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Die Jungfrau von Orleans. Geistige Differenzen mit Herder und Schelling. Schillers ars poetica.

Nach der Aufführung dieses Stückes befand Schiller sich aufs Neue unwohl. Die Barometerhöhe, die Goethes Gesundheit so wohl tat, hatte seine Krämpfe aufgeregt und die alte Schlaflosigkeit war wiedergekehrt. Aber sein rastloser Geist lebte schon in einem neuen Stoff. Der Julius war noch nicht verflossen, als er, mit dem Schluss seiner bis über den zwanzigsten Bogen gedruckten, lyrischen Gedicht fertig, auch schon wieder das Schema einer Tragödie zu Papier geworfen, mit welchem er, ohne den Namen zu nennen, seinen in Jena abwesenden Freund Goethe bei der Rückkehr zu überraschen gedachte. „Mein Stück führt mich“, sagt er ihm, „in die Zeiten der Troubadours, und ich muss, um in den rechten Ton zu kommen, auch mit den Minnesängern mich bekannter machen. Es ist an dem Plan dieser Tragödie noch gewaltig viel zu tun, aber ich habe große Freude daran, und hoffe, wenn ich mich bei dem Schema länger verweile, in der Ausführung alsdann desto freier fortschreiten zu können.“

Die erste Veranlassung zu dieser Arbeit gaben ihm mehrere Urkunden, welche den Urteilsspruch der Jeanne d’Arc und ihre Widerlegung enthielten, und die im Jahr 1790 durch das Mitglied der französischen Akademie der Inschriften, Delaverdy, im Auszug bekannt gemacht worden waren1). Er wollte dadurch den Revisionsprozess mit den poetischen Akten des romantischen Zeitalters vornehmen, und nachdem sich von jeher so viele Dichter und Dichterlinge an der Jungfrau versündigt, sie in die Rechte ihrer Zeit wieder einsetzen.

Mit dem neuen Jahr waren drei Akte fertig2) und Schiller schreibt im Februar an Goethe: „Ich habe Ihnen von meiner Jungfrau schon so viel einzelnes Zerstreutes verraten, dass ich es fürs Beste halte, Sie mit dem Ganzen in der Ordnung bekannt zu machen. Auch brauche ich jetzt einen gewissen Sporn, um mit frischer Tätigkeit zum Ziel zu gelangen.“ Was fertig war, wurde nun am 11. Februar bei Goethe gelesen. Im März war Schiller ohne seine Familie in Jena und arbeitete dort an seiner Aufgabe, die, obgleich er das Sujet einzig, den Stoff beneidenswert, der Iphigenie der Griechen ähnlich nannte, ihm doch nicht wenig zu schaffen machte. „Was mein eigenes Tun betrifft, so kann ich noch nicht viel gutes davon sagen“, schreibt er, „die Schwierigkeiten meines jetzigen Pensums spannen mir den Kopf noch zu sehr an; dazu kommt die Furcht, nicht zu rechter Zeit fertig zu werden; ich hetze und ängstige mich, und es will nicht recht damit fort. Wenn ich diese pathologischen Einflüsse nicht bald überwinde, so fürchte ich, mutlos zu werden.“ Doch geschah mit jedem Tag etwas, und er gedachte, solang er noch über seinen, wie es scheint verkauften oder vermieteten Garten disponieren konnte, das heißt bis Ostern, in Jena zu bleiben, und in dieser Zeit die rohe Anlage des ganzen Stücks vollends hinzuwerfen, so dass ihm in Weimar nur noch die Rundung und Polierung übrig bliebe.

Dazwischen ärgerte er sich über Herders „Adrastea“, als ein bitterböses Werk, das ihm wenig Freude gemacht habe. „Der Gedanke an sich“, schreibt Schiller an Goethe vom 20. März, „war nicht übel, das verflossene Jahrhundert in etwa einem Dutzend reich ausgestatteten Heften vorüberzuführen; aber das hätte einen andern Führer erfordert, und die Tiere mit Flügeln und Klauen, die das Werk ziehen3), können bloß die Flüchtigkeit der Arbeit und die Feindseligkeit der Maximen bedeuten. Herder verfällt wirklich zusehends, und man möchte sich zuweilen im Ernst fragen, ob einer, der sich jetzt so unendlich trivial, schwach und hohl zeigt, wirklich jemals außerordentlich gewesen sein kann. Es sind Ansichten in dem Buch, die man im Reichsanzeiger zu finden gewohnt ist. Und dieses erbärmliche Hervorklauben der frühern und abgelebten Literatur, um nur die Gegenwart zu ignorieren, oder hämische Vergleichungen anzustellen!“

Der vorletzte Akt der Jungfrau, den Schiller in Jena angefangen und fertig mit nach Weimar bringen zu können hoffte, war die Ausbeute seines dortigen Aufenthaltes, den er mit Anfang Aprils verließ, „zwar mit keinen großen Taten und Werken beladen, aber doch auch nicht ohne alle Frucht. „Es ist“, sagt er, „doch immer so viel geschehen, als ich in ebenso vieler Zeit zu Weimar würde ausgerichtet haben. Ich habe also zwar nichts in der Lotterie gewonnen, habe aber doch im Ganzen meinen Einsatz wieder.“

Vom geselligen Leben in Jena hatte er, einigen Gespräche mit Niethammer und Schelling abgerechnet, wenig profitiert. Aber einem Streit mit dem letztern verdanken wir eine goldene Theorie der Dichtkunst, in einem Brief an Goethe vom 27. März. Er bekriegte nämlich diesen Philosophen wegen einer Behauptung in seiner Transzendentalphilosophie, dass in der Natur von dem Bewusstlosen angefangen werde, um es zum Bewusstsein zu erheben, in der Kunst hingegen man vom Bewusstsein ausgehe zum Bewusstlosen. „Ihm ist zwar“, meint Schiller, „hier nur um den Gegensatz zwischen dem Natur- und Kunstprodukt zu tun, und insofern hat er ganz recht. Ich fürchte aber, dass diese Herren Idealisten ihrer Ideen wegen allzu wenig Notiz von der Erfahrung nehmen; und in der Erfahrung fängt auch der Dichter nur mit dem Bewusstlosen an, ja, er hat sich glücklich zu schätzen, wenn er durch das klarste Bewusstsein seiner Operationen nur so weit kommt, um die erste dunkle Totalidee seines Werkes in der vollendeten Arbeit ungeschwächt wieder zu finden. Ohne eine solche dunkel, aber mächtige Totalidee, die allem Technischen vorhergeht, kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, deucht mir, besteht eben darin, jenes Bewusstlose aussprechen und mitteilen zu können, d. h. es in ein Objekt überzutragen. Der Nichtpoet kann so gut als der Dichter von einer poetischen Idee gerührt sein, aber er kann sie in kein Objekt legen, er kann sie nicht mit einem Anspruch auf Notwendigkeit darstellen. Ebenso kann der Nichtpoet so gut als der Dichter ein Produkt mit Bewusstsein und mit Notwendigkeit hervorbringen, aber ein solches Werk fängt nicht aus dem Bewusstlosen an, und endigt nicht in demselben. Es bleibt nur ein Werk der Besonnenheit. Das Bewusstlose mit dem Besonnenen vereinigt macht den poetischen Künstler aus. Man hat in den letzten Jahren über dem Bestreben, der Poesie einen höhern Grad zu geben, ihren Begriff verwirrt. Jeden, der imstande ist, seinen Empfindungszustand in ein Objekt zu legen, so dass dieses Objekt mich nötigt, in jenen Empfindungszustand überzugehen, folglich lebendig auf mich wirkt, heiße ich einen Poeten, einen Macher. Aber nicht jeder Poet ist darum dem Grad nach ein vortrefflicher. Der Grad seiner Vollkommenheit beruht auf dem Reichtum, dem Gehalt, den er in sich hat und folglich außer sich darstellt, und auf dem Grad von Notwendigkeit, die sein Werk ausübt. Je subjektiver sein Empfinden ist, desto zufälliger ist es; die objektive Kraft beruht auf dem Ideellen. Totalität des Ausdrucks wird von jedem dichterischen Werk erfordert, denn jedes muss Charakter haben, oder es ist nichts; aber der vollkommene Dichter spricht das Ganze der Menschheit aus. Es leben jetzt mehrere so weit ausgebildete Menschen, die nur das ganz Vortreffliche befriedigt, die aber nicht imstande wären, auch nur etwas Gutes hervorzubringen. Sie können nichts machen, ihnen ist der Weg vom Subjekt zum Objekt verschlossen; aber eben dieser Schritt macht mir den Poeten. Ebenso gab und gibt es Dichter genug, die etwas Gutes und Charakteristisches hervorbringen können, aber mit ihrem Produkt jene hohen Forderungen nicht erreichen, ja nicht einmal an sich selbst machen. Diesen nun, sage ich, fehlt der Grad, jenen fehlt aber die Art, und dies, meine ich, wird jetzt zu wenig unterschieden. Daher ein unnützer und niemals beizulegender Streit zwischen beiden, wobei die Kunst nichts gewinnt; denn die ersteren, welche sich auf dem vagen Gebiet des Absoluten aufhalten, halten ihren Gegnern immer nur die dunkle Idee des Höchsten entgegen; diese hingegen haben die Tat für sich, die zwar beschränkt, aber reell ist. Aus der Idee aber kann ohne die Tat gar nichts werden.“ Als Schiller am 3. April nach Weimar zurückgekehrt war, erhielt er Goethes Antwort von Oberrosla, seinem vor nicht langer Zeit erkauften Landgut, aus4): „Ich bin nicht allein Ihrer Meinung, sondern ich gehe noch weiter. Ich glaube, dass alles, was das Genie als Genie tut, unbewusst geschehe. Der Mensch von Genie kann auch verständig handeln, nach gepflogener Überlegung, aus Überzeugung; das geschieht aber alles nur so nebenher. Kein Werk des Genies kann durch Reflexion und ihre nächsten Folgen verbessert, von seinen Fehlern befreit werden; aber das Genie kann sich durch Reflexion und Tat nach und nach dergestalt hinaufheben, dass es endlich musterhafte Werke hervorbringt. Je mehr das Jahrhundert Genie hat, desto mehr ist das einzelne [Genie] gefördert. Was die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so glaube ich auch, dass sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die Dichtkunst verlangt im Subjekt, das sie ausüben soll, eine gewisse gutmütige, ins Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen unschuldigen produktiven Zustand und setzen, für lauter Poesie, an die Stelle der Poesie etwas, das nun ein für allemal nicht Poesie ist, wie wir in unsern Tagen leider gewahr werden. Dies ist mein Glaubensbekenntnis, welches übrigens keine weitere Ansprüche macht.“

Wie viel philosophisches Geschwätz unsrer Tage wird mit diesem einfachen Zwiegespräch geschlagen! Uns dünkt, das Jahrhundert kann es wohl brauchen, dass man dem alten und altklug gewordenen Kind wiederhole, was seine Genien an der Wiege desselben über die Schöpfungsweise wahrer Dichter einander zugeflüstert haben.

Ü   Þ


1) Einen Auszug dieser Notizen, die 28 Schriften umfassen, findet man in Passavants Untersuchungen über den Lebensmagnetismus, zweite Aufl. S. 173-176. Zu diesem füge man den von J. Voigt mitgeteilten Bericht eines Augenzeugen (1834); auch bei Hinrichs III, 196 ff. ­
2) S. an G. V, S. 3; wonach Hinrichs zu berichtigen ist, der den Anfang der Arbeit in das Jahr 1801 setzt.
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3) Anspielung auf die Vignette der Adrastea.
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4) Dieser Brief Goethes hat sich mit dem falschen Datum vom 6. März 1800 als Nr. 705 unter die Briefe des Jahres 1800 verloren. Er kann frühestens vom 30. März 1801 datiert sein, und ist, wie die Vergleichung zeigt, Antwort auf den obigen Brief Schillers Nr. 784. Möchten die Besitzer des Briefwechsels nachsehen!
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