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Vierter Abschnitt
Leipzig. Dresden. Weimar.

Schillers Brief an seine mütterliche Freundin vom 26. Mai bis 15. Juni ist durch die drei neuen Bekanntschaften, die er andeutet, von Bedeutung für Schillers Leben. Neue freundschaftliche Verbindungen gaben seinem Lebensgange eine andere Richtung; denn dieser ward meist von seinem Herzen bestimmt, dessen Stimme vor allen andern bei jeder Veränderung in seinen Planen für das Leben gehört ward. Mit befreundeten Menschen musste er sich umgeben fühlen, wenn er wahrhaft leben sollte.

Den Gang seiner Geistesarbeiten bezeichnet Körner:

Es war in Schillers Charakter, bei jedem Eintritte in neue Verhältnisse sich sogleich mit Planen einer viel umfassenden Wirksamkeit zu beschäftigen. Mit welchem Ernste er die dramatische Kunst betrieb, ergibt sich aus seiner Vorrede zur ersten Ausgabe der Räuber, aus dem Aufsatze über das gegenwärtige deutsche Theater in dem Württembergischen Repertorium, und aus einer im ersten Hefte der Thalia eingerückten Vorlesung über die Frage: Was kann eine gute stehende Schaubühnen wirken? In Mannheim hoffte er viel für das höhere Interesse der Kunst. Er war Mitglied der kurpfälzischen deutschen Gesellschaft geworden, sah sich von Männern umgeben, von denen er eine kräftige Mitwirkung erwartete, und entwarf einen Plan, dem Theater in Mannheim durch eine dramaturgische Gesellschaft eine größere Vollkommenheit zu geben. Dieser Gedanke kam nicht zur Ausführung; aber Schiller versuchte wenigstens allein für diesen Zweck etwas zu leisten und bestimmte dazu einen Teil der periodischen Schrift, die er im Jahre 1784 unter dem Titel: Rheinische Thalia unternahm. In der Ankündigung dieser Zeitschrift wirft er sich mit jugendlichem Vertrauen dem Publikum in die Arme. Seine Worte sind folgende:

„Alle meine Verbindungen sind nunmehr aufgelöst. Das Publikum ist mir jetzt alles, mein Studium, mein Souverän, mein Vertrauter. Ihm allein gehöre ich jetzt an. Vor diesem und keinem andern Tribunal werde ich mich stellen. Dieses nur fürcht’ ich und verehr’ ich. Etwas Großes wandelt mich an bei der Vorstellung, keine andere Fessel zu tragen, als den Ausspruch der Welt – an keinen andern Thron mehr zu appellieren, als an die menschliche Seele. – Den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt, der nicht mehr war als seine Werke – und gern gestehe ich, dass bei Herausgabe dieser Thalia meine vorzügliche Absicht war, zwischen dem Publikum und mir ein Band der Freundschaft zu knüpfen.“

Zu den dramatischen Stoffen, mit denen sich Schiller während seines Aufenthalts in Franken und Mannheim abwechselnd beschäftigte, gehörte die Geschichte Konradins von Schwaben und ein zweiter Teil der Räuber, der eine Auflösung der Dissonanzen dieses Trauerspiels enthalten sollte. Auch entstand damals bei ihm die Idee: Shakespeares Macbeth und Timon für die deutsche Bühne zu bearbeiten. Aber Don Karlos war es endlich, wofür er sich bestimmte, und einige Szenen davon erschienen im ersten Hefte der Thalia.

Die, wahrscheinlich von Herrn von Dalberg veranlasste Vorlesung dieser Szenen des Karlos am Darmstädter Hofe, an dem der Herzog von Weimar eben gegenwärtig war, führten Schiller zuerst in die Sphäre der höhern und feinern Gesellschaft ein. Diese Dichtung, welche den ewigen Widerstreit des innern Lebens mit dem Zwange politischer und konventioneller Verhältnisse darstellt, wurde besonders günstig in der Hofwelt aufgenommen. Manches Fürstenherz, dessen wärmste Gefühle der Welt geopfert waren, fand seine eigene geheime Geschichte darin enthalten und seine stillen Empfindungen in den Worten des Dichters ausgesprochen. Wahr und zart hatte der Genius diese Bilder einer ihm fremden Welt in ihm hervorgerufen. Politische Verhältnisse konnte eine philosophische Ansicht der Geschichte auffassen, das glühende Kolorit der Liebe von dem eigenen Herzen den Geschöpfen der Phantasie angehaucht werden; aber die Haltung, den zarten Umriss in der leidenschaftlichen Bewegung und dem Betragen dieser dramatischen Gestalten winkte die Muse zu; und des Dichters leiser Takt folgte ihrem Winke.

An die liebenswürdige damalige Frau Landgräfin von Darmstadt und den aufmunternden Anteil, den sie bei dieser Vorlesung gezeigt, erinnerte sich Schiller immer mit Vergnügen. Des Herzogs von Weimar Güte, die ihm den Ratstitel verlieh, gestaltete seine Zukunft; und der Beifall eines Fürsten, der, wie Körner mit Wahrheit sagt, „an das Vortreffliche gewöhnt war,“ musste Schillern höchst erfreulich sein. Dieses neue Verhältnis gab ihm auch eine sicherere Stellung gegen Württemberg.

Die Bekanntschaft mit Frau von Kalb, deren der vorletzte von den oben mitgeteilten Briefen erwähnt, wurde bei dem längeren Aufenthalt derselben in Mannheim zur Freundschaft. Sie war die erste geistvolle und vielseitig ausgebildete Frau, mit der er in näherem Verhältnisse stand, und er äußerte gegen uns, dass ihr Umgang während der Ausarbeitung des Don Karlos sehr belebend auf ihn gewirkt, ja dass sie zu einigen Zügen im Charakter der Königin Elisabeth die Veranlassung gegeben habe. Ihr Geist hatte früh eine ernste Richtung genommen. Bei höherer Stellung und Ansicht des Lebens waren ihr die Formen der Weltverhältnisse eigen; auch wirkte sie günstig auf Schillers Haltung im geselligen Leben. Sein Genius fand bei ihr die Freiheit und Wärme des Begegnens in Gefühl und Ideen, deren er bedurfte, und die zarte Schonung der Freundschaft in leidenschaftlichen Stimmungen. Durchs ganze Leben nahm er den innigsten Anteil an ihrem Schicksal.

In einem der obigen Briefe gedenkt Schiller des Vergnügens, welches er im Umgang der Tochter seines Freundes, des Buchhändlers Schwan, fand. Die Anziehungskraft, die das liebenswürdige geistvolle Mädchen auf ihn ausgeübt, scheint von dauernder Art gewesen zu sein. Im neunzehnten Jahre besorgte sie das Hauswesen ihres Vaters, der eben seine Gattin verloren, als Schiller nach Mannheim kam. Margarete Schwan war nach der Schilderung einer verständigen, dem Hause vertrauten Person ein sehr schönes Mädchen, mit großen ausdrucksvollen Augen und von sehr lebhaftem Geiste, welcher sei mehr zur Welt, Literatur und Kunst, als zur stillen Häuslichkeit hinzog. Im gastfreien Hause des Vaters, welches ein Vereinigungspunkt für Gelehrte und schöne Geister war, gewann sie schon in früher Jugend eine ausgezeichnete Bildung, lernte aber auch die Kunst, diese Vorzüge geltend zu machen. Schiller, im Familienzirkel aufgenommen, schien auf sie Eindruck zu machen, ob er gleich ernst und zurückhaltend in seinem Betragen war. Er las ihr die Szenen aus seinen Stücken vor, wie er sie eben vollendet hatte, und rezitierte ihr Verse mit besonderem Ausdruck. Der Vater war bei diesen Unterhaltungen immer gegenwärtig, und eine geraume Zeit blieb bei Schiller das Verhältnis ein bloß freundschaftliches; erst im Herbst und Winter 1784 und 1785 schien das Herz sich einzumischen, und beide junge Leute mochten sich mit dem Gedanken an eine Verbindung für das Leben tragen. Bei der Abreise nach Leipzig, im März 1785, schrieb dieser dem Vater und bat ihn um die Hand seiner Tochter. Herr Schwan, ohne Margareten mit diesem Antrage bekannt zu machen, gab eine abschlägige Antwort und gründete diese auf das mildernde Motiv, dass seine Tochter, bei der Eigentümlichkeit ihres Charakters, zu Schillers Gattin nicht passe. Margaretens Richtung im folgenden Leben soll bewiesen haben, dass Herr schwan richtig gesehen und auch hierin als Freund gegen Schiller gehandelt habe. Dieser brach nun natürlich die schriftliche Unterhaltung mit der Tochter ab, wodurch das gute Mädchen, die die Ursache des Schweigens nicht kannte, sehr betrübt ward. Sie soll gegen Freunde ihren Schmerz frei geäußert haben. So löste sich dieses Verhältnis, ohne alle Schuld von Schillers Seite, auf. Eine freundschaftliche Verbindung bestand fort, und Margarete nährte vielleicht noch stille Hoffnungen, besonders als sie im nächsten Jahre mit ihrem Vater nach Leipzig reisen durfte, wo Vater und Tochter bei Schiller die freundlichste Aufnahme fanden. Als dieser, verheiratet, nach Schwaben reiste, besuchte Margarete ihn und seine Gattin, wenn ich nicht irre, in Heidelberg. Letztere fand sie sehr liebenswürdig und erzählte mir, sie sei, wie Schiller selbst, bei dem Wiedersehen sehr bewegt gewesen. Margarete verheiratete sich und starb im sechsunddreißigsten Jahre an den Folgen einer Niederkunft.

Wie alle edleren männlichen Naturen, behielt Schiller immer ein liebevolles Andenken an die Frauen, die ihm zärtliche Gefühle eingeflößt. Diese Erinnerungen bewegten ihn jederzeit, und er sprach selten davon. Immer war ihm die Liebe etwas Ernstes – eine Gottheit – der Jüngling, der mit Psyche sich vermählt, nicht der leichtsinnig flatternde Knabe.

Verdrießlichkeiten mit einigen Mitgliedern des Schauspielerpersonals, Missmut darüber, dass er seine höhern Ansichten von der Bühne nicht geltend machen konnte, wie aus den Erinnerungen an jene Zeit, die er uns mitteilte, und aus seinen Briefen an Herrn von Dalberg hervorgeht, bewogen ihn, Mannheim zu verlassen. Die Ausarbeitung des Don Karlos und die Rheinische Thalia, die ihn ausschließlich beschäftigten, banden ihn an keinen bestimmten Aufenthalt.


Körner und Huber, zwei junge Gelehrte in Leipzig, waren die Freunde, die Schillers Genius in der Sendung begrüßten, deren sein letzter Brief erwähnt und die von ihm mit so warmer Empfindung aufgenommen wurde; Minna Stock, Körners Braut, und ihre Schwester Dora hatten die freundlichen Gaben gearbeitet. Tröstend und schön ist’s zu fühlen, wie ein günstiges Geschick aus kleinen Anlässen Verbindungen erzeugt, die auf das ganze Leben einen wohltätigen Einfluss üben. Der Einfall einer glücklichen Stunde, den vier gute Menschen ausführten, gab Schiller das, was er vor allem bedurfte, einen Freund, der seinen Geist aufzufassen vermochte und mit seinem Herzen zu empfinden wusste. Die Freundschaft mit Körner, die der Gemüter vereinenden Liebe zum Idealen entblühte, wurde zum segensvollen dauernden Bande für das wirkliche Leben. Tugenden und Vorzüge des Geistes, Ruhe und Heiterkeit, die dem Grunde eines reinen Gemüts entquollen, immer rege Empfänglichkeit für die Mitteilungen des Genius, ein natürliches Gefühl für das Schöne und wahre und ein sicheres Urteil, aus dem Schatze der mannigfaltigsten Ausbildung geschöpft, fesselten Schiller an diesen trefflichen Freund, und immer wachsende Begeisterung für alles Große und Schöne und treues Froschen nach Wahrheit gaben dem Bunde Bestand bis zur Trennung durch den Tod.

Körner lebte in der schönen Frühlingszeit glücklicher Liebe, als er sich Schiller näherte. Einer ansehnlichen Familie in Leipzig entsprossen, von allen Vorteilen einer wissenschaftlichen und liberalen Erziehung begünstigt, lebte er einzig den Wissenschaften, bevor er in den sächsischen Staatsdienst trat und als Appellationsrat nach Dresden versetzt wurde. Seine Minna, schön, geistreich und liebenswürdig, im engen Familienkreis von einer trefflichen Mutter mit einer ihr ähnlichen Schwester erzogen, hatte sich alle gesellschaftlichen Talente erworben, die das Leben schmücken. Der Vater, ein braver Künstler, lehrte die Töchter richtig zeichnen; Musik, im väterlichen Hause fleißig geübt und durch Körners Talent fürs Klavier und seine schöne Bassstimme belebt, gab die anmutigste Unterhaltung, sowie das Lesen der besten Dichter und Schriftsteller den Geist bereicherte.

Huber, der sich durch Schriften späterhin in der gelehrten Welt vorteilhaft bekannt gemacht hat, war durch Geist und Neigung diesem Zirkle eng verbunden, und es erhielt sich zwischen ihm und Schiller stets ein freundschaftliches Verhältnis.

Mit Körner hatte sich von Mannheim aus ein Briefwechsel angeknüpft. Das Verlangen nach persönlicher Bekanntschaft wuchs, und im April 1785 folgte Schiller der Einladung, sich in Leipzig diesem glücklichen Kreise anzuschließen. Auch seine Freundin, Frau von Kalb, riefen Familienverhältnisse nach Sachsen. Diese neuen, sowie seine früheren Verbindungen ließen ihn eine Heimat des Herzens in diesem Lande hoffen; und da der Herzog von Weimar ihn durch den verliehenen Titel anerkannt und geehrt, schloss sich die Aussicht auf eine künftige bürgerliche Existenz dieser Hoffnung an.

Das Anschauen einer fremden bewegten Welt und jene Verbindungen, die ihn die Freunde vertrauter Freundschaft genießen ließen, wirkten wohltätig auf Schillers Gemütsstimmung in Leipzig. Jünger, der zu früh verstorbene Schauspieldichter, durch den er auch mit einigen Gliedern der Leipziger Bühne, vorzüglich mit Sekonda und seiner Frau, bekannt wurde; Göschen, ein gebildeter Buchhändler, und der schon erwähnte Huber schlossen um Körner inen geistreichen geselligen Kreis. Schiller verlebte einige angenehme Sommermonate in Gohlis, einem nah gelegenen Dorfe, das durch das anmutige Wäldchen, das Rosenthal genannt, mit der Stadt verbunden ist. Dort dichtete er das Lied an die Freude. Gern gedachten alle diese Freunde der fröhlich verlebten Tage, in die auch Körners glückliche Verbindung fiel. Dieser musste seine Stelle in Dresden antreten; auch Huber zogen Dienstverhältnisse und Neigung dorthin, und Schiller folgte diesen ihm so lieb, so unentbehrlich gewordenen Freunden.

Die reizende Lage an dem großen Strome, die mannigfaltig anmutige Umgebung, die Kunstsammlungen, die wissenschaftlichen Anstalten machten Dresden zu einem wünschenswerten Aufenthalt. Fremde aus allen Weltgegenden versammeln sich hier und geben der Gesellschaft Bewegung und Leben. An den Ufern der Elbe liegt in einem vom Weinbergen umschlossenen Tale das kleine Dorf Loschwitz. Dort besaß Körner einen Weinberg mit einem angenehmen Wohnhaus, in welchem Schiller mit der Familie seines Freundes die schönsten Tage verlebte. Ein Gartensaal auf der Anhöhe, wo sich der Weinberg an ein Fichtenwäldchen anschließt, war Schiller eingeräumt; dort arbeitete er an seinem Don Karlos. Immer gedachte er der ersten Zeit seines Dresdener Lebens mit Vergnügen. Die tägliche Unterhaltung mit seinem Freunde, in der er sich über seine liebsten Gedanken aussprechen konnte, beruhigte und erheiterte ihn. Körners klarer Geist gab ihm seine Ideen gestalteter und in fruchtbarerem Zusammenhange zurück; seine Lebensansicht wurde entschiedener, und die Geschichte ergriff er wahrscheinlich in dieser Epoche als Zweck seiner geistigen Tätigkeit, der sich eine äußere Existenz anschließen sollte. Wie auf einer fruchtbaren, freundlichen Insel dachte er hier zu ruhen und die Erscheinungen der vorüber gleitenden Muse zu erwarten.

Die talentvollen und liebenswürdigen Frauen wussten dem Leben immer eine erfreuliche Abwechselung und einen eignen Zauber zu geben. Die geistvollen Kopien in Pastell vieler der vorzüglichsten Bilder aus der Dresdener Galeri machten später Dora Stock rühmlich in der Kunstwelt bekannt. Was sich durch Geist und Kunst auszeichnete, erschien in diesem Kreise. Auch gab die äußere große Welt, der Körner als Staatsdiener nicht ganz entfliehen konnte, wiewohl damals noch in manchen lästigen Formen befangen, Schiller manche neue Ansicht. Unter dem gerechten und weisen Regenten lebte jeder sicher. Von Despotenlaunen, die die Existenz bedrohten, wie sie Schiller früher erfahren, war nichts zu befürchten. Alles ging im gewohnten Gleise. Aber die alten Fromen, das eiserne Herkömmliche, das alles bindend und hemmend umgab, erschien strebenden Geistern auch als Tyrannei. Durch alle Grade hindurch hielt Regel und Gewohnheit jeden gefesselt, und Tadel und Missdeutung drohte jedem von der gezogenen Linie abweichenden Schritt. So hielten Abgemessenheit und Steifheit auch das Gespräch und die Äußerungen des Geistes in unerfreulichen Schranken. Im engeren Freundeszirkel hielt man sich für diesen äußern Zwang schadlos.

Über Schillers geistige Tätigkeit und die Erzeugnisse derselben während des Lebens in Dresden hören wir Körner:

„Don Karlos wurde hier nicht bloß geendigt, sondern erhielt auch eine ganz neue Gestalt. Schiller bereute oft, einzelne Szenen in der Thalia bekannt gemacht zu haben, ehe das Ganze vollendet war. Er selbst hatte während dieser Arbeit beträchtliche Fortschritte gemacht, seine Forderungen waren strenger geworden, und der anfängliche Plan befriedigte ihn ebenso wenig, als die Manier der Ausführung in den ersten gedruckten Szenen.

Der Entwurf zu einem Schauspiel: Der Menschenfeind, und einige davon vorhandene Szenen gehören auch in diese Periode. Von kleinern Gedichten erschienen damals nur wenige. Schiller war teils zu sehr mit der Fortsetzung seiner Zeitschrift beschäftigt, teils war in ihm der Wunsch rege geworden, durch irgend eine Tätigkeit außerhalb des Gebietes der Dichtkunst sich eine unabhängige Existenz zu gründen. Er schwankte einige Zeit zwischen Medizin und Geschichte und wählte endlich die letzte. Die historischen Vorarbeiten zum Don Karlos hatten ihn auf einen reichhaltigen Stoff aufmerksam gemacht, den Abfall der Niederlange unter Philipp dem Zweiten. Zur Behandlung dieses Stoffs fing er daher an Materialien zu sammeln. Auch beschloss er damals, Geschichten der merkwürdigsten Revolutionen und Verschwörungen herauszugeben, wovon aber nur ein Teil erschien, der von Schillern selbst etwas enthält.

Cagliostro spielte damals eine Rolle in Frankreich, die viel Aufsehen erregte; unter dem, was von diesem sonderbaren Manne erzählt wurde, fand Schiller manches brauchbar für einen Roman, und es entstand die Idee zum Geisterseher. Es lag durchaus keine wahre Geschichte dabei zum Grunde; sondern Schiller, der nie einer geheimen Gesellschaft angehörte, wollte bloß in dieser Gattung seine Kräfte versuchen. Das Werk wurde ihm verleidet und blieb unbeendigt, als aus den Anfragen, die er von mehreren Seiten erhielt, hervorzugehen schien, dass er bloß die Neugierde des Publikums auf die Begebenheit gereizt hätte. Sein Zweck war eine höhere Wirkung gewesen.“

Außer dem engen und so reichen Freundeskreise zogen Schiller noch mancherlei andere Verbindungen an. Der Theaterwelt konnte er sich nicht entfremden; zu sehr schloss sie sich an seine Dichtungssphäre. Einer der damaligen vorzüglichen Schauspielerinnen, Sophie Albrecht, gedachte er immer als einer geistreichen und liebenswürdigen Gesellschafterin. Er besuchte sie häufiger, da sie auch die Vertraute einer Leidenschaft war, die ihm eine ausgezeichnete Schönheit einflösste. Auf einer Redoute hatte er das schöne Fräulein1) zuerst gesehen, sich ihr genähert und war gefällig von ihr aufgenommen worden. Er sah sie bei jener Schauspielerin und durfte sie auch in ihrem eignen Hause besuchen. Der Mutter schien die Eroberung eines schon damals als ausgezeichnet anerkannten Dichters zu schmeicheln und die Gewalt der Reize ihrer Tochter zu verbürgen. Der unerfahrene, leidenschaftliche Jüngling wurde von diesem Zaubernetz umstrickt, das jedoch nur Eitelkeit gewoben hatte. Wenn das gute Kind auch selbst herzlicher Zuneigung fähig war, so musste sich ihr Gefühl doch immer nur der auf Effekt und Glück berechneten mütterlichen Ansicht unterwerfen. An Wahrheit und dauerndes Herzensglück war unter dieser Konstellation nicht zu glauben, und Schillers Freude boten alle Macht klarer Einsicht und herzlicher Sorge auf, ihn diesen Fesseln zu entziehen. Die Geleibte hatte ihrem Freunde die Weisung gegeben, dass, wenn er Licht in einem gewissen Zimmer sehe, er nicht ins Haus kommen dürfe, weil sie da in Familiengesellschaft sei. Seine Freunde wussten, dass sie dann von der Mutter begünstigtere Anbeter empfing. Der Kampf zwischen Vernunft und Leidenschaft begann; aber ein Zauberblick der Liebe riss ihn wieder hin, und die Stimme der erstern ward überhört. Zeit, Geld und Herzensruhe wurden versplittert. Seine Freunde selbst, so schmerzlich sie seinen Umgang entbehrten, drangen auf seine Entfernung. Die Trennung kostete dem Mädchen viele Tränen; sie scheint sich gegen ihr Gefühl nur dem Einfluss ihrer Umgebungen hingegeben zu haben; und Schiller freute sich stets, dass sie in späterer Zeit glücklich wurde. Es ist zu bedauern, dass an sie gerichtete Briefe und Gedichte verloren gegangen sind.

Die Einsicht in diese Verirrung, das Gefühl der erfahrenen Täuschung und Selbsttäuschung, welches ihm nach der kurzen Periode dieser Herzensangelegenheit blieb, war nicht erfreulich und von einer bittern Nachempfindung begleitet. Wahrscheinlich wirkte diese auf die Gestaltung der Griechin im Geisterseher. Ein glückliches Geschick führte unsern Freund bald zur Wahrheit, zu besseren Naturen in der Frauenwelt.

Schiller begab sich im Frühling 1787 nach Weimar, wohin ihn seine Freundin Frau von Kalb längst eingeladen hatte. Wielands Anträge, Mitarbeiter am Deutschen Merkur zu werden, kamen ihm freundlich entgegen, und den Ort, wo dieser, Goethe und Herder lebten, wo die größten Geister Deutschlands begünstigt in schöner Freiheit wirkten, musste er in jedem Sinn kennen lernen.

Goethe war damals in Italien; von Wieland und Herder wurde Schiller mit Wohlwollen aufgenommen. Herder war für ihn äußerst anziehend; aber die väterliche Zuneigung, mit der ihm Wieland zuvorkam, wirkte in einem noch höhern Grade auf seine Empfänglichkeit. Er schrieb damals an einen Freund:

„Wir werden schöne Stunden haben; Wieland ist jung, wenn er liebt.“

Dieses trauliche Verhältnis gab Anlass, dass Schiller zu einer dauernden Teilnahme am Deutschen Merkur aufgefordert wurde; wie denn die Idee, dieser Zeitschrift durch ihn eine frischere und jugendlichere Gestalt zu geben, für Wieland sehr erfreulich war. Schiller ließ es nicht an Tätigkeit fehlen; er lieferte die „Götter Griechenlands“, „Die Künstler“, „ein Fragment der niederländischen Geschichte“, „die Briefe über Don Karlos“ und einige andere prosaische Aufsätze, für die Jahrgänge des Merkur von 1788 und 1789, die überhaupt zu den reichhaltigsten gehören und zugleich durch Beiträge von Goethe, Kant, Herder und Reinhold sich auszeichnen.

Die Weimar’sche Welt wirkte im ganzen mehr bildend als belebend auf Schiller. Der Ton der Gesellschaft war kritisierend, mehr abweisend als entgegenkommend. Von rheinländischer Liberalität und schwäbischer Herzlichkeit war wenig zu finden. Im Hause der Herzogin Amalia, wo man sonst jede neue Erscheinung freundlich begrüßte, war man mit Studien und Zurüstungen zur italienischen Reise beschäftigt. Der Herzog, viel abwesend, scheint damals keinen besondern Anteil an Schiller bezeigt zu haben, und der eigentliche Hofzirkel war abgeschlossen. Die vorzüglichsten Geister übten so großen Einfluss, dass überall Literatur Gegenstand der Unterhaltung war; aber im Grunde ward mehr darüber geschwatzt, als gedacht, und das eigentliche Leben, dessen Schiller bedurfte, um sich heiter zu entfalte, fehlte.

Seine Stimmung war trübe, und vielleicht aus eigner Schuld, oder weil kein glücklich mitwirkender Zufall eintrat, fühlte er sich sehr isoliert; nur bei Wieland und Frau von Kalb war ihm wohl, und mit Riedel, dem Erzieher des Erbprinzen, und Schulz, dem Verfasser einiger Romane und Reisebeschreibungen, hatte er zuweilen einen heitern Abend. Ein Klub, der sich wöchentlich versammelte, erhielt ihn in Verbindung mit der guten Gesellschaft; Bode, Bertuch, Corona Schröter und mehrere gebildete Familien fanden sich da zusammen. Schiller unterhielt sich mit einer Partie Whist. Auch wissen wir von ihm, dass er mit dem Geheimenrat Schmidt, der viel Anteil an der Literatur nahm und früher in Verbindung mit Klopstock gestanden, oft interessante Gespräche über Richardsons Clarisse, die dieser, wie Schiller selbst, sehr hoch hielt, geführt habe. Das Theater beschäftigte damals seinen Geist wenig.

Sein guter Genius hatte indessen für eine neue Richtung des Lebens gesorgt. Am Ende des Oktobers 1787 machte er eine Reise nach Meinungen zu seiner, dort an seinen Freund Reinwald verheirateten ältesten Schwester und der treuen Freundin, Frau von Wolzogen, die sich eben der Anwesenheit ihres Sohnes erfreute. Diese Reise führte ihn in neue Verhältnisse.

Ü   Þ


1) Elisabeth Henriette von Arnim, Tochter der Witwe eines sächsischen Offiziers, später verehelichte von Künheim. ­

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