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Schillers letztes Lebensjahr

Schiller, der sein neuestes Drama noch nicht gesehen hatte, reiste im Frühjahr 1804 nach Berlin. Hier hatte Iffland das Stück politisch bedenklich gefunden, und es dem Kabinett zur Einsicht überliefert. Es wurde aber mit großem Beifall aufgenommen, und in acht Tagen dreimal gegeben. „Der Apfel“, schrieb Zelter an Goethe, „schmeckt uns nicht schlecht, und die Kasse verspricht sich einen guten Handel.“ Sonst lobte er die Aufführung nicht besonders; es ginge so langsam, dass er fürchtete, sie kämen gar nicht damit zustande. Iffland war der einzige, der wirklich schön spielte1). Dieser empfing Schiller mit alter, warmer Freundschaft, und tat alles, um den Schöpfungen seines Freundes in der Darstellung die möglichste Vollkommenheit zu geben. Auch der Wallenstein wurde aufgeführt, und Schiller bewunderte, besonders in den weichen, ahnungsvollen Stellen, Ifflands Spiel. Fleck, der für den Wallenstein geschaffen schien, war leider schon tot. In der jungen Militärwelt regte sich bei dem Stück eine Begeisterung, die ihre Fürchte erst später trug. Das hohe Königspaar zeigte warmen Anteil, und die Königin Louise, die sich den Dichter vorstellen ließ, deutete freundlich an, dass sie es gerne sehen würde, wenn Schiller sich an Berlin fesseln würde.

Es wurden ihm wirklich von dem preußischen Gouvernement großmütige Anerbietungen gemacht, die den König und den Dichter gleich ehrten2). Aber Schiller konnte sich nicht entschließen.

In Berlin drängte sich ihm eine große, mannigfaltige Weltanschauung auf, und er betrachtete die Bildungsstufe, auf welche der große Friedrich sein Volk gehoben, als dessen schönstes Monument. Das Bedeutende aus allen Zirkeln kam dem Dichter mit Anteil und Wohlwollen entgegen, besonders erfreute er sich der Bekanntschaft des genialen Prinzen Louis, den uns Rahel in seinem vollen, so früh fürs Vaterland in unglücklicher Schlacht vergeudeten Leben geschildert hat. Auch öffentlicher Triumph, im Theater und auf der Straße, feierte Schiller hier3). Er selbst nahm dies alles mit dem gewohnten, stillen Sinn auf; aber es wurde ihm dadurch ein lebendiges Gefühl seiner schaffenden Kraft.

Nach Weimar zurückgekommen machte der bescheidene Mann, nach dem Maßstab der dortigen Verhältnisse, keine weiteren Ansprüche. Aber der Herzog, im edeln Stolz, ein so ausgezeichnetes Talent sich zu erhalten, tat aus eigener Bewegung, was möglich war, um Schiller eine sorgenfreie Zukunft zu versichern.

Die Niederkunft seiner Gattin führte ihn im Juli 1804 nach Jena, da sie zu ihrem alten Hausarzt Starke ein ausschließliches Vertrauen hegte. Eine Spazierfahrt durch das freundliche Dornburger Tal zog ihm eine Erkältung zu, und während die Entbindung seiner Frau von einer gesunden Tochter4) im untern Zimmer leicht und glücklich erfolgte, litt er im obern die bittersten Qualen an einer Unterleibsentzündung. „Ich habe“, schreibt er nach Weimar an Goethe den 3. Aug., „freilich einen harten Anfall ausgestanden, und es hätte leicht schlimm werden können, aber die Gefahr wurde glücklich abgewendet; alles geht nun wieder besser, wenn mich nur die unerträgliche Hitze zu Kräften kommen ließe. Eine plötzliche große Nervenschwächung in solch einer Jahreszeit ist in der Tat fast ertötend, und ich spüre seit den acht Tagen, dass mein Übel sich gelegt, kaum einen Zuwachs von Kräften, obgleich der Kopf ziemlich hell und der Appetit wieder ganz hergestellt ist.“

Alle Jahre projektierte Schiller eine Reise nach Franken, die aber nie ausgeführt wurde. Bei dieser Gelegenheit hoffte er auch vergebens, seine Schwester Louise, die Pfarrerin in Cleversulzbach, in ihrer Kinderstube einmal zu überraschen, und ihnen von seinen „kleinen Närrchen“ zu erzählen oder sie gar zu bringen. Inzwischen wurde der Schwager auf die Stadtpfarrei Möckmühl befördert, ein Ereignis, an dem der treue Bruder noch sechs Wochen vor seinem Tod den innigsten Anteil nahm. „Ja, wohl ist es eine lange Zeit, gute, liebe Louise, dass ich Dir nicht geschrieben habe“, sagt er am 27. März 1805, „aber nicht vor Zerstreuungen habe ich Dich vergessen, sondern weil ich in dieser Zeit so viel harte Krankheiten ausgestanden, die mich ganz aus meiner Ordnung gebracht haben. Viele Monate hatte ich allen Mut, alle Heiterkeit verloren, allen Glauben an meine Genesung aufgegeben. In einer solchen Stimmung teilt man sich nicht gerne mit, und nachher, da ich mich wieder besser fühlte, befand ich mich meines langen Stillschweigens wegen in Verlegenheit, und so wurde es immer aufgeschoben. Aber nun, da ich durch Deine schwesterliche Liebe wieder aufgemuntert worden, knüpfe ich mit Freuden den Faden wieder an, und er soll, so Gott will, nicht wieder abgerissen werden… Wie betrübt es mich, liebe Schwester, dass Deine Gesundheit so viel gelitten hat, und dass es Dir mit Deiner Niederkunft wieder so unglücklich gegangen. Vielleicht erlauben Dir Eure jetzigen Verhältnisse, diesen Sommer ein stärkendes Bad zu gebrauchen… Sorge ja recht für Deine Wiedergenesung… auch Deiner Kinder wegen wünschen wir Euch zu dem neuen Aufenthalt Glück. Auf dem Land muss es gar schwer sein, die Kinder für eine bessere Bestimmung zu erziehen, da es sowohl an Lehrern als an einer schicklichen Gesellschaft fehlt. – Von unserer Familie wird Dir meine Frau weitläufiger schreiben. Unsre Kinder haben diesen Winter alle die Windblattern gehabt, und die kleine Emilie hat viel dabei ausgestanden. Gottlob, jetzt steht es wieder ganz gut bei uns, und auch meine Gesundheit fängt wieder an, sich zu befestigen5). Tausendmal umarme ich Dich, liebe Schwester, und auch den lieben Schwager, den ich näher zu kennen von Herzen wünschte. Küsse Deine Kinder in meinem Namen. Möge Euch alles recht glücklich vonstatten gehen, und recht viel Freude zuteil werden. Wie würden unsere lieben Eltern sich Eures Glückes gefreut haben, und besonders die liebe Mutter, wenn sie es hätten noch erleben können. Adieu, liebe Louise. Von ganzer Seele Dein treuer Bruder Schiller6).“

So hatte die große Seele bei allen Sorgen des Genius noch Raum für die kleinsten Sorgen der Geschwisterliebe.

Während sein Körper hinwelkte, trug sein Dichtergeist fortwährend Blüten, und neue Knospen wollten ansetzen. Im Jahr 1804 entstand von lyrischen Gedichten das „Berglied“, „der Alpenjäger“, „Wilhelm Tell“; von dramatischen „die Huldigung der Künste“, auf Goethes freundliches Dringen zum Empfang der liebenswürdigen jungen Erbprinzessin, der Großfürstin von Russland, in wenigen Tagen geschrieben7). Dann ging er an den falschen russischen Demetrius, von dem schon 1801 die Rede war8).

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1) Hinr. III, 290. ­
2) Es wurde ihm ein Jahresgehalt von mehreren tausend Talern, ein Platz in der Akademie, und der Gebrauch einer Hofequipage angeboten. Das Nähere seiner Weigerung s. bei Fr. v. Wolz. II, 263 f. wo wir auch erfahren, dass Schiller fortwährend vom Fürsten Primas edelmütig unterstützt wurde.
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3) Varnhagens Denkwürdigkeiten II, 63.
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4) Emilie von Schiller, an den Baron von Gleichen, den ältesten Sohn des liebenswürdigen Hausfreundes der Lengefeldschen Familie verheiratet, und auf dessen Gut Bonnland in Bayern lebend.
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5) Ach! Er verwechselte die immer blühendere Gesundheit seines Geistes mit der leiblichen!
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6) Bei Boas II, 487-490.
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7) Dieser Prolog brachte im Theater die edelste Rührung hervor. Die Erbprinzessin weinte vor Wehmut und Freude. H. Voß, S. 29 f.
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8) Am 12. Juli 1801 spricht Goethe von Schillers unterschobenem Prinzen. – Oder sollte Warbeck damit gemeint sein? Über den Demetrius s. auch Boas III, 45.
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