Brief Schillers an seine Schwester
Christophine Reinwald in Meiningen
[Auf der leeren Seite steht, quer über
geschrieben: Brief von meinem Bruder, das Jahr vor seinem Tode.]
Weimar, 5. Jänner 1804.
Der Tod des guten Herzogs von M.
(Meiningen) hat uns recht herzlich betrübt. Ich hatte ihn in den letzten Zeiten
wahrhaft lieb gewonnen und er verdiente auch als ein guter Mensch Achtung und
Liebe. Gebe der Himmel, daß man im Meiningischen Land nicht Ursache habe, diesen
Verlust noch lange zu betrauern.
Hier ist kürzlich auch Herder
gestorben, der ein wahrer Verlust, nicht nur für uns, sondern für die ganze
literarische Welt ist.
Möge nur der Himmel uns und
allen, die uns werth sind, Leben und Gesundheit fristen. Es gibt noch allerlei
in der Welt zu thun, und ich möchte es wenigstens erleben, meine Kinder so weit
gebracht zu sehen, daß sie sich gut durch die Welt helfen können.
Mit der Gesundheit ist es bis
jetzt ganz leidlich gegangen, aber der Winter macht mich doch immer besorgt, und
ich kann mich hier nicht immer so zu Hause halten, wie in Jena.
Fr. v. Stael ist eben hier und
belebt durch ihren geistreichen und interessanten Umgang die ganze Societät. Sie
ist in der That ein Phänomen in ihrem Geschlecht, an Geist und Beredsamkeit
mögen ihr wenige Männer gleich kommen, und bey allem ist keine Spur von
Pedanterei oder Dünkel. Sie hat alle Feinheiten, welche der Umgang der großen
Welt gibt, und dabei einen seltenen Ernst und Tiefe des Geistes, wie man sonst
nur in der Einsamkeit sich erwirbt.
Herzlich umarmen und grüßen wir
euch alle, und wünschen einen erfreulichen Eintritt in das neue Jahr.
Euer treuer Bruder
Sch.
Ü |