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Fünfter Abschnitt
Neigung. Rudolfstadt.

Schiller erwähnt in einem Briefe an seine Freundin vom Mai 1784 flüchtig seiner ersten Bekanntschaft mit der Familie meiner Schwester, seiner künftigen Frau, und mit dieser selbst.

Wir kehrten aus der Schweiz zurück. Die Verhältnisse mit der uns nahe verwandten Wolzogen’schen Familie und ein Besuch, den wir Schillers Eltern auf der Solitüde mit Frau von Wolzogen gemacht, veranlassten uns, seien Bekanntschaft in Mannheim zu suchen. Er erschien bei uns, als wir eben abreisen wollten. Seine hohe, edle Gestalt frappierte uns; aber es fiel kein Wort, das lebhafteren Anteil erregte. Die mannigfachen und großen Gegenstände, von denen wir soeben geschieden waren, füllten unsre Seele. Von den reizenden Ufern des Genfer Sees und dem freundlichen Vevey am Fuß der Alpen, das jedes jugendlich fühlende Herz im Zauberduft der Rousseauschen Dichtung erblickt, von lieben Freunden, die hier wohnten, hatten wir uns mit Schmerzen getrennt.

Lavaters Umgang, ergreifend durch die Macht und Grazie des lebendigsten Gefühls, bei vorherrschender religiöser Stimmung, und die vaterländischen Freiheitsgesänge der Oltner Gesellschaft, in der wir mit Güte und Leibe aufgenommen wurden, tönten in unsrer Seele nach.

So sahen wir Schiller zum ersten Mal wie aus einer Wolke wehmütiger Sehnsucht, die uns nur schwankende Formen erblicken ließ. Der Theaterwelt waren wir fremd. In den Räubern hatten uns einzelne Szenen gerührt, die Masse von wildem Leben zurückgescheucht.

Aber es wunderte uns, dass ein so gewaltiges und ungezähmtes Genie ein so sanftes Äußere haben könne. Fiesco und manche Gedichte der Anthologie hatten uns angesprochen. Gern hätten wir dies geäußert; aber unser Zusammensein war zu kurz, als dass sich ein Gespräch hätte entfalten können. Wir scherzten oft in der Folge über die Kälte unsers ersten Begegnens.

Meine Schwester lebte mit meiner Mutter und wir in Rudolfstadt, am Ufer der Saale, in einem Tale, dem ferne groß gezeichnete blaue Gebirge und nahe Wald umkränzte Anhöhen, von denen es umgeben ist, so großen Reiz verleihen. Die sanfte Krümmung des Flusses, die drei frischen und angebauten Täler, die sich dem Auge eröffnen, geben der Gegend einen eignen mannigfaltigen Zauber. Dieser anmutige Ort, in welchem sich erst unter der Regierung des gütigen Kunst liebenden Fürsten Ludwig Friedrich und seiner geistvollen Gemahlin ein geistiges und geselliges Leben bildete, war damals tot und langweilig und stand hinsichtlich aller Annehmlichkeiten des geselligen Lebens hinter den benachbarten Städten weit zurück. Obgleich es an wissenschaftlich gebildeten Männern nicht fehlte, ein Gymnasium, eine gute Bibliothek, eine Kupferstich-Sammlung und ein Naturalien-Kabinett alle Elemente zur Ausbildung darboten, ja sogar sich einige Poeten daselbst befanden, so ging von dem allen doch wenig in den gesellschaftlichen Kreis über.

Unser trefflicher Vater, der als Forstmann berühmt war und dieser Wissenschaft eine neue Bahn brach, hatte eine große Welt- und Lebensansicht. Friedrich der Große, aufmerksam auf ihn gemacht, suchte ihn in seine Dienste zu ziehen, um neue Einrichtungen in seinen Forsten zu treffen. Zu Ende des siebenjährigen Krieges ließ der große König unsern Vater nach Leipzig kommen, und die vorteilhaftesten Anträge, die von uns unter den Familiendokumenten aufbewahrt werden, waren das Resultat einer Unterredung mit ihm. Durchdrungen von dem Lichtblick, dem großen Sinne und dem Wohlwollen des Königs, brach dennoch unser Vater die Unterhandlung ab. Die Schwierigkeit des Unternehmens, lang eingewurzelte Missbräuche zu bekämpfen, die Bedenklichkeit, die Existenz vieler Individuen aufs Spiel zu setzen, da bei ihm nur die gute Sache und strenge Rechtlichkeit galten, schreckten ihn ab. Auch seine physische Unbehilflichkeit, da er im zwanzigsten Jahr am linken Bein und rechten Arm gelähmt ward, nur auf einen Stock gestützt gehen und alle Besichtigungen im Wald nur im Wagen machen konnte, war ein Hindernis. Eine tiefe Verehrung des großen Friedrichs blieb ihm, die bei uns Kindern zum Enthusiasmus ward.

Der Vater wollte die Töchter besser unterrichtet sehen, als es in dem kleinstädtischen Wesen, das uns umgab, gebräuchlich war; und unsre Mutter, in deren liebenswürdiger Natur Empfänglichkeit für alles Schöne lag, die auch selbst eine bessere Erziehung genossen, ging ganz in seine Gesinnung ein. Und freilich, wenn auch der Umgang mit dem Vater und der Mutter uns vor dem Gemeinen und Alltäglichen schützte, war bei unsrer aufgeregten jugendlichen Phantasie Bildung des Verstandes und eine ernste Richtung desselben notwendig. Wir hatten früh vielerlei, wie es der Zufall bot, gelesen, meistens Bücher, die das Herz und Gemüt ansprechen; Schiller scherzte späterhin oft mit uns und behauptete, man werde es uns immer anmerken, dass wir mit dem Grandison aufgewachsen seien. Die Phantasie bot uns ihre schönste Freuden, und unser tägliches einsames Hausleben, durch sie verschönert und reich, war uns so lieb, dass uns jede gewöhnliche Gesellschaft eine leidige Unterbrechung schien. Nur wer uns von fremden Orten und Gegenden erzählte, war uns willkommen; denn bei aller Freude am Hause erfüllte uns doch ein lebhaftes Verlangen, die Welt kennen zu lernen, und eine Sehnsucht nach der Ferne.

Dass dieses Leben in der Phantasie uns nicht schädlich würde, dafür sorgte der Vater auf zweierlei Weise. Er bemühte sich sorgsam um die Ausbildung unsers Körpers; ihm machte es große Freude, wenn wir nach den Lehrstunden in muntern Spielen in freier Luft unsre physischen Kräfte übten. Unser Haus lag frei an einem Berge, und wir genossen alles Erfreuliche und Unbeschränkte des Landlebens. Dann sorgte er für die Entwicklung unsers Verstandes. Seiner klaren und weiten Weltansicht, die sich meist bei Tisch, wo er gerne lange saß, aussprach und die gar nicht im Lehrton, sondern im heitern Gespräch in uns überging, verdankten wir eine frühe Anregung desselben. Wir lernten den Geist erkennen und schätzen, der alle Erscheinungen auf ihren Ursprung, auf ihren Grund zurückführt. Die Welt, die wir uns hinter unsern blauen Bergen dichteten, gewann im Lichtblick seines Verstandes feste Umrisse. Wir lernten zeitig fühlen, was wir suchen sollten. Ein Gefühl des wahren Wertes der Menschen, der männlichen Würde insbesondere, fasste Wurzel in uns; denn die verehrte Gestalt des Vaters, die Festigkeit in Grundsätzen der Ehre und schöne Sitte ausdrückte, war ihr reines Abbild. Der Tod entriss uns den Trefflichen, als ich dreizehn Jahr alt war; die drei Jahre jüngere Schwester nahm aus meinem reiferen Anschauungsvermögen die Züge seines Bildes auf, das sich unmittelbar noch nicht hatte einprägen können.

Meine Mutter wünschte eine Hofdamenstelle für meine Schwester, da sich mir schon in meinem sechzehnten Jahr ein Heiratsantrag dargeboten. Die edle Herzogin Luise von Weimar, der meine Mutter die Tochter am liebsten anvertraut hätte, interessierte sich für diesen Wunsch und zeigte sich durch ihre würdige Freundin, Frau von Stein, die auch die unsre war, geneigt, ihn zu erfüllen. Damit meine Schwester sich für ihre nächste Bestimmung Fertigkeit in der französischen Sprache und Weltton erwürbe, beschloss meine Mutter, eine Zeit lang in der französischen Schweiz zu leben. Diese Reise entzückte unsern jugendlichen Sinn und durchwebte unser ganzes Leben mit lichten, schönen Bildern.

Wir lebten nach der Rückkehr in unserm kleinen Tale, in welchem zu belieben ich durch meine Verheiratung bestimmt war, in Erinnerungen. Eine wehmütige Sehnsucht nach dem Genfer See wandelte uns freilich oft an. Doppelt altmodisch und traurig schienen uns die geselligen Umgebungen. Rege Phantasie söhnt sich indes leicht auch mit der einförmigen Wirklichkeit aus, da sie Leben und Geist durch alles zu hauchen weiß. Das Streben nach Kenntnissen, das die mannigfaltigen Ansichten der Menschenwelt und Natur in uns angeregt hatten, besonders das Lesen des Plutarch, zu dem wir immer zurückkehrten, der vertrauliche Umgang mit liebenswürdigen Jugendfreunden füllte und erheiterte unser Leben. Die geschmacklose Förmlichkeit eines kleinen Hofes gab uns, die wir noch voll waren von dem heitern freien Leben der französischen Schweiz, Anlass zu manchen tollen und muntern Einfällen. Damals ging noch keine Kunststraße durch dies kleine Tal; ein Fremder war ein Phänomen hinter den grünen Bergen. Oft erschienen wir uns selbst als verwünschte Prinzessinnen, auf Erlösung aus dieser Einförmigkeit hoffend. Dennoch erfrischte uns immerwährend der Zauber dieser Berge.

An einem trüben Dezembertage im Jahr 1787 kamen zwei Reiter die Straße herunter. Sei waren in Mäntel eingehüllt; wir erkannten unsern Vetter Wilhelm von Wolzogen, der sich scherzend das halbe Gesicht mit dem Mantel verbarg; der andre Reiter war uns unbekannt und erregte unsre Neugier. Bals löste sich das Rätsel durch den Besuch des Vetters, der um die Erlaubnis bat, seinen Reisegefährten, Schiller, der seine verheiratete Schwester und Frau von Wolzogen in Meiningen besucht, am Abend bei uns einzuführen. Schillers Zukunft knüpfte sich an diesen Abend; deshalb wird man verzeihen, dass ich so viel von unsrer Familie geredet.

Schiller fühlte sich wohl und frei in unserm Familienkreise. Entfernt vom flachen Weltleben, galt uns das Geistige mehr als alles; wir umfassten es mit Herzenswärme, nicht befangen vn kritischen Urteilen und Vorurteilen, nur der eignen Richtung unsrer Natur folgend. Dies war es, was er bedurfte, um sich selbst im Umgang aufzuschließen. Wir kannten seinen Don Karlos noch nicht. Ohne alle schriftstellerische Eitelkeit schien es ihm am Herzen zu liegen, dass wir ihn kennen lernten. Ich erinnere mich nicht, dass unsre Gespräche noch etwas anderes aus der Welt seiner Dichtung berührten, die Briefe von Julius an Raffael und die auf diese sich beziehenden Gedichte der Anthologie ausgenommen. Der Gedanke, sich unsrer Familie anzuschließen, schien schon an jenem Abend in ihm aufzudämmen, und zu unsrer Freude sprach er beim Abschiede den Plan aus, den nächsten Sommer in unserm schönen Tale zu verleben.

Wilhelm von Wolzogen hing an uns mit der herzlichsten Freundschaft. Wir waren die ersten weiblichen Wesen, die bei einem Besuche in der Akademie sein Herz gerührt hatten, und seine Jugendträume blieben an unser Bild geheftet. Bei jedem Abscheide forderte er in jugendlich ritterlichem Sinne feierlich von uns das Versprechen, ihm zu schreiben, wenn er uns in irgend einer Not helfen könne; vom Ende der Welt würde er zu uns eilen. Er bereitete sich zu einer Reise nach Paris vor, um sich ganz dem Studium der Architektur zu widmen; doch wünschte er nichts sehnlicher, als einst in unsrer Nähe leben zu können. Des Vetters freundschaftliche Gesinnung gegen uns teilte der Freund, unser kurzes Zusammensein ward beseelt und erhöht durch Innigkeit und lebendige Empfindung, deren Nachklang, wie der Eindruck, den wir auf Schiller gemacht, sich in folgendem Briefe des letzteren an Frau von Wolzogen ausspricht:

Weimar, den 20. Dezember 1787

„Endlich! Werden Sie sagen, endlich doch ein Brief! Und in der Tat schreibe ich Ihnen etwas spät, wie wir angekommen sind. Aber die Geschäfte, die ich hier vorfand, haben mich bis jetzt nicht zu Atem kommen lassen. Sie werden mir das aufs Wort glauben und verzeihen.

Wir sind glücklich nach Rudolfstadt gekommen, wo ich eine sehr hochachtungswerte und liebenswürdige Familie fand. Ich kann nicht anders, als Wilhelms guten Geschmack bewundern; denn mir selbst wurde so schwer, mich von diesen Leuten zu trennen, dass nur die dringendste Notwendigkeit mich nach Weimar ziehen konnte. Wahrscheinlich werde ich aber diese Nachbarschaft nicht unbenutzt lassen und, sobald ich auf einige Tage Luft habe, dort sein. In Weimar hat Wilhelm sich nur zwei kleine Tage aufgehalten, wo ich ihn in den Klub geführt und mit Bode, Wieland und Bertuch bekannt gemacht habe. Mlle. Schröter haben wir auch besucht und bei Kalbs zu Mittag gegessen. Über diese Dinge wird er Ihnen selbst Auskunft geben. Jetzt, meine liebste Freundin, sitze ich wieder unter Foltanten und alten staubigten Schriftstellern wie begraben und zehre gleichsam von der Erinnerung dieser 10 fröhlichen Tage, die ich bei Ihnen zugebracht habe. Wir haben uns doch wieder gesehen und die freudige Entdeckung gemacht, dass wir die nämlichen geblieben. Ohne Zweifel wohnen Sie jetzt wieder einsam in Bauerbach; aber ich beneide Ihnen manchmal diese Lage. Sie genießen da das höchste Glück in meinen Augen, Unabhängigkeit und Ruhe. Abwechselung können Ihnen die kleinsten Geschäfte geben. Leben sie recht wohl und grüßen Sie Wilhelm von mir. Der lieben Lotte werde ich bald nach Hildburghausen schreiben. Ewig Ihr

Schiller.“

Ein Brief, den Schiller einige Wochen nach dem oben mitgeteilten an seinen Freund Körner schrieb1), sagt deutlicher, welche Empfindungen der Besuch in Rudolfstadt in ihm aufgeregt hatte; gewiss erfüllte damals schon eine lebhafte Neigung zu meiner Schwester sein Herz.

„Ich bedarf eines Mediums, durch das ich die andern Freuden genieße. Freundschaft, Geschmack, Wahrheit und Schönheit werden mehr auf mich wirken, wenn eine ununterbrochene Reihe feiner, wohltätiger, häuslicher Empfindungen mich für die Freude stimmt und mein erstarrtes Wesen wieder durchwärmt. Ich bin bis jetzt, ein isolierter, fremder Mensch, in der Natur herumgeirrt und habe nichts als Eigentum besessen. – Ich sehen mich nach einer bürgerlichen und häuslichen Existenz. – Ich habe seit vielen Jahren kein ganzes Glück gefühlt und nicht sowohl, weil mir die Gegenstände dazu fehlten, sonder darum, weil ich die Freuden mehr naschte, als genoss, weil es mir an immer gleicher und sanfter Empfänglichkeit mangelte, die nur die Ruhe des Familienlebens gibt. –„

Meine Schwester konnte wohl in jedem Sinne eine wünschenswerte Verbindung für Schiller sein. Sie hatte eine sehr anmutige Gestalt und Gesichtsbildung. Der Ausdruck reinster Herzensgüte belebte ihre Züge, und ihr Auge blitzte nur Wahrheit und Unschuld. Sinnig und empfänglich für alles Gute und schöne im Leben und in der Kunst, hatte ihr ganzes Wesen eine schöne Harmonie. Mäßig, aber treu und anhaltend in ihren Neigungen, schien sie geschaffen, das reinste Glück zu genießen. Sie hatte Talent zum Landschaftszeichnen, einen feinen und tiefen Sinn für die Natur und Reinheit und Zartheit in der Darstellung. Unter günstigern Umgebungen hätte sie in dieser Kunst etwas leisten können. Auch sprach sich jedes erhöhtere Gefühl in ihr oft in Gedichten aus, unter denen einige, von der Erinnerung an lebhaftere zärtliche Herzensverhältnisse eingegeben, voll Grazie und sanfter Empfindung sind.

Wir lebten in innigster Vertraulichkeit; alle meine Gedanken und Gefühle gingen in sie über, und ihr Glück war meine herzlichste Sorge, ja meine einzige Lebenshoffnung, da ich mich in einer Stimmung befand, die mich mein eignes ganz aufgeben hieß. Ihr Gemüt war wund und bewegt durch eine herzliche Neigung, die sie angeben musste, da äußere Umstände ungünstig waren. Der edle und liebenswürdige Mann, dem ihre Neigung zugewandt war, sprach seine Liebe in allem schmerz der Hoffnungslosigkeit aus und nährte so die Empfindung, die für ihn sprach. Seine Verhältnisse trugen ihn im Militärdienst über das Meer nach einem andern Weltteile, und die Wehmut eines solchen Abschieds tönte lange in dem Wesen meiner Schwester nach. Um sie zu erheitern, veranlassten wir einen Aufenthalt von einigen Monaten in Weimar, wohin auch die Aussicht auf die Hofdamenstelle führte, da die immer gleich gütige Herzogin fortdauernd geneigt blieb, ihres Versprechens zu gedenken, wenn eine Veränderung an ihrem Hofe einträte. Hier sah meine Schwester Schiller wieder. Er heilt sich in der gehörigen Entfernung, wie ihn die Umstände und seine Feinheit lehrten. Einige nachfolgende Billets und Briefe zeigen dennoch, wie sich sein Herz zu meiner Schwester gezogen fühlte, und welche Hoffnungen er an die Bekanntschaft mir ihr knüpfte.

Schiller an Charlotte von Lengefeld

„Wahrhaftig, gnädiges Fräulein, Sie handeln auch sehr grausam an der armen Komödie, dass Sie sie gerade in dasjenige Licht stellen, wo sie sich am allerkläglichsten ausnimmt, nämlich in eine Alternative mit Ihnen. Es könnte mich beinahe ärgern, dass sie nicht besser ist, oder dass es nicht irgend sonst eine Freude gibt, um Ihnen zeigen zu können, wie gerne ich sie für das größere Vergnügen versäume, um Sie zu sein. Hier könnten Sie mich zwar erinnern, wie lange Sie schon hier sind, und wie wenig ich mir dennoch Ihren Aufenthalt zu nutze gemacht habe; aber glauben Sie mir für jetzt, dass dieses letztere das erste so wenig umstößt, dass ich vielmehr, wenn ich mich selbst gewissenhaft darum befrage, eins durch das andre erklären muss. Mein Aufenthalt in Rudolfstadt (worauf ich mich freue, wie ich mich noch auf wenige Dinge gefreut habe) soll mich für das Versäumte schadlos halten, wenn anders eine Versäumnis von dieser Art nachgeholt werden kann; und alsdann, gnädiges Fräulein, hoffe ich Sie auch zu überzeugen, wie wenig meine bisherige seltene Erscheinung bei Ihnen der Unfähigkeit zuzuschreiben war, den Wert Ihres Umgangs zu empfinden. Ich fühle, dass dieses Billet Ihnen nicht ganz verständlich sein wird; aber das hat auch sein Gutes; Sie werden dadurch gezwungen sein, es noch einmal zu durchlesen, und um so weniger wird Ihnen dasjenige darin entgehen, wovon ich Sie vorzüglich überzeugen wollte – meine ehrerbietigste Achtung für Sie.

Eben zieht mich ein Schlitten ans Fenster, und wie ich hinaus sehe, sind Sie’s. Ich habe Sie gesehen, und das ist doch etwas für diesen Tag. Doch da Sie nunmehr schwerlich mehr allein sein werden, so muss ich dieses Billet bis morgen früh ersparen.

Schiller.“


„Sie können sich nicht herzlicher nach Ihren Bäumen und schönen Bergen sehnen, mein gnädiges Fräulein, als ich – und vollends nach denen in Rudolfstadt, wohin ich mich jetzt in meinen glücklichsten Augenblicken im Träume versetze. Man kann den Menschen recht gut sein, und doch wenig von ihnen empfangen; dieses, glaube ich, ist auch Ihr Fall; jenes beweist ein wohlwollendes Herz, aber das letztere einen Charakter. Edle Menschen sind schon dem Glücke sehr nahe, wenn nur ihre Seele ein freies Spiel hat; dieses wird oft von der Gesellschaft (ja oft von guter Gesellschaft) eingeschränkt; aber die Einsamkeit gibt es uns wieder, und eine schöne Natur wirkt auf uns wie eine schöne Melodie. Ich habe nie glauben können, dass Sie in der Hof- und Assembleeluft sich gefallen; ich hätte eine ganz andre Meinung von Ihnen haben müssen, wenn ich das geglaubt hätte. Verzeihen Sie mir; so eigenliebig bin ich, dass ich Personen, die mir teuer sind, gerne meine eigne Denkungsart unterschiebe.

Heute würde ich mir die Erlaubnis von Ihnen ausbitten, Sie besuchen zu dürfen; aber ich bin schon von gestern her engagiert, eine Partie Schach an Frau von Koppenfels zu verlieren. Wie sehr wünschte ich nun, dass Sie eine Besuchschuld an sie abzutragen hätten, und dass Ihr Gewissen Sie antriebe, es heute zu tun. Die Tage haben für mich einen schönern Schein, wo ich hoffen kann, Sie zu sehen, schon die Aussicht darauf hilft mir einen traurigen ertragen. Von Wolzogen habe ich gestern einen Brief erhalten, der jetzt in dem traurigen Stuttgart die angenehmen Stunden in der Erinnerung wiederholt, die er – und vorzüglich in Rudolfstadt – genossen hat. An Frau von Kalb habe ich von Ihnen eine Empfehlung bestellt. In das Stammbuch will ich morgen schreiben.

Leben Sie recht wohl.

Schiller.“


[5. April 1788]

„Sie werden gehen, liebstes Fräulein, und ich fühle, dass Sie mir den besten Teil meiner jetzigen Freuden mit sich hinweg nehmen. Dass Sie nicht bleiben konnten, wusste ich; ich habe mir dieses schon so oft gesagt, dass es mich nicht mehr überraschen sollte, und doch tut es das. So wenige Augenblicke Ihres Hierseins auch die meinigen waren und die meinigen sein konnten, so war mir Ihr Hiersein doch schon an sich allein ein Vergnügen, und die Möglichkeit, Sie alle Tage zu sehen, ein Gewinn für mich. Ihre Abreise bringt mich um alles dieses. Aber Sie gehen auch ungern – und beinahe hätte mich das gefreut. Sie glauben doch nicht im Ernste, dass ich dem Worte Freundschaft gram sei? Nach dem, was ich Ihnen freilich hie und a vom Missbrauch dieses Namens mag gesagt haben, klingt es vielleicht stolz, wenn ich bei Ihnen darauf Anspruch mache – aber der Name soll mich nicht stören. Lassen Sie das kleine Samenkorn nur aufgehen; wenn die Frühlingssonne darauf scheint, so wollen wir schon sehen, welche Blume daraus werden wird. Meinem hiesigen Umgang mit Ihnen hat Ihre Güte seinen besten Wert gegeben; ich fühle selbst recht gut, wie zusammengebunden und zerknickt ich oft gewesen bin. Viel mehr bin ich nun wohl nicht, aber doch um etwas Weniges besser, als ich während der kurzen Zeit unsrer Bekanntschaft und bei den Außendingen, die uns umgaben, in Ihren Augen habe erscheinen können. Eine schönere Sonne, hoffe ich, wird etwas Besseres aus mir machen, und der Wunsch, Ihnen etwas sein zu können, wird dabei einen sehr großen Anteil haben. Auch in Ihrer Seele werde ich einmal lesen, und ich freue mich im voraus, bestes Fräulein, auf die schönen Entdeckungen, die ich darin machen werde. Vielleicht finde ich, dass wir in manchen Stücken miteinander sympathisieren, und das soll mir eine unendlich werte Entdeckung sein.

Sie wollen also, dass ich an Sie denken soll; dieses würde geschehen sein, auch wenn Sie mir es verboten hätten. Meine Phantasie soll so unermüdet sein, mir Ihr Bild vorzuführen, als wenn Sie in den acht Jahren, dass ich sie den Musen verdingt habe, sich nur für dieses Bild geübt hätte. Ich werde Sie an jedem schönen Tage unter freiem Himmel wandeln sehen, und an jedem trüben auf Ihrem Zimmer – vielleicht denken Sie dann auch meiner; damit ich aber dessen versichert bin, so müssen Sie mir erlauben, bestes Fräulein, dass ich Ihnen zuweilen sage, wenn ich mit Ihnen beschäftigt bin. Keine Korrespondenz, Gott bewahre! Das sieht so pflichtmäßig aus, und selbst die Antworten will ich Ihnen erlassen, wenn Sie glauben sollten, dass Sie mir sie schuldig sind. Einmal aber müssen Sie mir doch Nachricht geben, ob ich das bewusste Logis erhalten kann. Heute Mittag hätte ich Sie also bei Schardts sehen können, wenn mein guter Engel mich zu rechter Zeit erinnert hätte. Aber ich war wirklich nicht ganz wohl, um in eine ganz fremde Gesellschaft zu gehen. Sehen will ich Sie vor Ihrer Abreise nicht mehr. – Abschiede, auch auf kurze Zeit, sind etwas so Trauriges für mich. Vielleicht sehe ich Sie im Vorbeifahren noch; ich vermute auch, dass Sie jetzt immer umringt und beschäftigt sein werden. Frau von Kalb wird umso mehr beklagen, Sie nicht mehr hier zu finden, wenn Sie hört, wie nahe sie dabei war.

Leben Sie also recht wohl, bestes Fräulein, erinnern Sie sich manchmal und gern daran, dass hier jemand ist, der es unter die schönsten Zufälle seines Lebens zählt, Sie gekannt zu haben. Noch einmal, leben Sie recht glücklich.

Vom Jones folgen hier noch drei Bände; die übrigen sind von der Bodischen Übersetzung noch nicht heraus. Verlangen Sie sie aber, so kann ich sie Ihnen in einer andern nach Rudolfstadt nachschicken. Ihrem Hause empfehlen Sie mich recht schön und suchen Sie zu machen, dass ich da ein wenig willkommen bin. Adieu. Leben Sie recht wohl.

Schiller.“


Weimar, den 11. April 1788

„Sie werden in Rudolfstadt nun wieder eingewohnt sein, mein bestes Fräulein, und bei diesem schönen Wetter sich Ihrer ländlichen Einsamkeit freuen. Die Vergnügungen der Geselligkeit, wie man sie in Weimar und solchen Orten findet, werden gar oft durch Langeweile und Zwang gebüßt, den notwendigen Übeln in den leidigen Assembleen. Diesen sind Sie jetzt glücklich entronnen, und Ihr Familienkreis, fürchte ich, wird Sie für alles schadlos halten, worauf Sie in Weimar vielleicht einigen Wert gelegt haben. Wie beneide ich Ihre Familie und alles, was um Sie sein darf! Aber auch Sie beneide ich um Ihre Familie; ein einziger Tag war mir genug, mich zu überzeugen, dass ich unter sehr edeln Menschen wäre. Warum kann man solche glückliche Augenblicke nicht festhalten! Man sollte lieber nie zusammen geraten – oder nie mehr getrennt werden.

Seitdem Sie Weimar verlassen haben, ist die Erinnerung an Sie meine beste Gesellschaft gewesen. Die Einsamkeit macht jetzt meine Glückseligkeit aus, weil Sie mich mit Ihnen zusammenbringt und mich ungestört bei dem Andenken der vergangenen Freuden und der Hoffnung auf die noch kommenden verweilen lässt. Was für schöne Träume bilde ich mir für diesen Sommer, die Sie alle wahr machen können. Aber ob Sie es auch wollen werden? Es beunruhigt mich oft, mein teuerstes Fräulein, wenn ich daran denke, dass das, was jetzt meine höchste Glückseligkeit ausmacht, Ihnen vielleicht nur ein vorübergehendes Vergnügen gab; und doch ist es so wesentlich für mich, zu wissen, ob Sie Ihr eignes Werk nicht bereuen, ob Sie das, was Sie mir in so kurzer Zeit geworden sind, nicht lieber zurücknehmen möchten, ob es Ihnen angenehm oder gleichgültig ist. Könnte ich hoffen, dass von der Glückseligkeit Ihres Lebens ein kleiner Anteil auf meine Rechnung käme, wie gern entsagte ich manchen entwürfen für die Zukunft, um des Vergnügens willen, Ihnen näher zu sein! Wie wenig sollte es mir kosten, den Bezirk, den Sie bewohnen, für meine Welt anzunehmen!

Sie haben mir selbst einmal gesagt, dass eine ländliche Einsamkeit im Genuss der Freundschaft und schöner Natur Ihre Wünsche ausfüllen könnte. Hier wäre schon eine sehr wesentliche Übereinstimmung zwischen uns. Ich kenne kein höheres Glück. Mein Ideal von Lebensgenuss kann sich mit keinem andern vertragen. Aber was bei mir ein unabänderlicher Charakterzug ist, war bei Ihnen vielleicht nur eine jugendliche Phantasie, eine vorübergehende Epoche. Vielleicht denken Sie einmal anders, oder, wenn dies auch nicht wäre, vielleicht dürfen Sie einmal nicht mehr so denken. Beides fürchte ich, und ich sehe ein, wie sehr ich Ursache hätte, mich noch beizeiten eines Vergnügens zu entwöhnen, von dem ich mich vielleicht wieder trennen muss. Ich mag dieser traurigen Idee nicht Raum geben.

Wie leben Sie jetzt in Rudolfstadt? Wie haben Sie es da wieder nach der kleinen Abwesenheit gefunden? Ich kann mir recht wohl denken, wie ungeduldig man sich nach Ihnen gesehnt hat. In einem so engen Kreise ist eine solche Lücke sehr fühlbar; und wahrhaftig, das Opfer war groß, das Ihre Familie Ihnen gebracht hat, Sie so lange zu entbehren. Sie hatten den Vorteil der Zerstreuung, des Neuen und der Menge; den Ihr eigen fehlte dies alles. Jedes unter ihnen hat wahrscheinlich für das eine eine eigentümliche Empfindung, die Sie einer Schwester mitteilen, behalten Sie vor einer Mutter zurück, und auch umgekehrt. Alles dieses hat also während Ihrer Abwesenheit unter dem Schlüssel bleiben müssen. Habe ich nicht recht? Und mit je weniger Menschen man lebt, desto mehr bedarf man dieser wenigen.

Seitdem Sie weg sind, habe ich niemand von Ihrer hiesigen Bekanntschaft gesehen; ich kann Ihnen also auch nichts davon hinterbringen. Einer meiner intimsten Freunde, der mich dieser Tage hier besuchte, veranlasste mich, ihn nach Gotha zu begleiten. Frau von Kalb war gerade da, wie ich dort ankam; aber ich habe sei nicht gesehen. Sie war nicht ihr eigener Herr; ich hätte bis den andern Tag warten müssen, und dieses konnte ich nicht. Morgen, höre ich, soll sie zurückkommen.

Schade, dass Sie jetzt nicht mehr hier sind; Sie würden öfters spazieren gehen, und sehen könnte ich Sei wenigstens mehr. Es ist jetzt gar freundlich und schön im Stern2) und im Garten, und die Nachtigallen schlagen. Ihren Favorit, die Schnecke3), habe ich heute bewundern gehört; der Herzog selbst nahm sie in Schutz und hat ihr Gnade widerfahren lassen. Haben Sie indessen meiner auch wegen einer Wohnung gedacht? Ich hätte mich nicht unterstanden, Ihnen diesen Auftrag zu geben; aber Sie waren ja so gütig – und können Sie mir verdenken, wenn ich diese Gelegenheit hurtig ergriff, die Sie an mich erinnern wird? Aber die notwendigsten Möbel müsste ich auch dabei haben, wenn es nur irgend möglich ist; alsdann auch, wenn es angeht, die Kost; doch diese soll den Handel nicht rückgängig machen, wenn es damit Schwierigkeiten hätte, weil ich sie mir aus der Stadt würde holen lassen können. Noch einmal, bestes Fräulein, verzeihen Sie mir diesen Missbrauch Ihrer Güte. Es soll der letzte Auftrag dieser Art sein. Den Ihrigen sagen Sie recht viel Schönes von mir. Leben Sie recht wohl und erinnern sich zuweilen meiner.

Schiller.“


Weimar, den 2. Mai 1788

„Sie haben die Angelegenheit, deren Besorgung Sie so gütig übernahmen, so ganz nach meinen Wünschen und über alle meine Erwartungen zustande gebracht, bestes Fräulein, dass ich Ihnen unendlich mal dafür verbunden bin. Der Ort, die Lage, die Einrichtung im Hause, alles ist vortrefflich. Sie haben aus meiner Seele gewählt. Eine fürstliche Nachbarschaft hätte mir meine ganze Existenz verdorben. Ich habe Ihnen viele Mühe gemacht; aber ich weiß auch, dass Ihnen das Vergnügen, welches Sie mir dadurch verschaffen, statt alles Dankes ist. Meinem Lieblingswunsche steht also nichts mehr im Wege, als die Unsicherheit der Jahreszeit, die aber in wenigen Tagen wird gehoben sein, und die Berichtigung einiger Kleinigkeiten, die mich aber auch nicht länger als etwa 8 oder 10 Tage hier aufhalten soll. Zehn Tage sind also mein längster Termin; dann adieu Weimar. Ich werde in Ihren schönen Gegenden, in dieser ländlichen Stille mein eignes Herz wieder finden, und Ihre und der Ihrigen Gesellschaft wird für mich alles, was ich hier zurücklasse, reichlich entschädigen.

Jetzt sind wir hier einzig and die liebe Natur verwiesen; die Komödie, ihre armselige Stellvertreterin im Winter, hat uns verlassen. Der Frühling ist dafür da, mit allen schönen Sachen, die er mitbringt. Mich verdrießt es ordentlich, dass ich diese lieblichen Tage hier in der Stadt und auf den kümmerlichen Spaziergängen da herum so ganz und gar verlieren soll. Wie viel angenehmer sollten sie mir in Ihrer Nachbarschaft vorübergehen!

Sie warnen mich, bestes Fräulein, dass ich mir von meinem Aufenthalt bei Ihnen (oder wollten Sie vielleicht sagen, von Ihrer Freundschaft?“ nicht zu viel versprechen soll. Mir ist in der Tat für nichts bange, als dass ich, bei allen Bestrebungen und Wünschen, nichts, gar nichts im Vermögen haben werde, was gegen das Vergnügen, das Ihr Umgang, auch ohne Ihr Zutun, mir gewährt, in Anschlag kommen kann. Aber Ihre Warnung, bestes Fräulein, erinnert mich, dass es doch wohl möglich sein könnte, ich setze zu viele gute Meinung von mir bei Ihnen selbst voraus, und mehr, als ich bis jetzt Gelegenheit gehabt habe zu verdienen. Ich finde wirklich, dass ich bisher mehr, als ich sollte, an mich selbst dabei gedacht habe, und dass mich die liebliche Vorstellung Ihrer Freundschaft gar wohl verleitet haben könnte, sie als etwas schon Erworbenes und Entschiedenes vorauszusetzen. Dieses, bestes Fräulein, und nicht meine Phantasie habe ich zu fürchten, denn meine Phantasie, das glauben Sie nur! Hat gar keinen Anteil an meiner Vorstellung von Ihnen. Ich bitte also für mich selbst um die Toleranz, die Ihre Bescheidenheit Sie von mir begehren ließ, und im Ernste bitte ich Sie darum. Werden Sie auch meine Fürsprecherin bei den Ihrigen; sagen Sie ihnen lieber recht viel Schlimmes von mir, dass sie doch durch das wenige Gute, was ich noch habe, überrascht werden und es mir höher anschreiben. Vor allen Dingen aber sagen Sie ihnen, wie sehnlich ich unsrer nähern Bekanntschaft entgegensehe.

Wolzogen hat mir noch nicht geantwortet. Seine Mutter (wie Sie vielleicht schon wissen) hat eine schmerzhafte Operation mit vieler Standhaftigkeit und glücklich überstanden.

Leben Sie recht wohl. Adieu.

Schiller.“


Im Frühlingsmond 1788 bezog Schiller seine Wohnung in Volkstädt, eine halbe Stunde von der Stadt. Das Haus lag frei vor dem Dorfe, und aus seinem Zimmer übersah er die Ufer der Saale, die sich in einem sanften Bogen durch die Wiesen krümmt und im Schatten uralter Bäume dahinfließt. Die gegenüber am jenseitigen Ufer des Flusses sich erhebenden waldigen Berge, an deren Fuß freundliche Dörfer liegen, und das hoch und schön gelegene Schloss von Rudolfstadt an der andern Seite geben diesem Platz den Reiz der Mannigfaltigkeit, zugleich einer Einsamkeit, aus der man nur anmutige Gegenstände überschaut. Auf einer kleinen Anhöhe, dem Hause gegenüber, die ein Wäldchen krönt, hat ein Kunst liebender Verehrer Schillers ein Monument für ihn errichtet, wozu Dannecker seine kolossale Büste zu einem Bronzeabguss verehrte. Oft wird dieser schöne Platz denen, die Schiller noch persönlich gekannt, und den jüngeren, seinem Geist befreundeten Bewohnern zum Vereinigungsplatz dienen und Goethes sinnvolle Worte bewähren:

Die Stelle, die ein guter Mensch betrat,
Sie bleibt geweiht für alle Zeiten.

In unserm Hause begann für Schiller ein neues Leben. Lange hatte er den Reiz eines freien freundschaftlichen Umgangs entbehrt; uns fand er immer empfänglich für die Gedanken, die eben seine Seele erfüllten. Er wollte auf uns wirken, uns von Poesie, Kunst und philosophischen Ansichten das mitteilen, was uns frommen könnte, und dies Bestreben gab ihm selbst eine milde harmonische Gemütsstimmung. Sein Gespräch floss über in heitrer Laune; sie erzeugte witzige Einfälle, und wenn oft störende Gestalten unsern kleinen Kreis beengten, so ließ ihre Entfernung uns das Vergnügen des reinen Zusammenklangs unter uns nur noch lebhafter empfinden. Wie wohl war es uns, wenn wir nach einer langweiligen Kaffeevisite unserm genialen Freunde unter den schönen Bäumen des Saaleufers entgegengehen konnten! Ein Waldbach, der sich in die Saale ergießt und über den eine schmale Brücke führt, war das Ziel, wo wir ihn erwarteten. Wenn wir ihn im Schimmer der Abendröte auf uns zukommen erblickten, dann erschloss sich ein heiteres ideales Leben unserm innern Sinne. Hoher Ernst und anmutige geistreiche Leichtigkeit des offnen reinen Gemüts waren in Schillers Umgang immer lebendig, man wandelte wie zwischen den umwandelbaren Sternen des Himmels und den Blumen der Erde in seinen Gesprächen. Wie wir uns beglückte Geister denken, von denen die Banden der Erde abfallen und die sich in einem reinern leichtern Elemente der Freiheit eines vollkommeneren Einverständnisses erfreuen, so war uns zu Mute.

Gibt es irgend eine Lebensepoche, in der wir alle unsre Gemüts- und Geisteskräfte zu völliger Befriedigung im Einklang fühlen, so ist dies in der Blütenzeit einer beginnenden geistigen Freundschaft. Die Zukunft lächelt uns, vom Zauber der Ahnung und Hoffnung umsponnen, und kein Stachel des Verlangens leidenschaftlicher Zuneigung stört den friedlichen Genuss der Gegenwart. Nicht gespannt und gedrückt durch heftiges Streben, Liebe zu gewinnen, entfaltet sich unser Wesen frei, ruhig und still in seinen tiefsten Kräften, und vom Strahl der Wahrheit beleuchtet, spiegelt sich Seele in Seele. Auf diesem milden Lichtpfad wollte Schiller das Herz meiner Schwester gewinnen. Als die ältere Tochter, die das Haus seit meiner Verheiratung mit Herrn von Beulwitz führte, leitete ich auch gewöhnlich die Unterhaltung. Selten war es mir so wohl geworden, mich so ganz über alles aussprechen zu können. Schiller fühlte immerwährend das Bedürfnis eines Lebens in Ideen, und meine ganze Stimmung begegnete ihm. In der Schweiz durch unvorsichtiges Baden in dem sehr kalten Genfer See von einer Nervenkrankheit befallen, glaubte ich nur auf ein kurzes leben rechnen zu dürfen. In dieser Stimmung widmete ich mich ganz den Meinigen, und ihre Zufriedenheit zu erhalten und zu mehren, ward mein tägliches Bestreben. Innerlich lebte ich in meiner Ideenwelt, und besonders las ich von philosophischen Schriften, was ich auftreiben konnte. Der erste Teil von Herders Ideen hatte mich sehr befriedigt, und in reinerer Harmonie erklang mein ganzes Wesen nach dieser Lektüre. Eine angeborne Heiterkeit des Geistes verließ mich selten. Mein lebendiges Gefühl durchrang alle menschlichen Zustände meines Kreises; ich konnte kein Wesen leiden sehen, und mit Heiterkeit und Gewandtheit suchte ich alle Verhältnisse zurecht zu legen. Selten duldete ich eine Missstimmung lange in meinem Kreise. Mein eignes verletztes Gefühl lösete sich meist in ein unendliches Mitleiden mit allen menschlichen Schwächen auf. So erhielt ich gute Laune und Harmonie um mich her; alles Heterogene fand ein Medium der Verbindung. Nur Engherzigkeit und langweiliges Haften an den Unbedeutendheiten des täglichen Lebens wies ich trocken und kalt ab, und ein unversöhnlicher Hass gegen die Plattheit erhielt immer das geistige Interesse vorherrschend. Die Personen, die, außer Schiller, meine nächste Umgebung ausmachten, förderten diese Neigung.

Herr v.B. hatte viele Kenntnisse und wissenschaftliche Ausbildung und machte sich mit allen neuen Erscheinungen in der literarischen Welt bekannt. Der Baron Gleichen, mit dem wir, sowie mit seiner damaligen Braut, in geschwisterlicher Freundschaft und Vertraulichkeit aufgewachsen waren, gehörte beinah täglich zu unsrer Gesellschaft. Er war einer der edelsten und liebenswürdigsten Menschen. Ausbildung des Geistes war sein innigstes Bedürfnis, und die reinste, wohlwollendste Gesinnung stellte sich in seinem ganzen Leben, wie in seiner ausgezeichnet schönen Gestalt dar. Er hatte viel Sinn für bildende Kunst; wir zeichneten, malten zusammen und durchsahen Kupferwerke, die uns mit den vorzüglichsten Werken der Kunst bekannt machten. Eine reinere, kindlichere Freude an schönen Formen findet man selten; er war recht zum Genuss des Schönen aller Art geschaffen. Keine anmutige Bewegung der Seele wie des Körpers entging ihm; keine sinnige Rede, die dem Gedanken und dem Gefühl die ihm gehörende plastische Form gab, ging ihm verloren. Sein ganzes Wesen war Religion, Achtung vor dem Gewissen, Abweisen alles Unrechts und zarte Schonung jedes Verhältnisses. Dennoch konnte dieser treffliche Mensch nicht zur Einigkeit mit sich selbst kommen. Er studierte alle philosophischen Systeme, um über die ewigen Fragen der Menschheit Antwort zu finden. Sein Glaube wurde von seinem Scharfsinn gestört; er lebte immer im Zweifel. Unsre Gespräche betrafen meistens Gegenstände der Metaphysik; ich wünschte Überzeugung für meinen Freund. Schiller musste sich uns ergeben, wenn er auch oft nach einer andern Richtung strebte und dringend bat, die Metaphysik nur einige Tage ruhen zu lassen. In der Kantischen Philosophie fand unser Freund späterhin viel Beruhigung, und ein Geschäft, das ihn aufforderte, die Kräfte seines Geistes praktisch zu üben und äußere Beziehungen zu beachten und zu ehren, die Erziehung der Söhne seines Freundes, des Fürsten von Rudolfstadt, entzog ihn seinem überwiegenden Hang zur Abstraktion.

Der Fürst und sein Bruder, Prinz Karl, lebten als liebenswürdige Jünglinge viel in unserm Kreise und bewahrten immer eine herzliche Freundschaft für Schiller.

Dieser arbeitete in Volkstädt an seiner „Geschichte der Niederländischen Revolution“, und er las uns die einzelnen Abschnitte vor, wie sie vollendet waren. Auch der „Geisterseher“ beschäftigte ihn, und das philosophische Gespräch in diesem Roman war vielleicht ein Nachklang unsrer vorherrschenden spekulativen Unterhaltungen.

Die Werke der Dichter, die uns bis dahin nur den schönsten Lebensgenuss und Trost gewährt, die wir, nur von dem natürlichen Gefühl und Sinn geleitet, aufgenommen hatten, ergriffen wir, in Schillers Ansicht, nun auch mit Reflexion, und unser Gefühl und Geschmack klärte sich selbst durch sicheres Urteil auf. Zum ersten Mal lasen wir den ganzen Homer, von dem uns nur Bruchstücke bekannt waren. Was jeder Deutsche Vossens Übersetzung zu danken hat, ist unaussprechlich. Schiller las uns abends die Odyssee vor, und es war uns, als rieselte ein neuer Lebensquell um uns her. Die Bekanntschaft mit den griechischen Tragikern vollendete diese neue Gestaltung unsers Kunstsinns. Diese große Darstellung der Menschheit in ihrer Allgemeinheit und ewigen Naturwahrheit ergriff uns im tiefsten Innern und entzückte uns so sehr, dass wir viele Stellen der Tragödien, die wir aus Brumoys griechischem Theater kennen lernten, übersetzten, um nur diese Reden, Gefühle und Bilder vermittelst unsrer Sprache inniger in Herz und Seele aufzunehmen. Schiller versprach uns, unsre Lieblingsstücke zu verdeutschen; und dass dies Leben und Weben in diesen Urgebilden auch ein Wendepunkt für seinen eignen Geist wurde, ja auf den Wallenstein mächtig einwirkte, ist wohl nicht zu verkennen. Er schrieb in dieser Zeit an seinen Freund Körner:

„Ich lese jetzt fast nichts als Homer; die Alten geben mir wahre Genüsse. Zugleich bedarf ich ihrer im höchsten Grade, um meinen eignen Geschmack zu reinigen, der sich durch Spitzfindigkeit, Künstlichkeit und Witzelei sehr von der wahren Simplizität zu entfernen anfing.“

Wie ein Blumen- und Fruchtgewinde war das Leben dieses ganzen Sommers mit seinen genussreichen und bildenden Tagen und Stunden für uns alle. Schiller wurde ruhiger, klarer, seine Erscheinung, wie sein Wesen, anmutiger, sein Geist den phantastischen Ansichten des Lebens, die er bis dahin nicht ganz verbannen konnte, abgeneigter. Meiner Schwester ging neue Lebenshoffnung und Freude im Herzen auf, und ich wendete mich wieder mehr zum wahren Genuss des Lebens im Glück einer neu beseelenden Freundschaft. Alles, was uns umgab, genoss und teilte diesen freundlichen Zauber.

Unsre Pläne für die Zukunft deuteten auf ein oft vereintes Leben. Eine bestimmte Absicht auf meine Schwester wagte Schiller nicht auszusprechen, da noch keine feste Lebensaussicht für ihn vorhanden war und er sich über die Bedenklichkeit seiner ganzen Lage nicht täuschen konnte. Die Standesverhältnisse wurden in jener Zeit strenger genommen, und die mütterliche Sorge um die Haltbarkeit der äußern Existenz musste ihm selbst höchst einleuchtend erscheinen.

Auch ich war besonnen, wenn es dem Glück meiner Freunde galt; und für meine Schwester konnte ich nur eine Heirat wünschen, die sie in eine heitre, sorgenfreie Lage versetzte. Wir waren nicht so reich, dass Schiller von ihrem Vermögen hätte unabhängig leben können; und Unabhängigkeit wünschte ich für sein Talent über alles. Das bloße Schriftstellerleben ohne Sicherheit in einer bürgerlichen Existenz war mir ängstlich. Der Theaterwelt war ich abgeneigt; sie schien mir von der Sphäre des häuslichen Lebens abzuführen und der stillen, höheren Produktion der Poesie nicht günstig. Mit Freuden nahm ich wahr, dass der Wunsch einer festen Lage auch in Schiller oft aufdämmerte. Gern gedachte er seiner medizinischen Studien. Er reit uns, Haller, für den er immer die tiefste Verehrung behielt, zu lesen, und las uns selbst die für uns passenden Stellen aus der Physiologie dieses Mannes, die er in Hinsicht auf Darstellung als ein hohes Werk des Genius betrachtete.

Eine Professur der Geschichte kam auch zur Sprache; sie passte mehr zu seinen schriftstellerischen und poetischen Arbeiten und Vorsätzen; auch äußere Umstände waren dem Plan, eine solche zu erwerben, günstiger, und dieser wirkte erheiternd auf seine gegenwärtige Arbeit. Die Gegenwart war genussreich, und die Zögerung auf dem Wege zu einer beglückenden Verbindung, zu einer erwünschten Häuslichkeit, diese Zögerung, die Vernunft und Zartheit geboten, war nicht drückend für ihn und meine Schwester, da die Hoffnung doch von fern freundlich zuwinkte.

Wilhelm von Wolzogen besuchte uns noch vor seiner nahen Abreise nach Paris. Er hatte die größte Hoffnung, seine damals noch kränkelnde Mutter werde vollkommen genesen. Nach vier Wochen erhielten wir die Nachricht ihres Todes. Wie sehr der Verlust dieser treuen Freundin Schiller ergriff, lesen wir in dem Brief an den trauernden Sohn.

Rudolfstadt, den 10. August 1788

„Noch ganz betäubt, liebster Freund, von der traurigen Nachricht, die Sie mir geben, setze ich mich, Ihnen zu schreiben. Ja gewiss, eine teure Freundin, eine vortreffliche Mutter haben Sie und ich in ihr verloren; es war ein edles und gutes und äußerst wohltätiges Geschöpf, auch ohne die vielen besondern Ursachen, die Sie als Sohn und ich als ihr Freund haben, dankbar gegen sie zu sein, auch ohne alles dieses unsrer ganzen Liebe, unsrer aufrichtigen Tränen wert. Ich darf die vielen Augenblicke der Vergangenheit, wo ich ihre schöne, liebevolle Seele habe kennen lernen, nicht lebendig in mir werden lassen, wenn ich die ruhige Fassung nicht verlieren will, in der ich Ihnen gerne schreiben möchte. Aber ihr Andenken wird ewig und unvergesslich in meiner Seele leben; und alle Liebe, die ich ihr schuldig war, und alle herzliche Achtung, die ich für sie hegte, soll ihr ewig gewidmet bleiben. Mein und unser aller Trost ist dieser, dass sie durch diesen sanften und geschwinden Tod vielem Leiden entgangen ist, das ihr unausbleiblich bevorstand. Ihrer Kinder und ihrer Freunde Herz würde weit mehr dabei gelitten haben, wenn sie ein hoffnungsloses und martervolles Leben hätte fortleben müssen, ohne Aussicht von Besserung; und ein langes körperliches Leiden, liebster Freund, würde gewiss endlich ihren Geist darnieder gedrückt und den Mut gebeugt haben, mit dem sie allem Unglück trotzte. Lassen sei uns das ein Trost sein, da wir beide fühlen, dass ein schmerzvolles, halbes Dasein ein traurigeres Los ist, als der Tod. Ihr Mut und Ihre Gelassenheit bei diesem Verluste hat mich innigst beruhigt; wir können, was uns lieb und teuer ist, beweinen; aber eine edle und männliche Seele erliegt dem Kummer nicht.

Alle Liebe, die mein Herz ihr gewidmet hatte, will ich ihr in ihrem Sohne aufbewahren und es als eine Schuld ansehen, die ich ihr noch im Grabe abzutragen habe. Wir sind schon längst durch die zärtlichste Freundschaft gebunden; lassen Sie uns dieses Band mit brüderlicher Herzlichkeit fortsetzen und womöglich noch fester knüpfen. Wir wollen einander wie Brüder angehören. – Ach! Sie war mir alles, was nur eine Mutter mir hätte sein können!

Beruhigen Sie Charlotten; dieser Schlag wird sie sehr hart getroffen haben. Vor allen Dingen aber, liebster Freund, kommen Sie hierher in unsre Arme. Sie brauchen Mitteilung, Beruhigung, Zerstreuung. Finden Sie sie bei uns! Wenn ich auch nach Meinungen käme, würden wir uns recht genießen? Würden wir nicht beide von außen gedrückt und niedergeschlagen werden? Ich sende Ihnen diesen Expressen, weil ich fürchtete, dass die Post zu langsam sein würde. Lassen Sie mich durch ihn erfahren, dass Sie auf einige Tage kommen wollen, so gehe ich Ihnen bis Ilmenau entgegen, um Sie zu empfangen. Ihre hiesigen Freunde sehnen sich herzlich danach, Ihnen etwas zu sein, sie sehnen sich nach Ihrer Gesellschaft. Kommen Sie ja. Wir wollen suchen, Ihnen Ruhe und Heiterkeit zu geben. Wir verlassen uns darauf, Sie spätestens den Donnerstag bei uns zu sehen. Suchen Sie aber alle Geschäfte, die Sie in Meinungen noch vorfinden könnten, zu berichtigen, dass Sie unmittelbar von hier nach Stuttgart zurückgehen und also desto länger bei uns bleiben können. Sobald mir der Bote Antwort bringt, werde ich mich aufs Pferd setzen, um Ihnen nach Ilmenau entgegen zu gehen. Ich sehne mich nach Ihnen. Wenn wir uns sprechen, so werde ich Sie auch überzeugen können, dass ich Ihnen hier mehr sein kann, als in Meinungen.

Mit dem Gedichte würde es jetzt ohnehin zu spät sein, da die Beerdigung vorbei ist. Ihr Brief war vier Tage unterwegs; aber ich habe eine andre Idee, das Andenken der guten Mutter zu ehren, die ich Ihnen mündlich mitteilen will. Kommen Sie ja, liebster Freund. Wir sehen Ihnen mit Sehnsucht entgegen.

Schiller.“

Während dieses Sommers sah Schiller Goethe zuerst in unserm Hause. Wie alle rein fühlenden Herzen, hatten uns dieses Dichters Schöpfungen mit Enthusiasmus erfüllt. Alle unsre erhöhteren, echt menschlichen Empfindungen fanden durch ihn ihre eigentümliche Sprache; Goethe und Rousseau waren unsre Hausgötter. Auch floss des erstern so liebenswürdige Persönlichkeit, die wir bei unserer Freundin, Frau von Stein, kennen gelernt, mit dem Dichter in unserm Gemüt in eins zusammen, und wir liebten ihn wie einen guten Genius, von dem man nur Heil erwartet. Wir hatten Schiller die Rezension des Egmont fast nicht verzeihen können.

Höchst gespannt waren wir bei dieser Zusammenkunft und wünschten nichts mehr als eine Annäherung, die nicht erfolgte. Von Goethe hatten wir, bei seinem entschiedenen Ruhme und seiner äußern Stellung, Entgegenkommen erwartet, und von unserm Freunde auch mehr Wärme in seinen Äußerungen. Zu unserm Trost schien Goethe von schmerzlicher Sehnsucht nach Italien befangen; und da wir selbst bei der Rückkehr aus der Schweiz empfunden, wie man sich nach dem Genusse einer größern Natur nicht sogleich wieder mit ihrer gewöhnlichen, wenn auch anmutigen Erscheinung verträgt, so leihen wir ihm gern diese Empfindungsart, als Grund seiner Kälte.

Es freute uns sehr, dass Goethe das Heft des Merkurs, welches die Götter Griechenlands enthielt und das von ungefähr auf unserm Tisch lag, nachdem er einige Minuten hineingesehen, einsteckte und bat, es mitnehmen zu dürfen.

Schillers Äußerungen gegen uns, nach dieser Zusammenkunft, stimmten ganz mit dem überein, was er seinem Freunde Körner über dieselbe schrieb:

„Im ganzen genommen, ist meine in der Tat große Idee von Goethe nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht vermindert worden; aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, was ich noch zu wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, seine Welt ist nicht die meinige, unsre Vorstellungsarten scheinen wesentlich verschieden. Indessen schließt sich aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das weitere lehren.“

Stolbergs Fehdebrief gegen die „Götter Griechenlands“ tat uns sehr weh, umso mehr, da seine Gedichte zu denen gehörten, die unsre Jugend verschönert hatten. Es war hart von dem so edeln Manne, eine poetische Ansicht und momentane Dichterlaune vor das strenge Forum der Orthodoxie zu ziehen, wo er gewiss war, Plattheit und Beschränktheit als Mitstreiter zu finden und unserm Freund auch in der Meinung gutmütiger Schwachheit zu schaden. Er ließ sich wahrscheinlich von momentaner Empfindung, die die Folgen nicht ermaß, hinreißen. Was kann man einem Menschen Schreckliches schuld geben, als ein Gottesleugner zu sein? Es zerstört seine ganze Menschheit in Vernunft und Empfindung. Die letzte Strophe dieses Gedichtes dünkte uns gerade sehr rührend durch die Sehnsucht nach dem Höchsten und Ewigen, die sie ausspricht.

Schiller war empfindlich bewegt; doch gab er zu unserer Freude die Idee, in der ersten Aufwallung zu antworten, auf, obgleich Wieland (wie wir aus einem unten mitzuteilenden Brief sehen) ihn dazu ermuntert hatte. Dass er in der spätern Sammlung der Gedichte die anstößige Stelle umgestaltete, zeigt, wie sehr ihm daran lag, die bessere Überzeugung und das Heilige in keinem Menschenherzen zu beleidigen. Schon während des Rudolfstädters Lebens vermied er dieses sorgsam. Mit meiner Mutter, die den schönen Glauben ihres liebenden Herzens doch an strenge dogmatische Formeln und Vorstellungsarten band, gab es oft kleine Streitigkeiten; aber auf dem Boden allgemeiner Güte und Liebe fand man sich immer wieder zusammen. Er schenkte ihr eine englische Bibel und schrieb die Zeilen hinein:

Nicht in Welten, wie die Weisen träumen,
Auch nicht in des Pöbels Paradies,
Nicht in Himmeln, wie die Dichter reimen,
Aber wir begegnen uns gewiss!

Auch Zacharias Becker lernte Schiller in unserm Hause kennen. Dieser merkwürdige Mensch, dessen Name von allen Deutschen mit Achtung und Liebe genannt zu werden verdient, fasste eine herzliche Zuneigung für Schiller, die er noch nach dessen Tode der trauernden Familie durch die tätigste Teilnahme bewies. Verwandt hinsichtlich der starken Seite ihrer Seelen, durch ein höheres gemeinsames Interesse an der Menschheit, durch echte Freiheitsliebe wurden sie sich gegenseitig wert, und ihre Gemüter begegneten sich im Enthusiasmus für die Ausbildung des Nationalsinns, den jeder auf seine Weise zu fördern suchte. Becker verbreitete unter dem Schutz des trefflichen Herzogs Ernst von Gotha seine Volksschriften, die wahre Volksbildung bezweckten, ohne zur Verbildung zu führen, und Schiller löste die deutsche Muse aus den Fesseln des gallischen Geschmacks. Wie tief beide ins Herz des Volkes gegriffen, davon gibt die Zeit der Befreiung vom fremden Joche Kunde.

Das Verhältnis des freundlichen Greises Wieland zu unserm Freunde, das sich immer rein und wohltätig für ihn erhielt, zeigt sich in folgenden Briefen.

Gegenseitige Anerkennung der verschiedenen Talente, Offenheit und heitere Laune blühten seit der ersten Bekanntschaft zwischen beiden immer frisch und ungekränkt.

Wieland an Schiller.

„Sie sind also in Ihrem selbst gewählten Pathmos glücklich angelangt, mein liebster Schiller, und gefallen sich da? Quod felix faustumque ist! Und mögen Ihnen auch, wie dem heil. Johannes Theologus, - nur nicht ganz in seiner Manier – hohe Offenbarungen daselbst zu teil werden!!

Es ist mir dermalen aus Mangel an Zeit usw. nicht möglich, mich mit Ihnen länger zu unterhalten; ich reserviere mir diesfalls reservanda auf ein andermal und begleite diesmal die beikommenden Pakte und Päktlein nur mit einem Gruß von uns allen und der Nachricht, dass wir gestern vor acht Tagen einen ganz goldnen paradiesischen Tag in den Gärten von Belvedere zugebracht und da nicht nur an Sie gedacht, sondern Sie herzlich zu uns gewünscht, und – wenigstens ich für meinen Teil – ein wenig über den Kakodämon geflucht haben, der Ihnen eine so dicken Flor vor die Augen zog, nicht zusehen, dass Sie Ihre Wohnung nur zu Belvedere aufzuschlagen brauchten, um alle Vorteile der Einsamkeit mit allen Annehmlichkeiten des Landlebens zu haben und uns doch nahe genug zu belieben, dass wir uns wenigstens alle vierzehn Tage hätten sehen können. Doch es geschehe des Schicksals Wille in allen Dingen. Hoffentlich wird es auf seinen ehernen oder diamantnen Tafeln auch geschrieben stehen, dass Sie bald wieder zu uns kehren; denn nun, da Sie weg sind, ist mir, ich hätte unendlich viel mit Ihnen zu reden und abzutun, wiewohl ich, da Sie bei uns waren, so übel von der Gelegenheit profitiert habe.

Von Ihrem innern Berufe haben Sie mich, mein Bester, in Ihrer beinahe allzu ernsthaften Deduktion so vollkommen überzeugt, dass, wenn ich über ein hübsches Mädchen mit zwanzigtausend Talern zu disponieren hätte, ich heute noch einspannen lassen und sie Ihnen zuführen wollte.

Den Merkur lege ich Ihnen so nahe ans Herz als möglich und umarme Sie schließlich mit warmen Wünschen für Ihr Wohlbefinden und Vergnügen, als ewig der Ihrige

Weimar, den 2. Juni 1788.

Wieland.“


„Lieber Herr und Freund! Dass Sie mich und den armen Merkur ganz vergessen zu haben scheinen, sehe ich als ein Zeichen an, dass Ihnen in Ihrer schönen Einsamkeit wohl ist, und dass Sie sich in irgend eine neue Region auf, über oder unter der Erde hineingearbeitet und darin zu sehr vertieft haben, um noch an etwas anderes denken zu können. Bei alledem dringt mich die Not, Sie an das freundliche und, so viel ich mich erinnere, ganz positive Versprechen zu erinnern, womit Sie mich bei Ihrer Abreise getröstet haben. Ich muss diesen Monat Junius beinahe ganz allein bestreiten, und mit dem Julius und August wird es nicht besser gehen. Mir ist leid, dass ich genötigt bin, Ihr Mitleiden zu erregen. Es ist noch nicht sehr lange, dass Sie die Idee hatten, sich für den Merkur mit mir zu verbinden und ihm eine neue Gestalt geben zu helfen. Auch diese Idee scheint sich von Ihnen entfernt zu haben. Überlegen Sie indessen die Sache in der Stille, worin Sie jetzt leben, und schreiben mir das Resultat Ihrer Betrachtungen und Kalküls. Wenn etwas dergleichen geschehen soll, so muss es dem Publiko wenigstens ein Vierteljahr vor dem Schlusse dieses Jahres angekündigt werden können, und wir müssten also bald dazu tun. Verzeihen sie, Lieber, meine Zudringlichkeit. Ich bin zuweilen stark versucht, Sie einmal in Ihrem Dörfchen zu überraschen. Die größte Schwierigkeit liegt bloß darin, wo ich die Zeit hernehmen soll; denn ich bin in der Tat mitten unter unaufhörlichen, gewöhnlichen und zufälligen Abhaltungen und Zerstreuungen mit Arbeit so überhäuft, dass ich nicht weiß, was endlich aus mir werden wird. Anstatt dass so viel, was ich schon getan habe, mir einige Ruhe für mein Alter verschaffen sollte, nimmt die Drudgery vielmehr mit jedem Jahre zu. – Doch keine Klage noch Empörung gegen die eiserne Notwendigkeit und die diamantne Spindel der großen Pepromene!

Leben sie wohl, liebster Freund, und vergessen uns nicht ganz. Wir sprechen fast alle Tage von Ihnen und vermissen Sie oft. Meine Frau und das ganze Haus lässt Ihnen durch mich recht viel Freundliches sagen. Noch einmal, leben Sie wohl. Ich umarme Sie von ganzem Herzen.

Weimar, den … Junius 1788.

Wieland.“


„Meine Zeit, liebster Schiller, misst sich noch immer nach Augenblicken, und ich habe davon Laune genug übrig, um Sie einmal wieder an mich zu erinnern, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen und Ihnen meinen Dank für Ihren neulichen trefflichen Beitrag zum Merkur wenigstens mit zwei Worten zu erkennen zu geben. Ich habe dieses Stück, welches man eine kritische Geschichte der Genesis Ihres Don Karlos nennen kann, mit unbeschreiblichem Vergnügen und neuer Bewunderung Ihres Geistes gelesen; sie ist zugleich ein Muster der Apologie und Kritik, jene ohne irgend einen geheimen Einfluss der Parteilichkeit gegen sich selbst, diese so schafsinnig und tief gedacht, dass wenige Leser des Don Karlos sie lesen werden, ohne sich zugleich belehrt und beschämt zu finden. Ich bin nach der Fortsetzung sehr begierig und bitte Sie darum, was ich bitten kann.

Man glaubt hier, Sie amüsierten sich sehr gut in Ihrer Reträte, und legt einen Teil des Verdienstes, Ihnen diesen Secessum angenehm gemacht zu haben, auf die schönen oder doch auf eine schöne Rudolfstädterin. Desto besser! – Ich habe in diesen vergangenen vier Wochen ein zerstreuungsvolles Leben führen müssen, welches mich mit meinen Arbeiten sehr in die Enge gebracht hat, so dass ich kaum weiß, wie ich es machen soll, um den Kopf überm Wasser zu erhalten.

Meine ganze Familie empfiehlt sich Ihrem Andenken und erfreut sich, wenn es Ihnen recht wohl ergeht, wünscht aber doch mit mir, dass Weimar, das durch die Anwesenheit schon nicht viel gewinnt, durch die Abwesenheit nicht gar zu viel bei Ihnen verlieren möge. Ich umarme Sie, mein Freund, von ganzem Herzen.

Weimar, den 28. Julius 1788.

Wieland.“


„Lieber Herr und Freund! Omne rarum carum. Je länger Sie mich auf Ihren Brief haben warten lassen, desto angenehmer war es mir, endlich einmal wieder unter Ihrer Hand und Signatur zu lesen, dass Sie mich noch leiben und in Ihrem Elysium oder Quasi-Elysium wenigstens noch nicht aus dem Lethe getrunken haben. Mich freut, dass Sie wohl sind, und dass wir etwas davon geahnet haben, dass es nicht bloß die schönen Felsen, Berge und Täler um Rudolfstadt sind, die Sie in diesen Gegenden so lang bezaubert halten.

Mit uns geht es immer im gewöhnlichen Train fort, außer dass ich, seitdem die berühmte Reise nach Italien angetreten worden, d.i. seit vierundzwanzig Tagen, um ein gut Teil mehr Muße habe, meinen vielen Arbeiten obzuliegen. Apropos meiner Arbeiten danke ich Ihnen mit Mund und Hand für die überschickten Beiträge zum Merkur. Was Sie mir noch zu schicken versprechen, soll eben so willkommen sein. Mir ist lieb, dass Sie den platten Grafen Leopold für seine, selbst eines Dorfpfarrers im Lande Handeln unwürdige Querelen über Ihre griechischen Götter ein wenig heimschicken wollen. Ich hatte gehofft, der Mann würde sich seines Herrgotts in einer tüchtigen Ode, oder doch in einem archilochischen Jamben annehmen; aber er wird, wie es scheint, immer prosaischer, und es ist wirklich erbärmlich, zu sehen, was er für Schlüsse macht. Aber so rächt sich die Philosophie an den Poeten, die von Jugend an ohne sie auszukommen sich gewöhnt haben.

In meinem Hause werden Sie Lücken finden, wenn Sie wieder kommen. Amalia ist heute vor vierzehn Tagen zu Osmannstädt mit ihrem trauten Liebeskind verkettet worden, und Karolinen steht in vierzehn Tagen das nämliche mit Diakonus Schorcht in Jena bevor. Wie Sie sehen, mein Bester, werden zu Realisierung Ihres guten Wunsches alle von uns abhangenden Anstalten gemacht.

Ich muss abbrechen. In meiner Lage erwarten Sie doch ohnehin weder witzige, noch gelehrte, noch interessante Briefe von mir. Fuhr- und Avisbriefe sind das einzige, wozu ich Zeit habe – der Fehler ist nur, dass sie nicht viel zu bedeuten haben.

Leben Sie wohl et res tuas feliciter age. Meine ganze Familie empfiehlt sich Ihrem Andenken und erfreut sich mit einem beinahe heroischen Uneigennutz, dass es Ihnen in R. so wohl gefällt, dass Sie das Wiederkommen vergessen zu haben scheinen.

Weimar, den 15. September 1788.

Wieland.“


In der Mitte Novembers kehrte Schiller nach Weimar zurück. Pläne und Arbeiten, vielleicht auch eine zarte Rücksicht gegen meine Schwester, da das Publikum sich schon mit dem Gerücht von einer Heirat trug, zu deren Realisierung sich doch noch keine Aussicht zeigte, bewogen ihn dazu. Zudem schnitt der Winter den Landaufenthalt ab; er wohnte in den letzten Wochen schon in der Stadt. Wir selbst mussten wünschen, dass Schiller nicht länger einen lebhafteren, wissenschaftlichen Umgang und literarischen Verkehr entbehre, so schmerzlich uns auch der Verlust seines Umgangs war.

Einige Billets, von seinem Dorfe aus an meine Schwester an mich, oder an uns beide gerichtet, mögen diese Zeit noch bezeichnen. Zu erfahren, wie ein ausgezeichneter Mensch liebt und das dauernde innigste Verhältnis, die Ehe, behandelt, ist immer wichtig und dient oft, seinen sittlichen Wert zu bestimmen.


An Karoline von B.

(Volkstädt, 26. Mai)

„Ich hoffe, dass Ihnen allen die gestrige Partie so gut bekommen sei, wie mir. Es war ein gar lieblicher, vertraulicher Abend, der mir für diesen Sommer die schönsten Hoffnungen gibt. Mehr solche Abende und in so lieber Gesellschaft – mehr verlange ich nicht.

Rudolfstadt, und diese Gegend überhaupt, soll, wie ich hoffe, der Hain der Diane für mich werden; denn seit geraumer Zeit geht mir’s wie dem Orest in Goethens Iphigenia, den die Eumeniden herumtreiben. Den Muttermord freilich abgerechnet, und statt der Eumeniden etwas andres gesetzt, das am Ende nicht viel besser ist. Sie werden die Stelle der wohltätigen Göttinnen bei mir vertreten und mich vor den bösen Unterirdischen beschützen.

Diesen Abend werde ich Sie wohl schwerlich sehen. Ich tauge heute gar nicht unter Menschen, und unter solche, die ich liebe, noch weit weniger. Sie werden es auch diesem kleinen Pröbchen anmerken. Nichts ist in meinen Augen unverzeihlicher, als einen Zirkel von Fröhlichen mit seinem schwerfälligen Humor zu stören – und diese Wandelbarkeit der Laune ist leider ein Fluch, der auf allen Musensöhnen ruht.

Gedenken Sie meiner in der Gesellschaft, wo Sie sind, und empfehlen Sie mich Herrn von Knebel recht schön, wenn ich ihn vielleicht nicht mehr sehen sollte. Bitten Sie ihn, seines Versprechens zu gedenken. Haben Sie für morgen etwas beschlossen, wonach ich mich allenfalls zu richten habe, so haben Sie die Güte, es mich durch die zurückgehende Estaffette wissen zu lassen.

Leben Sie recht wohl!

Schiller.“


„Haben Sie tausend Dank für Ihr liebes Andenken an mich armen verlassenen Robinson. Schon war ich dreimal im Begriff, mich hinzusetzen und Sie fußfälligst um die Geschichte der schönen Melusine, oder den gehörten Siegfried zu bitten, damit diese Zentnerlast von Langeweile von mir abgewälzt würde. Um so besser nun, dass ich durch die überschickten Pakete Stoff, vorzüglich aber durch die Versicherung, dass Sie meiner gedachten, Freude zum Leben erhalten.

Der alte Wieland hat meiner auch gedacht und mir einen sehr jovialischen Brief geschrieben.

Aus Leipzig habe ich neun Bogen von meiner Geschichte der Niederlande erhalten, die ich Ihnen vielleicht morgen (weil Sie mir erlauben, zu kommen) mitteilen werde. Kurz, von allerlei Orten und Menschen habe ich Lebenszeichen erhalten.

Mögen Sie recht sehr vergnügt sein bis morgen. Glauben Sie mir, meine Teuersten, dass auch mir der Gedanke, Sie so nahe zu wissen, ohne unter Ihnen sein zu können, unleidlich war. Sie sind meinem Herzen schon so viel – und der Winter wird so bald da sein! Wie wird das werden?

Leben Sie recht wohl, und recht schöne Empfehlungen der Mama und Herrn von B. Ihr

Fr.“


An Lottchen von Lengefeld nach Kochberg.4)

(Rudolfstadt, 3. September.)

„Ihre Billets haben mir einen recht schönen Morgen gemacht. Gestern schlief ich mit der schönen Hoffnung ein, dass ich heute etwas von Ihnen sehen würde, und Sie haben sie mir erfüllt. Dass Sie gestern mit der Botenfrau nicht schrieben, hat uns etwas gewundert, und fast hätt’ es uns betrübt; aber wir haben es uns erklärt, so gut wir konnten.

Könnte ich doch zur Verschönerung Ihres Lebens etwas tun! Ich glaube, ich würde das meinige dann selbst mehr lieben. Was ist edler und was ist angenehmer, als einer schönen Seele den Genuss ihrer selbst zu geben; und was könnte ich mehr wünschen, als die lieblichen Gestalten Ihres Geistes anzuschauen und immer und immer um mich her zu fühlen! Sie sind nicht allein glücklich, wenn Sie es sind.

So leicht kann ich mich nicht in die Notwendigkeit ergeben, wie Sie, wie es überhaupt Ihr Geschlecht kann. Ich meine immer, ich müsse das Schicksal zwingen, das mich aus Ihrem Zirkel reißen will.

Es freut mich, wenn Sie diejenigen Stücke von mir, die mir selbst lieb sind, lieb gewinnen und sich gleichsam zu eigen machen; dadurch werden unsre Seelen immer mehr und mehr aneinander gebunden werden.

Ich sehe diese Stücke als die Garants unserer Freundschaft an; es sind abgerissene Stücke meines Wesens, und es ist ein entzückender Gedanke für mich, sie in das Ihrige übergegangen zu sehen, sie in Ihnen wieder anzuschauen und als Blumen, die ich pflanzte, wieder zu erkennen.

Leben Sie recht wohl, bestes L. Ich möchte gar gerne noch viel mit Ihnen reden; aber ich fürchte in einen Text zu geraten, woraus kein Ausgang ist.

Gestern lasen wir in der Odyssee, und eine Szene aus den Phönikierinnen des Euripides hätte uns bald Tränen gekostet. Kommen Sie doch nicht so gar spät wieder!

Adieu! Adieu!

S.“


An Lottchen.

(Rudolfstadt, 13. Oktober)

„Sie sind uns heute um eine Stunde näher; das freut mich, wenn ich Sie auch schon nicht sehe. Unter fremden Gesichtern (wo mir überhaupt nie wohl ist) würden wir uns doch nichts sein können. Mir ist nur lieb, dass von den acht Tagen, die Sie in Kochberg zubringen sollen, schon 3 ½ um sind. Der Himmel wird auch von den übrigen helfen.

Was soll die Parenthese in Ihrem Brief? Hab’ ich gesagt, dass wir keine traulichen Abende mehr zusammen genießen? Ich habe gesagt, dass die Abende anfangen kurz zu werden; und das ist Ihre Schuld, nicht die unsrige.

Für Ihr Andenken und Ihren Brief danke ich Ihnen recht schön. Ich bin also doch in Ihrer Erinnerung? Möchte ich nie ganz darin verlöschen, oder daraus verdrungen werden! Bessere als ich finden Sie überall, aber ich fordre jeden heraus, ob er’s besser als ich mit Ihnen meint.

Genießen Sie noch recht schöne Tage in Kochberg. Sie sind in sehr guten Händen. Ich habe die Stein sehr lieb gewonnen, seit dem ich ihrem Geist mehr zugesehen habe. Ich leibe den schönen Ernst in ihrem Charakter, sie hat Interesse für das, was sie für wahr hält und was edel ist. Viele Menschen sterben, ohne je was davon zu ahnen. Auch an Ihnen liebe ich diese Mischung von Lebhaftigkeit und Ernst und habe beidem schon sehr schöne Stunden zu verdanken.

Adieu, liebste Freundin. Bringen Sie mir eine freundliche Miene zurück, wenn Sie wieder kommen. – Adieu.

S.“


An Lottchen.

(Rudolfstadt, November)

„Wüsste ich nur etwas, womit ich Sie ebenso schön an mich erinnern könnte, als Ihre schöne Zeichnung Ihr Bild bei mir lebendig halten wird. Dies bedarf zwar keiner äußerlichen Hilfe; aber alles Gute und Schöne, wie Sie schon aus dem lieben Evangelium wissen, hat wie die Sakramente eine unsichtbare Wirkung und ein sichtbares Zeichen.

Die Zeichnung wird meinem Schreibtisch gegenüber stehen, manchen stillen Abend von mir betrachtet werden und mir das Bild derer zurückrufen, die mir hier so freundlich und wohltätig vorübergeeilt sind. Noch einmal, haben sie recht schönen Dank dafür! Es gibt mir eine gar angenehme Empfindung, zu wissen, dass sie sich mit etwas beschäftigt haben, das mir Vergnügen machen würde.

Jetzt, da es sich dem Ziele nähert, mache ich mir Vorwürfe, dass ich nicht besser mit den Augenblicken hausgehalten habe, die ich bei Ihnen zubringen konnte. Oft meine ich, Ihnen viel, gar viel gesagt zu haben, und doch finde ich zu andern Zeiten, dass ich noch weit mehr hätte sagen können und sagen wollen. Wenn indessen nur der gelegte Grund fest und massiv ist, so wird die liebe wohltätige Zeit noch alles zur Reife bringen. Ich weiß und fühle, dass mein Andenken hier unter Ihnen leben wird, und dies ist eine freudige Erinnerung für mich.

Leben Sie recht wohl. Ich sehe Sie wohl heute Abend nach Tisch noch?

Schiller.“


(Rudolfstadt, 10. November)

„Dank Ihnen beiden, dass Sie einen freundlichen Anteil an meinem Geburtstage nehmen. Mir wird er immer vor vielen andern merkwürdig sein, weil Ihre Freundschaft in diesem Jahre für mich aufblühte. Ich hoffe, er ist auch nicht der letzte, den ich unter Ihnen erlebe und der mir durch Ihre liebevolle Teilnahme interessant würde. Ich denke mit Verwunderung nach, was in einem Jahr doch alles geschehen kann. Heute vor einem Jahr waren Sie für mich so gut als gar nicht in der Welt – und jetzt sollte es mir schwer werden, mir die Welt ohne Sie zu denken. Denken auch Sie immer wie heute, so ist unsre Freundschaft unzerstörbar, wie unser Wesen!

Das sich mich in meiner Vermutung nicht betrogen haben, das gestrige Gedicht5) würde Sie interessieren, freut mich ungemein; es beweist mir, dass Ihre Seele Empfindungen und Vorstellungsarten zugänglich und offen ist, die aus dem innersten meines Wesens gegriffen sind. Dies ist eine starke Gewährleistung unsrer wechselseitigen Harmonie, und jede Erfahrung, die ich über diesen Punkt mache, ist mir heilig und wert.

Ich wollte wohl auch, dass Sie mir diesen Tag mehr angehörten, als die Umstände es erlauben. Gegen 5 Uhr komme ich gewiss – möchten wir alsdann nur nicht gestört werden. Adieu!

S.“


(Rudolfstadt, 11. November)

„Sie mischen mir da Süßes und Bittres so durcheinander, dass ich nicht sagen kann, ob mehr dieses neue Zeichen Ihrer Freundschaft und dies Pfand Ihres Andenkens mich rührt, als die deutliche Vorstellung unsrer Trennung mich niederschlägt. Bis jetzt hatte ich vermieden, einen Tag zu bestimmen, ob es gleich ei mir entschieden war, dass es diese Woche sein müsste. Aber der Zufall kommt mir zur Hilfe, und mir selbst erleichtert es diese Trennung, wenn ich Sie auch anderswo weiß. Reisen Sie also morgen mit Ihrem Onkel.

Wir haben einander nichts mehr anzuempfehlen, das nicht, wie ich gewiss hoffe, schon richtig und entschieden ist. Ihr Andenken ist mir teuer, und teurer gewiss, als ich Ihnen mit Worten gestanden habe, weil ich über Empfindungen nicht viel Worte liebe. Auch das meinige, weiß ich, wird Ihnen wert sein. Leben Sie recht wohl! Leben Sie glücklich!

Für Ihr schönes Geschenk dank’ ich Ihnen sehr. Sie haben aus meiner Seele gestohlen, was mich freut. Sie haben mir den Rudolfstädter Sommer in dieser Vase mitgegeben. Adieu! Adieu! Hindern die Zurüstungen zu Ihrer morgenden Reise Sie nicht, so würde ich heute einen Spaziergang vorschlagen – doch nein. Es würde mir ein trauriger Spaziergang sein, und besser, wir haben uns gestern für einige Monate zum letzten Mal gesehen.

Werden Sie mir gerne von Ihnen Nachricht nach Weimar geben und mich dem Gang Ihrer Seelen auch abwesend folgen lassen? Mit dem meinigen, hoffe ich, sollen Sie immer bekannt bleiben. Haben Sie mir etwas nach Weimar aufzutragen?

Adieu! Adieu! Noch einmal Dank, tausend Dank für die vielen, vielen Freuden, die Ihre Freundschaft mir hier gewährt hat. Sie haben viel zu meiner Glückseligkeit getan, und immer werde ich das Schicksal segnen, das mich hieher geführt hat.

Ewig Ihr

Schiller.“


(Rudolfstadt, 12. November)

„Eben seh’ ich Ihren Wagen herauffahren. Es ist mir, als reisten wir miteinander. Ich möchte Sie doch gerne heute noch sehen, wär’s auch nur von weitem, und einen Augenblick. Die Anstalten zur Reise betäuben mich, und ich werde erst, wenn ich unterwegs bin, zu mir selbst kommen.

Aber, beste Freundinnen, lassen Sie uns diese Trennung nicht schwerer denken und machen, als sie ist. Die Vorstellung unserer Wiedervereinigung steht hell und heiter vor mir. Alles soll und wird mich darauf zurückführen. Alles wird mich an Sie erinnern und mir teurer sein durch diese Erinnerung.

Möchte ich Sie doch von meiner innigen Freundschaft so lebhaft überführt haben, als sie ein Teil meines Wesens geworden ist. Ja, meine Lieben, Sie gehören zu meiner Seele, und nie werde ich Sie verlieren, als wenn ich mir selbst fremd werde.

Adieu! Adieu! Leben Sie recht glücklich. Denken Sie oft meiner und lassen Sie mich Ihnen nahe sein im Geiste. Adieu! Adieu!

Ewig Ihr

Schiller.“

Ü   Þ


1) 7. Januar 1788. ­
2) Eine parkartige Anlage auf dem rechten Ilmufer gegenüber dem Schloss.
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3) Eine laubenartige Parkanlage, von einer Wendeltreppe, die bis zu ihrer Höhe führte, so genannt.
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4) Ein Landgut der Frau von Stein in der Nähe von Rudolfstadt.
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5) Die Künstler.
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