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RückblickSo liegt denn das große Dichterleben früh vollendet, aber doch abgeschlossen vor uns. Die Vorsehung Gottes – andere sagen der Weltgeist – hat, nach vollbrachter Pflege durch Wahrheit und Güte, den Genius seine reifsten Fürchte auf dem Altar der Schönheit niederlegen lassen. Im Beginn dieser letzten Periode konnte man den Dichter der Poesie abgestorben glauben, wie er auch kurz zuvor physisch tot gesagt worden war: Aber er lag nur in seiner philosophischen Verpuppung, und unser Auge war noch mit Bedauern auf die Verkleidung seines Wesens geheftet, während er den selbst geschaffnen Kerker schon verlassen hatte und sich als farbenreicher Schmetterling im Äther der Dichtung wiegte. Die ersten Spuren der vorgegangenen Verwandlung werden an der Prosa des Dichters sichtbar, als eben sein Begleiter auf dem stürmischen Meere der Spekulation (wenn uns erlaubt ist, in ein andres Bild überzuspringen) von ihm zu scheiden im Begriff stand, und als auf das Geheiß „der Dämonen“, wie der Unglaube, der nur ein sich sträubender Glaube war, es ausdrückt, der Schutzgeist der Poesie, der das Dichterschiff in den Hafen lenken sollte, sich zur Vollbringung seines Auftrags anschickte. Der Stil Schillers, immer noch erhaben, feierlich und prächtig, wo es galt so zu sein, wurde doch in den letzten ästhetischen Schriften so ruhig und klar, dass schon aus ihm die künstlerische Durchbildung, die sich der Produktion wieder näherte, geahnt werden konnte. Und in seinen Briefen aus jener Zeit, nicht den ostensibeln, denen Hoffmeisters Tadel immerhin gelten mag1), sondern in den sorglos an seine Freunde gerichteten ist er, wo er sich ganz gehen lässt, unübertrefflich. Durch die Horen und Almanache drohte der freien Schöpfungsweise unseres Dichters, wie wir mit Ängstlichkeit sehen, noch einmal Gefahr, und Goethe selbst bedauerte die Zeit, die er mit Schiller hier verschwendet2). Auch wollte die versuchte Dyarchie über die deutsche Literatur nicht glücken. Wo unsre Heroen die Natur in andern Geistern beherrschen zu können vermeinten, ging es nicht; sie wehrte sich, sie produzierte neues, wider den Willen der vermeinten Lenker; und so wird es allen kritischen Schulen gehen. Gewiss waren die beiden Männer dazu bestimmt, das dumm gewordene Salz unserer Literatur zu verdrängen und ihre Schätze an dessen Stelle zu setzen. Aber dies sollte vielmehr durch ihre Werke, als durch ihre Kritik geschehen, und geschah. Goethe war das zutage liegende Steinsalz. Bei Schiller lief die Sole durch die Gradierhäuser der Philosophie. Zuletzt aber lag das Kunstprodukt in so reinen, so vollkommenen, so formgerechten Kristallen vor uns, wie das ursprünglich vom Geist der Natur geschaffene, ja manches daran war durchsichtiger und von ätherischerem Glanz. Auch stand Schiller am Ziel seiner Laufbahn nicht hinter dem Genossen Goethe zurück, der freilich so glücklich war, ohne Kämpfe und Irrgänge, in frühester Jugend inne geworden zu sein, dass das Ideal der Schönheit Einfalt und Stille sei3).“ Und so bewunderten wir nun zuerst an Schiller in seinem dritten Stadium die Erzeugnisse der „Ideenpoesie“. Es sind jene lyrischen und didaktischen Gedichte, an denen die Philosophie noch mit geschaffen hat, die den Kampf der Wahrheit mit der Schönheit veranschaulichen, ein Kampf, der ihnen – wie seinen Dramen der Kampf der Freiheit mit dem Schicksal, und der Idee mit der Wirklichkeit – „eine vorwärts strebende Rastlosigkeit, einen Schwung des Gedankens verleiht, wodurch sie beinahe aus der Sphäre ihrer poetischen Gattung heraustreten und die herkömmlichen Formen zersprengen, aber nur umso mächtiger, als Offenbarungen eines neuen geistigen Gehaltes, ergreifen4).“ Einen Augenblick sehen wir den Dichter am Scheideweg zwischen Epos und Drama sinnend stehen. Aber er pflückt die links am Weg blühende Ballade, und schreitet rechts dem Drama zu. Jüngst noch hatte er in „pathologischer Stimmung“ mutlos gesungen:
Und kurze Zeit darauf sah man ihn sich und der Welt im Wallenstein den üppigsten Dichterfrühling schaffen, ja jährlich oft zweifach kehrte der Lenz wieder, der uns alle in Erstaunen setzt, so dass wir, je länger wir diese Schöpfungen betrachten, desto überzeugter ausrufen müssen: „Wie vieles hat sich entfaltet, und dies viele wie erhaben und wie reichlich!“ Von nun an „übte er den großen, geduldigen Sinn, das Ideal der Seele ins nüchterne Wort auszugießen“, und aus der Werkstätte seines Geistes gingen jene Kunstwerke hervor, die den empfänglichen Leser mit der „hohen Gleichmütigkeit und Freiheit, verbunden mit Kraft und Mäßigung“, entlassen, die der Dichter als Kritiker postulierte. Es war noch derselbe schaffende Geist, als welchen er sich vor zehn und zwanzig Jahren der Nation angekündigt hatte, aber das Stückwerk war abgetan; die Form hatte den Stoff überwältigt. Dieselbe Kraft, die einen Schweizer, Verrina, Philipp lebend vor unsere Augen gestellt, die einem Karl Moor in einzelnen, einem Fiesko, Carlos und Posa in vielen Momenten wesenhaftes Dasein verliehen, brachte jetzt jene Wallenstein, Buttler, Wrangel, Shrewsbury, Paulet, Philipp von Burgund, Tell und seine Mithelden, jene Terzky, Maria, Elisabeth, Marfa, kurz jene Charaktere hervor, die immer atmen, immer handeln, die leibhaftig und geistig leben, wenn man auch nicht immer damit zufrieden ist, wie sie es tun; sie schuf daneben auch jene wesenloseren, aber doch so rührenden und reizenden Gestalten eines Max, einer Thekla, einer Johanna, die wie gewohnte Geistererscheinungen in das sichtbare Leben der Deutschen seit manchen Jahrzehnten hereinragen, und in deren ätherischem Umgang seit der Väter Zeiten die vaterländische Jugend aufwächst. Will man sich den ungeheuren Fortschritt, oder eigentlich den Überschritt, den der Dichter von der rohen und halb gebildeten Natur in die durch den Geist gebildete und verklärte Natur, in die Kunst hinüber getan hat, recht vergegenwärtigen, so darf man nur seine Behandlung der verschiedenen Leidenschaften in den beiden früheren Perioden mit seiner Darstellung derselben in dieser letzten Periode vergleichen. Wenn man Karl Moor und Don Carlos mit Max und selbst mit Mortimer, wenn man Amalia mit Thekla, wenn man die beiden Walter mit den beiden Piccolomini, wenn man Franz Moor mit Elisabeth, wenn man den Major Walter mit Don Cesar, die Nobili im Fiesko mit Buttler und Marfa, Fiesko selbst mit Oktavio zusammenstellt; so wird man staunen, aus welchem hellen und getreuen Spiegel jetzt erst Liebe, Hass, Eifersucht, Rache und Ehrgeiz zurückstrahlen und welch ein vollendeter Dichter der Leidenschaft unser Schiller auf der Höhe seiner Poesie geworden ist. In seinen beiden größten Werken, dem Wallenstein und dem Tell, hatte er endlich zu der deutschen Gesinnung, von der sie durchdrungen sind, auch den deutschen Stoff gefunden, und mit allen ihren Idealismen, ihrem, übrigens gemilderten, Pathos, und geminderten Sentenzenreichtum, heimeln diese Stücke die Deutschen rührend an, und jeden, der die Deutschen kennt und der sie liebt. Die ganze Welt aber gewinnt Schiller, als der Dichter der Freiheit – „der Freiheit, in dem verschiedensten Gestalten und unter den mannigfaltigsten Gesichtspunkten aufgefasst. Er schildert und feiert sie als den Trieb und das Recht der Individuen und der Nationen, ihren Willen und die unverkümmerte Entwicklung ihres Daseins nach außen im Kampf zu behaupten, und er ahnt und erkennt ihren höchsten Triumph in der hohen und reinen Klarheit des Geistes, der mit sich selbst und der Welt zufrieden, über die Fesseln der Außenwelt sich erhoben, und in vollendeter Sittlichkeit, Bildung und Kunst, „in des Sieges hoher Sicherheit jeden Zeugen menschlicher Bedürftigkeit ausgestoßen hat5).“ Das alles geschieht in diesem dritten Stadium seiner Wirksamkeit, unbeschadet der Poesie. Gedanke, Tat, Gefühl, Beredsamkeit – alles fällt ihm jetzt in solcher Fülle nur zu, weil er der Poesie zugefallen ist, alles bemeistert er nur mit so sicherem und besonnenem Geist, weil er sich, als Dichter, ganz und ausschließlich in den Dienst der Muse begeben hat. Er ist kein Knecht der Gesellschaft, kein Knecht der Geschichte, kein Knecht der Reflexion mehr; er steht auf einer Höhe, von der aus er dem einstigen Genossen seiner philosophischen Forschung zurufen konnte: „Ich möchte behaupten, dass es kein Gefäß gibt, die Werke der Einbildungskraft zu fassen, als eben diese Einbildungskraft, und dass auch Ihnen die Abstraktion und die Sprache ihr eigenes Anschauen und Empfinden nur unvollkommen hat ausmessen und ausdrücken können6).“ Es ist dies eines der offenbarungsvollsten Worte des Genius, ein Wort, in welchem vielleicht ein neues System oder die Anschauungsweise einer andern Welt verborgen liegt. Weder das Gute, noch das Wahre, noch das GutWahrSchöne oder Heilige ist in Schiller bei diesem Musendienst zu kurz gekommen. Er war der beste Gatte, der beste Vater, Sohn, Bruder und Freund, der liebreichste Nachbar der Menschen. Kein gemeines, kein unreines Lebensverhältnis gab ein ästhetisches und moralisches Ärgernis und brachte seinen Schönheitsdienst in Verdacht. Er ließ sich in allem seinem Denken und Tun von seinem Gewissen strafen7), er überwachte in seinem ganzen persönlichen Verhalten die Schönheit in ihrer Wirkung auf die Pflicht8). Nie opferte er die innere Ehre der äußern auf. Und wenn man ihn einen Heiden schelten will, weil er mit seinem Jahrhundert seitwärts stand von dem Sohn des Menschen, in welchem unsre Zeit durch alle Umwege und Zweifel den Gott wieder zu suchen begonnen hat, so gehörte er doch zu denjenigen Heiden, „die von Natur tun des Gesetzes Werk, und sind ihnen selbst ein Gesetz, damit, dass sie beweisen, des Gesetzes Werk sei beschrieben in ihren Herzen.“ Auch zeigen seine Seufzer auf dem Totenbett, dass er die wesentliche Unterlage des Christentums, den Glauben an den persönlichen Gott, aus den Kämpfen seines Forschens und innern Lebens gerettet oder ihnen abgerungen. Ja, in den letzten Tagen der vollen Geisteskraft hatte er sich schon vor der Majestät des Heiligen gebeugt, den eine ungünstige Zeitbildung ihm am frühesten und fernsten aus den Augen gerückt hatte9). Nichts ging zugrunde bei seinem geweihten Dichterberuf, als sein Körper, der sich viel zu früh an den Nachtwachen aufgerieben hat und an den unsterblichen Werken seines Geistes gestorben ist. Schillers ganzes leibliches Leben in dieser Periode war ein langsames Verwelken, aber wer konnte es vor dem Blütenglanz bemerken, den er in dieser letzten glorreichen Periode seines Wirkens rings um sich verbreitet hat? Kaum dass der Lebensbeschreiber Zeit gefunden, der Abnahme seiner Körperkräfte in Zwischenräumen zu erwähnen. Gewiss war auch der Leser mit der ewigen Frische dieses Dichtergeistes bis an sein Ende beschäftigt, und hat ihn nur so gesehen, wie sein großer Freund ihn geschildert, und wie der Biograf seine Gestalt den Seelen einprägen möchte:
1)
„Schiller ist am schwächsten im Briefstil“, sagt Hoffmeister III, 123 in
dem trefflichen Abschnitt „Schiller als philosophischer Schriftsteller und
Prosaiker überhaupt.“ Goethe dagegen sagte zu Eckermann I, 198: „Seine
Briefe sind das schönste Andenken, das ich von ihm besitze, und sie
gehören mit zu dem Vortrefflichsten, was er geschrieben. Seinen letzten
Brief bewahre ich als ein Heiligtum unter meine Schätzen.“ Und vorher I,
145: „Schillers Stil ist am prächtigsten und wirksamsten, sobald er nicht
philosophiert, wie ich noch heute an seinen höchst bedeutenden Briefen
gesehen.“
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