Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich

         Biografien
            Wolzogen
               Vorwort
               Einleitung
               1. Abschnitt
               2. Abschnitt
               3. Abschnitt
               4. Abschnitt
               5. Abschnitt
               6. Abschnitt
               7. Abschnitt
               8. Abschnitt
               9. Abschnitt
               10. Abschnitt
               11. Abschnitt
               12. Abschnitt

Zehnter Abschnitt
Erste Vorstellung des Wallenstein. Aufenthalt in Weimar.

Es wehte ein höherer Geist in der ersten Vorstellung Wallensteins, der sich aus dem kleinen Weimar durch ganz Deutschland verbreitete. Diese fand am 30. Jänner 1799, dem Geburtstage der Herzogin, statt. Schiller genoss lebhaft die Arbeit von sieben Jahren. Goethes freundschaftlicher Anteil und die allgemein erhöhtere Stimmung der Gesellschaft, welche durch das Leben in diesen Formen erzeugt wurde, gaben ihm einen lebendigen Genuss seiner selbst. Wir hatten nun eine Tragödie, das erste Stück, das nach Götz von Berlichingen unser eigenes deutsches Leben aussprach und mächtig in die Zeit eingriff, ja auf die Erhaltung des Nationalsinns unter fremder Unterjochung entscheidend wirkte. Die Militärverhältnisse hatten eine neue Seele gewonnen. Der begeisterte Jüngling drängte sich nach Kriegstat und Ruhm. Es ist eine so weite und reiche Welt, die der Wallenstein umfasst, es gibt der Seelen ergreifenden Worte und Reden so viele in ihm, dass alle erregbaren Gemüter sich gern damit begrüßten und sie zum Ausdruck ihres Einverständnisses wählten. Die tiefe Wahrheit der Natur durchatmet dieses Gedicht, und man fühlt und lebt in den Bildern desselben in Momenten, wo unser Dasein sich aus seinen Fugen drängt, und kehrt besänftigt in sich selbst zurück.

Durch Goethes Einfluss, der die Schauspieler beseelte, und Meyers Bemühen um Kostüms und Dekorationen war die Vorstellung vollkommen gelungen. Schillers freundliches Verhältnis zu den Schauspielern gründete sich damals und gestaltete sich immer schöner. Seine Wallensteiner waren ihm sehr lieb, Voß, Graff, Becker, Haide und Mlle. Jagemann, als Thekla. Alle, die die genannten Schaupsieler, von denen mehrere der Tod allzu früh der Kunst entriss, in Weimar sahen, werden sich gern ihrer Erscheinung erinnern und ihnen zum Dank für die Verkörperung der Geschöpfe des Tragikers einen Moment heitern Andenkens weihen.

Maria Stuart beschäftigte Schiller sogleich nach der Vollendung des Wallenstein. Der Anteil, den er an der neuen Zeitschrift Goethes, die Propyläen, nahm, bildete seinen Sinn für bildende Kunst sehr aus. In einer der geistvollsten und anmutigsten Schriften, die wir billig in den Händen jedes Gebildeten vermuten, dem kleinen Kunstroman Goethes, der Sammler, erscheinen Schillers Ansichten in der Gestalt des Philosophen. Die Glocke erschien für den Musenalmanach 1800. Lange hatte Schiller dieses Gedicht in sich getragen und mit uns oft davon gesprochen als von einer Dichtung, von der er besondere Wirkung erwarte. Schon bei seinem Aufenthalt in Rudolfstadt ging er oft nach einer Glockengießerei vor der Stadt spazieren, um von diesem Geschäft eine Anschauung zu gewinnen. Es ist ein Lieblingsgedicht der Deutschen geworden. Jeder findet rührende Lebenstöne darin, und das allgemeine Schicksal der Menschen geht innig ans Herz.

Im Sommer 1799 wohnten der König und die Königin von Preußen einer Vorstellung des Wallenstein in Weimar bei. Schiller wurde der liebenswürdigen Königin vorgestellt, und er sagte uns, dass sie sehr geist- und gefühlvoll in den Sinn seiner Dichtungen eingegangen wäre.

Der Niederkunft meiner Schwester mit ihrer ältesten Tochter Karoline folgte ein Nervenfieber, das Schiller und uns alle in die schmerzlichste Sorge versetzte. Beinahe an sechs Wochen war eine Schwäche des Kopfes, oft völlige Geistesverwirrung, zurückgeblieben. Der treffliche Starke war auch hier ein Retter. Seine Geschicklichkeit und Schillers sorgsame, zarte Pflege in der Behandlung solch eines traurigen Zustandes, die Wartung der guten Mutter und der treuen, immer gleich hilfreichen Freundin Griesbach bewirkten eine vollkommene Genesung. Dieser schmerzlichen Erinnerung zu entfliehen, sich in neuer Umgebung in Weimar zu erheitern, war für Schiller und meine Schwester ein dringendes Bedürfnis.

Der Entschluss, nach Weimar zu ziehen, war schon früher gefasst und wurde jetzt schnell ausgeführt. Goethes Teilnahme, des Herzogs gütiges Entgegenkommen und reelle Hilfe bei diesem Pläne erleichterten die Ausführung. Seit 1800 wurde Weimar Schillers fester Aufenthalt.

Sein Leben in Weimar war, die sich immer wiederholenden Krankheitsfälle abgerechnet, heiter und mannigfaltig bewegt. Die Nähe des Theaters, seine Einwirkung darauf erhielten ihn in einer äußern ihm zusagenden Tätigkeit. Mit Wohlwollen und guter Laune behandelte er das Verhältnis zu den Schauspielern; sie nahmen seinen Rat gern an, und die bildungsfähigen gewannen an Kunst und höherem Sinn. Er ahnte das Talent, und ein sicherer Takt täuschte ihn nie.

Der Madame Wolf, die sich schon als Fürstin Mutter in der Braut von Messina ausgezeichnet hatte, gab er die Rolle der Jungfrau von Orleans, und ein neues begeistertes Leben entquoll ihrer Brust. Sie stand auf der Höhe der Kunst, ohne es selbst zu wissen. So hatte er auch Herrn Wolfs Talent sogleich in der kleinen Rolle Baumgartens im Wilhelm Tell erkannt und prophezeite den Ruhm, den sich dieser Schauspieler in der Periode seiner höchsten Ausbildung erwarb.

In den geselligen Verhältnissen in Weimar herrschte die schönste geistige Freiheit. Der Herzog wusste gastfreundlich den Genius zu bewirten, indem er ihm ungestörten Selbstgenuss vergönnte; ja, wenn er sich mit seinem eigentümlichen, dem Genius manchmal widersprechenden Geschmack der Dichtungswelt näherte, war die Berührung nur leise und löste sich gewöhnlich in heitern Scherz auf. In solchen Gesprächen, wo Realismus und Idealität sich kreuzten, war er sehr geistvoll und witzig. Als Weltmann sprach er oft über poetische Ansichten ab; aber in der Tat störte er durchaus nicht die Freiheit, in der allein der Genius schaffend sich regen kann; und unter seinem Schutze tanzten die Musen in ihrem eigenen Rhythmus ungestört dahin. Die Stimme Deutschlands hatte für Schiller entschieden, und die aller gebildeten Nationen tönte bald nach; so fühlte der Herzog, auch in Hinsicht auf ihn, den edlen Fürstenstolz, die ersten Dichter Deutschlands in seinen Kreis zu fesseln.

Die Gemahlin der Herzogs fühlte in ihrer großen Seele eine innige Anneigung zu Schillers Werken, und dieser sagte oft, das wahrhaft freundschaftliche Benehmen der hohen Frau, das sich immer gleich bleibe, sei ihm rührend. Bei der Herzogin Amalia, die, im Bedürfnis eines regen Geisteslebens, in angeborner Feinheit des Geschmacks, einen eigenen Zauberkreis um sich gebildet hatte, in welchem alles Lästige und Beschränkte der Verhältnisse wegfiel, wo Freiheit und Heiterkeit herrschten, war er, so oft es seine Gesundheit erlaubte. Wieland war der gefeierte Genius ihres Hauses, der Schiller immer befreundet blieb.

Seitdem sich Schiller im Wallenstein aufs neue an das Herz des deutschen Publikums geworfen und die so lebendige, liebevolle Aufnahme gefühlt hatte, entschlug er sich aller Empfindlichkeit über fremdes Urteil; das kleinliche journalistische Wesen war für ihn nicht da. So blieben die Äußerungen und Ergüsse gekränkter Eitelkeit und persönlicher, durch die Horen und Xenien angeregter Rachgier, wie sie in ephemerischen Blättern durch das Publikum flogen, unbeachtet. Die Welt in ihrer Größe und Breite war ihm das Echo seiner Dichtung, und er schaute nur von ihr auf in der lichten Äther des ewig Guten und Wahren, wo die Schönheit flammt und Liebe ihn anlächelte. Goethens Beifall war ihm ein Morgenschimmer des Welteindrucks. Er las ihm die neuen Werke immer allein vor. „Mir liegt so viel daran, sein rein menschliches Urteil zu vernehmen,“ sagte er zu uns.

So hatten wir wirklich, in innerer Geistes- und Lebensfülle, ein Paradies der Unschuldswelt um uns her gezaubert, in dem allein der lebendige Schöpfungsquell lauter rinnt. Nichts Feindseliges war um uns her, keine kleinliche Kritik drängte sich in unsern Kreis.

Mehrere anmutige jugendliche Gestalten erfreuten Schiller. Besonders zog ihn Prinzessin Karoline, Tochter des Herzogs, an, dieses edle Wesen, das so früh der Welt entrissen wurde1), aber in jedem Herzen, das sie zu fassen vermochte, ein unaustilgbares, rührendes Andenken zurückgelassen hat und immer frisch erhalten wird. So geboren, um alles Große und Schöne sich als die ihm bestimmte Sphäre anzueignen, wird selten ein Erdenwesen. In ihrem großen, klaren, blauen Auge spiegelten sich rein alle Lebensgestalten. Mit der Liebe seliger Geister begrüßte sie das Gute und Schöne, in ruhiger Freude an dem Dasein desselben; alles Unwürdige war für sie wie gar nicht da. Nur in zarten, leisen Worten enthüllte sich die Himmelskraft dieses Gemüts; aber alles Wahre und Gute fühlte neues Leben in ihrer stillen Gegenwart. Unter den Augen einer ihr ähnlichen Erzieherin durch Herders Unterricht gebildet, trat sie vollendet in das Leben ein. In früher Jugendblüte von dem reifsten Urteil, dem nie Kleines wichtig sein konnte, nie Gutes unwichtig war, heilt sie das Maß der Vernunft in sicherer Hand. Geschaffen für jede höhere Sphäre, hätte sie belebend und wohltätig in jeder gewirkt. Wo sie war, war Wahrheit, Licht und Liebe: Ein tröstender Engel stand sie im Kreise der Ihrigen; Blumen der Eintracht und des Segens blühten unter ihren Tritten, die nur leise über der Erde hinzuschweben schienen, gleich als sollte der Engel nicht heimisch auf der Erde werden.

An Amaliens von Imhof schönem aufblühendem Talente wie an ihrem anmutigen, lebendigen Umgange hatte Schiller große Freude, und er suchte ihr, wo er konnte, förderlich zu sein.

H. Meyer, der oft der dritte mit ihm und Goethe war, blieb ihm immer gleich wert. Die reinste Gesinnung, die um nichts in der Welt von der erkannten und empfundenen Wahrheit abwich, das Mäßige, Mildernde eines vollkommen klaren Verstandes, der alles hinstellt, wo es hingehört, und die tiefe Begeisterung in Einsicht und Gefühl für das Schöne der Kunst, die er in Bildern und Beschreibung Schiller nahe brachte, wirkten sehr wohltätig auf diesen.

Herrn von Einsiedel, den liebenswürdigen, heitern Menschen, der in kindlicher Naivität sich durch alle Weltverhältnisse bewegte, immer empfänglich für Poesie blieb und im geraden Herzen alles Rechte und Edle mit Neigung umfing, der in reiner, tüchtiger Ansicht der ersten menschlichen Verhältnisse Schiller immer begegnete, sah er sehr gern. Ein gutmütiger Humor, vielseitige Kenntnisse, alle geselligen Tugenden und vollkommene Sicherheit im Umgange mussten ihn überall willkommen machen.

Der Geheimrat von Voigt, dieser an Geist so ausgezeichnete Mann, der unter der Last der Geschäfte den regsten frischesten Jünglingssinn für Wissenschaft und Kunst erhielt, blieb Schillers aufrichtiger und tätiger Freund, wohlwollend wirkte er auf sein Verhältnis zum Herzog, half und vermittelte, wo er’s nur vermochte.

Mit Herder, den er achtete und leibte, von dem er geachtet und geleibt ward, wie dies unter Geistern von solcher Größe natürlich war, konnte er nicht häufig Umgang pflegen. Herder schloss sich in jener Epoche gern ab, und seine Abneigung gegen die Kantische Philosophie, der Schiller mit ganzer Seele zugetan war, hätte keine freie Mitteilung gestattet, ohne sich unsanft zu berühren.

Mit Jean Paul Richter entstand kein näheres Verhältnis. Obgleich Schiller das große Talent, den hohen Geistesflug des Mannes nicht verkannte, so widerstand ihm doch die Formlosigkeit seiner Produkte. Böttiger kam ihm freundlich entgegen, er achtete den großen Umfang seines Wissens. Mehrere geistvolle und liebenswürdige Männer und Frauen boten eine angenehme Unterhaltung. Die große Masse, die hier, wie überall vom Nachschwatzen lebte, ohne Eigentümlichkeit, nur von anderer Bildung zehrend, bewegte sich dennoch teilnehmend um Schiller herum. Gesunder, wahrer Naturausdruck indessen sagte ihm mehr zu. Als Kotzebue in diesem Kreise auftrat, zog er die Masse der unterhaltungssüchtigen Gesellschaft an. Er zeigte große Verehrung für Schiller, und dieser begegnete ihm ohne Annäherung freundlich; es lag nicht in seiner Natur, Wohlwollen mit Härte abzuweisen. Eine geistvolle Freundin sagte: „Kotzebue kennt den Neid gar nicht; wenn Schiller etwas Gutes macht, seiht er es gleich als ein Eigentum an, das er benützen kann.“ Di Flachheit und Hohlheit seines geistigen und moralischen Sinnes hielt sein bedeutendes Talent immer in einer niedern Bahn und konnte den Lauten der Natur, die ihm zu Gebote standen, nie jene nachhaltige Rührung geben, bei der feinere Gemüter Selbstbefriedigung finden und in der Verstand und Gefühl sich in wohltätiger Harmonie begegnen. Kotzebues Gefangenschaft hatte menschlichen Anteil erregt; man zeigte dieses bei seiner Zurückkunft. Schiller sagte: „Er ist doch wie ein Windball, auf dem nie ein Eindruck zurückbleibt.“

Goethe und unser Familienkreis waren sein eigentliches Lebenselement. Die Natur- und Kunstansichten dieses Freundes zauberten einen Kreis um ihn her, an dem immer neue Sterne aufgingen. Mein Mann, sein Freund seit der Akademie, erheiterte ihn durch seine vielseitige Weltansicht, die er gern seiner Abgeschlossenheit zubringen ließ. Er nahm Teil an dem Geschäftskreise des Landes, an den Reisen und politischen Verhandlungen, die meinem Manne übertragen waren, und erfreute sich mit ihm der Hoffnungen, die die liebenswürdigen Anlagen des Erbprinzen erweckten. Mein Mann hatte einen großen Sinn, und sein Blick auf Welt und Menschen war hell. Er wollte das Edle und Gute, und der Kreis dessen, was zu erreichen möglich ist, lag ihm in bestimmten Umrissen vor Augen. Er ahnete die Stürme, die das Vaterland bedrohten. Gallische Unterjochung war seiner wahrhaft freien deutschen Gesinnung unerträglich; er strebte mit allen Kräften und durch alle Mittel der Politik, die ihm zu Gebote standen, das kleine Land, auf das er zu wirken hatte, vor Unterdrückung und Lasten zu schützen, und des Herzogs Gesinnungen begegneten hierin ganz den seinen. Sein Sinn für Kunst blieb immer rege, seine gute Laune, wie vieles auch war, was sie störte, kehrte bei Schiller immer wieder. Aus dem Unmute, den verdrießliche Dienstgeschäfte erzeugten, flüchtete er sich zu ihm, und in den originellsten Einfällen machte sich unsere innere Freiheit Luft. Schiller freute sich der Wirkung seiner Dichtung auf eine so klare Vorstellungskraft und ein durch das Leben erprobtes Gemüt. Die weichen Seelchen, gleich zarten Blumenstielchen, immer bereit, sich bewegen zu lassen, und von jedem Anhauch bewegt, bewiesen ihm die Kraft seiner Poesie weit weniger, und er pflegte zu sagen: „Wenn es bei dem durchdringt, da ist es gewiss tüchtig.“

So lebten wir in vertrauter Freundschaft, geborgen vor lästigem Andrang, bei vernünftiger Einrichtung sicher; unsere Kinder sahen wir um uns aufblühen, und wenn Schillers Lage derart war, dass er eine sorgenfreie Zukunft den Seinen noch sichern musste, so gingen Plane in seiner Phantasie nie aus, die alles verschaffen konnten. Doch handelte er, seit er Familienvater war, in Hinsicht auf die äußere Existenz mit doppelter Besonnenheit. Die schwankenden Verhältnisse unseres treuen, immer hilfreichen Freundes, des Fürsten Primas, machten es diesem selbst bedenklich, Schillers Existenz an die seine zu knüpfen, wie es früher sein Plan war. Das vom Kurfürstentum abgerissene Main, die hereindringende französische Obermacht, die Bedrückung der Länder, die zunehmende Schwäche Deutschlands – alles trübe den Horizont der freien Wirksamkeit des edlen Dalberg. Sein menschlich fühlendes Herz war zerrissen von tausendfacher Not und von Ansprüchen, die sich zu ihm drängten. Als Philosoph über allen äußern Glanz erhaben, wäre er gern in eine Einöde geflüchtet und hätte im unerschöpflichen Quell seines Geistes immer Beschäftigung gefunden. Aber vieler Schicksal hing an dem seinen; er opferte seine Ehre als deutscher Fürst dem Mitleid, das seine Brust zerriss; er lieh dem starren Egoismus des Eroberers sein eigenes zartes Gefühl für fremdes Wohl und glaubte die Löwenklaue mit Zauberbanden der Anmut und des Geistes umstricken zu können. Aber alle kleinen und mittlern Staaten fielen, wie er, in das Netz des Unterdrückers. Der letzte geistliche Kurfürst musste das Schicksal der andern erfahren, und aller Hände griffen nach dem lockenden Raube, Er fühlte, dass er nicht gegen die eiserne Zeit zu stehen vermochte.

Schiller, um früheren Versprechungen treu zu sein, zeigte, dass er gern, wo er dem Fürsten nützlich sein könnte, Gefahr und Unsicherheit mit ihm teilen werde. Zu dem Eroberer hatte Schiller nie Neigung und Vertrauen, nie hoffte er, dass irgend etwas Gutes der Menschheit durch ihn werden könne. Seiner freien Seele war der Hauch der Tyrannei durchaus zuwider. Als alle Welt voll war von dem Ruhme Napoleons und des Feldherrn Genie und die ungeheure Wirkung desselben auch manchen guten Kopf und manches edlere Gemüt mit Zauberkraft magisch umspann, da sein Name die allgemeine Losung war, stimmte Schiller in den allgemeinen Beifall und Jubel nicht ein; er war des ewigen Redens über den Helden der Zeit müde, und wir hörten ihn sagen: „Wenn ich mich nur für ihn interessieren könnte! Alles ist ja sonst tot – aber ich vermag’s nicht; dieser Charakter ist mir durchaus zuwider – keine einzige heitere Äußerung, kein einziges Bonmot vernimmt man von ihm.“

Die Freiheit, Schillers Lebenselement, scheint auch, insofern man damals seine Werke in Frankreich kannte, auf den Despoten einen unheimlichen Eindruck gemacht zu haben. Ich erinnere mich keines Zeichens des Anteils, das je von ihm vernommen wäre. Vielleicht ahnete er schon die begeisternde Flamme, die sich im Vaterlande entzündete, wie den von fern sich nähernden Rachegeist. Noch erfuhr unser heimatlich Gegen keinen Druck; man lebte still bei dem herannahenden Sturme, und die Hoffnungen lebte in den Bessern, er werde sich beschwören lassen.

Die Idee der Direktion eines größeren Theaters, das er ganz nach seinem Plan einrichten könnte, hatte für Schiller einen großen Reiz und beschäftigte oft seine Phantasie. Die Bildung und schöne Gestaltung aller Verhältnisse und Lebensformen, die ihm nur von reinem Schönheitssinn auszugehen schien, dünkten ihm innig an das Theater geknüpft zu sein. Geschmack und feine Sitte sollten da herrschen und alles Edlere im Menschen bewacht werden. Wenn man bedenkt, welchen großen Teil des Lebens die so genannte gute Gesellschaft im Schauspielhause zubringt, wie sollte man nicht wünschen, dass dieses immer ein Organ höherer Bildung sein möchte! Wie sehr ist diese Unterhaltung den großen Gesellschaften vorzuziehen, die Goethe so wahr schildert, wenn er sagt: „Und dem gebundnen Gespräch folge das traurige Spiel.“

Sehn wir nicht das Größte aller Zeiten
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
Still und ernst an uns vorüberziehn!

So sang Schiller, so wirkte er, so hätte er gern immer gewirkt.

„Das Theater,“ sagte er, „und die Kanzel sind die einzigen Plätze für uns, wo die Gewalt der Rede waltet;“ und in seinem Sinn sollte das Theater immer der Kanzel gleichen, die Menschen geistiger, stärker und liebreicher machen, die kleinen, engen Ansichten des Egoismus lösen, zu großen Opfern das Gemüt stärken und das ganze Dasein in eine geistigere Sphäre erheben, wo die Tugend als Ziel in höherer Glorie steht. Der wahre geistreiche Scherz schien ihm auch ein Mittel höherer Bildung. Sich mit dem Gemeinen abfinden durch höhere Ansicht – die geselligen Bande der Konvention durch einen freien Blick auf die Natur lösen – alles Achtungswerte durch ein scharfes Gefühl für das Lächerliche des Falschen steigern (denn das Wahre kann nie lächerlich sein) – die Menschen von kranken Ansichten heilen durch Klarheit und Wahrheit – den durch die Wirklichkeit Verwundeten durch eine wahre heitere Darstellung der Verhältnisse besänftigen – dies alles schien ihm auf der Region der Bretter erreichbar und wünschenswert.

Das Anschauen des Theaters wirke sehr auf seine Produktivität, sagte er oft. Die Art und Weise, wie man das Dramatische durch das Auge vor Seele, Geist und Herz bringen müsse, werde ihm immer klarer. Er bekomme neue Ansichten bei jeder Vorstellung, lerne Fehler vermeiden, und die Lichtpunkte träten immer mehr hervor. „Ich glaube mich beinah nicht mehr darüber täuschen zu können,“ versicherte er uns, „was die dramatische Kunst fordert.“

Was Goethes und Schillers vereintes Wirken bei beschränkten Mitteln in Weimar hervorgebracht, ist außerordentlich und zeigt, wie der Geist alles vermag und über aller Berechnung steht. Schiller wirkte auf das Fühlen und innige Verstehen der Rollen, Goethe auf die Erscheinung ins Leben. Wir sahen oft, dass er in vier Wochen verstehen, sprechen, sich stellen, sich betragen lehrte; seine klare Einsicht setzte gleich einem Zauberstab versteinte Massen in anmutige Bewegung. Es ist ein großer Verlust, dass nicht wie in Paris eine Ecole scénique unter seiner Leitung entstanden ist, die unsre dramatische Kunst auf fester Bahn erhalten hätte, der jetzt nur in einzelnen großen Talenten von Zeit zu Zeit in einem neuen Lichtfunken der Pfad der Schönheit angedeutet wird.

Im Frühling des Jahres 1800 bekam Schiller ein Katarrhfieber, was ihm selbst bedenklich schien. Es findet sich von seiner eigenen Hand eine Übersicht dessen, was er bis 1802 an schriftstellerischen Arbeiten in jedem Jahre vollendet, und von den Ereignissen im häuslichen Leben. Er sagt: „Anno 1800 war ich sehr krank.“

Nach seiner Genesung warf er sich wieder mit neuen Kräften auf die Ausarbeitung der Maria Stuart. Um den letzten Akt ungestört auszuarbeiten, bei dem er etwas der tiefen Rührung, die der Tod und das Begräbnis der Richardsonschen Klarisse erzeugt, Ähnliches zu erregen gedachte, ging er nach Ettersburg, einem Jagdschloss des Herzogs, welches an einer Anhöhe liegt, die rings von Wald umgeben ist.

Die Säkularfeier auf 1800 interessierte ihn lebhaft. Einige unserer Freunde, besonders Leo von Seckendorf, entwarfen Pläne. Der geistvolle junge Mann war Schiller sehr angenehm. Er fiel 1809 vor Wien, als ein Opfer seines Enthusiasmus für die deutsche Freiheit, und sein Andenken wird allen, die ihn gekannt, wert bleiben.

Schiller hatte die Idee zur Säkularfeier hingeworfen, dass man durch eine Reihe von Festen Weimar auf vierzehn Tage bei dieser Gelegenheit zu einer großen Stadt machen sollte. Seckendorf entwarf einen förmlichen Plan, aber es fehlte an Lust wie an Mitteln, ihn auszuführen. Auch schien Schiller bei näherem Bedenken selbst, dass eine stille ernste Feier, oder die Gründung einer großen öffentlichen Anstalt, der Empfindung in solch einem Zeitabschnitt angemessener sei, als laute Feste. Nach seiner nur zu treuen Schilderung:

„Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,
Und das neue öffnet sich mit Mord,“

Wurden auch alle nachdenkenden mehr zu Sorge als Lust gestimmt.

Schiller feierte die letzte Stunde des Säkulums bei Goethen, der eben nicht wohl war, im ernsten Gespräch, wie er uns sagte.

Wie gehaltvoll seine tägliche Unterhaltung im häuslichen Zirkel war, wie er alles ihn Umgebende mit Geist und Herz ergriff, stellen folgende Blätter aus einem Tagebuch unsrer Cousine, Christiana von Wurmb, die in der folge die Gattin des Professors und Direktors des Gymnasiums, Abeken, in Osnabrück wurde, lichtvoll dar. Der schöne Verstand und die ernste Richtung des zwanzigjährigen Mädchens interessierten ihn lebhaft, und ihre ausgezeichnet schöne Stimme, wegen deren Ausbildung sie sich einige Zeit in Schillers Hause in Weimar aufhielt, machte ihm großes Vergnügen. Sie machte uns eine schönes Geschenk mit diesen Blättern ihrer treuen sinnigen Erinnerung, die wir wohl unsern Lesern auch höchst willkommen glauben dürfen.


Erinnerungen aus Schillers Gesprächen im Jahre 1801.

Den 4. Februar.

Oft wird dadurch die Erziehung der Prinzen verfehlt, dass man zu genau und zu ängstlich auf sie acht gibt. Man blicke in die Welt: Alles, was Großes da war, ward durch sich selbst, lernte frühzeitig seine eigenen Kräfte kennen. Dadurch, dass man den Prinzen eine allgemeine Bildung geben will, versäumt man eine bestimmte. Man sollte sich gewöhnen, Prinzen nur eine Wissenschaft, eine Kunst auf einmal studieren, ein Talent auf einmal bilden zu lassen, aber ganz als wäre es der einzige Zweck. Man gebe ihnen nicht die leichteste Seite, sondern zeige ihnen gleich das Große, Geistige des Ganzen und lasse sie hier ihre volle Kraft üben. Das, was zu leicht gemacht wird, lernen wir auch leichtsinnig behandeln; das männliche Alter verliert selten die Eindrücke der Jugend, und jede Schwierigkeit scheint uns unüberwindlich.


Den 15. Februar, als ich mit Schiller allein Tee trank.

Die ganze Weisheit des Menschen sollte allein darin bestehen, jeden Augenblick mit voller Kraft zu ergreifen, ihn so zu benutzen, als wäre es der einzige, letzte. Es ist besser, mit gutem Willen etwas zu schnell tun, als untätig bleiben.


Den 20. Februar, als ich mit ihm im Park spazieren ging.

Darum taten die Alten mit ihrer Musik so erfreuliche Wirkungen, weil sie einfach war. Ihre einzelnen Akkorde drangen ans Herz und rührten. Ein gleichförmiger Ton kann die Menschen zum höchsten Grad von Anspannung treiben; darum können sehr reizbare Gemüter nicht die gleichförmige Bewegung eines Handwerkers oder Mechanikus hören; und wie ungleich mehr muss es auf sie wirken, wenn diese gleichförmige Bewegung in der Fülle von Harmonie vernommen wird! Wahrscheinlich ist dies der Grund, warum man bei jeder Art von Einweihung, z.B. in Freimaurer-Logen, diese Art von Musik erwählt, und warum die Alten, ehe sie zum Zweikampf in die Schranken traten, die Trompete in einzelnen Tönen erschallen ließen.


Den 21., als ich erzählte, wie sehr man eine Geschichte von der I*** verschlimmert hätte.

Es ist unglaublich schwer, und beinahe möchte ich sagen, ganz unmöglich, etwas Geschehenes oder Erzähltes ganz und gerade so wieder zu geben, als man es gesehen oder gehört hat. Mit der schönsten reinsten Wahrheitsliebe überlassen wir uns öfters, ohne es zu ahnen, unserem eigenen Gefühle. Und dieses oft liebenswürdige Gefühl für Recht und Unrecht gibt nicht selten unsern Worten einen ganz andern Sinn.


Den ersten März, als ich mit ihm aus der Komödie ging.

Wenn man dreißig Schauspiele sähe, und man fragte sich bei jeder vollendeten Vorstellung: Was hat der Dichter damit sagen wollen? Was war seine Absicht, sein Zweck? Was war Gutes oder Schlechtes daran? Wie hat er dieses oder jenes gehalten? – Wenn man sich so von jeder Szene Rechenschaft gäbe, so wäre es keine Frage, dass man am Ende das einunddreißigste selbst verfertigen könnte. Und zu was für einem großen Grade von Vollkommenheit könnte der Mensch kommen, wenn er es mit allem, was ihm begegnete und was in seiner Seele vorginge, so machte!


Den 3. März, als ich von meiner Lektüre des Gibbon erzählen musste.

Es macht einen ungeheuren Eindruck, wenn man einen Blick auf die Geschichte wirft; wo sich eine halbe Welt herumdrehte, wo Künste und Wissenschaften blühten, sucht der forschende Blick oft vergebens die Stelle, wo alles dieses vorging. Berühmtes Troja! Niemand kann nur noch einen einzigen Stein von dir entdecken. Bei einem solchen Überblick fühlt man sich so klein und nichts bedeutend; und doch empfängt der Geist einen neuen unsichtbaren Schwung; er fühlt eine unendliche Kraft, die auf dieser Sphäre keinen festen Ruhepunkt finden kann, sondern ins Unendliche flieht.


Den 5. März, als ich ihm Kaffee einschenkte.

Billigkeit ist eine schöne, aber seltene Tugend. Oft fehlen die sanftesten Herzen am meisten dagegen. Weil sie mit Innigkeit und Treue an der leidenden Partei hängen, so flösst ihnen alles, was dagegen ist, einen unwillkürlichen Widerwillen ein, und dieses ist oft ein Stein, an dem so oft die Menschheit scheitert.


Den 6. März bei Tisch.

Der Mensch ist verehrungswürdig, der den Posten, wo er steht, ganz ausfüllt. Sei der Wirkungskreis noch so klein, er ist in seiner Art groß. Wie ungleich mehr Gutes würde geschehen, und wie viel glücklicher würden die Menschen sein, wenn sie auf diesen Standpunkt gekommen wären!


Den 8. März, als Ernst mich mit einer wichtigen Miene fragte, wer den Gibbon geschrieben?

Der Geist des Zeitalters ist am deutlichsten an den Kindern zu bemerken, wenn wir aufmerksam genug sind, darauf Achtung zu geben; so z.B. fragt jetzt Ernst im fünften Jahre, wenn er ein Buch liegen sieht, wer es geschrieben hat. Vor dreißig Jahren dachte man kaum im elften daran; genug, das Buch war da, und man glaubte, das müsste so sein. Jetzt gibt sich jeder Bediente mit Lektüre ab, und schreibt am Ende auch wohl selbst; natürlich werden die Kinder hierauf aufmerksam.


Den 9. März, als ich ihm ganz allein den Tee in seiner Stube bereitete und er aufhörte, zu arbeiten.

Es ist schwer, und gehört ein Grad von Kultur und Vollkommenheit dazu, die Menschen so zu nehmen und nicht mehr von ihnen zu verlangen, als in ihren Kräften steht. Es gibt Gemüter, die nie an diesen Stein des Anstoßes geraten; sie sind nicht zum tiefen Denken gewöhnt, sie nehmen, genießen und geben, weil es der Zufall so will. Ist dagegen bei andern Naturen der erste jugendliche Traum verrauscht, wo alles in freundlichem Lichte erscheint, wo man alles umfassen möchte, wo man wähnt, alles, was da ist, sei um unsertwillen da – ist dieser süße Blick verschwunden, dann erscheint uns sogleich alles ernster; der Mensch erscheint uns in andrer Gestalt. Wo wir sonst liebten, bewunderten, anbeteten – da sehen wir oft mit freiem Blick die trüben Quellen. Es gehört ein Grad von Verstand und ein weiches unverdorbenes Herz dazu, dass die Menschenliebe siege.


Den 13. März, als er mich in meinem Fleiß bestärken wollte.

Man sollte sich gewöhnen, den Gedanken fest zu fassen, dass man sich nicht bestreben solle, weniges von vielem zu lernen, sondern weniges, aber ganz. Was man anfängt, man fange es mit voller Seele, mit voller Kraft an; um desto eher ist es geendet, und ganz und mit voller Kraft kann man sich wieder einem andern Geschäft widmen. Man würde weit mehr Zeit gewinnen, wenn es nicht zur Gewohnheit geworden wäre, so viele Dinge als Nebensache zu betrachten, die im Grunde mit viel weniger Zeit, aber ernstlich, besser vollbracht würden.


Den 14. März, als der kleine Ernst sich vor einem Hunde fürchtete und nicht ohne mich über die Straße gehen wollte.

Man könnte den Menschen zum halben Gott bilden, wenn man ihm durch Erziehung alle Furcht zu benehmen suchte. Nichts in der Welt kann den Menschen sonst unglücklich machen, als bloß und allein die Furcht. Das Übel, was uns trifft, ist selten oder nie so schlimm, als das, welches wir befürchteten. Das Tier hat hierin einen Vorzug. Der Ochse, welcher zur Schlachtbank geführt wird, fürchtet nicht eher den Schlag, als bis er trifft. Und auf diesen Grad von Furchtlosigkeit sollte der Mensch durch seinen klaren, hellen Verstand gelangen. Er sollte suchen, das Übel aus dem Wege zu räumen, es aber nicht fürchten.


Den 15. März, als sein kleiner Sohn mich fragte, was im Winde sei? Und ich ihm erzählte, dass ich ihn an den Vater gewiesen.

Man sollte es sich zur heiligsten Pflicht machen, dem Kinde nicht zu früh einen Begriff von Gott beibringen zu wollen. Die Forderung muss von innen heraus geschehen, und jede Frage, die man beantwortet, ehe sie aufgeworfen ist, ist verwerflich. Man sagt dem Kinde öfters im sechsten, siebenten Jahre etwas vom Schöpfer und Erhalter der Welt, wo es den großen schönen Sinn dieser Worte noch nicht ahnen kann und so sich seine eigenen verworrenen Vorstellungen macht. Entweder verhindert man durch dieses zu frühe Erklären den schönen Augenblick des Kindes ganz, wo es das Bedürfnis fühlt, zu wissen, woher es kömmt und wozu es da ist, oder kommt er ja, so ist doch das Kind schon so kalt durch seine vorhergegangenen Ideen geworden, dass man ihm nie wird die Wärme einflößen können, die es gefühlt haben würde, wenn man ihm Zeit bis zu diesem entscheidenden Augenblicke gelassen hätte. Und das Kind hat vielleicht seine ganze Lebenszeit daran zu wenden, um jene irrigen Vorstellungen wieder zu verlieren, oder wenigstens zu schwächen.


Den 16. März auf einem Spaziergange nach Ober-Weimar.

Ein frohes, heitres Gemüt ist die Quelle alles Edlen und Guten; das Größte und schönste, was je geschah, floss aus einer solchen Stimmung. Kleine, düstre Seelen, die nur die Vergangenheit betrauern und die Zukunft fürchten, sind nicht fähig, die heiligsten Momente des Lebens zu fassen, zu genießen und zu wirken, wie sie sollten. Erinnerung scheint ihnen nicht süß und Zukunft nicht tröstend.


Dem 18. März, als er mich in meiner Stube nähend fand.

Es ist ein eigen, seltsam Ding um die gelehrten Frauen. Wenn sie einmal den ihnen angewiesenen Kreis verlassen, so durchfliegen sie mit schnellem ahnendem Blicke unbegreiflich rasch die höheren Räume. Aber dann fehlt ihnen die starke, anhaltende Kraft des Mannes, der eiserne Mut, jedem Hindernis ein ernstes Überwinden entgegen zu setzen, um fest und unaufhaltsam in diesen Regionen fortzuschreiten. Das schwächere Weib hat seinen ersten schönen Standpunkt verloren – sie kann nicht mehr zurück und wird entweder zur eitlen Thörin, oder unglücklich. Und selbst die himmlische Kunst, was kann sie dem zarten Weibe bieten, das diese nicht, sich unbewusst, in stiller Tätigkeit, in stiller Übung ihres hohen heiligen Berufs, in liebender Brust fände? – Und selig der Mann, der ein solches Kleinod zu schätzen weiß und die Freundin seines Herzens bei Arbeiten und häuslichen Beschäftigungen sucht, um sich an ihren anspruchlosen Talenten von seinem mühevollen Streben zu erheitern.


Den 20. März.

Der Mensch sollte sich gewöhnen und es sich zum festen Gesetze machen, keinen Tag hingehen zu lasen, ohne, wäre es auch nur eine Viertelstunde, seine ganze Seelenkraft zu üben und sie auf einen einzigen Punkt zu richten.


Den 21. März, als ich den Wunsch geäußert hatte, so wie die Jagemann singen zu können.

Man sollte beinahe behaupten, dass Neid der menschlichen Natur eigen sei, doch versteht sich, nicht jener gemeine, niedrige, welcher so tief herabwürdigt. Schon die Bewunderung einer Kunst, eines Talents, oder was es sei, führt gewöhnlich den leisen Wunsch mit sich,e s auch zu besitzen. Und durch gute Erziehung ist dieses Gefühl gewiss ein großes Mittel, die menschlichen Kräfte zu einer gewissen Vollkommenheit zu erheben.


Den 22. März, beim Souper, über die Uneinigkeit der Schauspieler.

Auf einer viel höheren Stufe würde die Menschheit schon stehen, wenn alle vereinten Kräfte einen Zweck hätten, wenn nicht so viel verschiedenes Interesse sie trennte. Wie hoch könnte Kunst und Wissenschaft gestiegen sein, würde sie nicht oft durch Sklavenseelen um Gold und Gunst feilgeboten!


Den 23. März.

Gesetze sind der Menschheit wohltätig, mit ihnen ist der Mensch besser und sanfter geworden. Ein großer, nicht zu berechnender Schritt zur Veredlung ist geschehen dadurch, dass die Gesetze tugendhaft sind, wenn freilich auch noch nicht die Menschen. Wo keine Strafe ernst entgegentritt und kein Gewissen mit seinen Forderungen zügelt, halten jetzt die Gesetze der Ehre und des Anstandes in Schranken.


Den 24. März.

Es ist nicht zu berechnen, welchen Vorteil wir hätten, gewöhnten wir uns bestimmt, eine Stunde des Tags unsere Gedanken mit inniger Aufmerksamkeit auf unser Herz, unsere Kräfte, Schwächen und Neigungen zu richten. Haben wir nur erst die Kenntnis von unserm Innern, dann ist ein ernster, ja beinahe der schwerste Schritt zur Vervollkommnung geschehen.


Den 25. März, als ich Tee einschenkte.

Wie selten benutzen und ergreifen die Menschen aus Leichtsinn die köstlichsten Augenblicke mit voller heißer Seele, die nur einmal kommen und unbenützt einen tiefen Stachel in die Seele drücken!


Den 25. März.

Zwei Dinge gehören zur Bildung des Verstandes, ohne welche kein Fortschreiten möglich ist: Ein ernstes Einsammeln von Kenntnissen und eine stete Übung der Kräfte.


Den 26. März beim Tee.

Man sollte so früh als möglich junge Leute gewöhnen, ihre Gedanken und Gefühle auszusprechen; denn diese Mitteilung ist eine Aufforderung zum ernsten Nachdenken. Mitteilung macht unsere oft geahnten Gefühle hell, deutlich und allgemein. Wir gewöhnen uns früh, zu reden und zu hören; unsre Ideen entwickeln sich schneller, unser Urteil wird sicherer, und wir gewöhnen uns schnell, das Große, Ganze eines Gegenstandes mit voller Seele zu umfassen.


Den 27. März.

Der Mensch ist immer schätzenswert, der einen bestimmten Gegenstand ganz und mit heiterer Seele ergreift.


Den 28. März, als ich Tee einschenkte und von meiner Lektüre des Gibbon erzählen musste.

Es ist sonderbar, dass Deutschland nie sein Glück durch Waffen machen konnte; vielleicht ist es ein Beweis, dass der Deutsche einen zu ehrlichen, geraden Sinn besitzt; desto mehr blüheten seit langer Zeit Künste und Wissenschaften und jede Veredlung zarterer Gefühle. Selbst seine Nachahmungssucht ist löblich. Er prüft und untersucht mit strengem Ernst jedes Fremde, und das Bessere steht am Ende immer oben.


Den 1. April, im Park beim Römischen Hause.

Es kommt am ende bei unsern Gefühlen immer auf die Vorstellung unserer Seele an, und das ist ein Beweis, welche hohe, unaufhaltsame Kraft darin liegt. Der reizendste Anblick einer herrlichen Natur ist nichts für einen traurigen Sinn, und eine Wüste schafft sich ein heiteres liebendes Herz zum Himmel. Unser Schmerz und Freude, Glück und Unglück hängt oft von der Stimmung unseres Geistes und auch von unserer Bildung ab. Auf verkehrte Menschen wirkt auch das Schönste, Beste, Erhabenste verkehrt. Bessere und Hellere wissen auch dem Schlechten eine gute Seite abzugewinnen.


Den 3. April beim Kaffee.

Es ist ein großer Stein des Anstoßes, besonders bei Frauen mit ihren leicht gereizten Gemütern, dass sie ihre Forderungen nicht mäßigen und ihrer Einbildungskraft zu weiten Spielraum geben. Der Mensch stellt sich vor seine Seele ein Ideal und sinkt ermattet in die Wirklichkeit zurück, wo er doch so viel sein könnte und sollte.


Den 3. April, als ich mich fürchtete, in Rudolfstadt zu singen.

Ernster, guter Wille ist eine große, die schönste Eigenschaft des Geistes. Der Erfolg liegt in einer höhern, unsichtbaren Hand. Nur die Absicht gibt dem Aufwand von Kräften Wert. Und so erheben wir uns über Lob und Tadel der Menschen.


Den 4. April.

Es gibt Menschen, die immer studieren, immer lernen und im Grunde auch viele Kenntnisse haben; aber sie liegen in einen dunkeln Schleier gehüllt, und es fehlt ihnen an Klarheit, das Eingesammelte ins Leben übertragen zu können, wodurch doch allein alles Wissen erst Wert bekömmt.


Den 5. April.

Dass feste Grundsätze und Tugend unter den Menschen wirklich und kein Traum seien, beweist der Umstand, dass so viele alle Kräfte aufbieten, uns, wenn auch nur durch den schein derselben, zu blenden.


Den 6. April.

Wenn sich die Menschen nur die Mühe nehmen wollten, nur erst alles Schlechte und Gemeine aus dem Wege zu räumen, so würden sie weiter kommen, als wenn sie mit heißen Armen alles Schöne gleich umfassen möchten, und mutlos zurückkehren, wenn es sich ihnen entzieht.


Den 7. April.

Es ist ein ungeheures, namenloses Gefühl, wenn das Innere seine eigene Kraft erkennt, wenn es klarer und immer klarer in ihm wird und unser Geist sich fest und stark erhebt. In uns fühlen wir alles, die Kraft strebt zum Himmel empor und findet ums ich kein Ziel.


Den 8. April.

Es sind die kleinern, engern Gemüter, die so gern jeden verdienten Kummer mit dem Namen eines unerbittlichen Schicksals bezeichnen.


Den 10. April.

Es ist ein großer Augenblick des Lebens, wo der Jüngling über seine künftige Bestimmung entscheidet, wo er sich den eigenen Lebensweg wählt, wo ein mächtiger Entschluss den jungen, vollen Geist ergreift, wo ihm alles zu eng ist und er in die Wolken flieht, um einen Ruhepunkt zu finden.


Im Herbst reiste ich mit Schillers nach Dresden, während meines Mannes Aufenthalt in Petersburg und Moskau. Wir verlebten sehr heitere Wochen auf dem Weinberge Körners, dessen Wohnhaus uns der gütige Freund eingeräumt hatte. In Gesprächen mit seinem Freunde, in der schönen Natur von Jugenderinnerung umweht, war Schiller sehr heiter. Den kleinen Gartensaal, die Wiege des Karlos, sah er mit Vergnügen wieder, und es schien uns, als beschäftigte ihn die Braut von Messina. Er sprach gern von seinen Dichtungsplänen mit uns, deren Ausführung noch fern lag. Von der Braut von Messina hatte er viel gesprochen, und wir fragten oft: Ob die Prinzen von Messina blad einreiten würden? Sobald es ihm mit der Ausarbeitung Ernst wurde, schwieg er darüber.

Das Anschauen der Kunstwerke, besonders der plastischen, im Saal der Mengsschen Abgüsse, erregte und erfreute ihn sehr. Der Torso des so genannten Salbers, im Antikensaale, war die vollkommenste Arbeit in Marmor, die er noch gesehen hatte, er beobachtete sie mit großem Interesse. Die schönen ruhigen Gestalten der so genannten Vestalinnen beim Fackelschein rührten ihn lebhaft. Durch Goethes und Meyers Kunstansichten neuer weckt, fühlte er sich heimatlicher in dieser Antikenwelt, und ihre Anschauung belebte ihn mit neuen Ideen und gab dem schon gefassten, bestimmten Umriss Gefühl und Worte.

Mit einer gewissen wehmütigen Stimmung verließ er Dresden und den Kreis der trefflichen Freunde, als flöge eine Ahnung durch seine Seele, dass er diesen Ort nicht wieder sehen würde. Graf Gessler und Herr von Schönberg, die treuen, liebenswürdigen Hausfreunde, so gehaltvoll an Geist und Herz, waren Schiller sehr wert, und unser Freund Stein und seine Mutter, die eine Zusammenkunft in Dresden hatten, vereinten sich uns im Genuss der Kunst und Natur.

Die Ausführung der Johanna in Leipzig, zu der Schiller mit der Körnerschen Familie reiste, brachte ihm ein lebhaftes Gefühl der Macht seines Talents in einer in den wichtigsten Rollen sehr gelungenen Darstellung zu. Der Enthusiasmus des Publikums äußerte sich auf die rührendste Weise, und der Genuss seiner Freunde an diesem Triumph des Genius brachte ihn Schillern selbst lebendiger ans Herz. Wegen besonderer Verhältnisse der Theaterwelt wurde Johanna von Orleans erst im folgenden Jahre in Weimar auf die Bühne gebracht.

Eine Abendgesellschaft, die sich wöchentlich in Goethes Hause versammelte und aus lauter wohlwollenden und für ihn gleich gestimmten Menschen bestand, erheiterte Schiller sehr. Wir danken ihr einige schöne Gedichte Goethes. Schiller dichtete die vier Weltalter und das Lied an die Freunde. Das Theater gab ihm fortwährend viel Genuss und wirkte belebend und aufklärend auf seine produktive Stimmung. Selbst ein schlechtes Stück gebe ihm viel neue Ansichten, sagte er uns.

Der Ankauf eines kleinen, aber bequemen und freundlich gelegenen Hauses vollendete seine Zufriedenheit in Weimar. Er bewohnte die obere Etage allein. Seine Zimmer hatten die Mittags- und Morgensonne. Ein karmesinseidener Vorhang war vor dem Fenster, an dem sein Arbeitstisch stand, angebracht. Er sagte uns, dass der rötliche Schimmer belebend auf seine produktive Stimmung wirke.

Wie tief ihn der in dieser Zeit erfolgte Tod seiner Mutter betrübte, sehen wir aus folgendem Brief an seine Schwester Reinwald.

Auch die sonderbare Verkettung des Geschicks, als er erfuhr, dass der Tag, wo er sein neues Haus bezog, der Todestag seiner Mutter gewesen, ergriff ihn schmerzlich.

„Liebe Schwester!

[10. Mai 1802]

Ob ich gleich von der Luise keine weitere Nachricht von unserer lieben Mutter erhalten, so kann ich doch nach dem letzten Briefe keine andere erwarten, als die ich längst gefürchtet. Ja, gewiss ist sie längst nicht mehr, die teure Mutter! Sie hat ausgekämpft, und wir müssen es ihr sogar wünschen. O liebe Schwester, so sind uns nun beide leibende Eltern entschlafen, und dieses älteste Band, das uns ans Leben fesselte, ist zerrissen! Es macht mich sehr traurig, und ich fühle mich in der Tat verödet, ob ich gleich mich von geliebten und liebenden Wesen umgeben sehe und euch, ihr guten Schwestern, noch habe, zu denen ich in Kummer und Freude fliehen kann. O, lass uns, da wir drei nun allein noch von dem väterlichen Hause übrig sind, uns desto näher aneinander schließen! Vergiss nie, dass du einen liebenden Bruder hast; ich erinnere mich lebhaft an die Tage unserer Jugend, wo wir uns noch alles waren. Das Leben hat unsere Schicksale getrennt, aber die Anhänglichkeit, das Vertrauen muss unveränderlich bleiben.

Grüße den lieben Bruder herzlich. Ich kann heute nichts weiter schreiben. Lass mich blad einige Worte von Dir hören. Ewig Dein treuer Bruder

S.“


Aus eigener Bewegung wirkte der Herzog von Weimar den Adelsbrief im Jahre 1802 für Schiller aus. Obwohl ihm dieser neue Beweis der Gunst seines Herrn erfreulich sein musste, besonders der Gedanke dabei, das dieser und die edle Herzogin hierdurch den Wunsch offenbarten, ihn und seine Frau bei allen Gelegenheiten in ihrer Nähe zu sehen, so furchten doch einige Bedenklichkeiten seine Stirn bei dem Antrag.

Dass seien älteren Freunde ein Abweichen von der schlichten Sinnesart, in der er bis jetzt, ohne allen Anspruch an Äußerlichkeiten des Lebens gewandelt, in diesem Schritt finden könnten, war ihm ein unerfreulicher Gedanke. Doch keiner verkannte ihn.

Ü   Þ


1) Sie starb als Erbgroßherzogin von Mecklenburg im Jahre 1816. ­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de