Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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Sechster Abschnitt
Rückkehr nach Weimar vom Spätjahre 1788 bis zum Frühling 1789

Schiller suchte die große Lücke, die seine Entfernung in unser Leben riss, durch öftere Briefe zu füllen. Es scheint ihm selbst in verschiedenen Epochen Bedürfnis gewesen zu sein, sein Innres gegen teilnehmende Menschen auszusprechen und sich selbst aus ihrer Anschauung wieder zu empfangen. Neigung und Hoffnung geben diesen Mitteilungen an uns doppelten Reiz. Oft lassen sich feinfühlende Menschen im persönlichen Umgang durch kleine Umstände in ihren Äußerungen hemmen und fühlen sich freier am Schreibtisch, wo nur das Bild des Freundes still und ruhig vor ihnen steht.

So ging es auch Schiller in seiner jetzigen gespannten Lage.

Da er wusste, dass meine Schwester mir alles mitteilte, so sind viele der folgenden Briefe an uns beide gerichtet.

Weimar, den 13. November 1788

„Mein erster ruhiger Augenblick ist für Sie. Ich komme eben nach Hause, nachdem ich mich den ganzen Tag bei den Leuten herumgetragen habe, und für diese Mühe belohne ich mich mit einem recht lebhaften Andenken an meine teuren Freundinnen, die ich heute nicht zu sehen mich gar noch nicht gewöhnen kann.

Dies ist der erste Tag, den ich ohne Sie lebe. Gestern habe ich doch Ihr Haus gesehen und eine Luft mit Ihnen geatmet. Ich kann mir nicht einbilden, dass alle diese schönen, seelenvollen Abende, die ich bei Ihnen genoss, dahin sein sollen; dass ich nicht mehr, wie diesen Sommer, meine Papiere weg lege, Feierabend mache und nun hingehe, mit Ihnen mein Leben zu genießen. Nein, ich kann und darf es mir nicht denken, dass Meilen zwischen uns sind. Alles ist mir hier fremd geworden; um Interesse an den Dingen zu schöpfen, muss man das Herz dazu mitbringen, und mein Herz lebt unter Ihnen. Ich scheine mir hier ein abgerissenes Wesen; in der Folge, glaube ich wohl, werden mir einige meiner hiesigen Verbindungen wieder lieb werden; aber meine besten Augenblicke, fürchte ich, werden doch diejenigen sein, wo ich mich des schönen Traums von diesem Sommer erinnere und Pläne für den nächstfolgenden mache. Ich fürchte es; denn Wehmut wird sich immer in diese Empfindung mischen, und glücklich ist man doch nicht, wenn man nicht in der Gegenwart leben kann. Ich habe mir die Trennung von Ihnen durch Vernünfteleien zu erleichtern gesucht; aber sie halten die Probe nicht aus, und ich fühle, dass ich einen Verlust an meinem Wesen erlitten habe. Sein Sie mir tausendmal gegrüßt und empfangen Sie hier meine ganze Seele. Es wird alles wieder so lebendig in mir. Ich darf der Erinnerung nicht nachhängen.

Wie oft habe ich mich gestern nach Ihnen umgesehen, ob Ihr Wagen mir nicht nachkäme – und als ich den Weg nach Erfurt vorbei war, wie schwer fiel mir das aufs Herz, dass Sie mir nun nicht mehr nachkommen könnten! Ich hätte so gern Ihren Wagen noch gesehen.

Um 5 Uhr war ich hier. Ich bin aber den Abend nirgends gewesen. Heute Vormittag war ich bei Wieland und habe da viele Dinge vorgefunden, die meine Gegenwart verlangten, den Merkur betreffend, und die mit einem Plan, wovon diesen Sommer unter uns die Rede war1), in sehr genauem Zusammenhang sind. Auf jeden Fall Dinge, die mir es möglich machen werden, Ihnen nahe zu bleiben und Ihnen zu gehören, was das Schönste dabei ist.

Goethe ist nicht hier, kommt aber bald wieder. An Frau v. Stein habe ich gestern abend den Brief gleich besorgt, ob sie nach Erfurt ist, weiß ich noch nicht. Morgen werde ich sie besuchen. Frau v. Kalb traf ich nicht allein; ich habe also nichts Interessantes mit ihr sprechen können. Von Herder sagt man mir, dass ihn die Gesellschaft der Frau von Seckendorf2) ganz überrascht habe, dass er nicht weit davon entfernt gewesen sei, sogleich wieder umzukehren. Gewiss ist’s, dass man ihn bei dieser ganzen Sache hinterlistig überrascht hat; er hat sich darum auch von der Gesellschaft getrennt und lebt auf seine eigene Kosten; auf Ostern will er wieder hier sein und die Konfirmation noch verrichten. Frau v. Seckendorf macht ein großes Haus in Rom und wetteifert darin mit der Herzogin3). An die letztere hält sich Herder fleißiger, als er wirklich anfangs gewollt hat. Er wird sehr aufgesucht und geschätzt. Der Sekretär der Propaganda, Borgia, den auch Goethe gut kannte, soll ihm sehr viel Ehre erweisen und ihn einigen Kardinälen als den Erzbischof von Weimar vorgestellt haben. An allen diesen Nachrichten war mir die angenehmste, dass Herder bald wieder kommen will. Die Herzogin lebt unter dem Namen einer Gräfin Altstädt in Rom, wo sie nach einer Herzogin von Colonna, die eine sardinische Hoheit ist, den vornehmsten Rang behauptet. Ich schreibe Ihnen dies, dass Sie der Erbprinzessin in Rudolfstadt eine Freude damit machen können, weil sie sich auf ihre Prinzessin von Sachsen so viel einbildet.

Sonst habe ich noch niemand hier gesehen, der Sie interessierte. Morgen werde ich die Imhof und Stein aufsuchen, um recht viel von Ihnen und von Rudolfstadt sprechen zu können. Eben ist Komödie, die mich gar wenig anzieht; doch wünschte ich Ihnen in dem gar zu stillen Rudolfstadt manchmal diese Unterhaltung. Mlle. Schmidt4) ist noch in Frankfurt.

Goethe, heißt es, wird bei uns bleiben, ob er schon so gut als ganz ausgetreten ist und alle Geschäfte abgegeben hat. Alles spricht hier mit ungemeiner Achtung von ihm und will ihn zu seinem Vorteil verändert gefunden haben. Er soll weniger Härten haben, als ehmals.

Ich bin auf Nachrichten begierig, wie Sie sich in Erfurt gefallen haben. Sie sind mir doch heute um drei Stunden näher, und in dritthalb Stunden könnte ich bei Ihnen sein; das ist doch ein kleiner Trost, aber nur auf kurze Zeit!

Jetzt gehe ich an den Euripides, und dann wird Tee getrunken. Meine Einsamkeit ist mir so lieb, weil sie mich Ihnen so viel näher bringt.

Der Stock ist gut erhalten angekommen; wenige Blätter nur sind verwelkt. Ich hab ihn heute schon öfters besucht und auch den Potpourri.

Leben Sie recht wohl! Ihrer Mutter und Beulwitz sagen Sie recht viel Schönes von mir und noch recht vielen Dank für alle Güte und Liebe, die Sie diesen Sommer über mir bewiesen haben.

Vielleicht denken Sie in diesem Augenblick meiner – doch nein, Sie sind in Erfurt, wo Sie auch allerlei zu sehen und zu hören haben, was nicht an mich erinnert. Aber wenn Sie im stillen Zimmer beim Tee zusammensitzen, dann denken Sie meiner und wünschen, dass ich auch noch daran teilnehmen könnte.

Adieu! Adieu! Schreiben Sie mir bald. Ewig Ihr

Schiller.“


Weimar, den 19. Nov. 1788.

„Ich bitte Sie, reißen Sie mich, sobald Sie können, aus einer Ungewissheit, in die mich Ihr Paket gesetzt hat. Mit Ungeduld habe ich schon drei Tage auf die Botenfrau gewartet, die mir Nachricht von Ihnen bringen soll. Sie kommt endlich und bringt mir ein Paket mit altem Manuskript nebst einem Zettelchen von Ihrer beiderseitigen Hand, jede Schwester zu drei und einer Viertelszeile, worin noch obendrein die Rede on Päcken ist. Ich habe mich fast zu Tod in dem Buche und in dem Manuskript geblättert, ob der Brief nicht herausfallen würde; die Botenfrau habe ich auch examinieren lassen, die versichert aber, dass das blaue Paket alles sei; und meinen Brief, den ich Ihnen gleich nach meiner hiesigen Ankunft schrieb, versichert sie auch richtig übergeben zu haben. Wenn ich einen zu großen Glauben an den Reichtum Ihrer Freundschaft habe und eine zu gute Meinung von mir selbst, um zu glauben, dass Sie mir so gar wenig würden zu sagen gehabt haben, so verzeihen Sie mir’s; Sie haben mich selbst durch das Vergangene verwöhnt; aber ich kann nicht anders glauben, als dass hier ein Versehen vorgegangen ist, und dass dieses Billet nicht alles ist, was ich hätte erhalten sollen. Ob Sie mir durch die Post etwa geschrieben, oder ob Sie vielleicht vergessen haben, den Brief in das Paket beizulegen, weiß der Himmel, ich nicht. Aber wenn wirklich (gegen alles mein Vermuten) kein Fehler vorgegangen ist und wenn Sie mir nicht mehr bestimmt haben, als dieses Billet, so legen Sie mir meine Verwunderung wenigstens nicht übel aus. Ich leugne nicht, dass ich mit einiger Verlegenheit davon schrieb; denn wenn es ein Versehen ist, so schäme ich mich, einen Augenblick daran gezweifelt zu haben; und ist es keines, so muss ich freilich wünschen, dass ich das Gesagte bei mir behalten hätte. Wie ihm aber auch sei, so habe ich wenig Trost, denn ich habe mich in einer so schönen Erwartung getäuscht und muss bis auf den nächsten Post- oder Botentag zwischen Furcht und Hoffnung schweben, welche von zwei Thorheiten es eigentlich sein werde, die ich mir habe zu schulden kommen lassen.

Frau v. Stein hat mir gesagt, dass Sie schon den Donnerstag von Erfurt weggereist seien und ihr den Rendezvous hätten absagen lassen. Das wundert mich – ist vielleicht der Kutscher so blad zurückgekommen? Auch von Ihrer Freundin in Erfurt hätte ich gern etwas von Ihnen zu hören gewünscht – aber das wird nun auch in dem unglücklichen Briefe stehen, der entweder nicht eingepackt oder nicht geschrieben ist.

Ich bin jetzt acht Tage hier, und – die Trennung von Ihnen abgerechnet – kommt es mir gar nicht anders vor, als ob ich meine Lebensart in Rudolfstadt fortsetzte; denn ich lebe die ganze Zeit über immer mit mir selbst und mit der schönen Erinnerung an diesen Sommer. Wie nahe waren Sie mir immer in dieser Zeit, und wie viel haben Sie auch abwesend mir gegeben! Die Freuden des Vergangenen in der Erinnerung, und die Freuden der Zukunft in der Hoffnung! Und den, mir so wohltätigen, Glauben an die Fortdauer Ihrer Freundschaft! Gewiss, die edle und reine Freundschaft kann sich auch abwesend recht viel sein; und zu fühlen, dass auch entfernt an einen gedacht wird, erweitert und verdoppelt das eigne Dasein.

Hier wird über mich geklagt, dass ich meiner Gesundheit durch vieles Arbeiten und zu Hause Sitzen schaden würde. Aber so sind die Leute! Sie können es einem nicht vergeben, dass man sie entbehren kann. Und wie teuer verkaufen sie einem die kleinen Freuden, die sie zu geben wissen! Wenn die völligste Indifferenz gegen Klubs und Zirkels und Kaffeegesellschaften den Menschenfeind ausmacht, so bin ich’s wirklich in Rudolfstadt geworden.

Leben Sie recht wohl und denken Sie meiner!

Schiller.“


Den 20. November

„Lottchen wünsche ich recht viel Glück zum Geburtstag5). Dass ich ihn nicht selbst mitfeiern helfen kann! Aber ich will ihn hier im stillen für mich feiern. Abends, wenn ich weiß, dass Sie im stillen Zirkel nun beisammensitzen, will ich ihn beim Tee recht feierlich begehen und mich recht lebhaft unter Sie versetzen.

Ich überlese Ihr Billet noch einmal. Sie wollen darin Nachricht von mir haben – sollten Sie denn wirklich meinen Brief nicht erhalten und die Botenfrau ihn verloren haben? Das verhüte doch der Himmel.

Die Briefe Lavaters an die Recke und die ihrigen an ihn habe ich gelesen6). Er nennt ihre jetzige Rolle in der gelehrten Welt einen Amazonenauftritt und macht ihr besonders darin zum Vorwurf, dass sie die Einfalt des Herzens verloren hätte. Nach vielen unverständlichen mystisch prophetischen Ermahnungen – und ziemlich harten, wenigstens gegen eine Dame! Unschicklichen Tiraden ist sie wieder plötzlich eine angebetete Elisa! Kurz, der Brief hat mir nicht gefallen, aber die Antwort auch nicht viel besser. Sie würde mich zwar empfindlich ärgern, wenn sie an mich wäre, aber nicht wegen des Vorteils, den sie wirklich hat, als den sie zu haben glaubt, nicht wegen des Geists, sondern wegen des Tons. Es ist unangenehm und widrig, eine Person wie die Recke, die, ohne es zu wissen, tausendmal näher an Lavatern und seiner Ideenreihe hängt, als sie jemals an Nicolais und Konsorten hing und hängen wird, eine Person, die immer noch Enthusiastin, nur in einem andern Rocke ist, es ist widrig, sage ich, eine solche Person mit nüchterner Philosophie um sich werfen, auf einen Kopf, wie doch Lavater immer ist, herabsehen, ihm Lehren geben, wie sie sehr darin zu tun affektiert, und besonders ihre Freundschaft als einen Preis auf seine Sinnesänderung und Besserung setzen zu sehen. Meine Freundschaft, sagt sie ihm z.B., werde ich keinem entziehen, der sich ihrer nicht unwürdig gemacht hat. Bode sieht mit allen Gliedmaßen aus dem Briefe heraus, ich glaube sogar, dass der ihn ganz gemacht hat. Die ganze Sache ist diese, dass Lavater dabei verliert und die Recke nichts gewinnt! Die Briefe fordert er freilich auf eine empfindliche Art, aber doch noch beleidigender ist die Art, wie sie sei ihm verweigert.

Den 20. November.

Ich hatte den beiliegenden Brief schon gesiegelt, als ich die Ihrigen erhielt. Freude und Beschämung wechselten in meiner Seele. Ich hatte zwar mit ziemlicher Festigkeit darauf gebaut, dass hier ein Missverstand oder Versehen sein könnte, aber die hintergangene Erwartung machte mich missmutig, und Sie wissen, dass man da gerne das Üble glaubt. Nun haben Sie mich durch Ihre lieben Briefe wieder ins Leben erweckt.

Die Botenfrau will in einer halben Stunde schon hier sein und sich auf den Weg machen. Ich habe also nur noch für ein paar Worte Zeit, und Ihre Briefe werde ich erst in der Stille für mich genießen.

Einesteils freut es mich, dass Sie die Lage der Dachröden so mit angesehen haben; sie wird Ihnen Ihre eigne umso lieber machen. Überhaupt habe ich Sie im stillen schon oft um eben das beneidet, warum ein andrer Sei vielleicht beklagt. Der Mangel an äußerlichen geselligen Ressourcen zwingt Sie, in Ihrem Geiste und Herzen Beschäftigung zu suchen, und nie hätten Sie vielleicht die Schätze in Ihrem eignen Wesen entdeckt, wenn nicht ein geistiges Bedürfnis Sie darauf aufmerksam gemacht hätte. So viele treffliche Menschen reißt der Storm der Gesellschaften und Zerstreuungen mit sich dahin, dass sie erst dann zu sich selbst kommen, wenn sich die Seele aus dem Schwall von Nichtigkeiten nicht mehr emporarbeiten kann. Es sieht vielleicht misanthropisch aus; aber ich kann mir nicht helfen, ich bin Kleists Meinung: Ein wahrer Menschmuss fern von Menschen sein.

Dass Ihnen Körners Briefe sein Wesen vergegenwärtigt haben, freut mich sehr. Es ist kein imposanter Charakter, aber desto haltbarer und zuverlässiger auf der Probe. Ich habe sein Herz noch nie auf einem falschen Klang überrascht; sein verstand ist richtig, uneingenommen und kühn; in seinem ganzen Wesen ist eine schöne Mischung von Feuer und Kälte. Ich werde Ihnen nach und nach mehreres von ihm zu lesen geben.

Es ist brav, dass Sie dem Plutarch getreu bleiben. Das erhebt über diese platte Generation und macht uns zu Zeitgenossen einer bessern kraftvollern Menschenart. Lesen Sei doch diesen Sommer auch die Geschichte des Königs von Preußen7) und geben Sie mir Ihre Gedanken darüber. Ich werde sie auch lesen.

Mich beschäftigen jetzt Dinge, die mein Herz nur flach berühren, der Geisterseher und dergleichen. Ich sehe mit Sehnsucht der Epoche entgegen, wo ich meine Beschäftigungen für mein Gefühl besser wählen kann.

Frau von Stein habe ich besucht und die schöne Zeichnung von der Angelika, auch die von Lips bei ihr gesehen. Wir haben uns miteinander nach Rom versetzt; in ihrem Saal hängt eine große topographische Karte davon. Frau von Stein ist mir sehr wert und lieb geworden, und das danke ich Ihnen. Vorher kannt’ ich sie nur wenig.

Nächstens mehr. Noch einmal bitte ich Sie wegen meines Misstrauens um Verzeihung. Ich hätte es Ihnen verschweigen können; aber ich halte es hier mit der Aufrichtigkeit und will lieber von Ihnen ausgelacht sein, als mir vorzuwerfen haben, dass ich Ihnen etwas zurückhielt.

Leben Sie recht wohl, und noch viele gute Wünsche zum Geburtstag; ich werde den November nun umso lieber haben. Adieu! Meine liebsten Freundinnen, denken Sie meiner, wie bisher, mit Liebe.

Adieu! Adieu!

S.“


An Lottchen von Lengefeld.

Abends, den 22. November 1788.

„Ich muss Ihnen doch noch einen schönen guten Abend sagen.

Ich habe heute Ihren Geburtstag auf eine für mich gar angenehme und wohltätige Art beschlossen. Der Himmel schenkte mir eine gute Stimmung (er muss diesen Tag einmal besonders lieb gewonnen haben) und ließ mich in heiterer Stille mich selbst genießen. Seit ich hier bin, war ich von Arbeiten, die mir noch gar nicht recht ans Herz wollen, gespannt und zusammengedrückt. Dies war der erste Tag, wo ich mein Wesen wieder in einer lebendigen Bewegung fühlte. Ich überließ mich süßen, dichterischen Träumen; alte erwärmende Ideen wachten wieder bei mir auf. Kurz, ich war in dem Zustand, wie es in den Künstlern heißt:

– – in der schönern Welt,
Wo aus nimmer versiegenden Bächen
Lebensfluten der Dürstende trinkt,
Und gereinigt von sterblichen Schwächen,
Der Geist in des Geistes Umarmungen sinkt.8)

Und dieses Vergnügen lassen Sie mich Ihnen danken. Sie sind die Heilige dieses Tages, und es freut mich noch einmal so sehr, wenn ich es aus einer so lieben Quelle empfange.

Ich lasse jetzt die Ideen, die der schöne Rudolfstädtische Sommer in mir getrieben und zum Keimen gebracht hat, in stillen Augenblicken eine nach der andern an mir vorbeiziehen und beschwöre sie, wie Schöpfer seine Geister. Die guten Geister stelle ich beiseite, und die bösen müssen Buße tun und sich bekehren; denn es sind mir zuweilen auch böse und ungläubige Geister bei Ihnen gekommen. Die guten will ich Ihnen nach und nach zuschicken.

Ich freue mich lebhaft auf den nächsten Sommer. Möchte die Zeit diesen Winter nur recht rasch und sich außer Atem laufen, dass sie danach den Sommer nicht mehr recht fort kann. Aber die Zeit ist ein kaltes fühlloses Ding, das von Freud und Leid der Menschen keine Notiz nimmt und für lauter Eigensinn immer langsamer geht, je mehr man es fort stößt, und wenn sie uns ja einmal eine solche Gefälligkeit erweist, so ist sie von dem kleinen Kapital unsers Lebens gestohlen.

Ich verfalle da, glaube ich gar, in Poesie; aber das sind noch Reste von der Laune, die Sie mir zu gut halten müssen. Die Einkleidung mag auch sein, wie sie will, so bleibt der Gedanke wahr und herzlich wahr, dass ich mit ganzer Seele bei Ihnen bin. Gute Nacht. Ein diensteifriger Nachtwächter versichert mir, dass es zehn geschlagen habe, und das versichert er immer drei Viertelstunden später – also will ich Sie nicht länger vom Schlafen abhalten.

Den 25. Hier eine Neuigkeit, die ich Ihnen gleich, wie ich sie empfangen, mitteilen will. Frau von La Roche wird aller Wahrscheinlichkeit nach in wenigen Wochen, oder gar Tagen – hier sein. Ihr Mann ist gestorben und sie hat schon längst an ihre hiesigen Freunde geschrieben, dass sie, wie er die Augen zugedrückt habe, sich nach Weimar aufmachen werde. Wenn Sie bald kommen, so finden Sie sie hier noch, wo nicht gar das Gewitter auch gegen Rudolfstadt zieht.

Herr von Knebel erzählt mir( er ist vor einigen Tagen mit Goethe wieder hier angekommen), dass das böse Lolochen das schöne Glas zerbrochen habe. Habe ich mir’s doch eingebildet, dass die Herrlichkeit noch zu Trümmern gehen würde. Er hat Ihnen aber, wie ich höre, ein noch weit schöneres physikalisches Präsent gemacht, das Sie mir nächstes Frühjahr hoffentlich noch werden zeigen können.

Er ist gar munter und ganz gesprächig zurückgekommen und kann gar nicht müde werden, das herrliche Leben in Jena zu rühmen. Er hat mir aber diesmal recht wohl gefallen; er schien fröhlicher und ganz verjüngt. Adieu für heute!“


An Karoline von B.

Donnerstag, den 27. November 1788.

„Dank Ihnen, liebste Freundin, dass Sie mir meinen unglücklichen Zweifelmut verziehen haben. Je größer meine Sünde ist, desto froher will ich sein; und Sie können mein Gewissen durch nichts besser erschüttern, als wenn Sie mir durch recht viele und recht große Briefe die Abscheulichkeit meines Vergehens erweisen. Aufrichtig aber, ich habe in meinem Herzen doch keinen ganzen Zweifel zusammen gebracht, so bedenklich auch die Umstände waren.

Endlich also einen Laut von Wolzogen, und einstweilen genug, um wegen seiner ruhiger zu sein. Er ist doch endlich glücklich an Ort und Stelle, und wir sehen, dass es nur bei ihm stehen wird, seinen Lebensplan auszuführen. Wenn er aber jetzt bei so wenig Gesellschaft seine Nachrichten so klein zuschneidet, wie arm werden sie alsdann erst ausfallen, wenn seine Bekanntschaften sich häufen! Ich fürchte, der große Brief wird eine Riesengröße erreiche. Hoffentlich antworten Sie vor dem nächsten Freitag noch nicht, dass ich auch noch einen kleinen Einschluss einlegen kann, den ich Ihnen mit nächstem Botentage schicken will.

Wolzogens Urteil über Paris konnte unter diesen Umständen wohl nicht anders ausfallen. Das Objekt ist ihm wirklich noch zu groß; sein innerer Sinn muss erst dazu hinauf gestimmt werden. Er hat eine Eile mitgebracht, um einen Koloss zu messen. Ich glaube wohl, dass er am Ziel einer langen Bekanntschaft mit Paris so ziemlich zu demselben Urteil zurückkommen mag, aber er wird es aus andern Motiven und aus einem andern Standpunkt tun. Wer Sinn und Lust für die große Menschenwelt hat, muss sich in diesem weiten, großen Element gefallen; wie klein und armselig sind unsre bürgerlichen und politischen Verhältnisse dagegen! Aber freilich muss man Augen haben, die an großen Übeln, die unvermeidlich mit einfließen, nicht geärgert werden. Der Mensch, wenn er vereinigt wirkt, ist immer ein großes Wesen, so klein auch die Individuen und Details ins Auge fallen. Aber eben darauf, dünkt mir, kommt es an, jedes Detail und jedes einzelne Phänomen mit diesem Rückblick auf das große Ganze, dessen Teil es ist, zu denken oder, was ebensoviel ist, mit philosophischem Geiste zu sehen. Wie holpericht und höckericht mag unsre Erde von dem Gipfel des Gotthards aussehen, aber die Einwohner des Mondes sehen sie gewiss als eine glatte und schöne Kugel. Wer dieses Auge nun entweder nicht hat, oder es nicht geübt hat, wird sich an kleine Gebrechen stoßen, und das schöne große Ganze wird für ihn verloren sein.

Paris freilich dürfte auch dem philosophischen Beobachter vielleicht einen widrigen Eindruck geben, aber einen kleinen gewiss nie; denn auch die Verirrungen eines so fein gebildeten Staates sind groß. Was für eine prächtige Erscheinung ist das römische Reich in der Geschichte, auch bei seinem Untergang!

Mir für meine kleine stille Person erschient die große politische Gesellschaft aus der Haselnussschale, woraus ich sie betrachte, ungefähr so, wie einer Raupe der Mensch vorkommen mag, an dem sie hinauf kriecht. Ich habe einen unendlichen Respekt für diesen großen drängenden Menschen-Ozean; aber es ist mir dadurch wohl in meiner Haselnussschale. Mein Sinn, wenn ich einen dafür hätte, ist nicht geübt, nicht entwickelt, und solange mir das Bächlein Freude in meinem engen Zirkel nicht versiegt, so werde ich von diesem großen Ozean ein neidloser und ruhiger Bewunderer bleiben.

Und dann (um doch recht ins Gelag hinein zu philosophieren!), dann glaube ich, dass jede einzelne, ihre Kraft entwickelnde Menschenseele mehr ist, als die größte Menschengesellschaft, wenn ich diese als ein Ganzes betrachte. Der größte Staat ist ein Menschenwerk, der Mensch ist ein Werk der unerreichbaren großen Natur. Der Staat ist ein Geschöpf des Zufalls; aber der Mensch ist ein notwendiges Wesen; und durch was sonst ist ein Staat groß und ehrwürdig als durch die Kräfte seiner Individuen? Der Staat ist nur eine Wirkung der Menschenkraft, nur ein Gedankenwerk; aber der Mensch ist die Quelle der Kraft selbst und der Schöpfer des Gedankens.

Aber wo gerat’ ich hin? Ich lasse meine Feder machen und vergesse, das ich einen Brief und keinen Discours philosophique schreibe. Lassen Sie mir’s diesmal hingehen.

Meine Gesundheit lassen Sie sich nicht anfechten. Ich komme mir durch frische Luft und durch Bewegungen zu Hilfe, wozu die schlechten Berge um Weimar herum schon noch gut genug sind. Frisch und gestärkt komme ich dann wieder nach Hause und setze meine Arbeit mit mehr Leichtigkeit fort. Bertuch will sich das Ansehen einer teilnehmenden Sorgfalt um mich geben, oder der Himmel weiß, was es ist. Ich glaube gar, er will mich verheiraten. Vergeb’s ihm der Himmel, dass ihn seine Freundschaft so weit führte. Er platzte neulich etwas plump damit heraus; im Ernst, er hat etwas mit mir vorgehabt, und weil ich mich in einem gewissen Klub noch nicht habe sehen lassen, so mag ich ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Es ging mir mit ihm, wie Hamlet mit Güldenstern, als dieser ihn sondieren wollte: Zum Unglück fehlte mir der witzige Einfall und eine Flöte, um ihm eine ähnliche Abfertigung zu geben. Meint er es wirklich gut mir mir, so mag mir der Himmel verzeihen, dass ich es ihm nicht zutraue.

Ich bin wirklich seit meinem Hiersein recht gesund und, welches viel sagen will, sogar von Schnupfen frei gewesen.

Gelesen habe ich seit unsrer Trennung noch nichts, mit dessen Mitteilung ich Ihnen Vergnügen machen könnte. Ich hatte auch wirklich keine Zeit dazu. Den Shaftesbury freue ich mich einmal zu genießen; vielleicht ist das ein Geschäft für den Sommer.

Jetzt übersetze ich die Phönikierinnen des Euripides; die schöne Szene, worin Jokaste sich die Übel der Verbannung von Polynikes erzählen lässt, ist es, was mich vorzüglich dazu bestochen hat. Ich bedaure nur, dass ich bei diesen Arbeiten zu sehr pressiert bin und mich nicht genug mit dem Geiste meines Originals familiarisieren konnte, ehe ich die Feder ansetzte. Aber die Arbeit gibt mir Vergnügen und kann am Ende doch keine andre, als vorteilhafte Wirkungen auf meinen eigenen Geist haben.

Auch bin ich jetzt stark über den Geisterseher her; bis jetzt habe ich ihm aber noch kein großes Interesse abgewonnen. Auch meine Arbeiten locken meine Wünsche nach dem Sommer, weil ich dann hoffentlich nur mit angenehmen beschäftigt sein werde.

Goethe sprach ich noch nicht. Es geschieht aber dieser Tage. Frau von Kalb habe ich heute besucht und eine recht geistvolle Unterhaltung bei ihr gefunden. Wie sehr wünschte ich ihrem Geiste die Welt, für die er eigentlich geschaffen ist. Es liegt unendlich viel Eigenes in ihrer Vorstellungskraft, und ihre Blicke sind ebenso scharf als tief. Ewig der Ihrige

Schiller.“


Weimar, den 4. Dezember 1788.

„Ihre Briefe vertreten jetzt bei mir die Stelle des ganzen menschlichen Geschlechts, von dem ich diese Woche über ganz getrennt gewesen bin.

Seit meinem letzten Brief an Sie hüte ich, halb meiner Geschäfte wegen, halb aus einer gewissen Trägheit, das Zimmer. Ich kann Ihnen also nichts von Neuigkeiten berichten, die einzige ausgenommen, dass Moritz seit heut oder gestern hier ist, auch einige Tage noch hier zubringen wird. Ich kenne ihn schon aus einer Zusammenkunft in Leipzig, ich schätze sein Genie, sein Herz kenne ich nicht; sonst sind wir übrigens keine Freunde. Erfahre ich mehr von ihm, so teile ich es Ihnen mit. Ich weiß, Sie nehmen Interesse an ihm.

Es ist mir gar lieb zu hören, dass mein guter Körner Ihre Eroberung gemacht hat. Ich wollte, wir hätten ihn hier. Mein Herz und Geist würden sich an ihm wärmen, und er scheint jetzt auch einer wohltätigen Geistesfriktion nötig zu haben. Sie haben sehr recht, wenn Sie sagen, dass nichts über das Vergnügen gehe, jemand in der Welt zu wissen, auf den man sich ganz verlassen kann. Und das ist Körner für mich. Es ist selten, dass sich eine gewisse Freiheit in der Moralität und in Beurteilung fremder Handlungen oder Menschen mit dem zartesten moralischen Gefühl und mit einer instinktartigen Herzensgüte verbindet, wie bei ihm. Er hat ein freies, kühnes und philosophisch aufgeklärtes Gewissen für die Tugenden und Fehler andrer, und ein ängstliches für sich selbst. Gerade das Gegenteil dessen, was man alle Tage sieht, wo sich die Menschen alles und ihren Nebenmenschen nichts vergeben.

Freier als er von Anmaßung ist niemand; aber er braucht einen Freund, der ihn seinen eignen Wert kennen lehrt, um ihm diese so nötige Zuversicht zu sich selbst, das, was die Freude am Leben und die Kraft zum Handeln ausmacht, zu geben. Er ist dort in einer Wüste der Geister. Die Kursachsen sind nicht die leibenswürdigsten von unsern Landsleuten, aber die Dresdener sind vollends ein seichtes, zusammengeschrumpftes, unleidliches Volk, bei dem es einem nie wohl wird. Sie schleppen sich in eigennützigen Verhältnissen herum, und der freie edle Mensch geht unter dem hungrigen Staatsbürger ganz verloren, wenn er anders je da gewesen ist. Zuweilen begegnet man einem verstümmelten Abdruck oder vielmehr einer Ruine, die ehemals Geist und Herz beseelte. Aber die fatalen Verhältnisse haben beides zertreten und verheert; so dass man, um das Gleichnis fortzuführen, nur noch aus einer stehen gebliebenen Säule den Geist des Meisters und die Ordnung erkennt, in der das Gebäude aufgeführt worden.

Ich habe schon etliche Mal versucht, Körner zu einem heroischen Schritt zu vermögen und ihn diese heillosen Fesseln wegwerfen zu lassen, aber er hat mir gründe entgegengesetzt, worauf ich ihm nichts antworten kann, welche sich aber in der Folge der Zeit aufheben werden. Ich schreibe Ihnen da sehr viel über meinen Freund, und vielleicht zu viel; aber würde ich das tun, wenn ich nicht die Geliebten meines Herzens gerne miteinander verwechselte und sie in meinem Kopfe und in meiner Feder, weil es doch leider in der Wirklichkeit nicht angeht, gern zusammenbringen möchte?

Die Zeit zwischen der Ankunft und dem Abgange des Rudolstädter Boten ist gar kurz und ungeschickt (just die Nachtzeit und der frühe Morgen vor dem Kaffee), dass ich Ihre Briefe, um sie besser zu genießen und zu beantworten, lieber erst mit dem folgenden Botentag beantworte, welches ich den ganzen Winter über so halten will. So will ich Ihnen auch die verlangten Teile vom Théâtre des Grecs schicken; Wieland ist jetzt nicht zu Hause, dass ich sie gleich könnte abholen lassen.

Ich bin dieser Tage zufällig an Montesquieus Considérations sur la grandeur et décadence des Romains geraten; eine Lektüre, die ich Ihnen darum vorschlagen möchte, weil sie nach Gibbon Interesse für Sie haben wird. Die Gegenstände, wovon Montesquieu handelt, sind Ihnen durch Gibbon, Plutarch usf. geläufig. Es ist immer schön zu sehen, wie verschiedene Geister denselben Stoff formen. Montesquieus Manier ist, die Resultate vieler Lektüre und eines philosophischen Denkens in kurze geistreiche Reflexions voll Gehalt zusammen zu drängen, immer aber mit Hinsicht auf gewisse allgemeine Prinzipien, die er bei sich festgesetzt hat und die ihm zu Grundsäulen seines Systems dienen. Er ist daher recht dazu gemacht, um studiert zu werden. Da seine Gegenstände die wichtigsten und die eines denkenden Menschen am würdigsten sind (denn was ist den Menschen wichtiger als die glücklichste Verfassung der Gesellschaft, in der alle unsre Kräfte zum Treiben gebracht werden sollen?), deshalb gehört er mit Recht unter die kostbarsten Schätze der Literatur. Ich freue mich auf die Muße, um seinen Esprit des loix mir recht in den Kopf zu prägen.

Mein Euripides gibt mir noch viel Vergnügen, und ein großer Teil davon kommt auch auf sein Altertum. Den Menschen sich so ewig selbst gleich zu finden, dieselben Leidenschaften, dieselben Kollisionen der Leidenschaften, dieselbe Sprache der Leidenschaften. Bei dieser unendlichen Mannigfaltigkeit immer doch diese Ähnlichkeit, diese Einheit derselben Menschenform. Oft ist die Ausführung so, dass kein anderer Dichter sie besser machen könnte; zuweilen aber verbittert er mir Genuss und Mühe durch viele Langeweile. Im Lesen ginge sie noch an; aber sie übersetzen zu müssen und zwar gewissenhaft! Oft macht mir das Schlechtere die meiste Mühe. Im nächsten Monat werden Sie wohl die Früchte meines jetzigen Fleißes zu lesen bekommen. Wielanden gebe ich eine Übersetzung vom Agamemnon des Aeschylus in den Merkur, das ist aber erst gegen den März. Auf den will ich alle Mühe verwenden, weil dieses Stück eines der schönsten ist, die je aus einem Dichterkopfe gegangen sind.

Leben Sie recht glücklich und fahren Sie fort, meiner, wie bisher, fleißig zu gedenken und mir so schöne und große Briefe zu schreiben. Also bleibt’s bei der Einrichtung; den nächsten Botentag schreibe ich Ihnen über die heutigen Briefe ausführlicher. Eben ist’s auch elf Uhr. Vermutlich hat sich jetzt, da ich dies schreibe, ein sanfter Schlaf Ihrer bemeistert.

Adieu! Recht viele schöne Grüße an die chère mère und Beulwitz.

Schiller.“


An Lottchen von Lengefeld.

Weimar, den 11. Dezember 1788.

„In diesem grimmkalten Wetter habe ich Sie schon öfters bedauert. Ich weiß, wie ungern Sie sich in Ihr Zimmer einsperren lassen und dass freie Luft und heiterer Himmel gewissermaßen zu Ihrem Leben gehört. Die schönen Berge werden jetzt traurig um Rudolfstadt liegen, aber auch in dieser traurigen Einförmigkeit immer groß – und dass ich sie nur vor meinem Fenster hätte! Mir macht dieses winterliche Wetter mein Zimmer und meinen stillen Fleiß desto lieber und leichter und lässt mich die Entbehrungen, die ich mir auflegen muss, desto weniger empfinden.

Der Donnerstag setzt mich immer in gute Laune, weil mir ein gewisses Vergnügen aufbewahrt ist. Überhaupt sollte man sich immer einen Tag oder mehrere in der Woche mit irgend einer periodisch zurückkehrenden und fortdauernden Freude bezeichnen. Das Leben verfließt dann so angenehmer – es macht einen künstlichen Pulsschlag in unserm Dasein, und wie von einer schönen Treppe zur andern, schreitet Leben und Hoffnung darauf weg.

Ich lebe noch immer mein stilles Leben und bin diese Woche nur einmal ausgekommen. Ich hatte diese Woche einen Besuch von meinem Landsmann, Schubarts Sohn. Er ist von Berlin hier durchgereist, um nach Mainz zu gehen, wo er bei der preußischen Gesandtschaft angestellt ist. Er ist auch ein Dichter, aber kein geborner. Frühe Lektüre von Poeten, frühe Versuche mit poetischen Arbeiten, wozu ihn das Beispiel und die Aufmunterung seines Vater verführten, haben ihm eine gewisse Fertigkeit, einen Vorrat an Bildern und Stil verschafft, die, wenn sie von einer gründlichen Ausbildung seiner übrigen Kräfte unterstützt werden, ihm noch wohl eine Stelle unter unsren lesbaren Schriftstellern verschaffen können. Sonst ist’s ein guter redlicher Charakter, der besonders viel vom schwäbischen Provinzialcharakter in sich hat. Er hat den Tag vor seiner Abreise den Karlos in Berlin aufführen sehen, der auf Befehl des alten – mit vielem Pomp schlecht gegeben worden ist. Die Szene des Marquis mit dem König soll gut gespielt worden, und Sr. Majestät dem dicken – sehr ans Herz gegangen sein. Ich erwarte nun alle Tage eine Vokation nach Berlin, um Herzbergs Stelle zu übernehmen und den preußischen Staat zu regieren.

Was mir bei dieser Gelegenheit vielen Spaß macht, ist das, dass Engel und Ramler, die Theater-Direkteurs, die ich als meine Antagonisten kenne, nicht einmal so viel Konsequenz und Festigkeit besitzen, um ihren Geschmack bei der Wahl der Stücke zu behaupten. Engel hat einigen Schauspielern die Rollen im Karlos auslegen und einlernen helfen müssen, und ich weiß, wie sehr Engel wünscht, solche Stücke von der deutschen Bühne zu vertreiben. Aber was unterhalte ich Sie davon? Ich wollte Ihnen auch gerne etwas schreiben, was außer meinem Zimmer vorgeht.

Die Frau von Stein habe ich seitdem nicht wieder gesehen, es wird aber mit nächstem geschehen. Nur noch dieser Monat, dann habe ich immer einige Stunden mehr für gesellschaftlichen Umgang. Ich wäre gerne recht oft um die Stein, weil ihr Wesen mir sehr wohl zusteht, und dass sie Ihre Freundin ist, macht mir sie um so lieber. In meinem nächsten Briefe hoffe ich, Ihnen etwas von ihr sagen zu können.

Dass Sie und Karoline so gut zusammenstimmen, freut mich sehr; es ist überhaupt selten, dass Schwestern, die von früher Kindheit an in so viele Kollisionen kamen, bei entwickeltem Charakter einander etwas sind. Ihre beiderseitige gute Harmonie ist ein schöner Genuss für mich, weil ich sie in meinem Herzen vereinige, wie Sie sich selbst vereinigt haben. – Möchten sie, oder möchte vielmehr das Schicksal Sie beide nie weit auseinander führen, wenn es möglich ist! Es ist gar niederschlagend für mich, wenn ich Sie mir getrennt denke, weil ich dann immer eine, wo nicht beide, entbehren müsste. Auch Sie würden einander sehr fehlen und nicht mehr ersetzen.

Knebel habe ich nicht gesehen. Die Art, wie er Ihnen den Shaftesbury empfohlen, machte mich zu lachen. Es sieht just so aus, als wenn eine sehr hässliche Person einem andern eine Seife rekommandierte, mit der Versicherung, sie mache schön, und sie habe sich ihrer fleißig bedient.

Leben Sie einstweilen wohl. Heute erhalte ich Ihren Brief. Dann setz’ ich noch etwas hinzu.

Sch.“


An Karoline von B

Weimar, den 10. Dezember 1788

„Was Sie von der Geschichte sagen, ist gewiss ganz richtig, und der Vorzug der Wahrheit, den die Geschichte vor dem Roman voraus hat, könnte sie schon allein über ihn erheben. Es fragt sich nur, ob die innere Wahrheit, die ich die philosophische und Kunstwahrheit nennen will, und welche in ihrer ganzen Fülle im Roman oder in einer andern poetischen Darstellung herrschen muss, nicht ebensoviel Wert hat, als die historische.

Dass ein Mensch in solchen Lagen so empfindet, handelt und sich ausdrückt, ist ein großes wichtiges Faktum für den Menschen, und das muss der dramatische oder Romandichter leisten. Die innere Übereinstimmung, die Wahrheit wird gefühlt und eingestanden, ohne dass die Begebenheit wirklich vorgefallen sein muss. Der Nutzen ist unverkennbar. Man lernt auf diesem Weg die Menschen und nicht den Menschen kennen, die Gattung und nicht das sich so leicht verlierende Individuum. In diesem großen Felde ist der Dichter Herr und Meister; aber gerade der Geschichtsschreiber ist oft in den Fall gesetzt, diese wichtigere Art von Wahrheit seiner historischen Richtigkeit nachzusetzen, oder ihr mit einer gewissen Unbehilflichkeit anzupassen, welches noch schlimmer ist. Ihm fehlt die Freiheit, mit der sich der Künstler mit schöner Leichtigkeit und Grazie bewegt, und am Ende hat er weder die eine noch die andre befriedigt.

Was Körner aus seinen Vordersätzen auf meinen Beruf zur Geschichte anwendet, mag immer richtig sein. Ich werde immer eine schlechte Quelle für einen künftigen Geschichtsforscher sein, der das Unglück hat, sich an mich zu wenden. Aber ich werde vielleicht auf Unkosten der historischen Wahrheit Leser und Hörer finden und hier und da mit jener ersten philosophischen zusammentreffen. Die Geschichte ist überhaupt nur ein Magazin für meine Phantasie, und die Gegenstände müssen sich gefallen lassen, was sie unter meinen Händen werden.

Diese Woche hat mich Moritz besucht und mir eine sehr angenehme Unterhaltung verschafft, weil wir auf meine Lieblingsideen geraten sind. Von Goethe ist er nun ganz durchdrungen und enthusiasmiert. Dieser hat ihm auch seinen Geist mächtig aufgedrückt, wie er überhaupt allen zu tun pflegt, die ihm nahe kommen. Aber ich finde, dass er auf Moritz gut gewirkt hat. Moritz hat viel Tiefe des Geistes und Tiefe der Empfindung; er arbeitet stark in sich, wie schon sein Reiser beweist, der einen Menschen voraussetzt, der sich gut zu ergründen weiß. Seine Ideen bringt er zu einer anschaulichen Klarheit. Was ihn interessiert, ist ernsthaft und von Gehalt. Er scheint sehr an sich selbst zu verbessern. Ich fürchte nur, er wählt sich Muster, nach denen er sich bildet, und so vortrefflich auch seine Wahl sein wird und schon ist, so ist doch Nachahmung ein niedrer Grad von Vollkommenheit. Von Goethen spricht er mir zu panegyrisch. Das schadet Goethe nichts, aber ihm.

Jetzt gefällt er mir durchgängig besser als vor seiner italienischen Reise; da schien er mir zu sehr den starken Geist zu affektieren. Jetzt hat eine moderate und wohltätige Philosophie von ihm Besitz genommen. Ich würde viel Vergnügen von seinem Umgang haben, wenn er hier wohnte.

In Rom fand er meine Thalia, und einige ähnliche Empfindungsarten, die im Sonnenwirt (in meinem Verbrecher aus Infamie) ausgestreut sind und mit seinem Reiser übereintreffen, überraschten ihn sehr. Er hat eine kleine Schrift drucken lassen, die er selbst für das Höchste erklärt, was er leisten könne. Sie handelt von bildenden Künsten. Ich werde sie im Manuskript von ihm zu lesen bekommen und Ihnen dann mehr davon schreiben.

Leben Sie recht wohl! Heute Abend erhalte ich Ihre Briefe.

Schiller.“


Freitag (12. Dezember 1778) morgens

„Haben Sie recht schönen Dank für Ihre lieben Briefe und mein herzliches Mitleiden mit Ihnen wegen der traurigen Kälte. Das ist eigentlich die rechte Zeit für die Mathematik! Es ist doch schlimm, da Sie so wenig für unser nordisches Klima organisiert sind, dass Sie dem wärmeren Himmel nicht näher wohnen. Ein schöner Teil Ihrer Existenz geht dadurch für Sie verloren. Der Himmel muss um Sie herum lachen und die Sonne wärmen, wenn Ihre Seele sich entfalten soll, wenn Sie glücklich sein sollen.

Mein Brief wird Ihnen sagen, dass ich Moritz gesprochen habe, beurteilen Sie ihn aber nicht gleich nach meiner ersten Schilderung. Wir warne doch nur einige Stunden beieinander, und es begegnet mir gerne, dass ich zu rasch urteile. Erwarten Sie also erst mehreres von mir über ihn. Ich denke ihn heute zu sehen.

Über ein Lieblingsthema von mir, davon auch im Julius Spuren enthalten sind, über das Leben in der Gattung, das Auflösen seiner selbst im großen Ganzen und die daraus unmittelbar folgenden Resultate, über Freude und Schmerz, über Tugend und Liebe, über den Tod hat er außerordentlich klare und erwärmende Begriffe.

Wegen seinem Magazin zur Erfahrungs-Seelenkunde habe ich ihm einen Rat gegeben, den sie vielleicht auch unterschreiben werden. Ich fand, dass man es immer mit einer traurigen, of widrigen Empfindung weglegt; und dieses darum, weil es uns nur an Gruppen des menschlichen Elends heftet. Ich habe ihm geraten, jedes Heft mit einem philosophischen Aufsatz zu begleiten, der lichtere Blicke öffnet und diese Dissonanzen gleichsam wieder in Harmonie auflöst. Von unsrem in Rudolstadt projektierten Journal gab ich ihm auch einen Wink. Er würde sehr geneigt sein, sich zu einem solchen gesellschaftlichen Werk zu vereinigen, besonders, wenn es zugleich von einer bürgerlichen gesellschaftlichen Verbindung an demselben Orte begleitet werden könnte.

Von Körner werde ich Ihnen die verlangte Musik kommen lassen. Ich hoffe auch, dass seine Komposition auf die Hymne, die er mir versprochen hat, nun bald fertig sein soll. Könnt’ ich doch nur manchmal eine Stunde zuhören, wenn Sie spielen, und neue Wärme für meine Arbeiten daraus schöpfen!

Heute habe ich mir viele Besuche vorgenommen, auch bei Goethe. Goethe ist so gar selten allein, und ich möchte ihn doch nicht gerne bloß beobachten, sondern mir auch etwas für mich aus ihm nehmen. Der Herzog ist die Abende fast immer da, und den Vormittag belagern ihn Geschäfte. Frau von Stein sehe ich vielleicht auch.

Sie haben beide bemerkt, dass mein voriger Brief nicht heiter geschrieben war. Doch erinnre ich mich keiner schlimmen Laune; es ist aber möglich, dass die Seele unbemerkt gedrückt wird, wenn sie nicht ausfließt und immer von denselben Gegenständen umringt und befangen ist. Es könnte also doch eine Folge meines einsamen Lebens gewesen sein. Ich traue hierin dem feinen Blicke der Freundschaft sehr, und darum glaube ich Ihnen mehr als meinem eignen Gedächtnis. Aber Sie sollen nicht dadurch verstimmt werden. Fließt auch zuweilen etwas Melancholisches in meine Briefe mit ein, so müssen Sie denken, dass diese Laune vorbei ist, wenn Sie den Brief erhalten.

Leben Sie nun recht wohl, liebste Freundinnen, und schreiben Sie mir immer so freundliche große Briefe. Sie verschönern dadurch meine Existenz und hellen meine Einsamkeiten auf. Mögen Sie dafür recht schöne Augenblicke haben, und möge die Freundschaft sie ihnen geben helfen!

Adieu! Adieu! Ewig der Ihrige

Schiller.“


Weimar, den 23. Dezember 1788

„Sehr lang ist mir die Zeit geworden, die mir kein Lebenszeichen von Ihnen gebracht hat. Ich habe das Unglück zwar schon von weitem geahnet, weil die Kälte gar zu streng war – aber es ist doch, als sollte es nicht sein, dass wir so lange nichts von einander hören, und es ist recht gut, dass es so ist!

Für die mannigfaltigen interessanten Nachrichten, die Sie mir beide von Ihren Beschäftigungen geben, kann ich Ihnen nichts Ähnliches erwidern, denn meine Existenz war bisher noch die alte, Arbeit ohne Geistesgenuss. Das Dringendste ist seit gestern vorbei, und nun werde ich auch mehr Menschen sehen.

Aber eine Nachricht von mir kann und muss ich Ihnen doch geben, weil sie leider eine meiner schönsten Hoffnungen für eine Zeitlang zu Grunde richten wird. Es ist beinahe schon richtig, dass ich als Professor der Geschichte künftiges Frühjahr nach Jena gehe. So sehr es im ganzen mit meinen Wünschen übereinstimmt, so wenig bin ich von der Geschwindigkeit erbaut, womit es betrieben wird; aber der Abgang Eichhorns machte es in mehrerem Betracht notwendig. Ich selbst habe keinen Schritt in der Sache getan, habe mich aber übertölpeln lassen; und jetzt, da es zu spät ist, möchte ich gerne zurücktreten. Man hatte mich vorher sondiert , und gleich den Tag darauf wurde es an unsern Herzog nach Gotha geschrieben, der es an dem dortigen Hofe gleich einleitete. Jetzt liegt es schon in Koburg, Meinungen und Hildburghausen und ist vielleicht in 3 Wochen entschieden. Mir hat Goethe vor einigen Tagen schon eine schriftliche Erklärung kommuniziert, die an ihn von Seiten der Regierung gekommen ist, wo mir schon gesagt wird, dass ich meine Einrichtung machen möchte, weil es so gut als entschieden sei.

Also die schönen paar Jahre von Unabhängigkeit, die ich mir träumte, sind dahin; mein schöner künftiger Sommer in Rudolfstadt ist auch fort; und dies alles soll mir ein heilloser Katheder ersetzen! Das Beste an dieser Sache ist doch immer die Nachbarschaft mit Ihnen. Ich rechne darauf, dass sie mir in diesem Sommer eine himmlische Erscheinung in Jena sein werden, weil ich das erste Jahr zu viel zu tun und zu lesen habe, um noch etwas Zeit für die Wünsche meines Herzens übrig zu behalten. Dafür verspreche ich Ihnen, die folgenden Jahre Ihnen diesen Liebesdienst wett zu machen. Ist für mich erst ein Jahr überstanden, so liest sich’s alsdann im Schlafe, und ich habe meine Seele wieder frei. Versprechen Sie mir in Ihrem nächsten Brief, mir diesen Wunsch zu erfüllen.

Goethe habe ich unterdessen einmal besucht. Er ist bei dieser Sache überaus gütig gewesen und zeigt viele Teilnehmung an dem, was er glaubt, dass es zu meinem Glück beitragen würde. Knebel, dem er es entdeckt hat, war vermutlich just in seiner teilnehmenden Laune; denn ich höre, dass es ihn sehr freuen soll. Ob es mich glücklich macht, wird sich erst in ein paar Jahren ausweisen. Doch habe ich keine üblen Hoffnungen. Werden Sie mir nun auch noch gut bleiben, wenn ich ein so pedantischer Mensch werde und am Joch des gemeinen Besten ziehe? Ich lobe mir doch die goldene Freiheit. In dieser neuen Lage werde ich mir selbst lächerlich vorkommen. Mancher Student weiß vielleicht schon mehr Geschichte, als der Herr Professor. Indessen denke ich hier wie Sancho Pansa über seine Statthalterschaft: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand; und habe ich nur erst die Insel, so will ich sie regieren wie ein Daus! Wie ich mit meinen Herren Kollegen, den Professoren, zurecht komme, ist eine andre Frage. Ich bin doch eigentlich nicht für das Volk gemacht.

Moritz habe ich auch wieder gesprochen und finde ihn immer interessanter. Er hat überaus viel Güte und Wahrheit in seinem Charakter und manches Drollige in seinem Betragen, das seinen Umgang angenehm macht. Hier gefällt er auch sehr. Frau von Stein soll ihm sehr gewogen sein, bei der Frau von Kalb ist er auch gut angeschrieben, und er gefällt sich auch bei den hiesigen Damen. Knebel sah ich einige Mal bei der Kalb, wo er recht artig war. Manchmal mag ich ihn doch recht gut leiden, und wollte der Himmel, es gäbe keine schlechtern Menschen im Umgang!

Adieu! Adieu! Schlafen Sie recht wohl.

Schiller.“


Den 2. Januar 1789

„Ich sage Ihnen nichts über Ihre Briefe, die ich durch die Post beantworten will. Ich muss mir erst Zeit nehmen, sie zu lesen.

Tröstlich ist mir Ihr Versprechen, dass Sie mich in Jena besuchen wollen, sonst wüsste ich mir nicht zu raten, denn es würde, der gar zu vielen Geschäfte wegen, ein ganz freudenloses Jahr für mich sein. Wenn ich nicht alle Freuden der Zukunft im Prospekte zu Hilfe nähme, so würde die Gegenwart mir das Leben verleiden. Ich hoffe, der Himmel hat es am Ende doch gut mit mir vor – und die schöne Seite, von der Sie die Sache mir zeigen, richtet mich wieder auf.

An Frau von Stein konnte ich den Brief auch nicht früher als diesen Morgen schicken. Es hat doch nichts zu sagen? Vor einigen Tagen war ich ei ihr und habe eine sehr angenehme Stunde da zugebracht.

Adieu, meine liebsten Freundinnen! Ich hoffe, Sie erhalten meinen Brief durch die Post auf den Sonntag oder den Montag wenigstens. Leben Sie wohl und glücklich. Adieu. Ihr

Schiller.“


An Lottchen von Lengefeld

Weimar, den 3. Januar 1789

„Zuerst danke ich Ihnen für das Ossianische Lied, das Sie sehr glücklich gewählt haben. Es überraschte mich, da ich mich nicht erinnere, es schon gelesen zu haben, und Ossians ganzer Geist atmet darin. Alles ist so rein, so edel in seiner Schilderung: ‚Fingal kam von der Jagd und fand die lieblichen Fremden. Sie waren wie zwei Lichtstrahlen in der Mitte seiner Halle.’ Welcher Dichter hätte dieses schöner sagen können! Auch die feinste Bescheidenheit ist Ossian eigen. Wie leicht schwebt er am Schluss des Gedichts über seine eignen Taten hin, die er uns nur in den Folgen merken lässt, nicht schildert! Es freut mich, dass Sie diesem schönen Dichter getreu bleiben und sich auf die beste Art, die möglich ist, durch Übersetzungen mit seinem Geiste familiarisieren. Endlich werden Sie noch ein ganz Ossianisches Mädchen! Die Übersetzung ist ungezwungen und tut dem Original durchaus keine Gewalt an. Etwas weniger Wort-Versetzungen und einige Bindewörter mehr, die die kurzen und abgebrochenen Sätze angenehm ineinander fügen und zerschmelzen – so wird die Übersetzung ganz harmonisch fließen. Alsdann muss ich Ihnen wegen der merklichen Besserung, die ich in dem n und m wahrnehme, meinen Glückwunsch abstatten. Jetzt würde ich sie Ihnen ohnehin nicht mehr passieren lassen können; denn was ein Dichter schlechtweg verzeiht, darf ein Professor nicht mehr so hingehen lassen.

Die Hoffnung, die Sie mir für den Sommer und kommenden Winter machen, Sie öfters zu sehen, ist eine wahre Wohltat für mich gewesen, und mein Herz brauchte sie, um sich in dem genusslosen Dasein, das mir bevorsteht, daran fest zu halten. Sie sehen meine künftige Situation von der guten Seite, die, wenn sie auch wirklich da wäre, von der schlimmen gar sehr überwogen wird. Um mich des neuen Faches, in das ich mich jetzt einlasse, zu bemächtigen, dass ich meine eigne Zufriedenheit verdiene und gründlich darin wirken kann, muss ich 2, 3 Jahre jeder andern Tätigkeit absterben und in einem Schwall von mehr als 1000 geist- und herzlosen alten Schriften herumwühlen – das ist doch in der Tat traurig für mich! Dazu kommt, dass mir in Jena keine Vorteile angeboten werden können, mich schadlos zu halten und mir eine angenehme Unabhängigkeit zu verschaffen. Dieser Umstand kommt auch dabei sehr in Betrachtung und könnte mich in der Folge zwingen, Jena mit einem andern Platze zu vertauschen. Doch ich mag dieses jetzt gar nicht denken. Ich überredete mich so gerne, dass Ihre Vorstellung von der Sache die gegründete wäre. Körner wünscht auch, ich möchte frei geblieben sein, und eigentlich kann ich seine Gründe nicht missbilligen, da ich in der Tat für den Verlust meiner Unabhängigkeit und eines so großen Teiles meiner Zeit keinen oder nur einen sehr zukünftigen Ersatz habe. Aber auch er sieht meinen Schritt nicht in dem rechten Lichte. In der Tat ist es von meiner Seite nichts andres, als eine heroische Resignation auf alle Freude in den nächsten drei Jahren, um für meinen Geist allenfalls in der Folge eine lichte Zukunft dadurch zu gewinnen. Um glücklich zu sein, muss ich in einem gewissen sorgenfreien Wohlstand leben, und dieser muss nicht von den Produkten meines Geistes abhängig sein. Dazu konnte mich aber nur dieser Schritt führen, und darum hab’ ich ihn getan. Hufeland fürcht’ ich nicht lange zu genießen. Ich glaube, er hat jetzt schon Anträge von fremden Akademien. Da Jena keine Besoldungen zu geben hat, so ist es immer ausgesetzt, seine besten Leute zu verlieren, die von andern Universitäten mit Geld aufgewogen werden.

Ihre Vorstellung, dass wir dann wenigstens die Saale miteinander gemein haben, hat mir Vergnügen gemacht. Mich besonders wird sie immer erinnern, dass sie von Rudolfstadt herkömmt. Mit den schönen Pfirsichen und Weinbeeren wollen wir einen großen Handle untereinander treiben.

Sie wollten wissen, ob Moritz sich überhaupt für seinen Anton Reiser gehalten lassen will? Aus der Art, wie er davon spricht, sollte ich’s fast glauben, und überhaupt ist er der Mensch nicht, der in solchen Dingen an sich hält. Er ist Philosoph und Weltbürger, dem es gar nicht einfällt, sein eignes Ich zu schonen, wo es darauf ankommt, der Wahrheit und Schönheit zu huldigen.

Frau von Stein werde ich bald wieder sehen; käm’ es auf meinen Wunsch an, ich besuchte sie alle Tage, es ist mir wohl in ihrer Gesellschaft … Goethe war einige Tage nicht wohl; er bekam einen Anfall von bösem Hals, hat sich aber wieder gebessert. Boden sehe ich nicht. Ich habe ihm einen Besuch gemacht, die Reihe ist nun an ihm – Mit Leuten seiner Art halte ich mich zuweilen an die Gesetze der höflichen Lebensart, weil sie nicht beschieden genug sind. Frau von Kalb habe ich einige Wochen nicht gesehen. Der Zirkel, in dem sie jetzt lebt, ist nicht der meinige, und die Spuren ihres Umgangs bleiben dann auch zuweilen in ihrer Art, zu denken und zu empfinden, zurück. Knebel wollte ich neulich besuchen, fand ihn aber nicht, und dieser Gefahr setzt man sich oft bei ihm aus, weil sich alle Herren und Damen um ihn reißen.

Leben Sie nun recht wohl, und verwahren Sie sich ja vor der bösen Kälte, dass Sie nicht gar krank werden. Das wird wahrhaftig ein fürchterlicher Winter, und Sie beide besonders sind übel daran. Wären alle Winter so streng, so müssten wir der Sonne um 10 Grad näher rücken.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Brief unterwegs sein wird; neulich war’s zu spät, ihn noch auf die Post fertig zu bringen. Was macht Ihre Mutter? Hoffentlich ist sie doch jetzt vom Zahnweh frei? Schreiben Sie mir davon. Adieu! Adieu!

Schiller.“


An Karoline von B.

Weimar, den 3. Januar 1789

„Wie ich mein neues Verhältnis ansehe, wird Ihnen Ihre Schwester sagen, der ich vorher davon geschrieben habe. Der Abschied von den schönen freundlichen Musen ist immer hart und schwer, und die Musen – ob sie schon Frauenzimmer sind – haben ein rachsüchtiges Gemüt. Sie wollen verlassen, aber nicht verlassen werden, und wenn man ihnen den Rücken gekehrt hat, so kommen sie nachher auf kein Rufen mehr zurück. Wenn dies aber auch nicht wäre, so rächen sie sich schon durch ihre Abwesenheit genug.

Mit den dortigen Menschen übrigens denke ich schon leidlich auszukommen. Eigentlich gerate ich auch mit keinem in Kollision, weil ich nicht hingehe, um Geld zu verdienen, und höchstens zwei Kollegien lese.

Moritz wird noch vier Wochen hier bleiben. Ich habe seine Schrift über bildende Nachahmung des Schönen von der Frau v. Stein nach Hause genommen und nur flüchtig durchgelesen. Es ist schwer zu verstehen, weil er keine feste Sprach hat und sich mitten auf dem Wege philosophischer Abstraktion in Bildersprache verirrt, zuweilen auch eigene Begriffe mit anders verstandenen Wörtern verbindet. Aber es ist voll gedrängt von Gedanken, und nur zu voll gedrängt, denn ohne einen Kommentar wird er nicht verstanden werden. Von Schwärmerei ist er nicht darin frei, und Herderische Vorstellungsarten sind sehr darin sichtbar. Was mir und einem jeden Schriftsteller missfallen muss, ist die übertriebene Behauptung, dass ein Produkt aus dem Reiche des Schönen ein vollendetes rundes Ganze sein müsse; fehlte nur ein einziger Radius zu diesem Zirkel, so sinke es unter das Unnütze herunter. Nach diesem Ausspruch haben wir kein einziges vollkommenes Werk, und sobald auch keines zu gewarten. Was er mündlich an einigen Orten hier behauptet hat, ist übertreiben und fällt ins Lächerliche. Es scheint, dass er keinen Dichter erkennt, als Goethe und allenfalls noch einen, Herder vielleicht; da doch Goethe (von Herder mag ich gar nicht reden) bei diesen Forderungen sehr zu kurz kommen würde. Aber Moritz rechnet den Egmont sogar unter diese vollendeten Produkte, welchen Goethe selbst hoffentlich nicht für vollkommen hält. Ich ärgere mich über jeden Sektengeist und Vergötterung anderer; aber an Moritz ist sie mir doppelt unausstehlich, weil er selbst ein vortrefflicher Kopf ist.

Übrigens haben seine philosophische Untersuchungen sehr glücklich auf sein Gemüt gewirkt und ihn aus einer schrecklichen Seelenlage gerissen, wie er selbst gesteht. Sein Geist hat durch anstrengendes Denken über seine Hypochondrie gesiegt, die ihn bei seiner Disposition zur Schwindsucht, ohne diese innere Hilfe, bald würde aufgerieben haben.

Ich bin begierig, was Sie zu meiner Schrift sagen werden; Sie müssen sie sich anschaffen. Es sind nur 3 Bogen.

Ich habe jetzt leider für solche Materien keine Zeit, sonst würde ich mich kaum überwunden haben, mich auch darein einzulassen. Aber einmal nehme ich sie doch vor, wäre es auch nur, um meine eigene Ideen darüber zu berichtigen.

Hat Ihnen der Agamemnon und Ödipus von Colone gefallen? Adieu.

Schiller.“


Weimar, den 26. Januar 1789

„Endlich habe ich mich doch wieder mit der Natur zusammengefühlt und nach einem lebendigen Begräbnis auf meinem Zimmer von fast vierzehn Tagen wieder im Freien geatmet. Mein Herz war leer und mein Kopf zusammengedrückt – ich hatte diese Stärkung höchst nötig.

Die liebliche Luft und der geöffnete Boden haben mir die Szenen des vorigen Sommers wieder lebhaft ins Gedächtnis gebracht. Der gewöhnliche Weg von Wolkstädt um die Ecker herum, bei der Brücke, die Berge jenseits der Saale, vom Abendrot so schön beleuchtet, Rudolstadt vor mir und von weitem der grüne Pavillon, den mein Perspektiv just noch erreichte – alles das stand wieder so lebendig vor mir. Ich glaubte mich auf dem Wege zu Ihnen, und in der Tat war ich’s auch – denn seitdem ich von Rudolfstadt zurück bin, ist der Weg nach dem Belvedere mein Lieblingsspaziergang. Aber ich habe Sie nicht gefunden – das war der große Unterschied.

Wären die Sachen noch wie vorigen Herbst, so hätte ich jetzt die Hälfte unsrer Trennung zurückgelegt, und die noch übrige würde umso schneller vergehen, weil es die zweite ist. Ich sehe täglich mehr ein, dass ich diesen Schritt nicht anders als unter den entschiedensten ökonomischen Vorteilen hätte tun sollen; eine sehr ansehnliche und solide Verbesserung von dieser Seite wäre vielleicht diese Aufopferung von Zeit und von Freiheit wert gewesen; aber so wie die Sachen stehen, habe ich bloß Aussichten und für den Augenblick positiven Verlust. Dies sind keine angenehme Betrachtungen, und – was tun sie in diesem Briefe? Von was anderm. Ich habe in dieser Zeit die Histoire de mon temps, zwei Bände, gelesen. So glaubwürdig und zuverlässig diese Quelle ist, so muss ich dennoch gestehen, dass ihr noch manches zur befriedigenden Vollkommenheit fehlt. Die Voltairische Manier, zu beschreiben und mit einem witzigen Einfall über erhebliche Details hinwegzuglitschen, ist nicht das Nachahmungswürdigste im historischen Stil. Im ganzen ist die Ansicht doch nur individuell, freilich in einem großen Kopfe und in einem Kopfe, der sehr wohl unterrichtet ist; aber die Kaprizen, die den großen Friedrich in seinem handelnden Leben regiert haben, haben auch seine Feder redlich geleitet. Die Rolle, die er seine Maria Theresia spielen lässt, ist fein angelegt, aber nicht ohne Bosheit. Sie werden sich vielleicht erinnern, dass er bei aller Mäßigung, die er sich gegen sie aufgelegt zu haben scheint, nie unterlässt, „sie im Glück übermütig zu zeigen“. Ich glaube nicht, dass ein feinerer Kunstgriff hätte gewählt werden können, das Interesse für sie zu unterdrücken. Dieser Kunstgriff wird so häufig und mit so viel Ausführlichkeit angewandt, dass die Absicht nicht zu verkennen ist.

Dies ist aber auch das einzige stärkende Buch, das ich unterdessen gelesen habe. Ich bin dazu verdammt, mich durch die geschmacklosesten Pedanten durchzuschlagen, um Dinge daraus zu lernen, die ich morgen wieder vergesse. Ich habe noch nie eine so große Versuchung gefühlt, ein neues Schauspiel anzufangen, als diesen Winter – gerade, weil die Umstände es verbieten.

Mein Geisterseher hat mich dieser Tage etliche Mal sehr angenehm beschäftigt; er hätte aber fast mein Christentum wankend gemacht, das, wie Sie wissen, alle Kräfte der Hölle nicht haben bewegen können. Der Zufall gab mir Gelegenheit, ein philosopisches Gespräch herbeizuführen, welches ich ohnehin nötig hatte, um die freigeisterische Epoche, die ich den Prinzen durchwandern lasse, dem Leser vor Augen zu stellen. Bei dieser Gelegenheit habe ich nun selbst einige Ideen bei mir entwickelt, die Sie darin wohl erraten werden (denn Gott bewahre mich, dass ich ganz so denken sollte, wie der Prinz in der Verfinsterung seines Gemüts); auch, glaube ich, wird Ihnen die Darstellung durch ihre Klarheit gefallen. Jetzt bin ich eben bei der schönen Griechin; und um mir ein Ideal zu holen, werde ich die nächste Redoute nicht versäumen. Ich möchte gern ein recht romantisches Ideal von einer liebenswürdigen Schönheit schildern; aber dies muss zugleich so beschaffen sein, dass es – eine eingelernte Rolle ist, denn meine liebenswürdige Griechin ist eine abgefeimte Betrügerin. Schicken Sie mir doch in Ihrem nächsten Briefe ein Porträt, wie Sie wünschen, dass sie sein soll, wie sie Ihnen recht wohl gefiele und auch Sie betrügen könnte. Auch Lottchen bitte ich darum! Ich erfahre dann bei dieser Gelegenheit Ihre Ideal von weiblicher Vortrefflichkeit (nicht von der stillen nämlich, sondern von der erobernden). Haben Sie mir diese Gemälde eingeschickt, so werde ich Sie alsdann bald um noch eines von anderer Art ersuchen. Sie sehen, dass ich alles anwende, um mir meine gegenwärtige Beschäftigung lieb zu machen.

Ich höre mit Bedauernis, dass Ihnen Ihre Pflanzen erfroren sind, aber andernteils ist mir’s lieb; denn nun kann ich doch mit dem Geständnis herausgehen, dass mir’s ebenso gegangen ist. Ich wollte es recht gut machen und bewahrte das arme kleine Geschöpfchen sorgfältig vor der kalten Luft – aber hin war’s! Ich schämte mich aber bis jetzt, Ihnen mein Unglück zu entdecken. Wenn ich in Jena bin, so werde ich mir ein neues ausbitten.

Für die Bücher, die Sie wünschten, habe ich bis jetzt nicht Sorge tragen können, weil ich nicht aus dem Hause gekommen war und auch niemand sah. Ich schicke Ihnen ein kleines artiges Ding vom Dichter Jacobi, das ganz das Bild seiner Seele – niedlich und sanft – ist. Ich lese alles gern, was Jacobi schreibt; denn er ist ein edler Mensch, und dieser Charakter fließt in alles ein, was er hervorbringt. Vielleicht schicke ich Ihnen durch die Botenfrau noch mehr. –

Körner lässt mich’s jetzt entgelten, dass er Interesse an schriftstellerischen Arbeiten findet; er wird nachlässig im Schreiben; weil er immer etwas mitzuschicken wünscht, so wird nichts geschrieben und nichts mitgeschickt. Eine Lücke, die er in der Korrespondenz lässt, und ein Posttag, den er übergeht, sind für mich empfindliche Fehlschlagungen der Erwartung; und das Schlimmste ist, ich darf es ihm nicht einmal vorrücken; denn mein Gewissen spricht mich auch nicht ganz frei. Lassen auch Sie, meine liebsten Freundinnen, sich dieses Beispiel zur Warnung dienen und lassen Sie ja keine Lücke in unserm Briefwechsel aufkommen. Wenn es mir jemals gegen sie begegnete, so müssten entweder unüberwindliche Abhaltungen von außen, oder eine Laune daran Schuld sein, in der ich nicht gerne vor Ihnen erscheinen möchte. Leben Sie recht wohl und glücklich. Viele schöne Grüße, wo Sie schon wissen.

Schiller.“


An Karoline von B

Weimar, den 5. Februar 1789

„Meinen Brief, den ich am letzten Dienstag auf die Post gab, werden sie nun wohl haben; lassen Sie mich doch mit nächster Gelegenheit den Tag wissen, wann Sie ihn erhalten haben, dass ich mich künftig danach richten kann.

Warum habe ich Ihren Geburtstag nicht gewusst? So hätte ich ihn in der Stille durch eine fröhliche Unterhaltung mit unserer Freundschaft und angenehmen Rückerinnerungen, Hoffnungen und Projekten begangen; ich hätte mich Ihnen näher gefühlt und den fröhlichen Zirkel wenigstens im Geiste vermehren helfen. Indessen hat ihn der Zufall – oder der Zusammenhang der Dinge – doch für mich zu einem angenehmen Tage gemacht. Ich habe an demselben die Künstler vollendet und so, dass ich damit zufrieden bin. Ich muss mich selbst loben. Ich habe noch nichts so Vollendetes gemacht – ich habe mir aber auch noch zu nichts so viel Zeit genommen. Doch Sie werden ja sehen!

Ihr Brief ist in einer sehr heitern Stimmung geschrieben; Sie leben in Frieden mit sich selbst und mit der ganzen Welt. Warum kann ich nicht gleich unter Ihnen sein und mich auch in diesen Ton stimmen lassen? Alle meine Genüsse muss ich tief aus meiner Seele hervorholen; die Natur gibt mir nichts, und die Menschen suche ich nicht auf. Wenn ich glücklich sein soll, so muss ein geschlossener Zirkel um mich herum sein, der ohne mein Zutun da ist und in den ich nur gleich eintreten kann, den ich empfänglich gestimmt finde. – Darum war mir immer so wohl bei Ihnen, und Gefühle der Freundschaft haben dieses Glück nur verfeinert und vermehrt, nicht erst neu hervorgebracht. Auch wenn wir weniger Freunde wären, würde mir Ihr näherer Umgang wünschenswürdig geblieben sein. Hier fände ich von der Art nichts, auch wenn ich es suchte. Entweder sind die Menschen von ihren Ichs und was darauf Bezug hat, obsediert, oder sie sind durch Façon für mich verdorben. Zerstreuen kann man sich allenfalls wohl bei ihnen, aber nicht genießen. Einige Ausnahmen gibt es allerdings, und unter diese rechne ich Frau von Stein und noch einige; aber diese sind nicht immer für mich zu haben, wenn ich es wünsche.

Über Goethe möchte ich wohl einmal im Vertrauen gegen sie ein Urteil von mir geben, aber ich könnte mich sehr leicht übereilen, weil ich ihn so äußerst selten sehe und mich nur an das halten kann, was sich mir in seiner Handlungsart überhaupt aufdringt. Goethe ist noch gegen keinen Menschen, soviel ich weiß, sehe und gehört habe, zur Ergießung gekommen – er hat sich durch seinen Geist und tauend Verbindlichkeiten Freunde, Verehrer und Vergötterung erworben, aber sich selbst hat er immer behalten, sich selbst hat er nie gegeben. Ich fürchte, er hat sich aus dem höchsten Genuss der Eigenliebe ein Ideal von Glück geschaffen, bei dem er nicht glücklich ist. Dieser Charakter gefällt mir nicht – ich würde mir ihn nicht wünschen, und in der Nähe eines solchen Menschen wäre mir nicht wohl. (Legen Sie dieses Urteil beiseite. Vielleicht entwickelt ihn uns die Zukunft, oder noch besser, wenn sie ihn widerlegt.)

Diderots moralische Schriften, die Ihnen beiden so viel Vergnügen geben, habe ich noch zu lesen, wie ich überhaupt noch viel zu lesen habe. Wie glücklich sind Sie, dass Sie alles so genießen können! Glücklich wie die unschuldigen Kinder, für die gesorgt wird, ohne dass sie sich darum bekümmern dürfen, wo es herkommt. Sie gehen durch das literarische Leben, wie durch einen Garten, brechen sich und beriechen, was Ihnen gefällt – wenn der Gärtner und seine Jungen über lauter Arbeit nicht einmal die Zeit finden, ihrer Pflanzungen, und was drum herum ist, fröhlich zu genießen.

Leben Sie recht wohl. Meine Zeichnungen werde ich Ihnen schon noch verschaffen. Sehen Sie beiliegendes Buch an; es ist von einem jungen angehenden Schriftsteller9), aus dem gewiss noch etwas Gutes wird. Schon viel Bildung in der Sprache, ein fließender Dialog, sanfte Empfindungen, vorzüglich im Cleomenes, freilich bei vielen Schlacken. Adieu!

Schiller.“


An Lottchen von Lengefeld.

Donnerstag abends, den 5. Februar 1789

„Pläne machen ist etwas sehr Angenehmes. Ich kann mir recht gut denken, dass die Unbestimmtheit, wie Sie die nächsten Jahre hinbringen werden, Ihnen jetzt manchen frohen Abend macht – und diese Projekte sind oft das Beste an der ganzen Sache. Das Karlsbad scheint Ihnen die Bäder nicht entleidet zu haben, weil Lauchstädt auf das Tapet gekommen ist; wenn Sie nur recht vergnügt da leben, so wird es wohl auch gesund sein. Ihr Plan wegen dem Rendezvous mit Körner ist so übel nicht – und von meiner Seite würde die Ausführung gewiss keine Schwierigkeiten haben; aber von Körners Seite desto mehrere, weil es für ihn ein ziemliches Geldobjekt ist; und dann weiß ich auch nicht, ob seine Frau nicht künftigen Sommer in die Wochen kommt, welches ihn für alle Pläne unbrauchbar machen würde. Ich wünschte gar sehr, Ihnen meinen Freund, wie er lebt und webt, darzustellen; auf der andern Seite aber habe ich von so abgebrochenen augenblicklichen Bekanntschaften keine großen Erwartungen, und es gibt Menschen, worunter z.B. Körner – und auch meine Wenigkeit – ist, die, was sie zu gewinnen haben, erst langsam und so in ruhiger Stille gewinnen. Aber sprechen lässt sich auf alle Fälle noch davon.

Die letzte Redoute, auf der ich gewesen bin, hat mir die im vorigen Jahre, wo ich Sie so unverhofft vor mir stehen sah, recht lebhaft ins Gedächtnis gebracht. Zwischen diesen beiden Redouten ist doch allerlei geschehen, und das Angenehmste darunter ist für mich doch unstreitig unsere nähere Bekanntschaft. Sie haben wohl recht, dass Sie bei Ihrem letzten Aufenthalt in Weimar sich nicht selbst zugehörten, und mir noch weniger; diesen Winter wär’ es noch weit weniger gewesen, weil wirklich mehr Zerstreuung in Ihren hiesigen Zirkeln ist als im vorigen Jahre, an der Sie auch Anteil nehmen würden. Mir machte die bloße Möglichkeit, Sie zu sehen, schon Freude, und die Hoffnung, Sie (wäre es auch nur von weitem) hier oder dort zu sehen, würde mich ohne Zweifel auch fleißiger in Komödien und Redouten gezogen haben.

Aus Ihren Plänen für den nächsten Sommer und Winter erhellt doch immer so viel, dass wir einander nicht ganz verfehlen werden; ich verlasse mich, wenn es nur einmal so weit ist, auf meine Beredsamkeit, d.i. auf den lebhaften Ausdruck meines Wunsches, um Ihnen alsdann eine kleine Zugabe abzulocken.

Dass Sie einen Aufsatz von mir im Merkur verkannt, oder doch fast verkannt haben, sollte ich Ihnen als Autor und als Ihr Freund nicht vergeben; denn auch bei unbedeutenden Produkten, wie an diesem z.B. nicht viel ist, auch nicht sein soll, bildet sich doch der Autor ein, dass man seine Manier kennen müsse. Sie haben also eine schreckliche Sünde gegen mich begangen, dass Sie sich’s nur fast eingebildet haben – und ich weiß gar nicht, wie Sie sie wieder gut machen werden.

Von Herders Zurückkunft weiß ich Ihnen nichts Bestimmtes zu sagen, als dass man ihn hier fast allgemein auf Ostern zurück erwartet.

In einem der nächsten Stücke des Merkur finden Sie vielleicht ein Fragment des Gibbon, das Körner übersetzt hat. Versprochen hat er mir’s wenigstens, es zu schicken. In meiner Beschwerde über seine nachlässige Korrespondenz tat ich ihm diesmal Unrecht. Er hat mir eine sehr triste Ursache davon angegeben. Der preußische Gesandte in Dresden, ein Herr von Geßler, glaube ich, an dem er diesen vorigen Herbst eine sehr interessante Bekanntschaft gemacht hat, ist sehr krank, und Körner hat ihn fast nie verlassen. An Menschen von Sinn, Kopf und Herzen ist in Dresden ein solcher Mangel, dass ich es Körner nicht verdenke, wenn er einen glücklichen Freund, festzuhalten sucht.

Für den Mirthis vielen Dank; es ist doch etwas Lebendes und kommt von Rudolstadt. Dieser Tage habe ich auch den Strauß noch gefunden, womit Sie mich an meinem Geburtstage angebunden haben.

Leben Sie nun recht wohl und freuen sich des umgänglichen Wetters, das Ihnen nun ihre schönen Täler und Berge wieder zeigt. Lassen Sie ja keine Düsternheit der Laune aufkommen, ich wünschte Sie immer fröhlich und glücklich.

Noch etwas. Weil Sie es doch einmal übernommen haben, sich mit meinen Kommissionen zu beschweren, so bitte ich Sie denn wieder, freundlich und höflich, mir ein neues Pfund Tee durch den vorigen Kanal zu verschaffen. Haben Sie aber die Güte und schreiben den Preis darauf; ich hab’ ihn rein vergessen.

Adieu, adieu!

S.“


Weimar, den 12. Februar 1789

„Mit den Schilderungen, um die ich Sie bat und die Sie mir entworfen haben, ist es gegangen, wie ich mir’s dachte: Sie würden Ihr Geschlecht gut verteidigen. Aber ich wollte Ihnen gerne einige Geständnisse bei dieser Gelegenheit ablocken, welche Sie aber gar verständig (wie Odysseus sagt) umgangen sind. Doch hat mich Karoline räsonnabler behandelt als Lottchen. Karoline hat mir doch eine Hintertüre gelassen und einen freundschaftlichen Vergleich aufs Tapet gebracht. Lottchen aber fertigte mich trocken und kurz ab. Übrigens ist davon gar keine Frage, dass Sie nicht recht haben sollten – ein andres aber ist das Interesse einer Farce, wie der Geisterseher doch eigentlich nur ist, ein andres das Interesse eines Romans oder einer Erzählung, wo man jedem Schritt, den der Dichter im menschlichen Herzen tut, ruhig und aufmerksam nachgeht. Der Leser des Geistersehers muss gleichsam einen stillschwiegenden Vertrag mit dem Verfasser machen, wodurch der letztere sich anheischig macht, seine Imagination wunderbar in Bewegung zu setzen, der Leser aber wechselseitig verspricht, es in der Delikatesse und Wahrheit nicht so genau zu nehmen.

Sonst glaube ich übrigens doch, dass sich auch, außer jener Hintertüre, die mir Karoline offen gelassen hat, noch Fälle denken lassen, dass Liebe, mit einem ungewöhnlichen Feuer behandelt, durch sich selbst – als ein innres Ganze – auch ohne Moralität imponieren kann. Ein Mensch, der liebt, tritt, so zu sagen, aus allen übrigen Gerichtsbarkeiten heraus und steht bloß unter den Gesetzen der Liebe. Es ist ein erhöhteres Sein, in welchem viele andere Pflichten, viele andere moralische Maßstäbe nicht mehr auf ihn anzuwenden sind. Dies kommt indessen meiner Griechin nicht zu gute, die nicht in dem Grade lieben wird – aber der Leser braucht sich auch nicht mehr für sie zu interessieren, sobald ihm die Augen aufgegangen sind. Was sie tut, muss sie vorher tun.

Ich hatte gehofft, Ihnen ein neues Heft vom Geisterseher heute mitschicken zu können; aber es ist keines angekommen. Von Moritzens Bogen hat mir Lottchen noch ein wenig gesagt; es ist unendlich viel darin, das in die wichtigsten Angelegenheiten des menschlichen Daseins eingreift, und das sowohl durch seine absolute Wahrheit, als hie und a auch durch seine Individualität und Paradoxien interessiert.

Knebel hat mich neulich besucht, bei welcher Gelegenheit über Moritzens Schrift auch viel gesprochen wurde. Ich muss nun zuweilen für seine Ideen fechten, ob sie gleich nicht alle die meinigen sind, weil er zuweilen unrecht beurteilt wird. Doch hat dieses öftere Nachdenken und Sprechen über Schönheit und Kunst vielerlei bei mir entwickelt und auf die Künstler besonders einen glücklichen Einfluss gehabt. Ich möchte in der Tat wissen, was Goethe dabei fühlen wird; denn so wenig mir seine Existenz gibt, so hoch schätze ich sein Urteil.

Wie viel doch kleine Umstände können! Vor einigen Tagen war Wieland bei mir, um eine kleine Fehde, die wir über eine Stelle in den Künstlern hatten, mit mir abzutun. Das Gespräch führte uns weit in gewisse Mysterien der Kunst. Wieland war kaum eine halbe Stunde weg, so durchlas ich meine Künstler; einige vorher sehr wert gehaltende Strophen ekelten mich an, und dies gab mir Anlass, vierzehn neue dazu zu tun, die ich nicht in mir gesucht hätte, d.h. deren Inhalt bisher nur in mir geschlafen hat. Sie werden sie bald unterscheiden.

Diesen Abend wird Fiesco hier gespielt, nach einer fürchterlichen Rollenbesetzung. Wohl mir, dass ich ihn nicht sehen muss.

Adieu!

Schiller.“


Weimar, den 25. Februar 1789

„Ich habe Ihnen den Vorwurf gemacht, dass Sie mir über meine Griechin und über Moritzens Aufsatz so wenig geschrieben haben, und hätte Ihnen sollen dafür danken, dass Sie nur so viel taten. Sie waren nicht wohl und mussten das Bette hüten, und haben doch an mich gedacht. Dafür sei Ihnen alles Schöne gewünscht! Vor allem aber werden Sie recht gesund und lassen sich von diesem milden Wetter in eine recht heitere Laune stimmen!

Diese Verkündigung des Frühlings erfreut Herz und Seele. Ich mache mir diese milde Luft auch zu nutz und lebe mehr mit der Natur. In wenigen Tagen ist schon März; in zwei Monaten ist es ein Jahr, dass ich nach Volkstädt gezogen bin. Wie schnell eilt die Zeit! Wie nahe wär’ ich jetzt dem schönen Zeitpunkt unsers Zusammenlebens, wenn alles geblieben wäre, wie wir’s bei meinem Abschied ausmachten! Aber es werden schon noch schöne Tage – oder doch schöne Stunden kommen.

Gestern war die letzte Redoute, ich war aber nicht darauf. Ein drückendes Kopfweh hat mir alle Lustbarkeit verleidet. Ich kann Ihnen also von diesen Herrlichkeiten gar nichts erzählen.

Ich war kürzlich bei Knebel und habe mich ganz warm mit ihm über Metaphysik gestritten. In Jena wird dies doch manchmal der Fall sein. Wir vertragen uns im philosophischen Dispute recht gut, und Ideen bei einem zu entwickeln oder die, welche man schon hat, zu einer gewissen Klarheit im Vortrag zu bringen, dazu ist K. ganz gut. Nur das Aufschreiben oder wenigstens das Druckenlassen seiner Ideen soll er aufgeben!

Ich negoziiere mir jetzt ein Logis in Jena. Ein Bekannter von mir, ein gewisser Göttling, der als Professor der Chemie nach Jena geht, hatte mir Hoffnung gemacht, dass wir ein ganzes Haus zusammen mieten könnten und also recht ungestört sein würden; aber es geht nicht an, und mir tut es wirklich leid. Ich mache mir schon klein Pläne von Vergnügen, das ich in verlorenen Stunden an seinen chemischen Operationen finden würde. Die Chemie hat viele Reize; sie gibt mannigfaltige Verwicklungen und löst sie angenehm auf. Wer weiß, ob es Ihnen nicht auch einmal Vergnügen gemacht haben würde, wenn Sie einmal nach Jena gekommen wären, diese Sachen einmal mit anzusehen! Dass Knebel noch nicht aufs Goldmachen, wenigstens noch nicht auf chemische Operationen verfallen ist, nimmt mich in der Tat wunder. Ich glaube, er hätte es schon getan, wenn man sich nicht so rußig dabei machte, und das ist nichts für einen so recherchierten Gesellschafter und Hofkavalier.

Körner schickte mir dieser Tage ein Fragment, das er aus Gibbon übersetzte; es ist Mahomets Porträt und die Geschichte der ersten Gründung seiner Religion. Dies ist das erste, was ich von Gibbon lese. Ich finde es voll Genie und mit einem kräftigen Pinsel dargestellt; aber im historischen Stil liebe ich doch mehr die schöne Leichtigkeit der Franzosen. Mir kommt vor, dass Gibbon noch keinen gebildeten historischen Stil hat, und dass er die Kürze der Alten etwas affektiert. Doch ich kann leicht die Fehler der Übersetzung dem Original zur Last legen und will also mein Urteil suspendieren.

Leben Sie recht wohl und haben Sie nochmals Dank für Ihr Andenken an mich. Ich bin so oft bei Ihnen. Adieu. Recht viele Grüße.

Schiller.“


Weimar, den 5. März 1789

„Ich bewundre den herkulischen Mut, womit die chère mère sich der sauersten Arbeit unter der Sonne unterziehen will10). Das Wagestück ist groß, und die ganze hochfürstliche Familie sollte in Prozession, im Hemde und Wachskerzen in der Hand eine ganze kalte Winternacht lang vor ihrem Fenster ein Kirchenlied dafür singen, dass sie die Liebe haben will, ihr ein solches Opfer zu bringen. Das sich die chère mère darein finden wird, ist gar keine Frage; sie ist für den Hof gebildet, und was ihre Frau und Fräulein Töchter drücken und zur Verzweiflung bringen würde, ist ihr ein Spiel. Es ist auch gar keine Frage, dass sie auf die zwei fürstliche Jungfrauen Einfluss haben und Segen in das Haus bringen wird; aber ich fürchte nur, sie wird manchen Genuss des Lebens daran setzen müssen und sich am Ende doch ihres Werks nicht zu erfreuen haben, wie sie’s wünscht und verdient haben wird. Wenn ihr übrigens nur durch keine andere Autorität, durch keine andern Rücksichten die Hände gebunden werden, wenn sie ganz ihrem eigenen Verstande folgen darf, so ist vieles gut. Ich wünschte, dass sie dieses ja zur positiven Bedingung gemacht hätte; dies würde ihr die Sache sehr erleichtern und manchen Ärger ersparen.

Dass diese Veränderung Ihnen beiden sehr empfindlich fallen wird, kann ich mir wohl einbilden. Sie hatten so viele Freuden auf die ganze runde Zahl kalkuliert; nun zerstreut sich die kleine häusliche Gesellschaft. Aber es ist auch wieder gut für Sie, dass sie eine Mutter auf dem Berge oben zu suchen haben; es hielt immer so schwer, Sie diesen Berg hinauf zu bringen, und am Ende hätten Sie mir alle Toleranz für das gute alltägliche Volk der Menschen verlernt. Der Gedanke, Ihre Mutter zu zerstreuen, zu erquicken, wird Ihnen manches neue Vergnügen machen, und wer weiß, ob Ihre nähere Vermischung mit dem Hofe nicht für macneh Menschen darunter wohltätig wirkt. Sie wissen ja das Sprüchelchen aus der Bibel: Du sollst dein Licht nicht unter einen Scheffel stecken, sondern du sollst es leuchten lassen unter den Heiden!

Die chère mère und ich treten also dieses Jahr ein ähnliches Amt an, das gar erstaunlich ehrwürdig ist; wir werden beide sehr nützliche Glieder für den Staat bilden. Ich wünsche nur, dass es ihr einträglicher sein möchte, als mir; denn dass sie dem ihrigen gewachsen ist, hat sie – (ich muss doch einmal galant sein!) in ihren Töchtern bewiesen!

Beulwitz verlässt Sie nun auch; Sie sind ja in den kläglichsten Witwen- und Waisenstand versetzt. Wie wird diesen Sommer alles so verwandelt sein bei Ihnen! – Doch wenn Sie sich nur nicht mit verwandeln, welches ich nicht fürchte, so hat das alles nichts zu sagen.

Dass ich Sie in Rudolstadt besuche, ehe ich nach Jena gehe, war längst mein Vorsatz, meine Freude und Hoffnung. Auch hoffe ich, dass dies möglich werden soll. Freilich ein Besuch auf einen Tag ist so wenig, und mehr kann ich jetzt nicht daran verwenden, weil das Hin- und Herreisen auch einen Tag nimmt – aber ein Tag ist doch unendlich viel mehr als keiner! Ist es mir möglich, und leidet es das Wetter, so sehe ich Sie vielleicht zu Ausgang der kommenden Woche. Doch ist dazwischen noch ein Botentag, wo ich es Ihnen näher bestimmen kann.

Die Thalia folgt hier; das folgende Heft ist noch nicht ganz abgedruckt. Machen Sie sich aber vom Geisterseher keine große Erwartungen: Von Geschichte kommt wenig darin vor; das philosophische Gespräch wird Sie vielleicht interessieren.

Die Künstler werden die nächste Woche im Merkur finden; vielleicht bringe ich sie Ihnen mit.

Leben Sie recht wohl. Wolzogen grüßen Sie recht schön, wenn ich ihm nicht selbst schreibe.

Schiller.“


Weimar, den 26. März 1789

„Über die gute Sonne haben wir zu bald triumphiert. Es ging mir gestern auch so wie Ihnen, und ich freute mich der Ankündigung des Frühlings – aber alles ist wieder mit Schnee bedeckt, und alles liegt traurig um mich her. Dass wir doch auf diesen schlechtesten Teil des Globus verbannt sind, wenn andere, die es nicht wert sind, unter einem schönen, lachenden Himmel leben! Es tut mir oft wehe, dass mir und meinen Freunden, deren schöne Seele sich unter einem lieblicheren Klima so viel reicher und schöner entfaltet haben würde, ein so schlechtes Los gefallen ist. Man kommt nur einmal auf die Erde und soll gerade mit dem dürftigsten Platz auf ihr vorlieb nehmen. Hätte ich Knebels Laune und hinreißenden Pinsel, wie wollte ich diese Beobachtungen ausmalen! So aber gebe ich mich zufrieden und sage zu mir, dass ich nur auf thüringischer Erde die Freunde finden konnte, die ich fand – und dass ich der Saale mehr zu verdanken habe, als der Ganges mir hätte geben können.

Bei Ihrer Bewunderung der schweizerischen Helden – gestehen Sie es nur – mag wohl eine kleine Vorliebe für das Land, das Sie in einer sehr empfänglichen Epoche Ihres Geistes kennen lernten, mit unterlaufen. Ich mache den Schweizern die Tapferkeit und den Heldenmut nicht streitig – nichts weniger. Aber ich danke dem Himmel, dass ich unter Menschen lebe, die einer so großen Handlung, wie die Tat des Winkelried ist, nicht fähig sind. Ohne das, was die Franzosen férocité nennen, kann man einen solchen Heldenmut nicht äußern; die Heftigkeiten, deren der Mensch in einem Zustand roher Begeisterung fähig ist, kann man der Gattung bloß als Kraft, aber dem Individuum nicht wohl als Größe anrechnen. Wenn ich Ihnen Beispiele ähnlicher Stärke des Muts aus den Religionskriegen anführen wollte, so würden Sie diese und ähnliche Taten vielleicht nur noch anstaunen, aber weit weniger bewundern.

Darthula ist eins der schönsten Stücke aus Ossian. Gleich der Anfang, die Anrede an den Mond, hat unendlich viel Anziehendes und eine rührende Einfalt. ‚Sind deine Schwestern vom Himmel gefallen und kommst du hierher, sie zu betrauern?’ Es ist überaus menschlich und menschlich schön, wie er alles, auch die leblose Natur, durch Sympathie an sich anschließt und mit seinen Empfindungen belebt. Ich freue mich, eines der angenehmsten Augenblicke meiner frühen Jugend mich durch Sie wieder zu erinnern. Von Popes Versuch existieren einige Übersetzungen, wovon die eine, glaub’ ich, von Schlossers Hand ist. Schlosser hat auch einen Antipope gemacht, worin er den Versuch vom Menschen poetisch widerlegt, die andre Übersetzung ist kalt und flach.

Ich habe eben einen Brief von Körner erhalten, worin er mir über die Künstler schreibt. Er ist ganz davon begeistert und fühlt, was ich auch sehr lebhaft fühle, dass es bis jetzt das Beste meines Geistes ist. Es ist aber auch lange Zeit das Letzte.

Leben Sie recht wohl, und der Frühling finde Sie gesund. Diese schlechte Luft drückt meine Seele, und der Schnupfen tyrannisiert mich schon seit acht Tagen. Ich habe eine Leiche im Hause, die älteste Volksstädt ist vorgestern gestorben.

Adieu! Ewig der Ihrige

Friedrich Schiller.“


Weimar, den 17. April 1789

„Es waltet eine unglückliche Sympathie zwischen uns. Ich bin auch gar nicht wohl; von einem Spaziergange, den ich vor einigen Tagen in dem feuchten Stern machte, bin ich krank zurückgekommen, so dass ich die jetzigen schönen Tage ungenossen vorbeigehen lassen muss. Es sind hier viele Leute in demselben Fall.

Ich wünschte gar sehr, Ihnen etwas zum Lesen schicken zu können; aber es fällt mir nichts ein; finde ich noch etwas auf, so schicke ich es durch die Post.

Es tut mir sehr leid, dass ich Beulwitz vor seiner Abreise nicht mehr sehen soll. Mir ist die Zeit so sparsam zugeteilt, dass ich auch nicht einen einzigen Tag meinem Vergnügen opfern kann. Die Zeit kommt nun mit starken Schritten heran, wo ich meine Bude in Jena eröffnen muss. Über dem verwünschten Geisterseher habe ich noch gar nicht darauf denken können, was ich meinen Herren Studenten in den ersten Kollegien vorsetzen werde; nun muss ich mich über Hals und Kopf beeilen, dass ich auch für meinen Beruf (Gott verzieh mir’s) Zeit übrig behalte. Ich muss also für jetzt darauf resignieren, Sie zu sehen.

Körner kommt diesen Sommer, ungefähr gegen den August, nach Leipzig. Vielleicht bringe ich ihn noch näher. Es scheint sich also doch zu fügen, dass ich Sie mit meinem Freunde bekannt machen kann.

Dieser Tage hab ich die Properzischen Elegien gelesen, die Knebel übersetzt hat. Wenn ihm Lottchen einmal wieder schreibt, so sollte sie sich sie von ihm ausbitten. Die Übersetzung ist nicht schlecht; aber solche Dinge sollen und müssen in Versen übersetzt sein, wenn das Original nicht zu viel von seiner Zierlichkeit und Leichtigkeit verlieren soll. Der Geschmack und die Sitten, die darin sichtbar sind, wollen mir eben nicht gefallen. Eine gewisse sanfte Cynthia überfällt ihren Liebhaber, den Herrn Properz, bei einer Courtisane, worüber sie so in Wut gerät, dass sie ihr die Nägel ins Gesicht schlägt, die Töpfe an den Kopf schmeißt und dergleichen mehr. Ihrem Liebhaber widerfährt ein Gleiches von ihr; und das Ende davon ist, dass sie ihn mit Schwefel einräuchert, um ihn wieder zu reinigen.

Dass unsre Herzogin mit einem Prinzen niedergekommen ist, der aber einige Augenblicke darauf starb, haben Sie wohl schon erfahren.

Die Philosophie de l’histoire habe ich nun von Leipzig erhalten. Ich schicke sie Ihnen also zurück. Erst vor einer Stunde habe ich Ihr Paket von der Post erhalten.

Ein andermal mehr. Ich wünsche Ihnen Gesundheit und Freude in diesen schönen Tagen. Adieu.

Schiller.

Ich lege die Memoires von Ioinville bei. Vielleicht gefällt Ihnen der naive Ton, in dem sie geschrieben sind.


Weimar, den 24. April 1789

„Nur einige Worte für diesmal. Ich habe diesen Abend eine kleine Gesellschaft zu mir gebeten, und morgen will die Botenfrau mit dem Tage wieder abgehen.

Es freut mich, Sie wieder besser zu wissen, wenn das Wetter sich erst gründlich verbessert hat und der schöne Mai da ist, so werden auch Sie mit ihm aufleben. Freilich sah ich dem vorigen Sommer fröhlicher entgegen als dem jetzigen, und zuweilen bilde ich mir ein, dass auch Ihnen einige Freuden in diesem Fehlern werden; aber Sie sind ungleich glücklicher als ich. Sie genießen doch ungestört sich selbst; nichts hindert Sie, Ihrem Herzen zu folgen und in Ihren Empfindungen zu schwelgen.

Warum trennte uns das Schicksal? Ich bin gewiss, wie ich es von wenigen Dingen bin, dass wir einander das Leben recht schön und heiter machen könnten, dass nicht von alle dem, was die gesellige Freude so oft stört, die unsrige stören würde. Wenn ich mir denke, wie schön sich jeder Tag für mich beschließen würde, wenn ich nach Endigung meines Tagewerks mich immer zu Ihnen flüchten und in Ihrem Kreise den bessern Teil meines eigenen Wesens aufschließen und genießen könnte. Alle neue Ideen, die wir erwerben, alle neue Anschauungen der Dinge und unsres eigenen Selbsts würden uns doppelt wichtig, ja sie erhielten erst ihren wahren Wert, wenn wir die Aussicht vor uns hätten, sie unsrer Freundschaft als neue Schätze, als neue Genüsse zuzuführen. Wir würden uns beeifern, unsern Geist mit neuen Begriffen, unser Herz mit neuen Gefühlen zu bereichern, ebenso wie sich ein edler Mensch seines Vermögens freut, um es mit seinen Freunden zu genießen. Warum soll dieser Wunsch unerfüllbar sein?

Ich bin diese Woche noch immer nicht ganz wohl gewesen, und dieses hat mich in meinen jetzigen Beschäftigungen merklich zurückgesetzt. Zerstreuungen von außen kamen dazu, die mich aus meiner Ordnung brachten, ohne mich durch etwas anderes zu entschädigen.

In der Übersetzung, die Sie mir heute schickten, sind wieder recht glückliche Stellen, bei denen ich nur fürchte, dass sie nicht so ganz im Original stehen mögen. Ich werde doch das lateinische Original dagegen halten, um zu sehen, ob Sie unwissend demselben nahe gekommen sind.

Schicken Sie mir doch auf den nächsten Botengang die Anthologie. Ich brauche sie soeben und kann mich nicht mehr besinnen, wer die meinige hat. Vergessen Sie es aber nicht.

Leben Sie recht wohl, und denken sie meiner auf Ihren schönen Wanderungen. Ihr

Schiller.“


Weimar, den 30. April 1789

„Meinen letzten Brief an Sie von Weimar aus schreibe ich unter einem Donnerwetter; und auch das Donnerwetter muss mich an Sie erinnern, denn das letzte, das ich hörte, fand mich noch bei Ihnen. Wie oft habe ich mich in diesen schönen Tagen zu Ihnen versetzt und Sie auf dem Damm und an der Saale hin begleitet! Auch Ihre erste Partie im Gartenhaus beim Tee, wie gegenwärtig war sie mir und wie viele schöne Erinnerungen brachte sie mir zurücke! Dieser Sommer wird ganz anders werden; aber seinen schönsten Reiz für mich wird er doch von der Hoffnung erhalten, Sie zu sehen, und von der Erinnerung an Ihre liebe, mir so wohltätige Freundschaft.

Nächste Woche reise ich ab, und mir deucht fast, als wenn ich Ihnen näher zöge. Näher ist es nun zwar nicht; aber die große Geistesleere, die nun im gesellschaftlichen Zirkel um mich her entsteht, macht mir das Andenken an Sie destomehr zum Bedürfnis. Sie werden mir näher, weil Sie mir notwendiger werden.

Sie erwarten Göckingk; unterdessen habe ich Bürger kennen lernen. Bürger war vor einigen Tagen hier, und ich habe die wenige Zeit, die er da war, in seiner Gesellschaft zugebracht. Er hat gar nichts Auszeichnendes in seinem Äußern und in seinem Umgang – aber ein gerader, guter Mensch scheint er zu sein. Der Charakter von Popularität, der in seinen Gedichten herrscht, verleugnet sich auch nicht in seinem persönlichen Umgang, und hier, wie dort, verliert er sich zuweilen in das Platte. Das Feuer der Begeisterung scheint in ihm zu einer ruhigen Arbeitslampe herabgekommen zu sein. Der Frühling seines Geists ist vorüber, und es ist leider bekannt genug, dass Dichter am früheste verblühen. Wir haben uns vorgenommen, einen kleinen Wettkampf, der Kunst zu Gefallen, miteinander einzugehen. Er soll darin bestehen, dass wir beide das nämliche Stück aus Virgils Aeneide, jeder in einer andern Versart übersetzen. Ich habe mir Stanzen gewählt.

Bürger sagt mir, dass er noch mehr Aufsätze in Manuskript gelesen habe, die für die Götter Griechenlands gegen Stolberg Partei nehmen und noch gedruckt werden würden. Er macht sich herzlich über Stolbergs Schwachsinnigkeit lustig und kämpft für sein gutes Herz, das einzige, was sich allenfalls noch retten lässt.

Noch ein Fremder ist her, aber ein unerträglicher, über den vielleicht Knebel schon geklagt hat, der Kapellmeister Reichardt aus Berlin. Er komponiert Goethes Claudine von Villabella und wohnt auch bei ihm. Einen impertinentern Menschen findet man schwerlich. Der Himmel hat mich ihm auch in den Weg geführt, und ich habe seine Bekanntschaft ausstehen müssen. Kein Papier im Zimmer ist vor ihm sicher. Er mischt sich in alles, und wie ich höre, muss man sehr gegen ihn mit Worten auf seiner Hut sein.

Glauben Sie, dass Beulwitz sich gerne mit einem so dicken Briefe beschweren wird? Ich wünschte gar sehr, dass er meine Familie sähe; er wird eine große Freude einlegen. Grüßen Sie ihn zum Abschied recht schön von mir; ich hoffe durch Sie öfters Nachrichten von ihm zu erfahren. Bitten sie ihn ja sehr, dass er mich Lavatern zu Füßen lege, und mir einen Zipfel von seinem Rocke mitbringe.

Für die Anthologie danke ich Ihnen recht sehr. Ich lasse einige Gedichte daraus abschreiben. Dass Sie der Semele erwähnten, hat mich ordentlich erschreckt. Mögen mir’s Apoll und seine neun Musen vergeben, dass ich mich so gröblich an ihnen versündigt habe!

Hier lege ich auch ein Exemplar von meinem Diplom als Doctor philosophiae bei, damit Sie doch auch etwas zu lachen haben, wenn Sie mich in einem so lateinischen Rocke erblicken. Übrigens ist es ein teurer Spaß, denn er kostet mir 50 Taler.

Leben Sie recht wohl, und der Himmel schenke Ihnen für diese schönen Frühlingstage eine recht heitere Laune!

Schreiben Sie mir nicht mehr nach Weimar; ich will Ihnen noch vorher von Jena aus schreiben.

Adieu! Adieu!

Schiller.“

Ü   Þ


1) Schiller sollte in die Redaktion des Merkur eintreten. ­
2) Herder befand sich in Rom auf Einladung des Trierschen Domherrn J.F.H. v. Dalberg. Als er mit diesem zu gemeinschaftlicher Reise dahin in Augsburg zusammentraf, fand er ihn in Gesellschaft der Frau von Seckendorf, einer eiteln und intriganten Person, die ihm die Reise und die erste Zeit des Aufenthalts in Rom gänzlich verbitterte.
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3) Amalia von Sachsen-Weimar.
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4) Karoline, die Tochter des Kammerpräsidenten Schmidt, die im Briefwechsel Schillers mit Körner mehrfach genannt wird.
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5) Den 22. November.
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6) Lavater hatte von Frau Elisse v.d. Recke, weil sich diese, nachdem sie erst mit ihm mystisch geschwärmt, an die Aufklärer Bode, Nicolai usf. angeschlossen hatte, seien Briefe zurückgefordert.
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7) Histoire de mon temps
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8) Diese Verse wurden bei dem Druck der „Künstler“ gestrichen.
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9) Lafontaines „Szenen“, Leipzig 1789.
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10) Sie übernahm das Amt einer Hofmeisterin bei den beiden Töchtern des Erbprinzen von Rudolstadt.
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