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Neunter Abschnitt
Rückkehr nach Jena. Die Horen. Verbindung mit Goethe.

Schiller kehrte nach Jena zurück, voll von dem entworfenen und nun reif gewordenen Plan, die vorzüglichsten Schriftsteller Deutschlands zu einer Zeitschrift zu vereinigen, die alles übertreffen sollte, was jemals von dieser Gattung existiert hatte. Ein unternehmender Verleger war dazu gefunden, und die Herausgabe der Horen wurde beschlossen. Die Thalia war mit dem Jahrgang 1793 geendigt worden. Für die neue Zeitschrift eröffneten sich sehr günstige Aussichten, und auf die Einladung zur Teilnahme erfolgten von allen Seiten viel versprechende Antworten.

Als Schiller wieder in Jena eintraf, hatte es an Reiz für ihn gewonnen, da Wilhelm von Humboldt mit seiner Frau sich jetzt dort aufhielt. Im lebendigsten Ideenwechsel, in vertrauter Freundschaft wurde ihm das Leben anmutiger und reich an tausendfältigen Blüten des Geistes. Alle Abende verstrichen den Freunden unter philosophischen und ästhetischen Gesprächen, die sich oft bis spät in die Nacht hineinzogen. Einen Begriff des viel umfassenden Reichtums dieser Unterhaltungen gibt der Briefwechsel, der diesen Blättern folgen soll.

In diese Zeit fällt auch der Anfang des schönen und nachher immer fester geknüpften Bundes zwischen Goethe und Schiller, der beiden den Wert des Lebens erhöhte. Auf die Einladung zur Teilnahme an den Horen besuchte Goethe Schiller in Jena, und in einem Gespräch entstand die Annäherung, die wir so lange gewünscht hatten. Es war eine merkwürdige Stunde, über die ein günstiges Geschick den reichsten Segen ausschüttete. Aus dem vertrauten freundschaftlichen Verkehr solcher Geister mussten die edelsten Früchte hervorkeimen. Keine Nation, keine Periode der Literatur bietet uns einen so schönen, aus echter, reiner Begeisterung für Wahrheit und Schönheit entsprungenen Verein, ein so inniges, neidloses Zusammenstreben nach dem höchsten Ziele dar; und auch als Muster des deutschen Nationalsinns, der das Große und Wesentliche rein zu ergreifen und sich aller kleinlichen Beziehungen zu entschlagen vermag, kann dieses Verhältnis gelten, dem in einer vieljährigen Korrespondenz die gediegenste, schönste Darstellung wurde.

Goethes freundlichem und liebenswürdigem Einfluss auf Schillers Lebensweise verdankten wir es auch, dass dieser wieder mehr Vertrauen zu seiner Gesundheit gewann und sich regelmäßiger dem Schlafe und der gewöhnlichen Ordnung des Tages überließ. Die Freude an der Unterhaltung mit Goethe bewog ihn jetzt öfter zu einem wohltätigen Ausflug nach Weimar; und die anmutige scherzhafte Weise, mit der der Freund den Eigenheiten des krankhaften Zustandes bald auswich, bald nachgab, diente oft, diese zu beseitigen oder zu mildern.

Schiller schrieb über das glückliche Ereignis dieser näheren Bekanntschaft im Sommer 1794 seinem Freunde Körner:

„Bei meiner Zurückkunft (von einer damaligen kleinen Reise) fand ich einen sehr herzlichen Brief von Goethe, der mir mit Vertrauen entgegen kommt. Wir hatten vor sechs Wochen über Kunst und Kunsttheorie ein Langes und Breites besprochen und uns die Hauptideen mitgeteilt, zu denen wir auf ganz verschiedenen Wegen gekommen waren. Zwischen diesen Ideen fand sich eine unerwartete Übereinstimmung, die umso interessanter war, weil sie wirklich aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunkte hervorging. Ein jeder konnte dem andern etwas geben, was ihm fehlte, und etwas dafür empfangen. Seit dieser Zeit haben diese ausgestreuten Ideen bei Goethe Wurzel gefasst, und er fühlt jetzt ein Bedürfnis, sich an mich anzuschließen und den Weg, den er bisher allein und ohne Aufmunterung betrat, mit mir fortzusetzen. Ich freue mich sehr auf einen für mich so fruchtbaren Ideenwechsel. –

Ich werde künftige Woche auf vierzehn Tage nach Weimar reisen und bei Goethe wohnen. Er hat mir so sehr zugeredet, dass ich mich nicht weigern konnte, da ich alle mögliche Freiheit und Bequemlichkeit bei ihm finden soll. Unsere nähere Berührung wird für uns beide entscheidende Folgen haben, und ich freue mich innig darauf. –

Wir haben eine Korrespondenz miteinander über gemischte Materien beschlossen, die eine Quelle von Aufsätzen für die Horen werden soll. Auf diese Art, meint Goethe, bekäme der Fleiß eine bestimmte Richtung, und ohne zu merken, dass man arbeite, bekäme man Materialien zusammen. Da wir in wichtigen Sachen einstimmig und doch so ganz verschiedene Individualitäten sind, so kann diese Korrespondenz wirklich interessant werden.“

Mit dem folgenden Jahre 1795 beginnt bei Schiller eine neue Periode der poetischen Fruchtbarkeit. So sehr ihn auch die neue Zeitschrift beschäftigte, so entstanden doch gleichwohl mehrere Gedichte, die teils in die Horen, teils in den Musenalmanach aufgenommen wurden, dessen Herausgabe Schiller unternahm. Das Reich der Schatten, oder das Ideal und das Leben, die Elegie, oder der Spaziergang, und die Ideale waren Produkte dieses Jahres. Die Elegie hielt Schiller für eines seiner gelungensten Werke.

„Mir deucht,“ schrieb er darüber, „das sicherste empirische Kriterium von der wahren poetischen Güte meines Produkts dieses zu sein, dass es die Stimmung, worin es gefällt, nicht erst abwartet, sondern hervorbringt, also in jeder Gemütslage gefällt. Und dies ist mir noch mit keinem meiner Stücke begegnet, als mit diesem.“

Über die Ideale findet sich folgende Äußerung von ihm:

„Dies Gedicht ist mehr ein Naturlaut, wie Herder es nennen würde, und als eine Stimme des Schmerzens, die kunstlos und vergleichsweise auch formlos ist, zu betrachten. Es ist zu individuell wahr, um als eigentliche Poesie beurteilt werden zu können; denn das Individuum befriedigt dabei ein Bedürfnis, es erleichtert sich von einer Last, anstatt dass es in Gesängen von anderer Art, von einem Überfluss getrieben, dem Schöpfungsdrang nachgibt. Die Empfindung, aus der es entsprang, teilt es auch mit, und auf mehr macht es, seinem Geschlecht nach, nicht Anspruch.“

„Das Reich der Schatten,“ schreibt er ferner, „ist, mit der Elegie verglichen, bloß ein Lehrgedicht. Wäre der Inhalt so poetisch ausgeführt worden, wie der Inhalt der Elegie, so wäre es in gewissem Sinn ein Maximum gewesen. – Und das will ich versuchen, sobald ich Muße bekomme. Ich will eine Idylle schreiben, wie ich hier eine Elegie schrieb. Alle meine poetischen Kräfte spannen sich zu dieser Energie an – das Ideal der Schönheit objektiv zu individualisieren, um daraus eine Idylle in meinem Sinn zu bilden. Ich teile nämlich das ganze Feld der Poesie in die naive und die sentimentalische. Die naive hat gar keine Unterarten (in Rücksicht auf die Empfindungsweise nämlich), die sentimentalische hat ihrer drei: Satire, Elegie, Idylle. In der sentimentalischen Dichtkunst (und aus dieser heraus kann ich nicht) ist die Idylle das höchste, aber auch das schwierigste Problem. Es wird nämlich aufgegeben, ohne Beihilfe das Pathos einen hohen, ja den höchsten poetischen Effekt hervorzubringen. Mein Reich der Schatten enthält dazu nur die Regeln; ihre Befolgung in einem einzelnen Fall würde die Idylle, von der ich rede, erzeugen. Ich habe ernstlich im Sinn, da fortzufahren, wo das Reich der Schatten aufhört. Die Vermählung des Herkules mit der Hebe würde der Inhalt meiner Idylle sein. Über diesen Stoff hinaus gibt es keinen mehr für den Poeten, denn dieser darf die menschliche Natur nicht verlassen, und eben von diesem Übertritt des Menschen in den Gott würde diese Idylle handeln. Die Hauptfiguren wären zwar schon Götter, aber durch Herkules kann ich sie noch an die Menschheit anknüpfen, und eine Bewegung in das Gemälde bringen. Gelänge mir dieses Unternehmen, so hoffte ich dadurch mit der sentimentalischen Poesie über die naive selbst triumphiert zu haben.

„Eine solche Idylle würde eigentlich das Gegenstück der hohen Komödie sein und sie auf einer Seite (in der Form) ganz nahe berühren, indem sie auf der andern und im Stoff das direkte Gegenteil davon wäre. Die Komödie schließt nämlich gleichfalls alles Pathos aus, aber ihr Stoff ist die Wirklichkeit: Der Stoff dieser Idylle ist das Ideal. Die Komödie ist dasjenige in der Satire, was das Produkt quaestionis in der Idylle (diese als ein eigenes sentimentalisches Geschlecht betrachtet) sein würde. Zeigt es sich, dass eine solche Behandlung der Idylle unausführbar wäre – dass sich das Ideal nicht individualisieren ließe – so würde die Komödie das höchste poetische Werk sein, für welches ich sie immer gehalten habe, bis ich anfing an die Möglichkeit einer solchen Idylle zu glauben.

Denken Sie sich aber den Genuss, in einer poetischen Darstellung alles Sterbliche ausgelöscht, lauter Licht, lauter Freiheit, lauter Vermögen – keinen Schatten, keine Schranken, nichts von dem allen mehr zu sehen. – Mir schwindelt, wenn ich an diese Aufgabe, wenn ich an die Möglichkeit ihrer Auflösung denke. Ich verzweifle nicht ganz daran, wenn mein Gemüt nur erst ganz frei und von allem Unrat der Wirklichkeit recht rein gewaschen ist; ich nehme dann meine ganze Kraft und den ganzen ätherischen Teil meiner Natur noch auf einmal zusammen, wenn er auch bei dieser Gelegenheit rein sollte aufgebraucht werden. Fragen Sie mich aber noch nichts. Ich habe bloß noch ganz schwankende Bilder davon, und nur hier und da einzelne Züge. Ein langes Studieren und Streben muss mich erst lehren, ob etwas Festes, Plastisches daraus werden kann.“

Unter den ausgezeichneten Männern, die Schiller zur Teilnahme and en Horen einlud, war auch Kant. Dieser antwortete in folgendem Brief:

Königsberg, den 30. März 1795

„Hochzuverehrender Herr! Die Bekanntschaft und das literarische Verkehr mit einem gelehrten und talentvollen Mann wie Sie, teuerster Freund, anzutreten und zu kultivieren, kann mir nicht anders als sehr erwünscht sein. – Ihr im vorigen Sommer mitgeteilter Plan zu einer Zeitschrift ist mir, wie auch nur kürzlich die zwei ersten Monatsstücke, richtig zu Händen gekommen. – Die Briefe über die ästhetische Menschenerziehung finde ich vortrefflich und werde sie studieren, um Ihnen meine Gedanken hierüber dereinst mitteilen zu können. – Die im zweiten Monatsstück enthaltende Abhandlung über den Geschlechtsunterschied in der organischen Natur kann ich mir, so ein guter Kopf mir auch der Verfasser zu sein scheint, doch nicht enträtseln. Einmal hatte die A. L. Z. sich über einen Gedanken in den Briefen des Herrn Hube aus Thorn (die Naturlehre betreffen) von einer ähnlichen, durch die ganze Natur gehenden Verwandtschaft mit scharfem Tadel (als über Schwärmerei) ausgehalten. Etwas dergleichen läuft einem zwar bisweilen durch den Kopf, aber man weiß nichts daraus zu machen. So ist mir nämlich die Natureinrichtung: Dass alle Besamung in den beiden organischen Reichen zwei Geschlechter bedarf, um ihre Art fortzupflnazen, jederzeit als erstaunlich und wie ein Abgrund des Denkens für die menschliche Vernunft aufgefallen, weil man doch die Vorsehung hierbei nicht, als ob sie diese Ordnung gleichsam spielend, der Abwechselung halber, beliebt habe, annehmen wird, sondern Ursache hat, zu glauben, dass sie nicht anders möglich sei, welches eine Aussicht ins Unabsehliche eröffnet, woraus man aber schlechterdings nichts machen kann, so wenig wie aus dem, was Miltons Engel dem Adam von der Schöpfung erzählt: ‚Männliches Licht entfernter Sonnen vermischt sich mit weiblichem zu unbekannten Endzwecken.’ – Ich besorge, dass es Ihrer M. S. Abbruch tun dürfte, dass die Verfasser darin ihre Namen nicht unterzeichnen und sich dadurch für ihre gewagten Meinungen verantwortlich machen; denn dieser Umstand interessiert das lesende Publikum gar sehr.

Für dies Geschenk sage ich also meinen ergebensten Dank; was aber meinen geringen Beitrag zu diesem Ihrem Geschenk fürs Publikum betrifft, so muss ich mir einen etwas langen Aufschub erbitten, weil, da Staats- und Religionsmaterien jetzt einer gewissen Handelssperre unterworfen sind, es aber außer diesen kaum noch, wenigstens in diesem Zeitpunkt, andere, die große Lesewelt interessierende Artikel gibt, man diesen Wetterwechsel noch eine Zeitlang beobachten muss, um sich klüglich in die Zeit zu schicken.

Herrn Professor Fichte bitte ich ergebenst meinen Gruß und meinen Dank für die verschiedenen mir zugeschickten Werke von seiner Hand abzustatten. Ich würde dieses selbst getan haben, wenn ich nicht, bei der Mannigfaltigkeit der noch auf mir liegenden Arbeiten, die Ungemächlichkeit des Altwerdens drückte, welche denn doch nichts mehr als meinen Aufschub rechtfertigen soll. – Den Herren Schütz und Hufeland bitte gleichfalls gelegentlich meine Empfehlung zu machen.

Und nun, teuerster Mann! Wünsche ich Ihren Talenten und guten Absichten angemessene Kräfte, Gesundheit und Lebensdauer, die Freundschaft mit eingerechnet, mit der Sie den beehren wollen, der jederzeit mit vollkommener Hochachtung ist Ihr ergebenster treuer Diener

J. Kant.“

Auch durch den Musenalmanach, den Schiller im Jahr 1795 herausgab, erblühte ein reges Leben in der Poesie. Viel Bedeutendes entstand und freute sich unter dieser Aegide seiner Erscheinung. Es war merkwürdig und gewährte oft eine heitere Unterhaltung, Talente und Stimmungen aus allen Ecken Deutschlands in den eingesendeten Produkten kennen zu lernen.

Herders Anteil an den Horen und Almanachen und dessen offenes freundschaftliches Verhältnis zu Schiller stellen folgende Briefe, die wir aus mehreren andern wählten, dar; jede Mitteilung dieses edlen Geistes ist der Aufbewahrung wert.

Herder an Schiller

„Die Mitteilung Ihrer Gedichte wird mich sehr erfreuen; wie ich denn auch auf Ihr Urteil über die Stanzen begierig bin, es falle aus, wie es wolle. Sie können diese Gattung nicht mehr lieben, als ich sie in Italien geliebt habe. Nichts als Sonnetti und ottave rime klangen in meinem Ohr; reine, regelmäßige Stanzen werden uns aber im Deutschen sehr schwer, und mich dünkt, sie müssen regelmäßig sein, sonst geht der Zweck der Stanze, die wie eine Glocke forttönen soll, verloren.

Leben Sie aufs schönste wohl. Mein Homer kömmt bald zu Ihnen. Vale cum tua.

Den 12. August.

H.“


„Aber was trauen Sie mir über den Reim zu? Ich ein Feind desselben? Ich hätte Angriffe auf ihn getan? Da ich mir einbilde, nicht etwa nur Ariost und alle italienischen Dichter (Reimer), sondern auch jede Gattung Reimgedichte mit einer Liebe genannt und charakterisiert zu haben, in der mich niemand übertreffen sollte. Bis in die Mönchspoesie geht diese meine Liebe zum Reim, dem ich nachlaufe, der mir oft tagelang nicht aus dem Ohr kommt! – Mein Thema gab mir nur auf, dem Unterschiede der alten und neuen Poesie in seinen Quellen nachzuforschen; und da suchte ich insonderheit einige Quellen schärfer zu bezeichnen, als man, schlendernd durch die Geschichte, gewöhnlich tut. In den 6. Th. Der zerstreuten Blätter sollen ‚Jugendreime’ nach Herzenslust kommen, in mehreren Gattungen und Arten: Proben, wie artig ich einst gereimt habe. – Also kündigen Sie mir keinen Krieg an. – Ihre Reime zumal! Bei Ihnen spinnen sich wie Seiden- und Goldfäden Reim’ und Gedanken, wie eben diese Klage der Ceres zeiget.

Für Ihre Gedichte sage ich Ihnen den verbindlichsten Dank. Sie haben mich mit ihnen nicht nur überrascht, sondern mit Freude und Gedanken recht überströmt. Ihre Muse arbeitet so glücklich, dass man zuweilen erschrickt, so tiefe, hohe und wiederum so zarte Gedanken und Empfindungen dergestalt tief und wunderbar glücklich der Sprache eingegraben zu sehen. Oft kommt sie wie ein gewaffnetes Kriegsheer; zu andrer Zeit schweben sie wie Genien vorüber.

In der Würde der Frauen ist einiges schön geändert. Der Abend ist sehr schön. Unter den Epigrammen sind Kolumbus, Die Dichter der Alten und Neuen Welt, Archimed, Karthago, Das Kind, Der beste Staat, Ausgang aus dem Leben, Der Metaphysiker, Proselytenmacher, Kaufmann, Ritter, Schüler, jedes in seiner Art, vortrefflich; um den Odysseus habe ich Sie der Simplizität wegen beneidet. Auch die Stanzen sind schön – Über einige Epigramme erlauben Sie mir eine kleine Anmerkung.

Im Dichter der Alten und Neuen Welt sind die zwei letzten zwei Verse etwas zu künstlich verschränkt. Könnten sie nicht etwas natürlicher dastehen, zumal da eine Parenthese vorangeht? Der Gedanke ist leider so wahr und treffend.

Bei Archimed skandieren Sie Syrakus, welches durchaus nicht angeht. Syrakus (00-) heißt’s, und das us ist doppelt lang, nicht bloß des griechischen Diphthongs und der entschiedenen Aussprache, sonder selbst des abgeschnittenen Syracusae wegen; daher ich beim ersten Vers anfangs wirklich glaubte, dass ein Fuß zu viel sei. Das Epigramm hört vor den zwei letzten Versen auf, und das letzte Bild oder Gleichnis kommt unerwartet und gleichsam zu viel, insonderheit da das doppelsinnige Früchte zu einem ganz fremden Bilde führt.

In Schön und Erhaben scheint mir die Darstellung den vortrefflichen Sinn nicht zu erschöpfen. Steht der erhabene Genius nur am Grabe, uns hinüber zu tragen, so gehet er dem schönen nicht während des Lebens hilfreich zur Seite. Und wir bedürfen sein im Leben vielleicht mehr als zuletzt. Sie werden die Idee viel schöner, energischer wenden.

In Zenith und Nadir steht der mathematische Begriff entgegen, der eine eiserne Festigkeit äußerer Bestimmung mit sich führet. Wo ich auch sei, durch die beiden Punkte bin ich ans Weltall angespießt, wie der Hase am Spieß; da gilt es nicht mehr laufen; da kann weder Wille noch Tat sich richten oder bewegen. Ich werde begraben.

Die Elegie ist eine Welt von Szenen, ein fort gehendes, geordnetes Gemälde aller Szenen der Welt und Menschheit. Wenn sie gedruckt ist, soll sie mir eine Landkarte sein, die ich an die Wand schlage. Der Faden, der durchs Labyrinth führet, ist zwar sehr leise gezogen, man kommt indessen doch mit ihm durch. Die Verse sind sehr gut gearbeitet, und die Sprache ist ungeheuer glücklich. Die wildesten Stellen sind bis zum Erschüttern wahr, und so neu gesagt! – Die Vollendung solcher Stücke muss Ihnen viel Freude bringen.

Auch für die neuen Stücke in den Horen muss ich Ihnen besonders noch danken. Der philosophische Egoist, Weisheit und Klugheit, insonderheit Natur und Schule enthalten treffliche Gedanken, und Das Bild zu Sais tut mir jetzt ganz Genüge. Überhaupt, dünkt mich, geht mit diesem Stück der Horen eine andere Hora an. Auch Schwarzburg ist ein schönes Stück, voll Wohlklang und glücklicher Bilder. Schade, dass ihm eine etwas lichtere Auszeichnung des fortstrebenden Plans fehlt. Einige der andern Stücke habe ich noch nicht gelesen.

Hier ist ein Manuskript, dem ich im November eine Stelle wünschte. Darf ich auch im Dezember zu einem nicht eben zu langen Stücke eine in Anspruch nehmen? Der Inhalt ist von der Art, dass ich ihn noch gern in dieses Jahr, in seine letztes Stück wünschte; auch der Abwechselung wegen. Ich schicke es bald hinüber. – Leben Sie wohl und nehmen nochmals von mir und meiner Frau den wärmsten Dank an für das Vergnügen und die hohe Freude, die uns Ihre Stücke gewährt haben. Dem holden und leiben Wesen an Ihrer Seite die schönste Empfehlung.

W. den 10. Oktober 1796

H.“


„Dank Ihnen für Ihre schöne und reiche Abhandlung. Sie hat mir und den beiden Frauen, denen ich sie vorlas (Frau v. Stein und meiner Frau) unsägliches Vergnügen gemacht. Gedruckt, wollen wir sie noch einmal zusammen lesen. – Ihr Grundsatz ist so groß und so wahr, die Entwickelung führt so hoch und so tief; sie tröstet und gibt Mut; sie belebt die Schöpfung umher und strahlt ihr Bild in uns zu dem Zweck, der uns obliegt, so lieblich, dass viele, viele Ihnen danken werden. Dabei ist sie so schön und beredet geschrieben, dass wenige Worte (die verzwickten Zusammensetzungen der Kantischen Philosophie, Erinnerungsinteresse u. dergl.) ausgenommen, sie eine sehr edle Präzision und bei einer schneidenden Schärfe eine wohltätige Gutmütigkeit charakterisieret.

Ich habe nur wenige Striche gemacht. Zuerst haben sei unsre Teilnahme and er Kunst und Natur, auch als moralisch betrachtet, etwas zu wehmütig, wie mich dünkt, angegeben. Diese Wehmut mischt sich bei, ist aber nicht Hauptempfindung.

Zweitens. Die Antwort des Wilden war: Warum schlägt Gott den Teufel nicht tot? – Dies ist der Hauptzug des Naiven. Der Missionär hatte ihm von der Allmacht Gottes, dass er den Teufel geschaffen, dass dieser ihm jetzt so viel Possen mache und unaufhörlich das Spiel, auch durch seinen Sohn gespielt, verderbe, gesprochen; darauf fragt der Wilde –

Drittens. Der Griechen minderes Gefühl an der Natur wäre in Ausdrücken auch ein wenig zu mildern.

Doch davon wäre mehr zu sagen. Vollenden Sie nur hübsch Ihre Abhandlung; und wenn Sie es erlauben, schreibe ich einen Brief an Sie über diese Abhandlung. So kommt in die Horen doch auch einige Bewegung.

Sollte Lady Macbeth ins Naive gehören? Der schwerste Stein drückt sie – sie muss reden.

Verzeihen Sie und brauchen die paar Anmerkungen nach Belieben. Am Ganzen habe ich so wenig auszusetzen, dass ich vielmehr äußerst befriedigt bin und danke.

Leben Sie schönstens wohl. Meine Frau empfiehlt sich Ihrer Frau Gemahlin und der Frau von Lengefeld ergebenst. Nochmals mein gratias.

Den 21. Oktober 1795.

H.“


Welchen Anteil der Koadjutor von Dalberg an dem Unternehmen und Fortgang der Horen nahm, zeigen folgende Briefe. Ohne Rücksicht auf die Zeit, in der sie geschrieben wurden, wie sie durch Geist und Empfindung verbunden sind, teilen wir dieselben mit, als ein Zeugnis des höheren Geisteslebens dieses seltenen Mannes, das sich bei allem Drange der Geschäfte und unter allen Stürmen des Geschickes gleich blieb.

„Hochwohlgeborener Herr! In Ihrem Reich der Schatten wohnen die guten Menschen in den besten Augenblicken des Lebens; aber Schillers hoher Genius ist der erste, der dieses Reich mit ästherischen Farben malte. Das Gemälde vom Tanz ist reiner Ausdruck desjenigen, was ich oft als Zuschauer lebhafter Reihen empfand; Natur und Schule ist ebenso zart empfunden, als tief gedacht und höchst lehrreich. Diese schönen Blumen Ihrer Dichtkunst haben mich herzlich erfreut.

In meinem beiliegenden Aufsatze ist guter Wille das Beste. Ich bitte Ihre fürtreffliche Gemahlin von meiner aufrichtigen Verehrung zu versichern.

Ich bin mit vollkommener Hochachtung Ihr ergebenster Diener

Erfurt, den 5. September 1795

Dalberg.“


„Hochgeehrtester Herr! Die Elegie im zehnten Stück ist höchst malerisch, rührend und geistvoll. Wohl dünkte mir, sie ersteige allmählich die Höhen des lyrischen Gesangs, der in gedrängtem Blick das Unermessliche darbietet und dann den rauschenden Strom über Klippen und Felsen herabstürzt; aber bald lenkte der sanftere Pfad wieder in das mildere begrenzte Tal der Elegie zurück.

Würdiger, fürtrefflicher Mann! Vertrauter der geistigen Schönheit! Lassen Sie sich durch kalten geschmacklosen Tadel nicht irre machen! Folgen Sie den himmlischen Eingebungen Ihrer Muse, so oft sie, wie bisher, mit Wahrheit und Tugend so schön harmoniert. Kenner und Nachwelt werden es Ihnen danken.

Ich bin mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebenster aufrichtiger Diener

Erfurt, den 12. November 1795.

Dalberg, K.“


Hochwohlgeborener, hochgeehrtester Herr Hofrat!

Bei meiner Rückkunft nach langer sorgenvoller Abwesenheit fand ich hier in Ihren Geschenken wahre Stärkung des Geistes. In der jährlichen Blumenlese sind manche herrliche Stücke. Was nun die Fehden anlangt, so bin ich aus Neigung und Beruf ein Freund des Friedens; doch denk’ ich auch, dass es eben nicht übel ist, den Parnaß unserer Zeiten zu reinigen; und wenn mancher sich durch Laune und vielleicht etwas Mutwillen misshandelt fühlt, so wird er sich wehren. Wäre der andere Krieg, der so viel Menschenblut kostet, doch nicht von schlimmern Folgen! Dass so viele mit mir in Schwaben, Franken und am Rheinstrome unglaublich vieles verloren haben, will ich nicht erwähnen; aber Gräueltaten, Verstimmung, Entweihung der Menschheit! So mancher Anblick in Schwaben und Franken auf meiner Durchreise! Doch darf der wahre Mut niemals wanken; umso kraftvoller und lauterer müssen Freunde der Tugend und Wahrheit bei jeder Gelegenheit handeln und sprechen! Am Ende bleibt dasjenige wahr, was Sie, fürtrefflicher Mann! In Ihren Idealen so schön gesagt haben. Der Fleiß der Rechtschaffenen wirkt langsam, aber sicher, und Freundschaft ist lindernder Trost. Nur dann wünsch ich mir ein besseres Schicksal, wenn ich hoffe, dereinst meinen Freunden zu dienen.

Ich bin mit ausnehmender Hochachtung Ew. Hochwohlgeboren ergebenster Diener und aufrichtiger Freund

Erfurt, den 6. November 1795

Dalberg, K.“


„Hochwohlgeborener, hochgeehrtester Herr!

Meine Abreise war Ursache, dass ich die Danksagung verzögert habe für die Freude, so die Abhandlung über den Nutzen ästhetischer Sitten in mir erregt hat. Einseitige, trockene Metaphysiker wollen nicht begreifen, dass die stolze Vernunft ebenso wohl als das sanft und edel empfindende Herz, ebenso wohl als der kräftig ausführende Wille einem höchsten allumfassenden Gesetz unterworfen ist, dem Gesetz nämlich der möglichsten Vollkommenheit. Die Befolgung dieses Gesetzes besteht in der harmonischen Eintracht zwischen der denkenden Vernunft, dem empfindenden Herzen und dem ausführenden Willen. Dieses Gesetz gibt der menschlichen Seele die Vorschrift: „Sei einig mit dir selbst,“ mithin folge dein Wille den unwandelbaren Wahrheiten, die deine Vernunft erkennt. Aber dein Wille erfülle auch alle diejenigen Wünsche des Herzens, die rein sind und mit den Vorschriften der Vernunft nicht in Widerspruch stehen. Der finstere, sich selbst quälende, sich unschuldige Freuden versagende Grübler ist ebenso wohl auf einem (obgleich verschiedenen) Abwege vom höchsten Gesetz harmonischer Vollkommenheit, als der unbesonnene Schwelger. Wäre es mir doch gegeben, die tief empfundene Wahrheit mit Schillerischem Geist und Anmut darzustellen! Sie ist Schlussstein aller menschlichen Weisheit!

Ihre seltenschöne Freundschaftsverbindung mit Goethe gereicht beiden zum höchsten Beweis reiner und erhabener Gesinnungen.

Ich bin mit vollkommener Hochachtung Ew. Hochwohlgeboren ergebenster Diener

Auf der Reise nach Mörsburg und Konstanz, den 11. Mai 1796

Dalberg.“


„Hochwohlgeborener Herr! Gewiss ist jede Darstellung (der Verhältnisse, die zwischen Menschen, wie sie sind, und der möglichst reinen Vernunft bestehen) entweder satirisch oder idyllisch oder elegisch. Nun öffnet sich meinem Blick ein unermessliches Feld. Alle Kunstwerke erscheinen mir in lichtvoller Ordnung. Ich habe einen sichern Prüfstein des Zweckmäßigen, und diesen dank ich dem edlen, fürtrefflichen Manne, der tief eindringenden Scharfsinn und allumfassenden Blick mit dem erhabensten, zartesten Schönheitsgefühle vereinigt. Nun bitte ich zu prüfen, ob folgende Vorschrift allgemein wahr ist: Der Schriftsteller, der Redner und Künstler stelle deutlich, kurz und bestimmt den Grundsatz der reinen Vernunft auf, der die Richtschnur desjenigen Stoffs ist, den er bearbeitet; er male das Wirkliche, Reinste, Selbständige, das in seinem Stoff liegt, mit den glühendsten, lebhaftesten Farben aus und überlasse dem Leser, Zuhörer, Anschauer, die logischen Verbindungen und diejenigen Verstandesbegriffe selbst zu finden, in welchen der Schluss des Syllogismus, der Zusammenhang zwischen dem allgemeinen und der reinen Vernunft und dem Einzelnen des Sinnlichen besteht – so erkläre ich mir, was Voltaire so richtig sagt: le secret d’ennuyer est celui de tout dire. Der Genuss des Lesers, Zuhörers, Anschauers besteht im Bewusstsein eigener, durch das Kunstwerk geweckter und nun selbst angewandter Kräfte! – Und so, dünkt mir, kann jede Ausführung am besten satirisch anfangen, elegisch fortgehen, idyllisch enden. So ist der Gang des Menschen; er fühlt Widerspruch, kämpft für Tugend und Wahrheit und wird durch sie beruhigt. Freilich ist jedem Stoff ein Hauptcharakter eigen, der herrschend ist, aber das Wesentlich sollte doch in jedem Ganzen wenigstens als Schatten der Satire, als Mitteltinte der Elegie, als Licht der Idylle durchschimmern; sonst hat das Bild keine Haltung.

Das alles unterwerf’ ich Ihren tiefen Einsichten und bin mit vollkommener Hochachtung Ew. Hochwohlgeboren ergebenster Diener

Erfurt, den 16. 1796

Dalberg.“


Im Jahre 1794 hatte Schiller eine Revision seiner Gedichte vorgenommen, und aus der Weise, wie er sich damals über poetische Erzeugnisse äußerte, wird die Strenge begreiflich, mit der er seien früheren Produkte behandelte. In einem Brief, den er in jenem Jahr an Körner schrieb, findet sich folgende Stelle:

„Vor dieser Arbeit (dem Wallenstein) ist mir ordentlich angst und bang, denn ich glaube mit jedem Tage mehr zu finden, dass ich eigentlich nichts weniger vorstellen kann, als einen Dichter, und dass höchstens da, wo ich philosophieren will, der poetische Geist mich überrascht. Was soll ich tun? Ich wage an diese Unternehmung sieben bis acht Monate von meinem Leben, das ich Ursache habe sehr zu Rate zu halten, und setzte mich der Gefahr aus, ein verunglücktes Produkt zu erzeugen. Was ich im Dramatischen zur Welt gebracht, ist nicht sehr geschickt, mir Mut zu machen. Im eigentlichsten Sinne des Worts betrete ich eine mir ganz unbekannte, wenigstens unversuchte Bahn; denn im Poetischen habe ich seit drei bis vier Jahren einen völlig neuen Menschen angezogen.“

Der belebende Einfluss, den ich solchen Momenten der Mutlosigkeit, die wohl größtenteils aus physischem Übelbefinden entsprang; von Goethe auf Schiller geübt ward, spricht sich in der Korrespondenz, die wir in der Hand jedes auf literarische Bildung Anspruch machenden Deutschen vermuten dürfen, hinlänglich aus. Was einer dem andern war und schuldig ist, das erkannten diese edlen Geister, und die gestehen es einander aufrichtig und dankbar.

Die ästhetischen Studien wurden durch beider Freunde gleich hohen Sinn beseelt, Dichtungen aller Art gediehen in der belebenden Wärme der Freundschaft; sie beide empfingen

Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit;

Und ihrer eng verflochtenen Tätigkeit verdankt das Vaterland unsterbliche Werke, die schönsten Blüten im Gebiete seiner Kunst.

„Das Trauerspiel,“ sagt Körner, „war indessen die Heimat, zu der Schiller aus jeder Stimmung bald wieder zurückkehrte.

„Aus der Geschichte der türkischen Belagerung von Malta hatte er einen Stoff sich ausgedacht, wobei er viel von dem Gebrauch des Chores erwartete. Von diesem Stück – den Rittern von Malta – findet sich der Plan in Schillers Nachlasse, und die Ausführung wurde damals nur aufgeschoben, da er sich im Mai 1796 für den Wallenstein entschied.“

„Ich sehe mich,“ schrieb er damals, „auf einem sehr guten Weg, den ich nur fortsetzen darf, um etwas Gutes hervorzubringen. Dies ist schon viel, und auf alle Fälle sehr viel mehr, als ich in diesem Fach sonst von mir rühmen konnte. Vordem legte ich das ganze Gewicht in die Mehrheit des Einzelnen; jetzt wird alles auf die Totalität berechnet, und ich werde mich bemühen, denselben Reichtum im Einzelnen mit eben so vielem Aufwand von Kunst zu verstecken, als ich sonst angewandt, ihn zu zeigen, um das Einzelne recht vordringen zu lassen. Wenn ich es auch anders wollte, so erlaubt es mir die Natur der Sache nicht, denn Wallenstein ist ein Charakter, der – als echt realistisch – nur im Ganzen, aber nie im Einzelnen interessieren kann. – Er hat nichts Edles, er erscheint in keinem einzelnen Lebensakte groß, er hat wenig Würde und dergl. Ich hoffe aber nichtsdestoweniger auf rein realistischem Weg einen dramatisch großen Charakter in ihm aufzustellen, der ein echtes Lebens-Prinzip hat. Vordem habe ich, im Posa und Carlos, die fehlende Wahrheit durch schöne Idealität zu ersetzen gesucht; hier im Wallenstein will ich es probieren, und durch die bloße Wahrheit die fehlende Idealität (die sentimentalische nämlich) entschädigen. Die Aufgabe wird dadurch schwer und folglich auch interessanter, dass der eigentliche Realismus den Erfolg nötig hat, den der idealistische Charakter entbehren kann. Unglücklicherweise aber hat Wallenstein den Erfolg gegen sich, und nun erfordert es Geschicklichkeit, ihn auf der gehörigen Höhe zu erhalten. Seine Unternehmung ist moralisch schlecht, und sie verunglückt physisch. Er ist im Einzelnen nie groß, und im Ganzen kommt er um seinen Zweck. Er kann sich nicht, wie der Idealist, in sich selbst einhüllen und sich über die Materie erheben, sondern er will der Materie sich unterwerfen, und erreicht es nicht.

Dass Sie mich auf diesem neuen und mir nach allen vorhergegangenen Erfahrungen fremden Wege mit einiger Besorgnis werden wandeln sehen, will ich wohl glauben. Aber fürchten Sie nicht zu viel. Es ist erstaunlich, wie viel Realistisches schon die zunehmenden Jahre mit sich bringen, wie viel der anhaltende Umgang mit Goethe und das Studium der Alten, die ich erst nach dem Carlos habe kennen lernen, bei mir nach und nach entwickelt hat. Dass ich auf dem Weg, den ich nun einschlage, in Goethes Gebiet gerate und mich mit ihm werde messen müssen, ist freilich wahr; auch ist es ausgemacht, dass ich hierin neben ihm verlieren werde. Weil mir aber auch etwas übrig bleibt, was mein ist und er nie erreichen kann, so wird sein Vorzug mir und meinem Produkt keinen Schaden tun, und ich hoffe, dass die Rechnung sich ziemlich heben soll. Man wird uns, wie ich in meinen mutvollsten Augenblicken mir verspreche, verschieden spezifizieren, aber unsere Arten einander nicht unterordnen, sondern unter einem höhern idealistischen Gattungsbegriff einander koordinieren.“

Acht Monate später schrieb Schiller hierüber folgendes an einen andern Freund:

Noch immer liegt das unglückselige Werk formlos und endlos vor mir da. Keines meiner alten Stücke hat so viel Zweck und Form, als der Wallenstein schon jetzt hat, aber ich weiß jetzt zu genau, was ich will, und was ich soll, als dass ich mir das Geschäft so leicht machen könnte. – Es ist mir fast alles abgeschnitten, wodurch ich diesem Stoff, nach meiner gewohnten Art, beikommen könnte; von dem Inhalt habe ich fast nichts zu erwarten; alles muss durch eine glückliche Form bewerkstelligt werden. –

Du wirst, dieser Schilderung nach, fürchten, dass mir die Lust an dem Geschäft vergangen sei, oder, wenn ich dabei wider meine Neigung beharre, dass ich meine Zeit dabei verlieren werde. Sei aber unbesorgt, meine Lust ist nicht im geringsten geschwächt, und ebenso wenig meine Hoffnung eines trefflichen Erfolgs. Gerade so ein Stoff musste es sein, an dem ich mein neues dramatisches Leben eröffnen konnte. Hier, wo ich nur auf der Breite eines Schermessers gehe, wo jeder Seitenschritt das Ganze zu Grunde richtet, kurz, wo ich nur durch die einzige innere Wahrheit, Notwendigkeit, Stetigkeit und Bestimmtheit meinen Zweck erreichen kann, muss die entscheidende Krise mit meinem poetischen Charakter erfolgen. Auch ist sie schon stark im Anzug, denn ich traktiere mein Geschäft ganz anders, als ich ehemals pflegte. Der Stoff und Gegenstand ist so sehr außer mir, dass ich kaum eine Neigung abgewinnen kann; er lässt mich beinahe kalt und gleichgültig, und doch bin ich für die Arbeit begeistert. Zwei Figuren ausgenommen, an die mich Neigung fesselt, behandle ich alle übrigen, und vorzüglich den Hauptcharakter, bloß mit der reinen Liebe des Künstlers, und ich verspreche Dir, dass sie dadurch um nichts schlechter ausfallen sollen. Aber zu diesem bloß objektiven Verfahren war und ist mir das weitläufige und freundlose Studium der Quellen so unentbehrlich; denn ich musste die Handlung, wie die Charaktere, aus ihrer Zeit, ihrem Lokal und dem ganzen Zusammenhang der Begebenheiten schöpfen, welches ich weit weniger nötig hätte, wenn ich mich durch eigne Erfahrung mit Menschen und Unternehmungen aus dieser Klasse hätte bekannt machen können. Ich suche absichtlich in den Geschichtsquellen eine Begrenzung, um meine Ideen durch die Umgebung der Umstände streng zu bestimmen und zu verwirklichen. Davor bin ich sicher, dass mich das Historische nicht herabziehen oder lähmen wird. Ich will dadurch meine Figuren und meine Handlung bloß beleben; beseelen muss sie diejenige Kraft, die ich allenfalls schon habe zeigen können, und ohne welche ja überhaupt kein Gedanke an dieses Geschäft von Anfang an möglich gewesen wäre.“

Seit der Zeit, da dieses geschrieben wurde, vergingen noch zwei Jahre und beinahe vier Monate, ehe Schiller den Wallenstein endigte. Es entstanden aber inmittelst mehrere kleine Gedichte, und unter diesen die Xenien. Die Geschichte dieses Produkts kann vielleicht etwas beitragen, manche darüber gefällte Urteile zu berichtigen.

An Goethes Seite begann für Schiller eine neue und schönere Jugend. Hohe Begeisterung für alles Treffliche, lebendiger Hass gegen falschen Geschmack überhaupt und gegen jede Beschränkung der Wissenschaft und Kunst, berauschender Übermut im Gefühl einer vorher kaum geahnten Kraft war damals bei ihm die herrschende Stimmung. Daher seine Vereinigung mit Goethe zu einem Unternehmen, das Schiller selbst auf folgende Art beschreibt:

„Die Einheit kann bei einem solchen Produkt bloß in einer gewissen Grenzenlosigkeit und alle Messung überschreitenden Fülle gesucht werden, und damit die Heterogenität der beiden Urheber in dem Einzelnen nicht zu erkennen sei, muss das Einzelne ein Minimum sein. Kurz, die Sache besteht in einem gewissen Ganzen von Epigrammen, deren jedes ein Monodistichon ist. Das Meiste ist wilde, gottlose Satire, besonders auf Schriftsteller und schriftstellerische Produkte, untermischt mit einzelnen poetischen und philosophischen Gedankenblitzen. Es werden nicht unter 600 solche Monodistichen werden, aber der Plan ist, auf 1000 zu steigen. Sind wir mit einer bedeutenden Anzahl fertig, so wird der Vorrat, mit Rücksicht auf eine gewisse Einheit, sortiert, überarbeitet, um einerlei Ton zu erhalten, und jeder wird dann von seiner Manier etwas aufzuopfern suchen, um sich dem andern mehr anzunähern.“

Dieser Plan wurde nicht ausgeführt. Im Juli 1796 schrieb Schiller darüber folgendes:

„Nachdem ich die Redaktion der Xenien gemacht hatte, fand sich, dass noch eine erstaunliche Menge neuer Monodistichen nötig sei, wenn die Sammlung auch nur einigermaßen den Eindruck eines Ganzen machen sollte. Weil aber etliche hundert neue Einfälle, besonders über wissenschaftliche Gegenstände, einem nicht so leicht zu Gebote stehen, auch die Vollendung des „Meisters“ Goethe eine starke Diversion macht, so sind wir übereingekommen, die Xenien nicht als ein Ganzes, sondern zerstückelt dem Almanach einzuverleiben. Die ernsthaften, philosophischen und poetischen werden daraus vereinzelt und bald in größeren, bald in kleineren Ganzen vorn im Almanach angebracht. Die satirischen folgen unter dem Namen Xenien nach.“

Es mag sein, dass bei diesem Verfahren manches Epigramm aufgenommen wurde, das bei einer strengen Auswahl nach dem ersten Plan weggeblieben wäre. Schiller war allerdings damals gereizt, nicht durch Bemerkungen über die Mängel seiner Produkte – denn hierüber war niemand scharfsichtiger als er selbst, wie sich aus obigen Stellen seiner Briefe ergibt, und jeden seiner Freunde forderte er zu freimütiger Urteilen auf – sondern, weil ihn die Kälte und Geringschätzung erbitterte, womit ein Unternehmen, wofür er sich begeistert hatte, von mehreren Seiten aufgenommen wurde. Dies war der Fall bei den Horen. Im Vertrauen auf den Beistand der ersten Schriftsteller der Nation hatte er auf eine große Wirkung gerechnet und traf dagegen sehr oft auf Mangel an Empfänglichkeit und kleinliche Ansichten. Es konnte ihm dann wohl in einer Aufwallung der Indignation auch etwas Menschliches begegnen; aber der eigentlich Geist, in dem die Xenien geschrieben sind, spricht sich für den unbefangenen Leser im Ganzen deutlich genug aus.


Im Frühling des Jahres 1796 wurde Schiller durch die traurige Lage seiner Familie auf der Solitüde in große Angst versetzt. Ein epidemisches Fieber, welches in dem österreichischen Lazaret wütete, hatte die jüngste Tochter ergriffen und in der Blüte der Jugend hinweggerafft. Sie war ein holdes Mädchen, voll Verstandes und glühender Phantasie. Der Wunsch, ihres Bruders Trauerspiele darzustellen, hatte sie so leidenschaftlich ergriffen, dass ich selbst Schiller bat, diesem nachzugeben, ihr Talent zu prüfen und, wenn es wirklich etwas Außerordentliches verspräche, sie diese Laufbahn ergreifen zu lassen. Ob er gleich dem Schauspielerleben sehr abgeneigt war, so konnte doch, bei den damaligen Verhältnissen in Weimar, manche Klippe dieses Standes vermieden werden. Er versprach mir, die Sache zu bedenken; und so hatte ich die Freude, die letzten Lebensmonate dieses guten Kindes mit freundlicher Hoffnung auf Erfüllung ihrer Wünsche zu erheitern. Auch der Vater wurde, bei sonst schon bedenklichem körperlichen Zustand, von demselben Fieber, das die Tochter hinweggerafft, ergriffen und bald darauf die zweite Tochter, Luise. Allein stand die arme Mutter. Der Gedanke, in einer so schrecklichen Lage den Seinen nicht beistehen zu können, war Schiller höchst schmerzlich, seine Angst und Sorge groß. Folgende Briefe an die gute Schwester Reinwald in Meinungen, deren Herz seinen Wünschen gleich entgegen kam, schildern den ganzen Zustand und sein Gefühl am wahrsten:

Jena, den 25. April 1796

„Du wirst nun auch erfahren haben, liebste Schwester, dass die Luise ernstlich krank geworden und unsere arme liebe Mutter alles Trostes beraubt ist.

Verschlimmerte es sich mit der Luise, oder gar auch noch mit dem lieben Vater, so wäre die arme Mutter ganz und gar verlassen. Der Jammer ist unaussprechlich. Kannst Du es möglich machen, glaubst Du, dass Deine Kräfte es aushalten, so mache doch ja die Reise noch hin. Was sie kostet, bezahle ich mit Freuden. Reinwald könnte Dich ja begleiten, und wenn er es nicht wollte, so lange hieher zu mir kommen, wo ich brüderlich für ihn sorgen würde.

Überlege, meine liebe Schwester, dass Eltern in solchen Extremitäten den gerechten Anspruch auf kindliche Hilfe haben.

Gott, warum bin ich jetzt nicht gesund – und so gesund, als ich es bei der Reise vor drei Jahren war! Ich hätte mich durch nichts abhalten lassen, hinzueilen. Aber dass ich über ein Jahr fast nicht aus dem Hause gekommen, macht mich so schwächlich, dass ich entweder die Reise nicht aushalten, oder doch selbst krank bei den guten Eltern hinfallen würde. Ich kann leider nichts für sie tun, als mit Geld helfen, und Gott weiß, dass ich das mit Freuden tue.

Bedenke, dass die liebe Mutter, die sich bisher mit einer bewundernswürdigen Standhaftigkeit betragen, endlich unter so vielen Leiden zusammenstürzen muss.

Ich kenne Dein kindliches, liebevolles Herz, ich kenne die Billigkeit und Rechtschaffenheit meines Schwagers. Beide werden euch lehren, besser als ich, was unter diesen Umständen nötig ist. Grüße ihn herzlich. Dein treuer Bruder

Schiller.“


Jena, den 6. Mai 1796

„Zu meinem großen Trost, liebste Schwester, erfahre ich heut durch Deinen Mann, dass Du die Reise zu unsern lieben Eltern wirklich angetreten hast. Der Himmel segne Dich für diesen Beweise Deiner kindlichen Liebe und lasse uns alle die erwarteten guten Folgen davon ernten. Seitdem ich Dich dort weiß, bin ich um vieles ruhiger; bisher konnte ich nicht anders als mit Schrecken an die traurige Lage der lieben Eltern und Schwester denken. Ich habe nicht nötig, Dir erst zu empfehlen, was unter diesen Umständen zu tun ist; nur um das einzige bitte ich Dich, verhindere, dass die lieben Eltern nicht aus ängstlicher Sparsamkeit eine heilsame Maßregel zu ihrer Gesundheit versäumen. Ich habe einmal für allemal erklärt, dass ich die Kosten davon mit Freuden tragen will. Was also etwa an Geld nötig, kannst Du Dir von Cotta in Tübingen auszahlen lassen. Die 8 Louisdors, welche Du in Meiningen aufgenommen, sende ich diesen Abend an Deinen Mann. Ich werde ihm für seine Einwilligung zu Deiner Abreise herzlich danken.

Und nun, liebe Schwester, bitte ich Dich inständig um recht baldige und ausführliche Nachrichten von dem Zustand der lieben Unsrigen. Grüße sie alle tausend, tausendmal. Ich umarme Dich. Dein treuer Bruder

Schiller.“


An Hofrat Reinwald.

Jena, den 6. Mai. 1796

„Herzlich umarme ich Dich, mein lieber Bruder, für Deine Bereitwilligkeit, Deine Frau nach der Solitüde reisen zu lassen. Sie dort zu wissen, nimmt mir eine schwere Last von der Seele; das ist eine Liebe, für die ich Dir nie genug danken kann. Möchten es Deine Angelegenheiten nur eingermaßen erlauben, dass Du auf eine Zeitlang hier wärest, wir wollten Dich über die Abwesenheit Deiner Frau aufs beste zu trösten suchen.

Hier, lieber Bruder, die 8 Louisdors Auslage für die Reise Deiner Frau, nebst 6 Karolin Honorar für Deinen Aufsatz in den Horen und Dein Gedicht im [Musen-] Almanach. Mache, dass ich Dir künftig öfters und mehr dergleichen Summen übermachen kann.

Heute nichts mehr, da die Post den Augenblick abgehen will. Das übrige bald. Lebe wohl. Dein treuer Bruder

Schiller.“


Jena, den 9. Mai 1796

„Liebste Schwester! Cotta wird Dir nun, wie ich hoffe, meinen Brief überschickt haben. Zwei andere an die liebe Mutter sind einige Posttage vorher abgegangen, die hoffentlich alle richtig angekommen sind. Es gereicht mir zu großem Trost in diesen traurigen Umständen, Dich , liebe Schwester, den Unsrigen zur Stütze dort zu wissen, und ich hoffe in kurzer Zeit von Dir zu hören, dass das Schlimmste überstanden ist.

Der letzte Brief meiner lieben guten Mutter hat mich herzlich betrübt. Ach, wie viel hat die gute Mutter nicht ausgestanden, und mit welcher Geduld und Stärke hat sie es ertragen! Wie rührte mich’s, dass sie ihr Herz mir öffnete, und wie wehe tat mir’s, sie nicht unmittelbar trösten und beruhigen zu können! Wärst Du nicht hingereist, ich hätte nicht hier bleiben können. Die Lage der lieben Unsrigen war doch erschrecklich – so allein, ohne den Beistand liebender Freunde, und bei zwei Kindern, die in der Ferne von ihnen leben, verlassen! Ich darf nicht daran denken. Was hat unsre gute Mutter nicht an unsern Großeltern getan, und wie sehr hat sie ein Gleiches von uns verdient! Du wirst sie trösten, liebe Schwester, und mich wirst Du herzlich bereit finden zu allem, wozu Du mich auffordern wirst. Unterlasse ja nicht, mir so fleißig als möglich Nachricht zu geben, wie es um alle steht, und denke auch nicht so bald darauf, sie zu verlassen. Reinwald wollen wir schon beruhigen.

Meine Lotte grüßt Dich herzlich und nimmt den innigsten Anteil an euren Leiden. Der Brief meiner lieben Mutter hat sie schmerzlich gerührt. Sie ist seit einiger Zeit selbst nicht wohl, und erst heute haben wir Gewissheit, dass sie sich in andern Umständen befindet. Sie ist schon am Ende des siebenten Monats der Schwangerschaft. Karl ist gesund und fröhlich. Täglich macht das liebe Kind uns mehr Freude. Was gäbe ich darum, wenn ich ihn unserer lieben Mutter nur auf einen Tag bringen könnte! Gewiss würde das ihren Kummer in etwas lindern.

Grüße die lieben Eltern aufs herzlichste und sag’ ihnen, dass ihr Sohn ihre Leiden fühlt.

Der guten Luise schenke Gott bald ihre Gesundheit wieder. Bring ihr meinen brüderlichen Gruß. Ich umarme Dich herzlich, liebste Schwester. Dein treuer Bruder

Schiller.“


An Hofrat Reinwald.

Jena, den 19. September 1796

„Du erhältst hier Nachricht, lieber Bruder, von der letzten Auflösung des guten Vaters, die, so sehr sei auch erwartet, ja gewünscht werden musste, uns alle aufs tiefste betrübt. Der Beschluss eines so langen und dabei so tätigen Lebens ist selbst für den Gleichgültigen und Fremden ein rührender Gegenstand: Wie muss er es denjenigen sein, die er so nahe angeht! Ich muss mich des Nachdenkens über diesen schmerzlichen Verlust mit Gewalt entschlagen, weil ich die lieben Unsrigen aufzurichten habe. Es ist ein großer Trost für Deine Frau, dass sie ihre kindliche Pflicht noch bis an das Sterbelager des guten Vaters hat erstrecken und erfüllen können. Nie würde sie sich darüber getröstet haben, wenn er wenige Tage nach ihrer Abreise gestorben wäre.

Du begreifst, dass sie in den ersten Tagen der schmerzlichen Trennung, wo noch so viele unangenehme Ereignisse auf die gute Mutter einstürmen, nicht abreisen konnte, wenn auch die Post im Gange wäre. Aber diese stockt noch immer, und wir müssen erst die Kriegsereignisse auf der fränkischen, schwäbischen und pfälzischen Grenze abwarten.

Wie sehr diese Abwesenheit Deiner Frau Dich drücken muss, fühle ich mit Dir; aber wer kann gegen eine solche Kette unvermeidlicher Schicksale! Leider verflicht sich die allgemeine und öffentliche Unordnung auch in unsere Privatbegebenheiten auf die fatalste Weise.

Deine Frau sehnt sich von Herzen nach Hause, und sie verdient nur desto mehr unsere Achtung, dass sie, gegen ihre Neigung und gegen ihr Interesse, sich nur durch die Vorstellung ihrer kindlichen Pflichten leiten ließ. Jetzt aber säumt sie gewiss keine Stunde länger, sich auf die Rückreise zu machen, sobald es nur ohne Gefahr und möglicher Weise geschehen kann.

Tröste sie doch, wenn Du ihr schreibst; es bekümmert sie, Dich verlassen zu wissen und Dir nicht helfen zu können.

Lebe recht wohl, lieber Bruder, Der Deinige

Schiller.“


Es gereichte Schiller immerwährend zum Trost, dass durch die gute Schwester alles mögliche für die Seinen geschehen war. Ihre besonnene, treue Pflege des Vaters bis zum letzten Atemzuge, die Geistesgegenwart, mit der sie ihn und das Haus bei einem Überfall der Franzosen so viel als möglich schützte, band ihn mit inniger Dankbarkeit und Achtung an sie. Für die Mutter wurde in Leonberg eine Einrichtung getroffen, und die Schwester Luise verheiratete sich mit dem Pfarrer Frank in Möckmühl.

Ein Besuch seines Freundes Körner und die Geburt seines zweiten Sohnes waren für Schiller Lichtblicke in dieser düstern, sorgenvollen Zeit.

Seit dem August dieses Jahres vergönnte auch mir ein günstiges Geschick, wieder in Schillers Nähe zu leben. Wilhelm von Wolzogen, der treue Jugendfreund, war bei einem Aufenthalte des Herzogs Karl von Württemberg in Paris von dem Studium der Architektur zu diplomatischen Geschäften übergegangen. Als Legationsrat bei der Gesandtschaft angestellt, führte er während der Abwesenheit des Gesandten, Freiherrn von Rieger, die Geschäfte. Während der schrecklichsten Periode der Revolution, der des Terrorismus und der Hinrichtung des Königs, bewohnte er das Hotel des Gesandten, und durch Mut und Gewandtheit entging er den Gräueln in Paris, wo täglich schuldlose Opfer fielen. Bei der Rückkehr nach Stuttgart erwartete er eine andere Anstellung, da er die Geschäfte zur vollen Zufriedenheit des Herzogs Karl geführt hatte und auch der diesem folgende Regent ihm geneigt war. In der herzlichsten Zuneigung und Freundschaft bar er mich, mein Schicksal an das seinige zu knüpfen. Es geschah. Wir waren nach Bauerbach gereist, als das französische Heer Schwaben überschwemmte und nach Franken vordrang. Meinungen und unser stilles Tal wurden bedroht; wir gingen nach Rudolfstadt und Jena, um dem Sturme auszuweichen und die Unsern wieder zu sehen.

Mein Mann wurde nun dem Herzog von Weimar bekannt und von ihm als Kammerrat und Kammerherr angestellt. Die Freude über diese so unerwartete Wiedervereinigung mit meiner Schwester und Schiller war groß; ein schönes Leben lag vor uns in der Wirklichkeit, so wie es unsere Jugendträume gedichtet hatten.

Goethe zeigte sich teilnehmend bei diesem Ereignis. Das Anschauen des innigen Verhältnisses zwischen ihm und Schiller, der immer rege Ideenwechsel, das offene heitere Zusammensein – dies alles bot tausendfältigen Genuss. An Gegenständen der Unterhaltung fehlte es nicht; Goethe sprach gern mit meinem Mann über Architektur; in den Abendstunden entwarf er bei meiner Schwester Mondlandschaften; auch Schiller machte einige Versuche. Indes entstanden unsterbliche Werke, Wallenstein und Hermann und Dorothea. Wie das Ineinanderstrahlen der beiden Dichterseelen auf ihre poetische Kraft und Darstellung wirkte, vermag wohl der Zartempfindende zu ahnen. Im Wallenstein atmen Hauche des Goetheschen Lebens, und in Hermann und Dorothea weht Schillscher Geist. Mit Rührung erinnere ich mich, wie uns Goethe, in tiefer Herzensbewegung, unter hervorquellenden Tränen, den Gesang, der das Gespräch Hermanns mit der Mutter am Birnbaume enthält, gleich nach der Entstehung vorlas. „So schmilzt man bei seinen eigenen Kohlen,“ sagte er, indem er sich die Augen trocknete.

Die literarischen Händel, die die Horen und Xenien erregten, trübten den guten Humor selten und dienten im engern Kreise nur zu Übung in mutwilligen Scherzen. Das entschieden Feindselige hielt sich Schiller im Umgang fern, was er bei seiner eingezogenen Lebensweise leicht konnte. Offen zeigte er seine Abneigung gegen niedrige Seelen und Übelwollende, und ein schöner Kreis des Wohlwollens und der Liebe, der ihn fortwährend umgab, machte ihn jene vergessen.

Fichtens Erscheinung war ihm sehr merkwürdig; aber erst in der Folgezeit, als sich dessen Jenaische Verhältnisse trübten, entstanden lebhaftere Berührungen, da es Schillers Natur mit sich brachte, sich jedes Bedrängten anzunehmen. Schellings tiefer Geist und biederer offener Charakter war ihm sehr wert; mit ihm und dem vieljährigen philosophischen Freunde Niethammer verbrachte er alle Wochen einen heitern Abend bei einer L’hombre-Partie. Die älteren Freunde blieben immer gleich treu gesinnt. Auch unsere Freunde Humboldt kehrten im Herbst von Berlin, wo sie sich eine Zeitlang aufgehalten, nach Jena zurück, und Alexander von Humboldt gesellte sich ihnen zu. Sein lebhafter Geist, der alle Zweige der Naturwissenschaften mit Genialität ergriff, deutete die Reisenschritte, die er in Erkenntnis der Natur machen würde, schon damals an.

Im Frühling 1797 zog Schiller in seinen vor den Toren Jenas in der anmutigsten Gegend gelegenen Garten. Ein Eigentum zu besitzen, erfreute ihn sehr; denn Landbesitz dünkte ihm von jeher dem Leben eine Festigkeit und Sicherheit zu geben. Felder, die bis an die äußerste Spitze des nahen Berges sich hinzogen, noch zu gewinnen, war eine Lieblingsidee. Das Haus hatte im obern Stock eine weite, herrliche Aussicht; dort las er mir zuerst den Wallenstein vor. Am Ende des Gartens baute er sich ein kleines Haus, wo er ganz ungestört arbeiten wollte. „Ich liebe sehr,“ sagte er,“ dass die Hauswirtschaft ordentlich geht; aber ich mag das Knarren der Räder nicht hören.“ In dem kleinen Hause arbeitete er während der Sommermonate oft bis tief in die Nacht hinein. In diesem Garten empfing er den Besuch des Kronprinzen [nachmaligen Königs Ludwig I.] von Bayern. Der hohe, edle Geist des königlichen Jünglings erfreute ihn innig; er ahnete, was er für Deutschland, für Wissenschaft und Kunst werden würde, und ein Band des Anteils und der Liebe knüpfte den Fürsten an den Dichter, das, über dem Grabe des letztern, der Harfe des jetzigen Königs rührende Töne eines geistigen, treuen Andenkens entlockte.

Im Sommer 1797 verließ die uns so werte Humboldtsche Familie Jena, indem sie eine große Reise antrat. Schiller büßte dadurch einen ihn sehr belebenden Umgang ein. Doch entstand nun eine lebhafte Korrespondenz, und von jener Reise sind viele interessante briefliche Nachrichten vorhanden. Besonders ist an Wilhelm von Humboldt der bei jeder Veränderung des Orts und in jeder Lebensperiode immer rege Gedanken verkehrt mit seinen Freunden sehr merkwürdig.

„Ein Wetteifer mit Goethe,“ sagt Körner, „veranlasste im Jahr 1797 Schillers erste Balladen. Beide Dichter teilten sich in die Stoffe, die sie gemeinschaftlich ausgesucht hatten. Von dieser Gattung, die Schiller lieb geworden war, lieferte er in spätern Jahren noch manches, nachdem andere kleinere Gedichte seltener von ihm erschien.“

Das Bedeutendste aber, was hier erwähnt werden muss, ist, dass Schiller im Jahre 1798 den Wallenstein beendigte. Die Einrichtung desselben für die Bühne beschäftigte ihn sogleich; denn die vorzüglichsten Theaterdirektoren Deutschlands zeigten den größten Eifer für dessen Aufführung. Iffland und Schröder, die ersten Schauspieler, bewarben sich lebhaft und freundschaftlich um das neue dramatische Werk, nachdem so lange Schillers Geist in dieser Form nicht erschienen war. Goethes Idee, die neue Weimarische Bühne mit diesem Stück zu eröffnen, drängte die Arbeit. Im Spätjahr wurde das neu erbaute freundliche Theater durch die Vorstellung des Lagers eingeweiht. Wir waren mit Goethe und Schiller bei der letzten Probe allein gegenwärtig und überließen uns ganz dem hinreißenden Vergnügen, diese so ganz eigentümliche Dichtung in ihrem vollen Leben zu sehen. Der Wallone erschien uns wie eine beinahe homerische Gestalt, die das Edle des neuern Kriegslebens plastisch darstellte.

Die Ahnung des großen Ganzen, das diesem Lebensgemälde folgen würde, gab dem Vorspiel einen geheimnisvollen Reiz. Es war ein schöner Abend, Schiller war sehr gerührt über unsere Freude, und Goethes herzlicher Anteil äußerte sich höchst leibenswürdig. Auch der neue, schöne Raum, in dem so viel Merkwürdiges in einer Reihe von Jahren erscheinen sollte, mehrte den Zauber, der uns umfing, und spannte unsere Erwartung auf etwas Großes. Wenn die Phantasie, in düstern Räumen von der Ahnung unglücklicher Begebenheiten erfüllt, ängstigende Geistergestalten erschafft, so erscheinen auch heitere Geister in einem harmonisch gebildeten Raume, Lebensfülle und Genuss versprechend und das menschliche Wesen in angenehmer Befriedigung erhaltend.

Das freundliche Gebäude, durch so viele Erinnerungen schöner Stunden dem sinnigen Kunstfreunde wert, wurde im Jahr 1825 ein Raub der Flammen.

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