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Schiller, Friedrich
Biografien
Wolzogen
Vorwort
Einleitung
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
6. Abschnitt
7. Abschnitt
8. Abschnitt
9. Abschnitt
10. Abschnitt
11. Abschnitt
12. Abschnitt |
Elfter Abschnitt Letzte Lebensjahre und Tod.
Eine Masse produktiven Lebens macht die letzten
Jahre unseres Freundes zu den reichsten. Körner sagt: „Nachdem Schiller
einmal durch den Wallenstein die Meisterschaft errungen hatte, folgten
seine übrigen dramatischen Werke schnell aufeinander, obgleich seine
Tätigkeit oft durch körperliche Leiden und besonders im Jahre 1799 durch
Sorge für seine geliebte Gattin, bei ihrer damaligen gefährlichen
Krankheit, unterbrochen wurde. Wallenstein erschien 1799; Maria Stuart
1800; die Jungfrau von Orleans 1801; die Braut von Messina 1803 und
Wilhelm Tell 1804. Alle diese Werke ließen ihm noch Zeit übrig,
Shakespeares Macbeth und Gozzis Turandot für das deutsche Theater zu
bearbeiten. Später wurden noch Racines Phädra und zwei französische
Lustspiele von ihm übersetzt. In den Zwischenzeiten beschäftigten ihn
mehrere dramatische Plane, wovon sich ein Teil unter seinen Papieren
aufgefunden hat.“
Seine Ansichten der Kunst und Kritik in dieser
letzten Periode seines Lebens ergeben sich aus folgenden Fragmenten seiner
damaligen Briefe:
„Sie müssen sich nicht wundern, wenn ich
mir die Wissenschaft und die Kunst jetzt in einer größern Entfernung und
Entgegensetzung denke, als ich vor einigen Jahren vielleicht geneigt
gewesen bin. Meine ganze Tätigkeit hat sich gerade jetzt der Ausübung
zugewendet; ich erfahre täglich, wie wenig der Poet durch allgemeine reine
Begriffe bei der Ausübung gefördert wird, und wäre in dieser Stimmung
zuweilen unphilosophisch genug, alles, was ich selbst und andere von der
Elementar-Ästhetik wissen, für einen einzigen empirischen Vorteil, für
einen Kunstgriff des Handwerks hinzugeben. In Rücksicht auf das
Hervorbringen werden sie mir zwar selbst die Unzulänglichkeit der Theorie
einräumen; aber ich dehne meinen Unglauben auch auf das Beurteilen aus und
möchte behaupten, dass es kein Gefäß gibt, die Werke der Einbildungskraft
zu fassen, als eben diese Einbildungskraft selbst.“ –
„Wenn man die Kunst, sowie die Philosophie,
als etwas, das immer wird und nie ist, also nur dynamisch, und nicht, wie
sie es jetzt nennen, atomistisch betrachtet, so kann man gegen jedes
Produkt gerecht sein, ohne dadurch eingeschränkt zu werden. Es ist aber im
Charakter der Deutschen, dass ihnen alles gleich ist wird und dass sie die
unendliche Kunst, sowie sie es bei der Reformation mit der Theologie
gemacht, gleich in ein Symbolum hineinbannen müssen. Deswegen gereichen
ihnen selbst treffliche Werke zum Verderben, weil sie gleich für heilig
und ewig erklärt werden und der strebende Künstler immer darauf
zurückgewiesen wird. An diese Werke nicht religiös glauben, heißt
Ketzerei, da doch die Kunst über allen Werken ist. Es gibt freilich in der
Kunst ein Maximum, aber nicht in der modernen, die nur in einem ewigen
Fortschritte ihr Heil finden kann.“ –
„Ich habe dieser Tage den rasenden Roland
wieder gelesen, und kann Dir nicht genug sagen, wie anziehend und
erquickend mir diese Lektüre war. Hier ist Leben und Bewegung und Farbe
und Fülle; man wird aus sich heraus ins volle Leben, und doch wieder von
da zurück in sich selbst hineingeführt; man schwimmt in einem reichen,
unendlichen Elemente und wird seines ewigen identischen Ichs los und
existiert eben deswegen mehr, weil man aus sich selbst gerissen wird. Und
doch ist trotz aller Üppigkeit, Rastlosigkeit und Ungeduld Form und Plan
in dem Gedicht, welches man mehr empfindet, als erkennt, und an der
Stetigkeit und sich selbst erhaltenden Behaglichkeit und Fröhlichkeit des
Zustandes wahrnimmt. Freilich darf man hier keine Tiefe suchen und keinen
Ernst; aber wir brauchen wahrlich auch die Fläche so nötig, als die Tiefe,
und für den Ernst sorgt die Vernunft und das Schicksal genug, dass die
Phantasie sich nicht damit zu bemengen braucht.“ –
„Noch hoffe ich in meinem poetischen
Streben keinen Rückschritt getan zu haben, einen Seitenschritt vielleicht,
indem es mir begegnet sein kann, den materiellen Forderungen der Welt und
der Zeit etwas eingeräumt zu haben. Die Werke des dramatischen Dichters
werden schneller als alle andern von dem Zeitstrom ergriffen; er kommt
selbst, wider Willen, mit der großen Masse in eine vielseitige Berührung,
bei der man nicht immer rein bleibt. Anfangs gefällt es, den Herrscher zu
machen über die Gemüter; aber welchem Herrscher begegnet es nicht, dass er
auch wieder der Diener seiner Diener wird, um seine Herrschaft zu
behaupten? Und so kann es vielleicht geschehen sein, dass ich, indem ich
die deutschen Bühnen mit dem Geräusch meiner Stücke erfüllte, auch von den
deutschen Bühnen etwas angenommen habe.“
Auch für eine Komödie hatte er einen Stoff gefunden,
fühlte sich aber zu fremd für diese Gattung.
„Zwar glaube ich mich,“ schrieb er einem Freunde,
„derjenigen Komödie, wo es mehr auf eine komische Zusammenfügung der
Begebenheiten, als auf komische Charaktere und auf Humor ankommt,
gewachsen; aber meine Natur ist doch zu ernst gestimmt, und was keine
Tiefe hat, kann mich nicht lange anziehen.“
Am letzten Abend des Jahres 1802 las Schiller uns
die Braut von Messina vor, wobei auch unsere gute Mutter zugegen war. Es
war ein herrlicher Abend. Schiller war sehr heiter und versprach uns,
jeden Silvesterabend mit einer neuen Tragödie zu feiern. In den ersten
Monaten des Jahres 1803 erschien das Stück auf der Bühne. Goethe hatte die
Rolle der Mutter der Madame Wolf gegeben; unter seiner Aufsicht studierte
sie dieselbe ein, und in der vollkommen gelungenen Darstellung tat sich
zuerst ihr großes Talent für die Tragödie kund. Schiller war sehr erfreut
und gerührt, und in den letzten Szenen, als man den toten Prinzen
getragen, sagte er zu uns. „Das ist nun doch wirklich ein Trauerspiel.“
Er schritt sofort zur Ausführung des Tell, freute
sich des schönen Stoffes und sagte: „Wenn es nur mehr Stoffe wie Johanna
und Tell in der Geschichte gäbe, so sollte es an Tragödien nicht fehlen.“
Die Zeiten der Ligue in der französischen Geschichte schienen ihm sehr
reich an dramatischem Stoff; Heinrich IV. war einer seiner
Lieblingscharaktere, und er meinte, man könne eine Folge von Stücken
aufstellen, wie es Shakespeare in der englischen Geschichte getan. Unsere
deutsche Geschichte, obgleich reich an großen Charakteren, liege zu sehr
auseinander, und es sei schwer, sie in Hauptmomenten zu konzentrieren. Der
Erzherzog Friedrich von Österreich, der Gegner und Freund Ludwigs von
Bayern, schien ihm ein anziehender Charakter. Einige Mal gedachte er auch
seines früheren Plans, einen zweiten Teil der Räuber zu geben. Man müsse
eine tragische Familie erfinden, fiel ihm einmal ein, ähnlich der des
Atreus und Laius, durch die sich eine Verkettung von Unglück fortzöge. Am
Rhein, wo die Revolution so viele edle Geschlechter vom Gipfel des Glückes
hinabgestürzt, und wo in schwankenden Verhältnissen der Doppelsinn des
Lebens die ebene Bahn leicht verwirren könne, sei der passendste Platz für
ein solches Gemälde des Menschengeschicks in seiner Allgemeinheit.
Wie gern teilte ich jeden Gedankenblitz, der, von
Schiller ausgehend, unsern Abendgesprächen Licht und Leben gab, seinen
sinnigen Verehrern mit!
Die Aufführung von Goethes Natürlicher Tochter
setzte alles in die lebhafteste Bewegung, und mit Entzücken begrüßte man
das Wiedererscheinen dieses Genius in der dramatischen Form, in der man
ihn so lange nicht erblickt hatte. Goethe hatte Schiller mit dem
Totaleindruck dieses Werkes auf der Bühne überraschen wollen; er kam sehr
erfreut und bewegt nach Hause. Bei dem Einwurf eines Kritikers, dass die
ersten Akte zu wenig Handlung enthielten, sagte er: „Ach, das alles
braucht er gar nicht!“ Nur die Szene, wo Eugenie sich ängstlich um Putz
und Schmuck bekümmert, schien ihm für den Charakter des hochsinnigen
Mädchens nicht ganz wahr. Welcher Verlust ist es für die Welt, dass Goethe
nicht gleich zur Ausarbeitung des zweiten Teils dieser herrlichen Dichtung
schritt!
So erfreulich der Beifall vieler Höchstausgebildeten
Schillern in Weimar auch war, so ließ sich doch in der großen Masse des
Publikums eine gewisse Mattigkeit spüren, und die Sucht, lieber zu
kritisieren als zu genießen, war vorherrschend. Die Blüte des Gefühls, das
innige Ineinanderübergehen des Dichters und Zuschauers, war selten rein
vernehmbar, wie es wohl auch nur in großen Massen sich aussprechen kann.
Doch brachten die benachbarten Musensöhne von Jena oft einen erfrischenden
Hauch jugendlichen Lebens und Anteils herüber.
Auf einer kleinen Reise nach Lauchstädt, wo die
Weimarischen Schauspieler während der Kurzeit Vorstellungen gaben,
erfreute Schiller der feurige Anteil der Hallischen Jugend. Einige Briefe,
von diesem Orte aus an seine Frau geschrieben, schildern seinen dortigen
Aufenthalt.
Lauchstädt, den 4. Juli 1803.
„Der Theaterbote geht heute nach W., und
ich kann Dir, liebes Herz, einige Nachricht von mir geben. Meine Herreise
ist recht glücklich gewesen, und ich kam nach 7 Uhr an. Der Ort hat einen
recht schönen Eindruck auf mich gemacht; die Allee und alle Anlagen umher
sind heiter; es ist für die Societät auf eine artige und anständige Weise
gesorgt; auch fand ich’s sehr volkreich und dabei ganz zwanglos, so dass
ich mich in der Masse der Menschen recht gern mit fortbewege. Ich hatte
Mühe, ein Logis zu finden, und nur nach vielem Umherfragen fand man eines
für mich aus, zwischen der Allee und dem Komödienhaus, das sehr hübsch
gelegen ist, Parterre, an einem Garten, wo die andern Hausnachbarn mir
völlig fremd sind und mich nicht genieren. Ich esse in dem großen Salon,
der sehr schön und ziemlich so groß wie der Konzertsaal im
Landschaftshause zu Weimar ist. Er war bisher immer mit 100 und 120 Gästen
besetzt, wobei es sehr lustig hergeht. Es sind viele sächsische, auch
einige preußische Offiziers hier und viele Damen, worunter es auch recht
hübsche Gesichter gibt. Alle Abende wird nach dem Souper getanzt und den
ganzen Tag gedudelt.
Der Prinz von Württemberg1)
ist gestern um 4 Uhr angekommen, und seitdem er hier ist, waren wir immer
beisammen; er ist gar artig und behaglich, und es scheint ihm zu gefallen,
dass er sich in der Masse verlieren kann und gar nicht auf ihn reflektiert
wird. Die Braut von Messina ist gestern gegeben worden, bei sehr vielen
Zuschauern; aber es war eine drückende Gewitterluft, und ich habe mich
weit hinweggewünscht. Dabei erlebte ich den eigenen Zufall, dass während
der Komödie ein schweres Gewitter ausbrach, wobei die Donnerschläge und
besonders der Regen so heftig schallte, dass eine Stunde lang man fast
kein Wort der Schauspieler verstand und die Handlung nur aus der Pantomime
erraten musste. Es war eine Angst unter den Schauspielern, und ich glaubte
jeden Augenblick, dass man den Vorhang würde fallen lassen müssen. Wenn
sehr heftige Blitze kamen, so flohen viele Frauenzimmer aus dem Haus
heraus; es war eine ganz erstaunliche Störung. Dennoch wurde zu Ende
gespielt, und unsere Schauspieler hielten sich noch ganz leidlich. Lustig
und fürchterlich zugleich war der Effekt, wenn bei den gewaltsamen
Verwünschungen des Himmels, welche die Isabelle im letzten Akt ausspricht,
der Donner einfiel und gerade bei den Worten des Chors:
Wenn die Wolken getürmt den Himmel
schwärzen,
Wenn dumpf tosend der Donner hallt,
Da, da fühlen sich alle Herzen
In des furchtbaren Schicksals Gewalt,
fiel der wirkliche Donner mit
fürchterlichem Knallen ein, so dass Graff ex tempore eine Geste dabei
machte, die das ganze Publikum ergriff.
Heute ist die Natürliche Tochter. Der
Herzog von Württemberg bleibt noch hier und vielleicht auch morgen; es
gefällt ihm sehr, auch dem dicken August2),
der euch schönstens grüßen lässt.
Man hat mir gestern nach dem Ball noch in
später Nacht eine Musik gebracht, wobei viele Studenten aus Halle und
Leipzig waren, so dass ich noch nicht recht habe ausschlafen können; auch
des Morgens haben sie mich mit Musik begrüßt.
Die Fremde aus Andros, welche gleich in den
ersten Wochen hier gegeben worden, hat nichts getan, und es ist am Schluss
sogar von einigen gepfiffen worden.
Aber mein Papier ist voll geschrieben, und
ich muss schließen. Küsse die lieben Narren recht herzlich von mir und
bleibe recht wohl; ich schreibe bald wieder. Der Frau3)
tausend Grüße und auch Goethen, wenn Du ihn siehst. Lebe wohl, liebe Maus.
Dein
S.“
Lauchstädt, den 6. Juli 1803.
„Es gefällt mir bis jetzt noch recht wohl
hier, obgleich der gänzliche Müßiggang mir etwas Ungewohntes ist und ich
den Verlust der schönen Zeit bedaure. Aber dennoch sollen diese Tage nicht
ganz verloren für mich sein, weil ich mich heiter gestimmt und auch
gesünder fühle und die Sehnsucht zum Arbeiten bei mir wächst. Gestern, als
den Dienstag, ist der Herzog von Württemberg früh wieder abgereist; er war
gar gut und gefällig und hat jedermanns Liebe sich erworben. Sein
einfaches Wesen setzte uns alle à notre aise, und der August ist im
letzten Tag so lustig und behaglich worden, dass ich ihn recht lieb
gewonnen habe. Wir haben uns allerseits recht ungern voneinander getrennt.
Die Natürliche Tochter ist am Montag gut
gegeben worden und hat, besonders die letzte Hälfte, viel Effekt gemacht,
doch konnte sich das Publikum in die erstaunlichen longueurs, die den Gang
des Stücks aufhalten, nicht recht finden, und ich werde Goethe sehr
anliegen, es merklich zu verkürzen. Die Ansicht eines neuen Publikums gibt
mir viel neue Blicke über das theatralische Wesen, und ich bin ziemlich
gewiss, dass ich künftig viel bestimmter und zweckmäßiger für das Theater
schreiben werde, ohne der Poesie das Geringste zu vergeben.
Gestern (Dienstags) war kein Theater; die
Jagemanns und ihre Gesellschafter sind auf einen Besuch nach
Giebichenstein zu Reichardt, und ich habe hier den Tag recht mit Nichtstun
zugebracht. Ich blieb von Mittagszeit an bis abends immer in der
Gesellschaft, die sich in der Allee und in den kleinen Pavillons
herumtreibt; aber eine Anzahl junger Berliner, die hier sind, hat doch
recht unterhaltende Gespräche veranlasst.
Am Montag waren Niemeyers hier und haben
mir keine Ruhe gelassen, sie diese Woche in Halle zu besuchen;
wahrscheinlich fahre ich Freitags hin. Professor Wolf ist nach Pyrmont
gereist; aber an dem Geheimen Rat Schmalz, der Direktor der Universität,
doch noch ein junger Mann von etwa vierzig Jahren ist, habe ich eine sehr
interessante Bekanntschaft gemacht, und die erste Stunde hat uns einander
sehr nahe gebracht. Er ist ein trefflicher philosophischer Kopf unter den
Juristen und der jovialste, rüstigste Geschäftsmann.
Die Mara wird diese Woche in Halle singen,
und ich hoffe, sie entweder dort, oder hier zu hören; denn man hat eine
Subskription in Lauchstädt eröffnet, und sie wird eingeladen werden. Mich
hat die Badegesellschaft beschickt, um ihnen das Komödienhaus dazu zu
erlauben, weil die Wöchner diese Erlaubnis nicht für sich erteilen
wollten. Und so habe ich denn hier schon eine gewisse Autorität ausgeübt.
Oft, liebes Herz, habe ich Deiner und der
lieben Kinder gedacht und sehen mich, von Dir zu hören.
Lebe wohl mit den lieben Kindern; herzlich
umarme ich euch alle. Die Jagemann wird diesen Brief mitnehmen; sie geht
auf einige Zeit nach W., will aber wieder hieherkommen. Dass sie die
Natürliche Tochter spielte, habe ich negoziiert; denn sie hatte eine
Heiserkeit, dass sie gar nicht mehr auftreten wollte, und man war beim
Theater dieses schon angesagten Stücks wegen sehr verlegen. Weil sie aber
vielen Beifall gefunden, so dankt sie mir’s jetzt selbst und ist sehr
zufrieden.
Lebe tausendmal wohl, liebes Herz. Die Frau
grüße schön von mir.
S.“
Lauchstädt, den 8. Juli 1803.
„Dank Dir, liebe Maus, für die guten
Nachricht, die Du mir gestern von Dir und den lieben Kindern gegeben. Ich
schreibe Dir sogleich mit der Hallischen Post, dass Du Dich wegen meiner
Abwesenheit nicht beunruhigest. Zwölf oder vierzehn Tage hier zu bleiben,
war mein längstes Ziel gleich am Anfang, und dabei beharre ich auch. Du
kannst mich also ganz gewiss gegen Ausgang der nächsten Woche wieder
erwarten. Wenn ich von meinen Lieben getrennt sein soll, so muss
wenigstens ein bedeutender Zweck dabei sein; aber dieser ist hier nicht,
und ich würde auch einen längeren Müßiggang nicht ertragen. – Bis jetzt
reut mich indes mein Hiersein gar nicht .Ich habe mehr Vertrauen zu meiner
Gesundheit bekommen und mich unter einer Masse fremder, gemischter
Gesellschaft leicht und heiter gefühlt. Über das Theater selbst habe ich
bei den wenigen Vorstellungen etwas gelernt und für die Zukunft gewonnen.
In einer Stunde fahre ich nach Halle, wohin
ich einige männliche Gesellschafter mitnehme, um die weiblichen, welche
man laut beiliegendem Briefe gewünscht hatte, zu vermeiden. Ich fahre heut
Abend wieder zurück und werde diesen Brief an Dich zu Halle auf die Post
geben lassen.
Bleibe wohl, liebstes Herz, mit den guten
Kindern; Karl danke ich für seinen Brief recht schön, und die Frau grüße
aufs beste. Lebe wohl. Dein
S.“
Lauchstädt, den 9. Juli 1803.
„Deinen Brief und der Kinder ihren erhielt
ich am 11. Juli heute Mittag an der Table d’hote und freute mich sehr des
unerwarteten Andenkens von meinen Lieben. Gestern Abend um halb elf kam
ich von Halle zurück, wo ich mich außer Niemeyers Pädagogium, welches eine
kleine Stadt ist, nicht sehr viel umgesehen, weil ich mich etwas
angegriffen fühlte und die Bewegung scheute. Sie haben mich sehr geehrt
und tüchtig aufgeschlüsselt. Ich genieße aber überhaupt hier wenig, weil
ich mich so am besten vor den Krämpfen schütze. Halle gefällt mir nicht,
und in der Gesellschaft hörte ich nichts als Anekdoten erzählen.
Hier verfällt man auf allerlei
Unterhaltungen. Vor einigen Tagen machten zwei Trupp preußischer und
sächsischer Offiziere, welche in zahlreicher Menge hier sind, ein Manöver
gegeneinander auf dem Wege nach Merseburg, alles zu Pferd. Ich ritt auch
mit; auch kamen viele kutschen von Zuschauern; es gab malerische Gruppen
und Bewegungen, und weil heftig geschossen und geritten wurde, so hatte es
ein ordentlich kriegerisches Ansehen. Mittags fanden sich die Kämpfer und
Zuschauer bei der Tafel zusammen, wo es dann sehr über den Champagner
herging, der hier mit sündlicher Verschwendung getrunken wird.
Auf den Montag ist die Jungfrau von
Orleans. Schon morgen kommen viele Hallensische Besuche, die dann bis
Montag bleiben; es wird ziemlich lebhaft werden. Donnerstag oder Freitag
denke ich wegzureisen. Ich befinde mich übrigens wohl und heiter; die
guten Nachrichten von euch sind mir sehr erfreulich.
Lebe wohl, liebes Herz, und küsse die
lieben Kinder und grüße die Frau und die Stein herzlich. Hier einiges für
die Kleinen und den Adolf, was der Bote mitnehmen mochte.
Dein S.“
Herders Tod riss die erste Lücke in den schönen
Kranz der vorzüglichsten Geister, die ein günstiges Geschick in Weimar
versammelt hatte. Obgleich er und Schiller sich selten sahen und ein
vertrauter Umgang beider nicht wohl möglich war, so fühlte Schiller dieses
doch oft als ein Entbehrung, und mehrere Entwürfe zur Annäherung
entstanden, bleiben aber unausgeführt. Herder hatte die Eigenheit, sich
den Anschein zu geben, als bekümmere er sich um die Produkte der neuern
Poesie gar nicht. Bei einer offenen Äußerung des Missfallens wäre eher
eine Annäherung in Diskussion möglich gewesen. In diesem feindselig
scheinenden Schweigen konnte man sich nicht zusammen finden. Die
streitigen Punkte, die die heitere Unterhaltung bedrohten, nahmen zu; und
wie wir uns im Lebensgange von einer gewissen Lässigkeit leiten lassen,
die kleinen Unannehmlichkeiten ausweicht, bis sie uns endlich als hemmende
Netze umstricken, so ging es auch hier. Innige Achtung und Zuneigung
konnten indes unter zwei solchen Menschen nicht fehlen, und Schiller
fühlte Verlust tief und schmerzlich.
Im Februar des Jahres 1804 ward der Tell zum ersten
Mal gegeben. Die Anwesenheit der Frau von Staël veranlasste eine große
Bewegung in der Gesellschaft, und das Übermaß ihrer französischen
Lebhaftigkeit war der ruhigen und gemütvollen Aufnahme des Geistigen auf
unserer deutschen Seite oft drückend. Aber ihr Geist und ihr
liebenswürdiges Wesen ließ uns das Fremdartige in ihrer Erscheinung gern
ertragen. Das immer rege Bedürfnis, ihre Vorstellungen an unserer
deutschen Ideenwelt zu bereichern und diese in sich aufzunehmen, ihr
schöner Verstand machte sie Schillern höchst interessant, und er unterwarf
sich den Fesseln einer fremden, ihm nicht geläufigen Sprache, um sich mit
ihr zu unterhalten. „Sie hat einen wahren Ideenhunger,“ sagte er. Welchen
tiefen, wahren Blick sie in den innern Gehalt seines Wesens getan, zeigt
ihr Urteil über ihn. Die Offenheit, mit der sie uns das französische
Bedürfnis einer lebendigeren Anerkennung aussprach, nachdem Schiller und
eine kleine Gesellschaft bei einer von ihr deklamierten Szene der Phädra
so kalt geblieben, dass es ise wahrhaft betrübt machte, war höchst
komisch. Ihre Liebenswürdigkeit, die aus einem edlen Gemüte quoll, und
ihre Wahrheitsliebe zogen unwiderstehlich an. Schiller fand es besonders
anmutig an ihr, dass sie im Umgang gar nicht an ihre Schriften erinnere.
So sehr sie sich in Sinnes- und Empfindungsart unserer deutschen Natur
näherte, so gab es doch in der Theorie genug Stoff zu Diskussionen, und
auf ihre ewigen Fragen bei jedem Dichtungswerke: quel en est le but? stand
selten eine Antwort in unserm Kunstkatechismus. Die herzlichsten Tränen,
die sie mit uns um Schillers Verlust vergoss, als sie nach seinem Tode
wieder nach Weimar zurückkam, erhielten uns ihr Andenken immer wert.
Benjamin Constant zeigte große Achtung vor Schillers
Werken und seiner ganzen Sinnesart, und beide fanden Stoff zu vielen
interessanten Gesprächen.
Schon bei der Beendigung des Wilhelm Tell trug
Schiller den Demetrius im Sinn; er sprach oft darüber und entwarf den Plan
des Stückes und einzelne Szenen. Die Übersetzung der Phädra unterhielt ihn
in Stunden, wo er sich zu eigenen Dichtungen nicht heiter genug fühlte.
Wie rein er seine Dichtungssphäre von jeder äußern Beziehung erhielt,
zeigt folgender kleine Zug. Die Verbindung unserer fürstlichen Familie mit
dem russischen Kaiserhause war natürlich oft der Gegenstand unserer
Gespräche. „Ich hätte eine sehr passende Gelegenheit,“ sagte er eines
Abends, „in der Person des jungen Romanow, der eine edle Rolle im
Demetrius spielt, der Kaiserfamilie viel Schönes zu sagen.“ Am folgenden
Tage sagte er: „Nein, ich tue es nicht; die Dichtung muss ganz rein
blieben.“
Auf einer Reise nach Berlin, im Frühling 1804 [26.
April bis 21. Mai], dem vorletzten Jahre seines Lebens, hatte Schiller den
reinsten und höchsten Genuss seines Talents in der begeisterten
Anerkennung, die demselben zu teil ward. Allgemeine Bewunderung rührte ihn
weniger als die herzliche Teilnahme vieler der vorzüglichsten Menschen.
Iffland, der seine Reise veranlasst, empfing ihn mit alter, warmer
Freundschaft; er hatte alles vorbereitet, um den dramatischen Genuss zum
höchsten zu steigern und der Darstellung der Schöpfungen seines Freundes
die möglichste Vollkommenheit zu geben. Fleck, dieser, wie alle
Einsichtigen sagen, für die Rolle Wallensteins ganz geeignete
Schauspieler, der, von der Natur zum Mimen bestimmt, den höchsten Gipfel
der Kunst in ihr erreichte, war damals schon der Welt entrissen.
Ifflands Spiel im Wallenstein befriedigte Schillern
in mehr als einer Hinsicht, besonders in den weichen, ahnungsvollen
Stellen. In einer jungen, anstrebenden Militärwelt regte sich eine edle
Begeisterung. Das hohe Königspaar zeigte warmen Anteil. Die liebenswürdige
Königin, in deren hohem und zartem Herzen alles Schöne und Edle den
vollsten Anklang fand, sprach Schillern und ließ ahnen, dass sie es gern
sehen würde, wenn er sich an Berlin fesseln ließe. Sehr merkwürdig war ihm
die Bekanntschaft des hoch gesinnten, genialen Prinzen Ludwig Ferdinand,
der als das erste große Opfer der Befreiung Deutschlands fiel.
Eine große mannigfaltige Weltanschauung drängte sich
ihm auf; das Bedeutende aus allen Zirkeln kam ihm mit Anteil und
Wohlwollen entgegen. Mit seinem gewohnten stillen Sinne nahm er alles
dieses auf; aber ihm ward dadurch ein lebendiges Gefühl seiner schaffenden
Kraft. Dass ihm dieses wurde, so kurz vor dem Scheiden vom Leben, war
seinen Freunden immer tröstend. O, man soll nicht säumen, dem Genius die
schnell welkenden Blüten des Genusses lebendiger Teilnahme darzubringen!
Jeder Besonnene weiß, was er ist, aber er fühlt und genießt es nur in
andern; und dieser Genuss ist der schönste Lohn dem Dichter, der, um der
Welt Freude zu schaffen, im stillen gar manches Opfer bringt.
Das Anschauen eines großen Ganzen regte Schillern in
Berlin lebhaft an. Die Spuren eines mächtig schaffenden Geistes, den er
sich einst als den Gegenstand einer Epopöe gedacht, rührten ihn; und die
Bildungsstufe, auf die derselbe sein Volk gehoben, in Kunst, Wissenschaft
und politischer Größe, erkannte und betrachtete er als sein schönstes
Monument. Der Geist eines großen hochgestellten Mannes wirkt über alle
Erdenschranken hinaus, und in immer neu sprossenden Blüten zeigt er sich
fort und fort lebendig. Ist sein Werk zu einem gewissen Punkte gediehen,
dann wirft es alles Kleinliche, Einengende, was die Zeit ansetzt, leicht
wieder ab und glänzt in heiterem Lichte durch alle umhüllenden Wolken.
Der Geheimrat von Beyme, Iffland und alle
Wissenschaft und Kunst Liebenden wünschten Schiller für Preußen zu
gewinnen; der Staatsrat von Hufeland und Fichte, als nähere Freunde,
interessierten sich warm dafür; der König selbst zeigte, wie sehr er den
Wert des vaterländischen Dichters anerkenne, und so ergingen ehrenvolle
Anträge an Schiller. Dieser wusste die Gesinnung zu schätzen, aus der sie
hervorgingen, ihren Wert, die Vorteile, die sie verhießen; er war sehr
gerührt; aber eine gewisse, mit seiner schwachen Gesundheit verbundene
Ängstlichkeit, da auch meiner Schwester Befinden während ihrer
Schwangerschaft mit der jüngsten Tochter den Lebensmut trübte, machte ihm
ein Eintreten in neue Verhältnisse bedenklich. Er wollte den Fürsten
Primas zuvor sprechen, dessen Gesinnung und treuen Anteil er nicht durch
einen solchen Schritt beleidigen mochte. Kaum von Berlin zurückgekehrt,
gedachte er nach Aschaffenburg zu reisen; denn das Gefühl, dass er eine
sichere Existenz bei vermehrter Familie haben müsse, war mächtig in ihm.
Der edle Dalberg, der die Zerstörung deutscher Verhältnisse immer klarer
einsah und der alle großmütige Unterstützung, die er Schillern seit dem
Antritt seiner Regierung angedeihen ließ, nur als eine Gabe des
Augenblicks betrachtete, wie seine eigene Existenz ihm sehr prekär
erschien, äußerte, dass er keinem Freunde raten könne, sein Glück an sein
schwankendes Schiff anzuschließen. Die Reise verschob sich und unterblieb
endlich.
Dem Herzog von Weimar war Schiller höchst dankbar
für viele Beweise des Wohlwollens, die er schon von ihm empfangen. Dass er
in Weimar, nach dem Maßstabe der dortigen Verhältnisse, keine höheren
Ansprüche machen dürfe, glaubte er bescheiden. Von dem klaren
Weltverstande des Herzogs, der die individuelle Notwendigkeit in jeder
Lage ermaß, durfte er voraussetzen, dass er das Verlassen seines Dienstes
unter solchen Umständen nicht übel deuten, und von seiner wohlwollenden
Gesinnung konnte er erwarten, dass er ihm eine so wesentliche Verbesserung
der Existenz gern gönnen werde. Aber der Herzog ließ sich hier von dem
echten Fürstengefühl leiten, dem edlen Stolze, ein so ausgezeichnetes
Talent sich in seiner Nähe zu erhalten. Aus eigener Bewegung tat er, was
möglich war, um Schiller eine sorgenfreie Zukunft zu versichern. Liebe und
Gewohnheit der bekannten Verhältnisse und seine große Bescheidenheit in
allen Ansprüchen an äußeres Glück entschieden ihn, zu bleiben.
Die Ahnung eines kurzen Lebens verließ Schiller nie
und leitete ihn auch vielleicht hier; sonst vereinigte die Aussicht in
Berlin alles, was er für sein reiferes Alter wünschen konnte. Ein Platz in
der Akademie war ihm zugedacht, wo er seinen früheren Plan, einen
deutschen Plutarch zu schreiben, auf das schönste hätte ausführen können.
Immer dachte er sich eine Epoche, wo er aufhören wollte, im Felde der
dramatischen Dichtung zu schaffen, die, nach seinem Sinne, nur in der
vollen Jugendenergie des Geistes gelingen könnte.
Die Niederkunft meiner Schwester zog ihn nach Jena,
da sie für Stärke ein ausschließendes Vertrauen hegte. Bei einer
Spazierfahrt durch das freundliche Dornburger Tal hatte er, für die kühlen
Abendstunden zu leicht gekleidet, sich erkältet; die heftigsten Schmerzen
im Unterleib quälten ihn mehrere Tage. Sein ganzer Zustand nach diesen
wirklich unsäglichen Leiden wurde bedenklicher. Ob er gleich nach diesem
Anfall sich erholt zu haben schien und heiter war, so scheint doch eine
große Schwäche davon zurückgeblieben zu sein. Während er in dem obern
Zimmer so bitter litt und sich ängstlich mit dem Gedanken an die
Niederkunft seiner Frau beschäftigte, erfolgte diese leicht und glücklich,
und wir konnten ihm die neugeborene Tochter bringen, die er mit der
lebhaftesten Freude empfing.
Den alten treuen Jenaischen Freunden hatte sich auch
Voß beigesellt und Graf Geßler. Der Umgang dieser vorzüglichen Menschen
und die glücklich überstandene Niederkunft der Gattin machten Schiller
wieder sehr heiter, und des überstandenen Übels ward nicht mehr gedacht.
Kaum war er nach Weimar zurückgekehrt, so machte ihm
Goethe den Antrag, ein Gedicht zu fertigen, um damit die junge
Erbprinzessin, Großfürstin von Russland, im Theater zu empfangen. Er
lehnte anfangs diesen Antrag ab, da er sich unwohl fühlte und weil ihm
diese Dichtungsart bis jetzt ziemlich fremd geblieben war. Aber Goethes
freundliches Dringen, das liebenswürdige Bild der jungen Fürstin, das er
aus den Beschreibungen derer, die ihr nahe standen, aufgefasst, und das
Rührende der ganzen Situation, erzeugten bald eine der schönsten
Schöpfungen dieser Art, in der Huldigung der Künste. Der reine, würdige
Herzenston, der aus dieser Dichtung spricht, ergriff das jugendliche
Gemüt, dem sie geweiht war.
Es ist wohl die schönste Frucht eines Dichterwerkes,
wenn der Geist desselben in das Leben übergeht. Dies erkannte ich mit
Rührung und Freude in einem Worte, das jene edle Frau nach Jahren, als
regierende Großherzogin, an mich richtete. Da ich mit Wohlgefallen ihrer
Zustimmung erwähnte zu Einschränkungen, die der Großherzog nötig befunden,
da sie doch des Großen von Kindheit an gewohnt gewesen sei, sprach sie:
Sie gedenke oft der Zeilen Schillers (in der ihr gewidmeten Huldigung der
Künste):
Wisset, ein erhabner Sinn
Legt das Große in das Leben,
Und er sucht es nicht darin.
Schillers physische Kräfte hatten seit dem
Krankheitsanfall in Jena sichtlich abgenommen; seine Gesichtsfarbe war
verändert und fiel ins Graue, so dass sie mich oft erschreckte; aber sein
geistiges Leben blieb gleich stark und rege. Wer mag sich der Ahnung des
Schrecklichsten hingeben? Die Hoffnung erhält sich bis zum äußersten in
irgend einem Winkel unsers Herzens und pflegt dort ihr zartes Reis, das
bei jedem milden Hauche neue Augen gewinnt. So war es mit uns. Schiller
selbst schien auf alles zu denken, was seinen Zustand erleichtern und das
Leben erhalten könnte. Er glaubte, die Bewegung des Reitens dürfte ihm
zuträglich sein. Er hatte ein sicheres Pferd von einem Freund gekauft und
freute sich, es im Frühjahr zu besteigen. Schon früher hatte er auf unser
Bitten sich in Jena ein Pferd gehalten, es aber bald wieder verkauft. „Es
mache ihm kein Vergnügen,“ sagte er, „da er allein einen Genuss von dieser
Ausgabe habe und seine Familie ihn nicht teile.“
Eine große Sehnsucht nach mannigfacher
Weltanschauung auf Reisen wandelte ihn in den letzten Lebensjahren an. Wir
erfreuten uns an Planen und suchten den kürzesten Weg zum Meere, das er
sehr zu sehen wünschte; aber es blieb bei diesen, und die Gewohnheit des
stillen, ernsten Daseins, die Freude des Ausarbeitens seiner Dichtungen
gewann in den nächsten Tagen wieder die Oberhand. Im letzten Frühling
seines Lebens fühlte er ein oft wiederkehrendes Verlangen, die Schweiz zu
sehen und die Heimat Tells mit seiner Schilderung zu vergleichen. Dahin
waren nun unsere Pläne gerichtet; er hörte sie an; aber mehrmals sagte er:
„Alle Projekte, die ihr für mich macht, lasst nur nicht über zwei Jahre
sich hinaus erstrecken.“ Ach, hätte er wenigstens dieses gehoffte Ziel
erreicht!
Auch Bauerbach wieder zu sehen, wo er die ersten
Tage der Freiheit verlebt, wünschte er in den letzten Jahren. Das kleine
grüne Tal in der Waldumgebung lag ihm freundlich vor der Phantasie. Die
Sorge, ihn dort bei einem Krankheitsanfall nicht gehörig verpflegt zu
wissen, und andere kleine Äußerlichkeiten hinderten die Ausführung des
Planes. Wie lasten alle kleinen unbefriedigten Wünsche der Hingeschiedenen
auf dem Herzen der Trauernden! Jede Freude, die sei dem Geliebten nicht
zuwenden konnten, schärft den herben Schmerz!
Unser innerliches Leben war im letzten Winter sehr
reich. Eine unaussprechliche Milde durchdrang Schillers ganzes Wesen und
gab sich kund in all seinem Urteilen und Empfinden; es war ein wahrer
Gottesfrieden in ihm. Ich las damals den Livius, und die römische
Geschichte war oft der Gegenstand unserer Gespräche. So bemerkte er einst:
„Da der Glanz und die Hoheit des Lebens, die nur in der Freiheit der
Menschen erblühen könnten, mit der römischen Republik untergegangen sei,
habe notwendig etwas Neues entstehen müssen; das Christentum habe die
Geistigkeit des Daseins erhöht und der Menschheit ein neues Gepräge
aufgedrückt, indem es der Seele eine höhere Aussicht eröffnet.“
Über Herders Ideen zur Geschichte der Menschheit
waren wir früher oft in Zwiespalt. Er achtete das Buch, aber meinen
lebendigen Sinn dafür erkannte er nicht ganz. „Ich weiß nicht, wie es mir
ist,“ sagte er mir, als der letzte Frühling für ihn begann, „dies Buch
spricht mich jetzt auf eine ganz neue Weise an und wird mir sehr lieb.“
Noch erinnere ich mich eines Gesprächs über den Tod, welches Schiller mit
den schönen Worten schloss: „Der Tod kann kein Übel sein, da er etwas
Allgemeines ist.“
Den Unterricht der Söhne und ihre Fortschritte
beobachtete er genau und machte nach eines jeden Eigentümlichkeit Pläne
für ihre künftige Existenz. Auf meinem letzten Spaziergang mit ihm im Park
sagte er: „Wenn ich nur noch so viel für die Kinder zurücklegen kann, dass
sie vor Abhängigkeit geschützt sind, denn der Gedanke an eine solche ist
mir unerträglich!“
Wenige Wochen vor der letzten Krankheit hörte er die
Mlle. Schmalz bei mir singen; ihr seelenvoller Gesang rührte ihn sehr; sie
sang die schöne Arie Zingarellis aus Romeo und Julie: Ombra adorata
aspetta; und Schiller sagte mir: nie habe ihn ein Gesang auf diese Weise
ergriffen. Es schien, als habe die herannahende Auflösung alle Organe
seines Geistes und Gefühls geschärft.
Als ich das letzte Mal mit ihm ins Theater fuhr (es
wurde ein Schrödersches Stück gegeben), äußerte er: Sein Zustand sei ganz
seltsam; in der linken Seite, wo er seit langen Jahren immer Schmerz
gefühlt, fühle er nun gar nichts mehr. Man fand bei der Sektion den linken
Lungenflügel total zerstört.
Am ersten Mai kündigte sich die letzte Krankheit
Schillers als ein Katarrhfieber an, wie wir solche bei ihm gewohnt waren.
Er selbst schien sich auch nicht bedenklich krank zu fühlen, als bei
ähnlichen Anfällen. Er empfing einige Freunde auf seinem Zimmer und schien
sich gern durch sie unterhalten zu lassen. Herrn von Cottas Besuch, der
auf der Durchreise nach Leipzig über Weimar kam, erfreute ihn; alle
Geschäfte sollten bei seiner Rückkunft gemacht werden.
Da das Sprechen seinen Husten vermehrte, suchten wir
ihn ruhig zu halten; auch sah er es am liebsten, wenn meine Schwester und
ich allein um ihn waren. Der gute Heinrich Voß erbot sich zu Nachtwachen;
doch blieb Schiller lieber allein mit seinem treuen Diener.
Der Demetrius beschäftigte ihn immerwährend, und die
Unterbrechung dieser Arbeit beklagte er sehr. Sein Arzt hatte ihn noch in
keiner ähnlichen Krankheit behandelt. Starke hate immer die Kur geleitet,
und dieser war mit der Großfürstin in Leipzig. Er suchte unsere
Ängstlichkeit deshalb zu stillen und sagte uns, dass alle Rezepte
vollkommen passend seien, dass er ganz nach Starkens Methode behandelt
werde.
Bis zum sechsten Tage war sein Kopf ganz frei; er
selbst schien nicht an nahe Gefahr zu glauben und äußerte sogar, er habe
in diesen Tagen viel über seine Krankheit gedacht und glaube nun eine
Methode gefunden zu haben, die seinen Zustand verbessern müsse. An
Anstalten für die Zukunft der Seinen, wenn er nicht mehr wäre, dachte er
gar nicht. Mein Mann war mit der Großfürstin in Leipzig; Schiller sehnte
sich sehr nach seiner Zurückkunft; vielleicht hegte er den Wunsch, sich
gegen diesen über manches auszusprechen.
Am Sechsten abends fing er an, oft abgebrochen zu
sprechen, doch nie besinnungslos. Sein Blick auf die Gegenwart blieb klar.
Alles Heterogene musste entfernt werden. Zufällig hatte sich ein Blatt des
Freimütigen in sein Zimmer verirrt. „Tut es doch gleich hinaus,“ sagte er,
„dass ich mit Wahrheit sagen kann, ich habe es nie gesehen. Gebt mir
Märchen und Rittergeschichten; da liegt doch der Stoff zu allem Schönen
und Großen.“ Die Contes de Tressan hatte er immer geliebt; doch konnte er
ein anhaltendes Vorlesen nicht ertragen.
Als ich am Abend des Siebenten zu ihm kam, wollte
er, wie gewöhnlich, ein Gespräch anknüpfen über Stoffe zu Tragödien, über
die Art, wie man die höheren Kräfte in Menschen erregen müsse. Ich
antwortete nicht mit meiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit, weil ich ihn ruhig
halten wollte. Er fühlte es und sagte: „Nun, wenn mich niemand mehr
versteht und ich mich selbst nicht mehr verstehe, so will ich lieber
schweigen.“ Er schlummerte bald darauf ein, sprach aber viel im Schlaf.
„Ist das eure Hölle, ist das euer Himmel?“, reifer vor dem Erwachen; dann
sah er sanft lächelnd in die Höhe, als begrüßte ihn eine tröstende
Erscheinung. Er aß etwas Suppe, und als ich Abschied nahm, sagte er zu
mir: „Ich denke diese Nacht gut zu schlafen, wenn es Gottes Wille ist.“
Den Morgen des Achten hatte er leidlich zugebracht,
still und oft schlummernd. Als ich gegen Abend kam, vor sein Bett trat und
fragte, wie es ihm gehe, drückte er mir die Hand und sagte: „Immer besser,
immer heitrer.“ Ich fühlte, dass er dies ganz in Bezug auf seinen innern
Zustand sagte. Es waren die letzten an mich gerichteten Worte, die ich von
den teuren Lippen vernahm. Er verlangte, man solle den Vorhang öffnen, er
wolle die Sonne sehen. Mit heiterem Blick schaute er in den schönen
Abendstrahl, und die Natur empfing seinen Scheidegruß. Seine Kinder
verlangte er selten zu sehen. Die jüngste Tochter, die man ihm noch am
Achten morgens gebracht, hatte er mit Freude und Wohlgefallen betrachtet.
Sein treuer Diener, der die Nächte bei ihm zubrachte, sagte, dass er viel
gesprochen, meist vom Demetrius, aus dem er Szenen rezitiert. Einige Mal
habe er Gott angerufen, ihn vor einem langsamen Hinsterben zu bewahren.
Der Ewige erhörte seine Bitte. Am Neunten früh trat Besinnungslosigkeit
ein; er sprach nur unzusammenhängende Worte, meistens Latein.
Ein ihm verordnetes Bad schien er ungern zu nehmen;
doch war er in allem, was zu seiner Wartung geschehen musste, ergeben und
geduldig. Der Arzt hatte nötig gefunden, dass er ein Glas Champagner
trinke, um die mehr und mehr sinkenden Kräfte zu heben. Es war sein
letzter Trunk. Seine Brustbeklemmungen schienen nicht sehr schmerzlich.
Wenn er, davon ergriffen, auf sein Kissen zurückfiel, sah er sich um,
schien uns aber nicht zu kennen.
Das ist wohl der zerreißendste Schmerz für ein
Menschenherz, die schöne Harmonie des Geistes zerstört, das zarte Band,
das auf Erden an die Geliebten bindet, zerrissen zu sehen, die Augen, aus
denen beseelende Liebe leuchtete, mit starrem, irrem Blick auf uns
geheftet zu erblicken! Aber es ist ein Schmerz, der den Geist aus den
Banden der Erde löst und ihn das Ewige zu umfassen drängt.
Gegen drei Uhr trat vollkommene Schwäche ein; der
Atem fing an zu stocken. Meine Schwester kniete an seinem Bette, sie
sagte, „dass er ihr noch die Hand gedrückt“. Ich stand mit dem Arzte am
Fuße des Lagers und legte gewärmte Kissen auf die erkaltenden Füße. Es
fuhr wie ein elektrischer Schlag über seine Züge; dann sank sein Haupt
zurück, und die vollkommenste Ruhe verklärte sein Antlitz; seine Züge
waren die eines sanft Schlafenden.
Mein Arzt und Freund, der Doktor Herder, der
Schillern innig liebte, sagte mir nach der Sektion, der er beigewohnt,
„dass, wenn er auch von diesem Fieber hätte genesen können, er doch, nach
dem Zustand der Lunge, nicht länger als ein halbes Jahr gelebt und schwere
Beängstigungen erduldet haben würde.“
Den Monolog der Marfa im Demetrius fand mein Mann
auf Schillers Schreibtisch: Es waren wahrscheinlich die letzten Zeilen,
die er geschrieben.
Die Trauer war in Weimar allgemein, und Beweise der
herzlichsten Teilnahme strömten uns von allen Seiten zu. Es war ein
Theaterabend; kein Schauspieler wollte spielen, und in dem reinsten Gefühl
eines solchen Verlustes setzte Mlle. Jagemann es durch, dass das Theater
geschlossen blieb.
Das Leichenbegängnis war dem Range des Verstorbenen
gemäß angeordnet; aber zwölf junge Männer höheren Standes nahmen die
Leiche den gewöhnlichen Trägern ab, und von liebenden Freundesarmen wurde
sie zur Ruhe getragen. Es war eine schöne Mainacht. Nie habe ich einen so
anhaltenden und volltönenden Gesang der Nachtigallen gehört, als in ihr.
Mein Mann war auf die Unglücksnachricht, die ihn in
Naumburg traf, herbeigeeilt; er kam noch an, um sich dem Trauerzuge auf
dem Kirchhof anzuschließen.
Unzählig waren die Beweise der tätigsten Teilnahme,
die aus allen Gegenden Deutschlands meiner Schwester zukamen. Es herrschte
ein wahrer Enthusiasmus für die Feier dieses Toten, dessen großer Schatten
über dem Vaterlande zu schweben schien. Nun sah man klar, wie sehr er der
Liebling der Nation gewesen, für die er gelebt und gedichtet. – Es ist
schön und tröstend, wenn dem Vertrauen, das man in ein Volk setzt, eine so
volltönende Antwort wird. Man erkennt darin die Bildungsstufe, auf der es
steht.
Im näheren Kreise kam meiner Schwester der wärmste
Anteil entgegen, ein lebhaftes Bestreben, ihre Sorge für die vaterlosen
Kinder zu beschwichtigen. Die Großfürstin versicherte ihr in den ersten
Tagen des Schmerzens, dass sie für die Erziehung der Söhne sorgen werde;
und das geschah auf die großmütigste Weise. Dalberg, als Fürst Primas,
zeigte die tätigste Teilnahme in einem reichlichen Jahrgehalt. Von Cotta
bewährte sich als der treue Freund Schillers auch in dem Verhältnis zu
seiner Familie; durch die großsinnige Art, mit der er diese behandelte und
zu behandeln fortfährt, wurde der fromme Wunsch des Vaters, die Seinen in
Wohlstand versetzt zu sehen, erfüllt.
Ü
Þ
1)
Prinz Friedrich Eugen von Württemberg, preußischer General.
2) v. Wolzogen, ein
jüngerer Bruder Wilhelms, starb als preußischer Oberst und Chef des
Generalstabs des 7. Armeekorps in Münster.
3) So nannte man im
engern Familienkreis Karoline von Wolzogen.
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