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Literatur
Schiller, Friedrich
Biografien
Schwab - Schillers Leben
Vorwort
Inhalt
Buch 1
Buch 2
Buch 3
Schiller, Humboldt, Goethe
Horen
Fortführung Horen
Schillers Aufsätze
Lyrik
Musenalmanach
Epos und Drama
Xenien
Familienverluste
Abschied Philosophie
Balladenjahr
Wallenstein
Auff. Lager
Auff. Piccolomini
Wallensteins Tod
Urteile Wallenstein
Literar. Berührungen
Häuslicher Jammer
Maria Stuart
Jungfrau von Orleans
Auff. Jungfrau
Urteile
Schillers Tischreden
Lebene
in Weimar.
Braut von Messina
Gelehrte mit Schiller
Wilhelm Tell
Letztes Lebensjahr
Der letzte Winter
Krankheit und Tod
Begräbnis
Rückblick
Urkunden |
Schillers Tischreden
Goethe hat, so gut wie Luther, seinen Hausfreund
gefunden, der die Tischreden des großen Mannes aufzeichnete. Wer ergänzt
sich nicht mit Lust und Liebe den Dichter durch den Menschen, indem er
beide in Eckermanns klarem Spiegel erblickt?
Für Schiller hat dieses Geschäft, doch nur auf kurze
Zeit, eine weibliche Hausgenossin übernommen. Christiane v. Wurmb, Cousine
von Schillers Frau, in der Folge die Gattin des Gymnasialdirektors Abeken
in Osnabrück, brachte die Wintermonate des Jahres 1801 in Schillers Haus
zu. Der schöne Verstand und die ernste Richtung des zwanzigjährigen
Mädchens interessierten den Dichter lebhaft, und ihre ausgezeichnet schöne
Stimme, die sie in Weimar ausbilden sollte, gereichte ihm zu großem
Vergnügen. Frau v. Wolzogen teilt aus dem Tagebuch dieser Jungfrau eine
Reihe sinniger Blätter voll Erinnerungen aus Schillers Gesprächen mit1),
aus welchen einige charakteristische Proben diesem Leben nicht fehlen
sollen.
„Den 15. Febr., als ich mit Schiller Tee trank.
Die ganze Weisheit des Menschen sollte allein darin bestehen, jeden
Augenblick mit voller Kraft zu ergreifen, ihn so zu benutzen, als wäre es
der einzige, letzte. Es ist besser mit gutem Willen etwas zu schnell tun,
als untätig bleiben.“
„Den 1. März, als ich mit ihm aus der Komödie
ging.
Wenn man dreißig Schauspiele sähe, und man fragte sich bei jeder
vollendeten Vorstellung: Was hat der Dichter damit sagen wollen? Was war
seine Absicht, sein Zweck? Was war Gutes oder Schlechtes daran? Wie hat er
dieses oder jenes gehalten? Wenn man sich so von jeder Szene Rechenschaft
gäbe, so wäre es keine Frage, dass man am Ende das einunddreißigste selbst
verfertigen könnte. Und zu was für einem großen Grad von Vollkommenheit
könnte der Mensch kommen, wenn er es mit allem, was ihm begegnete, und was
in seiner Seele vorginge, so machte.“
„Den 5. März, als ich ihm Kaffee einschenkte.
Billigkeit ist eine schöne, aber seltene Tugend. Oft fehlen die sanftesten
Herzen am meisten dagegen. Weil sie mit Innigkeit und Treue an der
leidenden Partei hängen, so flößt ihnen alles, was dagegen ist, einen
unwillkürlichen Widerwillen ein, und dieses ist ein Stein, an dem so oft
die Menschheit scheitert.“
„Den 6. März, bei Tisch.
Der Mensch ist verehrungswürdig, der den Posten, wo er steht, ganz
ausfüllt. Sei der Wirkungskreis noch so klein, er ist in seiner Art groß.
Wie unendlich mehr Gutes würde geschehen, und wie viel glücklicher würden
die Menschen sein, wenn sie auf diesen Standpunkt gekommen wären.“
„Den 9. März, als ich ihm ganz allein den Tee in
seiner Stube bereitete, und er aufhörte zu arbeiten.
Es ist schwer und gehört ein Grad von Kultur und Vollkommenheit dazu, die
Menschen so zu nehmen und nicht mehr von ihnen zu verlangen, als in ihren
Kräften steht. Es gibt Gemüter, die nie an diesen Stein des Anstoßes
geraten; sie sind nicht zum tiefen Denken gewöhnt, sie nehmen, genießen
und geben, weil es der Zufall so will. Ist dagegen bei andern Naturen der
erste, jugendliche Traum verraucht, wo alles in freundlichem Licht
erscheint, wo man alles umfassen möchte, wo man wähnt, alles, was da ist,
sei um unsertwillen da – ist dieser süße Blick verschwunden, dann
erscheint uns sogleich alles ernster; der Mensch erscheint uns in anderer
Gestalt. Wo wir sonst liebten, bewunderten, anbeteten – da sehen wir oft
mit freiem Blick die trüben Quellen. Es gehört ein Grad von Verstand, und
ein weiches, unverdorbenes Herz dazu, dass die Menschenliebe siege.“
„Den 15. März, als sein kleiner Sohn mich fragte,
was im Wind sei.
Man sollte es sich zur heiligsten Pflicht machen, dem Kind nicht zu früh
einen Begriff von Gott beibringen zu wollen2).
Die Forderung muss von innen heraus geschehen, und jede Frage, die man
beantwortet, ehe sie aufgeworfen ist, ist verwerflich. Man sagt dem Kind
öfters im sechsten, siebenten Jahr etwas vom Schöpfer und Erhalter der
Welt, wo es den großen, schönen Sinn dieser Worte noch nicht ahnen kann,
und so sich seine eigenen verworrenen Vorstellungen macht. Entweder
verhindert man durch dieses zu früh Erklären den schönen Augenblick des
Kindes ganz, wo es das Bedürfnis fühlt, zu wissen woher es kommt, und wozu
es da ist – oder kommt er ja, so ist das Kind schon so kalt durch seine
vorhergegangenen Ideen geworden, dass man ihm nie wird die Wärme einflößen
können, die es gefühlt haben würde, wenn man ihm Zeit bis zu diesem
entscheidenden Augenblick gelassen hätte. Und das Kind hat vielleicht
seine ganze Lebenszeit daran zu wenden, um jene irrigen Vorstellungen
wieder zu verlieren, oder wenigstens zu schwächen.“
„Den 18. März, als er mich in meiner Stube nähend
fand.
Es ist ein eigen seltsam Ding um die gelehrten Frauen! Wenn sie einmal den
ihnen angewiesenen Kreis verlassen, so durchfliegen sie mit schnellem,
ahnendem Blick unbegreiflich rasch die höheren Räume. Aber dann fehlt
ihnen die starke, anhaltende Kraft des Mannes, der eiserne Mut, jedem
Hindernis ein ernstes Überwinden entgegen zu setzen, und fest und
unaufhaltsam in jenen Regionen fortzuschreiten. Das schwächere Weib hat
seinen ersten schönen Standpunkt verloren, und wird entweder zur eitlen
Törin oder unglücklich.“
„Den 21. März, als ich den Wunsch geäußert, sowie
die Jagemann singen zu können.
Man sollte beinahe glauben, dass Neid der menschlichen Natur eigen sei,
doch versteht sich, nicht jener gemeine niedrige, welcher so tief
herabwürdigt. Schon die Bewunderung einer Kunst, eines Talents, oder was
es sei, führt gewöhnlich den leisen Wunsch mit sich, es auch zu besitzen.
Und durch gute Erziehung ist dies gewiss ein großes Mittel, die
menschlichen Kräfte zu einer gewissen Vollkommenheit zu erheben.“
„Den 22. März, beim Souper.
Wie hoch könnte Kunst und Wissenschaft gestiegen sein, würde sie nicht oft
durch Sklavenseelen um Gold und Gunst feilgeboten.“
„Den 25. März, als ich Tee einschenkte.
Wie selten benutzen und ergreifen die Menschen aus Leichtsinn die
köstlichen Augenblicke mit voller heißer Seele, die nur einmal kommen und
unbenützt einen tiefen Stachel in der Seele zurücklassen.“
„Den 3. April, als ich mich fürchtete, in
Rudolstadt zu singen.
Ernster, guter Wille ist eine große, die schönste Eigenschaft des Geistes.
Der Erfolg liegt in einer höhern, unsichtbaren Hand. Nur die Absicht gibt
dem Aufwand von Kräften Wert. Und so erheben wir uns über Lob und Tadel
der Menschen.“
„Den 5. April.
Dass feste Grundsätze und Tugend unter den Menschen wirklich und kein
Traum seien, beweist der Umstand, dass so viele alle Kräfte aufbieten,
uns, wenn auch nur durch den Schein derselben, zu blenden.“
„Den 7. April.
Es ist ein ungeheures namenloses Gefühl, wenn das Innere seine eigene
Kraft erkennt, wenn es klarer und immer klarer in ihm wird, und unser
Geist sich fest und stark erhebt. In uns finden wir alles, die Kraft
strebt zum Himmel empor und findet um sich kein Ziel.“
„Den 8. April.
Es sind die kleineren, engen Gemüter, die so gern jeden verdienten Kummer
mit dem Namen eines unerbittlichen Schicksals bezeichnen.“
–––––––
Von diesen Erinnerungen sagt Goethe3):
„Schiller erscheint hier, wie immer, im absoluten Besitz seiner erhabenen
Natur; er ist so groß am Teetisch, wie er es im Staatsrat gewesen sein
würde. Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug
seiner Gedanken herab; was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer
frei heraus, ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch,
und so sollte man auch sein!“
Ü
Þ
1)
II, 203-223.
2) Der Verfasser dieser
Biografie verkannte als jugendlicher Erzieher diese Pflicht, und fragte
sein ältestes Kind, als es drei Jahre alt war, beim Anblick eines herrlich
blühenden Gartens, ob es auch wisse, wer das alles gemacht. „Ja“,
antwortete das Mädchen leise und bedeutungsvoll. – „Nun wer?“ – „die
Großmama!“ war die Antwort. Dadurch kam der Vater auch auf Schillers
Gedanken, solang es noch Zeit war.
3) Eckerm. II, 11. d.
11. September 1828.
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