Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Schwab - Schillers Leben
               Vorwort
               Inhalt
               Buch 1
               Buch 2
               Buch 3
                  Schiller, Humboldt, Goethe
                  Horen
                  Fortführung Horen
                  Schillers Aufsätze
                  Lyrik
                  Musenalmanach
                  Epos und Drama
                  Xenien
                  Familienverluste
                  Abschied Philosophie
                  Balladenjahr
                  Wallenstein
                  Auff. Lager
                  Auff. Piccolomini
                  Wallensteins Tod
                  Urteile Wallenstein
                  Literar. Berührungen
                  Häuslicher Jammer
                  Maria Stuart
                  Jungfrau von Orleans
                  Auff. Jungfrau
                  Urteile
                  Schillers Tischreden
                  Lebene in Weimar.
                  Braut von Messina
                  Gelehrte mit Schiller
                  Wilhelm Tell
                  Letztes Lebensjahr
                  Der letzte Winter
                  Krankheit und Tod
                  Begräbnis
                  Rückblick
               Urkunden

Aufführungen der Jungfrau von Orleans

Schiller hoffte während der Abwesenheit Goethes sein tragisches Geschäft so weit als möglich fördern zu können, und in etwa vierzehn Tagen am Ziel zu sein. Am 15. April kam dieser in Weimar an; „an dem Tag“, sagt er, „der solche Epoche macht“, d. h. wo er die Jungfrau von Orleans fertig in die Hände bekam. Schon am 20. April schickte er sie gelesen zurück mit dem Wörtchen: „Nehmen Sie mit Dank das Stück wieder. Es ist so brav, gut und schön, dass ich ihm nichts zu vergleichen weiß.“

Kaum hatte Schiller das Stück aus Goethes Händen zurück, als es der Herzog von Weimar verlangte. Er gab es nicht sogleich wieder her, äußerte aber gegen Schillers Frau und Schwägerin, dass es eine unerwartete Wirkung auf ihn gemacht. Dennoch glaubte er, die Jungfrau könne (besonderer Theaterverhältnisse wegen) nicht gespielt werden, und nach langer Beratung mit sich selbst beschloss auch Schiller, sie nicht sogleich in Weimar aufs Theater zu bringen. Er hatte sie an Unger in Berlin gut verkauft, und dieser rechnete darauf, sie als vollkommene Novität zur Herbstmesse zu bringen; dann schreckte den Dichter auch die Empirie des Einlernens, des Behelfens, der Zeitverlust der Proben, endlich, da er sich schon wieder mit zwei neuen dramatischen Sujets trug, der Verlust der guten Stimmung.

Erst im Frühjahr 1802 sollte das Stück in Lauchstädt gegeben werden, und Schiller wollte hingehen und die Proben selber dirigieren. „Die ganze jugendliche Welt“, schrieb Goethe noch am 5. Juli 1802, „wünscht und hofft, Sie zu sehen; diese früher erregte Hoffnung ist unter den jungen Leuten sehr groß.“ Ein Katarrhfieber vereitelte diese Hoffnung; ob das Stück dort aufgeführt worden, wissen wir nicht.

Ein befreundeter Dichter durfte der Vorlesung des ungedruckten Dramas beiwohnen. Diesem hat Streichers Buch kürzlich jenen Abend lebhaft ins Gedächtnis zurückgerufen; denn das eintönige Pathos und die schwäbische Sprache, die dem armen Fiesko in Mannheim beinahe den Hals gebrochen hätten, wirkten auch hier auf störende Weise. Im Gespräch trat der Dialekt bei weitem nicht so auffallend hervor1).

Im Herbst 1801 reisten Schillers nach Dresden2), und Karoline v. Wolzogen, deren Gatte damals in Petersburg und Moskau war, begleitete sie. Heitre Wochen wurden auf dem Weinberg Körners verlebt, der sein Wohnhaus den Freunden eingeräumt hatte. Von Jugenderinnerung umweht, in einer schönen und vertrauten Natur, unter innigem Freundesgespräch fühlte sich Schiller sehr heiter. Den kleinen Gartensaal, die Wiege des Carlos, sah er mit Vergnügen wieder, und es schien den Freunden, als beschäftigte ihn die Braut von Messina. Er mied die Unterredung darüber nicht, und oft wurde im Scherz gefragt, ob die Prinzen von Messina bald einreiten würden. Sobald es ihm aber mit der Ausarbeitung Ernst wurde, schwieg er darüber.

In Dresden erfreute er sich, durch Goethes und Meyers Kunstansichten erweckt, des Anschauens der Antiken, bewunderte den Torso, überließ sich mit Rührung dem Anblick der Vestalinnen, deren ruhige Gestalten er bei Fackelschein betrachtete. Wehmütig und wie im Vorgefühl, dass er nicht wieder kommen werde, schied er von dieser Hauptstadt und seinen dortigen Freunden. Die Aufführung der Jungfrau von Orleans rief ihn nach Leipzig, wo er im Hôtel de Bavière abstieg.

Die in den wichtigsten Rollen sehr gelungene Darstellung erregte in ihm ein lebhaftes Gefühl von der Macht seines Talentes, das hier auch einen äußerlichen Triumph feierte. Das Haus war ungeachtet des heißen Tages zum Erdrücken voll, die Aufmerksamkeit höchst gespannt. Kaum rauschte nach dem ersten Akt der Vorhang nieder, als ein tausendstimmiges: „Es lebe Friedrich Schiller!“, wie aus einem Mund erscholl, und Paukenwirbel und Trompetengeschmetter sich in den Übelruf mischte. Der Dichter dankte aus seiner dunkeln Loge mit einer Verbeugung so bescheiden, dass ihn nur wenige gewahr wurden. Nach der Beendigung des Stückes strömte daher alles herbei, ihn zu sehen. Der weite Platz vor dem Schauspielhaus bis hinab nach dem Rannstädter Tor war dicht gedrängt voll Menschen. Als er aus dem Haus trat, war Augenblicks eine Gasse gebildet. „Das Haupt entblößt!“, erscholl es von allen Seiten, und so ging der Dichter durch die Schar seiner Bewunderer, die mit abgenommenen Hüten ihn begrüßten, hindurch, während hinter ihm Väter ihre Kinder in die Höhe hielten und riefen: „Dieser ist es!“

Am andern Morgen besuchte ihn einer von diesen Bewunderern im Gasthof und fand ihn sehr heiter. Er sprach unbefangen von dem neuen Schritt, den er in dieser Tragödie getan, und sehr freimütig über die Erscheinungen in Poesie, Philosophie und Religion, indem er sich auf seine bekannten Epigramme berief. Als der Fremde auf die Abgötterei schalt, die Goethe mit sich treiben ließ, erwiderte er: „Es könnte sein, dass ein großer Geist wohl auch menschlich wäre; aber übrigens tut man ihm doch sehr Unrecht. Nicht jeder kann, wie er möchte. Was will er machen, wenn das Unkraut mit dem Weizen wächst?“ Dann sprach er von seiner Methode bei der Arbeit. Alles, was er darzustellen sich vorgenommen hätte, versicherte er, werde von ihm erst völlig im Kopf ausgearbeitet, ehe er eine Zeile niederschreibe. Fertig sei ihm ein Werk, welches sein völliges Dasein im Geist habe. Was er niedergeschrieben, besonders metrische Arbeiten, pflege er sich selbst laut vorzulesen, wobei es ihm wohl begegnen könne, dass er unerwartet nicht bloß zu lesen, sondern zu deklamieren anfange3).“

Von Leipzig kehrte Schiller nach Weimar zurück, wo Johanna von Orleans erst im folgenden Jahr auf die Bühne gebracht wurde. In Berlin wurde am Neujahrstag 1802 das neu erbaute Schauspielhaus mit der Jungfrau eröffnet. Zelter schrieb darüber an Goethe: „Wenn Schiller seine Jungfrau von Orleans jetzt sehen will, so muss er nach Berlin kommen. Die Pracht und der Aufwand ist mehr als kaiserlich; der vierte Akt (der Krönungszug) ist hier mit mehr denn 800 Personen besetzt, und, Musik und alles andre mit inbegriffen, von so eklatanter Wirkung, dass das Auditorium jedes Mal in Ekstase darüber gerät. Die Kathedrale mit der ganzen Dekoration, welche in einem langen Säulengang besteht, durch den der Zug in die Kirche geht, ist in gotischem Stil.“ Zu dieser Pracht bemerkt Tieck4): „Der Aufzug der Jungfrau ist freilich der Wendepunkt ihres Schicksals, ihre höchste irdische Verherrlichung, unmittelbar vor ihrer tiefsten Erniedrigung; aber dessen ungeachtet konnte Schiller es nicht billigen, wie dieses Außerwesentliche in Berlin so die Hauptsache geworden ist, dass alle Worte des Dichters nach diesem Aufzug nur matt klingen, und auch den besten Zuschauer langweilen müssen.“

Ü   Þ


1) Briefliche Mitteilung. ­
2) Fr. v. Wolz. II, 223 ff.
­
3) Friedrich Schiller. Skizze. S. 50-56.
­
4) Hinrichs III, 182 f.
­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de