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Anhang. Fünf Briefe Schillers.Brief Schillers an J. R. Zumsteeg in Stuttgart.1)Mannheim, den 19. Jenner 84. Allerdings l. Freund verdiene ich Vorwürfe von Dir, daß ich schon mehrere Briefe von Dir unbeantwortet gelassen, und nichts als meine Krankheit und Überhäufung von Geschäften kann mich entschuldigen. Zu deiner Genugthuung kann ich Dir sagen, daß Nachläßigkeit im Schreiben die allgemeine Klage, sogar meiner Familie, über mich ist, und sich also, wenigstens auf meine Freundschaft, nicht daraus schließen läßt. Weggerechnet, daß ich in weitläuftige Correspondenzen verwickelt bin, hat mich vorzüglich die mühsame Umschmelzung meines Fiesco für Teutsche Theater, die ich in öffentlichen Zeitungen versprochen, und, um Wort zu halten, sogar in meinen fieberfreien Augenblicken vornehmen mußte, von den angenehmsten Pflichten gegen meine Freunde zurückgezogen, unter denen du mein lieber gewiß nicht der letzte bist. Vergieb mir das, wie Du mir schon so manches vergeben hats, und glaube mit Ueberzeugung, daß ich die Ungeduld und Wärme, womit du unsere Freundschaft auffrischen wolltest, in jeder Rücksicht zu schätzen weiß. Also genug von diesem. Du schreibst mir, sehr schmeichelhaft, daß Dich alles was mir widerfahre, sehr warm intereßire - Sey versichert, daß ich in eben dem Fall bin. Unmöglich kann mir also Deine Verheurathung - eine große Epoche unsers Schicksals - Kleinigkeit seyn. Muthe mir indessen nicht zu, daß ich hier auskrame, was ich allenfalls über diesen Punkt denke - sodnern nimm meinen wahren und warmen Glückwunsch deswegen an. In etwas glaube ich deine Frau zu kennen - und auch dieses wenige berechtigt mich, Deiner Wahl meinen ganzen Beifall zu geben. Sey mit ihr glücklich, theurer Freund, und handle auch so, daß sie niemalen aufhöre, es mit Dir zu seyn. An eine Person, die mit uns Freuden und Leiden theilt, die unsern Gefühlen entgegenkommt, und sich so innig, so biegsam an unsre Launen schmiegt, gekettet zu seyn - an ihrer Brust unsre Seelen von tausend Zerstreuungen, tausend wilden Wünschen, und unbändiger Leidenschaft abzuspannen - und alle Bitterkeiten des Glücks im Genuß der Familie zu verträumen; ist wahre Wonne des Lebens, um die ich Dich von ganzem Herzen beneide. Aber wie in aller Welt kömmst Du dazu, mich auf dem Weg zur Ehe zu glauben? Mich? So vortheilhaft ich von Verbindungen dieser Art denke, so wenig kann ich doch in meiner gegenwärtigen Lage davon Gebrauch machen, denn mein Schicksal, so sehr ich auch wirklich damit zufrieden bin, ist doch nur ein angenehmer Traum meiner Jugend, den ich nie entschlossen war, ewig zu machen. Mein gegenwärtiges Leben taugt unvergleichlich für meine 24 Jahre, aber wird es mich auch im 30gsten noch reizen? Vielleicht darf ich mir einen kleinen Anspruch auf das, was man Glück heißt erlauben - Bedenke selbst, wie mich eine Heurath von der Bahn zu demselbigen ablenken würde. Zwar habe ich über ein großes Glück meine gewisse Capricen - doch auch bei der grösten Gleichgültigkeit gegen Ruhm und glänzende Schicksale wäre eine Verheurathung mein Fall nicht, denn mein ungestümer Kopf und warmes Blut würde noch jetzt keine Frau glücklich machen. Nun lieber Freund erlaube mir noch eine kleine Frage. Hast Du alle Deine Leidenschaften auf Deine Frau verpflanzt, oder allenfalls noch eine glimmende Funke für den Künstler zurückbehalten? Wird die Welt ihre großen Erwartungen von Dir zurücknehmen müßen? oder wirst Du zwischen den Ansprüchen des Genies und deiner Louise (so heißt sie doch) eine glückliche Theilung machen? - Ich habe Dein Gesicht für Ruhm und Unsterblichkeit glühen gesehen - Dein Ehrgeiz und Dein Talent sollen mir für meine Hoffnungen bürgen. Billig erwartest Du, daß ich Dir meine Schicksale unter fremdem Himmel mittheile, denn mein Leben hat ohnehin die Farbe eines Romans, und mein sonderbarer Kopf läßt freilich auf sonderbare Situationen schließen - aber für Briefe ist dieses Theam zu weitläuftig, und vielleicht auch zu gefährlich. Jetzt lebe ich zu Mannheim in einem angenehmen dichterischen Taumel - Kur-Pfalz ist mein Vaterland, denn durch meine Aufnahme in die gelehrte Gesellschaft, deren Protector der Churfürst ist, bin ich nationalisirt, und Churfürstlich Pfalzbairischer Unterthan. Mein Clima ist das Theater, in dem ich lebe und webe, und meine Leidenschaft ist glücklicherweise auch mein Amt. Am 11. des Mts. ist mein Fiesco mit allem Pompe hier gegeben worden, nächsten Sonntag wird er wiederholt. In 3 Wochen kannst Du mein neues Stück Louise Millerin gedruckt haben. Wenn Du mein Bester, in Gesellschaft Deiner Frau, während der jetzigen Carnevals-Lustbarkeiten hieher fliegen könntest - An vergnügen wollte ich Dir's nicht fehlen lassen, und mit den Unkosten wollten wir schon fertig werden. Benda bringt schon den ganzen Winter bei uns zu, und im öffentlichen Conzert könntest Du Dich hören zu lassen. Meine Räuber werden am 8. gegeben, und noch andere große Stücke, die Dich gewiß auf das schönste zerstreuen würden. Tanzen kannst Du auf dem Vauxhaller nach Lust. Ueberleg es und berede noch andere Freunde dazu. Jetzt lebe wohl, und küsse in meinem Nahmen deine Frau. Eifersüchtig wirst Du doch nicht werden? Eingeschlossene Briefe wirst Du so gut seyn zu bestellen. Deinem Maultrommel Virtuosen ist durch Herrn Conzertmeister Fränzel Protection wiederfahren. Noch einmal lebe wohl, empfiehl mich allen meinen ehemaligen Freunden und liebe, wie bisher, Deinen Schiller. 1) Aus Citaten in H. Dörings "auserlesenen Briefen Friedrich von Schillers" Nr. 52. I. S. 124 ff. unvollständig mitgetheilt. |
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