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Letzte Krankheit und Tod1)

Auch zu seiner Schwägerin hatte Schiller auf dem letzten Spaziergang, den er mit ihr durch den Park von Weimar machte, gesagt: „Wenn ich nur noch so viel für die Kinder zurücklegen kann, dass sie vor Abhängigkeit geschützt sind; denn der Gedanke an eine solche ist mir unerträglich!“ Zugleich war ihm sehr viel daran gelegen, dass seine Söhne etwas lernten. Den Unterricht und ihre Fortschritte beobachtete er genau, und machte nach eines jeden Eigentümlichkeit für ihre künftige Existenz Pläne, deren Genehmigung er der Vorsehung überlassen musste. An Humboldt hatte er am 2. April geschrieben:

„Dass ich Anträge gehabt, mich in Berlin zu fixieren, wissen Sie, und auch, dass mich der Herzog von Weimar in die Umstände gesetzt hat, mit Aisance hier zu bleiben. Da ich nun auch für meine dramatischen Schriften mit Cotta und mit den Theatern gute Akkorde gemacht, so bin ich in den Stand gesetzt, etwas für meine Kinder zu erwerben, und ich darf hoffen, wenn ich nur bis in mein fünfzigstes Jahr so fortfahre, ihnen die nötige Unabhängigkeit zu verschaffen. Sie sehen, dass ich Sie ordentlich wie ein Hausvater unterhalte, aber ein solches Häuflein von Kindern, als ich um mich habe, kann einen wohl zum Nachdenken bringen.“

Mittwoch den ersten Mai kündigte sich die letzte Krankheit Schillers als ein Katarrhfieber an, wie man solche bei ihm schon gewohnt war. Er selbst fühlte sich nicht bedenklicher krank, als sonst, empfing Freunde, ließ sich gern unterhalten. Cottas Besuch auf dessen Durchreise nach Leipzig erfreute ihn: Aber die Geschäfte wurden bis auf seine Rückkunft verschoben. Er schien im Januar kränker gewesen zu sein. Damals hatte er sich wieder ganz erholt, wurde kindlich fröhlich, zählte die Bissen, die er aß, freute sich, dass er wieder so kräftig speisen könne, ließ die kleine Karoline in der Kaffeestunde „schmarotzen“, nahm den Säugling Emilie auf den Arm, küsste sie, und sah sie mit einem Blick voll verschlingender Innigkeit an, recht als wenn er sein unendliches Glück im Besitz dieses holden Kindes zu Ende denken wollte. Er fuhr wieder fröhlich spazieren, sah den unbelaubten Bäumen den Frühling an, machte Reisepläne ans adriatische Meer – nach Cuxhaven – zu den gastfreien Dithmarsen. Zwölf Tage vor seinem Tod war er noch bei Hof gewesen. „Ich half ihn schmücken“, sagt Voß, „und freute mich seines gesunden Aussehens und seiner stattlichen Figur im grünen Gallakleid.“ So schien alles berechtigt, wieder zu hoffen.

Zwei Tage danach war er zum letzten Mal im Schauspiel, „das ihm noch glücklich ein holdes Lächeln abgewann.“ Als am Schluss des Stückes Voß seiner Gewohnheit gemäß, in seine Loge hinaufging, um ihn nach Hause zu führen, hatte er ein heftiges Fieber, dass ihm die Zähne klapperten. Sowie er nach Hause kam, wurde ein Punsch gemacht, durch den er sich zu erholen pflegte. Aber am folgenden Morgen lag er zwischen Schlafen und Wachen auf dem Sofa ausgestreckt, und rief dem jungen Freund mit hohler Stimme entgegen: „Da liege ich wieder!“ Seine Kinder kamen und küssten ihn. Er bewies keine Teilnahme, äußerte kein Zeichen des väterlichen Dankes.

Der gute Voß erbot sich wieder zum Nachtwachen; doch blieb Schiller lieber allein mit seinem treuen Diener, und den Tag über hatte er Frau und Schwägerin am liebsten um sich. Am meisten schmerzte ihn die Unterbrechung des Demetrius, und den Monolog der Marfa fand Herr von Wolzogen, der erst nach Schillers Tod von Leipzig und der Großfürstin zurückkam, auf seinem Schreibtisch. Es waren wahrscheinlich die letzten Zeilen, die er geschrieben.

Starke, sein Jenenser Hausarzt, war mit den Herrschaften in Leipzig. Schiller beruhigte aber die Ängstlichkeit der Seinigen mit der Versicherung, dass er durchaus nach dessen Methode behandelt wurde.

Bis zum sechsten Tag blieb sein Kopf ganz frei; er sann über seine Krankheit nach und glaubte eine Methode gefunden zu haben, die seinen Zustand verbessern müsse. An Anstalten für die Zukunft der Seinen, wenn er nicht mehr da wäre, dachte er nicht.

Am sechsten Mai, Montag abends, fing er an, oft abgebrochen zu sprechen, doch nie besinnungslos. Sein Blick auf die Gegenwart war klar, nur Heterogenes musste entfernt werden. „Tut es doch gleich hinaus“, sagt er von einem Blatt des Freimütigen, „dass ich mit Wahrheit sagen kann, ich habe es nie gesehen. Gebt mir Märchen und Rittergeschichten, da liegt doch der Stoff zu allem Großen und Schönen!“ Aber er konnte das Vorlesen nicht mehr ertragen.

An diesem Tag etwa besuchte ihn Voß wieder. Die Augen lagen tief im Kopf; jeder Nerv zuckte krampfartig. Das Mädchen brachte Zitronen herein. Er griff hastig nach einer, legte sie aber gleich mit matter Hand wieder hin. Von da an stellten sich Fieberphantasien andauernd ein. Er soll viel von Soldaten und Kriegsgetümmel phantasiert haben, als zeigten ihm seine Träume prophetisch die Schrecken, die Weimar das Jahr darauf, nach der Schlacht bei Jena, von der französischen Plünderung auszustehen hatte2).

Am Abend des siebten wollte er mit der Schwägerin, wie gewöhnlich ein Gespräch anknüpfen, über Stoffe zu Tragödien, über die Art, wie man die höhern Kräfte im Menschen erregen müsse. Sie antwortete zögernd, um ihn ruhig zu erhalten. Er fühlte es, und sagte: „Nun, wenn mich niemand mehr versteht, und ich mich selbst nicht mehr verstehe, so will ich lieber schweigen.“

Vor kurzem hatte er ein Gespräch über den Tod mit den nachdenklichen Worten beschlossen: „Der Tod kann kein Übel sein, weil er etwas allgemeines ist.“ Auch jetzt schien ihn der Gedanke an die Ewigkeit zu beschäftigen; vor dem Erwachen aus einem Schlummer rief er: „Ist das eure Hölle, ist das euer Himmel?“, dann sah er sanft lächelnd in die Höhe, als begrüßte ihn eine tröstende Erscheinung. Damals vielleicht sagte er: „Es würden ihm jetzt viele Dinge licht und klar3).“

Er aß etwas Suppe und sprach zu der Abschied nehmenden Freundin: „Ich denke diese Nacht gut zu schlafen, wenn es Gottes Wille ist.“ Der Diener, der die Nächte bei ihm zubrachte, sagte, dass er viel aus Demetrius rezitiert; einige Mal hab’ er auch Gott angerufen, ihn vor einem langsamen Hinsterben zu bewahren.

Der Morgen des achten Mai war ruhig. Aus dem Schlummer erwacht, verlange er nach seinem jüngsten Kind. Es wurde gebracht; er wandte sich mit dem Kopf um, fasste es bei der Hand und sah ihm mit unaussprechlicher Wehmut ins Gesicht. Dann fing er an, bitterlich zu weinen, steckte den Kopf ins Kissen und winkte, dass man das Kind wegbringen sollte.

Als die Schwägerin gegen Abend kam, vor sein Bett trat und fragte, wie es gehe, drückte er ihr die Hand und sagte: „Immer besser, immer heiterer“, und sie fühlte, dass er es in Bezug auf seinen innern Zustand sprach. Er verlangte in die Sonne zu sehen, der Vorhang wurde geöffnet; mit heitrem Blick schaute er in den schönen Abendstrahl, und die Natur empfing seinen Scheidegruß4).

Noch in der letzten Nacht saß er aufrecht im Bett und sprach mit großer Kraft, besonders über die bevorstehende Reise seiner Frau ins Bad. Am neunten Mai, Donnerstag morgens, trat Besinnungslosigkeit ein; er sprach unzusammenhängende Worte, meist in Latein. Ein verordnetes Bad nahm er ungern, aber ergeben, wie er immer war. Der Arzt hatte ein Glas Champagner verordnet; es war sein letzter Trunk. Brustbeklemmungen stellten sich ein; er sah die Seinen mit starrem und irrem Blick an. Gegen drei Uhr Nachmittags trat vollkommene Schwäche ein; der Atem fing an zu stocken. Um 4 Uhr forderte er Naphtha, aber die letzte Silbe erstarb auf seinem Mund. Er versuchte zu schreiben, brachte aber nur 3 Buchstaben hervor, in denen jedoch noch der Charakter seiner entschiedenen Schriftzüge kenntlich war.

Seine Gattin kniete am Bett, er drückte ihr noch die dargebotene Hand. Die Schwägerin stand mit dem Arzt am Fuß des Bettes und legte gewärmte Kissen auf die erkaltenden Füße. Jetzt fuhr es wie ein elektrischer Schlag über sein Gesicht; das Haupt sank zurück; die tiefste Ruhe verklärte sein Antlitz; seine Züge waren die eines sanft Schlafenden.

„Er hatte früh das strenge Wort gelesen,
Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut.
So schied er nun, wie er so oft genesen.“

Ü   Þ


1) Dieser Abschnitt und der folgende gründen sich auf eine von uns versuchte Harmonie zwischen den Nachrichten von Goethe, Fr. v. Wolzogen, Voß, dem Verf. der Skizze, v. Froriep, Carlyle und Döring. Es finden sich selbst bei den Augenzeugen namhafte Differenzen, und dem scharfsinnigen Zweifel eines künftigen Jahrtausends bleibt unbenommen, nach Einsicht der Akten das Urteil zu fällen, dass der ganze Hergang wohl eine Mythe sein dürfte, und Schiller, wenn er überhaupt gelebt habe, zwar auch gestorben sei, und begraben worden, man aber durchaus nicht bestimmen könne, wie. ­
2) Diese Szenen findet man berührt von Heinr. Voß S. 77 ff. und lebendig erzählt von einem Augenzeugen, von Reinbeck, in seinen Reiseplaudereien II, 19-60.
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3) Carlyle S. 281. Aber was dieser (mit der Skizze S. 57 und 59) vom Abschiednehmen und von letzten Verordnungen Schillers sagt, wäre von den Augenzeugen seines Todes gewiss nicht verschwiegen worden.
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4) Unter dem gleichen Verlangen war 106 Jahre früher auch ein deutscher Dichter im gleichen Alter mit Schiller gestorben. Der Freiherr von Canitz, zu Berlin an der Brustwassersucht im 45sten Lebensjahr erkrankt, hatte ein bejahrtes Fräulein, eine Verwandte seiner zweiten Frau, bei sich zur Wartung. Diese bat er Freitag, den 11. Aug. 1699, mit anbrechendem Tag, nachdem er sich vorher ganz hatte ankleiden lassen, dass sie ihn, damit er frische Luft schöpfen könnte, ans Fenster führen möchte. Er öffnete es, betrachtete die eben aufgehende Sonne mit unverwandten und freudigen Augen und rief: „Ey, wenn das Anschauen dieses irdischen Geschöpfes so schön und erquickend ist, wie viel mehr wird mich der Anblick der unaussprechlichen Herrlichkeit des Schöpfers selbst entzücken!“ Mit diesen Worten sank er, vom Steck- und Schlagfluss befallen, dem ihn aufhaltenden Fräulein tot in die Arme. Canitz Gedichte nebst dessen Leben von J. A. König. Leipz. u. Berl. 1727. S. CLXX.
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