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Achter Abschnitt
Häusliches Leben. Krankheit. Reise nach Schwaben.

Schillers äußere Lage gestaltete sich durch glückliche Ereignisse noch besser, als wir gehofft hatten; die Gegenwart war heiter, in die Zukunft sah man sorgenlos. Die unternommene Herausgabe von Memoires, wozu Schiller die einleitenden Abhandlung schrieb, deren er in einem seiner oben mitgeteilten Briefe gedacht, und die Fortsetzung der Thalia sicherten ihm eine für seine Bedürfnisse hinlängliche Einnahme. Es blieb ihm dabei noch Zeit zu Rezensionen für die Allgemeine Literaturzeitung übrig, zu der er schon seit 1787 Beiträge lieferte. Dann hatte ihn der Buchhändler Göschen aufgefordert, eine Geschichte des dreißigjährigen Kriegs für einen historischen Almanach zu schreiben; und ein deutscher Plutarch war die Arbeit, die den folgenden Jahren vorbehalten wurde.

In den ersten Monaten nach seiner Heirat schrieb Schiller seinem Freund Körner:

„Es lebt sich doch ganz anders an der Seite einer lieben Frau, als so verlassen und allein – auch im Sommer. Jetzt erst genieße ich die schöne Natur ganz und leben in ihr. Es kleidet sich wieder um mich herum in dichterische Gestalten, und oft regt sich’s wieder in meiner Brust. Was für ein schönes Leben führe ich jetzt! Ich sehe mit fröhlichem Geiste um mich her, und mein Herz findet eine so schöne Nahrung und Erholung. Mein Dasein ist in eine harmonische Gleichheit gerückt; nicht leidenschaftlich gespannt, aber ruhig und hell gehen mir diese Tage dahin. Meinem künftigen Schicksal sehe ich mit heiterem Mut entgegen. Jetzt, da ich am erreichten Ziel stehe, erstaune ich selbst, wie alles doch über meine Erwartungen gegangen ist. Das Schicksal hat die Schwierigkeiten für mich besiegt; es hat mich zum Ziele gleichsam getragen. Von der Zukunft hoffe ich alles. Wenige Jahre, und ich werde im vollen Genusse meines Geistes leben; ja, ich hoffe, ich werde wieder zu meiner Jugend zurückkehren; ein inneres Dichterleben gibt mir sie zurück.“

Seitdem Schiller ein sicheres, ruhiges Hausleben beglückte, war er mit Menschen und Verhältnissen, die sonst so oft Unzufriedenheit in ihm erregten, ausgesöhnt. Seiner Frau suchte er eine angenehme Geselligkeit zu bereiten. Das Griesbachische und Paulusche Haus gewährten eine anmutige Unterhaltung, die durch das musikalische Talent und die schöne Stimme der Frau Paulus einen besondern Reiz gewann. Schiller liebte sehr die Musik und hatte sie gern in einem Nebenzimmer, wenn er in seiner Arbeitsstube auf- und abging und sich einer dichterischen Stimmung überließ. Dies bewog meine Schwester, noch weiteren Unterricht im Klavierspielen zu nehmen. Das Lied von Gluck: „Einen Bach, der fließt“ brachte ihm immer die angenehmsten Phantasien zu. Wanderungen in die so mannigfaltige freundliche Gegend, Reisen nach Rudolstadt zu meiner Mutter und mir gaben dem Leben Abwechslung und Heiterkeit.

Mit den meisten Gelehrten stand Schiller im besten Vernehmen, mit Schütz und Hufeland in freundschaftlichem Verhältnis, in genauerer Verbindung mit Reinhold. Es konnte nicht fehlen, dass er besonders durch letztern auf die Kantische Philosophie aufmerksam gemacht wurde und dass diese ihn anzog. Reinholds Briefe, erinnere ich mich, waren damals schon oft der Gegenstand seiner Gespräche mit unserm Freunde Gleichen und mir.

Dieses Jahr war wohl eines der glücklichsten in Schillers Leben, und der erste Gedanke, Wallensteins Abfall und Tod dramatisch zu bearbeiten, welcher bei dem Lesen der Quellen des dreißigjährigen Krieges entstand, war die Blüte eines heitern in sich befriedigten Daseins. Auch die ästhetischen Studien, die ebenfalls ihn zum Schaffen anregten, erfreuten ihn, wie sich aus folgender Stelle eines Briefes an mich (vom 15. Mai 1790) ergibt:

„Lottchen hat gestern zwei Stunden im Kabinett neben meinem Auditorium zugebracht und mich lesen hören und mir Tee gemacht. Sie hat sich erst vor den Studenten gefürchtet, jetzt aber hat sie Herz. Ich fing gestern die Vorlesungen über die Tragödie an und finde gar viel Vergnügen an dieser Arbeit. Ich entdecke viele Erfahrungen, die die Ausübung der tragischen Kunst mir verschafft hat, und von denen ich selbst nicht wusste, dass ich sie hatte. Zu diesen suche ich den philosophischen Grund, und so ordnen sie sich unvermerkt in ein lichtvolles, zusammenhängendes Ganze, das mir viel Freude verspricht. Ich habe so doch jede Woche eine aufgeheiterte Stunde an einem Orte, wo sie sonst nicht sehr zu erwarten ist.“

Schiller beschäftigte sich in dieser Zeit, da er über den Ödipus Vorlesungen hielt, mit der Poetik des Aristoteles und übersetzte meiner Schwester und mir oft Stellen daraus. Die Ansichten dieses großen Geistes erfreuten ihn, und wahrscheinlich schrieb er auch damals an seinen Freund Körner:

„Ich habe vor einiger Zeit Aristoteles’ Poetik gelesen, und sie hat mich nicht nur nicht niedergeschlagen und eingeengt, sondern wahrhaft gestärkt und erleichtert. Nach der peinlichen Art, wie die Franzosen den Aristoteles nehmen und an seinen Forderungen vorbeizukommen suchen, erwartet man einen kalten, unliberalen und steifen Gesetzgeber in ihm, und gerade das Gegenteil findet man. Er bringt mit Festigkeit und Bestimmtheit auf das Wesen, und über die äußeren Dinge ist er so lax, als man sein kann. Was er vom Dichter fordert, muss dieser von sich selbst fordern, wenn er irgend weiß, was er will; es fließt aus der Natur der Sache. Die Poetik handelt beinahe ausschließlich von der Tragödie, die er mehr als irgendeine andere poetische Gattung begünstigt. Man merkt ihm an, dass er aus einer sehr reichen Erfahrung und Anschauung heraus spricht, und eine ungeheure Menge tragischer Vorstellungen vor sich hatte. Auch ist in seinem Buche absolut nichts Spekulatives, keine Spur von irgend einer Theorie; es ist alles empirisch; aber die große Anzahl der Fälle und die glückliche Wahl der Muster die er vor Augen hat, gibt seinen empirischen Aussprüchen einen allgemeinen Gehalt und die völlige Qualität von Gesetzen.“

„In den Jahren von 1790 bis 1794,“ fährt Körner fort, „wurde kein einziges Originalgedicht fertig, und bloß die Übersetzungen aus dem Virgil fallen in diese Zeit. Es fehlte indessen nicht an Plänen zu künftigen poetischen Arbeiten. Besonders waren es Ideen zu einer Hymne an das Licht und zu einer Theodicee, was Schiller damals beschäftigte.“

„Auf diese Theodicee,“ schreibt er, „freue ich mich sehr, denn die neue Philosophie ist gegen die Leibnitzsche viel poetischer, und hat einen größeren Charakter.“

Vorzüglich gab ihm die Geschichte des dreißigjährigen Krieges, die er für Göschens historische Almanache vom Jahr 1791 an bearbeitete, Stoff zu poetischer Tätigkeit. Einige Zeit beschäftigte ihn der Gedanke, Gustav Adolph zum Helden eines epischen Gedichts zu wählen, wie aus folgender Stelle seiner Briefe zu ersehen ist:

„Unter allen historischen Stoffen, wo sich poetisches Interesse mit nationalem und politischem noch am meisten gattet, steht Gustav Adolph obenan. – Die Geschichte der Menschheit gehört als unentbehrliche Episode in die Geschichte der Reformation, und diese ist mit dem dreißigjährigen Kriege unzertrennlich verbunden. Es kommt also bloß auf den ordnenden Geist des Dichters an, in einem Heldengedicht, das von der Schlacht bei Leipzig bis zur Schlacht bei Lützen geht, die ganze Geschichte der Menschheit ungezwungen, und zwar mit weit mehr Interesse zu behandeln, als wenn dies der Hauptstoff gewesen wäre.“

Die Idee zum Wallenstein blieb die vorherrschende und wäre vielleicht bald zur Ausführung gelangt. Aber ein harter Schlag traf Schiller und die Seinen in dieser sich so glücklich gestaltenden Zeit. Während eines Besuchs, den er dem Koadjutor in Erfurt machte, ward er beim Abendessen, nach einem Konzert im Stadthause, wozu uns jener eingeladen, von einem heftigen Fieber angefallen. Erkältung war wahrscheinlich der Hauptgrund dieses Anfalls. Nach einigen Tagen war er so weit hergestellt, dass er wieder nach Jena zurückreisen konnte. Aber kaum dort angelangt, ergriff ihn eine Brustkrankheit, die seinen körperlichen Zustand für seine ganze Lebenszeit zerrüttete.

Ich eilte nach Jena, fand die augenblickliche Gefahr durch seinen trefflichen Arzt Starke abgewendet; aber Rückfälle waren zu fürchten.

Die allgemeine Liebe, die sich Schiller in Jena erworben, zeigte sich in der hilfreichen Teilnahme, die man meiner Schwester bezeigte. Viele von seinen Zuhörern, im freundlichen Jugendeifer, boten sich zur Pflege und zu Nachtwachen bei dem Kranken an. Hardenberg, der später unter dem Namen Novalis bekannt wurde, zeigte die innigste Teilnahme und kam damals zuerst Schiller vertraulich nahe. Gustav von Adlerskron, ein Livländer, der besonderer Familienverhältnisse wegen unter einem angenommenen Namen in Jena studierte, zeigte einen so anhaltenden Eifer und eine solche Umsicht und Zartheit in Schillers Wartung, dass er diesem sehr wert wurde und immer als treuer Hausfreund angesehen bleib. Hardenbergs Talent für die Dichtkunst tat sich damals schon kund. Sein Vater besuchte Schiller in Jena und bat ihn, das Vertrauen, welches sein Sohn in ihn setze, zu benutzen und denselben eifrig auf der Bahn der Studien zu erhalten, die sein künftiges Emporkommen im Staatsdienst, für den er bestimmt sei, fördern könnten. Schiller sprach im Sinne des Vaters zu dem Jüngling, legte ihm die väterliche Sorge ans Herz, und für einige Zeit hatten die freundlichen Ermahnungen den besten Erfolg. Andere Umgebungen und der Tod seiner Braut waren Ursache, dass der Sinn des Jünglings sich von allen Aussichten auf irdisches Glück abwandte. Die reinen Laute seines Herzens, sein religiöses Gefühl, sein Sehnen nach dem Ewigen bleiben allen Gleichfühlenden teuer.

Schiller genas; aber beängstigende Brustkrämpfe waren von dieser Krankheit zurückgeblieben. Die öffentlichen Vorlesungen mussten unterbrochen werden; er versammelte in seinem Zimmer so viele Zuhörer, als es fassen konnte, zu Privatvorträgen über Ästhetik.

Wunderbar erhielt sich die Kraft seines Geistes. Alle leidensfreien Tage waren heiter; er arbeitete und suchte die Gefahr, die er selbst in den ersten Zeiten für dringend hielt, den Seinen zu verbergen.

Kants System hatte ihn mehr und mehr angezogen, wie man bei der spekulativen Richtung, die sein Geist früh nahm, erwarten konnte. Wie sehr der große Geist dieses Philosophen ihn ansprach, geht aus folgenden Briefen an Körner hervor.

Jena, den 3. März 1791

„Du errätst wohl nicht, was ich jetzt lese und studiere? Nichts Schlechters als – Kant. Seine Kritik der Urteilskraft, di ich mir selbst angeschafft habe, reißt mich hin durch ihren neuen, lichtvollen, geistreichen Inhalt und hat mir das größte Verlangen beigebracht, mich nach und nach in seine Philosophie hinein zu arbeiten. Beim einer wenigen Bekanntschaft mit philosophischen Systemen würde mir die Kritik der Vernunft und selbst einige Reinholdsche Schriften für jetzt noch zu schwer sein und zu viel Zeit wegnehmen. Weil ich aber über Ästhetik schon selbst viel gedacht habe und empirisch noch mehr darin bewandert bin, so komme ich in der Kritik der Urteilskraft weit leichter fort und lerne gelegenheitlich viele Kantische Vorstellungsarten kennen, weil er sich in diesem Werke darauf bezieht und viele Ideen aus der Kritik der Vernunft in der Urteilskraft anwendet. Kurz, ich ahne, dass Kant für mich kein so unübersteiglicher Berg ist, und ich werde mich gewiss noch genauer mit ihm einlassen. Da ich künftigen Winter Ästhetik vortragen werde, so gibt mir dieses Gelegenheit, einige Zeit auf Philosophie überhaupt zu wenden. Dein

S.“


Jena, den 1. Januar 1792.

„Ich treibe jetzt mit Eifer Kantische Philosophie und gäbe viel darum, wenn ich jeden Abend mit Dir darüber verplaudern könnte. Mein Entschluss ist unwiderruflich gefasst, sie nicht eher zu verlassen, bis ich sie ergründet habe, wenn mich dies auch drei Jahre kosten könnte. Übrigens habe ich mir schon sehr vieles daraus genommen und in mein Eigentum verwandelt. Nur möchte ich zu gleicher Zeit gerne Locke, Hume und Leibnitz studieren.“

Jena, den 25. März 1792.

„An die ästhetischen Briefe habe ich, wie Du leicht begreifen wirst, jetzt noch nicht kommen können; aber ich lese in dieser Absicht Kants Kritik der Urteilskraft wieder und wünschte deswegen, dass Du Dich vorläufig auch recht damit vertraut machen möchtest. Wir werden einander dann umso leichter begegnen und mehr auf den nämlichen Zweck arbeiten, auch eine mehr gleichförmige Sprache führen. Baumgarten will ich auch noch vorher lesen.“

Jena, den 15. Oktober 1792

„Jetzt stecke ich bis an die Ohren in Kants Kritik der Urteilskraft. Ich werde nicht ruhen, bis ich diese Materie durchdrungen habe und sie unter meinen Händen etwas geworden ist. Auch ist es nötig, dass ich auf alle Fälle ein Kollegium ganz durchdenke und erschöpfe, damit ich in diesem Sattel völlig gerecht bin, und auch um mit Leichtigkeit, ohne Kraft- und Zeitaufwand etwas Lesbares, für die Thalia, zu jeder Zeit schreiben zu können. Bald werde ich Dich mit meinen Untersuchungen und Entdeckungen zu unterhalten den Anfang machen und die verabredete Korrespondenz einleiten.“


Das Studium der Kantischen Philosophie unter Reinholds Leitung hatte viele geistvolle Männer nach Jena gezogen, die sich bei Schiller zu philosophischen Gesprächen einfanden. Der Doktor Erhard, aus Nürnberg, interessierte ihn besonders durch seinen Scharfsinn, und der Eifer des Barons Herbert, den im Mannesalter Liebe zur Philosophie aus Steiermark nach Jena gezogen, war ihm achtungswürdig; er leibte den Umgang dieses jovialen liebenswürdigen Menschen. Aber Anfälle von schweren Brustkrämpfen blieben nicht aus und griffen störend in das heitere geistige Leben. Bei einem Besuch in Rudolstadt erlitt er einen neuen harten Anfall, wo er sich entschieden dem Tode nahe glaubte. Das Leben war ihm wert und reizend; aber mit männlicher Fassung suchte er uns zu beruhigen und das Unvermeidliche ertragen zu lernen. Ich las ihm die Stellen aus Kants Kritik der Urteilskraft, die auf Unsterblichkeit deuten, vor. Den Lichtstrahl aus der Seele des ruhigen Weisen und den tröstenden Glauben meines Herzens, dass solch ein Wesen in der Blüte seiner Kraft nicht enden, uns nicht für immer entzogen werden könne, nahm er ruhig auf. „Dem allwaltenden Geiste der Natur müssen wir uns ergeben,“ sagte er, „und wirken, so lange wir’s vermögen.“ Wir sollten unsere Freunde zu ihm kommen lassen, damit sie lernten, wie man ruhig sterben könne. Als ihm die Sprache schwer zu werden anfing, griff er nach dem Schreibzeuge und schrieb: „Sorget für eure Gesundheit, man kann ohne das nicht gut sein.“ Noch verwahre ich diese rührenden Worte der Liebe.

Die Krämpfe ließen nach auf die Mittel unsers geschickten Arztes Conradi, der uns immer mit der Hoffnung tröstete, sie seien nicht tödlich. „Es wäre doch schön, wenn wir noch länger zusammen blieben!“, sagte er seiner Frau und mir, mit sehr heiterm Blick.

Der Zustand besserte sich; er glaubte wieder an ein längeres Leben, machte Pläne zu Arbeiten und las viel in den schlaflosen Nächten. Reisen interessierten ihn sehr. In unsern Gesprächen wanderten wir über die ganze bekannte Erde, durch alle Zonen. Die Natur und besonders die Verschiedenheit der Menschen und ihre Zustände zogen unsre Betrachtung an. Die Länder am Nordpol, wo der Mensch mit allen Elementen um sein Dasein kämpfen muss, waren Schiller besonders merkwürdig. „Man bringt doch immer etwas von solch einer Reise um die Erde zurück,“ sagte er.

In dieser Zeit las er auch Tassos befreites Jerusalem in Heinses Übersetzung mit dem größten Anteil. Als wir einmal von einem Besuch über Land zurückkamen, hatte er das Gedicht vollendet und sagte: „Der Tasso liegt mir in allen Gliedern.“ In dieser Epoche fing die Unordnung im Schlaf und Wachen bei ihm zuerst an. Er fand, dass er eher einschlafe, wenn er unter einem leichten Geschäft sich vom Schlaf übermannen ließ, als wenn er ihn erwarte. Unsre Hausjungfern spielten mit ihm Karten, wobei er sehr heiter war, so dass sie gern ein paar Stunden Schlaf opferten, dessen meine Schwester und die übrigen Hausbewohner so sehr bedurften, um dem Leidenden den Tag heiter zu machen.

Ende Julius konnte er nach Karlsbad reisen, wo er sehr eingezogen lebte. Die Bekanntschaft mit einigen bedeutenden österreichischen Kriegern interessierte ihn und gab ihm neue Ansichten dieses Standes, in den er, seines Wallensteins wegen, gern hinein schaute. In Eger besuchte er das Rathaus; er sah hier ein Bild Wallensteins, auch das Haus, wo dieser seinen Tod fand.

Den September brachte er in Erfurt zu; die Abende meistens bei dem immer gleich freundschaftlichen und tätig teilnehmenden Dalberg. Vieles kam unter ihnen zur Sprache, besonders Wallenstein.

Wie Schiller unter den Krankheitsanfällen, die eigentlich dieselben blieben, aber bei ihrer traurigen Wiederkehr für ihn und uns allmählich von ihrer Furchtbarkeit verloren, sein reges Geistesleben erhielt, zeigen seine Arbeiten in dieser Periode. Er setzte die früher begonnene Geschichte des dreißigjährigen Krieges fort, sowie seine ästhetischen Studien, und erheiterte sich durch die Übersetzungen aus der Aeneide, da er sich zu eigenen Dichtungen nicht stark genug fühlte. „Auch darf man nicht glauben,“ sagt sein Freund Körner, „dass überhaupt damals eine hypochondrische Stimmung durch körperliche Leiden bei ihm hervorgebracht worden wäre. Mehrere Stellen aus seinen Briefen beweisen, dass er eben in dieser Zeit für begeisternde Wirksamkeit und für edlern Lebensgenuss nichts weniger als erstorben war.“

Ein sehr angenehmer, geistreicher Kreis von Hausfreunden die auch großenteils an Schillers Tische zu Mittag aßen, trug viel zur Erheiterung bei. Der jetzige Präsident Fischenich, Niethammer, Herr von Stein, der liebenswürdige Sohn unserer Freundin, von Fichart und sein Hofmeister Göritz waren die tägliche Tischgesellschaft. Offenheit und Heiterkeit herrschte bei dem mäßigen Mahl. Schiller gab sich dem muntern Gespräch unter diesen guten, von regem wissenschaftlichem Interesse belebten Menschen hin, von denen mehrere sich in der Folge durch Schriften und im Staatsdienst merkwürdig gemacht haben.

Mit Niethammer und Fischenich unterhielt er sich vorzüglich über die Kantische Philosophie, und diese war, bei dem lebhaften Interesse, das sie den drei Männern einflößte, ein nie versiegender Quell für gegenseitige Mitteilung. Ein dauerndes Band blieb durchs ganze Leben; und nach Schillers Tode fand der edle Fischenich Gelegenheit, seine Freundschaft für denselben den Hinterlassenen treu und auf die großmütigste Art zu beweisen.

Eine Reise im Frühjahr 1792 zu seinem Freunde Körner gewährte Schiller großen Genuss; doch war sei auch durch Krankheitsanfälle getrübt.

Fischenich begleitete ihn nach Dresden, und philosophische Gespräche beseelten jede freie Stunde. Dann erfreute Schiller auf das innigste ein Besuch seiner Mutter, die eben eine schwere Krankheit überstanden hatte, und seiner jüngsten Schwester. Früher hatte er mir geschrieben: „Heute habe ich einen Brief von Hause erhalten, worin die angenehme Nachricht steht, dass meine Mutter sich anfängt zu erholen. Herzlich hat sie mich erfreut. Ich hoffe noch einmal sie wieder zu sehen und ihr einige frohe Tage zu schenken. Auch dich und Lottchen muss sie noch sehen und mein Vater euch seine Artigkeiten ins Angesicht sagen.“ Die fünfzehnjährige Schwester hatte die schönsten Anlagen. Stellen aus Schillers Gedichten zu deklamieren, war ihre größte Freude, und ihre Naivität machte uns viel Vergnügen.

Mehrere Rückfälle ließen indes das Schlimmste für Schillers Gesundheit fürchten. Er bedurfte der größten Schonung; öffentliche Vorlesungen wären ihm äußerst schädlich gewesen; selbst Privatvorträge verboten ihm seine immer wiederkehrenden Brustkrämpfe. „Diese und alle andern anstrengenden Arbeiten mussten ausgesetzt bleiben,“ sagt Körner. „Es kam alles darauf an, ihn wenigstens auf einige Jahre in eine sorgenfreie Lage zu versetzen, und hierzu fehlte es in Deutschland weder an Willen noch an Kräften. Aber ehe für diesen Zweck eine Vereinigung zustande kam, erschien unerwartet eine Hilfe aus Dänemark. Von dem damaligen Erbprinzen von Holstein-Augustenburg und von dem Grafen von Schimmelmann wurde Schiller ein Jahrgehalt von tausend Talern auf drei Jahre, ohne alle Bedingungen und bloß zu seiner Wiederherstellung, angeboten; und dies geschah mit einer Feinheit und Delikatesse, die den Empfänger, wie er schreibt, noch mehr rührte, als das Anerbieten selbst. Dänemark war es, woher einst auch Klopstock die Mittel einer unabhängigen Existenz erhielt, um seinen Messias zu endigen. Gesegnet sei eine so edelmütige Denkart, die auch bei Schiller durch die glücklichsten Folgen belohnt wurde!“

Wir teilen den Brief dieser edlen Freunde mit.

Den 27. November 1791

„Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann! Beide sind Ihnen unbekannt, aber beide verehren und lieben Sie. Beide bewundern den hohen Flug Ihres Genius, der verschiedene Ihrer neuern Werke zu den erhabensten unter allen menschlichen Werken stempeln konnte. Sie fanden in diesen Werken die Denkart, den Sinn, den Enthusiasmus, der das Band ihrer Freundschaft knüpfte, und gewöhnten sich bei ihrer Lesung an die Idee, den Verfasser derselben als Mitglied ihres freundschaftlichen Bundes anzusehen. Groß war also auch ihre Trauer bei der Nachricht von seinem Tode, und ihre Tränen flossen nicht am sparsamsten unter der großen Zahl der guten Menschen, die ihn kennen und lieben.

Dieses lebhafte Interesse, welches Sie uns einflößen, edler und verehrter Mann, verteidige uns bei Ihnen gegen den Anschein von unbescheidener Zudringlichkeit! Es entferne jede Verkennung der Absicht dieses Schreibens. Wir fassen es ab mit einer ehrerbietigen Schüchternheit, welche uns die Delikatesse Ihrer Empfindungen einflößt. Wir würden diese sogar fürchten, wenn wir nicht wüssten, dass auch ihr, der Tugend edler und gebildeter Seelen, ein gewisses Maß vorgeschrieben ist, welches sie ohne Missbilligung der Vernunft nicht überschreiten darf.

Ihre durch allzu hastige Anstrengung und Arbeit zerrüttete Gesundheit bedarf, so sagt man uns, für einige Zeit einer großen Ruhe, wenn sie wieder hergestellt und die Ihrem Leben drohende Gefahr abgewendet werden soll. Allein Ihre Verhältnisse, Ihre Glücksumstände verhindern Sie, sich dieser Ruhe zu überlassen. Wollen Sie uns wohl die Freude gönnen, Ihnen den Genuss derselben zu erleichtern? Wir bieten Ihnen zu dem Ende auf drei Jahre ein jährliches Geschenk von tausend Talern an. Nehmen Sie dieses Anerbieten an, edler Mann! Der Anblick unserer Titel bewege Sie nicht, es abzulehnen. Wir wissen dies zu schätzen. Wir kennen keinen Stolz als nur den, Menschen zu sein, Bürger in der großen Republik, deren Grenzen mehr als das Leben einzelner Generationen, mehr als die Grenzen eines Erdballs umfassen. Sie haben hier nur Menschen, Ihre Brüder, vor sich, nicht eitle Große, die durch einen solchen Gebrauch ihrer Reichtümer nur einer etwas edlern Art von Hochmut frönen. Es wird von Ihnen abhängen, wo Sie diese Ruhe genießen wollen. Hier bei uns würde es Ihnen nicht an Befriedigungen für die Bedürfnisse Ihres Geistes fehlen, in einer Hauptstadt, die der Sitz einer Regierung, zugleich ein großer Handelsplatz ist und sehr schätzbare Büchersammlungen enthält. Hochachtung und Freundschaft würden von mehreren Seiten wetteifern, Ihnen den Aufenthalt in Dänemark angenehm zu machen; denn wir sind hier nicht die einzigen, welche Sie kennen und lieben. Und wenn Sie nach wieder hergestellter Gesundheit wünschen sollten, im Dienste unseres Staates angestellt zu werden, so würde es uns nicht schwer fallen, diesen Wunsch zu befriedigen.

Doch wir sind nicht so klein eigennützig, diese Veränderung Ihres Aufenthalts zu einer Bedingung zu machen. Wir überlassen dieses Ihrer eigenen freien Wahl. Der Menschheit wünschen wir einen ihrer Lehrer zu erhalten, und diesem Wunsche muss jede andere Betrachtung nachstehen.“

In der ersten Wärme des Dankgefühls glaubte sich Schiller stark genug, eine Reise nach Dänemark unternehmen zu können und versprechen zu dürfen; was er in einer Antwort auf jenen Brief tat. Der Prinz von Holstein erwiderte:

„Erlauben sie, edler und verehrter Mann, dass ich Ihnen meine Freude über Ihre Antwort und über die uns gegebene Hoffnung bezeige, Sie hier in Dänemark zu besitzen. Ihr Betragen in dieser Angelegenheit ist ganz Ihrer würdig und vermehrt die Hochachtung, welche ich schon bisher für Sie hegte. Nichts kommt jetzt meiner Sehnsucht bei, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, und ich sehe dem Augenblick mit verdoppelter Ungeduld entgegen, in welchem ich Sie als Mitbürger meines Vaterlandes werde begrüßen können.“

Das Verlangen Schillers, diese edlen Freunde persönlich kennen zu lernen, ihnen mündlich zu danken, mit ihnen umzugehen, was für Geist und Herz so reichen Genuss versprach, dieses lebhafte Verlangen blieb indes unerfüllt. Das Misstrauen, das er in seine Gesundheit setzte, nahm mit den Jahren zu; er durfte eine Reise in ein nördliches Klima nimmermehr wagen. Ein fortgesetzter Briefwechsel mit der Gräfin Schimmelmann, in dem sich die herrliche Seele dieser ausgezeichneten Frau, so wie die ihres Gemahls darstellt, erhielt inzwischen eine geistige rege Verbindung. Schillers Bitte, die später in den Horen erschienenen Briefe über ästhetische Erziehung an den Prinzen von Holstein richten zu dürfen, wurde von demselben auf das freundlichste angenommen.

Im kräftigen Mannesalter wurde auch dieser edle Fürst der Welt entrissen. Das Andenken des Trefflichen zu erhalten, ist eine heilige Pflicht der Mitlebenden; von dem Grabe edler Verstorbenen geht ein belebender Hauch aus für die Nachwelt.

Körner sagt: „Völlige Wiederherstellung seiner Gesundheit war für Schiller nicht zu erwarten; aber die Kraft seines Geistes, der sich vom Druck äußerer Verhältnisse frei fühlte, siegte über die Schwäche des Körpers. Kleinere Übel vergaß er, wenn ihn eine ergreifende Arbeit, oder ein ernstes Studium beschäftigte; und von heftigen Anfällen bleib er oft jahrelang befreit. Er hatte noch schöne Tage zu erleben, genoss sie mit heitrer Seele, und von dieser Stimmung erntete seine Nation die Früchte in seinen trefflichen Werken.“

Der Plan zum Wallenstein stand Schiller immer vor der Seele, und in seinen heitern Stimmungen beschäftigte er sich damit. Als er schon im Jahre 1792 zur Ausführung kommen sollte, schrieb er darüber folgendes an Körner:

„Eigentlich ist es doch nur die Kunst selbst, wo ich meine Kräfte fühle; in der Theorie muss ich mich immer mit Prinzipien plagen; da bin ich bloß Dilettant. Aber um der Ausführung selbst willen philosophiere ich gern über die Theorie. Die Kritik muss mir jetzt selbst den Schaden ersetzen, den sie mir zugefügt hat. Und geschadet hat sie mit in der Tat; denn die Kühnheit, die lebendige Glut, die ich hatte, ehe mir noch eine Regel bekannt war, vermisse ich schon seit mehreren Jahre. Ich sehe mich jetzt erschaffen und bilden, ich beobachte das Spiel der Begeisterung, und meine Einbildungskraft beträgt sich mit minder Freiheit, seitdem sie sich nicht mehr ohne Zeugen weiß. Bin ich aber erst so weit, dass mir Kunstmäßigkeit zur Natur wird, wie einem wohlgesitteten Menschen die Erziehung, so erhält auch die Phantasie ihre vorige Freiheit wieder zurück, und setzt sich keine andere als freiwillige Schranken.“

Durch die Zeitungen erfuhr Schiller, dass man ihm, wie mehreren andern deutschen Gelehrten, ein französisches Bürgerdiplom zugesendet, das von drei Mitgliedern des Nationalkonvents unterschrieben war; nach einigen Jahren erhielt er es durch Campe. Schon seit geraumer Zeit hatte die Revolution sich mit Ungerechtigkeit und Blut befleckt, und viele edle Franzosen selbst, die den Sieg der Freiheit auf der Bahn des Rechts und durch erhöhte rein menschliche Gesinnung zu erringen gehofft, entflohen, um dem Blutgerüste zu entgehen, in das Ausland. Als das Schicksal Ludwigs XVI. entschieden werden sollte, schrieb Schiller (im Dezember 1792) folgendes an seinen Freund Körner:

„Weißt Du mir niemand, der gut ins französische übersetzte, wenn ich etwas in den Fall käme, ihn zu brauchen? Kaum kann ich der Versuchung widerstehen, mich in die Streitsache wegen des Königs einzumischen und ein Memoire darüber zu schreiben. Mir scheint diese Unternehmung wichtig genug, um die Feder eines Vernünftigen zu beschäftigen, und ein deutscher Schriftsteller, der sich mit Freiheit und Beredsamkeit über diese Streitfrage erklärt, dürfte wahrscheinlich auf diese richtungslosen Köpfe einen Eindruck machen. Wenn ein Einziger aus einer ganzen Nation ein öffentliches Urteil sagt, so ist man wenigstens auf den ersten Eindruck geneigt, ihn als Wortführer seiner Klasse, wo nicht seiner Nation, anzusehen, und ich glaube, dass die Franzosen gerade in dieser Sache gegen fremdes Urteil nicht ganz unempfindlich sind. Außerdem ist gerade dieser Stoff sehr geschickt dazu, eine solche Verteidigung der guten Sache zuzulassen, die keinem Missbrauch ausgesetzt ist. Der Schriftsteller, der für die Sache des Königs öffentlich streitet, darf bei dieser Gelegenheit schon einige wichtige Wahrheiten mehr sagen, als ein anderer, und hat auch schon etwas mehr Kredit. Vielleicht rätst Du mir an, zu schweigen; aber ich glaube, dass man bei solchen Anlässen nicht indolent und untätig bleiben darf. Hätte jeder frei gesinnte Kopf geschwiegen, so wäre nie ein Schritt zu unserer Verbesserung geschehen. Es gibt Zeiten, wo man öffentlich sprechen muss, weil Empfänglichkeit dafür da ist, und eine solche Zeit scheint mir die jetzige zu sein.“

Ehe dieser Gedanke zur Ausführung kommen konnte, war das Urteil des unglücklichen Königs schon gefällt.

Das Studium von Kants Kritik der Urteilskraft führte Schiller in immer weitere philosophische Untersuchungen, deren Resultate er in der Abhandlung über Anmut und Würde, in verschiedenen Aufsätzen der Thalia und hauptsächlich später in den schon erwähnten Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen bekannt machte. Die Schrift „Anmut und Würde“ dedizierte er in der ersten Ausgabe unserm Freunde Dalberg mit einer Zeile aus Milton: „Was du hier siehest, edler Geist, das bist du selbst.“ Gewiss ein Muster einer feinsinnigen Dedikation.

In der Mitte des Jahres 1793 schrieb Schiller an Körner: „Die Liebe zum Vaterlande ist sehr lebhaft in mir geworden.“ Das Verlangen, dasselbe nach so langer Zeit wieder zu sehen, ward lebendiger; und im August unternahm er mit seiner Gattin die Reise nach Schwaben. Er verweilte zuerst in der damaligen Reichsstadt Heilbronn, wo er die freundlichste Aufnahme und in dem Umgang mit einigen geistvollen Männern die angenehmste Unterhaltung fand. Das kleine Gemeinwesen, in der lachendsten, reichen Gegend, wo Ordnung, Fleiß und Wohlhabenheit die Bürger beglückte, erfreute Schiller sehr, und das Wiedersehen der Eltern, Schwestern und Jugendfreunde, nach so langer Trennung, labte sein Herz.

Von Heilbronn aus schrieb er dem Herzog von Württemberg im Sinn des dankbaren ehemaligen Zöglings, den widrige Verhältnisse von seinem Vaterlande entfernt. Er erhielt zwar keine Antwort, aber durch seine Freunde die Nachricht, der Herzog habe öffentlich geäußert: „Schiller werde nach Stuttgart kommen und von ihm ignoriert werden.“

Seit dem Frühling 1793 lebte ich in Schwaben, mehrenteils auf dem reizenden Landgut der Frau von Senkenberg, Gaisburg, wo ich das Cannstatter Bad gebrauchte, dessen gelinde Wirkung die Ärzte für mein Nervenübel sehr zuträglich fanden. Meine Krankheit hatte in den letzten Jahren so zugenommen, eine solche Verstimmung erzeugt, dass ich’s billig fand, einem von vielen Seiten achtungswürdigen Manne durch eine Trennung seine Freiheit wieder zu geben. Ich wollte in diesem Zeitpunkt allein stehen und handeln und keinen meiner Freunde in die Unannehmlichkeiten verflechten, die bei der Auflösung eines solchen Verhältnisses nicht ausbleiben. Ein einsames, stilles Leben war mein innigstes Bedürfnis.

Im September besuchte ich Schiller in Heilbronn, da meine Schwester ihrer Niederkunft entgegen sah. Die vaterländische Luft, Jugenderinnerungen und die Nähe der Seinen hielten Schiller in sehr milder Stimmung.

Ich erinnere mich sehr merkwürdiger Gespräche, die Schiller in Heilbronn mit dem berühmten Arzt Gemlin über tierischen Magnetismus führte. Diese wichtige Entdeckung unsrer Zeit zog ihn sehr an; doch fand er seinen eignen Krankheitszustand für Versuche mit dieser Heilmethode nicht geeignet.

Da von dem Herzog von Württemberg keine Feindseligkeit zu befürchten war, zog Schiller nach Ludwigsburg, wo er den Seinen näher war; denn sein Vater lebte als Major auf der Solitüde und hatte die Oberaufsicht über die fürstlichen Gräten und Pflanzschulen. Vorzüglich zog ihn dahin sein treuester Jugendfreund, von Hoven, in dessen geistreichen Umgang und einsichtiger ärztlichen Pflege er für sich und die Seinen die größte Beruhigung, wie die angenehmste Unterhaltung zu finden hoffte. Er fand beides im reichen Maße. Herr von Hoven und seine liebenswürdige Frau taten alles, um den Ludwigsburger Aufenthalt angenehm zu machen. Hören wir ihn selbst in seinen Erinnerungen aus dieser Zeit:

„Von unsern Empfindungen beim Wiedersehen sage ich nichts; ich sage nur, wie ich Schiller nach einer Trennung von zehn Jahren wieder gefunden habe. Ich fand einen ganz anderen Mann an ihm. Sein jugendliches Feuer war gemildert; er hatte weit mehr Anstand in seinem Betragen; an die Stelle seiner vormaligen Nachlässigkeit im Anzuge war eine anständige Eleganz getreten, und seine hagere Gestalt, sein blasses kränkliches Ansehen vollendete das Interessante seines Anblicks bei mir und allen, die ihn früher näher gekannt hatten. Leider war der Genuss seines Umgangs häufig, fast täglich, durch seine Krankheitsanfälle gestört; aber in den Stunden des Besserbefindens – in welcher Fülle ergoss sich da der Reichtum seines Geistes! Wie liebevoll zeigte sich sein weiches, teilnehmendes Herz! Wie sichtbar drückte sich in allen seinen Reden und Handlungen sein edler Charakter aus! Wie anständig war jetzt seine sonst etwas ausgelassene Jovialität! Wie würdig waren selbst seine Scherze! Kurz, er war ein vollendeter Mann geworden.“

Da er selten ganz frei von seinen Anfällen war, so konnte er nur wenig arbeiten; indes schrieb er doch fast täglich, meistens in der Nacht, einige Stunden an seinem Wallenstein, der damals seine Hauptbeschäftigung war. Die Stunden, wo er sich dazu weniger aufgelegt fühlte, widmete er seinen Briefen an den Herzog von Augustenburg über die ästhetische Erziehung des Menschen. Vom Wallenstein, von dem er mir verschiedene eben fertig gewordene Szenen zu lesen gab, bemerke ich, dass er anfangs in Prosa geschrieben war. Ich äußerte, dass ich ihn lieber, wie den Don Karlos, in Jamben geschrieben sähe, und ich weiß nicht, ob diese Äußerung dazu beigetragen hat, dass er in Jamben erschienen ist. Gedichte hat er, während er in Ludwigsburg war, nicht gemacht; nur die Götter Griechenlands hat er in dieser Zeit abgeändert; aber so, wie er mir damals dieses Gedicht vorgelesen, hat er es nicht drucken lassen. Von seinen Räubern und andern früheren Stücken sprach er nicht gern; ja, es schien mir oft, als wünsche er sie ungedruckt. Von Goethes Iphigenia äußerte er einst auf einem Spaziergang, dass dies das einzige deutsche dramatische Produkt sei, das er beneide, weil er fühle, dass er kein ähnliches machen könne. Von Voß war er ein großer Verehrer. Die Übersetzung des Homer machte ihm große Freude, beinah alle Abende als er daraus vor und pries wechselseitig das Original und die Übersetzung. Von Gerstenberg bedauerte er, dass er so früh zu dichten aufgehört habe. Die Bekanntschaft Matthissons, der eben nach Ludwigsburg kam, freute ihn; wie er die Zartheit seiner Gedichte schätzte, ist bekannt.

Während Schillers Aufenthalt im Vaterlande erfolgte der Tod des Herzogs Karl von Württemberg. Dankbarkeit gegen seinen Erzieher, Erinnerung des Wohlwollens, so er seiner frühesten Jugend bezeigt, ergriffen sein Gemüt und verdrängten die düstern Bilder der Folgezeit. „Ich sah Schiller,“ sagt von Hoven, „bei der Nachricht, dass der Herzog krank und seine Krankheit eine zum Tode sei, sehr bewegt, und die Nachricht von dem wirklich erfolgten Tode erfüllte ihn mit einer Trauer, als hätte er den Tod eines Freundes vernommen.“

Sein Vater, dem natürlich an der Gunst des neuen Regenten viel gelegen war, konnte ihn nicht dazu vermögen, diesem zum Regierungsantritt ein Glückwunschungsschreiben zu senden, obgleich man sich von Ludwig Eugen, einem Fürsten von der größten Herzensgüte, und wegen des Eifers, mit welchem er sich als Agnat bei jeder Gelegenheit der Landesverfassung gegen die Anmaßungen seines Bruders angenommen hatte, das goldene Zeitalter für Württemberg versprach. Schiller wollte wahrscheinlich wegen seines früheren Verhältnisses zu dem verstorbenen Herzog auch den geringsten Schein meiden, als freue er sich seines Todes. Hier, wie in mehreren Fällen, zeigte sich, dass er sein Zartgefühl immer vor allem, was äußern Vorteil bringen konnte, vorherrschen ließ.

„Nie vergesse ich,“ sagte von Hoven ferner, „was er mir einst auf einem Spaziergang, wo wir auf das fürstliche Begräbnis hinsehen konnten, über den hingeschiedenen Herzog sagte: ‚Da ruht er also (dies waren seine eigenen Worte), dieser rastlos tätig gewesene Mann! Er hatte große Fehler als Regent, größere als Mensch; aber die ersten wurden von seinen großen Eigenschaften übertragen, und das Andenken an die letzteren muss mit dem Toten begraben werden. Darum sage ich dir, wenn du, da er nun dort liegt, jetzt noch jemand nachteilig von ihm sprechen hörst, traue diesem Menschen nicht, er ist kein guter, wenigstens kein edler Mensch!’ Von dem französischen Freiheitswesen, welches auch in Württemberg damals einigen Anhang hatte, war Schiller kein Freund. Die schönen Aussichten in eine glückliche Zukunft schienen ihm zweifelhaft. Er hielt die französische Revolution für eine Wirkung der Leidenschaften, nicht für ein Werk der Weisheit, die allein wahre Freiheit zur Folge haben kann. Er gab zwar zu, dass viele wichtige Ideen, die sich zuvor nur in Büchern und in den Köpfen aufgeklärter Menschen bestanden, zur öffentlichen Sprache gekommen seien; aber ‚die eigentlichen Prinzipien,’ sagte er, ‚die einer wahrhaft glücklichen bürgerlichen Verfassung zum Grunde gelegt werden müssen, sind noch nicht so gemein unter den Menschen; sie sind (indem er auf Kants Kritik der Vernunft, die eben auf dem Tische lag, hinwies) noch nirgends anders als hier. Die französische Republik wird ebenso schnell aufhören, als sie entstanden ist; die republikanische Verfassung wird in einen Zustand der Anarchie übergehen, und früher oder später wird ein geistvoller, kräftiger Mann erscheinen, er mag kommen, woher er will, der sich nicht nur zum Herrn von Frankreich, sondern auch vielleicht von einem großen Teile Europas machen wird.’“

Wie prophetisch zeigte sich Schillers Genius in diesen Worten, zehn Jahre vor Napoleons Kaiserkrönung gesprochen!

Tröstend und hilfreich war uns der treue Freund v. Hoven in den ängstlichen Tagen der Niederkunft meiner Schwester. „Sie war schwer und dauerte lange,“ sagte er; „Schiller zweifelte in manchen Momenten an einem glücklichen Ausgange; er suchte seine Besorgnisse zu verbergen, aber seine Angst blickte sichtbar aus seinem ganzen Betragen hervor. Umso größer war seine Freude nach der endlich glücklich erfolgten Entbindung; es war die Freude des gefühlvollen, edlen Mannes über die Rettung einer zärtlich geliebten Frau und das Entzücken des Vaters über seinen erstgeborenen Sohn.“

In dieser Zeit entstand auch die Bekanntschaft mit Herrn von Cotta, die zu einem dauernden Freundschafts- und Geschäftsverhältnis führte. Herr von Cotta zeigte sich großsinnig für die deutsche Literatur. Schiller schätzte seinen tiefen Verstand, seine Umsicht in allen Verhältnissen, seine außerordentliche Tätigkeit, und vertraute seinem edlen Charakter.

Der Plan zu den Horen wurde gemacht, zu dessen Ausführung die ersten Geister der Nation eingeladen werden sollten, und Herrn von Cottas Anerbietungen übertrafen alles, was bis jetzt für deutsche Schriftsteller geschehen war. Schiller entwarf auch den Plan zu einer deutschen Zeitung, die ihm ein wahres Bedürfnis der Nation dünkte1). Höhere philosophische Ansicht der Begebenheiten, reines, freies, völlig parteiloses Urteil, Maß und Anstand in den Äußerungen, Klarheit der Sprache, Schönheit des Stils sollten diese Blätter vor allem, was man bis jetzt in der Art kannte, auszeichnen. Schiller selbst wollte an der Redaktion Anteil nehmen; eine solche Zeitung erschien ihm als ein mächtiges Organ zur Ausbildung des Staats- und des bürgerlichen Lebens und daher höchst wichtig, zumal in jener sich neu gestaltenden Zeit. Es ist nicht zu zweifeln, dass die Ausführung dieses Planes eine Quelle reichen Gewinnes für ihn würde geworden sein, und als Vater fühlte er sich doppelt verpflichtet, auch hierauf große Rücksicht zu nehmen. Aber in kurzem gewann die Poesie wieder die Oberhand in ihm. Ein bestimmtes Geschäft, das ihn dieser entfremden musste, dünkte ihm gegen seine Natur; und Herr von Cotta führte den Plan in der Allgemeinen Zeitung, die sich immer vor allen andern Blättern der Art ausgezeichnet hat, ohne Schiller aus, aber stets bewies er bei dem glücklichen Fortgang des Unternehmens dem ersten Stifter desselben die reinste Anerkennung.

Schiller besuchte während seines Aufenthalts in Schwaben auch seinen treuen Freund und ehemaligen Lehrer Abel in Tübingen. Dieser, wie seine Freunde in Stuttgart, wünschten nichts mehr, als ihm im Vaterlande eine würdige Laufbahn eröffnet zu sehen. Die schöne Natur, der milde Himmel Schwabens und vor allem die warmen Herzen seiner Freunde zogen ihn sehr an. Alle Umstände lagen günstig, und die entschiedenen Anträge, die in der Folge gemacht wurden, zeigten, wie ernstlich seine Freunde gewirkt hatten, ihn seinem Vaterlande wiederzugeben. Die große Anhänglichkeit meiner Schwester an ihre Familie und Freunde, ihre Vorliebe für die weimarischen Verhältnisse und den geselligen Ton in Sachsen waren ein großes Motiv, Schiller in Jena fest zu halten, denn immer nahm er die zarteste Rücksicht auf ihre Zufriedenheit.

Bei längerem Aufenthalte Schillers in Stuttgart modellierte Dannecker Schillers Büste, und der Umgang mit diesem ihm so werten genialen Jugendfreund erweckte in ihm ein großes Interesse für die bildende Kunst; er zählte die Stunden, die er mit Dannecker zubrachte, unter die genussreichsten des Stuttgarter Aufenthaltes. Ich gedenke immer mit Rührung des Augenblicks, wo Dannecker, als er die letzte Hand an die Büste gelegt, zu mir ins Nebenzimmer trat; Tränen standen in seinen Augen, und er sagte: „Ach, es ist doch nicht ganz, was ich gewollt habe!“ Wie spricht sich das Gefühl des echten Genius, der immer ein höheres Ideal auch seiner vollkommensten Werke in sich trägt, so schön in diesen Worten aus! Annecker führte sein Modell in Marmor aus. In Hinsicht auf treue, geistige Ähnlichkeit und zarte Ausführung ist diese Büste, die sich jetzt auf der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar befindet, ein wahres Kunstwerk, den besten dieser Art an die Seite zu setzen.

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1) Der Plan zu der deutschen Zeitung stammt vielmehr von Cotta her. ­

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