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Der letzte Winter. Inneres Leben des Dichters.Schillers physische Kräfte hatten seit dem Krankheitsanfall in Jena sichtlich abgenommen; seine Gesichtsfarbe war verändert und fiel ins Graue, so dass er die Schwägerin, die dies erzählt, oft erschreckte. „Leider geht’s uns allen schlecht“, schreibt Schiller aus seinem Haus als einem Lazarett an Goethe (14. Januar 1805), „und der ist noch am besten dran, der [wie ich] durch die Not gezwungen, sich mit dem Kranksein nach und nach hat vertragen können. Ich bin recht froh, dass ich den Entschluss gefasst und ausgeführt habe, mich mit einer Übersetzung [Racines Phädra] zu beschäftigen. So ist doch aus diesen Tagen des Elends wenigstens etwas entsprungen, und ich habe indessen doch gelebt und gehandelt. Nun werde ich die nächsten acht Tage dran wagen, ob ich mich zu meinem Demetrius in die gehörige Stimmung setzen kann, woran ich freilich zweifle. Gelingt es nicht, so werde ich eine neue, halbmechanische Arbeit hervorsuchen müssen.“ So vom zerrüttenden Gewühl des bittern Schmerzens, wie die Muse seines Freundes singt, kaum wieder aufblickend, arbeitete er mit keuschem Künstlersinn an seiner Aufgabe fort. Mit den Seinigen wurde oft von ihm über den Demetrius gesprochen; den Plan hatte er entworfen, und jetzt begann er wirklich die Bearbeitung der einzelnen Szenen. Die Verbindung der herzoglichen Familie von Sachsen-Weimar mit dem russischen Kaiserhaus war natürlich oft der Gegenstand der häuslichen Gespräche. Da sagte er denn eines Abends, von seinem Demetrius feiernd: „Ich hätte eine sehr passende Gelegenheit, in der Person des jungen Romanow, der eine edle Rolle spielt, der Kaiserfamilie viel Schönes zu sagen –“ dann schwieg er. Am folgenden Tag den Gedanken wieder aufnehmend, sprach er: „Nein, ich tue es nicht; die Dichtung muss ganz rein bleiben.“ Der Plan des Demetrius, wie er jetzt ist, kann überladen genannt werden. Schiller hätte ihn ohne Zweifel vielfach modifiziert. Von den fertigen Szenen ist die Klosterszene und Marfas Monolog das schönste; von den schon auftretenden Charakteren versprachen nächst Marfa, Demetrius und Marina das meiste. Im Ganzen erscheint die Anlage des „Warbeck“ anziehender, lichter und origineller. Von den „Kindern des Hauses“ existieren zwei Pläne. Das Stück wäre dem Objekt nach ein Rückschritt Schillers gewesen. Goethe hatte inzwischen die drei ersten Akte der Phädra mit viel Anteil gelesen, und die beste Hoffnung davon; er fand die Diktion vorzüglich gut geraten, und korrigierte nur hier und da einen Hiatus oder verwandelte zwei kurze Silben in einen Jambus. Schon lange hatte er, selbst unwohl, dem Dichter „Wohlsein und Stimmung“ gewünscht. Ein paar Zeilen von Goethe vermochten unsern verzagenden Freund aufzurichten, und seinen Glauben zu beleben, „dass die alten Zeiten zurückkommen können.“ Aber das Pochen des Todes wurde zu laut. „Die zwei harten Stöße, die ich nun in einem Zeitraum von fünf Monaten auszustehen gehabt“, heißt es in einem Billet vom 22. Februar, „haben mich bis auf die Wurzeln erschüttert, und ich werde Mühe haben, mich zu erholen. Zwar mein jetziger Anfall scheint nur die allgemeine epidemische Ursache gehabt zu haben, aber das Fieber war so stark, und hat mich in einem schon so geschwächten Zustand überfallen, dass mir ebenso zumute ist, als wenn ich aus der schwersten Krankheit erstünde; und besonders habe ich Mühe, eine gewisse Mutlosigkeit zu bekämpfen, die das schlimmste Übel in meinen Umständen ist.“ In diesen trüben Tagen erheiterte ihn von außen ein poetischer Sonnenblick, aus der Dialektspoesie des Schwaben, Hebels zu Karlsruhe, und des Franken, Grübels zu Nürnberg1). Wenn sich der Wind legte, wollte er sogar wagen, das Haus zu verlassen und den Freund zu besuchen. Schon bereitete sich die große Reise vor, die alle Lebenden erwartet, als ihn die Reiselust der frühesten Jugend wieder anwandelte. Er wünschte das Meer zu sehen, und suchte in Gedanken den kürzesten Weg; das liebe, kleine, grüne Tal von Bauerbach ins einer Waldumgebung lag ihm freundlich vor der Phantasie, auch das wünschte er schon lange wieder zu sehen; endlich, wie Virgil zuletzt noch den Schauplatz seiner nationalen Dichtung besuchte, so fühlte auch er, im letzten Frühling seines Lebens, ein oft wiederkehrendes Verlangen, die Heimat Tells mit seiner Schilderung zu vergleichen. Dahin richteten sich nun auch die Pläne der Seinigen. Er hörte sie an, aber sagte mehrmals: „Alle Projekte, die ihr für mich macht, lasst nur nicht über zwei Jahre sich hinauserstrecken2)! So wenig verließ ihn die Ahnung eines kurzen Lebens. Dieser Frühling machte ihm auch Herders „Ideen zur Geschichte der Menschheit“, die ihm früher nicht lebendig geworden waren, lieb. „Ich weiß nicht, wie es mir ist“, sagte er zur Schwägerin, „dies Buch spricht mich jetzt auf eine ganz neue Weise an!“ Immer inniger wurde die Ehrfurcht, mit welcher ihn gegen das Ende seines Lebens auf der einen Seite die unendliche Tiefe der Natur, auf der andern die welthistorische Wirkung der Lehre Christi, und die reine, heilige Gestalt ihres Stifters erfüllte3). Einmal, als er die Schwägerin in Livius lesen sah, bemerkte er: „Da der Glanz und die Hoheit des Lebens, die nur in der Freiheit der Menschen erblühen konnten, untergegangen war, so musste notwendig Neues entstehen. Das Christentum hat die Geistigkeit des Daseins erhöht, und der Menschheit ein neues Gepräge aufgedrückt, indem es der Seele eine höhere Aussicht eröffnet.“ Schiller hätte nicht so sprechen können, wenn er, am Ziel seines Lebens – wie er dieses voraus empfand – jene Aussicht für eine Täuschung gehalten hätte. „Der Sinn des Wahren lebte in ihm“, nach der Versicherung seiner Geistesvertrauten4), „immer wieder auf, wie auch der Genius im Gestalten und bilden sich verirren und verlieren konnte. Er hatte Worte der Herzensdemut, der wahren Religion; von Liebe, von Gott sprach er nur in den reinsten Momenten. Glauben sollen kann man ja keinem Denkenden zumuten – Glauben finden war ihm immer wohltätig. Beispiele immediater Gotteshilfe in unverschuldeter Not erkannte er mit Rührung; die Lehre des Erlösers ehrte er immer als höchsten Ausspruch in der Menschheit. Ja, der Ruf des Herrn drang an sein Herz5).“ Einer der letzten und lichtesten Aussprüche des großen Geistes über seine Poesie und Philosophie ist in dem letzten Brief an Wilhelm von Humboldt enthalten, der am 2. April 1805 geschrieben wurde. „Noch hoffe ich“, heißt es hier, „in meinem poetischen Streben keinen Rückschritt getan zu haben; einen Seitenschritt vielleicht, indem es mir begegnet sein kann, den materiellen Forderungen der Welt und der Zeit etwas eingeräumt zu haben. Die Werke des dramatischen Dichters werden schneller als alle andern von dem Zeitenstrom ergriffen, er kommt, selbst wider Willen, mit der großen Masse in eine vielseitige Berührung, bei der man nicht immer rein bleibt. Anfangs gefällt es, den Herrscher zu machen über die Gemüter, aber welchem Herrscher begegnet es nicht, dass er auch wieder der Diener seiner Diener wird, um seine Herrschaft zu behaupten; und so kann es leicht geschehen, dass ich, indem ich die deutschen Bühnen mit dem Geräusch meiner Stücke erfüllte, auch von den deutschen Bühnen etwas angenommen habe.“ Und von der Philosophie sagt er: „Die spekulative Philosophie, wenn sie mich je gehabt hat, hat mich durch ihre hohle Formeln verscheucht, ich habe auf diesem kahlen Gefilde keine lebendige Quelle und keine Nahrung für mich gefunden, aber die tiefen Grundideen der Idealphilosophie bleiben ein ewiger Schatz, und schon allein um ihretwillen muss man sich glücklich preisen, in dieser Zeit gelebt zu haben.“ Dann wirft er auf den Zustand der poetischen Literatur einen Blick. Sein Widerwille gegen die romantische Schule lässt ihn hier alles schwärzer sehen, und er seufzt: „Um die poetische Produktion in Deutschland sieht es kläglich aus, und man sieht wirklich nicht, wo eine Literatur für die nächsten dreißig Jahre herkommen soll. Auch nicht ein einziges neues Produkt der Poesie weiß ich Ihnen seit langer Zeit zu nennen, was einen neuen Namen an der Spitze trüge, und was einem Freude machte. Dagegen regt sich die unselige Nachahmungssucht der Deutschen mehr als jemals, eine Nachahmung, die bloß in einem identischen Wiederbringen und Verschlechtern des Urbilds besteht. Solche Nachahmungen hat auch mein Wallenstein und meine Braut von Messina vielfach hervorgebracht, aber man ist auch nicht einen Schritt weiter gefördert.“ Schillers letztes Billet an Goethe ist vom 24. April 1805 und schließt mit dem Abschiedsworte: „Leben Sie recht wohl und immer besser!“ Die letzten Lebenstage des edeln Dichters heiterte nicht wenig die Liebe auf, mit welcher sich Heinrich Voß, der auch zu kurzem Erdenleben bestimmte Sohn des lang lebenden Johann Heinrich, ihm näherte und mit kindlicher Innigkeit widmete. Der junge Mann, damals 25 Jahre alt, war im Sommer 1804 von Jena herübergekommen, und bald täglich bei Goethe und Schiller. Seine Mitteilungen aus dieser letzten Zeit des Dichters sind von unschätzbarem Wert6). Er schildert uns jeden Sonnenblick von Lust, den er an dem geliebten Meister bemerkt. „Schiller war“, schreibt er nach der Krankheit des Dichters, am 22. August 1804, „eine zeitlang unwohl; aber seit vorgestern erholt er sich sichtbar. Gestern besuchte ich ihn, und blieb auf seine Bitte zum Abendessen; da war er kindlich froh und heiter. Es ist eine Freude, den Mann von seinem Leben erzählen zu hören, besonders, wenn er in seine komische Lauen fällt. Da hat er etwas gar Anmutiges in seiner Miene; ich möchte es ein ernsthaftes Lachen nennen, welches seine majestätische Physiognomie von dem zu großen Ernst etwas herab stimmt und mildert. Der Mann ist ganz Wohlwollen, seine ruhige heitere Seele ist für alles empfänglich, was einem Herzen nur wohl tun kann; er sagt ja in einem Gedicht: Alle Menschen sollen leben – und das ist die fortdauernde Stimmung seines Gefühls: Liebe und Hingebung für jedes mitfühlende Wesen. Ich halte den Dichter Schiller sehr hoch, aber den Menschen viel höher, und die meisten Male, wenn ich bei ihm bin, denke ich nicht an den durch Talente, sondern durch Liebenswürdigkeit ausgezeichneten Menschen.“ Zu Goethe war seine Ehrfurcht größer, zu Schiller die Liebe grenzenlos. Oft fand er ihn außerordentlich heiter, und vor Weihnachten 1804 war er auf der Redoute mit Schiller, Riemer und andern Freunden bei einigen Flaschen Champagners „überaus selig“. Schiller war da in der Verfassung, „in welcher er das Lied von der Freude gedichtet haben muss.“ Wirklich ist „sein Hauptcharakter Liebe und Wohlwollen gegen alle Wesen, die er an sein Herz drücken möchte.“ Am andern Tag, in der Loge, versprach er die Gesellschaft in seinem Haus zu bewirten. „Aber unter uns wollen wir sein, damit wir nicht gestört werden“, fügte er mit schalkhafter Meine auf Frau und Schwägerin leise hinzu. Aber nicht nur in den Momenten der geselligen Lust war der gute Voß Schillers Gefährte, auch in den Leidenstagen wich er nicht von seiner Seite, und gegen Ende Januar 1805, als Goethe und Schiller zugleich krank waren, wachte er zwei Nächte bei Goethe und zwölf bei Schiller. „Goethe ist ein etwas ungestümer Kranker“, erzählte er, „Schiller aber die Sanftheit und Milde selber. Wie litt der Mann, als ich zum ersten Mal bei ihm wachte, und wie männlich und heiter ertrug er es! Bis um 12 Uhr blieb die Frau auf. Da wurde Schiller unruhig und bat sie hinunterzugehen, um sich Ruhe zu gestatten. Als sie noch etwas zögerte, bat er dringender, und was mich anfangs bei ihm befremdete, mit heftigem Ungestüm. Kaum war die Frau die Treppe hinunter, da sank Schiller mir bewusstlos in die Arme. Aus Schonung für die Frau hatte er sich Gewalt angetan. Auch an den folgenden Tagen, wo er noch an heftigen Schmerzen in den Eingeweiden litt, war er jedes Mal getröstet, wenn eines von seinen Kindern kam, besonders wenn ihm sein jüngstes, sechsmonatliches, gebracht wurde, welches er dann mit einer Innigkeit, welche sich nicht beschreiben lässt, anblickte. Und so hat er mir während seiner Krankheit gesagt, was er so gerne gesteht, dass er nur seiner Kinder wegen, die nicht vaterlos sein dürften, zu leben wünsche7).“ 1)
An Goethe V, S. 306, ohne Datum.
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