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Schiller, Friedrich
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Wolzogen
Vorwort
Einleitung
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
6. Abschnitt
7. Abschnitt
8. Abschnitt
9. Abschnitt
10. Abschnitt
11. Abschnitt
12. Abschnitt |
Dritter Abschnitt Rückkehr nach Mannheim
An Frau von Wolzogen.
Werneck, am Morgen des ..
Juli 1783.1)
Eben, meine Teuerste, treffe ich einen
Mann, der in Ihre Gegen nach Jüchsen geht und mir diesen Brief an Sie zu
bringen verspricht. Ich bin glücklich gereist und schon fünfzehn Stunden
näher an Frankfurt. Wir hatten gestern etliche Regengüsse auszustehen, die
aber nicht viel für uns zu bedeuten hatten, und nun ist’s das schönste
Wetter. O, meine Beste, wie herzlich froh bin ich, dass der Abschied
überstanden ist, und wie herzlich vergnügt wäre mir die Nachricht, dass
Sie ihn verschmerzt hätten. Liebste, zärtlichste Freundin, der Verdacht,
dass ich Sie verlassen könnte, wäre bei meiner jetzigen Gemütslage
Gotteslästerung. Glauben Sie mir’s, meine Teuerste, je tiefer ich die Welt
kennen lerne, und je mehr ich unter Menschen gehe, desto tiefer graben Sie
sich in mein Herz, und desto teurer werden Sie mir.
Sie werden gestern einen traurigen Tag, und
ohne unsre Lotte noch einen traurigeren Abend auszustehen gehabt haben –
aber der Tag und Abend meiner Wiederkunft sollen Sie gewiss vollkommen
dafür belohnen.
Jetzt leben Sie wohl. Kepp [der Kutscher]
wird Ihnen von Frankfurt einen langen Brief bringen. Tausendmal leben Sie
wohl, ewig teuer dem Herzen Ihres Freundes
S.
Frankfurt a.M., den 23.
Julius 1783
Eben komme ich hier an, meine Beste, und da
ich befürchtete, durch lange Verzögerung und Mangel der Gelegenheit in
dieser Stadt viel zu verzehren, so nehm ich kein Bedenken, gleich mit
Extrapost abzugehen. Die etliche Taler, welche ich durch diesen Aufwand
mehr daran setzen muss, will ich durch die Verkürzung meines Aufenthalts
in Mannheim wieder hereinbringen, denn ich freue mich ungleich mehr auf
die Ankunft in Bauerbach bei Ihnen, als auf meine Tage zu Mannheim.
Meine Reise ist bis hierher trotz der
entsetzlichen Hitze, die durch den heißen Sand der Chaussee noch verstärkt
war, und trotz der bösen Abwechslung von Wein, gutem und schlechtem Bier
u. dergl. ganz glücklich gewesen. Das Nähere davon (denn Wichtiges ist mir
nichts begegnet) wird Ihnen der gute Kepp, mit dem ich ganz zufrieden bin,
erzählen.
Da mich gegenwärtig alles bombardiert, der
Friseur, der Schwager und andere Kommissionen, so bleibe ich Ihnen meine
Empfindungen, und was ich sonst noch an Sie zu bestellen habe, bis auf
meine Ankunft in Mannheim schuldig. So lange werden Sie doch wohl glauben
dass ich sie in meinem Herzen trage, wie ich mich selbst in der Hand
Gottes getragen wünschte.
Ich bin ganz konfus gemacht. Alle
Augenblicke werde ich abgerufen, weil ich mit drei Kutschern mich
herumzertiere, die mich Extrapost führen wollen. Ich verspare also alles
bis auf meinen nächsten Brief, wo ich hoffentlich ruhiger mit Ihnen mich
unterhalten kann. O meine beste, liebste Freundin, unter dem
erschrecklichen Gewühl von Menschen fällt mir unsre Hütte im Garten ein –
Wäre ich schon wieder dort!
Die liebe, gute Lotte grüßen Sie mir
herzlich und auch die Mine. In ungefähr sechs Tagen haben Sie alle drei
wieder Nachricht von mir.
Dem Kepp bezahlen Sie 3 fl., dass er sie
dem Wagner überbringe. Von Frankfurt hätte ich Ihnen durch unsern Kepp
gern einige Kleinigkeiten geschickt, aber wir kamen erst nach 8 Uhr abends
hier an, und bei Nacht ist in einer solchen Stadt, wo man fremd ist,
nichts zu machen. Zudem muss ich mein Geld so lange schonen, als ich
nichts dazu setzen kann.
Tausendmal adieu, meine Teuerste. Ich weiß
noch nicht, ob ich noch diese Nacht oder morgen früh 4 Uhr fahre. Es ist
kostbar, hier zu übernachten, und zudem möchte eich gern morgen in der
Komödie zu Mannheim eintreffen, weil ich da eine Überraschung machen kann.
Also leben Sie tausendmal wohl.
Ewig Ihr
S.
Mannheim, den 28. Julius 1783
Endlich bin ich in Mannheim. Matt und
erschöpft kam ich gestern Abend hier an, nachdem ich vormittags früh noch
in Frankfurt gewesen. Die übergroße Geschäftigkeit und Höflichkeit meines
Frankfurter Gastwirts, welche bei Leuten dieser Hantierung einem kranken
Geldbeutel immer gefährlich ist, schreckte mich ab, eine wohlfeile und
bequeme Gelegenheit in Frankfurt abzuwarten, wo ich ohne Zweifel in zwei
Tagen mehr verzehrt haben würde, als mich die Extrafuhr nach Mannheim
teurer denn eine andre zu stehen gekommen ist. Von meinem Geld habe ich
noch 15 Laubtaler hierher gebracht, wovon ich 5 für die Rückreise beiseite
lege und mit den übrigen 10 hier auskommen muss.
Meier hat eine Wohnung und Kost für mich
ausgemacht, welche sehr wohlfeil und gut ist. Ich bezahle wöchentlich für
2 Zimmer, Betten und Möbel 1 fl. und wohne neben dem Schlossplatz, welches
eine vortreffliche Aussicht hat. Für Mittag- und Abendessen, trockenen
Tisch, gebe ich 24 kr. Der Krug Bier kostet mich 6 kr. Das Frühstück gebe
ich auf, also kommt mich Kost und Logis wöchentlich auf 2
Konventionstaler. Perückenmacher, Postgeld, Wäsche und Tabak machen einen
eignen Artikel. Über drei Wochen kann ich also schwerlich bleiben. – So
stehen meine Finanzen.
Nun, meine Beste, werden Sie wissen wollen,
wie ich die Sachen bei meiner Ankunft gefunden – Nicht gar zum besten.
Dalberg ist von einer Reise nach Holland noch nicht zurück, wird aber
erwartet. Iffland ist nach Hannover, soll aber in etlichen Tagen auch
wieder ankommen. Also bin ich einige Zeit wenigstens ganz ohne Nutzen
hier. Meinen Freunden habe ich durch meine Ankunft viele Freude gemacht,
ihnen aber sehr klar merken lassen, dass ich nichts als mein Vergnügen bei
meinem hiesigen Aufenthalt zur Absicht habe. Bis also Dalberg zurück ist,
kann ich Ihnen nicht das Geringste von Aussichten sagen.
Und ich würde sie schwerlich benutzen,
meine Teuerste, wenn sie mir auch in die Hände liefen, sobald mein
Aufenthalt bei Ihnen im geringsten dadurch litte. Gestehen muss ich Ihnen,
dass alles, was mir hier vorkommt und noch vorkommen kann, bei der
Vergleichung mit unsrem stillen, glücklichen Leben entsetzlich verliert.
Sie haben mich einmal verwöhnt – verdorben sollte ich sagen – dass ich den
lebhaftesten Eindrücken der größeren Welt beinahe verschlossen bin. Wenn
ich es möglich machen kann, dass ich, ohne einen Schritt in die Welt zu
tun, 400 fl. jährlich ziehe, so begräbt man mich noch in Bauerbach. So
leer und verdächtig ist mir alles, seit ich von Ihnen bin, und so wenig
Geschmack kann ich einer Lebensart abgewinnen, die Sie nicht mit mir
genießen. Wie froh will ich sein, wenn ich mit einigen guten Ausschichten
und Geld in der Tasche die Rückreise antreten kann, und wie sehr wird
meine Glückseligkeit bei Ihnen durch diesen Ausflug gewonnen haben!
Aber wie bringen Sie jetzt Ihre Tage zu,
teure Freundin? Traurig, fürcht’ ich, und wünsche es gewissermaßen doch;
denn es ist etwas Tröstendes und Süßes in der Vorstellung, dass zwei
getrennte Freunde ohne einander nicht lustig sind. O, es soll mich
spornen, bald, bald wieder bei Ihnen zu sein; und unterdessen will ich
beimeinen größten Zerstreuungen an Sie, meine Werteste, denken; ich will
mich oft aus dem Zirkel der Gesellschaft losreißen und auf meinem Zimmer
schwermütig nach Ihnen mich hinträumen und weinen. Bleiben Sie, meine
Liebe, bleiben Sie, was sie mir bisher gewesen sind, meine erste und
teuerste Freundin, und lassen Sie ohne Zeugen uns ein Beispiel
unverfälschter Freundschaft sein. Wir wollen uns beide besser und edler
machen, wir wollen durch wechselseitigen Anteil und den zärtesten Bund
schöner Empfindungen die Glückseligkeit dieses Lebens erschöpfen und am
ende stolz auf dieses untadelhafte Bündnis sein. Nehmen Sie keinen Freund
mehr in Ihrem Herzen auf. Das meinige bleibt Ihnen bis in den Tod, und
womöglich noch über diesen hinaus.
Heute werde ich auch meinen Eltern und
Ihrem Wilhelm nach Stuttgart schreiben. Grüßen Sie mir unsre liebe Lotte,
welcher ich das nächste Mal schreiben will, und wenn Sie der Tante
schreiben, so sagen Sie ihr, dass ich oft an sie denke und sie recht sehr
leib habe. Alle die Ihrigen, meine Beste, sind so gut und bleiben mir ewig
wert. Vielleicht dass ich auch Ihrem guten Bruder von hier aus einige
Linien schreibe.
Schreiben Sie mir doch mit dem bäldesten,
wie Sie leben, ob Sie mich noch lieben. Zar das hoff’ ich gewiss.
Schreiben Sie mir Ihre ganze Lebensart von Morgen bis in die Nacht, und
was Ihnen Neues sonst begegnet – auf diese Weise überzeug’ ich mich doch,
dass Sie auch mich in dem Herzen tragen, wie ich Sie in dem meinigen.
Mein Papier neigt zum Ende. Ich muss also
kurz sein. Es ist ein Paket von Berlin an mich auf den Weg, das
gegenwärtig in Meiningen angelangt sein muss. Lassen Sie nachfragen.
Reinwald sagen Sie, dass Schwan weder Brief noch Dukaten bekommen, dass er
also auf der Post Nachfrage tun soll. Ihre Briefe adressieren Sie an
Madame Hammelmann im Hubertushaus zu Mannheim. Das ist das Haus, wo ich
logiere.
Noch einmal schreiben Sie mir bald, und die
liebe gute Lotte küssen Sie in meinem Namen (wenn’s erlaubt ist). Kepp
wird schon seit Dienstag abends zurück sein und Ihnen das übrige mündlich
gesagt haben.
Fried.
An Wilhelm von Wolzogen.
Mannheim, den 28. Julius 1783
Gestern, mein lieber Freund, kam ich hier
an und setze mich jetzt gleich nieder, Ihnen von der Mama und Ihrer
Schwester die besten Versicherungen zu geben. Was mich die Trennung von
den Ihrigen, die doch nur 5-6 Wochen dauert, empfinden lässt, darf ich
Ihnen nicht erst gestehen. Ich trage mich mit der Hoffnung, auch Sie, mein
Bester, während der Zeit, dass ich Ihnen so nahe bin, von Angesicht zu
Angesicht zu sehen, und wenn Sie vom Obrist v. Nicolai auf drei Tage
Urlaub nach Heilbronn bekommen können, so wollen wir uns da ein Rendezvous
geben. Schreiben Sie mir das blad und bleiben Sie mein Freund, wie ich der
Ihrige bin.
F. S.
An Frau von Wolzogen.
Mannheim, den 11. August 1783
Aus einem Tumult von Zerstreuungen fliege
ich an Ihr Herz, beste Freundin, denke mich zu Ihnen in Ihr neues Stübchen
hinein, wo auch ich vielleicht jetzt Ihr Gedanke bin, und erzähle Ihnen
mein jetziges Schicksal. Vor allem andern tausendfachen Dank für Ihren
lieben, zärtlichen Brief. Also weiß ich gewiss, dass Ihr Herz noch für
mich das vorige ist. – Womit beweise ich Ihnen doch, dass es auch das
meinige bleiben wird!
Die vierzehn Tage, die ich jetzt in
Mannheim zugebracht, sind beinahe ganz furchtlos für mich gewesen. Dalberg
war abwesend, einige Schauspieler in Urlaub, die mehrsten Familien auf’s
Land ausgeflogen, und eine unerträgliche Hitze verdarb mir beinah allen
Genuss des Lebens. Das Theater hat mir wenig genützt, weil des Sommers
wenige Stücke gegeben werden, die wichtig sind, auch ohne Schaden nicht
gegeben werden können. Zudem war die Anwesenheit der Kurfürstin und des
Zweibrücker Herzogs schuld, dass meistens Alltags-Komödien vorkamen, wovon
diese Liebhaber sind. Viel habe ich auch nicht gearbeitet, weil
Zerstreuung und Hitze es mir unmöglich machten. Also die Summe von ganzen
ist: Ich habe diese Zeit über wenig gewonnen.
Dalbergs Ankunft aber scheint sehr viel für
mich verändern zu wollen. Gestern traf er hier ein und wurde gleich von
meinem Hiersein benachrichtigt, das ihm höchst angenehm war. Ich traf ihn
auf dem Theater, wo er mir auf die verbindlichste Art zuvorkam und mich
mit großer Achtung behandelte. Von meiner Abreise will er nichts wissen
und lässt sich sonst noch allerlei gegen mich merken, wofür ich, gottlob!
keine Ohren habe. Ich war heute bei ihm, und zwar sehr lange. Der Mann ist
ganz Feuer, aber leider nur Pulverfeuer, das plötzlich losgeht und ebenso
schnell wieder verpufft. Indes glaub’ ich ihm herzlich gern, dass ihm mein
hiesiger Aufenthalt lieb wäre, wenn er nichts aufopfern dürfte. Mein
Fiesco soll hier gegeben werden, und man ist wirklich daran, mit
Anmerkungen über das Stück bei mir einzukommen. Vielleicht arbeite ich ihn
um und setze die Vorstellung durch. Morgen (Mittwoch am 13.) wird meine
Luise Millerin in großer Gesellschaft gelesen, wobei Dalberg den Vorsitz
hat, du dann wird’s sich entscheiden, ob sie hier vorgestellt wird.
Dalberg versprach, mir zu Gefallen meine Räuber und einige große Stücke
spielen zu lassen, um die Stärke der Schauspieler daraus zu beurteilen und
mich in Feuer zu setzen. Meine Räuber sollten mich freuen.
An Schwan habe ich mich am meisten
attachiert, und Sie meine Teuerste, schätzen ihn ja auch. Ihm allein habe
ich meine Millerin vorgelesen, und er ist äußerst damit zufrieden. Von
Wieland hat er mir Briefe gezeigt, die beweisen, dass Wieland sehr warm
für mich fühlt und groß von mir urteilt. Dieses letztere ist mir wegen
vieler Umstände nicht gleichgültig. Bei Schwan habe ich auch sonst gute
Bekanntschaften gemacht.
Noch dato war ich nirgends als in
Oggersheim, wo die Kurfürstin wirklich residiert und man mir das Schloss
und den Garten gezeigt hat. In dem Wirtshaus, wo ich im vorigen Jahr
sieben Wochen gewohnt habe, bin ich auf eine Art empfangen worden, die
mich sehr gerührt hat. Es ist etwas Freudiges, von fremden Leuten nicht
vergessen zu werden. Die nächste Woche will ich in Gesellschaft nach
Heidelberg und Schwetzingen fahren. Mein Vater schreibt mir heute, dass er
sich Hoffnung mache, ein Rendezvous in Bretten zu veranstalten. Von
Wilhelm erwarte ich alle Tage Briefe, vorzüglich aber von Ihnen, meine
Beste.
In Absicht auf meine Aussichten mit dem
hiesigen Theater und meine Stücke kann Ihnen dieser Brief nicht das
Geringste bestimmen; aber in acht Tagen erfahren Sie etwas mehr und
vielleicht auch die Zeit meiner Abreise von hier; denn nichts in der Welt
wird mich fesseln. Schwan rät mir an, wenn meine Stücke zum Theater
gebracht werden sollten, mit Dalberg um den Preis der ersten Vorstellung
bei jedem zu akkordieren, weil ich dann aus beiden zusammen genommen 4 –
500 fl. würde zu ziehen haben und dann in einem halben Jahr das Stück zum
Drucken verkaufen könnte. Auch rät er mir, beide abschreiben zu lassen und
nach Wien, Berlin und Hamburg Exemplare davon zu versenden, wo mir
vielleicht die Theater einen preis zuerkennen würden. Sie wissen, meine
Beste, wie misstrauisch mich das widrige Glück gegen die glänzendsten
Offerten gemacht hat, und werden mir also glauben, dass ich nimmermehr
darauf baue. Ich bin froh, wenn ich 200 fl. aus beiden Stücken vom Theater
gewiss habe; doch will ich Schwans Rat sehr gern befolgen.
Das ist also alles, was ich Ihnen jetzt von
meine Angelegenheiten schreiben kann. Es steht noch dahin, ob Dalberg und
ich in der Hauptsache einig werden. Aber, meine beste, liebste Freundin,
wie froh will ich den Augenblick erwarten, der mich wieder zu Ihnen
zurückbringt! Wie sehr haben Sie in meinen Augen neben diesen neuen
Connaissancen gewonnen! Ich will und kann auch recht fleißig bei Ihnen
arbeiten. Mein Aufenthalt in B. soll mir von allen Seiten der
vorteilhafteste bleiben und weder Ihnen noch mir jemals zum Vorwurf
gereichen. – Wie viel, wie unendlich viel haben Sie nicht schon an meinem
Herzen verbessert; und diese Verbesserung, freuen Sie sich, hat schon
einige gefährliche Proben ausgehalten. Fühlen Sie ihn ganz, den Gedanken,
denjenigen zu einem guten Menschen gebildet zu haben und noch zu bilden,
der, wenn er schlecht wäre, Gelegenheit hätte, Tausend zu verderben.
Aber wie bringen denn Sie jetzt Ihre Tage
zu? Sehr düster, sagt mir Ihr letzter Brief. Hoffentlich ist die Lotte
wieder bei Ihnen gewesen, oder wirklich noch bei Ihnen. Sollten Sie bei
dieser lieben, vortrefflichen Tochter eine Freude vermissen? Beste
Freundin, Sie haben das seltene große Glück, so gute Kinder, so liebe
Geschwister und einen (wenigstens einen) recht reuen und zärtlichen Freund
zu haben; und doch sollte eine Melancholie bei Ihnen einwurzeln können?
Sollten Sie – eine Christin – die es fühlt, dass der Faden unsrer
Schicksale durch die Hand Gottes geht, an wahren Glückseligkeiten des
Lebens verzweifeln? Nein, meine Teuerste, ich weiß, das tun Sie nicht; und
wenn das Ihre Beruhigung vermehren kann, ich hafte Ihnen für ewige
Freundschaft. Dass Sie mich 100,000,000 mal der lieben Lotte empfehlen,
versteht sich; und sagen Sie ihr auch, dass ich schon einen Brief an sie
angefangen, aber wieder zerrissen habe, weil ich ihr unmöglich kalt
schreiben und die Amtmännin keinen warmen sehen kann. Reinwald grüßen Sie,
und beide Pfarrer. Auch die Judith2) lass ich
schön grüßen, und es freut mich, dass sie mich noch lieb hat. Grüßen Sie
mir alle Plätze in Bauerbach und lassen Sie mich jetzt Gebrauch von dem
Titel machen, den Sie mir gegeben haben und der von keinem stolzern
verdrängt werden soll: - Lassen Sie mich, beste Mama, mich Ihren
zärtlichen Sohn nennen.
Schiller.
Mannheim, den 11. September
1783.
„Endlich kann ich mich wieder zu Ihnen
wenden, meine Teuerste. Wie viel tausend Besorgnisse wegen meinem
monatlangen Stillschweigen in Ihrem zärtlichen Herzen aufgestiegen sein
mögen, kann ich mir leicht einbilden, und ich fürchte, Sie haben den
wahren Grund davon erraten. Schon 3 Wochen liege ich krank, meine Beste.
Ohne Lebensgefahr, Gottlob; aber ein kaltes Fieber, davon ich täglich
einen Anfall auszustehen hatte, hat mich entsetzlich mitgenommen, und ob
ich gegenwärtig schon, bis auf Mattigkeit und Schwäche des Kopfs, wieder
genesen bin, so werde ich dennoch vor 14 Tagen nicht aus dem Hause können.
Schon die 8 Wochen, die ich in Mannheim zubringe, wütet eine gallichte
Seuche in der Stadt, die so allgemein ist, dass unter 20000 Menschen 6000
krank nieder liegen. Meyer ist während meines Hierseins daran gestorben;
ein Freund, dem ich viel schuldig war. Jetzt – Gott sei Dank! – Ist die
Epidemie im Sinken. Für mich befürchten Sie nichts mehr. Ich war in den
besten Händen und wurde wie ein Kind des Hauses gepflegt, und wurde sogar,
weil mein Kopf sehr angegriffen war, einem andern Doktor übergeben. Ich
hatte mir vorgesetzt, Ihnen, meine Liebe, Schritt vor Schritt, alles, was
sich für mich Schlimmes und Gutes hier ereignen würde, zu wissen zu tun;
meine Krankheit hat dieses nichtig gemacht, und ich muss Ihnen nunmehr
kurz und summarisch Bericht von allem Vergangenen und Künftigen abstatten
und meine Sachen in die möglichste Kürze zusammenziehen.
Ihr letzter Brief, der ich notwendig
traurig machen musste, da er aus einem so traurigen Herzen floss, hat
gewissermaßen den Ausschlag in meinen Zweifeln gegeben. Eben als ich ihn
erhielt, hatte Dalberg Angriffe auf meinen Entschluss getan. Sie erinnern
sich, meine Beste, dass ich Ihnen mein Ehrenwort gegeben, mich nicht
selbst anzubieten und in keinem Fall den ersten schritt zu einem
Engagement zu tun. Ich gebe Ihnen jetzt mit aller Freudigkeit eines reinen
Gewissens dieses mein Ehrenwort wieder, dass ich mein Versprechen
gehalten. Dalberg selbst kam mir mit dem Antrag entgegen, dass ich hier
bleiben sollte. Er stellte mir frei, auf wie lang ich mit dem Theater
akkordieren und was ich für meine Verwendungen fordern wollte. Ob ich
Ihnen gleich bei meiner Abreise die Erklärung getan, dass ich vielleicht
den Winter hier zubringen wollte, so zweifelte ich doch heftig bei mir
selber, und ein allmächtiger Hang zu unsrem stillen, herrlichen Leben
behielt schon die Oberhand, als Ihr Brief anlangte und ich erfuhr, dass
Winkelmann zwei Monate bei Ihnen zubringen würde. Sie wissen, meine Beste,
dass mich die Ankunft dieses Herrn selbst aus Bauerbach vertrieben haben
würde, wenn ich noch dort gewesen wäre; wie viel mehr musste sie mich
jetzt von meiner Reise zurückhalten? Ich entschied also für die
Anerbietungen Dalbergs, und vor ungefähr 3 Wochen, wo ich bei ihm an Tafel
war, wurden wir richtig. Ich bleibe bis auf den Mai 1784 hier, und
folgende Punkte sind unter uns festgesetzt:
1) bekommt das Theater von mir drei neue
Stücke – den Fiesco – meine Luise Millerin – und noch ein drittes, das ich
innerhalb meiner Vertragszeit noch machen muss.
2) Der Kontrakt dauert eigentlich ein Jahr,
nämlich vom 1. September dieses Jahrs bis zum letzten August des nächsten;
ich habe aber die Erlaubnis heraus bedungen, die heißeste Sommerzeit wegen
meiner Gesundheit anderswo zuzubringen.
3) Ich erhalte für dieses eine fixe Pension
von 300 fl., wovon mir schon 200 ausbezahlt sind. – Außerdem bekomme ich
von jedem Stück, das ich auf die Bühne bringe, die ganze Einnahme einer
Vorstellung, die ich selbst bestimmen kann, und welche nach Verhältnis 100
bis 300 fl. betragen kann. Dann gehört das Stück dennoch mein, und ich
kann es nach Gefallen, wohin ich will, verkaufen und drucken lassen. Nach
diesem Anschlag habe ich bis zu Ende Augusts 1784 die unfehlbare Aussicht
auf 12 – 1400 Gulden, wovon ich doch 4 – 500 auf Tilgung meiner Schulden
verwenden kann.
Danken Sie mit mir Gott, meine Beste, dass
er mir hier einen Ausweg eröffnet hat, durch Verbesserung meiner Umstände
mich aus dem Wirrwarr meiner Schulden zu reißen und der ehrliche Mann zu
bleiben. Dieser Gesichtspunkt allein, ich gestehe es, kann mich über die
lange Trennung von Ihnen und über den Aufschub meiner angenehmen Entwürfe
trösten und gibt mir jetzt auch den Mut und die ruhige Festigkeit, Ihnen
zu sagen, dass wir uns vor 8 oder 9 Monaten nicht sehen werden. Bis dahin,
meine geliebteste Freundin, übergebe ich Sei dem Arm des unendlichen
Gottes, der uns einander in der bestimmten Stunde glücklich wieder geben
wird. Gedenken Sie meiner in Ihren einsamen Augenblicken, nennen Sie mich
in Ihrem Gebete mit Ihren Kindern Gott und flehen Sie ihn um Schutz für
mein Herz und meine Jugend. Meine Freundschaft – wenn der Gedanke Ihnen
Freude gewähren kann – bleibt Ihnen unwandelbar und gewiss und soll mein
allmächtiges Gegengift gegen alle Verführung sein. – Sie waren die erste
Person, an welcher mein Herz mit reiner unverfälschter Zuneigung hing, und
eine solche Freundschaft ist über allen Wechsel der Umstände erhaben.
Fahren Sie fort, meine Teuerste, mich Ihren Sohn zu nennen, und seien Sie
versichert, dass ich das Herz einer solchen Mutter zu schätzen weiß. Unsre
Trennung, deren Notwendigkeit ich Ihnen nicht erst beweisen darf, wird
meine Gemütsruhe wieder herstellen, eine Ruhe, die ich schon so lange
nicht mehr genossen habe, weil die Unbestimmtheit meiner Aussichten und
der nagende Gedanke meiner Schulden mich unaufhörlich verfolgten. Mein
hiesiger Aufenthalt wird mich auch in meiner Wissenschaft vollkommener
machen und mir desto gerechtere Ansprüche auf ein künftiges Glück
verschaffen. Ich war also diesen Schritt mir selbst und meinem ehrlichen
Namen schuldig, und Gott wird mich weiter führen.
Übrigens, meine Beste, kann ich Ihnen von
meiner hiesigen Lebensart nichts andres als Gutes melden, und vieles
vereinigt sich, mir Nutzen und Vergnügen zu machen. Fremde und
Einheimische suchen mich auf und bemühen sich um meine Freundschaft.
Während meiner Krankheit habe ich die besten Zerstreuungen gehabt, und
mein Zimmer war selten von Besuchern leer. Den Tag vorher, eh ich mich
legte, wurden mir zu Gefallen die Räuber gegeben, und das Haus wimmelte
von Zuschauern. Bei Dalberg speise ich öfters und bei Schwan – zwei
Häusern, wo ausgesuchte Gesellschaft ist, und in dem ersten geht es
fürstlich zu. Im Tehater geh’ ich frei aus und ein wie in meinem eignen
Hause. Sobald ich wieder ausgehen darf, werde ich einige neue
Bekanntschaften von Stande machen, die mich kennen lernen wollen. Ich bin
recht artig logiert. Ach, Beste, wenn Sie mich einmal überraschen sollten!
In einigen Wochen erwarte ich meine Schwestern und werde sei vielleicht 4
Wochen hier behalten. Dafür müssen sie mir aber Hemder machen und Strümpfe
stricken. – Kost, mit Wein und Kaffee, und Logis kommen mich das
Vierteljahr auf 5 Karolin. Meine Equipage nimmt mir aber viel Geld weg,
weil ich noch gar nicht auf den Winter eingerichtet bin. Diese Ausgabe
macht, dass Sie mit diesem Brief noch kein Geld bekommen, hingegen ist die
halbe Einnahme von meinem Fiesco, der auf den Karneval gespielt werden
wird, Ihnen bestimmt, wie auch die halbe Einnahme von meiner Luise
Millerin. Der verdrießliche Vorfall mit des Grünenbaumwirts Schimmel kommt
mir recht ungeschickt, und eigentlich bin ich nichts zu zahlen verbunden,
weil der Gaul hätte geöffnet werden sollen. Doch können Sie, um sich aus
dem Handel zu ziehen, dem Kerl etwas versichern, das ich bezahlen will,
aber sowenig als möglich. Ihre glückliche Kur mit des Flurschützen Kind
war wirklich auch recht angemessen gut, und in der Not waren die Mittel
schon ganz recht. Diese gut gelungene Tat muss ihnen eine wahre, herzliche
Seelenwonne gewesen sein. Könnte ich Ihnen doch zur Versorgung unsres
lieben Wilhelms einmal Glück wünschen, meine Beste! Aber der schleichende
Gang des Herzogs und Obrist Seegers hat mir niemals gefallen wollen. Am
Ende müssen sie aber doch, und die wenigen Monate, die noch bis Dezember
sind, wird Wilhelm doch aushalten können, da er schon dreimal so viele
Jahre überstanden hat. Der guten Lotte empfehlen Sie mich
milliontausendmal. Wär ich doch nur jetzt einen Tag bei Ihnen beiden! –
Wie gern wollt’ ich mich aus allen meinen Verbindungen reißen! – Aber ein
Zeitraum von 8 Monaten ist im ganzen ja nur eine Spanne, und wie bald
misst man diese nicht aus? Dann haben Sie mich wieder, meine Teuerste, und
wenn es der Himmel will, besser und glücklicher. Freuen Sie sich mit mir
nicht auf den herrlichen Augenblick, wenn wir uns wieder entgegenfliegen?
Sehen Sie, diese Hoffnung macht mich auch schon in der Ferne froh, und ich
genieße diese freudige Zukunft schon jetzt. Machen Sie sich diesen Winter
doch ja recht viele Zerstreuungen, Ihre Ökonomie, Ihre Untertanen, Ihre
Kinder und meine Briefe sollen, denk’ ich, Stoff genug dazu sein.
Den 12. September.
Ich brach gestern hier ab, weil ein Brief
von meiner Familie kam. Meine guten Eltern freuen sich außerordentlich,
dass sie mich einigermaßen versorgt wissen und so nahe bei sich haben.
Blad wird mich Mama und eine Schwester besuchen. – Gottlob, meine Beste,
heute ist mein Fieberanfall das dritte Mal ausgeblieben, und ich fühle
mich jede Stunde leichter. Das soll, hoffe ich, meine letzte Krankheit in
Mannheim sein. Da ich nun einmal Bürger darin worden bin, so werde ich
künftig unversehrt bleiben. Ja, meine Freundin, ich habe eine Flut von
Geschäften vor mir, die ich mein ganzes Leben noch nicht gehabt habe. Das
Jahr, das jetzt vor mir liegt, muss über mein ganzes Schicksal
entscheiden. – Wir haben einmal von der Freimaurerei miteinander
gesprochen. Vor einigen Tage hat mich ein reisender Maurer besucht, ein
Mann von der ausgebreitetesten Kenntnis und einem großen verborgenen
Einfluss, der mir gesagt, dass ich schon auf verschiedenen
Freimaurerlisten stünde, und mich inständig gebeten hat, ihm jeden
Schritt, den ich hierin tun würde, vorher mitzuteilen; er versichert mich
auch, dass es für mich eine außerordentliche Aussicht sei. Dem sei, wie
ihm wolle; ich werde jetzt anfangen, mit aller Anstrengung fleißig zu
sein, und mich in mehreren Fächern versuchen. Verlassen Sie sich darauf,
dass Sie mich etwas gescheiter wieder finden.
Dem guten Reinwald sagen Sie tausend schöne
Sachen. Nah und ferne bin ich sein redlicher, treuer Freund, und auch ihn
seh’ ich wieder. Ihrer leiben, guten Mine empfehlen Sie mich vielmal. Ich
denke oft an das gute Schöpf; sie hat sich mir unvergesslich gemacht. Wenn
Sie an Wurmb schreiben, so erzählen Sie ihm die Ursache meiner
Abwesenheit, und versichern Sie ihn meiner ewigen Achtung.
Der Verwalter Vogt wird hoffentlich schwer
mit Geld beladen zurückgekommen sein. Könnte ich doch, wenn ich Bauerbach
wieder sehe, schon den Grundstein zur neuen Kirche gelegt finden! Es
bleibt dabei, dass ich etwas darein stifte. Dem guten Bibraischen Pfarrer
machen Sie auch ein Kompliment von mir, und bleiben sie ihm um
meinetwillen gut. Alles, was mich in und um Bauerbach interessierte, soll
herzlich gegrüßt sein. Die Judith und Bayers Leute lasse ich recht schön
grüßen.
Meinen Rock und manchesterne Hosen könnte
ich zwar sehr wohl hier brauchen. Ich will aber alles bei Ihnen lassen,
weilich doch gewiss wieder komme. Die entlehnten Bücher schicken Sie aber
Reinwald zu, dass er sie an ihre Besitzer zurückschaffe. Jetzt muss ich
abbrechen, meine Liebe, sonst bekommen Sie diesen Brief um einen Posttag
später. Sobald ich ganz gesund bin, erfahren Sie es. Nunmehr 1,000,000,000
Lebewohl von Ihrem Sie ewig liebenden
Sch.
Unsrer Lotte schreibe ich im nächsten Brief
ganz gewiss. Sagen Sie ihr das, und versichern Sie sie meiner ewigen
Freundschaft. Jetzt wird Winkelmann vermutlich bei Ihnen sein und kaum
gedacht werden an den armen entfernten
S.“
Mannheim, den 1. Nov. 1783.
„Ich sehe in den Kalender und finde mit
Schrecken, dass wir schon im November sind und Sie, meine Teuerste, den
ganzen Oktober noch keinen Brief von mir haben. Eigentlich hätte ich Ihnen
nichts Erhebliches zu schreiben gewusst, als dass ich schon 3 – 4 Wochen
wieder ein Rezidiv von dem traurigen kalten Fieber auszustehen hatte und
noch ausstehen muss. Geschäfte und neue Bekanntschaften, die außerhalb
Mannheim meiner warteten, und überhaupt die böse Rhein- und Sumpfluft der
Gegend haben mich zu keiner ganzen Besserung kommen lassen, und
wahrscheinlich werde ich schwerlich vor dem eigentlichen Winter vollkommen
gesund. Doch kann ich in den freien Stunden meine nötigsten Geschäfte
verrichten. – Neues ist für mich nichts vorgefallen, was mein Glück
beträfe. Es bleibt alles bei den Nachrichten meines letzten Briefs, und
ich bin übrigens zufrieden. Von Ihren leiben Kindern habe ich bis jetzt
lauter Gutes erfahren. Von meinen Eltern erwarte ich täglich Briefe. Auch
von der Vischerin, der ich durch einen Landsmann von Ludwigsburg, der mich
hier besuchte, ein Marktpräsent nebst einer Silhouette geschickt habe.
Hier folgt auch eine für sie, meine Beste, wenn mein Andenken anders noch
so viel Wert in Ihrem Herzen hat, dass es neben den lieben Söhnen einen
Platz in Ihrem Zimmer findet. (Doch ist auch der Herzog Georg drin.)
Ich glaube immer, Sie sind wirklich nicht
in Bauerbach. Beinahe wollt’ ich wetten, Sie sind in Roßdorf oder
Walldorf, oder gar in Wolkramshausen. Wo Sie auch sind, begleiten Sei
meine zärtlichsten Wünsche, und Sie sollen überall glücklich sein. Der
guten, lieben Lotte empfehlen Sie mich auf das wärmste und innigste.
Reinwald grüßen Sie hunderttausend Mal und schärfen ihm ein, mir die
bewussten Manuskripte fein gewiss zurück zu schicken. Allenfalls, wenn Sie
mir je von meinen alten Lumpen noch etwas zu schicken haben, ginge das mit
einer Gelegenheit. Verzeihen Sie mir diesmal meine Eilfertigkeit. Viel
habe ich Ihnen nicht zu schreiben, und dann glauben Sie kaum, wie
entsetzlich ich von Dalberg wegen Herannäherung des Karnevals belagert
werde.
Trösten Sie sich, wenn Sie können, damit,
dass Sie und meine Eltern diejenigen sind, denen vor andern
Menschenkindern zehnmal geschrieben wird. Ich bin aus meinem bisherigen
Logis gezogen. Meine Adresse ist also an Schwan. Ewig Ihr wärmster und
innigster Freund und Sohn
F. S.“
Mannheim, den 13. November
1783.
„Meine vorigen Nachlässigkeiten zu
verbessern und mich vorzüglich durch die wiederholte warme Versicherung
meiner noch unverletzten Zärtlichkeit zu entsündigen, will ich Sie heute
auf die Tortur eines 3 Blatt langen Briefs schrauben – eine Exekution, die
Ihnen gewiss heilsam sein wird. Alle Ihre Korrespondenten werden mir’s
danken, dass ich Sie durch meine zu große Dosis von Brief so überfüllte,
dass Sie gewiss nicht mehr wegen zu kurzem und zu nachlässigem
Briefschreiben mit ihnen zanken. – Doch im Ernst, meine Beste, ich habe
eben ein verdrießliches Geschäft geendigt und will mir jetzt in Ihrer
Gesellschaft einen desto süßern Augenblick machen.
Mein böses kaltes Fieber scheint nunmehr
nachlassen zu wollen; denn ich habe bereits drei Tage keinen Anfall
gehabt. Ich lebe aber auch erbärmlich genug, um es vom Halse zu schütteln.
Schon 14 Tage habe ich weder Fleisch noch Fleischbrühe gesehen.
Wassersuppen heute, Wassersuppen morgen, und dieses geht so mittags und
abends. Allenfalls gelbe Rüben, oder saure Kartoffeln, oder so etwas dazu.
Fieberrinde esse ich wie Brot, und ich habe mir sie express von Frankfurt
verschrieben. Ein guter Freund hat mir zu meinem Geburtstag 4 Bouteillen
Burgunder geschickt; - davon wird zuweilen ein Gläschen mit herrlichem
Erfolg getrunken; doch muss ich Ihnen gestehen, dass ich mir äußerst wenig
aus dem Wein mache, so wohlfeil und gut er hier zu haben ist. Mit mehr
Vergnügen trinke ich Bier. Freuen Sie sich also, ich werde mich auf diese
Art bald wieder ins Bauerbacher Leben gewöhnen.
Sobald ich gesund bin, wird überhaupt meine
Kost sehr einfach eingerichtet. In einem Weck wird mein Frühstück
bestehen, um 12 kr. Habe ich aus einem hiesigen Wirtshaus ein Mittagessen
zu 4 Schüsseln, wovon ich noch auf den Abend aufheben kann. Notabene ich
habe mir einen zinnernen Einsatz gekauft. Abends esse ich allenfalls
Kartoffel in Salz oder ein Ei oder so etwas zu einer Bouteille Bier. Dem
ohnerachtet sind meine Ausgaben sehr groß. Wenn ich auch Monats nicht über
11 Gulden fürs Maul aufgehen lasse, so kostet mich mein neues Logis 5 fl.,
das Holz 2 fl. 30 kr. Und darüber, Lichter 1 fl., Friseur 1 Th., Bedienung
von einem Tambour 1 Th., Wäsche 1 Th., Bader 30 kr., Postgeld 1-2 fl.,
Tabak, Papier und tausend Kleinigkeiten ungerechnet. Dann haben Kaufmann,
Schneider und Schuster einen großen Riss in mein Beutelchen gemacht. Die 4
Monate, die ich jetzt von Ihnen entfernt bin, haben mich mit der Reise
hieher bei 250 fl. gekostet, und doch bezahl ich den Kaufmann nur nach
Terminen und habe ihm nicht mehr als ein Drittteil bezahlt, den Schneider
aber ganz, und ein Karolin ist mir aus dem Zimmer gestohlen worden, warum
ich unter anderm auch ausziehe.
Dalberg hat mir in allem ungefähr 42
Dukaten vorgeschossen, und gegenwärtig, da ich das schreibe, hab ich noch
ein halb Karolin im Vermögen. Jetzt aber kommt bessere Zeit. Von heut bis
Januars Ende nehme ich wenigstens 400 fl. ein, wovon Sie, meine Liebe,
wenigstens 150, wo nicht 200 erhalten. Sie hätten dieses Geld ganz
zuverlässig auf den Termin bekommen, den ich Ihnen einmal geschrieben
habe, aber bedenken Sie, dass ich von 4 Monaten meines hiesigen
Aufenthalts 8 – 9 Wochen krank war, welches mich entseztlich zurückgesetzt
hat. Es schadet mir wenigstens über 30 Dukaten. Wenn mir aber Gott nur
jetzt meine Gesundheit wieder schenkt, so will ich sie gewiss auf das
edelste anwenden und mit Weisheit erhalten. Ich habe Dalberg schon bei
Errichtung unsres Kontraktes präveniert, dass ich den Sommer nicht in
Mannheim zubringen würde, meiner Gesundheit wegen. Er war auch damit
zufrieden, - und da ich zu Ende Aprils, höchstens Mais, meinen Vertrag mit
ihm beinahe doppelt erfüllt haben werde, so kann ich ungehindert gehen.
Verlängert sich mein Kontrakt noch auf ein Jahr, so komm ich zu Ende
September nach Mannheim zurück. In der Zwischenzeit werden Sei so gnädig
sein, mich – nicht Flüchtling mehr, sondern Freund – in Bauerbach
aufzunehmen. Beste Wolzogen, nehmen Sie das nicht als eine kahle
Vertröstung oder Grille auf. Gott ist mein Zeuge, dass ich mich schon
jetzt darauf freue, dass ich nur darum gern hier bin, um in besseren
Umständen zu Ihnen zurückzukehren. Das wissen meine hiesigen Freunde auch
sehr wohl und werden oft böse auf mich, dass ich so sehr das Heimweh nach
Sachsen habe. Sollten Sie, meine Liebe, mich so wenig kennen, dass Sie
mich einen Augenblick im Verdacht haben, als ob ich so sehr an der großen
Welt hänge, wie Sie es nennen? Sie kennen meinen Charakter – wissen ganz
meinen Hand zum einfachen, stillen Vergnügen und geräuschlosen Freuden.
Sie werden mir auch hoffentlich einräumen, dass ich in den Vergnügungen
und Verführungen dieser großen Welt kein Neuling mehr bin, dass ich ein
wohl vorbereitetes Herz hineingebracht habe. – Ich will Ihnen aufrichtig
zugestehen, dass zuweilen auch mich eine Trunkenheit umnebeln kann; aber
sie wird gewiss bald verfliegen. Überdies halten Sie meine hiesigen
Verbindungen für zu weitläufig, zu wichtig. Meine Bekanntschaften sind bis
jetzt noch ziemlich eingeschränkt. Das Dalbergsche Haus und das Schwansche
Haus sind die vorzüglichsten. Außer diesen vermenge ich mich mit niemand
genau, und mit den Schauspielern lebe ich höflich und aufgemuntert, sonst
äußerst zurückgezogen. Bök, der Beste an Kopf und Herz, ein wirklich
solider Mann, ist derjenige, mit dem ich am vertrautesten umgehe. Sonsten
besuchen mich viele Gelehrte und Künstler von hier; aber sie kommen und
gehen, ich attachiere mich sehr delikat. Von Frauenzimmern kann ich das
nämliche sagen; - sie bedeuten hier sehr wenig, und die Schwanin ist
beinahe die einzige, eine Schauspielerin ausgenommen, die eine
vortreffliche Person ist. Diese und einige andre machen mir zuweilen eine
angenehme Stunde; denn ich bekenne gern, dass mir das schöne Geschlecht
von Seiten des Umgangs gar nicht zuwider ist. Die Witwe meines Freunds
Meyer, dessen Tod ich hier erleben musste, und ihre Schwester, ein
hübsches Mädchen, beide Stuttgarterinnen, sind mir besonders in meiner
Krankheit sehr lieb geworden. Die erstere kocht mir mein Krankenessen, den
ganzen Tag um 3 Batzen. Sie hat von einer Besoldung von 1500 fl., da ihr
Mann noch lebte, auf 300 fl. herabgehen müssen. Ein schwerer und harter
Fall! – Die vielen Verbindlichkeiten, die ich dem Verstorbenen schuldig
bin, haben mir es zu Pflicht gemacht, seiner Witwe wenigstens mit meiner
Teilnehmung und Freundschaft zu dienen. Trunck, ein katholischer
Geistlicher, dessen Verfolgung und Schicksal Sie im deutschen Museum
gelesen, ist ein guter Freund von mir und hat mich während meiner
Krankheit öfters besucht. Er ist ein lebendig herumgehender Beweis, wie
viel Böses die Pfaffen zu stiften imstande sind. Die Staatsrätin von la
Roche kenne ich sehr gut, und diese Bekanntschaft war eine der
angenehmsten meines ganzen hiesigen Lebens. Sie setzte Schwan so lange zu,
mich nach Speyer zu bringen, dass ich wirklich, für meine Gesundheit zu
früh, vor ungefähr 6 Wochen ausging und mit ihm, seiner Tochter und Hofrat
Lameys Tochter die Reise machte. Wir haben in großer Gesellschaft mit ihr
zu Mittag gespeist, wo ich wenig Gelegenheit fand, sie recht zu genießen;
doch fand ich gleich, was der Ruf von ihr ausbreitet, die sanfte, gute,
geistvolle Frau, die zwischen fünfzig und sechzig alt ist und as Herz
eines neunzehnjährigen Mädchens hat. Acht Tage darauf zieht mich ein
Landsmann, M. Christmann von Ludwigsburg, wieder nach Speyer, wo ich sie
eine Abendstunde lang ganz genoss und mit Bezauberung von ihr ging. Ich
weiß und bin stolz darauf, dass sie mit mir zufriedne war. Bei ihr habe
ich mir ebenso schätzbare Bekanntschaft gemacht: Baron von Hohenfeld,
Domherr zu Speyer, der mit Herrn von la Roche in Diensten des Kurfürsten
von Trier war und welcher, da der erstere wegen gewisser Umstände, die ihm
Ehre machen, mit Ungnade seine Dimission bekam, seinem Freunde das Opfer
brachte, seine Entlassung zugleich zu begehren, und die ihm angebotene
lebenslängliche Pension unter der Bedingung ausschlug, dass sie Herrn von
la Roche gegeben würde.
Dieser Herr von Hohenfeld, der jetzt die
ganze la Rochische Familie in seinem Haus bei sich hat, worin er nur ein
Zimmer und eine Kammer für sich behielt, ist der edelste Mann, den ich
kennen lernte, und mein Freund. Ein solcher Mann kann mich mit dem ganzen
menschlichen Geschlecht wieder aussöhnen, wenn ich auch um ihn herum 1000
Schurken wieder begegnen muss. – Es freut mich, dass Sie der la Roche
geschrieben haben. In Zukunft lassen Sie mich die Mittelsperson sein, denn
ich möchte gar gern zwei solche liebe, gute Menschen, wie Sie sind,
miteinander –
Am 14. November.
Stellen Sie sich vor, meine Beste, wie
angenehm ich gestern in dem Fortschreiben unterbrochen wurde! – Man klopft
an mein Zimmer. Herein! – Und herein treten – stellen Sie sich meinen
fröhlichen Schrecken vor – Professor Abel und Batz, ein andrer Freund von
mir. Beide haben, um der Stuttgarter Seuche zu entgehen, eine Reise nach
Frankfurt getan, kommen hier durch und bleiben von gestern bis heute vor
einer Viertelstunde bei mir. Wie herrlich mir in den Armen meiner
Landsleute und innigen Freunde die Zeit floss! Wir konnten vor lauter
Erzählen und Fragen kaum zu Atem kommen. Sie haben bei mir zu Mittag und
zu Abend gegessen (sehen Sie! Ich bin schon ein Kerl, der Tafel hält), und
bei dieser Gelegenheit waren meine Burgunder-Bouteillen wie vom Himmel
gefallen. Um sie ein wenig herum zu führen, bin ich heute und gestern
wieder ausgegangen. Schadet nichts, wenn ich jetzt auch später gesund
werde; hab’ ich ja doch ein unbeschreiblich Vergnügen gehabt. Abel, der
meinen Aufenthalt bei Ihnen weiß, sagt mir, dass einige Personen von
Stuttgart darum wissen, dass aber das Gerücht nicht weiter gekommen und
sich ganz verloren habe. Der württembergischen Neuigkeiten sind gar keine,
oder sehr wenige. Die Akademie ist eben noch das alte ewige Einerlei.
Leutnant M… von den Husaren hat die Scharlotte des General St…s in der
Geschwindigkeit heiraten müssen. Der ehrgeizige, große Projekte
schmiedende M., der im Geist schon in Wien durch sein Maul und seine Figur
kommandierte und sich schon als Minister oder Feldmarschall sah, bleibt
zuletzt an einem H-kind, oder was noch schlimmer ist, an einer – selbst
hangen. Gottlob! So gibt es doch noch außer mir Narren, und größere. Ich
wollte nur Pfarrer werden – und bleibe hangen am Theater! – Meine lieben
Landsleute haben nur auf 3 Tage Urlaub gehabt, sind schon 10 Tage aus und
reisen in aller Eil beim erbärmlichsten Wetter fort. Denken Sie einmal,
beide sind zu Pferd – Professor Abel mit Sporen in den Mannheimer Gassen;
beide mit Hirschfänger und runden Hüten, wie Studenten von Jena! – Endlich
wird doch Stuttgart gewiss, wo ich bin und wie mir’s geht! Herzlich lieb
ist mir’s, dass das letzte zu meinem Vorteil beantwortet werden kann.
Einen andern Spaß hab’ ich auch erlebt. Den
19. des Monats ist der Namenstag der Kurfürstin, und hier werden die
Namenstage und nicht die Geburtstage gefeiert. Man bittet mich, zur Feier
desselben eine öffentliche poetische Rede zu machen, welche in Gegenwart
der Kurfürstin und des Mannheimer Publikums auf dem Theater sollte
abgelegt werden. Ich mache sie, und nach meiner verfluchten Gewohnheit
satirisch und scharf. Heute schick’ ich sie Dalberg – er ist ganz davon
bezaubert und entzückt, aber kein Mensch kann sie brauchen, denn sie ist
mehr ein Pasquill als Lobrede auf die beiden kurfürstlichen Personen. Weil
es jetzt zu spät ist, und man das Herz nicht hat, mir eine andre
zuzumuten, wird die ganze Lumpenfête eingestellt. Dalberg aber tut es
nicht anders; er will meine Rede drucken lassen.
Warum ich noch niemand von meiner Familie
hier gehabt? Fragen Sie. Der wahre Grund sind die Unkosten auf beiden
Seiten, die mir und meinen Eltern jetzt zu dieser Zeit schwer fallen
würden. Ernstlich brauchten meine Mutter und Schwestern zu einer nur ein
wenig anständigen Equipierung, weil hier in Mannheim entsetzlich viel
Staat gemacht wird, und zu der Reise eine zu große Summe Geld. Ich, auf
den die Unkosten ihres Aufenthalts (wenigstens 40 – 50 Gulden) fielen,
habe gerade bisher die meisten Ausgaben gehabt und könnte das Geld ohne
Schaden nicht auftreiben. Die Reise muss deswegen auf das Frühjahr
verschoben werden. So seh’ ich alsdann 2 herrlichen Besuchen entgegen.
Einer, der mir gemacht wird, und ein andrer, ebenso angenehmer, den ich
mache.
Die liebe, gute Lotte hat immer noch keinen
Brief von mir; - aber plötzlich werd’ ich mich einmal einstellen.
Empfehlen Sie mich ihr auf das wärmste. Das nämliche gilt von der
schriftstellerischen Tante. Reinwald erinnern Sie an die Manuskripte.
Sie selbst leben glücklich, wie Engel im
Himmel, wenn meine Wünsche was gelten. – Behalten mich lieb – und glauben
mit Zuversicht, ohne meine Versicherung, dass ich ewig bin Ihr
Schiller.“
Mannheim, am neuen Jahr 1784.
„Was, um Gotteswillen! Ist Ihnen
widerfahren, meine Freundin, dass Sie mir schon ganze Monate lang keine
Spur Ihres Daseins mehr geben und meinen letzten, fünf Blatt langen Brief
so ganz unbeantwortet lassen? – Da ich mir keine Veränderung Ihrer
Denkungsart vorstellen kann, so muss ich notwendig eine Krankheit
anklagen; denn dass Ihr Brief oder der meinige liegen geblieben, ist ganz
unwahrscheinlich. Ich beschwöre Sie, meine Beste, lassen Sie ich nicht
länger in einer so traurigen Ungewissheit, die mir in meiner jetzigen Lage
(denn noch bin ich nicht von Fieber frei) äußerst schwer auffällt.
Denken Sie sich in meine äußerst
anstrengende Situation. – Um mit Anstand hier zu leben und die mir
vorgesetzte Summe Geld zur Bezahlung meiner Schulden herauszuschlagen, -
um zugleich die Ungeduld des Theaters und die Erwartungen des hiesigen
Publikums zu befriedigen, habe ich unter meiner Krankheit mit dem Kopf
arbeiten müssen und durch starke Portionen China meine wenigen Kräfte so
hinhalten müssen, dass mir dieser Winter vielleicht auf zeitlebens einen
Stoß versetzt. In 10 Tagen wird der Fiesco mit allem Aufwand bei Eröffnung
des hiesigen Karnevals gegeben, und diese Lustbarkeiten dauern 2 Monate
fort und werden mich ziemlich inkommodieren, denn ich muss meine Stücke
alle selbst anordnen. Sonsten bin ich mit meinen hiesigen Verhältnissen
zufrieden, und ich genieße das ganze Vertrauen und die Achtung Dalbergs.
Doch was schreib’ ich dergleichen? –
Vielleicht haben Sie mich ganz vergessen, vielleicht sind Sie meine
Freundin nicht mehr, - vielleicht – Gott bewahre mich! – Krank? – Ich
bitte Sie bei allem, was Ihnen teuer ist, reißen Sie mich aus dieser
entsetzlichen Unruhe; nur zwei Worte, und dann will ich Ihnen wieder genug
antworten.
Also hören Sie! Nur eine kurze
Versicherung: Ich bin Ihre Freundin wie vorher, und Sie machen einen
fröhlichen Mann aus Ihrem zärtlichen
Schiller.“
An Wilhelm von Wolzogen.
Mannheim, den 18. Januar
1784.
„Bester Freund! Dass Sie mir ja nicht wegen
meinem langen Stillschweigen böse werden, davon Sie den wichtigsten Grund
schon selbst erraten haben. Wahrhaftig, ich kann mir meinen Leichtsinn und
meine Nachlässigkeit in Beantwortung der Briefe nicht vergeben, - und noch
weniger abgewöhnen. Eltern und Freunde und Buchhändler klagen über mich.
Glauben Sie indessen, mein Bester, dass diese Unrichtigkeit im Schreiben
in gar keinem Zusammenhang mit meiner Freundschaft und meinem Herzen ist.
Wie sehnlich wünschte ich Ihr Schicksal zu
Ihrem Vorteil entschieden! Wie ganz fühle ich Ihre Lage! – Es war auch die
meinige. Sollten Sie aber am Ziele noch unterliegen? – Sie haben eine
Meile zurückgelegt. Machen Sie immer auch diese Spanne noch. Es wird sich,
es muss sich bald auflösen.
Ihre Neigungen, Jurist zu werden, hat
insofern meinen vollkommensten Beifall, wenn Sie Ihrem jetzigen Fach nicht
ganz ungetreu werden wollen. Die Verbindung der Jurisprudenz mit dem
Studium der Finanzen berechtigt Sie zu den größten und fruchtbarsten
Posten in einem Staat und öffnet Ihnen eine der glänzendesten Bahnen –
aber, mein Lieber, werden Sei sich in diesem neuen, weitschichtigen Feld
nicht zu sehr verlieren? Wird die notwendige Beschäftigung mit den
Elementen einer so trockenen Wissenschaft Ihrem nach tätigem Denken
verlangenden Geist nicht unerträglich werden? Wird es Ihre Seelenkräfte
nicht teilen? – Die Engländer werfen sich mit allen Geisteskräften auf
einen oft eingeschränkten Teil einer Wissenschaft und Kunst und werden in
diesem einzig und groß. – Es ist gefährlich, die Fläche zu weit
auseinander zu breiten; denn sie wird in eben dem Grade dünner und
schwächer. Indes können sie von Ihrem Talent und Ihrer Jugend mit Recht
einen glücklichen Fortgang erwarten. Ich bin auch darin ganz Ihrer
Meinung, dass Württemberg nicht notwendig die Sphäre Ihrer Wirksamkeit
sein müsse. Immer arbeiten sie über diese hinaus – doch werden Sie
vielleicht einige Jahre mit Vorteil hier wirken. Man ficht anfänglich ja
auch nur mit dem Rapier – und lernt damit Fertigkeit und Gewissheit auf
dem ernsthafteren Degen.
An meiner sächsischen Reise auf den Sommer
soll mich nichts als Krankheit und Tod hindern, – und diese, mein Bester,
machen wir miteinander. – Dieser Zeitpunkt verspricht mir die seligsten
Augenblicke. Aber sagen sie mir doch, Lieber, was muss geschehen sein,
dass Ihre Mama mir schon auf 2 große Briefe nicht mehr geantwortet hat, da
sie doch immer in diesem Punkt mich beschämt hat? Morgen werde ich den
dritten schreiben, und wenn dieser das nämliche Schicksal hat, so weiß ich
nicht mehr, was ich denken soll. Briefe können nicht wohl liegen bleiben –
ich muss eine Krankheit anklagen, da keine erkältete Freundschaft
stattfinden kann. – Über diesen Punkt, liebster Freund, beruhigen Sie mich
doch bald. Sie können Ihrer Mutter vielleicht feuriger leiben, –
vielleicht auch nicht; aber mehr Ursache als ich können Sie nicht dazu
haben.
Die vorige Woche hat man hier auf das
prächtigste meinen Fiesco gegeben, und diesen Karneval über wird er noch
zweimal wiederholt. Wirklich druckt man an meiner Luise Millerin, welche
in höchstens 4 Wochen zu haben sein wird. Ich bin jetzt Mitglied der
kurfürstlich deutschen Gelehrtengesellschaft und also mit Leib und Seele
kurpfälzischer Untertan. – Diese Kleinigkeiten interessierten Sie
vielleicht nicht weniger, als mich, mein Bester, die Ihrigen.
Empfehlen Sie mich meinen Freunden in der
Akademie, Professor Abel, Batz, Lempp, dem ich nächstens schreibe, und
allen übrigen, die mich nicht ganz vergessen haben. Ewig der Ihrige.
Schiller.“
An Frau von Wolzogen.
Mannheim, den 11. Februar
1784.
„Sie erwarten statt eines leeren Briefs
wahrscheinlich etwas Besseres, aber nur in der Geschwindigkeit schreibe
ich Ihnen, dass es mir ganz unmöglich ist, jetzt zu bezahlen. Das
unglückliche Schicksal mit dem Wasser hat auch mittelbar auf mich den
schlimmsten Einfluss gehabt, denn der Karneval ist ganz unfruchtbar und
tot, weil kein Fremder hierher kam und Furcht und Mangel jedermann
niederschlagen, so dass ich, ohne 100 Gulden zu verlieren, es nicht habe
wagen können, bisher auf eine Theater-Einnahme meines Fiesco zu dringen.
Sobald aber das Unglück nur in etwas gehoben ist, so geschieht es für mich
mit desto mehr Nutzen. – Wenn es möglich ist, dass Israel3)
bis Ostern wartet, so ist alles gut – wo nicht, so muss ich Geld auf
Judenzins aufnehmen, um sie nicht stecken zu lassen. Schreiben sie mir das
gleich, meine Beste, denn um alles in der Welt möchte ich Sie nicht in
Verlegenheit setzen. Proponieren sie es Israel, ich gebe mein Ehrenwort,
auf Ostern 8 Karolin zu schicken, weil ich bis dahin erst meine
Theater-Einnahme aussetzen muss. Will er aber nicht, so muss ich Rat
schaffen, es mag mich auch kosten, was es will. Auf Ostern hoffe ich auch
den Wirt und den Schulmeister bezahlen zu können – wenigstens doch zu Ende
Aprils. Sie glauben nicht, Liebe, wie kostbar dieser unglückliche Winter
hier für mich worden ist – und gestern musste ich 50 Gulden nach Stuttgart
schicken, weil das unaufschieblich gewesen.
Gestern kam die kurfürstliche Bestätigung
meiner Aufnahme in die Teutsche Gesellschaft; dieses, meine Beste, ist ein
großer Schritt zu meinem Etablissement, denn jetzt bleib ich.
Noch einmal, liebste Freundin, suchen Sie,
dass Sie Israeln bis Ostern beruhigen. – Ist es aber nicht möglich, so
will ich lieber Himmel und Erde bewegen, als Sie in Stich lassen.
Schreiben Sie das bald Ihrem ewig treuen Freund
Schiller.“4)
Mannheim, den 26. Mai 1784.
„Nunmehr, meine Beste, kann ich Ihnen mit
freiem unbefangenem Herzen wieder schreiben, da Sie mich aufs neue Ihrer
Freundschaft versichern und die meinige nicht zurückstoßen. Gewiss, meine
Teuerste, nicht einen Augenblick haben sie aufgehört, mir das zu sein, was
Sie mir immer waren – nur der Eigensinn meines Schicksals konnte mich in
Lagen versetzen, worin ich gezwungen war, mein eignes Herz zu verleugnen.
– Es ist vorbei – es soll wenigstens vorbei sein, und eine glücklichere
Zukunft mache den Fehler der Vergangenheit wiederum gut.
Zur endlichen Erlösung und Versorgung Ihres
Wilhelms wünsche ich Ihnen tausendmal Glück. Er hat lang darum bluten
müssen und wird jetzt die Freuden der Freiheit desto lebhafter fühlen. Das
Angenehmste an der Sache war mir, dass meine Furcht, er würde nach
Hohenheim versetzt werden, ungegründet gewesen. Nun, hoffe ich, wird es
doch eines von seinen ersten Geschäften sein, seine liebe Mutter und
Schwester zu besuchen. – Natürlicherweise führt ihn dann, zwar nicht der
nächste Weg, aber doch der Weg der Freundschaft über Mannheim; ich habe
die Freude, meine Zärtlichkeit gegen die Mutter dem Sohn zu beweisen und
Ihre unbegrenzte Liebe zu mir, Ihre vielen Aufopferungen für mich durch
eine innige Freundschaft mit Ihrem Liebling in etwas wenigstens zu
belohnen. Bringen Sie es ja dahin, meine Beste, dass Wilhelm hier
durchreist – wer weiß, ob er mich dann nicht in einer Lage antrifft, die
mir gestattet, ihn zu begleiten?
Ihren Aufenthalt in Ihrem einsamen Hüttchen
beneide ich, und dieses umso mehr, da mich die sengende Hitze des hiesigen
Klimas alles für meine Gesundheit befürchten lässt. Schon jetzt ist die
Luft hier so glühend, wie sie nur unter der Linie sein kann, und die
Winde, statt abzukühlen, brennen, als wenn sie aus einem Backofen kämen. –
Den 7. Juni.
Dieser angefangene Brief ist entsetzlich
lang liegen geblieben. Neulich, wie ich im Schreiben begriffen war, lassen
mich Fremde in den Pfälzer Hof bitten und bereden mich zu einer Reise nach
Heidelberg. Ich komme mit meinem lieben Fieber zurück, und heute finde ich
den angefangenen Brief an Sie unter meinen Papieren wieder. Ich will ihn
also den Augenblick fortsetzen.
Vor einem Monat waren Herr und Frau von
Kalb hier und machten mir durch ihre Gesellschaft einige sehr angenehme
Tage. Die Frau besonders zeigt sehr viel Geist und gehört nicht zu den
gewöhnlichen Frauenzimmerseelen. Sie ließen mich wenig von ihrer Seite,
und ich hatte das Vergnügen, ihnen einiges Merkwürdige in Mannheim zu
zeigen. Jetzt sind sie weiter nach Landau – haben aber versprochen, öftere
Besuche hier abzulegen.
Gestern bekomme ich wieder Visitenkarten
von Herrn v. Beulwitz und Frau v. Lengefeld5),
die aus der Schweiz zurückkommen. – Das Unglück aber traf es, dass ich
eben nicht zu Hause bin, und kaum kam ich noch zeitig genug, Abschied von
ihnen zu nehmen. Sie hoffen, durch Meinigen zu kommen, und werden Ihnen
also ohne Zweifel in Bauerbach eine Überraschung machen. Unterdessen soll
ich Ihnen tausend Empfehlungen schreiben. Sie glauben nicht, meine Beste,
wie teuer mir alles ist, was von Ihnen spricht und nach Ihnen verlangt.
Dass ich in Frankfurt gewesen, wissen Sie
vermutlich durch Reinwald, von dem Sie auch noch andere Kleinigkeiten von
mir hören können, oder bitten Sie ihn, Ihnen meinen letzten Brief zum
Lesen zu geben. Ich kann nicht leugnen, dass mir die Zeit meines Hierseins
schon manches Angenehme und Schmeichelhafte widerfahren ist; aber es ging
doch nie bis auf den Grund meines Herzens, und dieses blieb noch immer
kalt und leer. Krankheit und Überhäufung von Geschäften gossen zu viel
Bitteres in mein bisheriges Leben, und nie, nie werde ich jene frohen
heiteren Augenblicke zurückrufen können, die ich die Zeit meines
Aufenthalts in Bauerbach so reichlich genoss. Wenn ich jetzt ernsthaft
über meine Schicksale nachdenke, so finde ich mich seltsam und sonderbar
gerührt. Nie kann ich ohne Bewegung der Seele an den Spaziergang in Ihrem
Wald zurückdenken, wo es beschlossen wurde, dass ich eine Zeit lang
verreisen sollte. Wer hätte damals gedacht, dass ein ungefährer Gedanke so
viel in meinem Schicksal verändern würde? – und doch hat dieser Gedanke
vielleicht für mein ganzes Leben entschiedne. War mein Aufenthalt in
Bauerbach etwa nur eine schöne Laune meines Schicksals, die nie wieder
kommen wird? War es ein Gebüsch, wo ich auf meiner Wanderung hangen blieb,
um desto stärker wieder mitten in den Strom gerissen zu werden? – Noch
liegt eine undurchdringliche decke vor meiner Zukunft. – Ich kann nicht
einen Augenblick sagen, wie lang mein hiesiger Aufenthalt dauern wird.
Gegenwärtig wenigstens könnte ich ihn unmöglich abreißen, da mich
tausenderlei Fäden binden und meine Verfassung mich gegenwärtig drängt,
auf eine gewisse Zeit zu kontrahieren. Dass ich aber, früher oder später,
eine Reise zu Ihnen machen kann, bin ich vollkommen gewiss und überzeugt,
und selbst der bedenkliche Artikel der Unkosten wird mir dann erleichtert
werden, wenn meine Hoffnungen wahrsagen.
Vor einigen Tagen widerfährt mir die
herrlichste Überraschung von der Welt. Ich bekomme Pakete aus Leipzig und
finde von 4 ganz fremden Personen Briefe voll Wärme und Leidenschaft für
mich und meine Schriften. Zwei Frauenzimmer, sehr schöne Gesichter, waren
darunter. Die eine hatte mir eine kostbare Brieftasche gestickt, die
gewiss an Geschmack und Kunst eine der schönsten ist, die man sehen kann.
Die andere hatte sich und die 3 andern Personen gezeichnet, und alle
Zeichner in Mannheim wundern sich über die Kunst. Ein dritter hatte ein
Lied aus meinen Räubern in Musik gesetzt, um etwas zu tun, das mir
angenehm wäre. Sehen Sie, meine Beste, so kommen zuweilen ganz unverhoffte
Freuden für Ihren Freund, die desto schätzbarer sind, weil freier Wille
und eine reine, von jeder Nebenabsicht reine, Empfindung und Sympathie der
Seelen die Erfinderin ist. So ein Geschenk von ganz unbekannten Händen –
durch nichts als die bloße reinste Achtung hervorgebracht – aus keinem
andern Grund, als mir für einige vergnügte Stunden, die man bei Lesung
meiner Produkte genoss, erkenntlich zu sein – ein solches Geschenk ist mir
größere Belohnung als der laute Zusammenruf der Welt, die einzige süße
Entschädigung für tausend trübe Minuten. – Und wenn ich das nun weiter
verfolge und mir denke, dass in der Welt vielleicht mehr solche Zirkel
sind, die mich unbekannt leiben und sich freuten, mich zu kennen, dass
vielleicht in 100 und mehr Jahren – wenn auch mein Staub schon lange
verweht ist – man mein Andenken segnet und mir noch im Grabe Tränen und
Bewunderung zollt – dann, meine Teuerste, freue ich mich meines
Dichterberufes und versöhne mich mit Gott und meinem oft harten
Verhängnis.
Sie werden lachen, liebste Freundin, wenn
ich Ihnen gestehe, dass ich mich schon eine Zeit lang mit dem Gedanken
trage, zu heiraten. Nicht, als wenn ich hier schon gewählt hätte, im
geringsten nicht, ich bin in diesem Punkte noch so frei, wie vorhin – aber
eine öftere Überlegung, dass nichts in der Welt meinem Herzen die
glückliche Ruhe und meinem Geist die zu Kopfarbeiten so nötige Freiheit
und stille leidenschaftslose Muße verschaffen könne, hat diesen Gedanken
in mir hervorgebracht. Mein Herz sehnt sich nach Mitteilung und inniger
Teilnahme. Die stillen Freuden des häuslichen Lebens würden, müssten mir
Heiterkeit in meinen Geschäften geben und meine Seele von tausend wilden
Affekten reinigen, die mich ewig herumzerren. Auch mein überzeugendes
Bewusstsein, dass ich gewiss eine Frau glücklich machen würde, wenn anders
innige Liebe und Anteil glücklich machen kann – dieses Bewusstsein hat
mich schon oft zu dem Entschlusse hingerissen. Fände ich ein Mädchen, das
meinem Herzen teuer genug wäre! Oder könnte ich Sie beim Wort nehmen und
Ihr Sohn werden. Reich würde freilich Ihre Lotte nie – aber gewiss
glücklich.
Den 15. Juni.
Der Brief ist wieder ein paar Tage
unterbrochen worden. Ich überlese ihn jetzt und erschrecke über meine
törichte Hoffnung. – Doch, meine Beste, so viele närrische Einfälle, als
Sie schon von mir hören mussten, werden auch diesen entschuldigen. Leben
Sie wohl und empfehlen ich tausendmal Ihrer lieben Lotte; grüßen Sie auch
die Tante – an Wilhelm will ich die nächste Woche schreiben. Wenn er mich
nur hier überraschte! – Ich habe gehört, dass Herr von Winkelmann über
Mannheim nach Meiningen gehen werde. Es sollte mich herzlich freuen, wenn
er einige Tage bei mir zubringen wollte. Für Ihren Freund und auch für den
meinigen kann ich doch nie zu viel tun. Tausendmal leben Sie wohl, meine
Beste, und erinnern sich Ihres Ihnen ewig treuen Freundes
Friedrich Schiller.“
Mannheim, den 8. Oktober
1784.6)
„Ihr Brief, meine Teuerste, und die
Situation, in welcher ich mich mit Ihnen befinden muss, hat eine
schreckliche Wirkung auf mich gemacht. Unglückliches Schicksal, das unsere
Freundschaft so stören musste, das mich zwingen musste, in Ihren Augen
etwas zu scheinen, was ich niemals gewesen bin und niemals werden kann,
niederträchtig und undankbar. Urteilen Sie selbst, meine Beste, wie weh es
mir tun muss, auch nur einen Augenblick in der Liste derjenigen zu stehen,
die an Ihnen zu Betrügern geworden sind. Gott ist mein Zeuge, dass ich es
nicht verdiene. Aber jetzt ist es zu nichts nütze, so allgemein über unser
Verhältnis zu reden. Nur das einzige überlegen Sie bei sich selbst, ob
eben diese entsetzliche Beschämung, mit der ich an meine Wohltäterin
denken muss, mein bisheriges Stillschweigen nicht einigermaßen – ich will
nicht sagen, entschuldigt – doch wenigstens begreiflich macht.
Wie oft und gern wäre ich in den
Bedrängnissen meines Herzens, in der Bedürfnis nach Freundschaft zu Ihnen,
meine Teuerste, geflogen, wenn nicht eben die schreckliche Empfindung
meiner Ohnmacht, Ihren Wunsch zu erfüllen und meine schulden zu
entrichten, mich wieder zurückgeworfen hätten. Der Gedanke an Sie, der mir
jederzeit so viel Freude machte, wurde mir, durch die Erinnerung an mein
Unvermögen, eine Quelle von Marter. Sobald Ihr Bild vor meine Seele kam,
stand auch das ganze Bild meines Unglücks vor mir. Ich fürchtete mich,
Ihnen zu schreiben, weil ich Ihnen nichts, immer nichts, als das ewige:
Haben Sie Geduld mit mir, schreiben konnte.
Aber Ihr jetziger Brief fiel mir sehr auf
die Seele. Ich sehe Sie leiden, das ist entsetzlich. Ich muss, ich will
wahr und aufrichtig gegen Sei sein. Vielleicht beruhigt Sie das, und ich
hoffe, das soll es.
Jetzt gleich kann ich Ihnen unmöglich etwas
von meiner Schuld bezahlen. Es ist schrecklich, dass ich das sagen muss,
aber schämen darf ich mich nicht, denn es ist Schicksal. Man ist nicht
deswegen strafbar, weil man unglücklich ist. Ich bin fast das ganze
verflossene Jahr krank gewesen. Ewig nagender Gram, Ungewissheit meiner
Aussichten kämpfte gegen meine Wiedergenesung. Dieses allein ist Ursache,
dass mein Plan so vereitelt ist. Wäre das nicht gewesen, Sie würden gewiss
größtenteils bezahlt worden sein. Kann ich dafür, dass es so gehen musste?
Aber jetzt sind meine Entwürfe gemacht, und das mit reifer, vollkommener
Überzeugung. Wenn ich jetzt auf meinem Weg nicht beunruhigt werden, so ist
meine Zukunft gegründet. Ich komme in Ordnung und werde in den Stand
gesetzt sein, auf den letzten Heller zu bezahlen. Nur jetzt muss ich Luft
haben, bis meine Sachen im Gange sind; wenn ich jetzt gelähmt werde, so
bin ich auf immer gelähmt.
In dieser Woche kündige ich ein Journal7)
an, das ich auf Subskription herausgebe. Dazu sind mir von vielen Orten
her die Hände geboten worden, und meine Hoffnungen sind die besten. Wenn
ich 500 Subskribenten bekomme, welches kaum fehlen kann, da ich sehr gute
Maßregeln dazu ergriffen habe, so bleiben mir nach Abzug aller Unkosten
1000 Gulden fixe Revenue. Außer diesem gehen meine Einnahmen von Stücken
fort, und alles beruht auf meinem Fleiß und meiner Gesundheit.
Der Gedanke, Ihnen, meine Beste, aus der
Bedrängnis zu helfen und Ihnen etwas von meiner unendlichen
Verbindlichkeit abzutragen, wird meinen Eifer beleben – der Wunsch,
endlich einmal in Ordnung und Ruhe mich zu fühlen, wird mich spornen, alle
Kräfte meines Geistes aufzubieten. Meine Lebensart ist rangiert, und ich
darf sagen, dass ich kein leichtsinniger Verschwender mehr bin. Eher will
ich mir alles entziehen, als diejenige leiden lassen, der ich alles, alles
schuldig bin. Ich gebe Ihnen also, feierlich und fest, die gewisse
Erklärung, dass Sie von heute an bis zu Ende 1785 terminweis ganz bezahlt
werden sollen. Zu dem Ende habe ich meine schuld auf 3 Wechsel
eingerichtet, die ich nach den Zeiträumen, wie sie benannt sind, abtragen
werde. Zählen Sie auf diese Versicherung. Ich weiß gewiss, dass Gott meine
Gesundheit zu diesem edeln Zwecke fristen wird. Sie, als Edeldame, werden
doch auf so lange Kredit gewinnen können. Das sind die Gläubiger in der
ganzen Welt ihren Schuldnern schuldig, wenigstens ein Jahr, 2 Jahre über
die Zeit zu warten, wenn sie nur dann gewiss befriedigt werden, und das
sollen Sie, darauf bauen Sie.
Ich darf Ihnen die Versicherung geben,
meine Beste, dass ich in keinem Stücke anders worden, als ich war – dass
nur mein trauriges Verhältnis zu Ihnen, meine Empfindlichkeit, so viel
schuldig zu sein und nichts abtragen zu können, mich bisher abhielt, mich
mit Ihnen zu unterhalten. Sie waren meinem Herzen immer gleich wert und
teuer und werden es ewig sein. Ich kann das nie werden, was Sie besorgen,
aber Umstände und Schicksal können zuweilen die Außenseite unkenntlich
machen. Entziehen Sie mir also Ihre Liebe nie. Sie sollen und werden mich
noch ganz kennen lernen, und vielleicht lieben Sie mich dann mehr. Aber
leben Sie zuweilen für Ihren Freund, der jetzt mehr als jemals Mut und
Kräfte braucht, seinen Recht schaffenden Entschluss auszuführen.
Schreiben Sie mir bald, sehr bald, ob ich
hoffen kann, Sie beruhigt zu haben. Wenn ich weiß, dass Sie mir vergeben –
dass Sie auf meine Versicherung bauen und dadurch ruhiger sind, so sollen
Sie an der Verdoppelung meiner Briefe finden, dass Sie mir unveränderlich
teuer sind. Lassen Sie dieses Verhältnis, das nur noch Monate dauern kann,
eine Freundschaft nicht stören, die so rein, so innig und unter Gottes
Augen geschlossen war. Also nächstens erwarte ich einen Brief, und dann
rechnen Sie darauf, dass ich die Antwort keinen Tag mehr verschiebe.
Ewig ohne Veränderung
Ihr Freund
Fried. Schiller.“
Ü
Þ
1)
Schiller hatte Bauerbach am 20. Juli verlassen.
2) Eine Wolzogen’sche
Dienstmagd in Bauerbach, die als Botin zur Besorgung von Schillers
Korrespondenz nach Meiningen benützt wurde.
3) Hiernach ist
anzunehmen, dass Schiller in Bauerbach oder Meiningen zu seiner Mannheimer
Reise bei einem Juden namens Israel ein Darlehen aufgenommen, für welches
Frau von Wolzogen gut gesagt hatte.
4) Dieser Brief, den
Karoline von Wolzogen aus begreiflichen Rücksichten nicht mitteilt, ist
aus „Schillers Beziehungen zu seinen Eltern und Geschwistern“ abgedruckt;
er schien uns notwendig, um des Dichters Verhältnis zu der edeln Frau ins
rechte Licht zu setzen und die Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen
hatte, recht anschaulich zu machen.
5) Schillers nachherige
Schwiegermutter, nebst ihren beiden Töchtern Charlotte und Karoline,
erstere die spätere Gattin Schillers, letztere die Verfasserin obiger
Biographie (Vgl. weiter unten Fünfter Abschnitt)
6) Abgedruckt aus
„Schillers Beziehungen“
7) Die Rheinische
Thalia, deren Programm am 11. November 1784 erschien.
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