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Eindruck in Weimar und auf Goethe. Begräbnis.

Schnell verbreitete sich die Schreckensnachricht durch Weimar. Der Abend, an dem der Dichter starb, war ein Theaterabend. Kein Schauspieler wollte spielen, und Mlle. Jagemann setzte es durch, dass das Theater geschlossen blieb .

Der Anblick des Trauerhauses, welchem Beweise der herzlichsten Teilnahme von allen Seiten zuströmten, war herzzerreißend; der Jammer der Gattin unbeschreiblich. Karl, der älteste Knabe, elf Jahre alt, lag auf dem Boden, und wehklagte, vom fürchterlichsten Schmerz zerrissen. Der kleine, neunjährige Ernst saß in der Ecke, die Hände gefaltet, und weinte ruhiger. Das ältere Töchterchen, Karoline, ein Kind von fünfeinhalb Jahren, wusste nicht, was das Ganze zu bedeuten hatte. „Der gute Papa ist tot“, sagte sie ganz ruhig, und erst als sie das Weinen der Mutter bemerkte, verbarg sie weinend ihr Gesicht in der Mutter Schoß .

Wir sehen uns jetzt nach Goethe, dem vertrautesten Kenner und Freunde des Geistes um, der soeben die Welt verlassen hatte. Sie waren zu Anfang dieses Jahres beide zu gleicher Zeit krank daniedergelegen und konnten sich damals weder sehen noch schreiben. Schiller hatte sich zuerst erholt. Kaum konnte er wieder ausgehen, so besuchte er „seinen lieben Goethe“. Voß war bei diesem Wiedersehen zugegen, und es rührte ihn jedes Mal, sooft er daran dachte. Sie fielen sich um den Hals und küssten sich in einem langen, herzlichen Kuss, ehe einer von ihnen ein Wort hervorbrachte. Keiner sprach von seiner Krankheit, beide genossen nur der Freude, wieder vereinigt zu sein.

In den letzten Tagen Schillers war Goethe selbst wieder unwohl und ungemein niedergeschlagen. Einmal fand ihn Voß im Garten, Tränen in den Augen. Am Morgen des Neujahrstages 1805 hatte Goethe an den Freund ein Gratulationsbillet gerichtet. Als er es wieder durchlas, fand er geschrieben: „Der letzte Neujahrstag“ statt „der wiedergekehrte“ oder dergleichen . Erschrocken zerriss er’s und begann ein neues. Bei der ominösen Zeile angekommen, hatte er Mühe, nicht wieder zum letzten zu schrieben. Denselben Tag erzählte er dies einer Freundin, und „ihm ahne“, sagte er, „dass entweder er oder Schiller in diesem Jahr scheiden werde.“

Bei jenem Gang im Garten berichtete Voß ihm vieles von Schiller. „Das Schicksal ist unerbittlich und der Mensch wenig“, antwortete Goethe abbrechend. Als nun Schiller gestorben war, beriet man sich mit großer Sorglichkeit, wie es Goethe beizubringen wäre. Niemand hatte den Mut, es ihm zu melden. Heinrich Meyer war bei ihm, als endlich draußen die Nachricht eintraf, Schiller sei tot. Meyer, hinaus gerufen, mochte nicht wieder ins Zimmer zurück, und ging lieber, ohne Abschied zu nehmen. Die Einsamkeit, in der sich Goethe befindet, die Verwirrung, die er überall wahrnimmt, lässt ihn wenig Tröstliches erwarten. „Ich merke es“, sagt er endlich, „Schiller muss sehr krank sein.“ Die übrige Zeit des Abends war er in sich gekehrt. In der Nacht hörte man ihn weinen. Am Morgen sagte er zu einer Freundin: „Nicht wahr, Schiller war gestern sehr krank?“ Beim der „sehr“ fing die Freundin zu schluchzen an. „Er ist tot?“, fragte Goethe mit Festigkeit. „Sie haben es selbst ausgesprochen“, antwortete sie. „Er ist tot!“, wiederholte Goethe und bedeckte sich die Augen mit den Händen.

Am andern Morgen schien der Jammer erst recht bei den Bewohnern Weimars eingekehrt. Die unbekanntesten Menschen, die sich begegneten, teilten sich ihren Schmerz durch Gruß und Mienen mit. Es war, als ob jeder das Nächste verloren hätte. Keiner hatte im Hause Ruhe. Alles irrte auf den Straßen und im Park umher. Derselbe Eindruck des Schreckens ging durch ganz Deutschland .

Die Sektion des Leichnams wurde im Beisein des Hausarztes der Frau v. Wolzogen, des Doktors Herder, eines der Söhne des berühmten Herder, vorgenommen. Man hatte den linken Lungenflügel destruiert, die Herzkammern fast ganz verwachsen, die Leber verhärtet, die Gallenblase außerordentlich ausgedehnt gefunden . Jetzt erinnerte sich die Schwägerin, dass ihr Schiller, als er das letzte Mal mit ihr ins Theater fuhr, gesagt: „Sein Zustand sei seltsam; in der linken Seite, wo er seit langen Jahren immer Schmerz gefühlt, fühle er nun gar nichts mehr.“ Herder versicherte, auch genesen von diesem Fieber, würde er, nach dem Zustand der Lunge, nicht über ein halbes Jahr gelebt und schwere Beängstigungen erduldet haben.

Für Gall wurde ein genauer Abdruck seines Schädels genommen.

Das Leichenbegängnis war dem Rang des Verstorbenen gemäß angeordnet und fand in der Mitternachtsstunde vom 11. auf den 12. Mai statt. Aber zwölf junge Männer höheren Standes nahmen die Leiche den gewöhnlichen Trägern ab und trugen sie auf sanften Freundesarmen zur Ruhestatt. Hinter dem Sarg gingen, keiner dem andern bekannt, der Professor Froriep von Halle und der auf die Trauernachricht eben erst von Naumburg herbei geeilte Schwager des Dichters, Wilhelm v. Wolzogen. Der Himmel war umwölkt, aber die Nachtigallen sangen volltönend durch die Mainacht. Als die Bahre vor der Gruft in dem alten Landschaftskassengewölbe niedergestellt wurde, zerriss der Wind plötzlich die dunkle Wolkendecke; der Mond trat mit ruhiger Klarheit hervor und beleuchtete den Sarg. So wie dieser in die Gruft gebracht war, verfinsterte sich der Himmel wieder .

Es war die Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag. Am Sonntagnachmittag wurde in der Kirchhofskirche Mozarts Requiem von der Kapelle aufgeführt, und der Generalsuperintendent Voigt hielt eine Rede. Die Kinder waren mit in der Kirche; die kleine Emilie lachte während der Trauerrede und bewegte die Herzen der Anwesenden mehr als alle Worte.

„Voß, hast Du auch den Papa mit weggetragen“, frage die vierjährige Karoline jenen am Sonntag, „hast Du ihn zum lieben Gott gebracht; hat er den Papa freundlich aufgenommen?“ Nicht lange darauf nahm Heinrich Voß die Kinder, ging mit ihnen spazieren, zeigte ihnen die Wolkengebilde, und ihre Phantasie sah Dörfer und Städte. „Da sehe ich ein großes Schloss!“, rief Ernst. Karoline sah die Wolke lange an. „Ja!“, rief sie endlich, „es ist das Haus vom lieben Gott, aber Papa wohnt mit darin.“

Man erwartete eine Totenfeier auf dem Theater. Aber Goethe war nicht dafür. Er bezeichnete den Wunsch der Schauspieler gegen Zelter (1. Juni 1805) „als eine Sucht der Menschen, aus jedem Verlust und Unglück wieder einen Spaß herauszubilden.“ Den Schauspielern mag dies wehgetan haben. Das Gefühl, das die Weigerung eingab, war dennoch echt. Für eine Totenfeier auf dem Theater zu Weimar musst der Verlust in die Ferne gerückt sein. Sobald es Zeit war, dichtete Goethe den unsterblichen „Prolog zu Schillers Glocke.“ – „Ich dachte mich selbst zu verlieren“, schrieb der kaum Genesene weiter an Zelter, „und verliere einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins.“

Unsere Darstellung hat das Lebensverhältnis beider Dichter zueinander in ihren eigenen Worten zu schildern versucht. Möge sie für die Wahrhaftigkeit dieser Äußerung Zeugnis ablegen.

Die Teilnahme gegen die Schillersche Familie beschränkte sich nicht auf Beileidsbezeugungen. Die Großfürstin erklärte, für die Erziehung der Söhne sorgen zu wollen, und tat es aufs großmütigste; der Fürst Primas setzte der Witwe einen reichlichen Jahresgehalt aus, und Cotta erfüllte seine Verbindlichkeiten gegen die Erben auf eine Weise, wie sie nur ein treuer Freund erfüllt.

Vor die Nation aber trat Goethe und sprach: „Wir dürfen ihn wohl glücklich preisen, dass er von dem Gipfel des menschlichen Daseins zu den Seligen emporgestiegen, dass ein schneller Schmerz ihn von den Lebendigen hinweg genommen. Die Gebrechen des Alters, die Abnahme der Geisteskräfte hat er nicht empfunden; – er hat als Mann gelebt und ist als ein vollständiger Mann von hinnen gegangen. Nun genießt er im Andenken der Nachwelt den Vorteil, als ein ewig Tüchtiger und Kräftiger zu erscheinen; denn in der Gestalt, wie der Mensch die Erde verlässt, wandelt er unter den Schatten, und so bleibt uns Achill als ewig strebender Jüngling gegenwärtig. Dass er früh hinwegschied, kommt auch uns zugute. Von seinem Grab her stärkt uns der Anhauch seiner Kraft, und erregt in uns den lebhaftesten Drang, das, was er begonnen, mit Eifer und Liebe fort- und immer wieder fortzusetzen .“

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1) So Fr. v. Wolz. II, 279. Nach andern geschah dies am Sonnabend. ­
2) Voß 52 f. Aus demselben das Folgende, 60 ff.
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3) So Voß S. 59. In dem vorhandenen Billet (Briefw. VI, S. 285) heißt es: „Hier zum neuen Jahr, mit den besten Wünschen, ein Pack Schauspiele.“ Wahrscheinlich war Goethe in die Feder gekommen: „Hier zum letzten neuen Jahr –.“
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4) Der Verfasser dieser Lebensbeschreibung war damals ein Knabe von dreizehn Jahren. Er brachte von Stuttgart aus die Ferien und Feiertage dieses Frühjahrs in Ludwigsburg, dem Jugendaufenthalt Schillers, in dem gastlichen Haus der Verwandten eines Gespielen zu. Die Wohnung hatte ein Hinterhaus mit Gartensaal, wo die Kunst eines ältern Genossen, der auf der Schwelle der Hochschule stand, mitsamt den Stücken ein Theater geschaffen, auf dem wir Kinder in einem Geschmack, der zwischen den Kreuzfahrern und der Jungfrau von Orleans mitten durch ging, zu spielen pflegten. In der Wohnstube lag in Taschenformat eine Neuigkeit, Schillers Tell, aufgeschlagen, von dem auch wir Knaben nippen durften, und unsre Phantasie träumte von nichts als Schweizer Seen und Alpenhintergründen. Mitten in diesen Genüssen kam die Nachricht, Schiller sei tot. Welcher Schrecken auf allen Gesichtern! Wie durchzückte uns Jungen der mitempfundene Schmerz! Mit hängenden Köpfen schlichen wir im Haus herum, und durch den ewigen Regen jenes trübseligen Maimonats nach dem Hinterhaus, wo die schönen, grünen Waldkulissen uns wie verwelkt ansahen. Wir mochten nicht mehr Theater spielen.
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5) Schiller, eine Skizze. S. 58.
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6) „Da hör’ ich schreckhaft mitternächt’ges Läuten,
Das dumpf und schwer die Trauertöne schwellt.
Ist’s möglich, soll es unsern Freund bedeuten,
An dem sich jeder Wunsch geklammert hält?
Den Lebenswürd’gen soll der Tod erbeuten?
Ach! wie verwirrt solch ein Verlust die Welt!
Ach! was zerstört ein solcher Riss den Seinen!
Nun weint die Welt, und sollten wir nicht weinen!“
                                                                    Goethe.
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7) Darunter die Gelehrten Stephan Schütz und Heinr. Voß, die Künstler J. Jagemann und J. Klauer, der jetzige Geh. Hofrat Helbig und der jetzige Hofrat und Bürgermeister C. Schwabe.
L. F. v. Froriep, Obermedizinalrat zu Weimar, im Schilleralbum S. 77.
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8) Der Sarg war mit Schillers Namen bezeichnet. Als ein neuer Kirchhof in Weimar angelegt wurde, bot die Stadt einen Platz für des Dichters sterbliche Überreste an. Beim Öffnen des Sargs, der in einem feuchten Gewölbe geruht hatte, zeigte sich eine große Zerstörung; doch fanden geschickte Anatomen und Ärzte die Überreste zusammen, und der Schädel sollte auf der fürstlichen Bibliothek verwahrt werden. Der König Ludwig von Bayern [der in zwei Gedichten (I, 213, III, 239) seine innige Liebe zu dem Dichter ausgesprochen hat] vermochte, getrieben von seinem Gefühl, den Großherzog, diese Idee aufzugeben. Man machte einen Abguss, und die ungetrennten Überreste Schillers wurden in der fürstlichen Gruft verwahrt, wo jetzt der Großherzog zwischen den beiden Dichtern ruht (vergl. Fr. v. Wolz. II, 307-309). Schillers Witwe starb zu Bonn 1826. Seine vier Kinder, alle verehelicht, leben. Nur ein Enkel pflanzt seinen Namen fort. Die Personalien der Familie findet man in Casts Adelsbuch des Königreichs Württemberg, Stuttg. 1839, S. 466 ff.
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9) Skizze S. 135 f.
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