. Mai 1794, wenige Tage vor Schillers Rückreise nach Jena, auf einem Hügel statt, wo jetzt das Schloß Rosenstein steht. Cotta wollte Schiller bewegen, die Redaktion der von ihm geplanten großen politischen „Allgemeinen Zeitung“ zu übernehmen, und Schiller suchte in Cotta den Verleger zu gewinnen für einen Lieblingsplan, auf den sein Freund Göschen immer noch einzugehen Bedenken getragen hatte, nämlich eine litterarische Monatsschrift zu begründen, welche die ersten Köpfe der Nation als Mitarbeiter vereinigen sollte.

Schiller hatte an Göschen und Crusius zwei Verleger seiner Schriften, über die er sich wahrlich nicht zu beklagen hatte, die gern auf seine Wünsche eingingen und öfters auch bereitwillig ihm Vorschuß leisteten. Mit Göschen war er außerdem von Leipzig her persönlich nah befreundet. Aber in dem jungen, damals noch nicht dreißigjährigen, Cotta fand er einen Buchhändler, dessen große Gesichtspunkte und mutige Unternehmungslust ihn gleich bei der ersten Bekanntschaft umstrickten. Das war der rechte Mann für Schiller, der am Entwerfen großer Pläne an sich schon Freude hatte und auf den ersten Blick den Geschäftsmann großen Stils in Cotta erkannte. Hier interessierte ihn nicht nur der Buchhändler, sondern auch der Mensch. Heine hat später auf Cotta treffend das Wort aus Goethes Egmont angezogen: „Das war ein Mann, der hatte die Hand über die ganze Welt,“ und selten hat sich in einem Manne wie in ihm ein gesunder Realismus und eine klare Weltkenntnis mit so hohem Idealismus und solchem Respekt vor den geistigen Heroen unsres Volkes vereinigt. Es währte nicht lange, so hatte er mit Schillers Achtung auch seine aufrichtige Freundschaft sich erworben, dem er seinerseits weit über des Dichters frühen Tod hinaus eine dankbare Gesinnung bewahrte, zumal er wohl wußte, daß sein Bund mit Schiller seinem Verlage auch die Werke der anderen bedeutenden Schriftsteller und namentlich auch die Goethes zugeführt hatte.

Die Übernahme der Redaktion der großen politischen Zeitung, an der Cotta freilich am meisten gelegen war, lehnte Schiller nach näherer Überlegung ab, aber die litterarische Zeitschrift, die Horen, kam unter seiner Schriftleitung zustande, und ihre Begründung brachte ihm den doppelten Segen, einmal seine Einkünfte nicht unerheblich zu steigern und zweitens ihn seinem längst ersehnten Ziele zuzuführen, mit den geistig bedeutendsten Schriftstellern seiner Zeit und namentlich mit Goethe, zu dem er lange mit einer gewissen Eifersucht emporgesehen hatte, in persönliche Beziehungen zu treten. Der Plan zu den Horen war der eigentliche geistige Gewinn seiner Reise in die Heimat, und für Cotta wurde diese Zeitschrift der Eckstein, auf dem er seinen Ruf und die Macht und Größe seines Geschäftes fest und sicher aufbaute.

Mit frischer Arbeitslust, mit neuen Zielen und mit wahrer Sehnsucht, in Jena wieder ganz seinen geistigen Interessen leben zu können, machte sich Schiller auf die Rückreise; auch seine Gesundheit hatte sich gekräftigt, oder er hatte wenigstens inzwischen gelernt, zu leiden, ohne darüber das Streben zur Erreichung der höchsten Ziele aufzugeben. Gerade im Verkehr mit den alten Freunden hatte er ohne Überhebung an Selbstachtung gewonnen, und seine Krankheit mahnte ihn nur, was er noch schaffen wollte und könnte, bald ins Werk zu setzen. Die Sehnsucht zur Arbeit ließ ihn auch den Abschied von den Eltern und Schwestern, die er alle niemals wiedergesehen hat, leichter überwinden. So traf er, nachdem er auf der Rückreise auch noch seine Geschwister Reinwald in Meiningen besucht hatte, froh und mutig im Mai 1794 wieder in Jena ein, beglückt durch das stolze Gefühl der Vaterschaft, und erstarkt in dem ermutigenden Selbstgefühl, das ihm einerseits der Vergleich mit den alten Freunden und andrerseits die Anerkennung Kants gegeben hatte, der in seiner philosophischen Religionslehre Schillers Abhandlung über Anmut und Würde das Werk einer Meisterhand genannt hatte.

In Jena traf er Wilhelm v. Humboldt an, der im Frühjahr 1794 nach Jena gezogen war, eigens um mit Schiller zu verkehren. Seine Frau Karoline, geborene v. Dacheröden, war eng befreundet mit Lotte und ihrer Schwester Karoline, und Schiller kannte sie wie Humboldt schon von der Zeit her, wo Humboldt sich verlobte und Schiller mit seiner Braut und Schwägerin und Karl v. Laroche den Christabend 1789 in Weimar mit dem jungen Brautpaar feierte. Humboldt besuchte ihn darauf in Jena und logierte bei ihm, den Sylvesterabend und die ersten Tage 1790 waren sie wieder alle zusammen in Weimar. Schiller hatte damals über Humboldt an Lotte und Karoline v. Beulwitz geschrieben: „Wilhelm ist mir zu flüchtig, zu sehr aus sich herausgerissen, zu weit verbreitet. Ich traue ihm viel Fläche und wenig Tiefe zu. Sein Geist ist durch Kenntnisse reich und geschäftig, sein Herz ist edel, aber ich vermisse in ihm die Ruhe und – wie soll ich sagen – die Stille der Seele, die ihren Gegenstand mit Liebe pflegt, und mit Anhänglichkeit an ihrem Lieblingsgeschöpf verweilt.“ Lotte hatte in jenen Tagen an Humboldt einen Mangel an Feinheit im Betragen und Ausdruck zu tadeln. Aber man vergegenwärtige sich nur, daß dieser damals erst zweiundzwanzig Jahr alt war und es in dieser Jugend eben schwer hatte, sich in seine neue Bräutigamswürde zu finden. Daß er damals bisweilen sich vielleicht noch etwas unreif und burschikos äußerte und eben nicht gerade die rechte innere Ruhe zeigte, ist nicht zu verwundern, weit wichtiger ist, daß schon damals Schiller in ihm den Reichtum an Kenntnissen, den weiten Kreis der Interessen und das edele Herz erkannte. Inzwischen hatte Humboldt am 29. Juni 1791 sich verheiratet und, durch Friedrich August Wolf angeregt, sich tief in das Studium der Griechen versenkt. Mit der ihm eigenen Empfänglichkeit und seinem feinen Sprachsinn schwelgte er in der Schönheit des Ausdrucks, der Fülle von Gedanken, der Kraft der Darstellung und der reinen Humanität der antiken Dichter und wurde durch dieses Studium nur noch bestärkt in seiner aristokratischen Lebensauffassung, der er schon im Briefe an Forster vom 8. Februar 1790 Ausdruck gegeben hatte: „Mir heißt ins Große und Ganze wirken auf den Charakter der Menschen wirken, und darauf wirkt jeder, sobald er auf sich und bloß auf sich wirkt; man sei nur groß und viel, so werden die Menschen es sehen und nutzen; der wahrhaft große, d. i. wahrhaft intellektuell und moralisch ausgebildete Mann wirkt schon dadurch allein mehr als alle andere, daß ein solcher Mann einmal unter den Menschen ist oder gewesen ist.“

Im Jahr 1793 hatte er sodann Körner in Dresden kennen lernen und war durch ihn namentlich wieder zu erneutem Studium der Werke Kants angeregt worden. In seiner nüchternen Klarheit urteilte Körner treffend über ihn in einem Briefe an Schiller: „Überhaupt habe ich bei H. noch wenig Genialisches gefunden, aber Gefühl für allerlei Art von Vortrefflichkeit und Empfänglichkeit für große und vielumfassende Ideen. Im Umgange ist er sehr angenehm, durch eine gewisse Offenheit und Jovialität, die einem wohlthut.“ In der That ist Humboldt kein eigentlich schöpferischer Geist gewesen, aber durch seine grenzenlose Empfänglichkeit ist er einer der geistig reichsten Menschen geworden, und in seinem Geiste spiegelte sich die ganze Fülle alles Hohen, Wahren und Edlen, das die Wissenschaften und die Kunst bis auf seine Zeit gehoben und offenbart hatten.

Mit diesen Lichtseiten seiner reichen Natur hingen aber einige Schatten zusammen. Da er sich seiner ganzen Geistesrichtung nach nicht unmittelbare Zwecke für seine Arbeit stellte, erscheint er mehr wie ein geistiger Schwelger, der, wenn auch in der edelsten Form des Eigennutzes, nur den Genuß für sich suchte, und es mehr äußeren Anlässen, d. h. dem Zufalle überließ, ob er zur Einwirkung auf andere und zum Eingreifen in die öffentlichen Interessen seines Volkes berufen würde. Und damit gewann sein Wesen eine gewisse Weichlichkeit, es mangelten ihm die kräftigen Affekte, die zum Bilde des rechten deutschen Mannes gehören, und die eben nur die gespannte Thätigkeit auf klare, feste Ziele geben kann. Ihn interessierten alle irgend bedeutenden Menschen, und er konnte geruhig als der Freund Schillers und Goethes sich auch den Brüdern Schlegel hingeben, und bei Lebzeiten seiner Frau, der er noch nach ihrem Tode seine dankbare Verehrung in manchem Sonette bezeugt hat, konnte er im lebhaften Briefwechsel mit einer unglücklichen Frau, deren liebevolle Ergebenheit und Verehrung ihm innig wohlthat, nach dem Ausdruck seines Biographen Haym „sich im Austausch von Gefühlen und Gedanken und Gesinnungen wiegen.“ Kein Zweifel, daß das Verhältnis ein durchaus reines war, daß ihn aufrichtiges Mitleid einerseits, und andrerseits die Freude erfüllte, tief in ein Gemüt hineinzublicken, das sich ihm im vollsten Vertrauen öffnete, aber im Grunde eben waren ihm alle Menschen mehr nur ein Studium, ein Gegenstand seines Interesses, in dem er sein eigenes Selbst erweiterte als – wie es in der rechten Liebe und Freundschaft sein muß – ein Gegenstand der eigenen Hingabe. Er reflektiert über die Menschen, sucht jeden in seiner Weise zu verstehen und zu würdigen, seine Gedanken und Gefühle zu seinem eigenen Gewinne aus ihm herauszuholen, aber bei aller Liebenswürdigkeit in der Form und bei aller Aufrichtigkeit seiner guten Wünsche für ihr Wohlergehen und bei der Bereitwilligkeit, auch ihnen zu dienen, waren seine Teilnahme und Freundschaft eben zu weit verbreitet, als daß sie recht in die Tiefe gehen konnten. Es fehlte ihm auch hier die Geschlossenheit, die dem Manne erst das rechte Gepräge gibt. Als er sich verlobte, sagte er, er liebe seine Braut nicht, doch werde er glücklich mit ihr sein. Die rechte Innigkeit der Liebe, die sich ganz in einem Gegenstand verliert, hat er wohl nie gekannt.

Für Schiller aber war Humboldt gerade wie er war, zu jener Zeit der Mann, den er brauchte. Voll von Plänen, wahrhaft lechzend nach dem langentbehrten Genuß eines ernsten Gedankenaustausches mit Menschen, die ihn begreifen und verstehen könnten, fand er an Humboldt einen nimmermüden Hörer, der ihn förmlich ausforschte, auf alle Interessen des Dichters mit lebhafter Wärme einging, und zwar mit der geistigen Beweglichkeit und Lebendigkeit, daß er jede Idee, ohne sie nach der eigenen Ansicht zu kritisieren, voll aufzufassen, zu erweitern mit anderen zu verbinden und bis in ihre letzten Konsequenzen zu verfolgen suchte. Hätte Schiller Reinhold, der inzwischen nach Kiel berufen war, noch in Jena getroffen, würde er bei dessen festen, abgeschlossenen Auffassungen der Kantischen Lehre schwerlich Verständnis und Anregung gefunden haben. Humboldt war selbst erst bemüht, sich in Kant einzuarbeiten und keineswegs schon zu fester Auffassung durchgedrungen. Er staunte aufrichtig über Schillers kühne, produktive Versuche, über Kant hinauszukommen und über die ästhetischen Grundbegriffe, über Schönheit, Anmut, Würde, über das Erhabene und Naive und Sentimentale, über Idealismus und Realismus zu eigenen festen Urteilen zu gelangen. Täglich besuchte er Schiller in der Regel zweimal, und die Abendbesuche dehnten sich unter den anregendsten Wechselreden oft bis tief in die Nacht hinein aus. Noch im Jahre 1797, als Humboldt zum zweitenmale längere Zeit in Jena geweilt hatte, rühmte Schiller in einem Briefe an Körner begeistert, wie anregend sein Umgang auf ihn gewirkt habe: „Zum Umgang ist er auch recht eigentlich qualifiziert, er hat ein seltenes reines Interesse an der Sache, weckt jede schlummernde Idee, nöthigt einen zur schärfsten Bestimmtheit, verwahrt dabei vor der Einseitigkeit und vergilt jede Mühe, die man anwendet, um sich deutlich zu machen durch die seltene Geschicklichkeit, die Gedanken des andern aufzufassen und zu prüfen.“ Aber freilich fügte er als Mängel Humboldts auch an, daß er nie bilden könne, immer nur scheiden und kombinieren, und daß seine Einbildungskraft von seinem Verstande wie gefangen gehalten werde. Gleich im ersten Briefe an Körner nach seiner Rückkehr aus der Heimat vom 18. Mai 1794 hatte Schiller die beiden Freunde in Vergleich gestellt, er rühmte die Totalität in Humboldts Wesen, die man äußerst selten sehe, und die er sonst nur in Körner gefunden habe. „Er hat zwar vor Dir sehr viel an einer gewissen Leichtigkeit voraus, die man sich in seinen Verhältnissen leichter erwerben kann, als in den unsrigen; aber was er auf der Oberfläche gegen Dich gewinnt, das gewinnst Du reichlich gegen ihn an Tiefe.“ Beide Freunde ergänzten sich für Schiller auf das günstigste. An gesundem, festem, kritischem Urteil stand ihm Körner höher. Seine Urteile wie sein Charakter waren bestimmt, klar und unbedingt aufrichtig. Er konnte auch einmal einen Mangel in Schillers Dichtungsweise empfinden und hervorheben. So konnte sich Humboldt überhaupt nicht stellen: „Es streitet,“ schreibt er, „gegen meine Theorie der Bildung überhaupt. Jeder muß seine Eigenthümlichkeit aufsuchen und diese reinigen, das Zufällige absondern. Es bleibt dennoch immer Eigenthümlichkeit; denn ein Theil des Zufälligen ist an das Individuum unauflöslich gebunden, und dieß kann und darf man nicht entfernen. Nur dadurch ist eigentlich Charakter möglich, und durch Charakter allein Größe.“ Er suchte immer nur Schiller auf seinem eigenen Wege zu bestärken, ihn in seiner Eigenart ganz zu verstehen und diese in seinen Werken möglichst rein und klar anzuschauen. Körner beurteilt Schillers Werke nach den Gesetzen der Kunst überhaupt, Humboldt freut sich an ihnen um so mehr, je klarer sie Schillers eigentümlichen Geist widerspiegeln. Er vergleicht ihn mit andern Dichtern, nicht um den einen über den andern zu erheben, sondern nur, um jeden in seiner Sonderart deutlicher zu erkennen, und niemals wird eins seiner Urteile Schiller in seiner Arbeit gestört und gehemmt haben. Immer trieb er nur, daß Schiller auf seinem Wege ruhig und unbeirrt fortschreiten möge, und wußte nur anzuerkennen und zu beleben. Auf einen andern hätte ein solcher Bewunderer vielleicht einen ungünstigen Eindruck hervorbringen können, für Schiller, und besonders gerade in jener Zeit, wo er selbst darnach rang, in sich fest zu werden, war eine so freundliche Teilnahme und bewundernde Anerkennung um so wichtiger, je peinlicher er selbst damals oft mit Zweifeln sich quälte, ob er namentlich im Vergleiche mit Goethe bestehen könnte. Körners Freundschaft mit Schiller griff viel tiefer auch in die äußeren Verhältnisse Schillers und seines Hauses ein, Humboldt schwelgte in den Gesprächen und im Briefwechsel mit Schiller in dem reinen Umgange in Ideen, den er als seinen höchsten Genuß bezeichnet hat. Und diesen hohen Genuß, der ihm vergönnt gewesen, hat er außer in seinen Briefen auch im Zusammenhange in seiner wunderbar tiefen Vorerinnerung zu seinem Briefwechsel mit Schiller: „Über Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung“ als ein köstliches Vermächtnis der Nachwelt geschildert.

Ebenso wie den Verkehr mit Humboldt hatte Schiller auch die Bekanntschaft mit dem Coadjutor Karl Theodor v. Dalberg der Vermittlung seiner Braut und ihrer Schwester zu verdanken. Schillers Briefe an ihn fehlen leider sämtlich, aber die Bekanntschaft ist für ihn so folgenreich gewesen, daß ich sie hier nicht völlig übergehen mag. Karoline v. Beulwitz hatte ihm den Namen Goldschatz gegeben, in der Hoffnung, daß er sich als einen freigebigen Mäcenas Schillers bewähren würde. In der That zeigte er für Schillers Schriften lebhafte Teilnahme und ließ ihn hoffen, daß er, sobald er Fürst Primas geworden sein würde, für ihn Sorge tragen würde. Schiller schätzte seinen Charakter und hoffte lange auf eine Berufung von seiten Dalbergs. Dieser aber kam erst 1802 zur Regierung und wußte auch jetzt Schiller nichts zu bieten. Immerhin ist anzuerkennen, daß er mehrfach dem Dichter nicht unbedeutende Geldgeschenke machte und ihm dauernd sein Wohlwollen erhalten hat. Von seiner schriftstellerischen Begabung dachte Schiller gering, aber er verehrte ihn um seines milden, freundlichen Wesens und seiner liberalen Anschauungen willen und hat ihm stets eine dankbare Gesinnung bewiesen. Besondere Anerkennung verdient auch, daß Dalberg den Dichter darin bestärkte, sich an die Bearbeitung des Wallenstein zu wagen. Schiller widmete ihm seine Schrift über Anmut und Würde und den Tell, doch lehnte Dalberg für diese Dichtung die öffentliche Widmung in bescheidenem Sinne ab.

Schon bei dem Besuche seines Lehrers Abel in Tübingen hatte Schiller dort den um wenige Jahre jüngeren Philosophen Fichte kennen lernen, der gerade zur Zeit der Rückkehr Schillers aus seiner Heimat sein philosophisches Lehramt in Jena an der Stelle Reinholds begann. Schiller freute sich seiner Berufung und freute sich gerade in der Zeit seiner philosophischen Arbeit des Gedankenaustausches mit dem bedeutenden Gelehrten. Die neue Ansicht, welche Fichte dem Kantischen Systeme gab, trug, wie Schiller fühlte, nicht wenig dazu bei, ihn tiefer in diese Materie zu führen, und mit sicherem Blick erkannte er sogleich, daß Fichte dem Gehalte des Geistes nach, Reinhold mehr als ersetze und seine Schriften das Gepräge eines schöpferischen Geistes trügen. Auf ihn rechnete er besonders bei der Begründung der Horen. Seine Achtung hat er ihm auch dauernd bewahrt, wenn er auch bald die harten und schroffen Ecken des charakterfesten und streitbaren Philosophen, durch die er sich selbst allerlei Unannehmlichkeiten bereitete, kennen lernte und bedauerte. Störender aber griff noch in das persönliche Verhältnis bieder Männer gerade die erhoffte Mitarbeit Fichtes an den Horen ein. Schon in Fichtes erstem Beitrag im ersten Hefte der Horen hatte dem Dichter die Form des Aufsatzes große Bedenken erregt, und er hatte einige Änderungen für notwendig gehalten. Trotzdem schrieb er an Körner noch, daß er sein Urteil über diesen Aufsatz mehr fürchte, als sich darauf freue. Einen zweiten Aufsatz über Geist und Buchstaben in der Philosophie, den ihm Fichte im Juni 1795 übersandte, fand Schiller dem Inhalt wie der Form nach so verfehlt, daß er sich trotz seiner Verlegenheit um Manuskript kurzer Hand entschloß, ihn Fichte zurückzuschicken. Aus Achtung für Fichte suchte er brieflich die Ablehnung der Abhandlung zu motivieren, aber die Motivierung fiel so scharf aus, daß sie Fichte nur noch mehr verletzte und ihn zu einer Antwort veranlaßte, die weder Schiller überzeugen konnte, noch auch geeignet war, eine Versöhnung herbeizuführen. Zwar erkannte Schiller in seinem Briefe an Goethe vom 6. Juli ehrlich an, daß Fichte sich in dieser kritischen Situation noch ganz gut benommen habe und sich bei aller nicht unterdrückten Empfindlichkeit noch sehr zu mäßigen gewußt habe, aber an Fichte selbst erwiderte er in einem seiner gehaltvollsten Briefe mit einer so schneidend scharfen Gegenüberstellung ihrer beiden Naturen, daß ein weiteres Zusammenarbeiten beider völlig ausgeschlossen blieb. Gerade jetzt regte sich in Schiller wieder der Dichter, und die theoretischen Erörterungen begannen ihn zu verstimmen. Goethes Wilhelm Meister hatte ihm, wie er schon im Januar 1795 geschrieben hatte, den unendlichen Abstand zwischen dem Leben und dem Raisonnement zur klarsten Empfindung gebracht, und es wurde ihm gewiß, der Dichter sei der einzig wahre Mensch, und der beste Philosoph nur eine Karikatur gegen ihn. Schillers Entsagung an Fichte ist nur eine Ausführung dieser Gegenüberstellung des Dichters und des Philosophen. Mit diesem Briefe verwahrte er sich feierlich dagegen, als Gelehrter oder Professor etwas gelten zu wollen; sein Ziel sei keineswegs bloß, seine Gedanken den Lesern seiner Schriften deutlich zu machen, sondern ihnen zugleich seine ganze Seele zu übergeben.

Leider liegt uns der Brief nur in Bruchstücken verschiedener Konzepte vor. Aber auch aus diesen geht die Begeisterung für den Dichterberuf hervor, auf den er sich wieder besinnt, und bei aller Anerkennung der Bedeutung rein philosophischer Werke, deren Resultate auf das Denken natürlich auch von dauernder Wirkung sein könnten, stellt er doch ästhetische Schriften unbedingt höher, „in denen sich ein Individuum lebend abdrückt, und die darum nie entbehrlich werden und ein unvertilgbares Lebensprincip in sich enthalten, eben weil jedes Individuum einzig und mithin auch unersetzlich ist.“

Der Brief ist nicht aus persönlicher Gereiztheit geschrieben und auch völlig frei von persönlicher Überhebung. Aber Schiller liebte nicht unklare Verhältnisse. Als Gelehrtem zollte er Fichte auch ferner hohe Achtung, aber die Verschiedenartigkeit ihrer Naturen ließ ihn, nachdem er sie erkannt hatte, eine Freundschaft mit Fichte als unmöglich erscheinen, und so entschloß er sich, ein Verhältnis, das keinen sicheren Boden hatte, lieber sofort abzubrechen. Zwar verstand es Fichte, nach einigen Jahren, als Schiller längst der Philosophie den Rücken gewandt und durch seine Dichtungen auch auf Fichte unwiderstehlich eingewirkt hatte, unbefangen wiederum sich Schiller zu nähern und durch offenes Vertrauen die frühere Verstimmung aufzuheben; aber, so entschieden Schiller für Fichte gegenüber seinen Ketzerrichtern Partei nahm, und so freundlich er ihm auch in seinem Antwortschreiben begegnete, so daß auch später noch Fichte ohne Scheu sich mit anderen Bitten an ihn wenden mochte, der einmal klar zum Ausdruck gebrachte Gegensatz ihrer Naturen schloß ein wirkliches Freundschaftsverhältnis zwischen beiden aus, und Schiller hat „den harten, zerstörenden, herzlosen Charakter“ der Fichteschen Philosophie auch in den späteren Schriften des Philosophen beklagt. Hätte er Fichtes späteren Patriotismus noch erlebt, so würde er vermutlich zwar auch mit dem Inhalt seiner Reden an die deutsche Nation nicht überall einverstanden gewesen sein, den Charakter des mutigen Mannes aber um der Wärme seiner Empfindung willen noch höher haben schätzen lernen.

Die Horen und der Musenalmanach verflochten Schiller in einen sehr ausgedehnten Briefwechsel. Sobald der Kontrakt über die Horen mit Cotta abgeschlossen war, wandte er sich zunächst, abgesehen von den nächsten Freunden Körner, Reinwald, Humboldt und damals auch Fichte, an eine größere Zahl hervorragender Schriftsteller, um sie zur Förderung der neuen Zeitschrift zu gewinnen. Gerade die Hoffnung, mit ihnen in eine nähere Verbindung zu kommen, hatte ihm ja den Plan zu den Horen eingegeben. Von solchen Aufforderungsschreiben um die Mitarbeit an den Horen haben sich erhalten die an Kant, Goethe, Herder, Friedrich Jacobi, Matthisson, Erhard, Gottlieb Hufeland, Schütz und Archenholz, außerdem hatte er sicher noch an Garve, Blankenburg, Iffland, Dalberg und Langbein geschrieben. Mit anderen wie Woltmann, Heinrich Meyer, Friedrich Schulz wird er vielleicht mündlich die Angelegenheit besprochen haben. Pfeffel ließ er durch Cotta bitten, wiederum andere ließ er durch Wilhelm v. Humboldt auffordern, wie Alexander v. Humboldt, Gentz und vielleicht auch Engel, die größte Zahl der Mitarbeiter endlich hat später, schon während des Erscheinens der Horen, Schiller selbst einen oder mehrere Beiträge angeboten. Kant ließ lange auf seine Antwort warten, aber er antwortete später doch zu Schillers nicht geringem Stolz, wenn er auch keinen Beitrag in Aussicht stellte, die Mehrzahl der Eingeladenen, an der Spitze Goethe, sagte sogleich in verbindlichen Antwortschreiben ihre Mitarbeit zu. Die Zahl der Geschäftsbriefe Schillers wuchs in dieser Zeit geradezu ins Unermeßliche, aber Schillers Gewandtheit überwand alle Schwierigkeiten, und die Genugthuung, sein Ziel erreicht zu haben, und die ersten Geister der Nation um sich versammelt zu haben, ließ ihn keine Mühe scheuen. Zu einem regeren brieflichen Verkehr kam er namentlich mit Sophie Mereau, Amalie v. Imhof, Luise Brachmann und besonders mit Wilhelm Schlegel.

Körner verkehrte mit Friedrich Schlegel und hatte durch diesen Wilhelm Schlegel veranlaßt, seine Arbeit über Dante Schiller für die Horen einzusenden. Auch Friedrich Schlegel hatte Schiller einen Aufsatz für die Thalia angeboten, den dieser aber an Biester für die Berliner Monatsschrift abgetreten hatte. Beide Brüder waren erheblich jünger als Schiller. Der ältere, Wilhelm, war 1767, der jüngere Friedrich, 1772 geboren; beide waren also zur Zeit des Erscheinens der Horen noch so jung, daß es für sie an sich schon ehrenvoll war, von Schiller und Goethe beachtet und zur Mitarbeit herangezogen zu werden. An Friedrich Schlegel hatte Schiller nach Einsicht einer seiner Arbeiten den Reichtum an Ideen gerühmt und erwartete Vortreffliches von seinen Arbeiten, wenn die Ideen erst mehr Klarheit erhalten würden und die Form über den Stoff erst Meisterin geworden sein würde. Bei Wilhelm Schlegel schätzte er die umfangreichen Kenntnisse, seine graziöse und lebhafte Darstellung und die schöne Verbindung poetischer Wärme und kritischer Kälte in seinen Rezensionen. Schiller ermunterte ihn daher zu reger Beteiligung an den Horen und den Musenalmanachen und freute sich der Übersiedelung Schlegels nach Jena. Nächst Schiller, Goethe und Herder hat Schlegel denn auch am meisten zu den Horen beigesteuert. So ließ sich anfangs alles gut zu einer engen Verbindung an. Schiller nahm Wilhelm Schlegel und seine Frau im Juli 1796 in Jena freundlich auf und lud sie bald auf einen von Goethe ihm zugesandten Fisch ein. Als kurz darauf auch Friedrich nach Jena zog, urteilte Schiller auch noch, er mache einen guten Eindruck und verspreche viel. Bald aber schlug die Stimmung um. Friedrich Schlegels anmaßende Recension über Schillers ersten Musenalmanach verletzte Schiller, und wenn ihm Körner auch versicherte, er könne keinen wärmeren Verehrer als diesen Recensenten haben, und der anmaßende Ton sei nur Recensentenkostüm, so ließ es Schiller doch nicht ungeahndet hingehen und züchtigte ihn ziemlich hart in den Xenien. Bald darauf nennt er Friedrich Schlegel Goethe gegenüber einen Laffen und hält sich über den ganzen Schlegelschen Sippe verkehrtes Urteil auf, daß der Roman Agnes v. Lilien Goethe zuzuschreiben sei. Mehr und mehr fühlte Schiller, daß ihm die Persönlichkeit beider Brüder fremd war und fremd blieb. Seinem aufrichtigen Streben zum Höchsten stand hier ein Strebertum gegenüber, bei dem das eigene Ich sich hervordrängte. Es ist ja keine Frage, die beiden Schlegel und ihre Frauen waren hochbegabte und geistreiche Menschen. Aber so wenig wie ihnen untereinander, so wenig wird dem, der sich nach den Briefen jener Tage in ihren Kreis zu versetzen sucht, mit ihnen wohl. Alle einzeln beherrscht eine unbehagliche Sucht, den anderen zu imponieren, durch Witz zu glänzen und in der Bewunderung der anderen sich zu spiegeln und zu laben. Bleibt der erwartete Erfolg aus, so tritt Übelnehmerei und Verstimmung ein, und an dauernden Frieden im eigenen Lager war nie zu denken. Immer klarer empfand Schiller, daß beiden Schlegel Gemüt fehle. Mit Friedrich mochte er überhaupt nichts mehr zu thun haben, dann aber schien ihm auch das Verhältnis mit Wilhelm, der im großen und ganzen doch als Verbündeter des Bruders erschien, kein sicheres und lauteres mehr zu sein. Als daher Friedrich Schlegel eine umfangreiche Recension des Jahrgangs 1795 der Horen in der Zeitschrift Deutschland 1796 mit dem herben, hochmütigen Tadel schloß, daß die letzten Horenstücke durch Aufnahme so manches äußerst unbedeutenden oder durchaus schlechten Beitrags vorzüglich viele Beweise der Vernachlässigung des Publikums zeigten, womit glänzend begonnene Unternehmungen, denen man nicht gewachsen ist, gewöhnlich endigen: da war Schillers Geduld zu Ende, und in einem geharnischten Brief brach er am 31. Mai 1797 auch den Verkehr mit dem älteren Bruder schroff ab. Ob auch Schlegel versicherte, daß er seines Bruders Verhalten mißbillige und schon gegen den Druck der Kritik des Almanachs ihm dringende Vorstellungen gemacht hätte (an der er übrigens selbst doch einigen Anteil gehabt hatte), Schiller blieb fest und lehnte bestimmt die Fortsetzung eines näheren Verkehrs ab: „In meinem engen Bekanntschaftskreise muß eine volle Sicherheit und ein unbegränztes Vertrauen seyn, und das kann, nach dem was geschehen, in unserm Verhältniß nicht mehr statt finden. Beßer also wir heben es auf, es ist eine unangenehme Notwendigkeit, der wir, beide unschuldig wie ich hoffe, nachgeben müssen; dieß bin ich mir schuldig, da niemand begreifen kann, wie ich zugleich der Freund Ihres Hauses und der Gegenstand von den Insulten Ihres Bruders seyn kann.“ Für den Musenalmanach erbat er auch für die Zukunft Schlegels Beiträge, und hat manchen derselben unbefangen anerkannt, aber die innere Entfremdung wuchs, und artete in den Brüdern Schlegel, zum Teil vielleicht auch aus verletztem Stolz, zu einer wahren Verbitterung aus, der sie dadurch, daß sie Goethe in einen Gegensatz zu Schiller setzten und ihn einseitig verherrlichten, wiederholt einen ostentativen Ausdruck gaben. Schillers Freunde beklagten das und verstanden nicht, wie Goethe bei seiner Freundschaft zu Schiller sich von den offenen Gegnern Schillers umkreisen lassen könne, und Schiller selbst schrieb am 5. Juli 1802 an Körner, dessen einstigen Erwartungen die Schlegel auch nicht mehr entsprachen: „Es ist seine [Goethes] Krankheit, sich der Schlegel anzunehmen, über die er doch selbst bitterlich schimpft und schmählt.“ Aber er empfand es im ganzen doch wohl, daß dies in der andersartigen Natur und Stellung Goethes lag, der, um zehn Jahre älter, von seiner olympischen Höhe aus mit unendlich vielen Menschen bei der Universalität seiner Interessen einen litterrarischen Verkehr aufrecht zu erhalten vermochte, ohne irgend mit seinem Herzen ihnen nahe zu stehen. Das war Schillers geschlossenerem Charakter schwerer. Jugendlicher und leidenschaftlicher, mochte er mit niemand verkehren, den er persönlich nicht liebte oder achtete, und wie er sich offenherziger und wärmer den Freunden hingeben konnte, so mochte er unklare Verhältnisse nicht ertragen und ließ niemand in Zweifel, wie er zu ihm stehe. Aber er konnte darum anderen Naturen und selbst seinen entschiedenen Gegnern doch gerecht werden. Dafür ist eines der schönsten Zeugnisse gerade sein Urteil über das Verhältnis Goethes zu den Schlegel im Briefe an die Gräfin v. Schimmelmann vom 23. November 1800, mit dem ich auch diese Bemerkungen über Schillers Stellung zu den Brüdern am besten abschließen kann. Als diese in einem Briefe an Charlotte gefragt hatte, ob Goethe sich in der Wirklichkeit an diese neuen Giganten, die er mit hervorbringen half, anschließe, ob er selbst mit an dem neuen Tempel baue oder sich damit begnüge, ihn bauen zu lassen, da verteidigte Schiller den verkannten großen Freund mit edler Wärme und hob billig und gerecht die Verdienste der Schlegel hervor, die auch der Gegner anerkennen müsse: „Göthe schätzt alles Gute, wo er es findet, und so läßt er dem Sprach- und Verstalent des älteren Schlegel und seiner Belesenheit in alter und ausländischer Litteratur, und dem philosophischen Talent des jüngeren Schlegel Gerechtigkeit widerfahren. Und darum, weil diese beiden Brüder und ihre Anhänger die Grundsätze der neuen Philosophie und Kunst übertreiben, auf die Spitze stellen und durch schlechte Anwendung lächerlich oder verhaßt machen, darum sind diese Grundsätze an sich selbst, was sie sind und dürfen auch durch ihre schlimmen Partisans nicht verlieren. An der lächerlichen Verehrung, welche die beiden Schlegels Göthe erweisen, ist er selbst unschuldig, er hat sie nicht dazu aufgemuntert, er leidet vielmehr dadurch und sieht selbst recht wohl ein, daß die Quelle dieser Verehrung nicht die reinste ist; denn diese eitlen Menschen bedienen sich seines Namens nur als eines Paniers gegen ihre Feinde, und es ist ihnen im Grunde nur um sich selbst zu thun. Dieses Urtheil, das ich Ihnen hier niederschreibe, ist aus Göthes eigenem Munde, in diesem Tone wird zwischen ihm und mir von den Herren Schlegel gesprochen.

Insofern aber diese Menschen und ihr Anhang sich dem einreißenden Philosophie-Haß und einer gewissen kraftlosen seichten Kunstkritik tapfer entgegensetzen, ob sie gleich selbst in ein anderes Extrem verfallen, insofern kann man sie gegen die andere Partei, die noch schädlicher ist, nicht ganz sinken lassen, und die Klugheit befiehlt zum Nutzen der Wissenschaft ein gewisses Gleichgewicht zwischen den idealistischen Philosophen und den Unphilosophen zu beobachten.“

Wenn auch hier nur die bedeutenderen Briefwechsel Schillers näher karakterisiert werden sollen, so mag ich doch nicht ganz sein Verhältnis zu Iffland übergehen.

Der Inhalt der Briefe ist ja zum größten Teil ein geschäftlicher, und es handelt sich meist um Einsendung Schillerscher Dramen behufs ihrer Aufführung auf dem Berliner Theater. Aber aus dem geschäftlichen Verkehr erwächst immer mehr eine auf wahrhafte gegenseitige Hochachtung gegründete Freundschaft. Einst in Mannheim war der gleichaltrige Schauspieler, den Schiller als Mimen schon damals aufrichtig verehrte, auch als Theaterdichter von Dalberg und dem Publikum hoch geschätzt, ja höher als Schiller. Iffland fühlte sich Schiller gegenüber als die dem Theater wichtigere Persönlichkeit, und wenn er gelegentlich dem Verfasser der Räuber gegenüber sich auch als Gönner zeigen mochte, so ließ er es andrerseits, verleitet durch seine Eitelkeit, auch nicht an Eifersüchteleien und Spott und kleinlichem Tadel fehlen. Schiller hatte ihn später trotzdem aufgefordert, an den Horen mitzuarbeiten. Schon damals hatte sich das Blatt gewendet und Iffland wußte des alten Rivalen Entgegenkommen zu würdigen. Als Iffland später zu einigen Gastrollen nach Weimar kam, schlossen sich beide enger aneinander, und so war es Iffland, der inzwischen zur Leitung des Theaters nach Berlin berufen war, leicht gemacht, sobald er vom Erscheinen des Wallenstein hörte, Schiller zu bitten, ihm zur Aufführung in Berlin sein neues dramatisches Werk zu überlassen. Und welche Triumphe feierte Schiller jetzt in der begeisterten Anerkennung des einst bevorzugten Rivalen, der längst erkannt hatte, daß er als Dichter überhaupt keinen Anspruch habe, neben Schiller genannt zu werden. Als er die Piccolomini erhalten hatte, schrieb er: „Eine große Herrlichkeit ist es. Ich kann nicht von diesem allmächtigen Bilde wegkommen! Welch ein Genuß! Welche Krafft und Wahrheit! Es ist wie der Friede Gottes über alle gewöhnliche Vernunft.“ Und als er die Braut von Messina aufgeführt hatte, schrieb er in ähnlichem Entzücken: „Totaleffect? Der höchste, tiefste, ehrwürdigste! Die Chöre wurden meisterhaft gesprochen und senkten wie ein Wetter sich über das Land! Gott segne und erhalte Sie und Ihre ewig blühende Jugendfülle!“ Und wiederum endlich bricht er nach der ersten Lesung eines Teils des Tell in die begeisterte und demütige Anerkennung aus: „Ich habe gelesen, verschlungen, meine Knie gebogen und mein Herz, meine Trähnen, mein jagendes Blut hat Ihrem Geiste, Ihrem Herzen mit Entzücken gehuldigt! O bald, bald, bald mehr! – Ich reiche Hand und Herz Ihrem Genius entgegen. Welch ein Werck! Welche Fülle, Kraft, Blüthe und Allgewalt! Gott erhalte Sie – Amen!“ Auch bei seiner letzten persönlichen Begegnung mit Schiller, als dieser im Mai 1804 in Berlin weilte, hat Iffland in jeder Weise ihm seine Verehrung und Liebe zum Ausdruck gebracht, und auch Schiller schätzte seinen begeisterten Verehrer als den bedeutendsten Schauspieler seiner Zeit.

Noch bleibt mir übrig, zum Schlusse ein Wort über Schillers wichtigsten Briefwechsel zu sagen, über sein Verhältnis zu Goethe. Freilich ist bereits unendlich viel darüber geschrieben worden und von weit bedeutenderen Forschern, zu denen ich aufsehe, mehrfach auch die Frage erörtert worden: ob in diesem Freundschaftsbunde Schiller als seinem großen Freunde ebenbürtig angesehen werden könne und wer von beiden dem andern mehr zu verdanken habe. Gustav Portig hat in seinem bedeutsamen, nur fast zu umfangreichen Buche über Schiller in seinem Verhältnis zu Freundschaft und Liebe mit wahrem Ingrimm die Männer angegriffen, die in vielleicht zu einseitiger Begeisterung für Goethe Schiller nach Portigs Meinung nicht gerecht geworden sind. Er selbst hat sich in der Hitze des Kampfes dann umgekehrt zu der unwürdigen Unterstellung hinreißen lassen, daß Goethe bei der Berufung Schillers als Professor, wohl im stillen gehofft haben möge, daß der einzige zu fürchtende Nebenbuhler durch das Studium der Geschichte von seinem eigentlichen Dichterberuf abgelenkt werden würde. Ich kann mir nicht denken, daß Portig oder sonst jemand mich selbst an Verehrung und Liebe Schillers übertrifft, aber ich bin durch diese Verehrung nie in Versuchung geführt worden, Goethe, zu dem Schiller stets mit lauterster Bewunderung und Ehrfurcht aufgeblickt hat, um Schiller in helleres Licht zu setzen, herabzuziehen und zu verkleinern. Je nach der Eigenart der einzelnen kann ja natürlich auf den einen die erhabene und sentimentale Dichtungsweise Schillers, auf den andern Goethes mehr naive und im guten Sinne des Wortes sinnlichere Dichtung tiefer einwirken; will man aber beide Männer, trotz ihrer Verschiedenartigkeit, in Bezug auf ihre geistige Größe vergleichen, so kann ja kein Zweifel sein, daß Goethe die Palme gebührt. Keiner hat den Reichtum seines Geistes, die unendliche Fülle poetischer Bilder, die ihn umschwebten, die abgeklärte Ruhe seiner Lebensweisheit und die schöne, vielleicht einzigartige Verbindung der Spekulation und Intuition in ihm, lauter gepriesen als Schiller. Und in Bezug auf die andere Frage, wer mehr von dem andern genommen habe, ist mir wiederum gar nicht zweifelhaft, daß Schiller im Wechselverkehr mit Goethe mehr empfangen hat, als Goethe von ihm. Das liegt schon darin, daß Goethe, an Jahren reifer, damals in sich fertiger war als Schiller, und daß nach seiner ganzen Art und Weise Schiller weit lebhafter strebte, in dem Gespräche und Briefen auch die Meinung des andern herauszuholen und im Austausch der Meinungen zu lernen, als Goethe, der meist schon bestimmtere Ansichten aussprach und im Alter namentlich etwas Doktrinäres gewann. Vergleicht man den Schiller vom Jahre 1794 mit dem kurz vor seinem Tode, so tritt die Ausbildung seines Geistes, die doch wesentlich unter der Beeinflussung Goethes erfolgte, aufs herrlichste zu Tage, während man zwar gewißlich sagen kann, daß Goethe in diesen Jahren auf das lebhafteste wieder durch den jüngeren Freund zur Produktion angeregt worden war, aber kaum behaupten kann, daß er in gleichem Maße wie Schiller geistig ein anderer geworden wäre und noch eine wesentliche Entwickelung erfahren hätte. Er war durch Schillers lebendige Teilnahme wieder verjüngt worden, und mit Schillers Tode beginnt sein Alter, aber eine neue Richtung seines ganzen Denkens und Dichtens, wie er sie Schiller gegeben, hat er von diesem nicht mehr erhalten können. Wenn ich dies offen anerkenne, bin ich aber weit entfernt, eine Beeinträchtigung der Größe Schillers darin zu sehen, daß er damals nach seinem Alter wie überhaupt seinem Wesen nach bestimmbarer war. Daneben läßt sich ja mancherlei im einzelnen hervorheben, worin er Goethe unzweifelhaft erreichte oder sogar übertraf. Die Frische seines reinen Gemüts und sein rastloses ideales Streben, die bewunderungswürdige Willenskraft trotz aller körperlichen Leiden, und das Talent der dramatischen Gestaltung, worin er Goethe unzweifelhaft überlegen war, das sind doch Züge seines Schaffens und Charakters, die wahrlich auch Goethe segenreich erfahren hat. Und daß auch dieser in der Freundschaft nicht leer ausgegangen ist und seinerseits Schiller für ebenbürtig anerkannte, hat er selbst so oft und nachdrücklich gesagt, daß es unnötig ist, noch ein Wort darüber zu verlieren.

Schiller hatte Jahre hindurch mit Unmut erfahren, daß Goethe einem näheren Verkehre mit ihm auswich. In einzelnen schwachen Stunden hatte er dem Unmut scharfe Worte geliehen und selbst auf den Klatsch über Goethe mit einer gewissen Genugthuung gehorcht. Er selbst bereute bald die ihm in einem Briefe an Körner entschlüpften unwürdigen Worte. Um so größer war sein Stolz und seine Freude, als endlich sich Goethe ihm freundlich näherte und seine Teilnahme an den Horen „mit Freuden und von ganzem Herzen“ zusagte. Wenige Wochen darauf, Mitte Juli 1794, trafen sich beide Dichter beim Ausgange aus der Batschschen naturforschenden Gesellschaft. Goethe knüpfte ein Gespräch an, begleitete Schiller nach Hause, trat ganz vertieft in das Gespräch in sein Haus mit ein, und entwickelte ihm seien Beobachtung von der Metamorphose der Pflanze. Schiller erwiderte freimütig, das sei keine Beobachtung, sondern eine Idee. Aber wie sehr der Einwurf Goethe quälte und ihn an den Gegensatz ihrer Naturen, den er aus Schillers Schriften herausgelesen hatte, erinnerte, so hatte ihn Schillers wunderbare Begabung zu schneller Auffassung, sicherem Urteil und förderndem Wechselgespräche doch aufs höchste angeregt. Und auch er sollte erfahren, wie Schiller alle festzuhalten wußte, die sich ihm einmal genähert hatten und die er seiner Freundschaft wert erkannte. Er kannte Goethe weit mehr als Goethe ihn. Denn seit seiner Jugend hatte er mit Bewunderung Goethes Werke genossen und studiert, und seine verzehrende Eifersucht war eben nur ein Zeugnis dafür, wie er Goethes Genius von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebte und bewunderte. Als Goethe daher von einer kreuzen Reise, die er mit dem Herzoge gemacht hatte, nach Weimar zurückkehrte, begrüßte ihn ein Brief Schillers, wie ihn eben in der Vereinigung von Wärme des Gemüts, von Macht der Rede und von Tiefe der Gedanken nur Schiller zu schreiben vermochte. Mit Erstaunen erkannte Goethe, mit welcher liebevollen Teilnahme Schiller ihn begleitet habe, und nahm den Brief, in dem Schiller mit freundschaftlicher Hand die Summe seiner Existenz gezogen habe, als das schönste Geschenk an, das ihm in der Woche seines Geburtstages hätte dargebracht werden können.

Jetzt gestand auch er seinem jüngeren Verehrer gegenüber offen ein, wie ihre Unterhaltung auch auf ihn einen großen Eindruck gemacht habe, und daß er von jenem Tage an auch eine Epoche rechne und die Hoffnung hege, daß sie nun nach einem so unvermuteten Begegnen miteinander fortwandern würden. Nach seiner praktischen Weise sandte er dann, nachdem er einmal Vertrauen gefaßt hatte, um dem weiteren Gedankenaustausche sogleich eine feste Richtung zu geben, einen Aufsatz philosophischen Inhalts an den neuen Freund.

Schiller hatte vom 26. bis etwa 29. oder 30. August ein Zusammentreffen mit seinen Freunden Humboldt und Körner in Weißenfels. Er scheint ihnen keine Andeutung weder von der Unterhaltung mit Goethe noch von seinem Brief an ihn gemacht zu haben. Offenbar beschäftigte ihn noch zu sehr die Sorge, ob Goethe seinen Brief, wie er es wünschte, aufnehmen würde, und wenn etwa nicht, hätte er nach seiner Art die Enttäuschung lieber in sich verwunden, als darüber mit andern zu verhandeln. Bei seiner Rückkehr aber fand er Goethes Antwort, und jetzt zögerte er nicht, seinem treuen Körner sofort die große Nachricht zu melden. Auch jetzt noch mäßigt er seinen Jubel, um nicht seines Erfolges schon gar zu sicher zu erscheinen, aber er wußte wohl, welche große Nachricht er damit auch seinem Körner gab, der sehnlichst wie Schiller selbst auf diesen Bund geharrt hatte: „Bei meiner Zurückkunft fand ich einen sehr herzlichen Brief von Goethe,“ schrieb Schiller an Körner am 1. September 1794, „der mir nun endlich mit Vertrauen entgegenkommt. Wir hatten vor sechs Wochen über Kunst und Kunsttheorie ein langes und breites gesprochen, und uns die Hauptideen mitgetheilt, zu denen wir auf ganz verschiedenen Wegen gekommen waren. Zwischen diesen Ideen fand sich eine unerwartete Übereinstimmung, die um so interessanter war, als sie wirklich aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunkte hervorging. Ein jeder konnte dem andern etwas geben, was ihm fehlte, und etwas dafür empfangen. Seit dieser Zeit haben diese ausgestreuten Ideen bei Göthe Wurzel gefaßt, und er fühlt jetzt ein Bedürfniß, sich an mich anzuschließen, und den Weg, den er allein und ohne Aufmunterung betrat, in Gemeinschaft mit mir fortzusetzen etc.“ Körner jubelte auf bei dieser Nachricht und konnte dem Freunde zurückmelden, an Meyer habe Goethe nach Dresden geschrieben: „Er habe lange nicht solchen geistigen Genuß gehabt, als bei Dir in Jena.“

Es ist nicht möglich, den Inhalt der rund tausend Briefe, die zwischen Goethe und Schiller gewechselt worden sind und sich erhalten haben, kurz zusammenzufassen. Sie spiegeln die ganze Fülle ihrer litterarischen Interessen während der elf Jahre ihrer Freundschaft wieder. Der Unterschied des Alters und der äußern Stellung macht sich im Tone der Briefe bemerkbar, der z. B. bei Schiller ein anderer ist als der in seinen Briefen an Körner. Nie haben die beiden großen Freunde das vertrauliche Du ausgetauscht, und nach den häuslichen Verhältnissen Goethes konnte der Verkehr von Haus zu Haus nur seitens der Männer statthaben. Eine ganze Reihe der Interessen Goethes, die häuslichen wie amtlichen, fanden in dem Verkehre kaum Erwähnung, aber auf dem litterarischen Gebiete tauschten sie vertrauensvoll alle Gedanken aus, und die gegenseitige Wahrhaftigkeit und Offenheit giebt dem Briefwechsel seine höchste Bedeutung. Er ist ein Schatz unserer Litteratur, wie ich einen ähnlichen in der ganzen Weltlitteratur nicht zu nennen wüßte.

 
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