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Elfter Abschnitt
Letzte Lebensjahre und Tod.

Eine Masse produktiven Lebens macht die letzten Jahre unseres Freundes zu den reichsten. Körner sagt: „Nachdem Schiller einmal durch den Wallenstein die Meisterschaft errungen hatte, folgten seine übrigen dramatischen Werke schnell aufeinander, obgleich seine Tätigkeit oft durch körperliche Leiden und besonders im Jahre 1799 durch Sorge für seine geliebte Gattin, bei ihrer damaligen gefährlichen Krankheit, unterbrochen wurde. Wallenstein erschien 1799; Maria Stuart 1800; die Jungfrau von Orleans 1801; die Braut von Messina 1803 und Wilhelm Tell 1804. Alle diese Werke ließen ihm noch Zeit übrig, Shakespeares Macbeth und Gozzis Turandot für das deutsche Theater zu bearbeiten. Später wurden noch Racines Phädra und zwei französische Lustspiele von ihm übersetzt. In den Zwischenzeiten beschäftigten ihn mehrere dramatische Plane, wovon sich ein Teil unter seinen Papieren aufgefunden hat.“

Seine Ansichten der Kunst und Kritik in dieser letzten Periode seines Lebens ergeben sich aus folgenden Fragmenten seiner damaligen Briefe:

„Sie müssen sich nicht wundern, wenn ich mir die Wissenschaft und die Kunst jetzt in einer größern Entfernung und Entgegensetzung denke, als ich vor einigen Jahren vielleicht geneigt gewesen bin. Meine ganze Tätigkeit hat sich gerade jetzt der Ausübung zugewendet; ich erfahre täglich, wie wenig der Poet durch allgemeine reine Begriffe bei der Ausübung gefördert wird, und wäre in dieser Stimmung zuweilen unphilosophisch genug, alles, was ich selbst und andere von der Elementar-Ästhetik wissen, für einen einzigen empirischen Vorteil, für einen Kunstgriff des Handwerks hinzugeben. In Rücksicht auf das Hervorbringen werden sie mir zwar selbst die Unzulänglichkeit der Theorie einräumen; aber ich dehne meinen Unglauben auch auf das Beurteilen aus und möchte behaupten, dass es kein Gefäß gibt, die Werke der Einbildungskraft zu fassen, als eben diese Einbildungskraft selbst.“ –

„Wenn man die Kunst, sowie die Philosophie, als etwas, das immer wird und nie ist, also nur dynamisch, und nicht, wie sie es jetzt nennen, atomistisch betrachtet, so kann man gegen jedes Produkt gerecht sein, ohne dadurch eingeschränkt zu werden. Es ist aber im Charakter der Deutschen, dass ihnen alles gleich ist wird und dass sie die unendliche Kunst, sowie sie es bei der Reformation mit der Theologie gemacht, gleich in ein Symbolum hineinbannen müssen. Deswegen gereichen ihnen selbst treffliche Werke zum Verderben, weil sie gleich für heilig und ewig erklärt werden und der strebende Künstler immer darauf zurückgewiesen wird. An diese Werke nicht religiös glauben, heißt Ketzerei, da doch die Kunst über allen Werken ist. Es gibt freilich in der Kunst ein Maximum, aber nicht in der modernen, die nur in einem ewigen Fortschritte ihr Heil finden kann.“ –

„Ich habe dieser Tage den rasenden Roland wieder gelesen, und kann Dir nicht genug sagen, wie anziehend und erquickend mir diese Lektüre war. Hier ist Leben und Bewegung und Farbe und Fülle; man wird aus sich heraus ins volle Leben, und doch wieder von da zurück in sich selbst hineingeführt; man schwimmt in einem reichen, unendlichen Elemente und wird seines ewigen identischen Ichs los und existiert eben deswegen mehr, weil man aus sich selbst gerissen wird. Und doch ist trotz aller Üppigkeit, Rastlosigkeit und Ungeduld Form und Plan in dem Gedicht, welches man mehr empfindet, als erkennt, und an der Stetigkeit und sich selbst erhaltenden Behaglichkeit und Fröhlichkeit des Zustandes wahrnimmt. Freilich darf man hier keine Tiefe suchen und keinen Ernst; aber wir brauchen wahrlich auch die Fläche so nötig, als die Tiefe, und für den Ernst sorgt die Vernunft und das Schicksal genug, dass die Phantasie sich nicht damit zu bemengen braucht.“ –

„Noch hoffe ich in meinem poetischen Streben keinen Rückschritt getan zu haben, einen Seitenschritt vielleicht, indem es mir begegnet sein kann, den materiellen Forderungen der Welt und der Zeit etwas eingeräumt zu haben. Die Werke des dramatischen Dichters werden schneller als alle andern von dem Zeitstrom ergriffen; er kommt selbst, wider Willen, mit der großen Masse in eine vielseitige Berührung, bei der man nicht immer rein bleibt. Anfangs gefällt es, den Herrscher zu machen über die Gemüter; aber welchem Herrscher begegnet es nicht, dass er auch wieder der Diener seiner Diener wird, um seine Herrschaft zu behaupten? Und so kann es vielleicht geschehen sein, dass ich, indem ich die deutschen Bühnen mit dem Geräusch meiner Stücke erfüllte, auch von den deutschen Bühnen etwas angenommen habe.“

Auch für eine Komödie hatte er einen Stoff gefunden, fühlte sich aber zu fremd für diese Gattung.

„Zwar glaube ich mich,“ schrieb er einem Freunde, „derjenigen Komödie, wo es mehr auf eine komische Zusammenfügung der Begebenheiten, als auf komische Charaktere und auf Humor ankommt, gewachsen; aber meine Natur ist doch zu ernst gestimmt, und was keine Tiefe hat, kann mich nicht lange anziehen.“

Am letzten Abend des Jahres 1802 las Schiller uns die Braut von Messina vor, wobei auch unsere gute Mutter zugegen war. Es war ein herrlicher Abend. Schiller war sehr heiter und versprach uns, jeden Silvesterabend mit einer neuen Tragödie zu feiern. In den ersten Monaten des Jahres 1803 erschien das Stück auf der Bühne. Goethe hatte die Rolle der Mutter der Madame Wolf gegeben; unter seiner Aufsicht studierte sie dieselbe ein, und in der vollkommen gelungenen Darstellung tat sich zuerst ihr großes Talent für die Tragödie kund. Schiller war sehr erfreut und gerührt, und in den letzten Szenen, als man den toten Prinzen getragen, sagte er zu uns. „Das ist nun doch wirklich ein Trauerspiel.“

Er schritt sofort zur Ausführung des Tell, freute sich des schönen Stoffes und sagte: „Wenn es nur mehr Stoffe wie Johanna und Tell in der Geschichte gäbe, so sollte es an Tragödien nicht fehlen.“ Die Zeiten der Ligue in der französischen Geschichte schienen ihm sehr reich an dramatischem Stoff; Heinrich IV. war einer seiner Lieblingscharaktere, und er meinte, man könne eine Folge von Stücken aufstellen, wie es Shakespeare in der englischen Geschichte getan. Unsere deutsche Geschichte, obgleich reich an großen Charakteren, liege zu sehr auseinander, und es sei schwer, sie in Hauptmomenten zu konzentrieren. Der Erzherzog Friedrich von Österreich, der Gegner und Freund Ludwigs von Bayern, schien ihm ein anziehender Charakter. Einige Mal gedachte er auch seines früheren Plans, einen zweiten Teil der Räuber zu geben. Man müsse eine tragische Familie erfinden, fiel ihm einmal ein, ähnlich der des Atreus und Laius, durch die sich eine Verkettung von Unglück fortzöge. Am Rhein, wo die Revolution so viele edle Geschlechter vom Gipfel des Glückes hinabgestürzt, und wo in schwankenden Verhältnissen der Doppelsinn des Lebens die ebene Bahn leicht verwirren könne, sei der passendste Platz für ein solches Gemälde des Menschengeschicks in seiner Allgemeinheit.

Wie gern teilte ich jeden Gedankenblitz, der, von Schiller ausgehend, unsern Abendgesprächen Licht und Leben gab, seinen sinnigen Verehrern mit!

Die Aufführung von Goethes Natürlicher Tochter setzte alles in die lebhafteste Bewegung, und mit Entzücken begrüßte man das Wiedererscheinen dieses Genius in der dramatischen Form, in der man ihn so lange nicht erblickt hatte. Goethe hatte Schiller mit dem Totaleindruck dieses Werkes auf der Bühne überraschen wollen; er kam sehr erfreut und bewegt nach Hause. Bei dem Einwurf eines Kritikers, dass die ersten Akte zu wenig Handlung enthielten, sagte er: „Ach, das alles braucht er gar nicht!“ Nur die Szene, wo Eugenie sich ängstlich um Putz und Schmuck bekümmert, schien ihm für den Charakter des hochsinnigen Mädchens nicht ganz wahr. Welcher Verlust ist es für die Welt, dass Goethe nicht gleich zur Ausarbeitung des zweiten Teils dieser herrlichen Dichtung schritt!

So erfreulich der Beifall vieler Höchstausgebildeten Schillern in Weimar auch war, so ließ sich doch in der großen Masse des Publikums eine gewisse Mattigkeit spüren, und die Sucht, lieber zu kritisieren als zu genießen, war vorherrschend. Die Blüte des Gefühls, das innige Ineinanderübergehen des Dichters und Zuschauers, war selten rein vernehmbar, wie es wohl auch nur in großen Massen sich aussprechen kann. Doch brachten die benachbarten Musensöhne von Jena oft einen erfrischenden Hauch jugendlichen Lebens und Anteils herüber.

Auf einer kleinen Reise nach Lauchstädt, wo die Weimarischen Schauspieler während der Kurzeit Vorstellungen gaben, erfreute Schiller der feurige Anteil der Hallischen Jugend. Einige Briefe, von diesem Orte aus an seine Frau geschrieben, schildern seinen dortigen Aufenthalt.

Lauchstädt, den 4. Juli 1803.

„Der Theaterbote geht heute nach W., und ich kann Dir, liebes Herz, einige Nachricht von mir geben. Meine Herreise ist recht glücklich gewesen, und ich kam nach 7 Uhr an. Der Ort hat einen recht schönen Eindruck auf mich gemacht; die Allee und alle Anlagen umher sind heiter; es ist für die Societät auf eine artige und anständige Weise gesorgt; auch fand ich’s sehr volkreich und dabei ganz zwanglos, so dass ich mich in der Masse der Menschen recht gern mit fortbewege. Ich hatte Mühe, ein Logis zu finden, und nur nach vielem Umherfragen fand man eines für mich aus, zwischen der Allee und dem Komödienhaus, das sehr hübsch gelegen ist, Parterre, an einem Garten, wo die andern Hausnachbarn mir völlig fremd sind und mich nicht genieren. Ich esse in dem großen Salon, der sehr schön und ziemlich so groß wie der Konzertsaal im Landschaftshause zu Weimar ist. Er war bisher immer mit 100 und 120 Gästen besetzt, wobei es sehr lustig hergeht. Es sind viele sächsische, auch einige preußische Offiziers hier und viele Damen, worunter es auch recht hübsche Gesichter gibt. Alle Abende wird nach dem Souper getanzt und den ganzen Tag gedudelt.

Der Prinz von Württemberg1) ist gestern um 4 Uhr angekommen, und seitdem er hier ist, waren wir immer beisammen; er ist gar artig und behaglich, und es scheint ihm zu gefallen, dass er sich in der Masse verlieren kann und gar nicht auf ihn reflektiert wird. Die Braut von Messina ist gestern gegeben worden, bei sehr vielen Zuschauern; aber es war eine drückende Gewitterluft, und ich habe mich weit hinweggewünscht. Dabei erlebte ich den eigenen Zufall, dass während der Komödie ein schweres Gewitter ausbrach, wobei die Donnerschläge und besonders der Regen so heftig schallte, dass eine Stunde lang man fast kein Wort der Schauspieler verstand und die Handlung nur aus der Pantomime erraten musste. Es war eine Angst unter den Schauspielern, und ich glaubte jeden Augenblick, dass man den Vorhang würde fallen lassen müssen. Wenn sehr heftige Blitze kamen, so flohen viele Frauenzimmer aus dem Haus heraus; es war eine ganz erstaunliche Störung. Dennoch wurde zu Ende gespielt, und unsere Schauspieler hielten sich noch ganz leidlich. Lustig und fürchterlich zugleich war der Effekt, wenn bei den gewaltsamen Verwünschungen des Himmels, welche die Isabelle im letzten Akt ausspricht, der Donner einfiel und gerade bei den Worten des Chors:

Wenn die Wolken getürmt den Himmel schwärzen,
Wenn dumpf tosend der Donner hallt,
Da, da fühlen sich alle Herzen
In des furchtbaren Schicksals Gewalt,

fiel der wirkliche Donner mit fürchterlichem Knallen ein, so dass Graff ex tempore eine Geste dabei machte, die das ganze Publikum ergriff.

Heute ist die Natürliche Tochter. Der Herzog von Württemberg bleibt noch hier und vielleicht auch morgen; es gefällt ihm sehr, auch dem dicken August2), der euch schönstens grüßen lässt.

Man hat mir gestern nach dem Ball noch in später Nacht eine Musik gebracht, wobei viele Studenten aus Halle und Leipzig waren, so dass ich noch nicht recht habe ausschlafen können; auch des Morgens haben sie mich mit Musik begrüßt.

Die Fremde aus Andros, welche gleich in den ersten Wochen hier gegeben worden, hat nichts getan, und es ist am Schluss sogar von einigen gepfiffen worden.

Aber mein Papier ist voll geschrieben, und ich muss schließen. Küsse die lieben Narren recht herzlich von mir und bleibe recht wohl; ich schreibe bald wieder. Der Frau3) tausend Grüße und auch Goethen, wenn Du ihn siehst. Lebe wohl, liebe Maus. Dein

S.“


Lauchstädt, den 6. Juli 1803.

„Es gefällt mir bis jetzt noch recht wohl hier, obgleich der gänzliche Müßiggang mir etwas Ungewohntes ist und ich den Verlust der schönen Zeit bedaure. Aber dennoch sollen diese Tage nicht ganz verloren für mich sein, weil ich mich heiter gestimmt und auch gesünder fühle und die Sehnsucht zum Arbeiten bei mir wächst. Gestern, als den Dienstag, ist der Herzog von Württemberg früh wieder abgereist; er war gar gut und gefällig und hat jedermanns Liebe sich erworben. Sein einfaches Wesen setzte uns alle à notre aise, und der August ist im letzten Tag so lustig und behaglich worden, dass ich ihn recht lieb gewonnen habe. Wir haben uns allerseits recht ungern voneinander getrennt.

Die Natürliche Tochter ist am Montag gut gegeben worden und hat, besonders die letzte Hälfte, viel Effekt gemacht, doch konnte sich das Publikum in die erstaunlichen longueurs, die den Gang des Stücks aufhalten, nicht recht finden, und ich werde Goethe sehr anliegen, es merklich zu verkürzen. Die Ansicht eines neuen Publikums gibt mir viel neue Blicke über das theatralische Wesen, und ich bin ziemlich gewiss, dass ich künftig viel bestimmter und zweckmäßiger für das Theater schreiben werde, ohne der Poesie das Geringste zu vergeben.

Gestern (Dienstags) war kein Theater; die Jagemanns und ihre Gesellschafter sind auf einen Besuch nach Giebichenstein zu Reichardt, und ich habe hier den Tag recht mit Nichtstun zugebracht. Ich blieb von Mittagszeit an bis abends immer in der Gesellschaft, die sich in der Allee und in den kleinen Pavillons herumtreibt; aber eine Anzahl junger Berliner, die hier sind, hat doch recht unterhaltende Gespräche veranlasst.

Am Montag waren Niemeyers hier und haben mir keine Ruhe gelassen, sie diese Woche in Halle zu besuchen; wahrscheinlich fahre ich Freitags hin. Professor Wolf ist nach Pyrmont gereist; aber an dem Geheimen Rat Schmalz, der Direktor der Universität, doch noch ein junger Mann von etwa vierzig Jahren ist, habe ich eine sehr interessante Bekanntschaft gemacht, und die erste Stunde hat uns einander sehr nahe gebracht. Er ist ein trefflicher philosophischer Kopf unter den Juristen und der jovialste, rüstigste Geschäftsmann.

Die Mara wird diese Woche in Halle singen, und ich hoffe, sie entweder dort, oder hier zu hören; denn man hat eine Subskription in Lauchstädt eröffnet, und sie wird eingeladen werden. Mich hat die Badegesellschaft beschickt, um ihnen das Komödienhaus dazu zu erlauben, weil die Wöchner diese Erlaubnis nicht für sich erteilen wollten. Und so habe ich denn hier schon eine gewisse Autorität ausgeübt.

Oft, liebes Herz, habe ich Deiner und der lieben Kinder gedacht und sehen mich, von Dir zu hören.

Lebe wohl mit den lieben Kindern; herzlich umarme ich euch alle. Die Jagemann wird diesen Brief mitnehmen; sie geht auf einige Zeit nach W., will aber wieder hieherkommen. Dass sie die Natürliche Tochter spielte, habe ich negoziiert; denn sie hatte eine Heiserkeit, dass sie gar nicht mehr auftreten wollte, und man war beim Theater dieses schon angesagten Stücks wegen sehr verlegen. Weil sie aber vielen Beifall gefunden, so dankt sie mir’s jetzt selbst und ist sehr zufrieden.

Lebe tausendmal wohl, liebes Herz. Die Frau grüße schön von mir.

S.“


Lauchstädt, den 8. Juli 1803.

„Dank Dir, liebe Maus, für die guten Nachricht, die Du mir gestern von Dir und den lieben Kindern gegeben. Ich schreibe Dir sogleich mit der Hallischen Post, dass Du Dich wegen meiner Abwesenheit nicht beunruhigest. Zwölf oder vierzehn Tage hier zu bleiben, war mein längstes Ziel gleich am Anfang, und dabei beharre ich auch. Du kannst mich also ganz gewiss gegen Ausgang der nächsten Woche wieder erwarten. Wenn ich von meinen Lieben getrennt sein soll, so muss wenigstens ein bedeutender Zweck dabei sein; aber dieser ist hier nicht, und ich würde auch einen längeren Müßiggang nicht ertragen. – Bis jetzt reut mich indes mein Hiersein gar nicht .Ich habe mehr Vertrauen zu meiner Gesundheit bekommen und mich unter einer Masse fremder, gemischter Gesellschaft leicht und heiter gefühlt. Über das Theater selbst habe ich bei den wenigen Vorstellungen etwas gelernt und für die Zukunft gewonnen.

In einer Stunde fahre ich nach Halle, wohin ich einige männliche Gesellschafter mitnehme, um die weiblichen, welche man laut beiliegendem Briefe gewünscht hatte, zu vermeiden. Ich fahre heut Abend wieder zurück und werde diesen Brief an Dich zu Halle auf die Post geben lassen.

Bleibe wohl, liebstes Herz, mit den guten Kindern; Karl danke ich für seinen Brief recht schön, und die Frau grüße aufs beste. Lebe wohl. Dein

S.“


Lauchstädt, den 9. Juli 1803.

„Deinen Brief und der Kinder ihren erhielt ich am 11. Juli heute Mittag an der Table d’hote und freute mich sehr des unerwarteten Andenkens von meinen Lieben. Gestern Abend um halb elf kam ich von Halle zurück, wo ich mich außer Niemeyers Pädagogium, welches eine kleine Stadt ist, nicht sehr viel umgesehen, weil ich mich etwas angegriffen fühlte und die Bewegung scheute. Sie haben mich sehr geehrt und tüchtig aufgeschlüsselt. Ich genieße aber überhaupt hier wenig, weil ich mich so am besten vor den Krämpfen schütze. Halle gefällt mir nicht, und in der Gesellschaft hörte ich nichts als Anekdoten erzählen.

Hier verfällt man auf allerlei Unterhaltungen. Vor einigen Tagen machten zwei Trupp preußischer und sächsischer Offiziere, welche in zahlreicher Menge hier sind, ein Manöver gegeneinander auf dem Wege nach Merseburg, alles zu Pferd. Ich ritt auch mit; auch kamen viele kutschen von Zuschauern; es gab malerische Gruppen und Bewegungen, und weil heftig geschossen und geritten wurde, so hatte es ein ordentlich kriegerisches Ansehen. Mittags fanden sich die Kämpfer und Zuschauer bei der Tafel zusammen, wo es dann sehr über den Champagner herging, der hier mit sündlicher Verschwendung getrunken wird.

Auf den Montag ist die Jungfrau von Orleans. Schon morgen kommen viele Hallensische Besuche, die dann bis Montag bleiben; es wird ziemlich lebhaft werden. Donnerstag oder Freitag denke ich wegzureisen. Ich befinde mich übrigens wohl und heiter; die guten Nachrichten von euch sind mir sehr erfreulich.

Lebe wohl, liebes Herz, und küsse die lieben Kinder und grüße die Frau und die Stein herzlich. Hier einiges für die Kleinen und den Adolf, was der Bote mitnehmen mochte.

Dein S.“


Herders Tod riss die erste Lücke in den schönen Kranz der vorzüglichsten Geister, die ein günstiges Geschick in Weimar versammelt hatte. Obgleich er und Schiller sich selten sahen und ein vertrauter Umgang beider nicht wohl möglich war, so fühlte Schiller dieses doch oft als ein Entbehrung, und mehrere Entwürfe zur Annäherung entstanden, bleiben aber unausgeführt. Herder hatte die Eigenheit, sich den Anschein zu geben, als bekümmere er sich um die Produkte der neuern Poesie gar nicht. Bei einer offenen Äußerung des Missfallens wäre eher eine Annäherung in Diskussion möglich gewesen. In diesem feindselig scheinenden Schweigen konnte man sich nicht zusammen finden. Die streitigen Punkte, die die heitere Unterhaltung bedrohten, nahmen zu; und wie wir uns im Lebensgange von einer gewissen Lässigkeit leiten lassen, die kleinen Unannehmlichkeiten ausweicht, bis sie uns endlich als hemmende Netze umstricken, so ging es auch hier. Innige Achtung und Zuneigung konnten indes unter zwei solchen Menschen nicht fehlen, und Schiller fühlte Verlust tief und schmerzlich.

Im Februar des Jahres 1804 ward der Tell zum ersten Mal gegeben. Die Anwesenheit der Frau von Staël veranlasste eine große Bewegung in der Gesellschaft, und das Übermaß ihrer französischen Lebhaftigkeit war der ruhigen und gemütvollen Aufnahme des Geistigen auf unserer deutschen Seite oft drückend. Aber ihr Geist und ihr liebenswürdiges Wesen ließ uns das Fremdartige in ihrer Erscheinung gern ertragen. Das immer rege Bedürfnis, ihre Vorstellungen an unserer deutschen Ideenwelt zu bereichern und diese in sich aufzunehmen, ihr schöner Verstand machte sie Schillern höchst interessant, und er unterwarf sich den Fesseln einer fremden, ihm nicht geläufigen Sprache, um sich mit ihr zu unterhalten. „Sie hat einen wahren Ideenhunger,“ sagte er. Welchen tiefen, wahren Blick sie in den innern Gehalt seines Wesens getan, zeigt ihr Urteil über ihn. Die Offenheit, mit der sie uns das französische Bedürfnis einer lebendigeren Anerkennung aussprach, nachdem Schiller und eine kleine Gesellschaft bei einer von ihr deklamierten Szene der Phädra so kalt geblieben, dass es ise wahrhaft betrübt machte, war höchst komisch. Ihre Liebenswürdigkeit, die aus einem edlen Gemüte quoll, und ihre Wahrheitsliebe zogen unwiderstehlich an. Schiller fand es besonders anmutig an ihr, dass sie im Umgang gar nicht an ihre Schriften erinnere. So sehr sie sich in Sinnes- und Empfindungsart unserer deutschen Natur näherte, so gab es doch in der Theorie genug Stoff zu Diskussionen, und auf ihre ewigen Fragen bei jedem Dichtungswerke: quel en est le but? stand selten eine Antwort in unserm Kunstkatechismus. Die herzlichsten Tränen, die sie mit uns um Schillers Verlust vergoss, als sie nach seinem Tode wieder nach Weimar zurückkam, erhielten uns ihr Andenken immer wert.

Benjamin Constant zeigte große Achtung vor Schillers Werken und seiner ganzen Sinnesart, und beide fanden Stoff zu vielen interessanten Gesprächen.

Schon bei der Beendigung des Wilhelm Tell trug Schiller den Demetrius im Sinn; er sprach oft darüber und entwarf den Plan des Stückes und einzelne Szenen. Die Übersetzung der Phädra unterhielt ihn in Stunden, wo er sich zu eigenen Dichtungen nicht heiter genug fühlte. Wie rein er seine Dichtungssphäre von jeder äußern Beziehung erhielt, zeigt folgender kleine Zug. Die Verbindung unserer fürstlichen Familie mit dem russischen Kaiserhause war natürlich oft der Gegenstand unserer Gespräche. „Ich hätte eine sehr passende Gelegenheit,“ sagte er eines Abends, „in der Person des jungen Romanow, der eine edle Rolle im Demetrius spielt, der Kaiserfamilie viel Schönes zu sagen.“ Am folgenden Tage sagte er: „Nein, ich tue es nicht; die Dichtung muss ganz rein blieben.“

Auf einer Reise nach Berlin, im Frühling 1804 [26. April bis 21. Mai], dem vorletzten Jahre seines Lebens, hatte Schiller den reinsten und höchsten Genuss seines Talents in der begeisterten Anerkennung, die demselben zu teil ward. Allgemeine Bewunderung rührte ihn weniger als die herzliche Teilnahme vieler der vorzüglichsten Menschen. Iffland, der seine Reise veranlasst, empfing ihn mit alter, warmer Freundschaft; er hatte alles vorbereitet, um den dramatischen Genuss zum höchsten zu steigern und der Darstellung der Schöpfungen seines Freundes die möglichste Vollkommenheit zu geben. Fleck, dieser, wie alle Einsichtigen sagen, für die Rolle Wallensteins ganz geeignete Schauspieler, der, von der Natur zum Mimen bestimmt, den höchsten Gipfel der Kunst in ihr erreichte, war damals schon der Welt entrissen.

Ifflands Spiel im Wallenstein befriedigte Schillern in mehr als einer Hinsicht, besonders in den weichen, ahnungsvollen Stellen. In einer jungen, anstrebenden Militärwelt regte sich eine edle Begeisterung. Das hohe Königspaar zeigte warmen Anteil. Die liebenswürdige Königin, in deren hohem und zartem Herzen alles Schöne und Edle den vollsten Anklang fand, sprach Schillern und ließ ahnen, dass sie es gern sehen würde, wenn er sich an Berlin fesseln ließe. Sehr merkwürdig war ihm die Bekanntschaft des hoch gesinnten, genialen Prinzen Ludwig Ferdinand, der als das erste große Opfer der Befreiung Deutschlands fiel.

Eine große mannigfaltige Weltanschauung drängte sich ihm auf; das Bedeutende aus allen Zirkeln kam ihm mit Anteil und Wohlwollen entgegen. Mit seinem gewohnten stillen Sinne nahm er alles dieses auf; aber ihm ward dadurch ein lebendiges Gefühl seiner schaffenden Kraft. Dass ihm dieses wurde, so kurz vor dem Scheiden vom Leben, war seinen Freunden immer tröstend. O, man soll nicht säumen, dem Genius die schnell welkenden Blüten des Genusses lebendiger Teilnahme darzubringen! Jeder Besonnene weiß, was er ist, aber er fühlt und genießt es nur in andern; und dieser Genuss ist der schönste Lohn dem Dichter, der, um der Welt Freude zu schaffen, im stillen gar manches Opfer bringt.

Das Anschauen eines großen Ganzen regte Schillern in Berlin lebhaft an. Die Spuren eines mächtig schaffenden Geistes, den er sich einst als den Gegenstand einer Epopöe gedacht, rührten ihn; und die Bildungsstufe, auf die derselbe sein Volk gehoben, in Kunst, Wissenschaft und politischer Größe, erkannte und betrachtete er als sein schönstes Monument. Der Geist eines großen hochgestellten Mannes wirkt über alle Erdenschranken hinaus, und in immer neu sprossenden Blüten zeigt er sich fort und fort lebendig. Ist sein Werk zu einem gewissen Punkte gediehen, dann wirft es alles Kleinliche, Einengende, was die Zeit ansetzt, leicht wieder ab und glänzt in heiterem Lichte durch alle umhüllenden Wolken.

Der Geheimrat von Beyme, Iffland und alle Wissenschaft und Kunst Liebenden wünschten Schiller für Preußen zu gewinnen; der Staatsrat von Hufeland und Fichte, als nähere Freunde, interessierten sich warm dafür; der König selbst zeigte, wie sehr er den Wert des vaterländischen Dichters anerkenne, und so ergingen ehrenvolle Anträge an Schiller. Dieser wusste die Gesinnung zu schätzen, aus der sie hervorgingen, ihren Wert, die Vorteile, die sie verhießen; er war sehr gerührt; aber eine gewisse, mit seiner schwachen Gesundheit verbundene Ängstlichkeit, da auch meiner Schwester Befinden während ihrer Schwangerschaft mit der jüngsten Tochter den Lebensmut trübte, machte ihm ein Eintreten in neue Verhältnisse bedenklich. Er wollte den Fürsten Primas zuvor sprechen, dessen Gesinnung und treuen Anteil er nicht durch einen solchen Schritt beleidigen mochte. Kaum von Berlin zurückgekehrt, gedachte er nach Aschaffenburg zu reisen; denn das Gefühl, dass er eine sichere Existenz bei vermehrter Familie haben müsse, war mächtig in ihm. Der edle Dalberg, der die Zerstörung deutscher Verhältnisse immer klarer einsah und der alle großmütige Unterstützung, die er Schillern seit dem Antritt seiner Regierung angedeihen ließ, nur als eine Gabe des Augenblicks betrachtete, wie seine eigene Existenz ihm sehr prekär erschien, äußerte, dass er keinem Freunde raten könne, sein Glück an sein schwankendes Schiff anzuschließen. Die Reise verschob sich und unterblieb endlich.

Dem Herzog von Weimar war Schiller höchst dankbar für viele Beweise des Wohlwollens, die er schon von ihm empfangen. Dass er in Weimar, nach dem Maßstabe der dortigen Verhältnisse, keine höheren Ansprüche machen dürfe, glaubte er bescheiden. Von dem klaren Weltverstande des Herzogs, der die individuelle Notwendigkeit in jeder Lage ermaß, durfte er voraussetzen, dass er das Verlassen seines Dienstes unter solchen Umständen nicht übel deuten, und von seiner wohlwollenden Gesinnung konnte er erwarten, dass er ihm eine so wesentliche Verbesserung der Existenz gern gönnen werde. Aber der Herzog ließ sich hier von dem echten Fürstengefühl leiten, dem edlen Stolze, ein so ausgezeichnetes Talent sich in seiner Nähe zu erhalten. Aus eigener Bewegung tat er, was möglich war, um Schiller eine sorgenfreie Zukunft zu versichern. Liebe und Gewohnheit der bekannten Verhältnisse und seine große Bescheidenheit in allen Ansprüchen an äußeres Glück entschieden ihn, zu bleiben.

Die Ahnung eines kurzen Lebens verließ Schiller nie und leitete ihn auch vielleicht hier; sonst vereinigte die Aussicht in Berlin alles, was er für sein reiferes Alter wünschen konnte. Ein Platz in der Akademie war ihm zugedacht, wo er seinen früheren Plan, einen deutschen Plutarch zu schreiben, auf das schönste hätte ausführen können. Immer dachte er sich eine Epoche, wo er aufhören wollte, im Felde der dramatischen Dichtung zu schaffen, die, nach seinem Sinne, nur in der vollen Jugendenergie des Geistes gelingen könnte.

Die Niederkunft meiner Schwester zog ihn nach Jena, da sie für Stärke ein ausschließendes Vertrauen hegte. Bei einer Spazierfahrt durch das freundliche Dornburger Tal hatte er, für die kühlen Abendstunden zu leicht gekleidet, sich erkältet; die heftigsten Schmerzen im Unterleib quälten ihn mehrere Tage. Sein ganzer Zustand nach diesen wirklich unsäglichen Leiden wurde bedenklicher. Ob er gleich nach diesem Anfall sich erholt zu haben schien und heiter war, so scheint doch eine große Schwäche davon zurückgeblieben zu sein. Während er in dem obern Zimmer so bitter litt und sich ängstlich mit dem Gedanken an die Niederkunft seiner Frau beschäftigte, erfolgte diese leicht und glücklich, und wir konnten ihm die neugeborene Tochter bringen, die er mit der lebhaftesten Freude empfing.

Den alten treuen Jenaischen Freunden hatte sich auch Voß beigesellt und Graf Geßler. Der Umgang dieser vorzüglichen Menschen und die glücklich überstandene Niederkunft der Gattin machten Schiller wieder sehr heiter, und des überstandenen Übels ward nicht mehr gedacht.

Kaum war er nach Weimar zurückgekehrt, so machte ihm Goethe den Antrag, ein Gedicht zu fertigen, um damit die junge Erbprinzessin, Großfürstin von Russland, im Theater zu empfangen. Er lehnte anfangs diesen Antrag ab, da er sich unwohl fühlte und weil ihm diese Dichtungsart bis jetzt ziemlich fremd geblieben war. Aber Goethes freundliches Dringen, das liebenswürdige Bild der jungen Fürstin, das er aus den Beschreibungen derer, die ihr nahe standen, aufgefasst, und das Rührende der ganzen Situation, erzeugten bald eine der schönsten Schöpfungen dieser Art, in der Huldigung der Künste. Der reine, würdige Herzenston, der aus dieser Dichtung spricht, ergriff das jugendliche Gemüt, dem sie geweiht war.

Es ist wohl die schönste Frucht eines Dichterwerkes, wenn der Geist desselben in das Leben übergeht. Dies erkannte ich mit Rührung und Freude in einem Worte, das jene edle Frau nach Jahren, als regierende Großherzogin, an mich richtete. Da ich mit Wohlgefallen ihrer Zustimmung erwähnte zu Einschränkungen, die der Großherzog nötig befunden, da sie doch des Großen von Kindheit an gewohnt gewesen sei, sprach sie: Sie gedenke oft der Zeilen Schillers (in der ihr gewidmeten Huldigung der Künste):

Wisset, ein erhabner Sinn
Legt das Große in das Leben,
Und er sucht es nicht darin.


Schillers physische Kräfte hatten seit dem Krankheitsanfall in Jena sichtlich abgenommen; seine Gesichtsfarbe war verändert und fiel ins Graue, so dass sie mich oft erschreckte; aber sein geistiges Leben blieb gleich stark und rege. Wer mag sich der Ahnung des Schrecklichsten hingeben? Die Hoffnung erhält sich bis zum äußersten in irgend einem Winkel unsers Herzens und pflegt dort ihr zartes Reis, das bei jedem milden Hauche neue Augen gewinnt. So war es mit uns. Schiller selbst schien auf alles zu denken, was seinen Zustand erleichtern und das Leben erhalten könnte. Er glaubte, die Bewegung des Reitens dürfte ihm zuträglich sein. Er hatte ein sicheres Pferd von einem Freund gekauft und freute sich, es im Frühjahr zu besteigen. Schon früher hatte er auf unser Bitten sich in Jena ein Pferd gehalten, es aber bald wieder verkauft. „Es mache ihm kein Vergnügen,“ sagte er, „da er allein einen Genuss von dieser Ausgabe habe und seine Familie ihn nicht teile.“

Eine große Sehnsucht nach mannigfacher Weltanschauung auf Reisen wandelte ihn in den letzten Lebensjahren an. Wir erfreuten uns an Planen und suchten den kürzesten Weg zum Meere, das er sehr zu sehen wünschte; aber es blieb bei diesen, und die Gewohnheit des stillen, ernsten Daseins, die Freude des Ausarbeitens seiner Dichtungen gewann in den nächsten Tagen wieder die Oberhand. Im letzten Frühling seines Lebens fühlte er ein oft wiederkehrendes Verlangen, die Schweiz zu sehen und die Heimat Tells mit seiner Schilderung zu vergleichen. Dahin waren nun unsere Pläne gerichtet; er hörte sie an; aber mehrmals sagte er: „Alle Projekte, die ihr für mich macht, lasst nur nicht über zwei Jahre sich hinaus erstrecken.“ Ach, hätte er wenigstens dieses gehoffte Ziel erreicht!

Auch Bauerbach wieder zu sehen, wo er die ersten Tage der Freiheit verlebt, wünschte er in den letzten Jahren. Das kleine grüne Tal in der Waldumgebung lag ihm freundlich vor der Phantasie. Die Sorge, ihn dort bei einem Krankheitsanfall nicht gehörig verpflegt zu wissen, und andere kleine Äußerlichkeiten hinderten die Ausführung des Planes. Wie lasten alle kleinen unbefriedigten Wünsche der Hingeschiedenen auf dem Herzen der Trauernden! Jede Freude, die sei dem Geliebten nicht zuwenden konnten, schärft den herben Schmerz!

Unser innerliches Leben war im letzten Winter sehr reich. Eine unaussprechliche Milde durchdrang Schillers ganzes Wesen und gab sich kund in all seinem Urteilen und Empfinden; es war ein wahrer Gottesfrieden in ihm. Ich las damals den Livius, und die römische Geschichte war oft der Gegenstand unserer Gespräche. So bemerkte er einst: „Da der Glanz und die Hoheit des Lebens, die nur in der Freiheit der Menschen erblühen könnten, mit der römischen Republik untergegangen sei, habe notwendig etwas Neues entstehen müssen; das Christentum habe die Geistigkeit des Daseins erhöht und der Menschheit ein neues Gepräge aufgedrückt, indem es der Seele eine höhere Aussicht eröffnet.“

Über Herders Ideen zur Geschichte der Menschheit waren wir früher oft in Zwiespalt. Er achtete das Buch, aber meinen lebendigen Sinn dafür erkannte er nicht ganz. „Ich weiß nicht, wie es mir ist,“ sagte er mir, als der letzte Frühling für ihn begann, „dies Buch spricht mich jetzt auf eine ganz neue Weise an und wird mir sehr lieb.“ Noch erinnere ich mich eines Gesprächs über den Tod, welches Schiller mit den schönen Worten schloss: „Der Tod kann kein Übel sein, da er etwas Allgemeines ist.“

Den Unterricht der Söhne und ihre Fortschritte beobachtete er genau und machte nach eines jeden Eigentümlichkeit Pläne für ihre künftige Existenz. Auf meinem letzten Spaziergang mit ihm im Park sagte er: „Wenn ich nur noch so viel für die Kinder zurücklegen kann, dass sie vor Abhängigkeit geschützt sind, denn der Gedanke an eine solche ist mir unerträglich!“

Wenige Wochen vor der letzten Krankheit hörte er die Mlle. Schmalz bei mir singen; ihr seelenvoller Gesang rührte ihn sehr; sie sang die schöne Arie Zingarellis aus Romeo und Julie: Ombra adorata aspetta; und Schiller sagte mir: nie habe ihn ein Gesang auf diese Weise ergriffen. Es schien, als habe die herannahende Auflösung alle Organe seines Geistes und Gefühls geschärft.

Als ich das letzte Mal mit ihm ins Theater fuhr (es wurde ein Schrödersches Stück gegeben), äußerte er: Sein Zustand sei ganz seltsam; in der linken Seite, wo er seit langen Jahren immer Schmerz gefühlt, fühle er nun gar nichts mehr. Man fand bei der Sektion den linken Lungenflügel total zerstört.

Am ersten Mai kündigte sich die letzte Krankheit Schillers als ein Katarrhfieber an, wie wir solche bei ihm gewohnt waren. Er selbst schien sich auch nicht bedenklich krank zu fühlen, als bei ähnlichen Anfällen. Er empfing einige Freunde auf seinem Zimmer und schien sich gern durch sie unterhalten zu lassen. Herrn von Cottas Besuch, der auf der Durchreise nach Leipzig über Weimar kam, erfreute ihn; alle Geschäfte sollten bei seiner Rückkunft gemacht werden.

Da das Sprechen seinen Husten vermehrte, suchten wir ihn ruhig zu halten; auch sah er es am liebsten, wenn meine Schwester und ich allein um ihn waren. Der gute Heinrich Voß erbot sich zu Nachtwachen; doch blieb Schiller lieber allein mit seinem treuen Diener.

Der Demetrius beschäftigte ihn immerwährend, und die Unterbrechung dieser Arbeit beklagte er sehr. Sein Arzt hatte ihn noch in keiner ähnlichen Krankheit behandelt. Starke hate immer die Kur geleitet, und dieser war mit der Großfürstin in Leipzig. Er suchte unsere Ängstlichkeit deshalb zu stillen und sagte uns, dass alle Rezepte vollkommen passend seien, dass er ganz nach Starkens Methode behandelt werde.

Bis zum sechsten Tage war sein Kopf ganz frei; er selbst schien nicht an nahe Gefahr zu glauben und äußerte sogar, er habe in diesen Tagen viel über seine Krankheit gedacht und glaube nun eine Methode gefunden zu haben, die seinen Zustand verbessern müsse. An Anstalten für die Zukunft der Seinen, wenn er nicht mehr wäre, dachte er gar nicht. Mein Mann war mit der Großfürstin in Leipzig; Schiller sehnte sich sehr nach seiner Zurückkunft; vielleicht hegte er den Wunsch, sich gegen diesen über manches auszusprechen.

Am Sechsten abends fing er an, oft abgebrochen zu sprechen, doch nie besinnungslos. Sein Blick auf die Gegenwart blieb klar. Alles Heterogene musste entfernt werden. Zufällig hatte sich ein Blatt des Freimütigen in sein Zimmer verirrt. „Tut es doch gleich hinaus,“ sagte er, „dass ich mit Wahrheit sagen kann, ich habe es nie gesehen. Gebt mir Märchen und Rittergeschichten; da liegt doch der Stoff zu allem Schönen und Großen.“ Die Contes de Tressan hatte er immer geliebt; doch konnte er ein anhaltendes Vorlesen nicht ertragen.

Als ich am Abend des Siebenten zu ihm kam, wollte er, wie gewöhnlich, ein Gespräch anknüpfen über Stoffe zu Tragödien, über die Art, wie man die höheren Kräfte in Menschen erregen müsse. Ich antwortete nicht mit meiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit, weil ich ihn ruhig halten wollte. Er fühlte es und sagte: „Nun, wenn mich niemand mehr versteht und ich mich selbst nicht mehr verstehe, so will ich lieber schweigen.“ Er schlummerte bald darauf ein, sprach aber viel im Schlaf. „Ist das eure Hölle, ist das euer Himmel?“, reifer vor dem Erwachen; dann sah er sanft lächelnd in die Höhe, als begrüßte ihn eine tröstende Erscheinung. Er aß etwas Suppe, und als ich Abschied nahm, sagte er zu mir: „Ich denke diese Nacht gut zu schlafen, wenn es Gottes Wille ist.“

Den Morgen des Achten hatte er leidlich zugebracht, still und oft schlummernd. Als ich gegen Abend kam, vor sein Bett trat und fragte, wie es ihm gehe, drückte er mir die Hand und sagte: „Immer besser, immer heitrer.“ Ich fühlte, dass er dies ganz in Bezug auf seinen innern Zustand sagte. Es waren die letzten an mich gerichteten Worte, die ich von den teuren Lippen vernahm. Er verlangte, man solle den Vorhang öffnen, er wolle die Sonne sehen. Mit heiterem Blick schaute er in den schönen Abendstrahl, und die Natur empfing seinen Scheidegruß. Seine Kinder verlangte er selten zu sehen. Die jüngste Tochter, die man ihm noch am Achten morgens gebracht, hatte er mit Freude und Wohlgefallen betrachtet. Sein treuer Diener, der die Nächte bei ihm zubrachte, sagte, dass er viel gesprochen, meist vom Demetrius, aus dem er Szenen rezitiert. Einige Mal habe er Gott angerufen, ihn vor einem langsamen Hinsterben zu bewahren. Der Ewige erhörte seine Bitte. Am Neunten früh trat Besinnungslosigkeit ein; er sprach nur unzusammenhängende Worte, meistens Latein.

Ein ihm verordnetes Bad schien er ungern zu nehmen; doch war er in allem, was zu seiner Wartung geschehen musste, ergeben und geduldig. Der Arzt hatte nötig gefunden, dass er ein Glas Champagner trinke, um die mehr und mehr sinkenden Kräfte zu heben. Es war sein letzter Trunk. Seine Brustbeklemmungen schienen nicht sehr schmerzlich. Wenn er, davon ergriffen, auf sein Kissen zurückfiel, sah er sich um, schien uns aber nicht zu kennen.

Das ist wohl der zerreißendste Schmerz für ein Menschenherz, die schöne Harmonie des Geistes zerstört, das zarte Band, das auf Erden an die Geliebten bindet, zerrissen zu sehen, die Augen, aus denen beseelende Liebe leuchtete, mit starrem, irrem Blick auf uns geheftet zu erblicken! Aber es ist ein Schmerz, der den Geist aus den Banden der Erde löst und ihn das Ewige zu umfassen drängt.

Gegen drei Uhr trat vollkommene Schwäche ein; der Atem fing an zu stocken. Meine Schwester kniete an seinem Bette, sie sagte, „dass er ihr noch die Hand gedrückt“. Ich stand mit dem Arzte am Fuße des Lagers und legte gewärmte Kissen auf die erkaltenden Füße. Es fuhr wie ein elektrischer Schlag über seine Züge; dann sank sein Haupt zurück, und die vollkommenste Ruhe verklärte sein Antlitz; seine Züge waren die eines sanft Schlafenden.

Mein Arzt und Freund, der Doktor Herder, der Schillern innig liebte, sagte mir nach der Sektion, der er beigewohnt, „dass, wenn er auch von diesem Fieber hätte genesen können, er doch, nach dem Zustand der Lunge, nicht länger als ein halbes Jahr gelebt und schwere Beängstigungen erduldet haben würde.“

Den Monolog der Marfa im Demetrius fand mein Mann auf Schillers Schreibtisch: Es waren wahrscheinlich die letzten Zeilen, die er geschrieben.

Die Trauer war in Weimar allgemein, und Beweise der herzlichsten Teilnahme strömten uns von allen Seiten zu. Es war ein Theaterabend; kein Schauspieler wollte spielen, und in dem reinsten Gefühl eines solchen Verlustes setzte Mlle. Jagemann es durch, dass das Theater geschlossen blieb.

Das Leichenbegängnis war dem Range des Verstorbenen gemäß angeordnet; aber zwölf junge Männer höheren Standes nahmen die Leiche den gewöhnlichen Trägern ab, und von liebenden Freundesarmen wurde sie zur Ruhe getragen. Es war eine schöne Mainacht. Nie habe ich einen so anhaltenden und volltönenden Gesang der Nachtigallen gehört, als in ihr.

Mein Mann war auf die Unglücksnachricht, die ihn in Naumburg traf, herbeigeeilt; er kam noch an, um sich dem Trauerzuge auf dem Kirchhof anzuschließen.

Unzählig waren die Beweise der tätigsten Teilnahme, die aus allen Gegenden Deutschlands meiner Schwester zukamen. Es herrschte ein wahrer Enthusiasmus für die Feier dieses Toten, dessen großer Schatten über dem Vaterlande zu schweben schien. Nun sah man klar, wie sehr er der Liebling der Nation gewesen, für die er gelebt und gedichtet. – Es ist schön und tröstend, wenn dem Vertrauen, das man in ein Volk setzt, eine so volltönende Antwort wird. Man erkennt darin die Bildungsstufe, auf der es steht.

Im näheren Kreise kam meiner Schwester der wärmste Anteil entgegen, ein lebhaftes Bestreben, ihre Sorge für die vaterlosen Kinder zu beschwichtigen. Die Großfürstin versicherte ihr in den ersten Tagen des Schmerzens, dass sie für die Erziehung der Söhne sorgen werde; und das geschah auf die großmütigste Weise. Dalberg, als Fürst Primas, zeigte die tätigste Teilnahme in einem reichlichen Jahrgehalt. Von Cotta bewährte sich als der treue Freund Schillers auch in dem Verhältnis zu seiner Familie; durch die großsinnige Art, mit der er diese behandelte und zu behandeln fortfährt, wurde der fromme Wunsch des Vaters, die Seinen in Wohlstand versetzt zu sehen, erfüllt.

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1) Prinz Friedrich Eugen von Württemberg, preußischer General. ­
2) v. Wolzogen, ein jüngerer Bruder Wilhelms, starb als preußischer Oberst und Chef des Generalstabs des 7. Armeekorps in Münster.
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3) So nannte man im engern Familienkreis Karoline von Wolzogen.
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