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Schiller, Friedrich
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Wolzogen
Vorwort
Einleitung
1. Abschnitt
2. Abschnitt
3. Abschnitt
4. Abschnitt
5. Abschnitt
6. Abschnitt
7. Abschnitt
8. Abschnitt
9. Abschnitt
10. Abschnitt
11. Abschnitt
12. Abschnitt |
Erster Abschnitt Eltern, Kindheit, Studien, Jugend
Die Sitte und Denkart des väterlichen Hauses, in
welchem Schiller die Jahre seiner Kindheit verlebte, war nicht
begünstigend für die frühzeitige Entwicklung vorhandener Fähigkeiten, aber
für die Gesundheit der Seele von wohltätigem Einfluss. Einfach und ohne
vielseitige Ausbildung, aber kraftvoll, gewandt und tätig für das
praktische Leben, bieder und fromm war der Vater. Als Wundarzt ging er im
Jahr 1745 mit einem bayrischen Husarenregiment nach den Niederlanden, und
der Mangel an hinlänglicher Beschäftigung veranlasste ihn, bei dem
damaligen Krieg sich als Unteroffizier gebrauchen zu lassen, wenn kleine
Kommandos auf Unternehmungen ausgeschickt wurden. Als nach Abschluss des
Aachener Friedens ein Teil des Regiments, bei dem er diente, entlassen
wurde, kehrte er in sein Vaterland, das Herzogtum Württemberg, zurück,
erhielt dort Anstellung und war im Har 1756 Fähnrich und Adjutant bei dem
damaligen Regiment Prinz Louis. Dies Regiment gehörte zu einem
württembergischen Hilfskorps, das in einigen Feldzügen des siebenjährigen
Krieges einen Teil der österreichischen Armee ausmachte. In Böhmen erlitt
dieses Korps einen bedeutenden Verlust durch eine heftig ansteckende
Krankheit; aber Schiller Vater erhielt sich durch Mäßigkeit und viel
Bewegung gesund und übernahm in diesem Fall der Not jedes erforderliche
Geschäft, wozu er gebraucht werden konnte. Er besorgte die Kranken, als es
an Wundärzten fehlte, und vertrat die Stelle des Geistlichen bei dem
Gottesdienst des Regiments durch Vorlesung einiger Gebete und Leitung des
Gesangs.
Seit dem Jahr 1757 stand er bei einem andern
württembergischen Korps in Hessen und Thüringen und benutzte jede Stunde
der Muße, um durch eignes Studium, ohne fremde Beihilfe, nachzuholen, was
ihm in früheren Jahren, wegen ungünstiger Umstände, nicht gelehrt worden
war. Mathematik und Philosophie betrieb er mit Eifer, und
landwirtschaftliche Beschäftigungen hatten dabei für ihn eine vorzüglichen
Reiz. Eine Baumschule, die er in Ludwigsburg anlegte, wo er nach
beendigtem Krieg als Hauptmann im Quartier war, hatte den glücklichsten
Erfolg. Dies veranlasste den damaligen Herzog von Württemberg, ihm die
Aufsicht über eine größere Anstalt dieser Art zu übertragen, die auf der
Solitude, einem herzoglichen Lustschloss, war errichtet worden. In dieser
Stelle befriedigte er vollkommen die von ihm gehegten Erwartungen, war
geschätzt von seinem Fürsten und geachtet von allen, die ihn kannten,
erreichte ein hohes Alter und hatte noch die Freude, den Ruhm seines
Sohnes zu erleben. Über diesen Sohn findet sich folgende Stelle in einem
noch vorhandenen eigenhändigen Aufsatz des Vaters:
„Und du, Wesen aller Wesen, dich hab’ ich nach der
Geburt meines einzigen Sohnes gebeten, dass du demselben an Geistesstärke
zulegen möchtest, was ich aus Mangel an Unterricht nicht erreichen konnte,
und du hast mich erhört. Dank dir, gütigstes Wesen, dass du auf die Bitten
der Sterblichen achtest!“ –
Schillers Mutter wird von zuverlässigen Personen als
eine anspruchslose, aber verständige und gutmütige Hausfrau beschrieben.
Gatten und Kinder liebte sie zärtlich, und die Innigkeit ihres Gefühls
machte sie ihrem Sohne sehr wert. Zum Lesen hatte sie wenig Zeit, aber Utz
und Gellert waren ihr lieb, besonders als geistliche Dichter. – Von
solchen Eltern wurde Johann Christoph Friedrich Schiller am 10. November
1759 zu Marbach, einem württembergischen Städtchen am Neckar, geboren.
Die Mutter hatte ihren Gatten in dem Lager besucht,
wo er bei den Herbstübungen des württembergischen Militärs sich aufhalten
musste, und in seinem Zelt fühlte sie die ersten Anzeichen ihrer nahen
Entbindung. Beinah hätte Schiller in einem Lager das Licht zuerst
erblickt; doch war es der Mutter möglich, in ihr elterliches Haus nach
Marbach, von wo aus sie den Gatten besucht hatte, zurückzukehren und hier
ihre Niederkunft zu erwarten. Die anmutige Lage des Orts an einer
fruchtbaren Anhöhe des Neckars, die gut eingerichtete Wirtschaft der
Großeltern, wohlhabender Landleute, lassen schließen, dass das neu geborne
Kind an der Brust der Mutter sich unter heitern und harmonischen
Eindrücken entfaltete. Schiller zählte die Besuche, die er späterhin bei
den Großeltern von Cannstatt und Ludwigsburg aus machte, zu seinen
freundlichsten Jugenderinnerungen, und der Besitz eines Landgutes war
immer einer seiner Lieblingswünsche.
Er war vom frühesten alter an ein zartes Kind. Die
gewöhnlichen Kinderkrankheiten griffen seinen Körper hart an, und er litt
oft von krampfhaften Zufällen, die jedoch seien gute Natur bald überwand.
Schon im vierten und fünften Jahr war er auf alles
aufmerksam, was der Vater im Familienkreis vorlas, und unerschöpflich in
Fragen, bis er den Inhalt recht gefasst. Am liebsten hörte er zu, wenn der
Vater Stellen aus der Bibel vorlas; zum Morgen- und Abendgebet, was der
Vater im Kreis der Seinen laut sprach, eilte er von seinen liebsten
Spielen herbei. Seine ältere Schwester, die er immer besonders wert hielt
und in der ein schönes Talent zur bildenden Kunst lag, gedenkt: „Es war
ein rührender Anblick, den Ausdruck der Andacht auf dem lieblichen
Kindergesichte zu sehen. Die frommen blauen Augen gen Himmel gerichtet,
das lichtgelbe Haar, das die helle Stirn umwallte, und die kleinen mit
Inbrunst gefalteten Hände gaben das Ansehen eines Engelsköpfchens. Seine
Folgsamkeit und sein natürlich zarter Sinn für alles Gute und Schöne zogen
unwiderstehlich an. Immer leibreich gegen seine Geschwister und Gespielen,
immer bereit, ihre Fehler zu entschuldigen, ward er aller Liebling.“
Ebenfalls erinnert sich die Schwester manches Spaziergangs, den die fromme
Mutter mit ihr und dem Sohn, da dieser noch Kind war, zu den nicht fern
wohnenden Eltern an Sonntags-Nachmittagen zu machen pflegte. DA war sie
gewohnt, ihnen das Evangelium, über das an dem Tage gepredigt wurde,
auszulegen. Einst, an einem Ostermontag, sprach sie über Christus, wie er
in Begleitung zweier Jünger nach Emmaus wanderte, so erbaulich, dass in
beiden Geschwistern die Rührung sich in heißen Tränen Luft machte.
Im Jahr 1765 schickte der Herzog von Württemberg den
Vater als Werboffizier nach Schwäbisch Gmünd und erlaubte ihm, in dem
nächsten württembergischen Grenzort, dem Dorf und Kloster Lorch, zu leben.
Bei den biedern und gutmütigen Bewohnern dieses Orts fand die
Schiller’sche Familie die liebevollste Aufnahme. Hier fand auch Schiller
an dem Sohn des Pfarrers Moser seinen ersten Jugendfreund, dessen sanfter
Charakter sehr bildend auf ihn wirkte. Der Pfarrer, ein Freund des Hauses,
ließ ihn teil an dem Unterricht seiner eigenen Söhne nehmen und machte
schon im sechsten Jahr mit ihm einen Anfang in der lateinischen Sprache,
im siebenten auch mit der griechischen. Seine Schwester erinnert sich,
dass hier seine Neigung zum geistlichen Stand erwachte. „Oft,“ so erzählt
sie, „stieg er auf einen Stuhl und fing an zu predigen. Mutter oder
Schwester mussten ihm eine schwarze Schürze umbinden und ein Käppchen
aufsetzen. Dabei sah er sehr ernsthaft aus. Was zugegen war, musste ihm
zuhören, und wenn jemand lachte, wurde er unwillig, lief fort und ließ
sich sobald nicht wieder sehen. Diese kindischen Vorträge hatten immer
einen richtigen Sinn. Er reihte einige Sprüche, die er in der Schule
gelernt, passend zusammen und trug sie mit Nachdruck vor; auch hatte er
sich aus den Predigten des Pfarrers gemerkt, dass diese eine Einteilung
haben müssen und er gab seinen kindischen Vorträgen immer diese gehörige
Form.“
Er ging gerne in Kirche und Schule, und nur selten
wurden diese versäumt, wenn etwa ein heiterer Tag ihn und die Schwester zu
einem Ausflug in die nahen Berge verlockte. Solche Abweichungen von der
herkömmlichen Ordnung mussten dem strengen Vater verborgen bleiben, und
die List, die hierbei aufgeboten wurde, machte sie den Kindern doppelt
reizend. Eine Kapelle auf einem nahen Berge, zu der der Weg durch die
Leidensstationen führte, war einer der Lieblingsspaziergänge. Ein Kloster
auf einer andern Anhöhe, das die Gräber der Hohenstaufen verwahrt,
besuchten sie auch oft; und diese religiösen und geschichtlichen
Eindrücke, in des Kindes Gemüt aufgenommen, waren vielleicht die ersten
Fäden des magischen Gewebes der tragischen Darstellung, die der Genius in
seiner Seele anlegte. Der Vater erklärte die Geschichtsmonumente der
Gegend, auch erzählte er gern von seiner eigenen kriegerischen Laufbahn;
und oft begleitete ihn der Knabe zu den militärischen Übungen. Mannigfache
Lebensbilder drängten sich so der jugendlichen Einbildungskraft auf, die
im einfachen Hausleben an Innerlichkeit gewannen.
Schiller behielt immer große Anhänglichkeit an die
Gegen von Lorch, und als er die Akademie verlassen hatte, war sie das Ziel
des ersten Ausfluges, den er mit seiner Schwester machte. Jedem fühlenden
Menschen ist das Paradies seiner Kindheitsträume wert. Doppelt wert ist es
einer genialen Natur, da ihre Träume reiner und klarer sind und das
Geheimnis ihrer inneren Gestaltung sie durchweht.
Einfache, schlichte Sitte, Ehrgefühl und zarte
Schonung der Frauen im Familienkreise waren die Lebenselemente, in denen
der Knabe aufwuchs. Der Vater hatte den guten Ton, den das Herz lehrt.
Nach einem Wort der Mutter, vermochte er nie von einem ihm allein
bestimmten Gericht zu essen, ohne es den Töchtern anzubieten. Zartgefühl,
dieser Balsam für so viele Wunden des Lebens, ist vielleicht als eine
ursprüngliche Stimmung der Organisation zu betrachten, als eine der
Eigenschaften, der man am ersten Erblichkeit zuschreiben kann; Manier
erlernt sich, jenes geht über. Schiller war von Kindheit an wahr und
gewissenhaft und gestand gewöhnlich einen begangenen Fehler selbst ein. Er
hatte kaum einen Begriff von Eigentum, und eine seiner Hauptneigungen war,
von allem, was er besaß, andern mitzuteilen. So verschenkte er oft die ihm
selbst nötigen Sachen. Einst bemerkte der Vater, dass er seine Schuhe bloß
mit Bändern zugebunden hatte, und als er ihn darüber zur Rede stellte,
sagte er: Ich habe die Schnallen einem armen Jungen gegeben, der sie nur
Sonntags anlegt; ich habe ja doch noch ein paar für die Sonntage. Der
gerührte Vater konnte ihm keinen Verweis geben; doch musste er das
Verschenken der dem Sohne nötigen Schulbücher untersagen.
Im Jahr 1768 zog die Schiller’sche Familie nach
Ludwigsburg.
Ein Freund Schillers, der Medizinalrat von Hoven in
Nürnberg, mit ihm in einem Jahr geboren und durch die Verbindung der
Eltern, da die Väter beide Offiziere waren und dasselbe Haus bewohnten,
sein täglicher Spiel- und Schulgeselle, teilt folgende Erinnerungen aus
seinem Knabenalter mit. Beide waren in neunten Jahre und widmeten sich dem
Studium der Theologie. „Als Knabe war Schiller, ungeachtet der
Einschränkung, in welcher er von seinem Vater gehalten wurde, sehr
lebhaft, ja beinah mutwillig. In den Spielen mit seinen Kameraden, wo es
oft ziemlich wild herging, gab er meistens den Ton an. Die jüngeren
fürchteten ihn, und auch den älteren und stärkeren imponierte er, weil er
nie Furcht zeigte. Selbst an Erwachsene, von denen er sich beleidigt
glaubte, wagte er sich furchtlos, und wenn ihm, aus welcher Ursache es
sein mochte, jemand zuwider war, so suchte er ihn bei Gelegenheit zu
necken. Indessen zeigte er bei dessen Neckereien nie bösartige Gesinnung,
nur mutwillige Laune, die ihm daher auch gern verziehen wurde. Unter den
Spielgesellen waren nur wenige seine vertrauten Freunde; aber an diesen
hing er fest und innig, und kein Opfer war ihm zu groß, das er nicht
seiner Anhänglichkeit an sie zu bringen vermocht hätte. In der Schule galt
er immer für einen der besten Schüler seiner Klasse. Er fasste leicht und
war fleißig. Große Ehrfurcht vor seinem Vater bewog ihn vorzüglich zum
Fleiß; dieser, bei ausgezeichneten Talenten in seiner Jugend versäumt,
setzte alles daran, dass sein Sohn etwas Tüchtiges lernen sollte. Deshalb
tat dieser ihm nie genug, wenn auch die Lehrer zufrieden waren; er
applizierte sich ihm außer der Schulzeit nicht, wie er es wünschte,
sondern sprang und spielte viel im Garten; so erfuhr er oft eine strenge
Behandlung. Der Unterricht, der in dieser Schule gegeben wurde,
beschränkte sich auf die gelehrten Sprachen, die lateinische und die
griechische; diejenigen, die sich dem Studium der Theologie bestimmten,
wurden auch in der hebräischen unterwiesen. Vor dem Eintritt in diese so
genannte lateinische Schule mussten die Knaben erst die deutsche, wo
Lesen, Schreiben und Rechnen gelehrt wurde, besucht, oder in diesen
Kenntnissen Privatunterricht erhalten haben. Aus der lateinischen Schule
traten die, welche Theologie studieren wollten, im vierzehnten Jahr in die
bekannten Klosterschulen ein, nachdem sie zuvor in Stuttgart mehrere Male
die jährliche Prüfung in dem so genannten Landexamen vor dem Konsistorium
bestanden hatten1).
Schiller war bereits drei Mal geprüft worden, und im folgenden Jahr 1772
sollte es zum vierten und letzten Mal geschehen, als sein Schicksal eine
andere Wendung nahm.“
In Ludwigsburg sah der neunjährige Knabe zum ersten
Mal ein Theater, und zwar ein so glänzendes, wie es die Pracht des Hofes
unter des Herzogs Karl Regierung erforderte. Die Wirkung war mächtig; es
eröffnete sich ihm eine neue Welt, auf die sich nun alle seien
jugendlichen Spiele bezogen, Plane zu Trauerspielen beschäftigten ihn
schon damals. Er erzählte uns, dass er bis in sein vierzehntes Jahr mit
ausgeschnittenen Papierdocken gespielt und dramatische Szenen mit ihnen
aufgeführt habe. Die Neigung zum geistlichen Stand verminderte sich jedoch
nicht.
Die guten Zeugnisse seiner Lehrer machten den
regierenden Herzog auf ihn aufmerksam, der damals eine neue
Erziehungsanstalt mit großem Eifer errichtete und unter den Söhnen seiner
Offiziere Zöglinge dafür aufsuchte. Die Aufnahme in dieses Institut, die
militärische Pflanzschule auf dem Lustschloss Solitude und nachherige
Karlsschule in Stuttgart, war eine Gnade des Fürsten, deren Ablehnung für
Schillers Vater allerdings bedenklich sein musste. Gleichwohl eröffnete
dieser dem Herzog freimütig die Absicht, seinen Sohn einem Stande zu
widmen, zu welchem er in der neuen Bildungsanstalt nicht vorbereitet
werden könnte. Der Herzog war nicht beleidigt, aber verlangte doch die
Wahl eines andern Studiums. Die Verlegenheit war groß in Schillers
Familie; ihm selbst kostete es viel Überwindung, seine Neigung den
Verhältnissen seines Vaters aufzuopfern; aber endlich entschied er sich
für das juristische Fach und wurde im Jahr 1772 in das neue Institut
aufgenommen. Indes noch im folgenden Jahre, als jeder Zögling seine eigene
Charakterschilderung aufsetzen musste, wagte Schiller das Geständnis:
„Dass er sich weit glücklicher schätzen würde, wenn
er dem Vaterlande als Gottesgelehrter dienen könnte.“
Es war ein schöner Gedanke des Herzogs Karl, dem
Streben seines rastlosen Geistes in der Ausbildung der geistigen Kräfte
seines Volkes ein befriedigendes Ziel aufzustecken. Ermüdet von
Sinneslust, Kunstgenüssen des Auslandes und den phantastischen Einfällen,
die eine übertriebene Liebe zum Luxus eingab, suchte er, an der Seite
einer guten deutschen Frau, in der Gründung einer idealischen
Landwirtschaft und durch Errichtung eines Erziehungs-Instituts eine
Beschäftigung, die der Innerlichkeit des Lebens, zu der das herannahende
Alter drängt, zusagte. Welche Mängel auch bei der Persönlichkeit des
Herrschers, und vorzüglich bei dessen Sucht nach Schein, an dieser Anstalt
sich zeigen mochten, immer haben die Völker ihren guten Genius zu preisen,
wenn die Neigung des Machthabers einen edlen und Nutzen bringenden
Gegenstand ergreift. Auf heimatlichen Boden die Kunstblüten des Auslandes
verpflanzen zu wollen, das Talent mit allen Elementen seiner Ausbildung zu
umgeben, die Wissenschaft in das vielseitige Staatsleben lebendiger zu
verflechten, bleibt immer eine höhere Ansicht des Herzogs Karl, die die
Nachwelt dankbar anzuerkennen hat. Große Künstler und Gelehrte, bedeutende
Staatsmänner gingen aus dieser Anstalt hervor.
Schillers Jugendfreund, von Hoven, der schon ein
Jahr früher in die Pflanzschule der Solitude aufgenommen wurde, gibt
folgende Nachrichten von Schillers fernerer Ausbildung in derselben.
In den ersten paar Jahren nach seiner Aufnahme in
dieses Institut, in welchen damals schon alles Wissenschaftliche, außer
der Theologie und der Medizin, gelehrt wurde, erhielt er neben dem
fortgesetzten Unterricht im Lateinischen und Griechischen, auch
Unterweisung in der französischen Sprache, ind er Geographie, gEschichte,
Mathematik und den Anfangsgründen der Philosophie. Erst im dritten Jahr,
von 1774 bis 1775, fing er das Studium der Rechtswissenschaft an. In den
gelehrten Sprachen, in denen er schon zu Ludwigsburg einen sehr guten
grund gelegt, machte er immer bedeutende Fortschritte; auch verstand er
die französische Sprache bald so weit, dass er ohne Schwierigkeit ihre
Schriftsteller lesen konnte, und was die genannten
Vorbereitungswissenschaften betrifft, so blieb er auch da nicht zurück;
besonders zog ihn das Studium der Philosophie an. Um so weniger aber
gelang es ihm in der Rechtswissenschaft. Er hörte die Geschichte der in
Deutschland geltenden Rechte nach Selchow, das Naturrecht und später ein
Kollegium über das römische Recht. War es die Schuld der Wissenschaft
selbst, oder die der Lehrer, die freilich damals nicht die vorzüglichsten
waren, genug, Schiller konnte diesem Studium keinen rechten Geschmack
abgewinnen. Er blieb hinter seinen Mitschülern, die er in mehreren andern
Lehrgegenständen übertraf, hier offenbar zurück. Ja, seine Lehrer hielten
ihn sogar für einen Menschen ohne Talent; wenigstens fragte einer unter
ihnen nach einer vorgenommenen Prüfung, wo Schiller auf mehrere Fragen die
Antwort schuldig bleib, einen seiner Kameraden: Ob die Unwissenheit
Schillers von Unfleiß oder von Mangel an Kopf herrühre? Der Scharfblick
des Herzogs bewahrte ihn vor den ungünstigen Folgen dieses Vorwurfs. Geübt
im Abwägen geistiger Kräfte, hatte er die Anlagen des Jünglings
durchschaut. „Lasst mir diesen nur gewähren,“ sagte er: „aus dem wird
etwas.“
Der Mangel an Interesse für das Studium der
Rechtswissenschaft auf der einen und auf der andern Seite das fleißige
Lesen der alten Klassiker, besonders der Dichter, welches er jetzt
eifriger trieb als früher, wo es bloß dem Studium der Sprache galt,
scheinen den Hauptanstoß zur Erweckung seines Dichtergenies gegeben zu
haben. So viel ich weiß, hatte er früher nie einen poetischen Versuch
gemacht, wenn man nicht einige lateinische Carmina, die er in der Schule
zu Ludwigsburg verfertigte, und die Leichtigkeit, mit welcher er ganze
Seiten lateinischer Distichen in wenigen Stunden zustande brachte, als
Äußerungen seines Dichtertalents ansehen will. Allein jetzt übte er sich
nicht nur in metrischen Übersetzungen lateinsicher Dichter, sondern er
fing auch an, deutsche Dichter zu lesen, und machte schon damals einige
Versuche in eigenen, teils gereimten, teils ungereimten kleinen Gedichten.
Dies trieb er bis zu Ende des Jahres 1775, wo die
militärische Pflanzschule zur Akademie erhoben und von der Solitude nach
Stuttgart versetzt wurde. Unter andern Erweiterungen, welches dieses
Institut nach seiner Versetzung in die Hauptstadt erfuhr, war auch die,
dass nun auch die Medizin in demselben studiert werden konnte. Auf die
Anfrage des Herzogs: Welche unter den Zöglingen sich diesem Studium
freiwillig widmen wollten? War Schiller einer der ersten, die sich dazu
stellten.
Ohne Zweifel war der Hauptgrund dieses Entschlusses
sein Widerwille gegen das Studium der Rechtswissenschaft; aber offenbar
zog ihn auch die Arzneikunde selbst an; und wenn er sich derselben auch
nicht mit der ganzen Kraft seines Geistes widmete, so trieb er doch dieses
Studium, besonders in den zwei letzten Jahren seines Aufenthalts in der
Akademie, mit Eifer. Nicht nur wurde er von seinen Lehrern für einen
vorzüglichen Schüler gehalten, er erhielt auch bei den jährlichen
öffentlichen Prüfungen mehrere Preise. Was für seine Kenntnisse, besonders
der Philosophie, noch stärker beweist, ist eine Abhandlung, welche er
zuerst deutsch, unter dem Titel: Philosophie der Physiologie, und sodann
auch lateinisch ausarbeitete und in der letzten Gestalt als Probeschrift
vorlegte. Da diese Abhandlung nicht gedruckt wurde und der Verfasser in
der Folge wenig Wert darauf legte, ging sie wahrscheinlich verloren2).
Gewiss wäre sie der Aufbewahrung wert gewesen, nicht nur als ein zuvor nie
gemachter, wohl gelungener Versuch, die Physiologie philosophisch zu
bearbeiten, sondern auch als Beweis, wie gut Schiller schon damals
schrieb. Auch die gedruckte Abhandlung, im Jahr 1780, vor seinem Abgang
aus der Akademie geschrieben: Versuch
über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner
geistigen, scheint nicht so allgemein bekannt geworden zu sein, als
sie es verdiente.
So viel leistete Schiller als Kandidat der Medizin,
während eines vierjährigen Studiums. Aber in dieser Periode zeigte sich
auch sein Beruf zum Dichter auf die entschiedenste Weise. Klopstocks Oden
und die Messiade, die auch seine Seele in frommen Gefühlen erregte, waren
die ersten Dichtungen, die seinen eigenen Genius befruchtend und formend
ergriffen. Ein lyrisches Gedicht auf den Abend und eine Ode: Der Eroberer,
gehören dieser Periode an. Beide sind gedruckt; ein episches Gedicht,
Moses, ging verloren.
Deutsche Dichter zu lesen, gab es auf der
Karlsschule, sowie auf den meisten damaligen Unterrichtsanstalten in
Deutschland, wenig Gelegenheit. Schiller bleib daher noch unbekannt mit
einem großen Teil der vaterländischen Literatur; aber desto vertrauter
wurde er mit den Werken einiger Lieblinge. Der schon genannte Klopstock,
Utz, Haller, Lessing, Goethe und Gerstenberg waren die Freunde seiner
Jugend.
Auf dem deutschen Parnaß begann damals ein neues
Leben. Die besten Köpfe empörten sich gegen den Despotismus der Mode und
gegen das Streben nach kalter Eleganz. Kräftige Darstellung der
Leidenschaft und des Charakters, tiefe Blicke in das Innere der Seele,
Reichtum der Phantasie und der Sprache sollten allein den Wert des
Dichters begründen. Unabhängig von allen äußern Umgebungen, sollte er als
ein Wesen aus einer höhern Welt erscheinen, unbekümmert, ob er früher oder
später bei seinen Zeitgenossen eine würdige Aufnahme finden werde. Nicht
durch fremden Einfluss, sondern allein durch sich selbst sollte die
deutsche Dichtkunst sich aus ihrem Innern entwickeln. Beispiele einer
solchen Denkart mussten einen Jüngling von Schillers Anlagen mächtig
ergreifen. Daher besonders seien Begeisterung für Goethes Götz von
Berlichingen und Gerstenbergs Ugolino.
Nun werde er mit Shakespeare bekannt, durch seinen
damaligen Lehrer, den nun verstorbenen Prälaten Abel, der überhaupt sich
mehrfache Verdienste um ihn erwarb und für den er immer die herzlichste
Zuneigung bewahrte. Von Hoven erhielt er zuerst die Wielandsche
Übersetzung Shakespeares. Er trat in jugendlichem Scherz seien
Lieblingsgerichte ab, um zum Besitz dieser köstlichen Bände zu gelangen.
Gleich dem gewaltigen, felsenentstürzenden Strom ergriff dieser mächtige
Geist sein ganzes Wesen und gab seinem Talent die entschiedene Richtung
zum Dramatischen. Nach Verlauf eines Jahres entstand ein Trauerspiel:
Cosmus von Medici. Soviel sich sein Jugendfreund, dem er es mitteilte,
erinnert, enthielt es echt tragische Szenen und vorzüglich schöne Stellen;
mehrere derselben wurden später in die Räuber aufgenommen. Schiller ließ
es jedoch nicht öffentlich erscheinen, wahrscheinlich weil ihm die sichere
Kritik, die seinem mächtigen Verstand angeboren schien, sagte, wie sehr es
nicht nur hinter seinem großen Vorbild zurück stehe, sondern auch unter
Gerstenbergs Ugolino, unter Götz von Berlichingen und Julius von Tarent
gestellt werden müsse. Längere Zeit hindurch machte er keinen neuen
Versuch im Dramatischen, las dagegen Klopstocks Werke wieder anhaltender,
sowie die Voß’schen und Gerstenberg’schen Gedichte, und sein Talent neigte
sich wieder zum Lyrischen.
Er las auch in dieser Zeit fleißig historische
Werke, vorzüglich die Biographien Plutarchs; auch philosophische Schriften
zogen ihn sehr an, Mendelssohn, Sulzer, Lessing, Herder, vorzüglich Garve,
sein damaliger Liebling unter den Philosophen, dessen Anmerkungen zu
Fergusons Moralphilosophie er beinah auswendig wusste. Es verdient noch
bemerkt zu werden, dass er vorzüglich in Luthers Bibelübersetzung die
deutsche Sprache studierte. In diese Periode, bemerkt von Hoven, fallen
vorzüglich die Fortschritte, welche er im Studium seiner
Berufswissenschaft, der Medizin, machte. Die Hallerschen Werke und die
Dissertationen und Kollegienhefte des vormaligen großen Lehrers der
praktischen Arzneikunde zu Göttingen, des Professors Brendel, warne seine
Führer.
Indessen siegte die Neigung zur Dichtkunst bald
wieder über die zur Wissenschaft. Shakespeare und die vorzüglichsten
deutschen Dramatiker wurden wieder vorgenommen, und bald wurde der Stoff
zu einem zweiten Trauerspiel aufgesucht. Diesen gab die Geschichte eines
durch seinen verstoßenen Sohn geretteten Vaters, im Schwäbischen Magazin;
Schiller entwarf den Plan zu den Räubern. Die Ausarbeitung dieses
Trauerspiels fällt hauptsächlich in das Jahr 1780, und es war beinah
vollendet, als er zu Ende dieses Jahres die Akademie verließ.
Was sein sittliches Betragen während des Aufenthalts
in diesem Institut betrifft, so erinnere ich mich, sagt von Hoven, von
seiner Seite keines Vergehens gegen die Gesetze, das die Vorgesetzten zu
ahnden Ursache gehabt. Freilich kostete es ihm bei der Lebhaftigkeit
seines Geistes und bei seiner natürlichen Liebe zur Freiheit viel
Selbstüberwindung, sich immer in die eingeführte streng militärische
Ordnung zu fügen; aber Energie des Charakters und seine, mehr nach innen
als nach außen gerichtete Tätigkeit machten ihm diese Selbstüberschätzung
weniger schwer. Dennoch geschah es zuweilen, dass er mit einem oder dem
andern seiner Vorgesetzten, zu denen nicht immer die verständigsten
Menschen gewählt wurden, in Streit geriet. Gewöhnlich wusste er diesen
durch einen witzigen, oft sarkastischen Einfall, der glücklicherweise von
jenen selten, aber desto besser von seinen Mitzöglingen verstanden wurde,
abzubrechen. Wie in seinem Knabenalter, hatte er auch als Jüngling unter
den dreihundert Zöglingen der Akademie nur wenig vertraute Freunde. Bei
seiner Wahl sah er ebenso sehr, ja beinahe mehr, auf die Güte des Herzens
und Haltung im Charakter, als auf ausgezeichnete Geistestalente. Wen er
für gemein, unzuverlässig, niedrig, bösartig hielt, den verachtete er, und
wenn er nähere Berührungen nicht vermeiden konnte, so betrug er sich gegen
ihn mit zurückschreckender Kälte. Beschränkte Menschen ertrug er;
Beschränktheit, mit Dünkel gepaart, ward von ihm geneckt, während eben
diese, mit Güte des Herzens verbunden, gegen die Neckereien andrer an ihm
immer einen Beschützer fand.
Von Hoven, dem wir diese Erinnerungen aus den
Jünglingsjahren Schillers verdanken, und Zumsteeg, der sich später als
Tonkünstler und Komponist auszeichnete, waren die Freunde in der Akademie,
denen er sich am offensten mitteilte. Jedes vollendete Gedicht komponierte
Zumsteeg sogleich, und von Hoven teilte er, bei gemeinsamen Studium der
Arzneiwissenschaft, auch seine philosophischen Ansichten mit. Es war ein
schönes Geistes- und Herzensleben unter den Jünglingen, das sich als
Männerfreundschaft immer erhielt.
Schiller bemerkte gegen uns im reiferen Alter, dass
die Vielseitigkeit der Ausbildung, die sich viele andre Zöglinge in der
Akademie erworben, gerade für ihn verloren gegangen sei. Ein Kommandowort
konnte den innern Kreislauf seiner Ideen nicht fesseln. Von einem Lehrsaal
in den andern folgte ihm seine Bilderwelt, und die Worte des Lehrers
wurden oft nur unwillig vom Gedächtnis aufgenommen. Doch verkannte er die
großen Vorteile dieser Anstalt nicht. Mangel an freier Bewegung, die
diesem Alter so nötig ist, war ein Hauptübel, das sie veranlasste. Dieses
führte Krankheitsanlagen herbei, die das Leben mancher Zöglinge trübten
und abkürzten. Auch die Unfähigkeit mehrerer Aufseher, ein reines Urteil
über die Fähigkeiten und Moralität der Knaben fällen zu können, nährte ein
dumpfes Gefühl erlittener Ungerechtigkeit. Viele ausgezeichnete Lehrer
erhielten aber die reine Empfindung der Achtung und Liebe in den jungen
Gemütern, und die gute Natur warf die widrigen Eindrücke wieder aus. Es
zeugt für des Herzogs Charakter und hellen Verstand, dass er durch häufige
persönliche Gegenwart Selbstgefühl in den Jünglingen zu wecken und zu
nähren suchte, durch Unterredung mit ihnen sie zu anständiger Äußerung
veranlasste. Er zeigte seine wissenschaftlichen Kenntnisse gern. Er warf
Fragen auf, die die Zöglinge beantworten mussten, und veranlasste gelehrte
Diskussionen. Freiheit der Äußerungen und Geistesgegenwart erhielten
seinen Beifall. Der gewählte Ausdruck in deutscher Sprache, die Redekunst,
blieb ein Gewinn fürs Leben, sowie die Gewandtheit, das, was man zu sagen
hatte, in eine anständige Form zu kleiden. Auch witzigen Einfällen
lächelte der fürstliche Erzieher, selbst wenn sie an Unbescheidenheit
grenzten. Die dem Geschäftsmann so notwendige Fähigkeit, immer zu allem
bereit zu sein, alles richtig zu fassen und von einem Geschäft zum andern
mit voller Besonnenheit überzugehen, ist selten dem von der Natur zum
Dichter Bestimmten erreichbar; doch hatte sich Schiller etwas davon
angeeignet.
Die klösterliche Einschränkung der Jünglinge, die,
aus der Freiheit ihres Familienkreises gerissen, hinter Mauern von der
Welt durch eiserne Thore und Schildwachen geschieden wurde, musste ihnen
hart und drückend erscheinen. Die Mütter und noch unerwachsene Schwestern
durften am Sonntag Söhne und Brüder besuchen. Die Eingeschlossenen
vernahmen, wie sich die Welt um sie her bewegte, träumten von Genüssen,
die ihnen als unerreichbar doppelt reizend erschienen; und wenn sie aus
dem Kreise der Ihrigen in ihre öden Säle zurückkehrten, musste die
Sehnsucht nach Freiheit, mit Unmut gepaart, sie ergreifen. Außer ihrer
Familie war die Gräfin von Hohenheim, die mit dem Herzog die Akademie
besuchte, das einzige weibliche Wesen, das die Zöglinge sahen. Zur
Belohnung guter Aufführung und des Fleißes durften sie mit ihr und dem
Herzog speisen.
Man kann sich vorstellen, wie unter den
dargestellten Umständen die Leiden Werthers, die durch die eisernen
Pforten der Akademie gedrungen waren, auf Schiller wirken mussten. Dieser
Roman ward von ihm und seinen Freunden verschlungen und, wie dieses in
jugendlichen Gemütern oft der Fall ist, regte, gleich einem über das Meer
fahrenden Sturm, in ihnen den Dichtungstrieb zu schwellenden Wogen auf.
Die Jünglinge machten den Plan zu einem gemeinsamen Romane, einem zweiten
Werther, der aber ungeschrieben blieb. Auch Siegwart hatte sich
eingeschlichen. Dieses einfache, herzvolle Gemälde der schönen Jugendliebe
zog Schillern sehr an. Er sagte uns, dass er oft am einsamen vergitterten
Fenster über seinen Lilien, die er in Scherben an demselben zog,
stundenlang in den von diesem Buche erweckten Gefühlen geschwärmt habe.
Das Anschauen Goethes, der mit dem Herzog von Weimar die Pflanzschule
besuchte, erregte ihn mächtig. Wie gern hätte er sich ihm bemerkbar
gemacht! Ein Blick, ein Wort des gefeierten Genius, der tausend Klänge in
seiner Seele angeregt, was wären diese für ihn gewesen! Goethe konnte
nicht ahnen, dass ihn ein Geist begrüßte, ihm ein Herz zuschlug, dem erst
eine späte Folgezeit vergönnte, sich in reiner Freundschaft gegen ihn zu
erschließen.
Dass in der Abgeschlossenheit vom wirklichen Leben
und all seinen freundlichen Eindrücken, in den strengen militärischen
Banden der Akademie die produktive Phantasie zuerst grelle und giganteske
Formen, wie sie in den Räubern dastehen, ergriff, war natürlich. Tiefe
Ehrfurcht vor dem Recht, das heilige Sehnen nach verlorner Unschuld, diese
reinen Grundzüge der energischen und reichen Jünglingsseele, gaben diesem
Produkt einen eignen Zauber, der, in der Gewalt dramatischer Darstellung
wirkend, den Enthusiasmus, womit das Publikum die Räuber aufnahm, erklärt.
Der Odem der Freiheit, einer edlen Seele Lebensluft,
hatte ihn aus seinem Plutarch angeweht. Dieser befruchtende Geist, der so
viele Geistesvermögen in allen Arten des Daseins hervorgerufen, da er in
echt menschlichem Sinne alle Individuen in ihrer Natürlichkeit ergreift,
während die richtende Waage des wahren und Guten in der harmonisch
gebildeten Seele nie schwankt, erhob Schillers Vorstellungsart zum Großen
und Allgemeinen. Die engen Weltbande, die ihn umgaben, wurden durch Bilder
der Vorzeit zersprengt. Er wollte nur höhere Naturen darstellen in Tugend
und in Laster, und wenn er das gemeine Leben ergriff, so war es von der
komischen Seite. Schillers Schwester erzählt: Die Zöglinge der Akademie
durften Abends nur bis zu einer bestimmten Stunde Licht brennen. Da gab
sich Schiller, dessen Phantasie in der Stille der Nacht besonders lebhaft
war und der in den Nächten sich gern selbst lebte, was der Tag nicht
erlaubte, oft als krank an, um in dem Krankensaal der Vergünstigung einer
Lampe zu genießen. In solcher Lage wurden die Räuber zum Teil geschrieben.
Manchmal visitierte der Herzog den Saal; dann fuhren die Räuber unter den
Tisch; ein unter ihnen liegendes medizinisches Buch erzeugte den Glauben,
Schiller benutzte die schlaflosen Nächte für seine Wissenschaft.
So mit der Wirklichkeit gespannt, trat er aus der
Akademie in die Welt, als ihm seine Probeschrift: Über den Zusammenhang
der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen, ihre Pforten
eröffnete. Er wurde im Dezember 1780 als Regimentsmedikus bei dem Regiment
Augé angestellt. Diese Art der Anstellung, die ihn in den strengen Banden
militärischer Verhältnisse erhielt, war ihm zuwider.
Es ist eine Frage, die er im späteren Leben oft an
sich selbst tat, ob er im freieren bürgerlichen Verhältnis sich nicht der
Medizin mit Eifer und Glück für immer würde gewidmet haben? In
verschiedenen Lebensepochen entstand diese Idee wieder in ihm, und immer
behielt er große Vorleibe für diese Wissenschaft. Ein geschärfter Blick in
die menschliche Natur, ein feines auffassen aller individuellen Zustände
blieb ihm immer als Gewinn dieses frühern Studiums. Er fürchtete oft, die
Liebe zur Wissenschaft hätte ihn als praktischen Arzt zu allzukühnen
Fragen an die Natur verleiten können. Aber sein Herz und seine Sympathie
mit jedem menschlichen Leiden hätten ihn sicher vor jedem Übermaß
geschützt.
Seine Dienstgeschäfte veranlassten natürlich eine
Pause in seinen dichterischen Arbeiten; er legte sich selbst ein strenges
Gelübde auf, den Lockungen der Muse zu widerstehen. Seine Zeitgenossen
behaupten, dass er sich als praktischer Arzt durch Geist und Kühnheit,
aber nicht im gleichen Grad durch Glück ausgezeichnet habe.
Lange konnte diese Entsagung bei einem so mächtigen
Talent nicht dauern. Mehrere kleinere Gedichte entstanden, die
Kindsmörderin, die an Laura und verschiedene andere, die zum Teil nicht
öffentlich bekannt wurden. Die Gedichte an Laura verdanken wir einem
Liebesverhältnis mit einer mehr geistreichen als schönen Nachbarin; sie
scheinen mehr das Erzeugnis eines ihm bis jetzt unbekannten exaltierten
Gefühls, als wahrer Leidenschaft für den bestimmten Gegenstand
entsprungen. Sinnentaumel, jugendliche Thorheit übten auch, nach der so
lang entbehrten Freiheit, ihre Macht, und Finanzverlegenheiten, ihre
natürliche Folge, führten oft sehr trübe Stimmungen für unsern Freund
herbei. In einer Stadt, die zu allen Lebensgenüssen einlud, in der das
frühere Beispiel des Herrschers das Band der Sitte, besonders in der
Hofwelt, sehr locker gemacht hatte, und wo die Familien, in denen alte
Zucht und Ordnung herrschte, sich in strenger Zurückgezogenheit hielten,
mussten dem Jünglingsalter manche Klippen drohen. Die Nähe der Familie,
die auf der Solitude wohnte und an der er immer mit herzlicher Liebe hing,
der Wunsch, ihre Erwartungen von ihm nicht zu täuschen, besonders eine
Warnung im weichen Liebeston der Mutter, heilt den jugendlichen Leichtsinn
in Schranken und stellte das Gleichmaß wieder her. Auch erhielt im Umgang
mit aufstrebenden Jugendfreunden, zu denen sich Haug und Petersen
gesellten, die Geistigkeit immer die Obergewalt über das sinnliche Leben.
Er entschloss sich zur Herausgabe der Anthologie, wovon nur ein einziges
Bändchen (auf das Jahr 1782) erschienen ist.
Der Herzog blieb immer aufmerksam auf Schillers
emporstrebendes Talent. Einige Gedichte, besonders eines auf den Tod eines
Offiziers, das ihm verschiedene Seiten der fürstlichen Existenz zu
verletzen schien, erregten sein Missgefallen. Ob es ihm gleich
schmeichelte, auch einen Dichter aus seiner Pflanzschule hervorgehen zu
sehen, so sollte dennoch die Art der Dichtung in eine ihm gefällige Form
gegossen sein, und freie Gesinnung lag außer der Sphäre dieses
Herrschersinnes. Bemerkenswert ist es immer, wie jede Äußerung des Geistes
seinen hellen Verstand ansprach und seine Neigung gewann. Schiller
bemerkte, dass in mehreren kleinen Handschreiben des Herzogs, die dessen
Verhältnis zu ihm veranlasste, dieser sogar seien damalige Schreibart, in
der oft Gedankenstrich vorkamen, nachamte.
Die Jahre 1780 und 1781 gehören zu den
entscheidensten in Schillers Leben; im letzteren wurden die Räuber
gedruckt, zu denen er keinen Verleger fand; er musste den Druck auf eigne
Kosten veranstalten. Um so erfreulicher war ihm der erste Beweis einer
Anerkennung im Ausland, als ihn schon 1782 der Hofkammerrat und
Buchhändler Schwan in Mannheim zu einer Umarbeitung dieses Werks für die
dortige Bühne aufforderte.
Einen ähnlichen Antrag, der zugleich auf künftige
dramatische Produkte gerichtet war, erhielt er kurz darauf von dem
Direktor des Mannheimer Theaters selbst, dem Freiherrn von Dalberg. Was
Schiller hierauf erwiderte, ist noch vorhanden, und es ergibt sich daraus,
wie streng er sich selbst beurteilte, wie leicht er in jede Abänderung
willigte, von deren Notwendigkeit man ihn überzeugte; aber wie wenig auch
diese Willfährigkeit in Schlaffheit ausartete, und wie nachdrücklich er in
wesentlichen Punkten, selbst gegen einen Mann, den er hoch schätzte, die
Rechte seines Werks verteidigte.
Die Atmosphäre des Stuttgarter Lebens wurde indessen
immer trüber und drückender für Schiller. Noch hatte der fürstliche
Erzieher seinen Zögling nicht aufgegeben, noch hoffte er sein Talent auf
eine vorgeschriebene Bahn zu leiten; er ließ ihn zu sich kommen, warnte
ihn auf väterliche Art vor Verstößen gegen den bessern Geschmack, wie er
solche häufig in seinen Produkten finde, wobei Schiller nicht ungerührt
bleiben konnte. Aber dem Befehl, ihm alle seine poetischen Produkte zu
zeigen, Genüge zu leisten, war Schiller unmöglich, und seine Weigerung
wurde natürlicherweise nicht wohl aufgenommen. Kein einsichtiger und
wohlwollender Vermittler fand sich, und eine offene, freie Diskussion war
in diesem Verhältnis nicht leicht möglich. In Hinsicht auf die notwendige
Lebensklugheit und den guten Geschmack hätte sich Schiller mit dem
scharfen und feinen Verstand des Herzogs sonst wohl zusammen gefunden, und
ein motiviertes Urteil hätte zu beider Vorteil entspringen können.
Auch auswärtige Beziehungen hatten den Herzog gegen
die Räuber gereizt. Eine Stelle, wodurch sich die Graubündner beleidigt
fanden, veranlasste eine Beschwerde. Einflüsterungen des Hofzirkels, dem
der Laut freier Menschheit immer ein widriger Ton ist, deuteten auf
Symptome einer bedenklichen Gesinnung in diesem Stück, die dem edlen
freien Geist fern lagen, der nur nach Genuss seiner eignen Kräfte rang,
der umgebenden Welt fremd war und ihre Bilder nur durch die farbige Wolke
seiner Phantasie aufnahm. Alles gewann eine falsche Wichtigkeit und
verband sich, den jugendlichen Geist zu unterdrücken, der alle Schranken
zu durchbrechen drohe. Die Stimme der Neigung für seinen Zögling schwieg
in des Herrschers Busen, die Gewohnheit, der Herrscherlaune zu folgen,
siegte, und es erging der Befehl an Schiller, gar nichts mehr, außer im
medizinischen Fach drucken zu lassen.
Die Eröffnung andrer günstiger Aussichten sollte
diesen Befehl mildern; aber wie konnte sich der Jüngling, in dessen Geist
eine Fülle neuer Schöpfungen aufsprosste, seinem solchen Befehl, einer
solchen Beschränkung beugen? Dieser war auch für seine äußere Lage um so
drückender, je günstigere Aussichten sich ihm durch das Glück, welches
sein erstes Trauerspiel gemacht, eröffneten. Auch hatte er sich mit dem
Professor Abel und dem damaligen Bibliothekar Petersen in Stuttgart
vereinigt, um eine Zeitschrift unter dem Titel: „Württembergisches
Repertorium der Literatur“ herauszugeben, zu deren ersten Stücken er
einige Aufsätze: Über das gegenwärtige deutsche Theater; Der Spaziergang
unter den Linden; Eine großmütige Handlung aus der neuesten Geschichte,
und verschiedene Rezensionen, vorzüglich eine sehr strenge und
ausführliche über die Räuber, lieferte.
Diese letztere ist auch in Hinsicht auf Schillers
Charakter merkwürdig. Er hatte ein edles und großes Gefühl seines Talents;
aber seine Produkte sah er, wenn sie vollendet waren, mit freiem Geiste an
und fühlte klar jeden Mangel und Fehlgriff. Da er sich selbst immer im
neuen Werden und steigend empfand, sah er ein künftiges vollkommeneres
Werk in dem vorhandenen aufkeimen, entfernt von der Beschränktheit
dürftige Naturen, die auf jedem ihrer Erzeugnisse verweilen, als habe es
ihre ganze Kraft erschöpft.
Die schriftlichen Verhandlungen mit Herrn von
Dalberg endigten sich zu beiderseitiger Zufriedenheit. Die Räuber wurden
in Januar 1782 in Mannheim aufgeführt und Schiller zur Vorstellung
eingeladen. Herrn von Dalbergs edlem Eifer für die deutsche Bühne und
seinem einsichtsvollen sichern Blicke in Schillers aufstrebenden Genius
haben wir vielleicht dessen frühere Produkte zu verdanken. Untergehen
konnte der Tragiker nicht in ihm; aber ob sich ohne Aufmunterung, in den
engen Banden seines Verhältnisses die Flügel seines Geistes so früh
erhoben hatten, ob ein Don Carlos in Stuttgart entstanden wäre? Dies ist
zu bezweifeln.
An Urlaub in ein fremdes Land war nicht zu denken;
Schillers Reise nach Mannheim musste heimlich geschehen. Zum ersten Mal
war er den tiefen und lebhaften Eindruck gewahr, den sein Talent machte.
Die Darstellung der Schöpfung seines Geistes unter dem Zujauchzen der
begeisterten Menge war wohl die duftendste Blüte des Ruhms, welche die
Musen dem Jüngling darreichen konnten. Mit Rührung bezeichnete in späterer
Zeit ein Freund den Platz, wo Schiller unerkannt im Theater stand; nur
Herr von Dalberg und der Geheime Rat Klein wussten um das Geheimnis.
Welche Revolution dieser Ausflug in ein fremdes
Land, der erste in seinem Leben, in Schillers Gemüt und Denkweise bewirken
musste, ist jedem begreiflich, der lange in Fesseln enger Verhältnisse
geschmachtet. Der Anblick der wohl gebauten Stadt an dem herrlichen
Strome, die weite, dörfer- und städtereiche Fläche, von den blauen Vogesen
begrenzt, entzückten ihn, und alles schien ihm herrlicher, vom goldnen
Duft der Freiheit umsponnen. Eine ganz andre Lebensansicht in
vorherrschender Kunstleibe, das freie heitere Leben des Geistes unter so
viel gebildeten Beschützern, die sich ihm wohlwollend näherten, der Geist
der Liberalität, der unter der Regierung des Kunst liebenden, mild
gesinnten Kurfürsten herrschte, das damals in Deutschland vorzüglichste
Theater unter des einsichtigen Dalbergs Direktion, alles regte ein neues
Leben in ihm auf. Ein idealischer Schimmer umstrahlte den Geist des jungen
Dichters, des Ruhmes Zauber lockte ihn in ferne Weiten, und Welt und
Nachwelt schienen ihn mit Liebe zu umfassen.
Zur zweiten Vorstellung der Räuber, im Mai 1782,
wagte er wiederum eine heimliche Reise; um sie ausführen zu können, ließ
er sich als krank angeben; sie wurde entdeckt und natürlich militärisch
mit Arrest bestraft. Während dieses Arrestes war es, wo er den Plan zu
Kabale und Liebe entwarf, und so erklären sich leicht die etwas grellen
Situationen und Farben dieses Stückes. Auch die Idee zur Verschwörung
Fiescos entstand damals, die ihn mehr anzog und die er noch größtenteils
in Stuttgart ausführte.
Schillers Verbindungen in Mannheim hatten während
seiner Besuche daselbst an Bestimmtheit gewonnen. Die hohe Stufe, auf der
die Schauspielkunst stand, und besonders Ifflands Darstellung des Franz
Moor hatte begeisternd auf ihn gewirkt. Die Aussicht auf ein schönes
poetisches Leben zog ihn unwiderstehlich an. Aber gleichwohl wünschte er
Stuttgart nur mit Erlaubnis des Herzogs zu verlassen. Diese hoffte er
durch den Freiherrn von Dalberg auszuwirken, und seien Briefe an denselben
enthalten mehrere dringende Gesuche um eine solche Verwendung. Der
Erfüllung dieser Bitte mochten Schwierigkeiten entgegentreten; der Gedanke
zur Flucht wurde lebendig in ihm. Dienstversäumnisse, die aus seiner
vorherrschenden Beschäftigung mit der Dichtkunst und aus anderweitigen
schriftstellerischen Arbeiten entspringen mussten; Klagen, witzige
Einfälle über den Zwang des Geistes unter Despoten-Willkür, die dem
Herrscher hinterbracht wurden, reizten diesen immer mehr gegen den
Zögling, um so mehr, da die Anerkennung seines Talents ihm bekannt wurde
und er ihn gern als sein Geschöpf angesehen hätte.
Gutmütige Vermittler schlugen Schiller vor, den
Herzog durch ein Lobgedicht zu versöhnen; und es boten sich in der Tat
manche Anlässe dar, die einen Schwächern wohl zu einem solchen hätten
bestimmen können. Durch die Weisheit eines seiner früheren Regenten
bestand eine lichtvolle freisinnige Verfassung in Württemberg, deren
wohltätige Spuren sich noch erhalten hatten, und mit denen selbst der
gewaltige Herrschersinn des Herzogs Karl sich abfinden musste. Ein reger
Anteil am öffentlichen bürgerlichen Wesen herrschte im Lande, und unter
den Jünglingen erzeugte sich das schöne Gefühl, einem Ganzen anzugehören,
dessen Bestand auf der Ausbildung ihrer geistigen Kräfte ruhte. Persönlich
fühlte sich Schiller dem Herzog zur Dankbarkeit verpflichtet, und
Äußerungen des früher genossenen Wohlwollens tönten noch in einer
kindlichen Zuneigung nach, die ihm durchs ganze Leben blieb. Die zärtliche
Liebe für seine Familie, deren Glück der Herzog in einer Aufwallung des
Zorns für immer zerstören konnte – denn der Vater erheilt die Seinigen nur
durch sein Gehalt in Wohlstand – musste tausend Besorgnisse erregen. Wie
viele Motive lagen in diesem allem, um der Leier des Dichters einen
falschen Klang zu entlocken! Aber der gute Genius siegte. Der hohe Begriff
von der Dichtkunst, dass sei sich immer frei von kleinen Zwecken, nur in
den heiligen Regionen des Guten und Wahren erhalten müsse, dieser Begriff,
der sein ganzes Leben beherrschte, bewährte sich hier als Tat im
Jünglingsalter und unter Umständen, die Festigkeit der Sinnesart und
Energie der Seele beweisen. Kein unbändiger Starrsinn lag in ihm, der nur
aus beschränktem Dünkel entsteht. Seine Freiheitsliebe war mit klarer
Verstandesansicht und einer tiefen Ehrfurcht vor Gesetz und Ordnung
verschwistert; selbst das Anständige, Hergebrachte in den Formen der
Gesellschaft beleidigte er, aus angeborner Feinheit, nicht gern; aber
Unterdrückung der schönsten Kräfte der Menschheit, Opfer, die nicht dem
allgemeinen Besten, sondern der Willkür despotischer Launen gebracht
werden sollten, widerstrebten seinem ganzen Wesen.
Harte und drohende Äußerungen kamen Schiller zu
Ohren; Missgunst und Misstrauen wuchsen. Des Dichters Schubart Schicksal,
der auf der Bergfeste Hohenasperg durch jahrelange Gefangenschaft für sein
Gedicht, die Fürstengruft, büßte3),
in welchem er durch Erinnerung an das allgemeine Los der Sterblichen, Tod
und Auflösung, etwas zu grell an den Wechsel der Erdengewalt gemahnt und
die Fürsten vor dem Missbrauch derselben gewarnt hatte, lag als
bedenklicher Hintergrund im Stuttgarter Dichterleben. Schiller hatte keine
nähere Verbindung mit Schubart, als dass er ihn einmal auf der Festung aus
Teilnahme an seinem Schicksal besuchte, wie viele andre taten. Der
rührende Klagegesang: „Gefangner Mann, ein armer Mann“ tönte von dem Berg
durch die Gefilde und bewegte die Herzen. Mehrere Fürsten Deutschlands
verwendeten sich für des Dichters Befreiung.
Um seinen Abschied aus dem Dienst durfte Schiller
als Zögling der Akademie nicht anhalten; ja er musste fürchten, durch
solch ein Gesuch den Zorn des Herzogs aufs äußerste zu reizen.
Schwermütigen Sinnes erwog er seine Lage, und nicht ohne harten Kampf
fasste er den Entschluss zur Flucht.
Mit weichem, liebendem Herzen hing er an den Seinen,
deren Existenz er in Gefahr stürzte; auch der Vorwurf der Undankbarkeit
gegen den fürstlichen Erzieher und Versorger lastete auf seinem Herzen,
das immer fest an den Gesetzen der Ehre hielt. Aber sich selbst aufgeben –
denn die Muse war sein Selbst – wie vermochte es der Jüngling? Die Lockung
zur Freiheit auf des Ruhmes Sonnenbahn, die sich ihm eröffnete, die
dichterische Welt, die sich in seinem Innern bewegte, die vielfältigen
Pläne, die er entworfen, wie konnte er das alles der Willkür des
Herrschers opfern, die die Flügel seines Geistes zu fesseln sich
unterfing? Goldene Träume von Glück und Ruhm, von einer Lage, in der er
den Seinen einst alles vergelten könnte, was sie vielleicht um ihn
erdulden mussten, umschwebten ihn; auch die Hoffnung, den beleidigten
Herrscher durch die Macht seines Talents in der Folge zu versöhnen und ihn
von der Ungerechtigkeit seines Ausspruchs durch Taten des Genius zu
überzeugen, gesellte sich ihm tröstend zu.
Während die Stadt mit den Zubereitungen zum Empfang
des Großfürsten Paul und seiner Gemahlin, einer gebornen Prinzessin von
Württemberg, beschäftigt war, der Hof auf glänzende Feste dachte, wobei
aller Reichtum der Kunst und Natur aufgeboten werden sollte, während die
fröhliche Jugend Anteil an der allgemeinen Festlichkeit nahm und die
schaulustige Menge aus den Toren der Stadt hinausströmte, um sich an dem
Anblick der Fürsten zu weiden, ging Schiller unbemerkt den entgegen
gesetzten einsamen Weg, in einer schönen Sommernacht, um seinem Vaterland
auf lange Zeit Lebewohl zu sagen. Mit der Freiheit, mit dem Gefühl, er
könne nun sein Talent ohne äußere Beschränkung wirken lassen, glaubte er
alles gewonnen zu haben; seine Zukunft bedachte er wenig. So warf er sich,
ohne hinlängliches Geld, ohne eine bestimmte Aussicht, der fremden Welt in
die Arme; aber eine sehr trübe Stimmung musste natürlich folgen.
Ü
Þ
1)
Dass Schiller im Landexamen gut bestand, geht aus den noch vorhandenen
schriftlichen Zeugnissen hervor, die ihm der Prälat und Rektor des
Stuttgarter Gymnasiums, M. Knaus, erteilte.
2) Ein Teil der Abhandlung
hat sich nachmals vorgefunden und ist in der Hist.-krit. Ausg. I, 74-93
abgedruckt.
3) Die „Fürstengruft“
entstand erst während Schuberts Gefangenschaft.
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