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Schillers Tischreden

Goethe hat, so gut wie Luther, seinen Hausfreund gefunden, der die Tischreden des großen Mannes aufzeichnete. Wer ergänzt sich nicht mit Lust und Liebe den Dichter durch den Menschen, indem er beide in Eckermanns klarem Spiegel erblickt?

Für Schiller hat dieses Geschäft, doch nur auf kurze Zeit, eine weibliche Hausgenossin übernommen. Christiane v. Wurmb, Cousine von Schillers Frau, in der Folge die Gattin des Gymnasialdirektors Abeken in Osnabrück, brachte die Wintermonate des Jahres 1801 in Schillers Haus zu. Der schöne Verstand und die ernste Richtung des zwanzigjährigen Mädchens interessierten den Dichter lebhaft, und ihre ausgezeichnet schöne Stimme, die sie in Weimar ausbilden sollte, gereichte ihm zu großem Vergnügen. Frau v. Wolzogen teilt aus dem Tagebuch dieser Jungfrau eine Reihe sinniger Blätter voll Erinnerungen aus Schillers Gesprächen mit1), aus welchen einige charakteristische Proben diesem Leben nicht fehlen sollen.

„Den 15. Febr., als ich mit Schiller Tee trank.
Die ganze Weisheit des Menschen sollte allein darin bestehen, jeden Augenblick mit voller Kraft zu ergreifen, ihn so zu benutzen, als wäre es der einzige, letzte. Es ist besser mit gutem Willen etwas zu schnell tun, als untätig bleiben.“

„Den 1. März, als ich mit ihm aus der Komödie ging.
Wenn man dreißig Schauspiele sähe, und man fragte sich bei jeder vollendeten Vorstellung: Was hat der Dichter damit sagen wollen? Was war seine Absicht, sein Zweck? Was war Gutes oder Schlechtes daran? Wie hat er dieses oder jenes gehalten? Wenn man sich so von jeder Szene Rechenschaft gäbe, so wäre es keine Frage, dass man am Ende das einunddreißigste selbst verfertigen könnte. Und zu was für einem großen Grad von Vollkommenheit könnte der Mensch kommen, wenn er es mit allem, was ihm begegnete, und was in seiner Seele vorginge, so machte.“

„Den 5. März, als ich ihm Kaffee einschenkte.
Billigkeit ist eine schöne, aber seltene Tugend. Oft fehlen die sanftesten Herzen am meisten dagegen. Weil sie mit Innigkeit und Treue an der leidenden Partei hängen, so flößt ihnen alles, was dagegen ist, einen unwillkürlichen Widerwillen ein, und dieses ist ein Stein, an dem so oft die Menschheit scheitert.“

„Den 6. März, bei Tisch.
Der Mensch ist verehrungswürdig, der den Posten, wo er steht, ganz ausfüllt. Sei der Wirkungskreis noch so klein, er ist in seiner Art groß. Wie unendlich mehr Gutes würde geschehen, und wie viel glücklicher würden die Menschen sein, wenn sie auf diesen Standpunkt gekommen wären.“

„Den 9. März, als ich ihm ganz allein den Tee in seiner Stube bereitete, und er aufhörte zu arbeiten.
Es ist schwer und gehört ein Grad von Kultur und Vollkommenheit dazu, die Menschen so zu nehmen und nicht mehr von ihnen zu verlangen, als in ihren Kräften steht. Es gibt Gemüter, die nie an diesen Stein des Anstoßes geraten; sie sind nicht zum tiefen Denken gewöhnt, sie nehmen, genießen und geben, weil es der Zufall so will. Ist dagegen bei andern Naturen der erste, jugendliche Traum verraucht, wo alles in freundlichem Licht erscheint, wo man alles umfassen möchte, wo man wähnt, alles, was da ist, sei um unsertwillen da – ist dieser süße Blick verschwunden, dann erscheint uns sogleich alles ernster; der Mensch erscheint uns in anderer Gestalt. Wo wir sonst liebten, bewunderten, anbeteten – da sehen wir oft mit freiem Blick die trüben Quellen. Es gehört ein Grad von Verstand, und ein weiches, unverdorbenes Herz dazu, dass die Menschenliebe siege.“

„Den 15. März, als sein kleiner Sohn mich fragte, was im Wind sei.
Man sollte es sich zur heiligsten Pflicht machen, dem Kind nicht zu früh einen Begriff von Gott beibringen zu wollen2). Die Forderung muss von innen heraus geschehen, und jede Frage, die man beantwortet, ehe sie aufgeworfen ist, ist verwerflich. Man sagt dem Kind öfters im sechsten, siebenten Jahr etwas vom Schöpfer und Erhalter der Welt, wo es den großen, schönen Sinn dieser Worte noch nicht ahnen kann, und so sich seine eigenen verworrenen Vorstellungen macht. Entweder verhindert man durch dieses zu früh Erklären den schönen Augenblick des Kindes ganz, wo es das Bedürfnis fühlt, zu wissen woher es kommt, und wozu es da ist – oder kommt er ja, so ist das Kind schon so kalt durch seine vorhergegangenen Ideen geworden, dass man ihm nie wird die Wärme einflößen können, die es gefühlt haben würde, wenn man ihm Zeit bis zu diesem entscheidenden Augenblick gelassen hätte. Und das Kind hat vielleicht seine ganze Lebenszeit daran zu wenden, um jene irrigen Vorstellungen wieder zu verlieren, oder wenigstens zu schwächen.“

„Den 18. März, als er mich in meiner Stube nähend fand.
Es ist ein eigen seltsam Ding um die gelehrten Frauen! Wenn sie einmal den ihnen angewiesenen Kreis verlassen, so durchfliegen sie mit schnellem, ahnendem Blick unbegreiflich rasch die höheren Räume. Aber dann fehlt ihnen die starke, anhaltende Kraft des Mannes, der eiserne Mut, jedem Hindernis ein ernstes Überwinden entgegen zu setzen, und fest und unaufhaltsam in jenen Regionen fortzuschreiten. Das schwächere Weib hat seinen ersten schönen Standpunkt verloren, und wird entweder zur eitlen Törin oder unglücklich.“

„Den 21. März, als ich den Wunsch geäußert, sowie die Jagemann singen zu können.
Man sollte beinahe glauben, dass Neid der menschlichen Natur eigen sei, doch versteht sich, nicht jener gemeine niedrige, welcher so tief herabwürdigt. Schon die Bewunderung einer Kunst, eines Talents, oder was es sei, führt gewöhnlich den leisen Wunsch mit sich, es auch zu besitzen. Und durch gute Erziehung ist dies gewiss ein großes Mittel, die menschlichen Kräfte zu einer gewissen Vollkommenheit zu erheben.“

„Den 22. März, beim Souper.
Wie hoch könnte Kunst und Wissenschaft gestiegen sein, würde sie nicht oft durch Sklavenseelen um Gold und Gunst feilgeboten.“

„Den 25. März, als ich Tee einschenkte.
Wie selten benutzen und ergreifen die Menschen aus Leichtsinn die köstlichen Augenblicke mit voller heißer Seele, die nur einmal kommen und unbenützt einen tiefen Stachel in der Seele zurücklassen.“

„Den 3. April, als ich mich fürchtete, in Rudolstadt zu singen.
Ernster, guter Wille ist eine große, die schönste Eigenschaft des Geistes. Der Erfolg liegt in einer höhern, unsichtbaren Hand. Nur die Absicht gibt dem Aufwand von Kräften Wert. Und so erheben wir uns über Lob und Tadel der Menschen.“

„Den 5. April.
Dass feste Grundsätze und Tugend unter den Menschen wirklich und kein Traum seien, beweist der Umstand, dass so viele alle Kräfte aufbieten, uns, wenn auch nur durch den Schein derselben, zu blenden.“

„Den 7. April.
Es ist ein ungeheures namenloses Gefühl, wenn das Innere seine eigene Kraft erkennt, wenn es klarer und immer klarer in ihm wird, und unser Geist sich fest und stark erhebt. In uns finden wir alles, die Kraft strebt zum Himmel empor und findet um sich kein Ziel.“

„Den 8. April.
Es sind die kleineren, engen Gemüter, die so gern jeden verdienten Kummer mit dem Namen eines unerbittlichen Schicksals bezeichnen.“

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Von diesen Erinnerungen sagt Goethe3): „Schiller erscheint hier, wie immer, im absoluten Besitz seiner erhabenen Natur; er ist so groß am Teetisch, wie er es im Staatsrat gewesen sein würde. Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab; was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus, ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein!“

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1) II, 203-223. ­
2) Der Verfasser dieser Biografie verkannte als jugendlicher Erzieher diese Pflicht, und fragte sein ältestes Kind, als es drei Jahre alt war, beim Anblick eines herrlich blühenden Gartens, ob es auch wisse, wer das alles gemacht. „Ja“, antwortete das Mädchen leise und bedeutungsvoll. – „Nun wer?“ – „die Großmama!“ war die Antwort. Dadurch kam der Vater auch auf Schillers Gedanken, solang es noch Zeit war.
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3) Eckerm. II, 11. d. 11. September 1828.
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