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Zwölfter Abschnitt
Allgemeines über Schillers Charakter und Persönlichkeit

In dem Obigen habe ich versucht, Schillers Leben in seinen bedeutendsten Zügen darzustellen. Findet man die Schilderung skizzenartig, so bedenke man, dass ich großenteils meine Erinnerungen gab, die sich nur über einen Teil seines Lebens erstrecken, dass dasselbe der Fall ist bei dem, was ich von andern benutzte. Das Folgende möge dienen, diese oder jene Lücke in der Biographie auszufüllen und das Bild von der Persönlichkeit des Freundes lebendiger zu machen.

Der Geist Schillers, das Leben und die Natur desselben stellt sich in seinen Werken dar, sein Charakter in der Behauptung der Wahrheit und der Ehre, das ganze Leben hindurch, in der Stellung zu Welt und Menschen; die eigentümliche Güte des Herzens durchatmet den stillen Kreis der Freundschaft und der Familie. Dieses letztere vorzüglich habe ich gesucht aufzufassen. Wie ein Mensch leibt und geliebt wird, gibt uns das Bild seines eigentlichen Wesens.

In welcher Weise der Gehalt seines Daseins sich in seinen Geisteswerken ausdrückt und in das innere Gewebe ihrer Gestaltung greift, wird dem klaren und tiefen Blicke, dem etwas von produktiver Imagination zu teil ward, nicht entgehen. Mächtig war seine Wirkung als Dichter. Jedes rein fühlende Herz schlug ihm zu, jeder klare und hohe Geist begegnete dem seinen. Eine große Gesinnung, wie das Bedürfnis eigener Selbstachtung, war unserm Freunde angeboren: Von der Wahrheit konnte er nie weichen. Dass er durch diese hohe Sittlichkeit besonders tief und allergreifend wirkte, ist das reinste Resultat, das sich junge Gemüter, die auf der Bahn der Dichtkunst ihm nachzuwandeln streben, aus der Betrachtung seines Genius ziehen können. Die Form war in Schiller immer nur ein Kleid der Seelenschönheit. In allen Gegenden Deutschlands tönen seine Lieder; allen Herzen ist sein Bild zugleich mit den Ideen und Gefühlen des ewig Guten und Wahren eingeprägt. Alle gebildeten Nationen streben, sich seine Geisteswerke in ihrer Sprache anzueignen. Wie reich wurde das Leben mit ihm! Jeder, der seines Umgangs auch nur auf kurze Zeit genoss, fühlte sich vom Zauber seines Gesprächs hingerissen, das, immer schaffend und neue Ideen weckend und entwickelnd, zu hohen und zarten Lebensansichten führte. Es war, als redete er nur, um zu denken. Es freute ihn, sich verstanden zu fühlen; aber oft lieh er auch den Zuhörenden eine größere Kraft des Verstehens, als sie besaßen. Er schaute den Menschen gern ins Herz und hatte zarte Empfänglichkeit für Freude und Schmerz, die es bewegten. Das Kantische Moralgesetz, jeden Menschen als Zweck, nie als Mittel zu betrachten, war der Ausspruch seiner eigenen Natur. Mild begegnete er jedem rein menschlichen Gefühle, das in seine Sphäre drang. Jede Existenz, die sich nicht mit falscher Anmaßung kund tat, nahm er freundlich auf. Wahre Leiden suchte er hilfreich, wie er’s vermochte, zu heben oder zu mildern.

Die Kenntnis der menschlichen Natur, die er sich durch das Studium der Medizin erworben, nützte er gern im Aussinnen von Hilfsmitteln gegen physischen Schmerz. Er floh den Anblick des Leidens nicht; die Tätigkeit, zu der es ihn aufrief, stumpfte die Dornen des Mitleids in der eigenen Brust. Die Kraft eines tröstenden Wortes kannte er, und sie lag immer auf seinen Lippen. Alle Klänge, von menschlichen Herzen ausgehend, tönten von dem so reich und voll besaiteten Wesen wider, und zarte Teilnahme verklärte seine Züge. Lavater, den man wohl immer als einen Kundigen der menschlichen natur anerkennen wird, sagte zu Schillers Frau, als er sie in Jena besuchte: „Ich habe mir Ihren Herrn ganz anders gedacht. Jede Muskel seines Gesichts drückt Delikatesse aus.“

Leidenschaftliche Stimmungen anzuschauen, zog ihn an; aber immer waltete der menschliche Anteil vor; er begegnete ihnen schonend, mildernd, in jede Individualität eingehend. Selbst für die kleinen Leiden gedrückter Eitelkeit suchte er eine milde Auslegung. Dabei fühlte er alle Schwächen und Thorheiten schnell. Den leisen Zug um Mund und Wange, der den Kampf zwischen Spott und Gutmütigkeit verriet, sah ich auf keinem menschlichen Gesichte lieblicher. Sein feiner Takt und sicherer Verstand, der das Können und Vermögen eines jeden, sowie dessen Stellung zur Gesellschaft leicht abwog, gab ihm ein zartes Gefühl für das Lächerliche. Er überließ sich diesem für den Moment und scherzte, von ihm angeregt, im vertrauten Kreise; aber ein Beschäftigen damit war ihm zuwider. Freude an Fehlern anderer, ein Genuss des eigenen sie entdeckenden Scharfsinns deuteten ihm auf eine niedere Naturanlage. „Freude am Lächerlichen müsse nur wie ein Dithyramb durch die Unterhaltung fliegen,“ sagte er. Die Linie, wo der Spott an Bosheit grenzt und Neckerei in Schadenfreude übergeht, ließ er nie überschreiten.

Die großartigere Weise, in der ausgezeichnete Geister alles, was auf Erden geschieht, wie ein Spiel betrachten, wusste er zu würdigen. „Wer über alles lachen könnte,“ sagte er, „würde die Welt beherrschen.“ Er selbst hatte scharf in den gewöhnlichen Weltlauf geblickt, wo kleinliche Tücke und Gemeinheit oft für den Augenblick über das Große siegt und an der Wurzel des Edlen nagt. Darüber ereiferte er sich nicht. Aber das Unrecht hasste er und bekämpfte es, wo er vermochte.

Ein reines Auffassen seines Geistes in seinen Werken war ihm willkommen und wohltätig; aber alles affektierte und absichtliche Lob wies er mit sicherm Takte ab; es ward nie ein Mittel der Annäherung an ihn. Was der Mensch an sich selbst war, galt ihm einzig; und von jedem falschen Streben, was ihn verwirren konnte, suchte er ihn zurück zu führen. Doch drückte er strenge Wahrheit in milder Form aus, zeigte andere Wege, leitete auf Studien und Lebensweisen, die zu glücklicherm Erfolg führen konnten. Wahrem Talent suchte er förderlich zu sein; es konnte ihn innig und anhaltend beschäftigen, jedem auf der Bahn, die er zu durchlaufen vermochte, fort zu helfen. Ein echtes Talent überwinde alle Schwierigkeiten, war sein Glaube, und man tue ihm selbst wohl, wenn man es Prüfungen unterwerfe. Er ließ es sich recht angelegen sein, in allen, die ihm nahe standen, die Aufmerksamkeit auf jedes Bedeutende, das sich darbot, zu schärfen. Beim Durchsehen fremder Arbeiten, wie ich es an meinen eigenen kleinen literarischen Produkten erfahren und bei bedeutenderen gesehen, setzte er nie etwas hinzu, aber er strich aus; und as Ganze bekam eine neue Gestalt in Deutlichkeit und Präzision, nach den Regeln des guten Stils. Vor Entzweiung mit seiner äußeren Lage warnte er jeden Jüngling. Diener, Handwerksleute, jeder, der mit ihm ein Geschäft hatte und Worte mit ihm gewechselt, fasste Zuneigung zu ihm. Klarer Verstand und milder Sinn sind eine allgemeine verständliche Sprache.

Er pflog gern Umgang mit Menschen aus allen Klassen. Ein kaltes Abstoßen, ein Entfernen anderer aus seiner höhern Bildungssphäre ward nie bei ihm verspürt. Angenommene, konventionelle Würde war ihm ganz fremd. Geist und Wohlwollen, da wo ihm nicht entschiedener böser Wille entgegen trat, erfüllten, wie Licht und Wärme, seinen Kreis. Die Eigenheiten in jeder Menschennatur beobachtete er gern; alles, was Charakter andeutete, zog ihn an, und mit Lust griff er Züge in der Natur auf für seine Dichtungen. Seelenlose Formen der Geselligkeit, gebundenes Weltgespräch, Pedanterie, falsche Ansprüche in jedem Sinn waren ihm unerträglich; er entfloh solcher Unterhaltung, sobald er’s vermochte. Wahrheit und Herz in ungeschminktem Ausdruck der Natur zogen ihn immer an; sie sind der Gehalt schöner Formen, der Lebensquell des Umgangs; ihrer bedurfte er, um sich behaglich zu fühlen. Unmanier und Rohheit, die sich in den Sälen der so genannten großen Welt wie auf dem Marktplatze des Volkes finden, waren ihm ganz feindliche Pole; ja, er ertrug noch eher den Zwang leerer Formen, die doch immer ein Anerkennen des Bessern und ein Streben nach demselben andeuten. Er selbst wollte in seinem Benehmen nie gegen die Formen anstoßen, und dies gab seinem Eintreten in einen fremden Kreis einen Ausdruck der Schüchternheit.

Schillers große, in richtigem Verhältnis gebaute Gestalt, etwas von militärischer Haltung, was ihm aus der Akademie geblieben war, dazu die Freiheit des Geistes und das in ihm immer lebendige Gefühl des Idealen, das ihn über alles Kleinliche und Gemeine erhob und sich im Äußern ausdrückte, gab seiner Erscheinung etwas Edles, dem selbst jene Schüchternheit wohl anstand, ja sie sogar leibenswürdig machte. Der wohl gerundete Kopf ruhte auf einem schlanken, etwas starken Halse, die hohe und weite Stirn trug das Gepräge des Genius; zwischen breiten Schultern wölbte sich die Brust; der Leib war schmal; und Füße und Arme standen zu dem Ganzen in gutem Verhältnis. Seine Hände waren mehr stark als schön, und ihr Spiel mehr energisch als graziös. Die Farbe seiner Augen war unentschieden, zwischen blau und lichtbraun. Der Blick unter dem hervorstehenden Stirnknochen und den blonden, ziemlich starken Augenbrauen warf nur selten und im Gespräch belebt Lichtfunken; sonst schien er, in ruhigem Schauen, mehr in das eigene Innere gekehrt, als auf die äußern Gegenstände gerichtet; doch drang er, wenn er auf andere fiel, tief in Herz. Von seiner etwas gebogenen und ziemlich großen Nase sagte er im Scherz, dass er sie sich selbst gemacht; sie sei von Natur kurz gewesen, aber in der Akademie habe er so lang daran gezogen, bis sie eine Spitze bekommen; es war wirklich ein etwas unsanfter Übergang daran sichtbar. Sein haar war lang und fein und fiel ins Rötliche. Die Hautfarbe war weiß, das Rot der Wangen zart. Er errötete leicht. Das Kinn hatte eine angenehme Form und trat etwas hervor. Die Unterlippe, stärker als die obere, zeigte besonders das Spiel seiner momentanen Empfindung. Sein Lächeln war sehr anmutig, wenn es ganz aus der Seele kam, und in seinem lauten Lachen, das sich verbergen zu wollen schien, lag etwas rein Kindliches.

Die ähnlichsten Bildnisse Schillers sind: Danneckers Marmorbüste, auf der großherzoglichen Bibliothek in Weimar, ein Ölgemälde von Graf, im Besitz des Staatsrats Körner in Berlin, und ein anderes von einer Stuttgart’schen Künstlerin, Simanowitz, welches die Geheime Kirchenrätin Griesbachin Jena besitzt. Nach beiden letzteren sind gute Kupferstiche erschienen, nach dem ersteren von Müller in Stuttgart, nach dem zweiten im Weimarischen Industriecomptoir.

Schillers Stimme war nicht hell noch voll klingend, doch ergriff sie, wenn er selbst gerührt war, oder überzeugen wollte. Etwas vom schwäbischen Dialekt hat er immer beibehalten. Er las seine Schauspiele und Gedichte gern selbst vor. Von eigentlicher Lesekunst besaß er wenig und legte auch keinen Wert darauf. Der Geist sollte nur zum Geiste sprechen, und das Herz zum Herzen. Seine Stimme folgte nur der innern Rührung seines Gemüts und wurde tonvoller, wie dieses sich lebendiger regte. Sein Gang hatte gewöhnlich etwas Nachlässiges, aber bei innerer Bewegung wurde der Schritt fester.

Aller Zynismus in Kleidung und Umgebung war ihm, seit er auf sich zu achten anfing, und dies geschah früh, zuwider: Die Kleider einfach, aber gewählt; besonders hielt er viel auf seine Wäsche. Sein Schreibtisch musste wohl geordnet sein. Er liebte sehr Blumen um sich; Lilien hatte er vor allen gern; Lila war seine Lieblingsfarbe. Seine Antipathie in der Natur waren Spinnen; er fühlte ein physisches Unbehangen, wenn sich ihm eine näherte.

Beim fröhlichen Mahl im Kreise vertrauter, ihn ansprechender Menschen überließ er sich gern einem heitern, aber mäßigen Genusse des Weines. Das Unmaß floh er immer, da ihm, wie er sagte, ein Glas zu viel gleich den Kopf zerstöre. Beim Schreiben trank er nie Wein, oft Kaffee, der ermunternd auf ihn wirkte. Wenn er sich einem Genusse überließ, so lag eine so unschuldige Fröhlichkeit in seiner Art zu genießen, dass man sich derselben mit erfreuen musste, wie man sich an dem Genusse eines glücklichen, heitern Kindes gegötzt. Trat er, von einer gelungenen Arbeit aufstehend, in den Kreis der Seinen, dann war er empfänglich für alles, was ihn umgab.

Der zarten Erscheinung der Freude, die, wie der bogen der farbigen Iris, schnell und flüchtig das Menschenleben umspannt, begegnete er, bei wem sie sich auch wies, immer mit heiterer Teilnahme; sie zu zerstören, war ihm unmöglich, ja, er konnte selbst kindlich lustig sein. Wenn ihn kein überwiegendes Interesse des Geistes fesselte, war er aufmerksam auf alle Umgebungen. Keine sinnvolle Äußerung, keine graziöse Bewegung entging ihm. Was sich nicht unbequem machte, sollte sich frei und heiter in seiner Nähe fühlen; und unbequem war ihm nur der Stumpfsinn, das Kleinliche und Gemeine. Seinem eigenen Gefühl der Freude lag immer hoher Ernst nahe, was sein Gedicht an die Freude vielleicht am tiefsten ausspricht. Die Flucht des Lebens, nach einem alten Ästhetiker der Grundstoff der Tragödie, schwebte immer vor seiner Seele. Die innere Stimmung beherrschte meist sein Vermögen, die Außenwelt anzuschauen, ja, verschloss oft das Gefühl für dieselbe und ihren Genuss. Die schönste Natur konnte von ihm unbeachtet bleiben, wenn die Gestalten in seinem Innern lebendig waren. Es ist eine Frage, ob vielfältige Weltanschauung ihm genützt und den Kreis seiner Produktionen erweitert haben würde. Erst im späteren Leben regte sich in ihm ein Verlangen darnach.

Wenn ihm ein Kunstwerk im rechten Moment vor das Auge kam, genoss er es lebhaft. Dass das Anschauen der alten Bildwerke schon in Mannheim und Dresden dunkel auf ihn gewirkt, zeigen seine Dichtungen aus jener Zeit. Als sie ihm durch Goethes und Meyers Umgang, durch die Entwicklung ästhetischer Ideen recht verständlich geworden, sah er sie, wie besonders bei seinem letzten Aufenthalt in Dresden der Fall war, mit neuem aufgeschlossenem Sinne. Die Musik wirkte nur dunkel auf ihn, er hatte sie nie geübt; aber er sagte, dass sie seine dichterischen Stimmungen angenehm belebe. Die erste Glucksche Oper, die er hörte, entzückte ihn. „Man wirft mir oft meine Unempfänglichkeit für Musik vor,“ sagte er; „aber ich fühle jetzt, dass es wohl auch die Schuld der Musik gewesen sein mag, dass ich ungerührt blieb.“

Für das Gute und schöne im öffentlichen Leben hatte er ein tiefes Gefühl, so wie für die Mängel desselben. Was er in seinem Posa dichtete, hätte er sein können. Er gefiel sich oft in dem Gedanken, im vorgerückten Alter zu einem Staatsamte tüchtig zu sein, und glaubte, es mit Interesse und Nutzen verwalten zu können. Unterwerfung unter irgend eine nicht mit Mäßigung und Weisheit wirkende Macht war ganz gegen seine Natur. Hätte Schiller dem Welteroberer gegenüber gestanden, er würde, wie der edle Greis Wieland, im vollen Bewusstsein der Menschen- und Dichterwürde, von jener hohlen, kolossalen Größe ungeblendet geblieben sein, die zusammenstürzen musste, da sie nicht auf Gerechtigkeit und Wahrheit ruhte.

Zu dem, was man in der Welt sein Glück machen nennt, hatte er gar keine Anlage. Eines äußern Motivs wegen etwas zu tun, was seiner Überzeugung, ja oft nur seiner momentanen Stimmung widersprach, war ihm unmöglich. Freiheit und ein unbeschränktes Leben in seiner Ideenwelt ging ihm über alles. Einen günstigen Moment zu ergreifen, wo das Glück sich fassen ließ, hielt ihn eben dieses Übergewicht des inneren über das äußere Leben ab. Ich hörte ihn sagen, es gehe ihm wie Rousseau, dem die besten Bonmots erst einfielen, wenn das Gespräch geendet war. Seine Phantasie konnte ihm oft die Wirklichkeit anders darstellen, als sie war, wie es wohl allen genialen Naturen zu Zeiten begegnet; Verhältnisse, Lagen, Empfindungsarten, die in der Natur und im Weltlauf sich als unhaltbar zeigen, konnte er als möglich, als dauernd denken; von Freunden konnte er oft zu viel erwarten; aber sein schöner Verstand kehrte immer zur Billigkeit, zum Maß und reiner Ansicht zurück. Nach dem ersten, oft schmerzlichen Gefühle der Täuschung im Verhältnis zu andern erkannte er den Grund des Nichtgenügens und Missverstehens ins ich selbst, und Achtung und Freundschaft bleiben ungestört. Nie hat Schiller schonungslos ein Verhältnis der Freundschaft und Liebe zerrissen; Vertraulichkeit, auch wenn sie aufgehört hatte, bleib ihm heilig. War er von dem Unwert oder dem bösen Willen eines Bekannten überzeugt, so brach er den Umgang nach offener Erklärung ab. Kein literarisches Verhältnis ging ihm über ein menschliches. Wesenloser Schein und das Zersplittern der Zeit und des Lebens in Kleinlichkeiten und Eitelkeiten war ihm zuwider. Aber wenn eine solche Existenz ihn auch verletzend berührte, so warf seine gute Natur den Tropfen des Unmuts bald wieder aus. So war es mit literarischen Angriffen. Seinen guten Humor konnten sie nie lange stören. Mit der Feder konnte er schärfer sein und sich dem Reize des Witzes mehr überlassen, als er es angesichts des Gegners vermocht hätte. Es kostete ihm immer Überwindung, etwas Bitteres und Hartes zu sagen. Sein Hass gegen Formeln, zumal wenn sie das Gefühl des Heiligen in hohle Worte binden und beschränken wollten, war kalt und streng abschneidend. War er einmal zu einer ungerechten, leidenschaftlichen Äußerung über seine Freunde hingerissen worden, so kehrte er bald und wärmer zu ihnen zurück. Sich, wo er liebte, im vollkommenen Vertrauen zu erschließen und hinzugeben, war Bedürfnis seines Herzens. Das Leben schien ihm öde, wenn dieses ungestillt blieb. Mangel an Zartheit und edler Sitte war ihm an Frauen ganz unerträglich. Schiller glaubte, wie Plato, an eine Liebe, der das Alter nichts rauben kann. Das geistig Schöne sprach immer mächtig seinen innern Sinn an, und in der Liebe ging ihm die Idee der Unsterblichkeit auf.

Der Weise, dessen Ideen ein Element wurden, in dem sein Geist atmete und lebte, der ihm in den Jahren der Krankheit, wo die produktive Kraft der Dichtung schlummerte, Gesellschafter, Freund und Tröster war, hatte ihm auch Beruhigung für alle Ereignisse im äußern Leben gegeben. Ein philosophisches Gespräch mit gleich denkenden Freunden zog ihn von allen Sorgen ab und beschwichtigte oft ein physisches Leiden. Beschränkung der äußern Lage trübte seine Stimmung selten, und immer schaute er auf den Reichtum seines Geistes, als auf einen sichern Schatz. Die Natur habe ihm einen bodenlosen Leichtsinn gegeben, sagte er oft; und wenn er andere durch kleine Sorgen gequält und ängstlich mit der Zukunft beschäftigt sah, pries er diese Gabe seines freundlichen Genius.

Ob er gleich größtenteils von seinen schriftstellerischen Arbeiten lebte, so hat gewiss niemand weniger als er um Geld geschrieben. Wenn er eine Arbeit ausführte, so legte er die ganze Kraft seines Geistes hinein. Nie war er ein Diener der Zeit, auch strebte er nicht, ihr Lenker zu sein. Er stand unter der Herrschaft seines Geists, der nur das Gesetz der Wahrheit und Schönheit anerkannte.

Dass Schiller immer auf sich selbst stehen, dass er seine äußere Lage sich selbst bilden musste, hat vielleicht auch dem Genius in ihm seine Eigentümlichkeit bewahrt und ihm Selbständigkeit gegeben. Hätte er, wie andere Dramatiker, in der Atmosphäre und Gunst eines mächtigen Beschützers und Versorgers gelebt, wer kann entscheiden, ob nicht Dankbarkeit und Liebe den freien Schwung seines Geistes gehemmt hätten? – Wie anders würde Calderon gedichtet haben, hätte er nicht am spanischen Hofe gelebt! So stand Schiller allein in der Welt, nur auf den Laut der großen Natur in seinem Innern horchend, den die Stimme der Nation im Widerhall zurückgab. Der Schutz, die Teilnahme, die er von Höhern erfuhr, waren nie hinreichend, seine äußere Existenz zu gründen und zu sichern, und gewannen nie dauernden Einfluss auf ihn. Eigene Einsicht blieb seine Regel, und seine Geistesprodukte gediehen in ungekränkter Natur. Er hatte immer nur die Wirkung auf das große Ganze, auf die Menschheit im Auge.

Das ist wohl ein schönes Leben zu nennen, wenn die Gefühle des Jünglings sich als die Grundsätze des Mannes zeigen und bewähren. Man begeht eine Ungerechtigkeit an genialen Naturen, wenn man die sichere Folge und Haltung in Handeln, Fühlen und Meinen von ihnen begehrt, welche nur Verstandesmenschen eigen sein kann, die immer bereit sind, ihre Individualität in bestimmten Zahlen mit der umgebenden Welt in Rechnung zu stellen. Jene umgibt eine eigene Atmosphäre. Das Vorhandene ist für sie nur da, insofern sich sein Bild in ihrem Dunstreise spiegelt und, von ihrem eigenen, inneren Lichte berührt, neue Lichter und Zauberfarben erzeugt. So ist’s in der Liebe, so in der produktiven Imagination.

Missverhältnisse mit der Außenwelt können sich erzeugen, die oft in entscheidenden Augenblicken die Lebensbahn verirren und in Abgründe stürzen. Glücklich der, der, wie Schiller, fest in der Idee der Wahrheit und Schönheit ruht und sich mit seinem Innern immer wieder aus dem reißenden Strome zu retten vermag, um an dem grünen, blumenreichen Ufer reiner Menschlichkeit zu landen! Im großen Gewebe des Menschengeschicks, in welchem Vernunft und Gefühl in ihren reinsten und höchsten Momenten die Hand der allwaltenden Güte erblicken, stehen diese höher begabten Naturen als tröstende, leitende Gestirne über der Nacht der Zeiten, und Jahrhunderte hindurch strahlen und erwärmen ihre segenvollen Kräfte. Schiller sagte einst in einer schwermütigen Stimmung: „Wenn man auch nur gelebt hätte, um den dreiundzwanzigsten Gesang der Ilias zu lesen, so könnte man sich nicht über sein Dasein beschweren.“ Vielleicht sagt ein Dichter dasselbe nach Jahrhunderten von einem seiner Werke.

Wenn man das kurze Leben von sechsundvierzig Jahren betrachtet, dessen Hauptmomente von mir dargestellt sind, insofern sich Dokumente und glaubwürdige Zeugnisse der Erinnerung dazu fanden, so wird man über den Reichtum produktiver Kraft, den es enthält, staunen und ihm schwerlich ein anderes vergleichbar finden. Zudem waren noch die letzten vierzehn Jahre durch Krankheitsfälle getrübt, die das Leben bedrohten und die heitre Kraft des Geistes hemmten.

Schillers Leben fiel in die Umgestaltung Europas, in eine schwere, für unser Vaterland leidenvolle Zeit. Wie er die großen Zeitmomente einsah und fühlte, zeigt manche Stelle in seinen Dichtungen. Er starb im Jahre vor der Schlacht, deren Donner er, wenn er gelebt, gehört haben würde, die unsere bis dahin ruhige Heimat in die äußerste Bedrängnis brachte. Hätte er die große deutsche Zeit des Jahres dreizehn erlebt, wie würde ihn der Geist und der Mut, mit dem unser Volk Taten übte und Opfer brachte, erfreut haben!

Da das geistige Leben eines Volkes in seiner Sprache liegt, in der Masse von Begriffen und Gefühlen, in den Ideen, die sie auszudrücken vermag, so kann man sagen, dass Schillers Geist mächtig auf die Erhaltung und Regeneration des deutschen Sinnes gewirkt hat.

Das Leben der Dichter, sagte er selbst, kann kein bedeutendes Interesse haben, da es nur ein innerliches ist. Das seinige war vielleicht innerlicher, als das der meisten andern; aber eben in dieser stillen, innerlichen Tiefe, an der die Gegenwart machtlos vorüber zog, hat es eine rührende Einfalt und Größe. Das Höchste aller Zeiten stand immer vor seinem Geiste, und zu dem Höchsten und Besten wollte er auch die Gemüter der Menschen erheben.

Die welthistorische Wirkung der Christuslehre, die reine heilige Gestalt ihres Stifters, die unendliche Tiefe der Natur erfüllten ihn mit Ehrfurcht, die gegen das Ende seines Lebens immer inniger und tiefer wurde. Wahrheit und Liebe waren die Religion seines Herzens; Streben nach dem Reinsten auf Erden und nach dem Unendlichen und Ewigen ihr Erzeugnis, das eigentliche Leben seines Geistes; der, obgleich nicht lange auf der Erde weilend, doch in allen für das Höhere empfänglichen Gemütern die Überzeugung zurückließ, wenige seien edler gewesen, wenige haben reicher und nachhaltiger gewirkt, wie er.

So steht das geistige Bild meines Freundes vor meiner Seele, und viele befreundete Herzen werden es, hoffe ich, in meiner Schilderung, wenn auch nicht erreicht, doch nicht verfehlt finden.


Den vielfältigen, meist aus gutmütigem Eifer verbreiteten Gerüchten über die Aufbewahrung der irdischen Überreste unseres Freundes bin ich folgende Aufklärung schuldig.

Der Sarg, mit Schillers Namen bezeichnet, ward in einem Gewölbe aufgebahrt. Auf verschiedene Anträge zu einer anderen Bestattung ging meine Schwester nicht ein, weil ihr die Idee des wackern Becker und des Grafen Benzel-Sternau, ein Gut für Schillers Hinterlassene, das Schillerhain heißen sollte, zu erkaufen, wo seine Überreste auf Grund und Boden der Familie ruhen sollten, zu sehr am Herzen lag. Die unglücklichen Kriegsstürme, die über das Vaterland einbrachen, störten die Ausführung dieses schönen Plans.

Als ein neuer Kirchhof in Weimar angelegt wurde, wollte meine Schwester einen Platz kaufen für Schillers Sarg, neben dem sie selbst einst zu ruhen wünschte. Der brave Bürgermeister Schwabe, der als Jüngling Schiller zu Grabe getragen, erbot sich im Namen der Stadt zu freiwilliger Einräumung eines Platzes; ein kleiner Hain sollte an einem Hügel angelegt werden, und ein schöner würdiger Ruheplatz wurde ausgedacht.

Beim Öffnen des Sarges fand sich, da das Gewölbe sehr feucht war, eine große Zerstörung; aber geschickte Anatomen und Ärzte fanden die Überreste zusammen.

Der Idee des Großherzogs, den Schädel, die Form, unter der ein so hohes geistiges Leben gewaltet, auf der fürstlichen Bibliothek zu verwahren, war die Familie nicht entgegen. Er wurde aufbewahrt mit den anderen Gebeinen. Der König von Bayern vermochte den Großherzog, diese Idee, die seinem Gefühl widerstritt, aufzugeben. Man machte einen Abguss, und die ungetrennten Überreste Schillers wurden auf würdige Weise verwahrt: Sie ruhen nun in dem fürstlichen Grabgebäude.

Meine geliebte Schwester – denn auch über die, die Schiller die Seinen nannte, wird man gern ein Wort hören – wurde den Ihrigen am 9. Juli 1826 entrissen. Sie lebte nur für ihre Kinder und hatte, da sie scheiden musste, den Trost, diese auf einer glücklichen Lebensbahn zu sehen. Sie ruht in Bonn am Ufer des Rheins.

Der verklärte Geist des Vaters wird auch mit der Existenz der Seinen auf Erden zufrieden sein. Der älteste Sohn hatte im Jahr 1813 den Befreiungskrieg in einem sächsischen Ulanenregiment mitgemacht, im Armeekorps des Herzogs von Weimar. Er blieb bei der Teilung der Truppen in einem preußischen Regiment gleicher Waffenart und erfreute sich der Gunst seiner Chefs. Besonders bewies ihm der würdige General Kleist von Nollendorf viel Wohlwollen. Die Vorliebe für sein früheres Studium, das der Forstwissenschaft, bewog ihn, als Forstmann in württembergische Dienste zu treten. Der König zeigte, wie sehr er Schillers Verdienst anerkannte, indem er einen seiner Nachkommen dem Vaterland wiedergab, und die Königin Katharine, geborene Großfürstin von Russland, an Geist und Herz eine der vorzüglichsten Frauen unserer und aller Zeiten, die Schillers Schriften besonders liebte, bezeigte eine Freude und Anteil an diesem Ereignis, die uns innig rührten. Karl von Schiller hat einen Sohn, der bis jetzt der einzige Erbe des Schillerschen Namens ist1).

Der zweite Sohn genießt das Glück, das dem Vater zu Teil werden sollte, dem preußischen Staat anzugehören, und erfreut sich durch Diensteifer und Talente der Gnade seines Königs und der Zufriedenheit seiner Chefs, als Landesgerichtsrat in Trier2).

Die älteste Tochter hatte von Jugend an eine Neigung, sich der Bildung der Jugend zu widmen; sie erwirbt sich als Erzieherin der Tochter des Herzogs Eugen von Württemberg durch treue Erfüllung ihres Berufs die Zufriedenheit der fürstlichen Eltern3).

Die jüngste Tochter ist die glückliche Gattin des ältesten Sohnes unseres teuern Jugendfreundes, des Freiherrn von Gleichen, mit dem sie auf dem Gute Bonland in Bayern lebt4).

Dankbar erfreuen sich Schillers Angehörige des Andenkens des teuren Toten, das sich an so vielen Orten Deutschlands in Stiftungen kund gibt, die seinem Geiste fort und fort huldigen. Besonders rührend ist ihnen die in seinem Vaterland, in Stuttgart, von dem edlen Freunde- und Dichterkreise veranstaltete Feier5), in der ihnen der Geist der Schillerschen Dichtung am lebendigsten und kräftigsten fortzuwirken scheint.

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1) Karl von Schiller, geb. 14. September 1793 in Ludwigsburg, starb als württembergischer Oberförster in Stuttgart am 21. Juni 1857. Sein einziger Sohn Friedrich Ludwig Ernst starb als pens. K. K. österr. Major am 9. Mai 1877 in Stuttgart. ­
2) Ernst von Schiller, geb. 11. Juli 1796 zu Jena, starb als preuß. App.-Ger.-Rat. Zu Vilich bei Bonn am 19. Mai 1841.
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3) Karoline von Schiller, geb. 11. Oktober 1799 zu Jena, verheiratet seit 1838 mit Bergrat Junot, starb am 19. Dezember 1850 in Würzburg.
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4) Emilie von Gleichen-Rußwurm, geb. 25. Juli 1804 in Jena, starb auf Schloss Greifenstein bei Bonland 1872.
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5) Die am 9. Mai 1825 vom Stuttgarter Liederkranz veranstaltete (seitdem alljährlich wiederholte) Feier zum Gedächtnis Schillers, mit welcher die Unterzeichung zu dem Denkmal verbunden war, das am 8. Mai 1839, von Thorwaldsen modelliert, in Stuttgart errichtet wurde.
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