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Schiller, Friedrich
Biografien
Wolzogen
Vorwort
Einleitung
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
6. Abschnitt
7. Abschnitt
8. Abschnitt
9. Abschnitt
10. Abschnitt
11. Abschnitt
12. Abschnitt |
Zwölfter Abschnitt Allgemeines über Schillers Charakter und Persönlichkeit
In dem Obigen habe ich versucht, Schillers Leben in
seinen bedeutendsten Zügen darzustellen. Findet man die Schilderung
skizzenartig, so bedenke man, dass ich großenteils meine Erinnerungen gab,
die sich nur über einen Teil seines Lebens erstrecken, dass dasselbe der
Fall ist bei dem, was ich von andern benutzte. Das Folgende möge dienen,
diese oder jene Lücke in der Biographie auszufüllen und das Bild von der
Persönlichkeit des Freundes lebendiger zu machen.
Der Geist Schillers, das Leben und die Natur
desselben stellt sich in seinen Werken dar, sein Charakter in der
Behauptung der Wahrheit und der Ehre, das ganze Leben hindurch, in der
Stellung zu Welt und Menschen; die eigentümliche Güte des Herzens
durchatmet den stillen Kreis der Freundschaft und der Familie. Dieses
letztere vorzüglich habe ich gesucht aufzufassen. Wie ein Mensch leibt und
geliebt wird, gibt uns das Bild seines eigentlichen Wesens.
In welcher Weise der Gehalt seines Daseins sich in
seinen Geisteswerken ausdrückt und in das innere Gewebe ihrer Gestaltung
greift, wird dem klaren und tiefen Blicke, dem etwas von produktiver
Imagination zu teil ward, nicht entgehen. Mächtig war seine Wirkung als
Dichter. Jedes rein fühlende Herz schlug ihm zu, jeder klare und hohe
Geist begegnete dem seinen. Eine große Gesinnung, wie das Bedürfnis
eigener Selbstachtung, war unserm Freunde angeboren: Von der Wahrheit
konnte er nie weichen. Dass er durch diese hohe Sittlichkeit besonders
tief und allergreifend wirkte, ist das reinste Resultat, das sich junge
Gemüter, die auf der Bahn der Dichtkunst ihm nachzuwandeln streben, aus
der Betrachtung seines Genius ziehen können. Die Form war in Schiller
immer nur ein Kleid der Seelenschönheit. In allen Gegenden Deutschlands
tönen seine Lieder; allen Herzen ist sein Bild zugleich mit den Ideen und
Gefühlen des ewig Guten und Wahren eingeprägt. Alle gebildeten Nationen
streben, sich seine Geisteswerke in ihrer Sprache anzueignen. Wie reich
wurde das Leben mit ihm! Jeder, der seines Umgangs auch nur auf kurze Zeit
genoss, fühlte sich vom Zauber seines Gesprächs hingerissen, das, immer
schaffend und neue Ideen weckend und entwickelnd, zu hohen und zarten
Lebensansichten führte. Es war, als redete er nur, um zu denken. Es freute
ihn, sich verstanden zu fühlen; aber oft lieh er auch den Zuhörenden eine
größere Kraft des Verstehens, als sie besaßen. Er schaute den Menschen
gern ins Herz und hatte zarte Empfänglichkeit für Freude und Schmerz, die
es bewegten. Das Kantische Moralgesetz, jeden Menschen als Zweck, nie als
Mittel zu betrachten, war der Ausspruch seiner eigenen Natur. Mild
begegnete er jedem rein menschlichen Gefühle, das in seine Sphäre drang.
Jede Existenz, die sich nicht mit falscher Anmaßung kund tat, nahm er
freundlich auf. Wahre Leiden suchte er hilfreich, wie er’s vermochte, zu
heben oder zu mildern.
Die Kenntnis der menschlichen Natur, die er sich
durch das Studium der Medizin erworben, nützte er gern im Aussinnen von
Hilfsmitteln gegen physischen Schmerz. Er floh den Anblick des Leidens
nicht; die Tätigkeit, zu der es ihn aufrief, stumpfte die Dornen des
Mitleids in der eigenen Brust. Die Kraft eines tröstenden Wortes kannte
er, und sie lag immer auf seinen Lippen. Alle Klänge, von menschlichen
Herzen ausgehend, tönten von dem so reich und voll besaiteten Wesen wider,
und zarte Teilnahme verklärte seine Züge. Lavater, den man wohl immer als
einen Kundigen der menschlichen natur anerkennen wird, sagte zu Schillers
Frau, als er sie in Jena besuchte: „Ich habe mir Ihren Herrn ganz anders
gedacht. Jede Muskel seines Gesichts drückt Delikatesse aus.“
Leidenschaftliche Stimmungen anzuschauen, zog ihn
an; aber immer waltete der menschliche Anteil vor; er begegnete ihnen
schonend, mildernd, in jede Individualität eingehend. Selbst für die
kleinen Leiden gedrückter Eitelkeit suchte er eine milde Auslegung. Dabei
fühlte er alle Schwächen und Thorheiten schnell. Den leisen Zug um Mund
und Wange, der den Kampf zwischen Spott und Gutmütigkeit verriet, sah ich
auf keinem menschlichen Gesichte lieblicher. Sein feiner Takt und sicherer
Verstand, der das Können und Vermögen eines jeden, sowie dessen Stellung
zur Gesellschaft leicht abwog, gab ihm ein zartes Gefühl für das
Lächerliche. Er überließ sich diesem für den Moment und scherzte, von ihm
angeregt, im vertrauten Kreise; aber ein Beschäftigen damit war ihm
zuwider. Freude an Fehlern anderer, ein Genuss des eigenen sie
entdeckenden Scharfsinns deuteten ihm auf eine niedere Naturanlage.
„Freude am Lächerlichen müsse nur wie ein Dithyramb durch die Unterhaltung
fliegen,“ sagte er. Die Linie, wo der Spott an Bosheit grenzt und Neckerei
in Schadenfreude übergeht, ließ er nie überschreiten.
Die großartigere Weise, in der ausgezeichnete
Geister alles, was auf Erden geschieht, wie ein Spiel betrachten, wusste
er zu würdigen. „Wer über alles lachen könnte,“ sagte er, „würde die Welt
beherrschen.“ Er selbst hatte scharf in den gewöhnlichen Weltlauf
geblickt, wo kleinliche Tücke und Gemeinheit oft für den Augenblick über
das Große siegt und an der Wurzel des Edlen nagt. Darüber ereiferte er
sich nicht. Aber das Unrecht hasste er und bekämpfte es, wo er vermochte.
Ein reines Auffassen seines Geistes in seinen Werken
war ihm willkommen und wohltätig; aber alles affektierte und absichtliche
Lob wies er mit sicherm Takte ab; es ward nie ein Mittel der Annäherung an
ihn. Was der Mensch an sich selbst war, galt ihm einzig; und von jedem
falschen Streben, was ihn verwirren konnte, suchte er ihn zurück zu
führen. Doch drückte er strenge Wahrheit in milder Form aus, zeigte andere
Wege, leitete auf Studien und Lebensweisen, die zu glücklicherm Erfolg
führen konnten. Wahrem Talent suchte er förderlich zu sein; es konnte ihn
innig und anhaltend beschäftigen, jedem auf der Bahn, die er zu
durchlaufen vermochte, fort zu helfen. Ein echtes Talent überwinde alle
Schwierigkeiten, war sein Glaube, und man tue ihm selbst wohl, wenn man es
Prüfungen unterwerfe. Er ließ es sich recht angelegen sein, in allen, die
ihm nahe standen, die Aufmerksamkeit auf jedes Bedeutende, das sich
darbot, zu schärfen. Beim Durchsehen fremder Arbeiten, wie ich es an
meinen eigenen kleinen literarischen Produkten erfahren und bei
bedeutenderen gesehen, setzte er nie etwas hinzu, aber er strich aus; und
as Ganze bekam eine neue Gestalt in Deutlichkeit und Präzision, nach den
Regeln des guten Stils. Vor Entzweiung mit seiner äußeren Lage warnte er
jeden Jüngling. Diener, Handwerksleute, jeder, der mit ihm ein Geschäft
hatte und Worte mit ihm gewechselt, fasste Zuneigung zu ihm. Klarer
Verstand und milder Sinn sind eine allgemeine verständliche Sprache.
Er pflog gern Umgang mit Menschen aus allen Klassen.
Ein kaltes Abstoßen, ein Entfernen anderer aus seiner höhern
Bildungssphäre ward nie bei ihm verspürt. Angenommene, konventionelle
Würde war ihm ganz fremd. Geist und Wohlwollen, da wo ihm nicht
entschiedener böser Wille entgegen trat, erfüllten, wie Licht und Wärme,
seinen Kreis. Die Eigenheiten in jeder Menschennatur beobachtete er gern;
alles, was Charakter andeutete, zog ihn an, und mit Lust griff er Züge in
der Natur auf für seine Dichtungen. Seelenlose Formen der Geselligkeit,
gebundenes Weltgespräch, Pedanterie, falsche Ansprüche in jedem Sinn waren
ihm unerträglich; er entfloh solcher Unterhaltung, sobald er’s vermochte.
Wahrheit und Herz in ungeschminktem Ausdruck der Natur zogen ihn immer an;
sie sind der Gehalt schöner Formen, der Lebensquell des Umgangs; ihrer
bedurfte er, um sich behaglich zu fühlen. Unmanier und Rohheit, die sich
in den Sälen der so genannten großen Welt wie auf dem Marktplatze des
Volkes finden, waren ihm ganz feindliche Pole; ja, er ertrug noch eher den
Zwang leerer Formen, die doch immer ein Anerkennen des Bessern und ein
Streben nach demselben andeuten. Er selbst wollte in seinem Benehmen nie
gegen die Formen anstoßen, und dies gab seinem Eintreten in einen fremden
Kreis einen Ausdruck der Schüchternheit.
Schillers große, in richtigem Verhältnis gebaute
Gestalt, etwas von militärischer Haltung, was ihm aus der Akademie
geblieben war, dazu die Freiheit des Geistes und das in ihm immer
lebendige Gefühl des Idealen, das ihn über alles Kleinliche und Gemeine
erhob und sich im Äußern ausdrückte, gab seiner Erscheinung etwas Edles,
dem selbst jene Schüchternheit wohl anstand, ja sie sogar leibenswürdig
machte. Der wohl gerundete Kopf ruhte auf einem schlanken, etwas starken
Halse, die hohe und weite Stirn trug das Gepräge des Genius; zwischen
breiten Schultern wölbte sich die Brust; der Leib war schmal; und Füße und
Arme standen zu dem Ganzen in gutem Verhältnis. Seine Hände waren mehr
stark als schön, und ihr Spiel mehr energisch als graziös. Die Farbe
seiner Augen war unentschieden, zwischen blau und lichtbraun. Der Blick
unter dem hervorstehenden Stirnknochen und den blonden, ziemlich starken
Augenbrauen warf nur selten und im Gespräch belebt Lichtfunken; sonst
schien er, in ruhigem Schauen, mehr in das eigene Innere gekehrt, als auf
die äußern Gegenstände gerichtet; doch drang er, wenn er auf andere fiel,
tief in Herz. Von seiner etwas gebogenen und ziemlich großen Nase sagte er
im Scherz, dass er sie sich selbst gemacht; sie sei von Natur kurz
gewesen, aber in der Akademie habe er so lang daran gezogen, bis sie eine
Spitze bekommen; es war wirklich ein etwas unsanfter Übergang daran
sichtbar. Sein haar war lang und fein und fiel ins Rötliche. Die Hautfarbe
war weiß, das Rot der Wangen zart. Er errötete leicht. Das Kinn hatte eine
angenehme Form und trat etwas hervor. Die Unterlippe, stärker als die
obere, zeigte besonders das Spiel seiner momentanen Empfindung. Sein
Lächeln war sehr anmutig, wenn es ganz aus der Seele kam, und in seinem
lauten Lachen, das sich verbergen zu wollen schien, lag etwas rein
Kindliches.
Die ähnlichsten Bildnisse Schillers sind: Danneckers
Marmorbüste, auf der großherzoglichen Bibliothek in Weimar, ein Ölgemälde
von Graf, im Besitz des Staatsrats Körner in Berlin, und ein anderes von
einer Stuttgart’schen Künstlerin, Simanowitz, welches die Geheime
Kirchenrätin Griesbachin Jena besitzt. Nach beiden letzteren sind gute
Kupferstiche erschienen, nach dem ersteren von Müller in Stuttgart, nach
dem zweiten im Weimarischen Industriecomptoir.
Schillers Stimme war nicht hell noch voll klingend,
doch ergriff sie, wenn er selbst gerührt war, oder überzeugen wollte.
Etwas vom schwäbischen Dialekt hat er immer beibehalten. Er las seine
Schauspiele und Gedichte gern selbst vor. Von eigentlicher Lesekunst besaß
er wenig und legte auch keinen Wert darauf. Der Geist sollte nur zum
Geiste sprechen, und das Herz zum Herzen. Seine Stimme folgte nur der
innern Rührung seines Gemüts und wurde tonvoller, wie dieses sich
lebendiger regte. Sein Gang hatte gewöhnlich etwas Nachlässiges, aber bei
innerer Bewegung wurde der Schritt fester.
Aller Zynismus in Kleidung und Umgebung war ihm,
seit er auf sich zu achten anfing, und dies geschah früh, zuwider: Die
Kleider einfach, aber gewählt; besonders hielt er viel auf seine Wäsche.
Sein Schreibtisch musste wohl geordnet sein. Er liebte sehr Blumen um
sich; Lilien hatte er vor allen gern; Lila war seine Lieblingsfarbe. Seine
Antipathie in der Natur waren Spinnen; er fühlte ein physisches
Unbehangen, wenn sich ihm eine näherte.
Beim fröhlichen Mahl im Kreise vertrauter, ihn
ansprechender Menschen überließ er sich gern einem heitern, aber mäßigen
Genusse des Weines. Das Unmaß floh er immer, da ihm, wie er sagte, ein
Glas zu viel gleich den Kopf zerstöre. Beim Schreiben trank er nie Wein,
oft Kaffee, der ermunternd auf ihn wirkte. Wenn er sich einem Genusse
überließ, so lag eine so unschuldige Fröhlichkeit in seiner Art zu
genießen, dass man sich derselben mit erfreuen musste, wie man sich an dem
Genusse eines glücklichen, heitern Kindes gegötzt. Trat er, von einer
gelungenen Arbeit aufstehend, in den Kreis der Seinen, dann war er
empfänglich für alles, was ihn umgab.
Der zarten Erscheinung der Freude, die, wie der
bogen der farbigen Iris, schnell und flüchtig das Menschenleben umspannt,
begegnete er, bei wem sie sich auch wies, immer mit heiterer Teilnahme;
sie zu zerstören, war ihm unmöglich, ja, er konnte selbst kindlich lustig
sein. Wenn ihn kein überwiegendes Interesse des Geistes fesselte, war er
aufmerksam auf alle Umgebungen. Keine sinnvolle Äußerung, keine graziöse
Bewegung entging ihm. Was sich nicht unbequem machte, sollte sich frei und
heiter in seiner Nähe fühlen; und unbequem war ihm nur der Stumpfsinn, das
Kleinliche und Gemeine. Seinem eigenen Gefühl der Freude lag immer hoher
Ernst nahe, was sein Gedicht an die Freude vielleicht am tiefsten
ausspricht. Die Flucht des Lebens, nach einem alten Ästhetiker der
Grundstoff der Tragödie, schwebte immer vor seiner Seele. Die innere
Stimmung beherrschte meist sein Vermögen, die Außenwelt anzuschauen, ja,
verschloss oft das Gefühl für dieselbe und ihren Genuss. Die schönste
Natur konnte von ihm unbeachtet bleiben, wenn die Gestalten in seinem
Innern lebendig waren. Es ist eine Frage, ob vielfältige Weltanschauung
ihm genützt und den Kreis seiner Produktionen erweitert haben würde. Erst
im späteren Leben regte sich in ihm ein Verlangen darnach.
Wenn ihm ein Kunstwerk im rechten Moment vor das
Auge kam, genoss er es lebhaft. Dass das Anschauen der alten Bildwerke
schon in Mannheim und Dresden dunkel auf ihn gewirkt, zeigen seine
Dichtungen aus jener Zeit. Als sie ihm durch Goethes und Meyers Umgang,
durch die Entwicklung ästhetischer Ideen recht verständlich geworden, sah
er sie, wie besonders bei seinem letzten Aufenthalt in Dresden der Fall
war, mit neuem aufgeschlossenem Sinne. Die Musik wirkte nur dunkel auf
ihn, er hatte sie nie geübt; aber er sagte, dass sie seine dichterischen
Stimmungen angenehm belebe. Die erste Glucksche Oper, die er hörte,
entzückte ihn. „Man wirft mir oft meine Unempfänglichkeit für Musik vor,“
sagte er; „aber ich fühle jetzt, dass es wohl auch die Schuld der Musik
gewesen sein mag, dass ich ungerührt blieb.“
Für das Gute und schöne im öffentlichen Leben hatte
er ein tiefes Gefühl, so wie für die Mängel desselben. Was er in seinem
Posa dichtete, hätte er sein können. Er gefiel sich oft in dem Gedanken,
im vorgerückten Alter zu einem Staatsamte tüchtig zu sein, und glaubte, es
mit Interesse und Nutzen verwalten zu können. Unterwerfung unter irgend
eine nicht mit Mäßigung und Weisheit wirkende Macht war ganz gegen seine
Natur. Hätte Schiller dem Welteroberer gegenüber gestanden, er würde, wie
der edle Greis Wieland, im vollen Bewusstsein der Menschen- und
Dichterwürde, von jener hohlen, kolossalen Größe ungeblendet geblieben
sein, die zusammenstürzen musste, da sie nicht auf Gerechtigkeit und
Wahrheit ruhte.
Zu dem, was man in der Welt sein Glück machen nennt,
hatte er gar keine Anlage. Eines äußern Motivs wegen etwas zu tun, was
seiner Überzeugung, ja oft nur seiner momentanen Stimmung widersprach, war
ihm unmöglich. Freiheit und ein unbeschränktes Leben in seiner Ideenwelt
ging ihm über alles. Einen günstigen Moment zu ergreifen, wo das Glück
sich fassen ließ, hielt ihn eben dieses Übergewicht des inneren über das
äußere Leben ab. Ich hörte ihn sagen, es gehe ihm wie Rousseau, dem die
besten Bonmots erst einfielen, wenn das Gespräch geendet war. Seine
Phantasie konnte ihm oft die Wirklichkeit anders darstellen, als sie war,
wie es wohl allen genialen Naturen zu Zeiten begegnet; Verhältnisse,
Lagen, Empfindungsarten, die in der Natur und im Weltlauf sich als
unhaltbar zeigen, konnte er als möglich, als dauernd denken; von Freunden
konnte er oft zu viel erwarten; aber sein schöner Verstand kehrte immer
zur Billigkeit, zum Maß und reiner Ansicht zurück. Nach dem ersten, oft
schmerzlichen Gefühle der Täuschung im Verhältnis zu andern erkannte er
den Grund des Nichtgenügens und Missverstehens ins ich selbst, und Achtung
und Freundschaft bleiben ungestört. Nie hat Schiller schonungslos ein
Verhältnis der Freundschaft und Liebe zerrissen; Vertraulichkeit, auch
wenn sie aufgehört hatte, bleib ihm heilig. War er von dem Unwert oder dem
bösen Willen eines Bekannten überzeugt, so brach er den Umgang nach
offener Erklärung ab. Kein literarisches Verhältnis ging ihm über ein
menschliches. Wesenloser Schein und das Zersplittern der Zeit und des
Lebens in Kleinlichkeiten und Eitelkeiten war ihm zuwider. Aber wenn eine
solche Existenz ihn auch verletzend berührte, so warf seine gute Natur den
Tropfen des Unmuts bald wieder aus. So war es mit literarischen Angriffen.
Seinen guten Humor konnten sie nie lange stören. Mit der Feder konnte er
schärfer sein und sich dem Reize des Witzes mehr überlassen, als er es
angesichts des Gegners vermocht hätte. Es kostete ihm immer Überwindung,
etwas Bitteres und Hartes zu sagen. Sein Hass gegen Formeln, zumal wenn
sie das Gefühl des Heiligen in hohle Worte binden und beschränken wollten,
war kalt und streng abschneidend. War er einmal zu einer ungerechten,
leidenschaftlichen Äußerung über seine Freunde hingerissen worden, so
kehrte er bald und wärmer zu ihnen zurück. Sich, wo er liebte, im
vollkommenen Vertrauen zu erschließen und hinzugeben, war Bedürfnis seines
Herzens. Das Leben schien ihm öde, wenn dieses ungestillt blieb. Mangel an
Zartheit und edler Sitte war ihm an Frauen ganz unerträglich. Schiller
glaubte, wie Plato, an eine Liebe, der das Alter nichts rauben kann. Das
geistig Schöne sprach immer mächtig seinen innern Sinn an, und in der
Liebe ging ihm die Idee der Unsterblichkeit auf.
Der Weise, dessen Ideen ein Element wurden, in dem
sein Geist atmete und lebte, der ihm in den Jahren der Krankheit, wo die
produktive Kraft der Dichtung schlummerte, Gesellschafter, Freund und
Tröster war, hatte ihm auch Beruhigung für alle Ereignisse im äußern Leben
gegeben. Ein philosophisches Gespräch mit gleich denkenden Freunden zog
ihn von allen Sorgen ab und beschwichtigte oft ein physisches Leiden.
Beschränkung der äußern Lage trübte seine Stimmung selten, und immer
schaute er auf den Reichtum seines Geistes, als auf einen sichern Schatz.
Die Natur habe ihm einen bodenlosen Leichtsinn gegeben, sagte er oft; und
wenn er andere durch kleine Sorgen gequält und ängstlich mit der Zukunft
beschäftigt sah, pries er diese Gabe seines freundlichen Genius.
Ob er gleich größtenteils von seinen
schriftstellerischen Arbeiten lebte, so hat gewiss niemand weniger als er
um Geld geschrieben. Wenn er eine Arbeit ausführte, so legte er die ganze
Kraft seines Geistes hinein. Nie war er ein Diener der Zeit, auch strebte
er nicht, ihr Lenker zu sein. Er stand unter der Herrschaft seines Geists,
der nur das Gesetz der Wahrheit und Schönheit anerkannte.
Dass Schiller immer auf sich selbst stehen, dass er
seine äußere Lage sich selbst bilden musste, hat vielleicht auch dem
Genius in ihm seine Eigentümlichkeit bewahrt und ihm Selbständigkeit
gegeben. Hätte er, wie andere Dramatiker, in der Atmosphäre und Gunst
eines mächtigen Beschützers und Versorgers gelebt, wer kann entscheiden,
ob nicht Dankbarkeit und Liebe den freien Schwung seines Geistes gehemmt
hätten? – Wie anders würde Calderon gedichtet haben, hätte er nicht am
spanischen Hofe gelebt! So stand Schiller allein in der Welt, nur auf den
Laut der großen Natur in seinem Innern horchend, den die Stimme der Nation
im Widerhall zurückgab. Der Schutz, die Teilnahme, die er von Höhern
erfuhr, waren nie hinreichend, seine äußere Existenz zu gründen und zu
sichern, und gewannen nie dauernden Einfluss auf ihn. Eigene Einsicht
blieb seine Regel, und seine Geistesprodukte gediehen in ungekränkter
Natur. Er hatte immer nur die Wirkung auf das große Ganze, auf die
Menschheit im Auge.
Das ist wohl ein schönes Leben zu nennen, wenn die
Gefühle des Jünglings sich als die Grundsätze des Mannes zeigen und
bewähren. Man begeht eine Ungerechtigkeit an genialen Naturen, wenn man
die sichere Folge und Haltung in Handeln, Fühlen und Meinen von ihnen
begehrt, welche nur Verstandesmenschen eigen sein kann, die immer bereit
sind, ihre Individualität in bestimmten Zahlen mit der umgebenden Welt in
Rechnung zu stellen. Jene umgibt eine eigene Atmosphäre. Das Vorhandene
ist für sie nur da, insofern sich sein Bild in ihrem Dunstreise spiegelt
und, von ihrem eigenen, inneren Lichte berührt, neue Lichter und
Zauberfarben erzeugt. So ist’s in der Liebe, so in der produktiven
Imagination.
Missverhältnisse mit der Außenwelt können sich
erzeugen, die oft in entscheidenden Augenblicken die Lebensbahn verirren
und in Abgründe stürzen. Glücklich der, der, wie Schiller, fest in der
Idee der Wahrheit und Schönheit ruht und sich mit seinem Innern immer
wieder aus dem reißenden Strome zu retten vermag, um an dem grünen,
blumenreichen Ufer reiner Menschlichkeit zu landen! Im großen Gewebe des
Menschengeschicks, in welchem Vernunft und Gefühl in ihren reinsten und
höchsten Momenten die Hand der allwaltenden Güte erblicken, stehen diese
höher begabten Naturen als tröstende, leitende Gestirne über der Nacht der
Zeiten, und Jahrhunderte hindurch strahlen und erwärmen ihre segenvollen
Kräfte. Schiller sagte einst in einer schwermütigen Stimmung: „Wenn man
auch nur gelebt hätte, um den dreiundzwanzigsten Gesang der Ilias zu
lesen, so könnte man sich nicht über sein Dasein beschweren.“ Vielleicht
sagt ein Dichter dasselbe nach Jahrhunderten von einem seiner Werke.
Wenn man das kurze Leben von sechsundvierzig Jahren
betrachtet, dessen Hauptmomente von mir dargestellt sind, insofern sich
Dokumente und glaubwürdige Zeugnisse der Erinnerung dazu fanden, so wird
man über den Reichtum produktiver Kraft, den es enthält, staunen und ihm
schwerlich ein anderes vergleichbar finden. Zudem waren noch die letzten
vierzehn Jahre durch Krankheitsfälle getrübt, die das Leben bedrohten und
die heitre Kraft des Geistes hemmten.
Schillers Leben fiel in die Umgestaltung Europas, in
eine schwere, für unser Vaterland leidenvolle Zeit. Wie er die großen
Zeitmomente einsah und fühlte, zeigt manche Stelle in seinen Dichtungen.
Er starb im Jahre vor der Schlacht, deren Donner er, wenn er gelebt,
gehört haben würde, die unsere bis dahin ruhige Heimat in die äußerste
Bedrängnis brachte. Hätte er die große deutsche Zeit des Jahres dreizehn
erlebt, wie würde ihn der Geist und der Mut, mit dem unser Volk Taten übte
und Opfer brachte, erfreut haben!
Da das geistige Leben eines Volkes in seiner Sprache
liegt, in der Masse von Begriffen und Gefühlen, in den Ideen, die sie
auszudrücken vermag, so kann man sagen, dass Schillers Geist mächtig auf
die Erhaltung und Regeneration des deutschen Sinnes gewirkt hat.
Das Leben der Dichter, sagte er selbst, kann kein
bedeutendes Interesse haben, da es nur ein innerliches ist. Das seinige
war vielleicht innerlicher, als das der meisten andern; aber eben in
dieser stillen, innerlichen Tiefe, an der die Gegenwart machtlos vorüber
zog, hat es eine rührende Einfalt und Größe. Das Höchste aller Zeiten
stand immer vor seinem Geiste, und zu dem Höchsten und Besten wollte er
auch die Gemüter der Menschen erheben.
Die welthistorische Wirkung der Christuslehre, die
reine heilige Gestalt ihres Stifters, die unendliche Tiefe der Natur
erfüllten ihn mit Ehrfurcht, die gegen das Ende seines Lebens immer
inniger und tiefer wurde. Wahrheit und Liebe waren die Religion seines
Herzens; Streben nach dem Reinsten auf Erden und nach dem Unendlichen und
Ewigen ihr Erzeugnis, das eigentliche Leben seines Geistes; der, obgleich
nicht lange auf der Erde weilend, doch in allen für das Höhere
empfänglichen Gemütern die Überzeugung zurückließ, wenige seien edler
gewesen, wenige haben reicher und nachhaltiger gewirkt, wie er.
So steht das geistige Bild meines Freundes vor
meiner Seele, und viele befreundete Herzen werden es, hoffe ich, in meiner
Schilderung, wenn auch nicht erreicht, doch nicht verfehlt finden.
Den vielfältigen, meist aus gutmütigem Eifer
verbreiteten Gerüchten über die Aufbewahrung der irdischen Überreste
unseres Freundes bin ich folgende Aufklärung schuldig.
Der Sarg, mit Schillers Namen bezeichnet, ward in
einem Gewölbe aufgebahrt. Auf verschiedene Anträge zu einer anderen
Bestattung ging meine Schwester nicht ein, weil ihr die Idee des wackern
Becker und des Grafen Benzel-Sternau, ein Gut für Schillers Hinterlassene,
das Schillerhain heißen sollte, zu erkaufen, wo seine Überreste auf Grund
und Boden der Familie ruhen sollten, zu sehr am Herzen lag. Die
unglücklichen Kriegsstürme, die über das Vaterland einbrachen, störten die
Ausführung dieses schönen Plans.
Als ein neuer Kirchhof in Weimar angelegt wurde,
wollte meine Schwester einen Platz kaufen für Schillers Sarg, neben dem
sie selbst einst zu ruhen wünschte. Der brave Bürgermeister Schwabe, der
als Jüngling Schiller zu Grabe getragen, erbot sich im Namen der Stadt zu
freiwilliger Einräumung eines Platzes; ein kleiner Hain sollte an einem
Hügel angelegt werden, und ein schöner würdiger Ruheplatz wurde
ausgedacht.
Beim Öffnen des Sarges fand sich, da das Gewölbe
sehr feucht war, eine große Zerstörung; aber geschickte Anatomen und Ärzte
fanden die Überreste zusammen.
Der Idee des Großherzogs, den Schädel, die Form,
unter der ein so hohes geistiges Leben gewaltet, auf der fürstlichen
Bibliothek zu verwahren, war die Familie nicht entgegen. Er wurde
aufbewahrt mit den anderen Gebeinen. Der König von Bayern vermochte den
Großherzog, diese Idee, die seinem Gefühl widerstritt, aufzugeben. Man
machte einen Abguss, und die ungetrennten Überreste Schillers wurden auf
würdige Weise verwahrt: Sie ruhen nun in dem fürstlichen Grabgebäude.
Meine geliebte Schwester – denn auch über die, die
Schiller die Seinen nannte, wird man gern ein Wort hören – wurde den
Ihrigen am 9. Juli 1826 entrissen. Sie lebte nur für ihre Kinder und
hatte, da sie scheiden musste, den Trost, diese auf einer glücklichen
Lebensbahn zu sehen. Sie ruht in Bonn am Ufer des Rheins.
Der verklärte Geist des Vaters wird auch mit der
Existenz der Seinen auf Erden zufrieden sein. Der älteste Sohn hatte im
Jahr 1813 den Befreiungskrieg in einem sächsischen Ulanenregiment
mitgemacht, im Armeekorps des Herzogs von Weimar. Er blieb bei der Teilung
der Truppen in einem preußischen Regiment gleicher Waffenart und erfreute
sich der Gunst seiner Chefs. Besonders bewies ihm der würdige General
Kleist von Nollendorf viel Wohlwollen. Die Vorliebe für sein früheres
Studium, das der Forstwissenschaft, bewog ihn, als Forstmann in
württembergische Dienste zu treten. Der König zeigte, wie sehr er
Schillers Verdienst anerkannte, indem er einen seiner Nachkommen dem
Vaterland wiedergab, und die Königin Katharine, geborene Großfürstin von
Russland, an Geist und Herz eine der vorzüglichsten Frauen unserer und
aller Zeiten, die Schillers Schriften besonders liebte, bezeigte eine
Freude und Anteil an diesem Ereignis, die uns innig rührten. Karl von
Schiller hat einen Sohn, der bis jetzt der einzige Erbe des Schillerschen
Namens ist1).
Der zweite Sohn genießt das Glück, das dem Vater zu
Teil werden sollte, dem preußischen Staat anzugehören, und erfreut sich
durch Diensteifer und Talente der Gnade seines Königs und der
Zufriedenheit seiner Chefs, als Landesgerichtsrat in Trier2).
Die älteste Tochter hatte von Jugend an eine
Neigung, sich der Bildung der Jugend zu widmen; sie erwirbt sich als
Erzieherin der Tochter des Herzogs Eugen von Württemberg durch treue
Erfüllung ihres Berufs die Zufriedenheit der fürstlichen Eltern3).
Die jüngste Tochter ist die glückliche Gattin des
ältesten Sohnes unseres teuern Jugendfreundes, des Freiherrn von Gleichen,
mit dem sie auf dem Gute Bonland in Bayern lebt4).
Dankbar erfreuen sich Schillers Angehörige des
Andenkens des teuren Toten, das sich an so vielen Orten Deutschlands in
Stiftungen kund gibt, die seinem Geiste fort und fort huldigen. Besonders
rührend ist ihnen die in seinem Vaterland, in Stuttgart, von dem edlen
Freunde- und Dichterkreise veranstaltete Feier5),
in der ihnen der Geist der Schillerschen Dichtung am lebendigsten und
kräftigsten fortzuwirken scheint.
Ü
1)
Karl von Schiller, geb. 14. September 1793 in Ludwigsburg, starb als
württembergischer Oberförster in Stuttgart am 21. Juni 1857. Sein einziger
Sohn Friedrich Ludwig Ernst starb als pens. K. K. österr. Major am 9. Mai
1877 in Stuttgart.
2) Ernst von Schiller,
geb. 11. Juli 1796 zu Jena, starb als preuß. App.-Ger.-Rat. Zu Vilich bei
Bonn am 19. Mai 1841.
3) Karoline von
Schiller, geb. 11. Oktober 1799 zu Jena, verheiratet seit 1838 mit Bergrat
Junot, starb am 19. Dezember 1850 in Würzburg.
4) Emilie von
Gleichen-Rußwurm, geb. 25. Juli 1804 in Jena, starb auf Schloss
Greifenstein bei Bonland 1872.
5) Die am 9. Mai 1825
vom Stuttgarter Liederkranz veranstaltete (seitdem alljährlich
wiederholte) Feier zum Gedächtnis Schillers, mit welcher die Unterzeichung
zu dem Denkmal verbunden war, das am 8. Mai 1839, von Thorwaldsen
modelliert, in Stuttgart errichtet wurde.
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